»Du verlangst meine Lebensgeschichte zu wissen, und diese ist sehr

kurz, weil ich dieselbe nach dem Genuß abmesse. M. Plautius, Consul,

und welcher über die Illyrier triumphiert hatte, ließ an sein Grabmal,

welches sich unweit Tivoli erhalten hat, unter allen seinen

angeführten Taten setzen: {"Vixit ann. IX."} Ich würde sagen: »Ich

habe bis in das achte Jahr gelebt;« dies ist die Zeit meines

Aufenthalts in Rom und in andern Städten von Italien. Hier habe ich

meine Jugend, die ich teils in der Wildheit, teils in Arbeit und

Kummer verloren, zurückzurufen gesucht und ich sterbe wenigstens

zufriedener; denn ich habe alles, was ich wünschte, erlangt, ja mehr,

als ich denken, hoffen und verdienen konnte. -- Ich schätze mich für

einen von den seltnen Menschen in der Welt, welche völlig zufrieden

sind und nichts zu verlangen übrig haben. Suche einen andern, welcher

dieses von Herzen sagen kann!

Meine vorige Geschichte nehme ich kurz zusammen. In Seehausen war ich

achthalb Jahre als Konrektor an der dasigen Schule. Bibliothekarius

des Herrn Grafen von Bünau bin ich ebenso lange gewesen und ein Jahr

lebte ich in Dresden vor meiner Reise. -- Meine größte Arbeit ist

bisher die »Geschichte der Kunst des Altertums, sonderlich der

Bildhauerei« gewesen. -- Ferner ist ein italienisches Werk unter dem

Titel: »Erklärung schwerer Punkte in der Mythologie, den Gebräuchen

und der alten Geschichte, alles aus unbekannter Denkungsart des

Altertums«; -- dieses Werk in Folio lasse ich auf eigne Kosten in Rom

drucken. -- Beiläufig arbeite ich an einer Allegorie für Künstler.

Dieses ist das Leben und die Wunder Johann Winckelmanns, zu Stendal in

der Altmark, zu Anfang des 1718. Jahres geboren. -- Ich wünsche dir,

daß du zu der Zufriedenheit gelangen mögest, die ich hier genieße und

genossen habe, und bin beständig

Dein treuer Freund und Bruder

Winckelmann.«

Lessing auch las die Werke dieses Mannes, der es verstand wie kein

anderer zuvor, die Wunder der Schönheit in den Bild-Werken der Alten

vor den Augen einer erstaunten Mitwelt zu enthüllen, und Lessing kam

an die Beschreibung der herrlichen Gruppe, der Laokoon-Gruppe.

Sie alle, meine Freunde, kennen die Geschichte des trojanischen

Krieges, nicht wahr? Sie wissen, daß trotz der glorreichen Taten

tapferer Helden dennoch im zehnten Jahre die Mauern der Stadt fest da

standen und daß dann die Griechen ein Pferd von Holz erbauten, so

groß, daß man einen Teil der Mauer hätte niederreißen müssen, um es in

die Stadt zu führen, und daß die Griechen dann ihre Schiffe bestiegen

um heimwärts zu segeln -- zum Schein. -- Sie erinnern sich auch, daß

dann die Trojaner aus den Thoren stürzten in die lang entbehrten

Felder und das Pferd sahen und staunten und fragten: Was bedeutet denn

das? und daß sie jenem falschen, lügenhaften Griechen glaubten, der

ihnen sagte, daß die Griechen auf dem Meere verderben müßten, wenn sie

dieses Pferd, ein Opfer der Götter, in ihre Stadt brächten, und wie

sie auch gewarnt wurden von Laokoon, dem Priester, doch abzustehen von

ihrem Vorhaben. Dann waren die Schlangen gekommen aus dem Meere und

hatten den Priester samt seinen beiden Söhnen umschlungen.

