Garten des Palastes, aber da sie kein Tier sahen, so gingen sie weiter
und kamen in das Feld an einen Teich. Da machten sie Halt, denn aus
dem Wasser kam soeben ein Storch und bald flog ein anderer zu ihm aus
der Luft, und sie hoben die langen Schnäbel und sahen sich an und bald
machte der eine und dann wieder der andere klapp, klapp. -- Die beiden
dort führen sicherlich eine Unterhaltung, sagte der Kalif, ich möchte
wohl hören, was sie zu sprechen haben, gieb mir doch von dem Pulver.
Der Vezier nahm die Schachtel mit dem Pulver aus der asche. Nimm du
zuerst, Vezier, ich will doch sehen, wie die Sache wird. Der Vezier
nahm darauf von dem Pulver, schnupfte es, sagte {mutabor} und bückte
sich drei Mal gegen Osten, und da wurde seine Nase so lang wie der
Schnabel eines Storches, sein Bart und seine Haare wurden zu Federn,
seine Arme wurden zu Flügeln und seine Beine lang und dürr wie
Storch-Beine. Verwundert rief da der Kalif: Vezier, ihr seid
wahrhaftig ein ganzer Storch, wie drollig ihr ausseht, nein, so etwas
sah ich im Leben noch nicht. Nun gebet mir schnell von dem Pulver. Und
der Kalif nahm auch von dem Pulver, sagte auch das Wort {mutabor},
bückte sich ebenfalls dreimal gegen Osten und siehe, auch er war nun
ein Storch. Beide horchten und verstanden die folgende Unterhaltung.
Der erste Storch, welcher aus dem Teiche gestiegen war, hatte zum
andern zu sprechen begonnen: Guten Morgen, Fräulein Nichte! -- Guten
Morgen, Frau Tante. -- Haben Sie gut geschlafen? -- Danke, so, so. --
Wollen Sie heute Morgen Frühstück mit mir nehmen? -- Ach nein, ich
danke, habe gar keinen Appetit, meine Mama hat heute Abend große
Gesellschaft, da soll ich vor den Gästen Solo tanzen und da kam ich
soeben hierher, um noch ein wenig zu üben. Entschuldigen Sie gütigst,
Frau Tante. -- Darauf ging der Storch gravitätisch auf- und abwärts,
drehte sich links und drehte sich rechts und bewegte die Flügel hin
und her. Das alles war aber so außerordentlich komisch, daß der Kalif
laut zu lachen begann und Kalif und Vezier lachten so lange, bis der
letztere endlich sagte: O, o, nun aber kann ich wirklich nicht
mehr. Die Störche hatten sich verwundert umgeschaut und waren
erschreckt davon geflogen.
Plötzlich aber sagte der Kalif: Vezier, wir sollten ja nicht lachen --
Vezier, welches ist doch das Wort? {Mu--mu--} machte der Vezier, mehr
konnte er nicht hervorbringen und auch der Kalif hatte das Wort
vergessen. Sie bückten sich wohl tausendmal gegen Osten -- aber das
half nichts, sie blieben Störche.
Das aber war doch recht traurig, denn als Storch wollte der Kalif
nicht zurück gehen in die Stadt; und sie sannen hin und her, was wohl
am besten zu tun sei. Da kamen sie zuletzt auf die Idee, nach Mekka zu
fliegen zum Grabe des Propheten; dort wollten sie um Hülfe bitten --
Sofort begannen beide zu fliegen, und als sie hoch in den Lüften über
Bagdad schwebten, gewahrten sie auf den Straßen der Stadt ein großes
Gedränge der Menschen. Viele waren zu Pferde, und ihnen voraus ritt
ein junger Mann auf weißem Rosse mit prächtigen Waffen und Kleidern.
