Martha Parks: Ach ja, bitte, Otto.

Otto: In Mirza Schaffy's Liedern heißt es so:

»Ein graues Auge --

Ein schlaues Auge.

Auf schelmische Launen

Deuten die braunen;

Des Auges Bläue

Bedeutet Treue,

Doch eines schwarzen Aug's Gefunkel

Ist stets, wie Gottes Wege, dunkel!«

Bella: Das ist ganz reizend. Was meinst Du dazu, Martha?

Martha Parks: Es ist ein allerliebstes Gedicht. Laß doch mal sehen,

Bella, was für Augen hast denn Du? O, Du hast braune Augen, Du hast

schelmische Augen, Bella. Wißt Ihr aber auch, wer die schönsten Augen

hat? Ich weiß es. -- Ein Freund meines Bruders Albert. Er wohnt in

Deutschland und bald kommt er zu uns. Albert hat mir viel von ihm

erzählt; er hat große, blaue Augen, sagt Albert, und bald sind sie

melancholisch und bald traurig, und dann wieder mutig, -- nicht wahr,

Albert, hast Du mir nicht so gesagt?

Dr. Albert: Ja, ja, Du kleine Schwätzerin!

Martha Parks: Ach, sollte ich nicht davon sprechen, Albert? Das habe

ich nicht gewußt. Aber das schadet nicht, Albert, unsere Freundinnen

dürfen alles wissen, Martha und Gretchen und Bella, nicht wahr?

Bella: Aber warum wollen Sie uns nicht auch von ihm erzählen, Herr

Doktor? Sie sind unser Freund und Ihre Freunde sind auch die unsern,

und wir müssen sie kennen. Ist es nicht, wie ich sage? Gretchen,

sprich Du!

Gretchen: Gewiß, Herr Doktor, Ihre Freunde finden bei uns stets

einen herzlichen Empfang.

Dr. Albert: Dafür danke ich Ihnen, meine Freundinnen, und erlauben

Sie mir zu sagen, daß ich auf Ihre Freundschaft sehr stolz bin.

Bella: Und wir auf die Ihrige.

Martha Meister: Wir bitten Sie, Herr Doktor, Ihren Freund nach

seiner Ankunft bei uns einzuführen.

Dr. Albert: Ich bin Ihnen außerordentlich verbunden, allein ich

dürfte kaum in die Lage kommen, von Ihrer gütigen Erlaubnis Gebrauch

zu machen.

Gretchen: Aber weshalb denn nicht, Herr Doktor?

Dr. Albert: Mein Freund geht selten in Gesellschaft, niemals aber

dann, wenn Damen gegenwärtig sind.

Gretchen: Was Sie sagen!

Martha Meister: Aber Ihr Freund fürchtet sich doch nicht vor Damen?

Dr. Albert: Nein, das nicht; aber wie ich sagte, meine Damen, es

ist wirklich so.

Bella: Damenscheu! -- O das ist wirklich interessant. Herr Doktor,

wir lassen Sie heute nicht gehen, wenn Sie uns nicht viel, wenn Sie

nicht alles, was Sie wissen, von Ihrem Freunde erzählen. Fangen Sie

schnell an, bitte, bitte, lieber Herr Doktor, ich werde Ihnen dafür

auch ewig dankbar sein.

Louis: Albert, solchen Bitten kannst Du nicht widerstehen, das weiß

ich.

Dr. Albert: Wenn ich Ihnen willfahre, Fräulein Bella, so geschieht

es sicher gegen den Willen meines Freundes.

Bella: Er wird Ihnen vergeben; wir alle werden für Sie um Verzeihung

bitten.

Dr. Albert: Wohl, dann will ich's wagen!