Dieser Moment nun ist es, den ein alter griechischer Meister erfaßt

und in Marmor ausgeführt hat und zwar mit solcher Meisterschaft, daß

Winckelmann nicht Worte des Lobes genug finden kann für die

Erhabenheit des Werkes und die Weisheit des Meisters, der in jedem

Zuge die höchste Schönheit zum Ausdruck gebracht hat -- überall,

überall; und der nicht wie der römische Dichter Virgil gehandelt habe,

welcher Laokoon in seinem Gedichte vor Schmerz laut schreien und also

doch den Mund weit und unschön öffnen ließe.

Lessing las die mißbilligende Kritik über Virgil, nahm den Poeten zur

Hand und las die Verse, deren Übersetzung nach Schiller so lautet:

»Jetzt aber stellt sich den entsetzten Blicken

Ein unerwartet, schrecklich Schauspiel dar.

Es stand, den Opferfarren zu zerstücken,

Laokoon am festlichen Altar.

Da kam (mir bebt die Zung', es auszudrücken)

Von Tenedos ein gräßlich Schlangenpaar,

Den Schweif gerollt in fürchterlichem Bogen,

Dahergeschwommen auf den stillen Wogen.

Die Brüste steigen aus dem Wellenbade,

Hoch aus dem Wasser steigt der Kämme blut'ge Glut

Und nachgeschleift in ungeheurem Rade

Netzt sich der lange Rücken in der Flut,

Laut rauschend schäumt es unter ihrem Pfade,

Im blut'gen Auge flammt des Hungers Wut,

Am Rachen wetzen zischend sich die Zungen,

So kommen sie ans Land gesprungen.

Der bloße Anblick bleicht schon alle Wangen,

Und auseinander flieht die furchtentseelte Schar;

Der pfeilgerade Schuß der Schlangen

Erwählt sich nur den Priester am Altar.

Der Knaben zitternd Paar sieht man sie schnell umwinden,

Den ersten Hunger stillt der Söhne Blut;

Der Unglückseligen Gebeine schwinden

Dahin von ihres Bisses Wut.

Zum Beistand schwingt der Vater sein Geschoß;

Doch in dem Augenblick ergreifen

Die Ungeheu'r ihn selbst, er steht bewegungslos,

Geklemmt von ihres Leibes Reifen;

Zwei Ringe sieht man sie um seinen Hals und noch

Zwei andre schnell um Brust und Hüfte stricken,

Und furchtbar überragen sie ihn doch

Mit ihren hohen Hälsen und Genicken.

Der Knoten furchtbares Gewinde

Gewaltsam zu zerreißen, strengt

Der Arme Kraft sich an; des Geifers Schaum besprengt

Und schwarzes Gift die priesterliche Binde.

Des Schmerzens Höllenqual durchdringt

Der Wolken Schooß mit berstendem Geheule,

So brüllt der Stier, wenn er, gefehlt vom Beile

Und blutend, dem Altar entspringt.«

Nochmals las Lessing die Verse des Poeten und nochmals sah er auf die

Gruppe des Bildhauers, -- da war nirgends etwas zu tadeln: beide,

Bildhauer und Dichter, hatten das Schöne in bester Weise geschaffen --

nur auf verschiedenem Wege -- und Lessing stutzte, staunte, sann --

und machte die große Entdeckung für die Kunst, daß Dichter und Maler

und Bildhauer nach demselben Ziele streben -- die Schönheit zu

schaffen, daß sie aber oft verschiedene Wege einschlagen müssen,

dieses Ziel zu erreichen.

Vielleicht, meine Freude, mögen Sie im ersten Momente enttäuscht oder

nicht im Stande sein, die hohe Bedeutung dieser Entdeckung vollständig

zu begreifen, oder Sie mögen sich wundern und fragen: Hat man dieses

nicht immer erkannt? -- oder Sie mögen auch sagen: Was liegt daran,

auf welche Art Dichter, Maler und Bildhauer schaffen!