Ah -- sagte der Kalif zu seinem Vezier, das ist Mansor, der Sohn
meines Feindes; er zieht jetzt ein in mein Schloß als Kalif. Ich
verstehe nun alles, ich weiß nun zu wohl, wer jener Kaufmann war, der
mir das Pulver brachte, -- es war sein Vater, der Zauberer. Welch'
ein Komplott! Vorwärts, Vezier, komme hinweg aus dieser Stadt,
vorwärts nach Mekka! Und so schnell flog er, daß der Vezier kaum
folgen konnte. Zuletzt -- es war schon Abend geworden -- sagte der
Vezier: Ich kann nun wahrlich nicht mehr; ich sehe dort in der Ferne
eine Ruine, laßt uns daselbst über Nacht verweilen.
Als sie an das alte Gemäuer gekommen waren, wollte der Kalif hinein
gehen, der Vezier aber hielt ihn am Flügel zurück und sagte: Ihr
werdet doch nicht hinein gehen, wer weiß, was darin ist. Der Kalif
aber war furchtlos und schritt voran; ängstlich folgte der Vezier.
Erst kamen sie durch einen langen dunkeln Gang und dann in einen
andern, der war sehr eng. Kaum hatten sie die Mitte erreicht, so
vernahmen sie ganz deutlich vom andern Ende ein leises Wimmern. Sie
hielten an und zitternd flüsterte der Vezier: Ich flehe, laßt uns
zurück; hier sind Gespenster. Der Kalif aber ging weiter und so auch
der Vezier. Am Ende des Ganges war ein kleines Zimmer, nur wenig Licht
fiel durch die engen Spalten der Mauer. Hier war das Wimmern deutlich
zu hören, es kam aus einer Ecke. Beide sahen dahin -- zwei große
schwarze Augen glänzten dort -- der Vezier schauderte. Der Kalif aber
sah -- es war eine Eule. Höchst merkwürdig, die Eule konnte sprechen:
Ihr Störche seid mir ein gutes Zeichen, darum seid mir willkommen! --
Wer bist du? fragte der Kalif. -- Ich bin die Prinzessin von Indien.
-- Ein böser Zauberer war zu meinem Vater gekommen und wollte mich zum
Weibe haben für seinen Sohn. Darüber wurde mein Vater sehr zornig und
ließ ihn aus dem Palaste treiben. Aber als Sklave verkleidet kam er
wieder, und als ich eines Tages im Garten spazieren ging und um einen
Becher frischen Wassers bat, brachte er es mir. Allein er hatte ein
Pulver in das Wasser getan, und da ich es trank, wurde ich in eine
Eule verwandelt. Der böse Mann brachte mich dann hierher und sagte zu
mir: Hier mußt du ewig weilen, es sei denn, daß du Jemanden fändest,
der dich zum Weibe nehmen wollte. Die Eule schwieg, und nun erzählte
der Kalif seine Geschichte. Als er zu Ende war, sagte die Eule wieder:
Ich kenne ihn sehr wohl, diesen Zauberer, denn es ist derselbe,
welcher mich hier gefangen hält. Wenn ihr mich erlösen wolltet, könnte
ich euch wohl helfen. Da nahm der Kalif den Vezier bei dem einen
Flügel, führte ihn zur Seite und begann leise mit ihm zu reden:
Vezier, ihr müßt zur Eule gehen und sie bitten, daß sie eure Gemahlin
werde, denn ihr habt gehört, daß sie nur auf diese Weise erlöst werden
kann und uns helfen will. -- Nein, o nein, sagte der Vezier, das geht
nicht an -- eine Eule zur Frau! -- o! -- außerdem habe ich ja schon
eine zu Hause; was würde die mit mir tun, wenn ich eine andere Frau
nach Hause brächte, -- es ist viel besser, ihr heiratet sie selbst,
denn ihr habt ja doch noch kein Weib. -- Dem Kalifen war es nicht lieb
-- aber was konnte er tun? Er wollte doch kein Storch bleiben! Er