Ehe ich vor mehreren Jahren nach Deutschland reiste, hatte ich oft

gehört, daß unsere Eisenbahnen viel besser wären, als diejenigen in

Europa; und als ich nun nach meiner Ankunft in Deutschland abends spät

in Hamburg in den Eisenbahn-Zug einstieg, um nach Hannover zu fahren,

fand ich es wirklich so. Da war ich zum ersten Mal in einem Coupé. Die

Sitze an sich waren allerdings sehr bequem, allein das Coupé war recht

eng, und man hatte weder genügend Luft noch Licht und gar keine

Freiheit der Bewegung. Man kann nicht, wie bei uns, von einem Wagen

zum andern gehen, man hat nicht einmal Verbindung mit den Coupé's

desselben Wagens. Ich fühlte mich beengt. Wie unangenehm, dachte ich,

muß es doch sein, wenn man in solch' kleinem Raume mit Reisenden

zusammentrifft, welche uns nicht behagen, oder wie gefährlich könnte

es werden, wenn man nachts allein mit unredlichen Menschen reisen

müßte. Dabei fahren die deutschen Eisenbahnen bei weitem nicht so

schnell, wie die unsrigen.

Mehrere Stunden mochte ich wohl gefahren sein, als der Schaffner rief:

»Aussteigen! Dieser Zug bleibt hier liegen, der nächste Zug nach

Hannover kommt in einer Stunde.« -- Ich stieg aus und ging in den

Wartesaal. Es war eine Stunde nach Mitternacht und es war kühl. In dem

hohen Zimmer, das vom Tabacks-Rauche schwarz gefärbt und darum düster

war, brannte ein kleines Licht; ich war sehr müde und schlief bald auf

einem Stuhle. Ein heftiges Schütteln erweckte mich; ein Mann hatte

mich an beiden Schultern gefaßt und schrie mit Donner-Stimme mir ins

Ohr: »Einsteigen nach Hannover.« Es war zwei Uhr. -- Murrend über die

rauhe Störung und noch halb schlafend, ergriff ich hastig mein Gepäck

und eilte hinaus. Kaum erreichte ich meine Coupé, so brauste der Zug

schon weiter. Ich sah mich um, -- war ich allein? ha -- in der einen

Ecke saß ein Mann mit einem großen breiten Hute und blickte mich

schrecklich an, so daß ich unwillkürlich nach meiner Pistolen-Tasche

griff. Ebenso schnell war der Kerl in der Ecke aufgesprungen, hielt

mir einen Revolver entgegen und schrie: Was wollen Sie? -- Was wollen

Sie? rief ich. -- Ich will nichts, wohl aber Sie. -- O, ich will auch

nichts. -- Warum griffen Sie nach Ihrem Pistol? -- Weil Sie nach dem

Ihrigen griffen und mich anstarren, lüstern wie ein Räuber.

Ich -- ein Räuber! rief er und lachte dabei so herzlich, daß ich nun

völlig munter wurde und mich wahrhaft schämte. Betrachten Sie mich

ordentlich, guter Freund; sehe ich aus wie ein Räuber, sagte er und

dabei nahm er seinen Hut vom Kopfe und zeigte ein sonnenverbranntes

Gesicht. Die Züge desselben waren regelmäßig. Die Stirne war hoch und

der Kopf höchst charakteristisch; wahrhaft schön aber waren die großen

Augen. Ich bat ihn, mir meinen Irrtum zu vergeben. Bitte sehr, bitte,

mein Herr, sagte er in melodischer, freundlicher Stimme; Sie sind ein

Fremder, wie ich an Ihrer Sprache höre und tun sehr wohl daran,

vorsichtig zu sein. -- Wir reichten einander die Hände, setzten uns

nieder und hatten bald die interessanteste Unterhaltung in englischer

Sprache. Er sprach das Englische so rein und so fließend, daß es mir

selber nicht klar wurde, welches von beiden Ländern seine Heimat wäre,

ob England oder ob Deutschland. Er erzählte gerne und gut von seinen

großen Reisen, er sagte mir, daß er gerade jetzt von einer Reise um

die Welt nach dem Eltern-Hause in Berlin zurückkehre, und ich bemerkte

ihm dann auch, daß ich selbst nach Berlin reisen wollte, um dort zu

studieren. Ich erzählte ihm von meiner Familie und von meinen

Absichten, und da die Sonne herauf kam, waren wir beide erstaunt, daß

die Nacht so schnell vergangen war. Dieses war meine erste Nacht auf

deutschem Boden, und dieses war meine erste Begegnung mit meinem

Freunde.