Ah, meine Verehrtesten, wie sehr ich wünsche, daß Sie mich begleiten

könnten nach dem Raume, welcher den kostbarsten Schatz unter allen

Bild-Werken enthält! Wenn wir eintreten, sehen wir an den Wänden

entlang Männer und Frauen sitzen, welche vor uns in derselben Absicht

wie wir gekommen sind. Eine heilige, glückliche Freude leuchtet aus

ihren Augen; auf ihrem Angesichte ruht scheue Ehrfurcht, und sie

falten die Hände und bewegen die Lippen betend -- auch wir tun wie

sie; und zwei Mädchen, welche lachend und leicht nach uns gekommen

waren, wurden ebenfalls still und senkten bescheiden und fromm das

Haupt, und alle gehen gehoben zu heiliger Höhe als bessere Wesen von

dannen, denn sie sahen die Madonna von Raphael.

So, meine Freunde, wirkt ein Genius durch sein Werk. Er macht die

Menschen glücklicher und besser. So wirkt auch der Bildner des Apoll

von Belvedere, so auch der Schöpfer des Domes zu Cöln.

Sie waren von Gott und andern Menschen besonders begnadet, und was

ihnen in Fülle zuströmte, müssen andere durch mühsames Ringen

erstreben, durch schweres Studium, durch ernstes Suchen der Regeln,

die zum rechten Wege führen. Winckelmann sagt: »Die Quelle und der

Ursprung in der Kunst ist die Natur selbst.«

Und zu diesem Wege führte uns Lessing in seinem Werke »Laokoon,« aus

welchem ich Ihnen zum Schlusse das Wort Lessings anführen möchte, daß

wir als unserm Meister folgen müssen dem unsterblichen, ewig schönen

Homer.

Martha Parks: Bravo, Albert, bravo! und nun applaudieret alle --

lauter -- so -- das ist recht.

Dr. Albert: Ich danke Ihnen, meine Freunde; Ihre Güte macht mich

glücklich.

Herr von Halsen: Sehr gut, Albert, sehr gut!

Herr Meister: Meinen besten Dank, mein lieber Herr Doktor.

Frau Meister: Sie haben mir einen großen Genuß bereitet, verehrter

Herr Doktor.

Martha Meister: Und gewiß, Herr Doktor, auch mir.

Gretchen: Sowie mir; eines nur muß ich bedauern.

Dr. Albert: Und das wäre, mein Fräulein?

Gretchen: Daß ein Mann wie Lessing nicht auch über die Kunst aller

Künste, über die Musik, seine Gedanken geäußert hat.

Dr. Albert: Das ist in der Tat zu bedauern, aber wie wäre es,

mein Fräulein, wenn Sie uns Ihre Ideen über Musik mitteilen wollten?

Die Ansichten einer solch' ergebenen Dienerin der Kunst würden für uns

alle lehrreich und angenehm sein.

Gretchen: Ah, mein Herr, das wage ich nicht; wie dürfte ich mich

unterstehen, vor einer Versammlung gelehrter Herren, wie sie hier ist,

zu sprechen!

Louis: O mein Fräulein, wir werden Nachsicht üben.

Gretchen: Nun, dann will ich beginnen. Die Musik liebe ich von

ganzer Seele treu und innig und in der Tat versäume ich wohl kaum ein

gutes Konzert. Und doch geschah es nicht selten, daß ich eine gewisse

Unzufriedenheit am meisten gerade dann verspürte, nachdem ich die

höchste Freude an den schönsten Werken der unsterblichen Meister

genossen hatte.

Können Sie sich das wohl denken oder erklären? -- Mir ging es da, wie

es so manchem kleinen Knaben geht, wenn der Vater ihm ein Spiel-Zeug

von der Reise brachte. Eine Weile freut er sich -- dann aber geht er

still in eine Ecke und fragt sich: Was mag wohl im Innern sein?