ging daher zurück zur Eule, verbeugte sich tief und sprach: Schöne
Prinzessin, ich, der Kalif von Bagdad, komme zu euch und bitte um eure
Hand, gewährt sie mir und werdet mein Weib. -- Und beschämt schlug sie
die Augen nieder, kam zögernd aus der Ecke hervor und sagte leise: Ja;
und dann fiel der Kalif nieder vor ihr auf die Kniee. Die Eule war
sehr glücklich und sie lächelte lieblich und sprach: Jeden Monat
kommen die Zauberer des Landes einmal in diesem alten Schlosse
zusammen und halten ein großes Mahl und erzählen dann, was sie getan
haben. Auch heute Abend kommen sie hierher; vielleicht vernehmen wir
dann das Wort von dem bösen, bösen Manne. Folgt mir, ihr Herren
Störche, ich führe euch jetzt zum Platze. Sie schritt voran, die
beiden Störche folgten. Es ging durch viele Thüren und Zimmer und
schmale Gänge. Zuletzt blieb sie vor einer Pforte stehen. Durch eine
Spalte konnte man in eine große Halle sehen, in welcher viele Lichter
brannten. An einer langen Tafel saßen viele alte Männer mit langen,
grauen Bärten, vor sich hatten sie hohe Becher mit Wein stehen und sie
tranken viel, -- am andern Ende saß derselbe Alte, welcher ihnen das
Pulver mit dem Manuskripte gegeben hatte. Die drei warteten lange und
lauschten und sie hörten alles, was gesprochen wurde. Da stand zuletzt
jener alte Krämer auf und erzählte laut lachend, wie er den Kalifen in
einen Storch verwandelt habe. Alle fragten ihn darauf: Welches Wort
hast du ihm denn gegeben? {Mutabor}, sagte er. Als der Kalif dieses
hörte, sprang er schnell zurück, aus der Ruine. Die Sonne erschien
gerade am östlichen Himmel, da bückte er sich dreimal und sprach mit
lauter Stimme: {Mutabor}, und so tat auch der Großvezier, und
wirklich! sie wurden wieder zu Menschen.
Kalif und Vezier umarmten sich lange und herzlich vor großer Freude,
und als sie sich endlich von einander los machten, sahen sie bei sich
stehen eine holde Jungfrau, so schön sie noch keine gesehen hatten.
Ich bin die Prinzessin von Indien, sagte sie. -- Meine geliebte Braut,
rief der Kalif; und alle kamen wieder nach Bagdad, und das Volk war
glücklich, daß sein Kalif wieder da war.
So, nun bin ich zu Ende. -- Nun, geliebtes Schwesterchen, wie gefällt
Dir diese Philosophie?
Martha Parks: Das ist sehr schön, lieber Bruder Louis. Hast Du dieses
alles selbst gedacht, als Du so ruhig hier saßest?
Louis: O nein, Martha, das habe ich nicht, ich habe es in einem Buche
aus Alberts Bibliothek gelesen.
Dr. Albert: »Märchen von Hauff« -- nicht wahr, Louis?
Louis: Ganz recht, »Märchen von Hauff«, das ist der Titel des
Buches. Es sind noch viele andere schöne Geschichten darin, die
sollten Sie lesen, Fräulein Bella.
Bella: Das möchte ich wohl, aber da sind so viele kleine Silben im
Deutschen, die machen das Lesen für mich so schwierig.
Dr. Albert: Ich weiß schon, mein Fräulein, was Sie meinen. Nun,
wenn Sie mir erlauben, so werde ich Ihnen in Kürze vielleicht einige
Aufklärung darüber geben können. -- Was wollen Sie sagen, mein
Fräulein?
Gretchen: Ich möchte Ihnen mitteilen, daß ich Ursache habe, mit den
Herren Parks sehr böse zu sein.
Dr. Albert: Mit mir, mein Fräulein?
Otto: Mit mir?
Louis: Mit mir?
Gretchen: Mit allen drei Herren!