Gretchen: Und ist das derselbe Freund, welchen Sie jetzt hier

erwarten?

Dr. Albert: Derselbe, mein Fräulein.

Martha Parks: Armer Mensch! Er ist gar nicht glücklich, nicht wahr,

Albert?

Bella: Aber was ist denn Ihrem Freunde Böses widerfahren, Herr

Doktor?

Dr. Albert: Das ist eine traurige Geschichte. Sie sollen sie

hören, vielleicht werden Sie dann weniger, als andere, seine

Zurückhaltung mißdeuten.

Mein Freund ist kein geborner Deutscher. Sein Vater hatte in der

Jugend Deutschland verlassen und war nach vielen Reisen zuletzt in

Indien geblieben. Er gründete ein bedeutendes Handels-Haus, und seine

Schiffe brachten die Schätze des Landes in alle Teile der Welt. Man

hielt ihn für den reichsten unter den dortigen Handels-Herren. Seine

Gattin war eine Engländerin, und da er im Osten seinem einzigen Sohne

nicht die erwünschte Erziehung geben konnte, so kehrte er mit seiner

Familie nach der Heimat zurück, wo er in Berlin sich einen fürstlichen

Palast erbaute. Sein Sohn hatte dann das Gymnasium mit gutem Erfolge

absolviert und war gerade zur Universität gegangen, als der Krieg

zwischen Deutschland und Frankreich ausbrach. Deutschlands Jugend

eilte mit Begeisterung zu den Waffen, und auch mein Freund Heinrich

stand nicht zurück. In den Schlachten war er der erste und hatte sich

durch Tapferkeit und Mut derartig vor anderen hervorgetan, daß man

ihn nicht allein mit dem eisernen Kreuze schmückte, sondern ihn auch

zum Range eines Offiziers beförderte. Bei allen seinen Kameraden war

er beliebt, und alle freuten sich über seine Auszeichnung. Er selbst

war stets der fröhlichste von allen, voll Lebenslust und Witz, nie

ermüdet und voll Vertrauen auf sein gutes Glück. Dies machte ihn zu

kühn. In der Schlacht bei Gravelotte war er unter den Mutigsten der

erste; vorwärts drang er, immer vorwärts, von Position zu Position;

und er führte seine Kompagnie im Sturm-Schritte voran und schwang hoch

und siegestrunken die erbeutete Fahne, da sank er, von einer Kugel

getroffen, bewußtlos zu Boden.

Als er wieder zum Bewußtsein gekommen war, sah er sich verwundert

um. Er war in einem fremden Zimmer auf einem bequemen Lager. Kameraden

hatten ihn nach dem nahen Schlosse eines französischen Nobelmannes

gebracht, und die Tochter des Hauses pflegte ihn unter Aufsicht des

Arztes. Seine Verwundung war schwer; man zweifelte an seiner

Errettung, er selbst aber sprach lebhaft in seinen Fieber-Phantasien

von den Augen eines Engels, die schützend über ihm wachten. Und

wirklich schien es so; denn was die Ärzte kaum zu hoffen gewagt

hatten, das geschah -- er genas. Und als er nach vielen Wochen endlich

wieder zum ersten Male am Arme seiner treuen Pflegerin einen Gang in

den Garten machen konnte, da war er wirklich zu neuem Leben erstanden.

Glücklicher war er nie zuvor in seinem Leben gewesen und dankbar

blickte er auf zu ihr -- zu seiner Retterin. Sie verstand seinen

stummen Blick. Kein Wort wurde gesprochen, nur die Vögel in den

Büschen sangen lieblich. Ah, wie herrlich erschien beiden die Welt. --

Schnell schritt seine Genesung nun vorwärts und nicht lange nachher

erhielt er die Weisung, in seine Heimat zurückzukehren. Zuvor jedoch

hatte er beim Herrn des Schlosses um die Hand der Tochter gebeten, und

das war mit ihrer Erlaubnis geschehen. Allein des Vaters höfliche,

aber entschiedene Worte lauteten so:

»Mein Herr, Sie haben gegen mein Vaterland das Schwert geführt. Zu

meinem größten Bedauern muß ich es aussprechen, daß dieser

unglückliche Umstand eine nähere Verbindung mit meiner Familie

unmöglich macht.« --

Mein Freund reiste nach seiner Heimat. Unaussprechlich war die Freude

seiner Eltern über ihren geretteten Sohn. Ah -- sie wußten nur von der

einen Wunde, welche nun geheilt war, die andere, die schmerzlichere,

die vom Pfeile Amors, konnten sie nicht sehen. -- Gerne gaben sie

ihrem Sohne die Erlaubnis, auf Reisen zu gehen. Unter fremdem Himmel,

unter fremden Menschen hoffte er das Vergangene vergessen zu können.

Sein Kämpfen war vergebens, -- da eilte er endlich nach vielen, vielen

Monden zurück in die Heimat derjenigen, um deren willen er so litt. Er

erreichte die Stadt. Vom Turme läuteten die Glocken, und viele

Menschen gingen zur Kirche. Auch er trat ein, noch zeitig genug, um

die letzten Segens-Worte zu hören, welche der Priester über ein neu

vermähltes Paar aussprach; und dann verließ das Braut-Paar die Kirche.

Der Bräutigam war ein Offizier der französischen Armee und mit

triumphierendem Blicke führte er an seinem Arme die schöne Braut. Aus

ihren Augen aber rollten große Thränen. Waren es Freuden-Thränen? Dem

Braut-Paare aber folgte ernsten Schrittes ihr Vater. Es war jener

Nobelmann und er hatte nun seinen Willen durchgesetzt. Von diesem

Tage an wurde mein Freund ernst und schweigsam. Er begann ein Leben

voll rastloser Thätigkeit, machte eine Reise um die Welt, beobachtete

die Menschen aller Länder, kam zurück, studierte weiter in Berlin und

drang tief in alle Gebiete des Wissens ein. Er besitzt alles, was

viele andere Menschen zufrieden und glücklich machen würde, allein er

selbst ist es nicht. Wie oft habe ich ihn getröstet und ermuntert, wie

oft ihm Vorwürfe gemacht; dann aber pflegte er zu sagen: Mein Lieber,

ich habe lange und schwer gerungen, diese Schwäche zu überwinden, bis

heute ist es mir nicht gelungen, ihrer Herr zu werden, und Gott allein

weiß, ob ich dieses jemals erreichen werde. Mein Leben ist wie eine

Landschaft zur Nacht-Zeit; auf Bergen und Hügeln und Flüssen und Seen

und Fluren ruht das matte Licht des Mondes -- wie ganz anders wäre

doch alles im heitern Sonnenscheine. Es ist der Sonnen-Schein, der

auch meinem Leben fehlt.

Bella: Und dieser Freund, sagten Sie, kommt jetzt zu uns hierher,

Herr Doktor?

Dr. Albert: Ja, mein Fräulein, er folgt meinem Wunsche und seines

Vaters Rat. Der Vater selbst war auch einmal in seiner Jugend hier

gewesen.

Gretchen: Und glauben Sie nicht, Herr Doktor, daß er bei uns wieder

froher werden dürfte?

Dr. Albert: Ah, mein liebes Fräulein, wenn das möglich wäre!

Gretchen: Und warum sollte es unmöglich sein, trauen Sie uns so

wenig zu?

Dr. Albert: Nein, es ist nicht Mißtrauen gegen Sie, allein nach

meinen Erfahrungen muß ich jene Möglichkeit bezweifeln.

Bella: O, Herr Doktor, wir können vieles, wenn wir wollen, und

Gretchen kann alles, wenn sie will. Nicht wahr, Martha?

Martha Meister: Ja, ja -- und wir alle würden ihr helfen, wir würden

hören auf jedes ihrer Worte, wir würden achten auf jeden ihrer Winke;

was meinst Du dazu, Gretchen?

Dr. Albert: Die Damen sind in der Tat zu gütig, allein, allein --

ich fürchte, Sie mühen sich vergebens.

Gretchen: Wie wäre es, Herr Doktor, wenn wir Ihren scheuen Freund,

der sich von den Freuden der Welt zurückzieht, dahin brächten, daß er

selbst uns, den Damen, den Vorschlag zu einem Picknick machte?

Dr. Albert: Dann will ich Sie als meine Meisterin anerkennen;

aber, mein Fräulein, können Sie zaubern oder Wunder tun?

Gretchen: Zuweilen. -- Wollen Sie Ihren Freund bei uns einführen?

Dr. Albert: Das wird sehr schwierig sein, aber ich werde es

versuchen.

Gretchen: Und wollt Ihr mir in allem auf's genaueste folgen?

Alle: Wir wollen in allem auf's genaueste folgen.

Gretchen: Und versprechen, keinem Menschen ein Wort vom Komplott zu

erzählen?

Alle: Wir versprechen, keinem Menschen ein Wort vom Komplott zu

erzählen.

Gretchen: Wie feierlich das klang. -- Wohlan, so gehen wir frisch

an's Werk. Sie sollen schon sehen, Herr Doktor, wie wir triumphieren

werden.

Dr. Albert: Ihre Mühe wird größer sein, als Sie denken.

Gretchen: Der Preis ist des Ringens wert.

Bella: Wissen Sie, Herr Doktor, daß ich mich fürchte vor diesem

Freunde.

Dr. Albert: Dazu haben Sie keine Ursache, bestes Fräulein, er ist

der liebenswürdigste, treueste Mensch von der Welt.

Bella: Mißverstehen Sie mich nicht, Herr Doktor, ich fürchte nicht

ihn, sondern seine große Gelehrsamkeit -- ach, ich weiß so wenig, so

wenig.

Dr. Albert: Darum haben Sie ja keine Sorgen -- außerdem wird Otto

Ihnen zur Seite stehen. Nicht wahr, Bruder Otto?

Bella: Was studieren Sie denn jetzt, Herr Otto?

Otto: Herders Werke. Den »Cid« und die »Ideen zur Philosophie der

Geschichte der Menschheit« habe ich beendet. Das erste würde auch

Ihnen, mein Fräulein, sehr gut gefallen. Heute Morgen las ich einige

Parabeln, welche mir großes Vergnügen bereitet haben.

Bella: Würden Sie so gütig sein, Herr Otto, uns einige dieser

Parabeln zu erzählen?

Otto: Recht gerne, mein Fräulein.

Unmittelbar nach Erschaffung des Weltalls war der Mond eben so groß

und so brillant wie die Sonne. Damit aber war der Mond nicht zufrieden

und sprach: Warum komme ich nicht vor der Sonne, warum muß ich ihr

folgen? Und der Mond grämte sich und wurde dadurch bleich und klein.

-- Sein Glanz aber war in den Welten-Raum gegangen, und dadurch waren

die Sterne entstanden. Mit Schrecken gewahrte der Mond seine

Veränderung und er betete. Da sandte Gott einen Engel, der sprach also

zum Monde: Schuf nicht der allweise Gott dich so groß und so schön wie

die Sonne? Kam dein Unglück nicht durch deine eigene Schuld? Und nun

mußt du so bleiben für ewige Zeiten. Doch mildere deinen Schmerz,

guter Mond, denn wenn die Menschen nach des Tages Last ermüdet sind,

so wenden sie sich mit Freude von der Sonne Glut zu deinem sanfteren

Licht, und die Unglücklichen werden zu dir aufblicken und bei dir

Trost suchen und finden, denn du selbst warst ja unglücklich und

verstehst sie und fühlst mit ihnen.

Und so ist es noch heute.

Bella: Meinen besten Dank, Herr Otto; -- nun aber sagen Sie mir

auch, warum ist das Wort »Mond« ein Masculinum? Sie sagten immer »der

Mond«.

Otto: Das weiß ich wirklich nicht, Fräulein Bella; weißt Du es,

Albert?

Dr. Albert: Darüber habe ich noch niemals nachgedacht.

Bella: Soll ich es Ihnen sagen? Nun, der Mond muß ja ein Masculinum

sein -- denn er geht nachts alleine aus. Nicht lachen, meine Freunde,

still sein; Otto, noch eine Parabel, ich bitte schön.

Otto: Einmal waren die Menschen recht schlecht auf Erden, da sandte

Gott ein großes Wasser -- die Sündflut, und alle Menschen kamen um,

nur Noah nicht und seine Familie; sie wohnten in der Arche. Und als

sie eine lange Zeit darin verbracht hatten, sandte Noah einen Raben

aus, damit er sehe, ob die Wasser von der Erde verschwunden seien.

Bella: Entschuldigen Sie mich, Herr Otto, war es nicht eine Taube,

welche er ausschickte?

Otto: Später sandte er eine Taube, denn der Rabe war nicht wieder

gekommen; er hatte nämlich auf Erden so viel Leichnam gefunden, daß er

Noah, seinen Wohlthäter, vergaß. Aber die Strafe kam bald über den

Undankbaren. Auf der Erde waren noch so viele schlechte Dünste, und

davon wurde der Rabe, welcher früher weiß war wie Schnee, ganz

schwarz. Und so ist er noch heute; und wenn der Rabe seine Jungen

sieht, so schaudert er vor der Häßlichkeit und wird hart gegen

sie. Und noch heute sagen wir von Eltern, welche grausam gegen ihre

Kinder sind, »seht die Raben-Eltern«.

Und nun werde ich Ihnen noch eine Parabel erzählen, das soll aber

meine letzte sein:

Als Alexander der Große in Afrika war, kam er auch in ein Land, in dem

die Leute so reich waren, daß sie ihm in silbernen Schalen goldene

Früchte entgegenbrachten. Er aber sprach: Ich bin des Silbers und des

Goldes wegen nicht in euer Land gekommen, eure Sitten will ich kennen

lernen. Und da führte man ihn auf den Markt-Platz. Der König des

Landes saß gerade auf seinem Throne, um Recht zu sprechen, und vor ihm

standen zwei Männer. Da sprach der eine derselben: Von diesem Manne

hier habe ich einen Sack mit Spreu gekauft und als ich den Sack

öffnete, fand ich diesen großen Klumpen Gold in demselben -- nun aber

will dieser Mann ihn nicht zurücknehmen. Nein, sagte der andere, ich

will ihn nicht zurücknehmen, denn es wäre nicht recht; ich verkaufte

ihm den Sack mit allem, was darin wäre.

Der König hatte beide gehört. Dann sann er eine Weile und sprach zu

dem einen: Hast du nicht einen Sohn? Ja, mein König. -- Und jener hat,

wie ich weiß, eine Tochter. Wohlan, da ihr beide rechtschaffene Männer

seid, so verheiratet euere Kinder und gebet ihnen das Gold. -- Beide

Männer gingen befriedigt von dannen, Alexander aber war sehr

verwundert. Als der König das sah, fragte er: Sage mir, fremder König,

war mein Urteil nicht gerecht? Wie würde man denn in deinem Lande

gehandelt haben?

In meinem Lande, erwiderte Alexander, würde der Richter beide

enthauptet und das Gold für sich selbst genommen haben. -- O, o! rief

da der König, und läßt Gott die Sonne in jenem Lande scheinen? -- Ja

--. Und läßt er regnen? -- Ja --. Wohl, versetzte der König, so ist

es der unschuldigen Kinder und der dummen Tiere wegen. -- So, Fräulein

Bella, jetzt bin ich zu Ende. --

Bella: Dank, besten Dank, Herr Otto. -- Wie gefallen Ihnen diese

Parabeln, Herr Louis?

Louis: Sehr gut, mein Fräulein.

Martha Parks: Du bist aber heute sehr ruhig, Louis!

Martha Meister: Auch ich habe mich im Stillen darüber gewundert.

Louis: Ich beginne jetzt ebenfalls, ernst zu werden.

Dr. Albert: Oho, Bruder Louis, wozu denn das?

Louis: Ich bereite mich vor auf die Ankunft Deines Freundes.

Dr. Albert: Ei! Wie machst Du denn das?

Louis: Ich studiere deutsche Philosophie. --

Dr. Albert: Du -- -- Philosophie? --

Martha Parks: Das ist wohl sehr schwer, Louis, nicht wahr?

Louis: Sehr schwer, Schwester. -- Das Schwierigste habe ich heute

studiert; gerade bevor ich hierher kam, da las ich dieses:

In Bagdad war einmal ein weiser und guter Kalif. Am besten aber war er

immer, wenn er nach Mittag sein Schläfchen gehalten hatte, seine Tasse

Mokka trank und seine lange Pfeife rauchte. Darum kam auch sein

Großvezier immer um diese Zeit zu ihm; und als derselbe eines

Nachmittags mit ernstem Gesichte eintrat, fragte ihn der Kalif:

Großvezier, warum hast du denn heute Falten auf der Stirn? O, sagte

der Vezier, als ich soeben in den Palast gehen wollte, sah ich vor der

Pforte einen Krämer mit den schönsten Sachen stehen; zu gerne hätte

ich manches für meine Gemahlin gekauft -- allein mir fehlt es an

Geld. -- Gehe und bringe ihn herauf zu mir. -- Der Großvezier ging und

bald stand der Krämer vor dem Kalifen, der für sich selbst und den

Vezier ein Paar schöner Pistolen kaufte und für dessen Gemahlin die

feinsten Kämme von Elfenbein und die kostbarsten Ringe und Armbänder.

Gerade wollte der Krämer seinen Kasten schließen, da bemerkte der

Kalif in der einen Ecke noch ein Kästchen und fragte den Krämer, was

er darin zu verkaufen habe. Ei, sagte der Krämer geheimnisvoll, in

diesem Kästchen ist ein wunderbares Pulver, ich habe es von einem

andern Kaufmann erhalten, der es nebst einer Schrift selbst auf der

Straße zu Mekka gefunden hat. Aber da ist niemand, welcher die Schrift

lesen kann, denn es ist die einer ausländischen Sprache; ich will euch

beides, Pulver nebst Schrift, zu den gekauften Waren überlassen. Und

er gab beides dem Kalifen und ging. Dieser sah in die Schrift und

wunderte sich, denn dieselbe war völlig verschieden von der

arabischen, und er wurde sehr begierig zu wissen, was die Schrift

enthalte. Da sagte der Vezier: Am Ende der Stadt, nicht weit von der

Moschee, wohnt ein Mann namens Selim, die Leute nennen ihn den

gelehrten Selim, denn er versteht alle Sprachen der Welt und gewiß

auch diese; wenn ihr befehlt, so gehe ich und rufe ihn. Thue das,

sprach der Kalif; und der Vezier ging und kam bald mit dem Gelehrten

zurück. Der Kalif sagte zu ihm: Die Leute nennen dich den gelehrten

Selim, zeige mir nun, daß du den Titel verdienst. Kannst du diese

Schrift mir lesen, so werde ich dich reichlich belohnen; kannst du es

nicht, so lasse ich dir fünf und zwanzig auf die Sohlen geben. Selim

nahm die Schrift in die Hand und sagte dann nach einer Weile:

Wahrlich, das ist Lateinisch und heißt im Arabischen so: Mensch, der

du dieses hörest, preise Allah. So du von diesem Pulver nimmst und

schnupfest und dich dreimal nach Osten beugest und das Wort {mutabor}

sprichst, kannst du dich verwandeln in die Form eines jeden Tieres,

das du siehst, und kannst auch dessen Sprache verstehen; doch mußt du

dich hüten zu lachen, sonst wirst du das Wort vergessen, das notwendig

ist, um wieder Mensch zu werden. -- Als der Kalif dieses hörte,

beschenkte er den Gelehrten reichlich, gebot ihm tiefes Schweigen und

hieß ihn gehen.

Studien und Plaudereien im Vaterland. Second Series · 第 12 / 19 段