Und wenn ich nach einem großen Konzerte wieder alleine war mit mir

selbst und die herrlichsten Passagen mir noch im Ohre klangen und ich

mich noch labte am Strome der Töne, dann drängte sich mir oft die

Frage auf:

Was -- was _ist_ Musik? Woher hat ein Beethoven diese süßen

Melodien, diese wunderbaren Harmonien? -- Aus der Natur? -- In der

Natur höre ich wohl einzelne Melodien, wie im Gesange der Vögel, doch

niemals solche, wie unsere größten Komponisten sie uns geben, niemals

Harmonien. Wie denn? ist überhaupt das, was unsere Komponisten

formten, etwas Natürliches, etwas, was wahr ist und bestehen kann,

oder ist es etwas Künstliches, etwas, was Menschen zusammengefügt

haben und das vergehen muß wie Menschen-Werk? -- Nein, nein -- mein

Glaube an die Musik war zu mächtig, und doch -- ich hätte so gerne die

Zweifel aus mir entfernt. Es wollte mir lange nicht gelingen; so viel

ich auch denken und fragen und in Büchern suchen mochte, -- vergebens

war mein Bemühen.

Aber wir werden oftmals beschenkt, da wir es am wenigsten erwarten,

und doppelt groß ist dann unsere Freude. Und so ging es auch mir. Ich

fand eine Antwort in einer späteren Zeit und an einem entfernten

Orte. Wollen sie die Antwort hören? Sie befriedigt mich selbst sehr

wohl, doch bin ich nicht kühn genug zu glauben, daß sie auch Ihnen

genügen wird.

Ich stand vor dem erhabensten Schau-Spiel der Natur, das ich bis heute

gesehen habe, -- ich stand am Niagara-Fall.

Wie lange ich da weilte, ich weiß es nicht mehr -- aber immer mußte

ich denken: O, wie schön, wie schön ist doch die Erde, auf welcher wir

leben. Solche große Pracht, solch' endlose Herrlichkeit wurde doch zu

viel für meine Augen, und ich bedeckte sie mit meinen Händen, da --

war es möglich? -- o, göttliches Wunder -- ich hörte in der Natur ein

Konzert, so gewaltig, so schön und erhaben, wie ich noch keines gehört

hatte, und das Rätsel der Musik war mir gelöst.

Töne und Melodien und Harmonien sind überall, überall in der Natur;

überall, wo Leben ist, da entsteht auch der Ton; wo der Ton uns

sympathisch erquillt, wo Melodie und die Harmonie, da geht das Werk

der Natur glücklich von statten; und instinktiv weilen wir hier und

hier weilt alles Lebende gerne.

Töne kommen vom Leben, sind Beweise des Lebens und darum wirken sie

gleiches und erwecken auch Leben. Daher die Macht der Musik über

alles Lebende, daher die Anziehungs-Kraft der Musik auf alles, was

Leben hat. Farbe und Form wirken auf das Auge der Geschöpfe, Ton und

Musik auf das Ohr.

Der Dichter erhebt sich über die Menschen, übersieht ihre Taten,

erforscht ihre Gedanken und Gefühle und, indem er in seinen Dichtungen

die Handlungen von Menschen wahrhaft gruppiert, wirkt er wieder auf

Menschen durch deren Herzen und Verstand.

Der Maler erhebt sich gleichsam über die Erde und führt eine Scene auf

seinem Gemälde derartig aus, daß auch andere Menschen die Schönheit

der Erde leichter zu erkennen vermögen. Der Maler wirkt durch das

Auge.

Dem Komponisten aber verlieh Gott in seiner Gnade die Gabe, daß er

sich im Geiste über das Irdische zu den Himmels-Sphären schwingen und

jene Harmonien vernehmen kann, welche aus den unendlichen Räumen

zusammenströmen und das glückliche Zusammen-Wirken alles Bestehenden

im Welten-Alle verkünden. O, wer wie sie jene Musik der Sphären

vernehmen könnte!