Louis: Aber warum denn?
Dr. Albert: Was haben wir denn verbrochen?
Gretchen: Verbrochen? Sehr viel, meine Herren. Keiner von Ihnen
erzeigte mir heute nur so viel Ehre, sehen Sie, nicht so viel.
Bella: Aber Gretchen, ich habe nichts bemerken können.
Martha Meister: Ich verstehe Schwester Gretchen schon, ha, ha!
Gretchen: Sehen Sie einmal, meine Herren! Zuerst sprach der Herr
Doktor und er sprach nur mit Schwester Martha, wenigstens sah er nur
sie an; dann Herr Otto und er sprach zu niemandem mehr, als zu meiner
Freundin Bella, und jetzt sprach Herr Louis zu seiner Schwester Martha
ganz allein. -- Niemand erzählt mir etwas, o ich fühle mich sehr
zurückgesetzt, meine Herren!
Louis: Fräulein Gretchen, Sie müssen warten, bis meines Bruders
Freund kommt. Wenn Sie ihn zum Reden bringen, so erzählt er Ihnen auch
Geschichten. Nicht wahr, Albert?
Dr. Albert: Ja, ja, mein Fräulein, das tut er, und er erzählt
viel, viel besser als ich!
Martha Parks: Das geht wohl nicht, besser als Du, Albert?
Dr. Albert: Nun gut, Ihr werdet schon sehen. Gewöhnlich spricht er
sehr kurz; aber wenn wir ihn nur einmal zum Sprechen bringen
können. Halt! Da fällt mir gerade noch zur rechten Zeit ein, daß ich
unserer lieben Freundin Bella noch eine Antwort schulde auf ihre
Frage: »Sind Sie unglücklich, Herr Doktor?« -- Nein, mein Fräulein,
ich bin es nicht; ein Teil meines Glückes aber wird Ihnen klar werden,
wenn ich Ihnen das folgende Gedicht von Schiller deklamiere:
_Die Teilung der Erde._
»Nehmt hin die Welt!« rief Zeus von seinen Höhen
Den Menschen zu; »nehmt, sie soll euer sein.
Euch schenk' ich sie zum Erb' und ew'gen Lehen;
Doch teilt euch brüderlich darein.«
Da eilt, was Hände hat, sich einzurichten,
Es regte sich geschäftig jung und alt:
Der Ackermann griff nach des Feldes Früchten,
Der Junker pirschte durch den Wald.
Der Kaufmann nimmt, was seine Speicher fassen,
Der Abt wählt sich den edlen Firnewein,
Der König sperrt die Brücken und die Straßen
Und spricht: »Der Zehente ist mein.«
Ganz spät, nachdem die Teilung längst geschehen,
Naht der Poet, er kam aus weiter Fern';
Ach, da war überall nichts mehr zu sehen,
Und alles hatte seinen Herrn.
»Weh mir! so soll denn ich allein von allen
Vergessen sein, ich, dein getreuster Sohn?«
So ließ er laut der Klage Ruf erschallen,
Und warf sich hin vor Jovis Thron.
»Wenn du im Land der Träume dich verweilet,«
Versetzt der Gott, »so hadre nicht mit mir.
Wo warst du denn, als man die Welt geteilet?«
»Ich war,« sprach der Poet, »bei dir.«
»Mein Auge hing an deinem Angesichte,
An deines Himmels Harmonie mein Ohr;
Verzeih dem Geiste, der, von deinem Lichte
Berauscht, das Irdische verlor!«
»Was tun?« spricht Zeus, -- »die Welt ist weggegeben,
Der Herbst, die Jagd, der Markt ist nicht mehr mein;
Willst du in meinem Himmel mit mir leben,
So oft du kommst, er soll _dir_ offen sein.«
Martha Meister: Aber Sie dürfen über den Himmel auch die Erde nicht
vergessen, Herr Doktor.