Beethoven und Mozart und Gluck und Haydn und Händel und Mendelssohn

und Bach und Weber und die anderen alle -- sie hörten dieselbe und

gaben uns andern in ihren Werken nur ein schwaches Echo, auf daß wir

uns daran laben und vom Höheren lernen und an das Höhere glauben.

Daher kommt es, daß die Macht der Musik so allgewaltig ist, weil sie

aus den Höhen stammt, und daher kommt es auch, daß ein Beethoven, der

sich erhoben hatte über allen irdischen Glanz, sich selbst vor einem

Kaiser nicht beugte, da selbst ein Goethe, der erste Poet seiner Zeit,

sich ehrfurchtsvoll bückte, als beide, Komponist und Poet, zusammen

dem Fürsten begegneten. Darum geschah es auch, daß an einem Tage

während des Wiener Kongresses die versammelten Kaiser und Könige und

Fürstinnen sich sämtlich von ihren Sitzen erhoben und sich beugten vor

dem Meister; er hatte ihnen durch seine Kompositionen eine Ahnung

gegeben von jenen Höhen, Höhen, in denen er selbst geweilt, und er

hatte die Großen der Erde erfüllt mit Ehrfurcht vor dem Höchsten,

dessen bescheidener Diener er selbst nur war.

Eben diese hohe Macht ist es, welche auch aus Händel sprach, als er zu

einem Kurfürsten von Sachsen sagte: »Königliche Hoheit, ich haben

meinen »Messias« nicht geschrieben, um Euch zu unterhalten, sondern um

Euch zu bessern.«

Und es ist nur ein Abglanz des Schönen, das Mozart selbst vernommen

und das wir wiederfinden in seinen Werken und in seinem Leben.

Ich will nun meine Bemerkung schließen mit den Worten Schillers,

meines Lieblings-Dichters:

»Wer kann des Sängers Zauber lösen,

Wer seinen Tönen widerstehen?

Wie mit dem Stab des Götter-Boten

Beherrscht er das bewegte Herz. --

-- Da beugt sich jede Erden-Größe

Dem Fremdling aus der andern Welt --

-- So rafft von jeder eitlen Bürde,

Wenn des Gesanges Ruf erschallt,

Der Mensch sich auf zur Geister-Würde

Und tritt in heilige Gewalt.«

Meine Herrschaften, ich habe nichts mehr zu sagen; bitte, seien Sie

nicht zu streng mit mir.

Frau Meister: O, meine liebe, liebe Tochter!

Herr von Halsen: Vorzüglich! -- Eine Philosophin!

Dr. Albert: Fräulein Gretchen, Madame, Herr Meister, haben Sie

meines Freundes Urteil gehört? Wer ihn kennt, weiß wie viel diese

wenigen Worte bei ihm zu bedeuten haben.

Martha Meister: O, wie glücklich hast Du mich gemacht, Gretchen!

Bella: Und wie stolz ich auf Dich bin!

Herr Meister: Bravo, mein Kind, sehr brav. Komm, nun sing uns auch

ein Lied vor. Du bist doch nicht zu müde?

Gretchen: O nein, mein lieber Papa. Martha, Du begleitest mich doch,

nicht wahr?

Martha Meister: Gewiß, gewiß; was wählest Du?

Dr. Albert: Singen Sie: »Wenn die Schwalben heimwärts ziehn«; mein

Freund hört es gerne.

Gretchen (singt):

Wenn die Schwalben heimwärts ziehn,

Wenn die Rosen nicht mehr blühn,

Wenn der Nachtigall Gesang

Mit der Nachtigall verklang,

Fragt das Herz

In bangem Schmerz:

Ob ich dich auch wiederseh'?

Scheiden, ach Scheiden tut weh!

Wenn die Schwäne südlich ziehn,

Dorthin, wo Citronen blühn,

Wenn das Abendrot versinkt,

Durch die grünen Wälder blinkt,

Fragt das Herz

In bangem Schmerz:

Ob ich dich auch wiederseh';

Scheiden, ach Scheiden tut weh!