Dr. Albert: Nein, mein verehrtes Fräulein, das werde ich
nicht. Ich will Ihr mahnendes Wort wohl merken. Und nun müssen wir
aufbrechen -- nicht wahr, Schwester?
Martha Parks: Wenn Du mußt, Albert. -- Otto und Louis, nehmt
Abschied.
Bella: Sie sind plötzlich zu eilig, Herr Doktor!
Dr. Albert: Gute Nacht, meine Damen, träumen Sie süß. Gute Nacht.
Alle: Gute Nacht.
[Illustration]
[Illustration]
VII.
Martha Meister: Wie schön von Ihnen, Louis, daß Sie kommen!
Martha Parks: Ach, wir sind so geeilt.
Bella: Du glaubst kaum, liebe Martha, wie gespannt wir sind.
Gretchen: Was für Nachrichten bringen Sie uns heute, Herr Louis?
Louis: Gute, meine Damen, sehr gute, ich ....
Bella: Wie warm Ihnen ist, Louis; Gretchen, Martha, -- schnell die
Fächer zur Hand -- so -- das ist schön, Louis, nicht wahr?
Louis: O, ich bin beneidenswert!
Gretchen: Jetzt ist Ihnen kühler, nicht wahr? Nun, Louis, was
wollten Sie sagen?
Louis: Ach so -- sie sind fast immer allein in der Bibliothek bei
verschlossener Thüre; was sie verhandeln, möchte ich wohl wissen, aber
ich weiß es nicht und kann Ihnen nichts davon verraten. Heute Mittag
bei Tisch aber begann Albert so wie zufällig: Heinrich, ich möchte
Dich heute Nachmittag in eine befreundete Familie einführen -- ich --
ich weiß, was Du sagen willst, -- nein, nein, mein Freund, keine
Entschuldigung heute, ich habe dort eine kleine Vorlesung über Lessing
zu geben und es liegt mir viel daran, den Damen zu gefallen, und Du
weißt zu gut, daß ich viel besser sprechen kann, wenn ich Dich vor mir
habe; liebster Heinrich, bringe mir das Opfer, willst Du? -- »Hm, ich
begleite Dich,« -- war alles, was er darauf erwiderte. Er spricht sehr
wenig und immer kurz, aber jedes seiner Worte hat Wert. Otto meint,
daß seine Ideen hoch und edel seien.
Martha Parks: Und ich glaube wie Otto. Ich sitze gerne bei dem
stillen Freunde meines Bruders, und er sieht mich immer so freundlich
an, und ich sehe ihn wieder an; wir sprechen kein Wort -- wir sehen
einander bloß an.
Martha Meister: Nicht wahr, Gretchen, es ist nun Zeit, Mama und Papa
zu rufen? Entschuldigt mich, bitte, in wenigen Minuten bin ich wieder
bei Euch.
Bella: Bitte, Martha, gehe nur. -- Gretchen! Gretchen! -- ich
glaube, man klopft.
Gretchen: Ich habe nichts gehört, Bella.
Louis: Es war der Wind.
Bella: Aber jetzt -- ganz sicherlich, es klopft; Gretchen, ich habe
es wirklich gehört; o, wie ich zittere!
Martha Parks: Ja, ich habe es auch gehört.
Gretchen: Herein!
Dr. Albert: Guten Tag, mein wertes Fräulein; Fräulein Bella, guten
Tag! Sieh, sieh, Schwesterchen ist schon hier mit Bruder Louis -- nun,
das ist ja gut. Erlauben Sie mir, meine Damen, Ihnen meinen liebsten
Freund vorzustellen: Herr von Halsen, Fräulein Gretchen Meister und
unsere liebe Freundin Bella ....
Gretchen: Da kommen die Eltern auch und Schwester Martha.
Dr. Albert: Meine Herrschaften, ich bin glücklich, Sie so wohl zu
sehen. Ich habe mir heute die Freiheit genommen, meinen lieben Freund
aus Deutschland bei Ihnen einzuführen: Herr Heinrich von Hal... --
Heinrich, was ist Dir? -- was starrst Du jenes Bild so an?
Herr von Halsen: Hm, hm, meines Vaters Bild hier, -- hm, -- wer ist
der Haus-Herr?
Herr Meister: Ich habe die Ehre, mich Ihnen selbst als solchen
vorzustellen -- mein ....
Herr von Halsen: Sind Sie Herr Meister, Herr Wilhelm Meister?
Herr Meister: Ganz recht, mein Herr.
Herr von Halsen: Hatten Sie nicht einen Jugend-Freund Gustav von
Halsen? ....
Herr Meister: Ja, ja, mein Herr, -- Sie wissen von ihm? .... ich
flehe, sprechen Sie, lebt er?
Herr von Halsen: Er lebt und er ist wohl, und ich selbst -- bin sein
Sohn.
Herr Meister: Er lebt -- Dank, dank dir, guter Gott! -- und Sie --
sein Sohn! Willkommen mir, willkommen in meinem Hause, Sohn meines
Freundes. O sieh' doch hier, teures Weib, meines -- unsers Freundes
Gustav Sohn. Ach, Kinder, Ihr -- Ihr wißt von all' dem nichts; es ist
eine alte, traurige Geschichte!
Frau Meister: Sie wissen alles, ich sprach davon vor kurzem --
vergeben Sie mir, Herr von Halsen, wenn ich erst jetzt Ihnen
Willkommen, aus ganzem Herzen Willkommen entgegenrufe. Als ich eintrat
durch jene Thüre und Sie erblickte, war ich sprachlos; ich konnte mich
nicht fassen, denn eine längst vergangene Zeit stand mit einem Male
wieder vor mir. Sie sind das Ebenbild Ihres Vaters.
Herr Meister: Ja, ja -- wo waren meine Augen nur!
Herr von Halsen: Mein verehrtester Herr, ich habe Ihnen und Ihrer
Frau Gemahlin einige Worte vom Vater zu sagen und Papiere zu
überbringen. Albert, willst Du mich für einige Momente entschuldigen?
Dr. Albert: Gewiß!
Herr Meister: Treten Sie ein!
Herr von Halsen: Hm, hm, -- seltsam, -- schnell gefunden -- fast
unglaublich --!
Frau Meister: Entschuldigt uns, bitte, -- nur wenige Minuten!
* * *
Bella: O, Gretchen, Martha!
Martha Meister: Das ist wahrhaft wunderbar!
Gretchen: Wahrhaft wunderbar!
Dr. Albert: Was bedeutet denn dieses alles?
Otto: Ach, ich sehe, Albert, Du weißt nichts von der Geschichte
seines Vaters. Wenn ich nicht irre, Albert, so hört man jetzt in jenem
Zimmer das Finale einer sehr interessanten Geschichte, deren ersten
Teil Frau Meister uns neulich erzählt hat. Hast Du ihm denn niemals
Herrn Meisters Namen genannt?
Dr. Albert: Wie durfte ich denn? Fräulein Gretchen hatte es mir ja
verboten, und in der kurzen Zeit seines Hierseins hatten wir gar
vieles zu besprechen. Er erwähnte zwar einmal, daß er später einen
alten Freund seines Vaters aufsuchen müsse, einen Namen nannte auch er
mir nicht. -- Merkwürdig, wie sich das nun schickt!
Louis: Nein, -- ich weiß nicht, was ich sagen soll; das ist gerade
wie ein Roman.
Bella: O, wie glücklich ich bin, daß ich auch einmal einen Roman mit
erlebt habe! Ich habe es immer gewünscht, -- nun weiß ich doch auch,
wie es ist.
Otto: Nun, Fräulein, wie denn?
Bella: Nun ja -- so -- o, ich weiß selber nicht wie, -- so -- so
seltsam!