Herr von Halsen: Albert!

Dr. Albert: Sehr wohl, Heinrich, sogleich! Meine Herrschaften, wir

haben nun die Ehre, uns bestens zu empfehlen.

Martha Meister: Müssen Sie so frühe gehen?

Frau Meister: Sie eilen, meine Herren; nun, wir dürfen Sie nicht

hindern, aber unsere anderen Freunde bleiben noch hier, nicht wahr?

Martha Parks: Ja, ja, wir bleiben noch hier, Frau Meister.

Louis: Und haben noch viel Vergnügen.

Herr Meister: Also morgen zur bestimmten Zeit!

Herr von Halsen: Zur bestimmten Zeit. Ich empfehle mich.

Alle: Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen!

[Illustration]

[Illustration]

VIII.

Dr. Albert: Dank, mein Fräulein. Dank für dieses eine Wort ....

Martha Meister: Sehen Sie, Herr Doktor, welche Scene!

Dr. Albert: Das ist herrlich! -- Hier vor uns der klare, liebliche

See und dort in bläulicher Ferne die kräftigen Rücken der Berge, die

höher und höher hinter einander sich türmen. O, mein Fräulein, daß Sie

die Freude dieses Augenblickes fühlen könnten wie ich!

Martha Meister: Ich fühle sie, Herr Doktor; o -- hören Sie --

Gesang.

Dr. Albert: Das ist Bruder Louis Stimme -- er kommt. Wie hübsch

das Echo dazu schallt.

Louis (singt):

»Im Wald und auf der Heide

Da such' ich meine Freude,

Ich bin ein Jägers-Mann,

Ich bin ein Jägers-Mann.

Halli halloh, halli halloh,

Ich bin ein Jägers-Mann.«

Oho -- Ihr seid schon hier? Ich dachte, ich wäre der erste. -- Albert,

Albert, wo warst Du nur? Bestes Fräulein, warum waren Sie nicht bei

uns? So herzlich haben wir lange nicht gelacht. Dieser Heinrich von

Halsen, o, das ist der lustigste Mensch von der Welt!

Dr. Albert: Sagte ich es nicht: »Kennt ihn nur erst!« -- Aber so,

wie seit wenigen Tagen, habe ich ihn selbst niemals zuvor gesehen. Ein

neues Leben ist über ihn gekommen; das haben wir allein der kleinen

Zauberin, Ihrer Schwester Gretchen, zu danken. Mit vollem Herzen

brachte ich ihr daher gestern in Gegenwart aller meinen Tribut dar.

Martha Meister: Und wie glücklich Sie meine teure Schwester und mich

selbst machten durch die feine Manier, mit der Sie es taten. Sie ....

Louis: Da kommen sie -- hierher alle, alle hierher! Herr Meister

und Frau Meister, Herr von Halsen und Fräulein Gretchen, Otto und

Fräulein Bella und Schwesterchen Martha, -- hierher, hierher!

Herr Meister: Hier ist die Grotte; nun sagt mir einmal, wie gefällt

sie Euch?

Frau Meister: Wie schön, wie schön sie ist!

Otto: Wissen Sie auch, meine Herrschaften, daß dieses ein

Lager-Platz der Indianer war?

Bella: Wirklich?

Otto: Diesen See nannten sie den »Fischreichen.«

Martha Parks: Indianer? Hu -- wenn sie mit einem Male hinter jenem

Felsen hervorsprängen -- mir grauset es!

Louis: Laß sie nur kommen, Schwester, laß sie nur -- ich bin bei Dir

-- ha, wie ich wünsche, die Rot-Häute zu sehen!

Dr. Albert: Louis, hast Du wirklich so großes Verlangen, die

Indianer zu sehen!

Louis: Ein unbeschreiblich großes Verlangen!

Dr. Albert: Gut, so komme mit mir.

Louis: Was --? Mit Dir?

Dr. Albert: Mit mir und meinem Freunde Heinrich nach dem Westen.

Bella: }

Louis: } Nach dem Westen?

Martha Parks: }

Otto: Du -- Ihr -- geht nach dem Westen?

Dr. Albert: O stille, Freunde -- Ordnung! Ich habe jetzt mit Euch

zu sprechen. Aber erst nehmet Platz. So -- seid Ihr alle bequem? Nun,

dann werde ich meine Enthüllungen mit dem heutigen Briefe unseres

teuren Vaters beginnen; ich werde nur einen Teil und zwar in deutscher

Übersetzung lesen:

»-- Dein letztes Schreiben wurde mir von der lieben Mutter überreicht,

als ich von meiner langen und mühsamen Reise zu ihr und zu den lieben

Verwandten zurückkehrte. Die Mama war betrübt wegen Deines

Entschlusses und sie bedauerte die Jahre, welche Du im Studium der

Medizin verbracht habest und welche nun nutzlos geworden seien. Aber

sie ist wieder beruhigt, völlig beruhigt, da sie sieht, wie ich selbst

mich über Dich freue, ja, mein Sohn, mich freue von ganzem Herzen. --

Es war Dein Wunsch vor Jahren, den Beruf eines Arztes zu wählen, und

ich wollte Deinem Lebens-Glücke nicht hindernd entgegentreten,

unterdrückte meine eignen Neigungen in dieser Sache und ließ Dich

gewähren.

Mir selbst aber war von meinem seligen Vater, dem lieben ehrwürdigen

Greise, dessen Du Dich vielleicht noch erinnerst aus frühen

Kinder-Jahren, -- ich sage, mir war von ihm eine solch' hohe Verehrung

für den Ackerbau eingeflößt worden, daß ich es stets als ein hohes

Ziel meines Lebens betrachtete, Land-Wirtschaft zu betreiben,

Land-Wirtschaft in großartigem Stile.

Meine Jahre sind mir in anderer Beschäftigung verflossen, und erst vor

wenigen Wochen konnte ich an die Ausführung meines Lieblings-Planes

ernstlich denken. Ich reiste nach dem fernen, fernen Westen -- und

bin jetzt zurückgekehrt. Große, endlose Strecken Landes habe ich durch

Ankauf zu meinem Eigenthum gemacht. Der jungfräuliche Boden ist

fruchtbar und eben, und nur in einem Teile erheben sich Hügel und

Berge, die mit den besten Holz-Arten bedeckt sind. Die Seen und die

Ströme sind reich an Fischen und auch tief und im Stande, große

Schiffe zu tragen. Eben dachte ich darüber nach, mich mit fähigen

Männern in Verbindung zu setzen, die mir beistehen sollten, diesen

neuen Teil unseres Landes für die Kultur zu gewinnen -- da kam Dein

Brief, mein Sohn, mir wie eine Himmelssendung und brachte mir Deinen

und Deines Freundes Entschluß. Und da dachte ich denn, daß Deine und

Deines Freundes Energie und Intelligenz und meine eigene, verbunden

mit den Erfahrungen eines bewegten Lebens, dazu unsere Mittel und

unser guter Wille genügen sollten, um vorwärts zu kommen in unserm

großen Werke. Meinst Du nicht auch so? Ich werde nun wieder

zurückeilen zu Euch, um dann mündlich ....« &c. &c.

Louis: So wirst Du ein Farmer, Doktor Albert Parks?

Dr. Albert: Ein Farmer werde ich, ganz recht; ein Farmer, welcher

Strecken Landes der Wildnis entreißt und sie fruchtbar macht und

gesund und schön für die Menschen zum Bewohnen; ein Fabrikant, der

Fabriken errichtet und die Produkte, welche die Fläche und das Innere

der Erde erzeugt, verwendet und Tausenden von Familien Arbeit,

reichliche Nahrung und Komfort verschafft; -- ein Kaufmann, welcher

die Erzeugnisse des Landes auf fremden Markt versendet und gegen

andere fremde Produkte eintauscht -- das, das wird meine und meines

Freundes Aufgabe für die kommenden Jahre sein.

In der freien Gottes-Natur und auch da, wo das Geräusch der Maschinen

am betäubendsten und die Regsamkeit der Menschen am lebhaftesten ist

-- da, da bin ich am liebsten, da befinde ich mich am wohlsten und da

schaffe ich am meisten und am besten. So dachte mein Groß-Vater, so

denkt auch mein Vater, so denkt mein Freund und so denke auch ich. Den

heiligen, stillwirkenden Beruf des Arztes aber sollen Männer üben mit

stillem, sinnigem Wesen. -- Jetzt, meine Freunde, versteht Ihr mich,

will ich hoffen; jetzt wißt Ihr, warum ich nachts so viel über Pläne

von Bauten und Maschinen studierte und so viel kalkuliert habe; jetzt

wißt Ihr, warum mein Freund Heinrich herüber zu uns gekommen ist, und

jetzt wißt Ihr auch meine sorgenvollen Blicke zu deuten -- ach, konnte

ich wissen, daß alles, alles so gut, so wunderbar gut kommen würde?

Ja, alles hat sich zum besten gewandt; ist es nicht so, Heinrich?

Herr von Halsen: So ist es, Albert, in der Tat, nur eine ist hier,

die da weint, unsere liebe kleine Martha. Sage mir, Martha, warum

weinest Du?

Frau Meister: }

Gretchen: }

Martha: } Warum weinest Du, Martha?

Bella: }

Martha Parks: Nun geht Albert wieder fort von uns!

Dr. Albert: Liebe, süße, gute Schwester, noch gehe ich ja nicht,

und wenn ich auch gehe, ich komme gewiß bald wieder.

Herr von Halsen: Komm zu mir, liebe Martha, komm, Du wirst bald

wieder froh werden -- ein klein wenig Geduld nur -- -- meine

Herrschaften, ich habe die Ehre, Ihnen hier zwei junge Autoren

vorzustellen, die Herren Otto und Louis Parks. Sie werden uns mit

einem neuen Lustspiel erfreuen, es ist ihr erstes Lustspiel. Um uns

Vergnügen zu bereiten, haben sie sich, wie ich selbst bezeugen kann,

viel Mühe gegeben, und ich bitte Sie in ihrem Namen um Nachsicht und

um die Erlaubnis, es vorlesen zu dürfen.

Frau Meister: Welch' freudige Überraschung!

Herr Meister: Eine Komödie in der Tat?

Herr von Halsen: Zuvor aber muß ich den beiden Herren meinem

Versprechen gemäß einiges mitteilen über die Aussprache des Deutschen.

Ich hatte das Glück, bei meinem Studium der deutschen Sprache Herren

als Lehrer zu haben, welche besonders großen Wert auf eine reine,

vollkommene Aussprache legten. Fürchten Sie nicht, meine Damen, daß

ich zu lange sprechen werde; von den vielen, vielen Regeln werde ich

für diesen Moment nur einige der wichtigsten wählen.

Vor allem sprechen Sie mit den Lippen -- gebrauchen Sie die Lippen

viel und zwar so, daß die äußeren Ränder sich berühren; doch immer sei

die Form des Mundes schön.

Im Deutschen haben wir zwei Arten von >a<.

Denken Sie einmal, Sie wären im Theater und Sie wären etwas zu frühe

gekommen. Die Lichter sind klein und es ist noch recht dunkel; mit

einem Mal wird das Haus voll erleuchtet und von der Gallerie tönt wie

aus einem Munde ein überraschendes >a----h!<

Studien und Plaudereien im Vaterland. Second Series · 第 14 / 19 段