Dr. Albert: Das Leben, beste Freundin, ist voll von Romantik,
glauben Sie mir.
Gretchen: Wie klein in diesem Momente der Kreis der Menschen
erscheint, -- denken Sie nur: Ihr Freund -- meines Vaters alten
Freundes Sohn!
Martha Meister: Weißt Du, Gretchen, das ist Dir eine gute
Vorbedeutung.
Bella: Ja, Gretchen, das ist wahr.
Martha Meister: Ihre Vorlesung, Herr Doktor, dürfen Sie aber nicht
aussetzen!
Dr. Albert: Ganz recht, mein Fräulein, darf ich nicht aussetzen.
Louis: Er könnte sonst etwas von unserm Plane merken, nicht wahr?
Gretchen: Laßt uns denn Platz nehmen. Bitte, Herr Doktor, beginnen
Sie, sobald man eintritt. -- Die Thüre öffnet sich schon -- Martha,
sieh' nur Mama an, wie glücklich sie ist, und Papa -- er hält den
Herrn von Halsen am Arme, als wollte er nie wieder von ihm lassen. --
Hier, Mama, bitte, nimm Platz -- dürfte ich Sie bitten, Herr von
Halsen, hier; Papa, hier ....
Herr Meister: Aber Kinder, so feierlich -- was soll denn das?
Martha: Still, lieber Papa, Mama weiß alles und wird es Dir später
erklären.
Dr. Albert: Meine Damen und meine Herren! Wenn ich oft in meinen
Studien-Jahren gegen Kolonnen von Vokabeln mühsam gekämpft und gegen
Scharen von Konjugationen und Deklinationen hart gestritten hatte und
nicht selten ermattet zusammengebrochen war, dann mag ich wohl öfters
in der Verzweiflung ausgerufen haben: O, warum haben unsere Väter
jemals begonnen, den Turm von Babel zu bauen?!
Die Jahre sind nun geschwunden, und nur noch in sanfter Wehmut gedenke
ich jener Leiden. Als Sieger bin ich hervorgegangen, und Großmut ist
wieder eingezogen in mein Herz. Dann und wann sogar habe ich meine
süßen Träumereien und -- wer weiß, wer weiß, sage ich dann, ob nicht
der allwaltende Vater seine Kinder so weit von einander entfernt und
nach allen Enden der Erde zerstreut hat, auf daß sie sich nach langer
Zeit des Wiederfindens erfreuen mögen! Ja, wenn ich sehe, wie die
Menschen bis heute sich die Kraft des Dampfes und der Elektricität
dienstbar gemacht haben, wie sie die Ferne in die Nähe rücken und die
Zeit überbrücken -- dann erscheint es mir fast, als ob jener Tag
wirklich nicht mehr ferne wäre, da alle Brüder des großen
Menschen-Geschlechts nach langer Trennung sich wieder verstehen lernen
wie ehemals, als sie eine Sprache redeten. Die Fähigkeiten der
Menschen werden so groß, die Methoden des Studiums werden so
vollkommen sein, daß man ungemein schnell und leicht die Sprachen der
Welt erlernen kann. Hat man doch heute den Anfang bereits gemacht.
Louis: Bravo, bravo! -- applaudieren Sie doch, Herr Meister!
Dr. Albert: Diese ideale, glückliche Zeit liegt noch in weiter
Ferne; darum sorgen Sie noch nicht, meine Freunde, welche von den
zahlreichen Sprachen Sie wählen werden zu stetem, häuslichem
Gebrauche. Zwar könnte ich schon heute sagen, auf welche derselben
Ihre Wahl fallen würde als auf die schönste, leichteste, beste. Soll
ich sie nennen, die Sprache Ihrer Wahl? --
Die Mutter-Sprache wird es sein. -- Denn die Töne, in welcher die
Mutter zuerst uns die süßen Laute der Liebe zugehaucht hat, sind in
unser Innerstes eingepflanzt, und das Schönste, was wir sagen wollen,
und das Teuerste und das Heiligste -- wir sagen es am besten in diesen
Lauten. Darum ist die Mutter-Sprache uns allen heilig und lieb, darum
verehrt eine edle Nation die Mutter-Sprache, und darum hängt das Volk
so fest an ihr. Denn es fühlt, es ist die Mutter-Sprache sein
geistiger Boden, ohne welchen es so wenig gedeihen kann, wie der
vollgewachsene Baum, den man in fremde Erde gepflanzt hat. -- Es wäre
ein Unglück für ein Volk, wenn es seine Mutter-Sprache verlieren
müßte. Und wissen Sie, meine Freunde, daß dem deutschen Volke dieses
Unglück einstmals gedroht hat?
Das deutsche Volk war von der Höhe seines politischen Glückes tief
hinabgestürzt in das Unglück des dreißigjährigen Krieges, und auf den
Sonnen-Glanz seiner Dichtkunst im 13. Jahrhundert war schwarze
Finsternis gefolgt. Poesie und Kunst und Litteratur waren nirgends
sichtbar, und als einziger Trost erklangen ihm in dieser langen Nacht
die göttlichen Töne der Musik von Händel und Bach.
Die höheren Zirkel der deutschen Nation blickten verlangend und
suchend umher und fanden Befriedigung in den schönen Schriften der
großen Poeten Frankreichs, das Volk aber blieb konservativ und hielt
fest an der Sprache der Mutter, an der Sprache, welche Luther ihnen in
der Bibel gegeben hatte.
Da kam Gotthold Ephraim Lessing und hob die deutsche Sprache und gab
ihr Halt und festen Grund und Form und flößte ihr Stärke ein und
zierte sie mit Scönheit. Und dann schritt er zu Deutschlands
Musen-Tempel, öffnete mit fester Hand die Pforten, die
langverschlossenen, und zündete die Fackel an und schwang sie hoch und
leuchtend, bis die Morgenröte kam und das volle Tageslicht wieder
einströmte in die herrlichen Räume und auf den Altar, vor welchem zwei
der Priester sich vereint die Hände reichten -- Schiller und
Goethe. Auf den Altar aber hatte Lessing eine dreifache Weihe
gebracht: »Emilia Galotti«, »Nathan der Weise« und »Minna von
Barnhelm«. Wahrlich, das deutsche Volk schätzt sie hoch, diese Gaben:
dieses perfekte Trauerspiel, dieses große Schauspiel und dieses schöne
Lustspiel.
Ah, meine Freunde, verstehen Sie nun, warum Deutschland seinem Lessing
hohe Verehrung schuldet und zollt?
Und was ihm das deutsche Volk schuldet für Sprache und Litteratur --
Dank und Verehrung, -- das schulden ihm die Gebildeten der gesamten
Welt für das, was er auch für sie getan durch seinen »Laokoon«, denn
»Laokoon« ist nicht das Werk einer Nation, sondern das Gemeingut aller
insgesamt.
Sie haben mich gebeten, meine verehrten Freunde, mit Ihnen auch über
Lessings »Laokoon« zu sprechen. Ich erfülle mit großem Vergnügen Ihren
Wunsch, muß mich jedoch wegen der Kürze der mir zugemessenen Zeit auf
ein geringes beschränken.
Durch seinen »Laokoon« rief Lessing eine solche Veränderung in den
Ideen über Dichtkunst, Malerei und Bildhauerei hervor, wie einst
Newton auf einem andern Gebiete.
Sagte ich zuviel, meine Freunde? nein, ich glaube nicht.
Bevor ich jedoch über dieses Thema weiter spreche, muß ich Sie bekannt
machen mit einem der vorzüglichsten Männer seiner Zeit, mit Johann
Winckelmann. Aus dem Teile eines Briefes, der von ihm selbst an einen
Freund geschrieben sein soll, können Sie einiges aus seinem Leben
hören: