Gretchen: Körners Sohn, Theodor Körner, ist besonders von den Musen

geliebt worden. Theodor Körner ist ein deutscher Dichter von Gottes

Gnaden. Er war wie sein und seines Vaters Freund ein Dichter der

Freiheit. Das deutsche Volk ehrt ihn hoch und gedenkt seiner mit

besonderer Liebe. Mit der Leier sang und mit dem Schwerte kämpfte

Theodor Körner für sein Vaterland; und da er einst in einer Schlacht

schwer verwundet wurde und im Walde lag und vermeinte, er müsse

hilflos sterben, da schrieb er mit der letzten Kraft die folgenden

Verse:

_Abschied vom Leben._

(Als ich schwer verwundet und hilflos in einem Holze lag und

zu sterben meinte. Nachts 17.-18. Juni 1813.)

Die Wunde brennt -- die bleichen Lippen beben.

Ich fühl's an meines Herzens mattrem Schlage:

Hier steh' ich an den Marken meiner Tage --

Gott, wie du willst, dir hab' ich mich ergeben.

Viel gold'ne Bilder sah ich um mich schweben;

Das schöne Traum-Bild wird zur Toten-Klage.

Mut! Mut! -- Was ich treu im Herzen trage,

Das muß ja doch dort ewig mit mir leben!

Und was ich hier als Heiligtum erkannte,

Wofür ich rasch und jugendlich entbrannte, --

Ob ich's nun Freiheit, ob ich's Liebe nannte:

Als lichten Seraph seh' ich's vor mir stehen;

Und wie die Sinne langsam mir vergehen,

Trägt mich ein Hauch zu morgenroten Höhen. --

Aber seine Todes-Stunde war noch nicht gekommen; Leute hatten ihn

gefunden und erhielten ihn am Leben.

Martha Meister: Laß uns einmal sein »Gebet während der Schlacht«

singen, Gretchen, das ist groß.

Vater, ich rufe dich:

Brüllend umwölkt mich der Dampf der Geschütze,

Sprühend umzucken mich rasselnde Blitze.

Lenker der Schlachten, ich rufe dich!

Vater du, führe mich!

Vater du, führe mich!

Führ' mich zum Siege, führ' mich zum Tode;

Herr, ich erkenne deine Gebote.

Herr, wie du willst, so führe mich,

Gott, ich erkenne dich!

Gott, ich erkenne dich!

So im herbstlichen Rauschen der Blätter

Als im Schlachten-Donnerwetter,

Urquell der Gnade, erkenn' ich dich.

Vater du, segne mich!

Vater du, segne mich!

In deine Hand befehl' ich mein Leben,

Du kannst es nehmen, du hast es gegeben;

Zum Leben, zum Sterben segne mich.

Vater, ich preise dich!

Vater, ich preise dich!

Es ist ja kein Kampf um die Güter der Erde, --

Das Heiligste schützen wir mit dem Schwerte.

D'rum fallend und siegend preis' ich dich!

Gott, dir ergeb' ich mich!

Gott, dir ergeb' ich mich!

Wenn mich die Donner des Todes begrüßen,

Wenn meine Adern geöffnet fließen,

Dir, mein Gott, dir ergeb' ich mich!

Vater, ich rufe dich!

Gretchen: So, Schwester, nun werde ich Dich nicht mehr stören.

* * *

Louis: Wie ist es unserm Schiller weiter ergangen, Fräulein Martha?

Martha Meister: Er war Professor geworden an der Universität zu

Jena, und seine Vorlesungen über Geschichte waren so beliebt, daß

Studenten von vielen anderen Universitäten kamen, um ihn zu hören. Und

das war auch gar nicht zu verwundern; denn Schiller gab seine

Vorlesungen ganz anders und viel besser als die anderen Professoren

der Geschichte und wie er schon Großes geleistet hatte in der

deutschen Poesie, so tat er es jetzt in der Geschichte.

Auch in seiner Familie war er glücklich. Er hatte ein treues, liebes

Weib und viele Freunde; -- doch den teuersten von allen sollte er

später finden.

Da waren eines Abends zu einer gelehrten Gesellschaft viele

Professoren gekommen, unter diesen auch Goethe. Als die Sitzung zu

Ende war, begleitete er Schiller. Sie sprachen lebhaft zusammen und

gewiß über etwas, was von hohem Interesse für beide war. Denn Goethe

war sehr erstaunt, als er mit einem Male vor Schiller's Wohnung stand;

aber er ging mit Schiller hinein, und dort sprachen sie weiter, und es

war schon spät, als sie sich trennten.

In dieser Nacht geschah es, daß Goethe und Schiller Freunde wurden für

das ganze Leben.

Goethe wohnte in Weimar, und bald zog nun auch Schiller dahin, um ganz

der Poesie zu leben; und hier erstanden in der Freundschaft dieser

beiden großen Männer diejenigen Werke, welche Deutschland zu seinen

besten zählt. Hier schrieb Schiller das große Drama »Wallenstein«,

auch »Maria Stuart« und »Die Braut von Messina«, sowie »Die Jungfrau

von Orleans« und dann die wunderschönen Balladen.

Als Schiller im Jahre 1798 nach langer Zeit wieder einmal nach Leipzig

gekommen war, spielte man dem Dichter zu Ehren im Theater »Die

Jungfrau von Orleans«.

Auch der Poet war gegenwärtig, und als das Drama beendet war und er

das Theater verlassen und auf die Straße treten wollte, hatten sich

viele tausend Menschen vor dem Hause aufgestellt. In tiefster

Ehrfurcht trennte sich die Menge und ließ den Poeten durch die Mitte

gehen, und auf beiden Seiten beugten sich alle mit entblößtem Haupte

vor ihm. Die Mütter hatten ihre Kinder gebracht und in die Höhe

gehoben und ihnen zugeflüstert: Seht, seht, das ist er! -- War das

nicht ein herrlicher Triumph für den Dichter?

Einst hatte er in jungen Jahren von Dichter-Ruhm und von

Unsterblichkeit geträumt und in seinen reiferen Jahren sah er Ruhm und

Unsterblichkeit, und die Bewunderung von Mit- und Nachwelt waren ihm

reichlich zu teil, aber im Ringen des Geistes war die Hülle

zerbrechlich geworden.

Der Poet war schwach und krank und sein Ende sah er eilends

nahen. Ach, so vieles hätte er noch gerne sagen mögen von dem, was ihm

die große edle Seele füllte, und da schrieb er sein letztes, sein

lieblichstes von allen seinen Werken »Wilhelm Tell«.

Gretchen: Ja, ja, Martha, da hast Du recht, »Wilhelm Tell« ist ein

Juwel in Schillers Werken.

Martha Meister: Mir ist es das liebste von allen seinen Dramen, und

ich glaube, dem deutschen Volke ebenfalls. »Wilhelm Tell« ist

Schillers Testament, und wie sein erstes, so ist sein letztes Drama --

ein Sang der Freiheit.

»Bewahret euch die Freiheit; sie ist teurer, als alles, was ihr

besitzet!« -- rief er dem deutschen Volke zu. Mit seinem

Propheten-Auge hatte er die nahenden trüben Zeiten gesehen und er

kannte bereits den Tyrannen, der das Volk zu bedrücken kam, und darum

wollte er vor seinem Tode seiner Nation noch zeigen, was ein edles

Volk tun sollte, wenn man ihm sein Bestes, die Freiheit, rauben will.

Ob er recht gesehen hatte?

Im Jahre 1808 -- Schiller weilte nicht mehr unter den Sterblichen --

als Napoleons Hand schwer auf Europa und vornehmlich auf Deutschland

lastete, da spielte man im Theater zu Berlin »Wilhelm Tell«, Schillers

Drama. Von Anfang an folgte man mit Spannung, bis zuletzt der

Enthusiasmus schwoll und alle so gewaltig packte, daß das ganze

Publikum sich von den Sitzen erhob und, sich selbst vergessend, mit

den Schauspielern rief:

»Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern,

In keiner Not uns trennen und Gefahr.

Wir wollen frei sein, wie die Väter waren,

Eher den Tod, als in der Knechtschaft leben.

Wir wollen trauen auf den höchsten Gott

Und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen.«

Und den Deutschen kam wieder Mut und Kraft und Freiheit.

Gretchen: Ja, Napoleon hat dieses Drama gefürchtet, denn es hatte

eine Macht, bedeutender als Armeen.

Martha Meister: Das ist wahr. -- Aber wie schön, Gretchen, ist die

Sprache in »Wilhelm Tell«, nicht wahr? Es ist etwas Wunderbares in

dieser Sprache, ein Etwas, das ich in keinem andern Drama von Schiller

und auch bei keinem andern deutschen Poeten wiederfinde, -- ich meine,

es sei der Geist des Poeten, der noch ruht zwischen den Silben und

Wörtern. Ich bitte Dich, liebe Schwester, sage doch einmal jene

Stelle, in welcher Melchthal das Unglück seines Vaters beklagt.

Gretchen: Also, der junge Melchthal war von Hause entflohen vor dem

tyrannischen Vogte und hatte Schutz gefunden beim edlen Walther

Fürst. Stauffacher, der Patriot, kommt zu diesem, bespricht mit ihm

des Landes Unglück und erzählt auch von der Grausamkeit des Vogtes,

wie nämlich dieser den alten Melchthal geblendet habe, weil er nicht

sagen wollte oder konnte, wohin sein Sohn sich geflüchtet hätte. Alles

dieses hatte der junge Melchthal im nächsten Zimmer gehört; er stürzt

hervor, und in seinem großen Seelen-Schmerze ruft er aus:

»O, eine edle Himmels-Gabe ist

Das Licht des Auges -- alle Wesen leben

Vom Lichte, jedes glückliche Geschöpf --

Die Pflanze selbst kehrt freudig sich zum Lichte.

Und er muß sitzen, fühlend, in der Nacht,

Im ewig Finstern -- ihn erquickt nicht mehr

Der Matten warmes Grün, der Blumen Schmelz,

Die roten Firnen kann er nicht mehr schauen --

Sterben ist nichts, -- doch leben und nicht sehen,

Das ist ein Unglück. -- Warum seht ihr mich

So jammernd an? Ich hab' zwei frische Augen

Und kann dem blinden Vater keines geben,

Nicht einen Schimmer von dem Meer des Lichts,

Das glanzvoll, blendend mir in's Auge dringt.«

So spricht der junge Melchthal und er schwört dem Wüterich Rache und

spricht zu den beiden Männern, Walther Fürst und Stauffacher, daß sie

an's Freiheits-Werk gehen mit ihm. Und sie machen einen Plan, und dann

ruft der junge Melchthal diese Worte:

»-- Blinder, alter Vater,

Du kannst den Tag der Freiheit nicht mehr schauen;

Du sollst ihn hören. -- Wenn von Alp zu Alp

Die Feuerzeichen flammend sich erheben,

Die festen Schlösser der Tyrannen fallen,

In deine Hütte soll der Schweizer wallen,

Zu deinem Ohr die Freuden-Kunde tragen,

Und hell in deiner Nacht soll es dir tagen.«

Bella: O, Gretchen, ist das herrlich!

Louis: Und wie schön, wie schön Sie das lesen, liebes

Fräulein. Sehen Sie, meiner Schwester Martha kommen die Thränen aus

den Augen.

Martha Parks: Ja, und Dir auch, Louis.

Martha Meister: Mit Thränen dürft Ihr aber nicht aus unserm Hause

gehen; bleibet noch ein wenig hier, wir wollen -- ja, was wollen wir

doch gleich tun? Bella, Gretchen, sprechet!

* * *

Bella: Laßt uns Pfänder spielen.

Gretchen: O ja; »Zwanzig Fragen«.

Martha Meister: Ich möchte Euch einen Vorschlag machen. Als Du,

liebe Schwester, Annas Brief vorgelesen hattest, kam mir die Idee, wie

interessant es sein müßte, wenn wir Rätsel gäben, wie Anna es getan

hat in ihrem Briefe. Entschuldigt mich einen Moment, und dann werde

ich Euch zeigen, was ich meine; ich will nur jenen Kasten mit

Photographien holen. So, ich habe hier diese Bilder gewählt. Ich gebe

Ihnen eins, Herr Louis, und auch Dir eins, Martha. Aber du mußt es

niemandem zeigen, Martha; halte es fest an Dich -- so, das ist recht.

Martha Parks: Kann ich es nicht einmal Louis zeigen?

Martha Meister: Nein, niemandem, Martha; wir wollen ja gerade raten,

welche Persönlichkeit Du in der Hand hast. -- Hier, Bella, nimm

dieses, und dieses ist für Dich, Gretchen; -- und nun möchte ich Euch

zeigen, wie ich es meine:

Ich habe in meiner Hand das Bild eines Mannes; er ist alt, aber sehr

freundlich und schön. Weißes Haar wallt in Locken von seinem Kopfe,

der schön geformt ist. Seine Stirne ist hoch und geistreich, seine

Augen blicken mild, -- ich vermute, sie sind blau, doch gewiß weiß ich

es nicht, -- und sein Mund ist so freundlich; der alte Herr scheint so

gütig, ich möchte ihn küssen. Ihr könnt noch nicht wissen, wer es ist;

-- ich will euch noch ein wenig mehr sagen. Er ist kein Amerikaner, --

er ist sehr berühmt, und er hat viele Jahre außerhalb seines

Vaterlandes gelebt.

Bella: Ist es ein Deutscher?

Martha Meister: Nein.

Martha Parks: Ein Engländer?

Martha Meister: Nein.

Louis: Ein Franzose?

Martha Meister: Nein.

Gretchen: Ein Spanier?

Martha Meister: Nein.

Bella: Kein Franzose, kein Engländer, kein Deutscher, kein

Amerikaner, kein Spanier. Ist er ein Italiener?

Martha Meister: Nein.

Louis: Dann ist es kein Europäer; es ist ein Chinese.

Martha Meister: O nein, Louis; er hat keinen Zopf -- es ist ein

Europäer.

Martha Parks: Ist es ein Däne?

Martha Meister: Richtig, ein Däne.

Gretchen: Ein Däne? -- Schön, berühmt und alt? Hat lange im

Auslande gelebt? Wer mag das sein?

Bella: Ach, Martha, Du machst es auch zu schwer.

Louis: Was hat er denn Berühmtes getan?

Martha Meister: Raten Sie doch, Herr Louis!

Louis: War er ein Soldat?

Martha Meister: Nein.

Bella: Ein Kaufmann?

Martha Meister: Nein.

Gretchen: Dann war er ein Künstler.

Martha Meister: Das war er.

Martha Parks: Ein Musiker?

Martha Meister: Nein.

Bella: Ein Maler?

Martha Meister: Nein.

Bella: Nun, dann kann ich es nicht erraten.

Martha Meister: Nun, Gretchen, sinne nach; Du mußt es finden.

Gretchen: Kenne ich ihn?

Martha Meister: O ja; wir haben ein Werk von ihm.

Gretchen: Er ist kein Poet? -- nein; ich glaube, ich habe es. Ist er

ein Bild-Hauer -- ja? Wir haben eine Statue von ihm, nicht wahr? --

Lebte er lange in Rom?

Martha Meister: Ja, ja; -- nur weiter.

Gretchen: Ist es Thorwaldsen?

Martha Meister: Ja, Thorwaldsen ist es. -- Hier ist sein Bild.

Bella: O, wie schön er ist.

Louis: Das hätte ich niemals geraten.

Martha Meister: Nun, Herr Louis, wissen Sie, was ich meine; nun

können Sie beginnen.

Louis: Sehr wohl: -- Ich halte hier in meiner Hand das Bild eines

Mannes, welcher sitzt; er ist nicht sehr groß, aber er hat große

Stiefel an. Er ist auch ein berühmter Mann; er blickt sehr finster aus

seinen Augen und ist ein Franzose und ist auf einer fernen Insel

gestorben.

Bella: Das ist Napoleon.

Louis: O Bella, warum raten Sie es so schnell? Sie sind zu klug.

Martha Meister: Sie machen es uns zu leicht, Herr Louis.

Bella: Jetzt können Sie es bei mir auch so machen, Herr Louis. Ich

habe ein wunderschönes Bild, es ist reizend. Es ist ein Mann; er ist

jung, und seine schöne, geschickte Hand stützt den Kopf, auf dem eine

Kappe sitzt, so eine Art Barett, wissen Sie; darunter hervor quellen

die prachtvollsten Locken, und die Augen, -- o, die Augen, Louis,

sollten Sie sehen!

Louis: Das ist gar kein Mensch, das muß ein Engel sein.

Bella: Nein, Louis; bleiben wir ruhig auf der Erde.

Martha Meister: Was ist er? Ist er ein Bildhauer?

Bella: Nein.

Martha Meister: Ist er ein Künstler?

Bella: Ja.

Gretchen: Ein Italiener?

Bella: Ja. -- Geh' nicht zu schnell Gretchen.

Louis: Ist er ein Musiker?

Bella: Nein.

Louis: Ein Maler?

Bella: Ja.

Louis: Ist es Raphael?

Bella: Ja, nun sind wir quitt, Louis; nicht wahr?

Louis: Und nun kommen Sie, Fräulein Gretchen.

Gretchen: Mir hat man keines schönen Mannes Bild gegeben. Er ist

häßlich, sehr häßlich; dafür war er aber um so geistreicher; und trotz

seiner Häßlichkeit hat ihn einmal eine Marquise im Theater vor einem

großen Publikum im Namen des Publikums umarmen und küssen müssen.

Bella: So, das wird ja recht interessant.

Gretchen: Ja; er trägt eine Perücke.

Martha Parks: Washington?

Gretchen: Nein, Martha, nicht Washington. Er war kein Amerikaner, er

war kein Republikaner, aber er hat eine Republik befördert und einen

großen König hatte er zum Freunde.

Martha Meister: Das sind Widersprüche.

Gretchen: Und doch ist alles in Ordnung.

Martha Meister: War es ein Franzose?

Gretchen: Ja.

Martha Meister: Und war er sehr geizig?

Gretchen: Ganz recht.

Martha Meister: Und hat er am Ende sehr viel Wohlthätiges getan mit

seinem Gelde?

Gretchen: Ja, ja; nun sag' es nur, Du hast es schon erraten.

Martha Meister: War es Voltaire?

Gretchen: Voltaire.

Martha Parks: Nun will ich es Euch aber nicht schwer machen, denn es

ist von selbst schon schwer genug.

Martha Meister: So, Du machst uns wirklich angst, Martha.

Martha Parks: Durch diesen Mann kam eine Revolution über die ganze

Erde.

Louis: Oho!

Martha Parks: Ja, ja, Louis; so sagte meine Gouvernante.

Louis: O, dann ist es wahr, Schwester; und weiter?

Martha Parks: Und er hat einen Hut auf.

Louis: So?

Martha Parks: Ich bin noch nicht zu Ende. Der Hut ist nicht wie Dein

Hut, Louis; auch nicht wie Alberts oder Papas Hut.

Louis: Dann hat er am Ende einen Damen-Hut auf.

Martha Parks: O nein; Männer tragen solche Hüte, aber nicht auf dem

Lande.

Louis: Nicht auf dem Lande; hm, hm, -- und war er ein Amerikaner?

Martha Parks: Ein Amerikaner, -- ja -- nein, er war nicht in Amerika

geboren.

Louis: Ist er in Europa geboren worden?

Martha Parks: O ja.

Bella: In Deutschland?

Martha Parks: Nein, Bella, nicht in Deutschland, auch nicht in

England und nicht in Frankreich und nicht in Spanien und nicht in

Dänemark.

Martha Meister: Vielleicht in Holland?

Martha Parks: Nein, Martha.

Gretchen: In Italien?

Martha Parks: Ja, in Italien ist er geboren worden -- nun, ich will

Euch ein klein wenig helfen, -- ich sehe, es wird Euch wirklich

schwer. Die Menschen waren sehr böse gegen ihn und haben ihm gar nicht

gedankt für das Gute, was er getan hat für sie, und zuletzt hat man

ihn in ein Gefängnis geworfen, und er ist begraben worden mit seinen

Ketten.

Louis: Wer mag das nur sein?

Martha Parks: O, Louis! Das weißt Du nicht? Columbus ist es,

Columbus!

Louis: O, meine Damen, das hätten wir auch wissen können.

Martha Parks: So, nun kommst Du, Martha.

Martha Meister: Aber ich habe ja schon -- weißt Du nicht?

Martha Parks: Ja, aber damit hast Du es uns nur gezeigt.

Louis: Bitte, mein Fräulein.

Martha Meister: Nun wohl. Den Mann, dessen Bild Sie mir gaben, Herr

Louis, müssen wir alle verehren wegen seiner großen Gelehrsamkeit; der

Wissenschaft hat er sein ganzes Leben geopfert und sein großes

Vermögen, und vielleicht hat nie ein Mann vor ihm gelebt, der so

gelehrt gewesen ist wie er. Er ist sehr alt geworden; er kommt aus

einer edlen Familie und sein Bruder, der ebenfalls sehr gelehrt war,

hat auch viele Bücher geschrieben; die größten Männer Deutschlands und

viele Fürsten waren seine Freunde. Kennt Ihr jetzt den Mann?

Bella: Noch nicht; war er selbst ein Deutscher?

Martha Meister: Ja.

Gretchen: War es Alexander von Humboldt?

Martha Meister: Erraten, Schwester, erraten!

Louis: So, meine Damen; nun müssen wir aber doch wohl gehen; -- es

wird uns zu spät, nicht wahr, Martha?

Martha Parks: Wir müssen nun gehen und müssen sehen, wie es unserm

Bruder Otto geht.

Martha Meister: Grüßen Sie ihn von mir.

Gretchen: Und von mir.

Bella: Auch von mir, bitte.

Martha Parks: Adieu! Wir haben immer so viel Vergnügen bei Euch.

Gretchen: Das freut uns. Kommt recht bald wieder.

Bella: Und bringt die Herren Brüder mit!

Martha Parks: Danke.

Louis: Adieu!

[Illustration]

[Illustration]

VI.

Bella: Herr Doktor, sagen Sie mir, sind Sie unglücklich?

Gretchen: Aber -- welche Frage, Bella!

Dr. Albert: Verzeihen Sie dieses Lächeln, mein liebes Fräulein,

aber Ihre Frage ist wirklich überraschend für mich -- und dabei sind

Sie so originell und sehen mich so ängstlich, so neugierig an mit

Ihren großen, schönen Augen! -- Was auf Erden, beste Freundin, bringt

Sie auf solche Gedanken?

Bella: Ich -- ich --

Louis: Ich war es, nicht wahr, Fräulein Bella? Ich erzählte Ihnen,

daß Bruder Albert seit kurzem immer sehr ernst sei und immer Falten

auf der Stirne habe -- etwa so -- siehst Du, Albert, ganz wie ich

jetzt, so siehst Du gewöhnlich aus.

Dr. Albert: Aha -- ich verstehe. Die Herrschaften waren so gütig,

meine Persönlichkeit zum Gegenstande ihrer Betrachtungen zu machen.

Für diese Ehre schulde ich Ihnen großen Dank, in der Tat; allein da

werde ich in Zukunft wohl recht vorsichtig vor Ihnen sein müssen. Also

Falten haben Sie auf meiner Stirne entdeckt, wirkliche Falten und

daher die wohlgemeinte Frage meiner Freundin: »Herr Doktor, sind Sie

unglücklich?« Aber bedeuten Falten denn immer Unglück? Oftmals sind

sie Zeichen der Sorge oder des Schmerzes und auch der Reue; oft aber

deuten sie auf ernstliches Denken und sind wie die dunklen Schatten,

welche hier und da auf grünen, sonnigen Bergen ruhen. Der Landmann

sieht sie häufig mit Freude, denn gerade diese Schatten kommen von den

Wolken, welche über den Bergen und auf ihren Gipfeln schweben und

seinen durstigen Saaten den warmen, befruchtenden Regen verheißen. --

Nun möchten Sie wohl gar zu gerne wissen, meine Freundin, was die

Falten auf dieser Stirne bedeuten? Denken Sie ja nicht allzu viel

nach, meine Freundin, sonst -- sonst --

Bella: Bekomme ich auch solche Falten, nicht wahr?

Dr. Albert: Und das wäre doch schade, Bruder Otto, meinst Du nicht

so?

Gretchen: Sie zeigen soeben, Herr Doktor, daß Sie selbst sehr gerne

beobachten.

Dr. Albert: O gewiß, mein Fräulein, das thue ich, denn alles in

der Welt hat Interesse für mich: Menschen und Pflanzen, Tiere und

Steine, alles, alles. Die Betrachtung der Natur zumal gewährt mir

hohen Genuß. Geht es Ihnen nicht auch so, Fräulein Martha?

Martha Meister: Auch ich finde viel Freude im Beschauen der Natur;

allein wie wenig Gelegenheit findet man dazu in einer großen Stadt.

Bella: Das meine ich auch. Ich lese und höre so viel von dem

Schönen, von den Wundern der Welt; aber hier bin ich jahraus, jahrein

inmitten einer ungeheuern Masse von Backsteinen. Ich möchte wohl auch

einmal etwas in der Welt beschauen.

Dr. Albert: Wirklich? Dann gehen Sie doch einmal mit mir, wenn ich

durch die Wälder streife.

Bella: O, das wäre herrlich, Herr Doktor! -- Nein, nein, es geht

doch wohl nicht, denn Sie bleiben ja immer so lange fort. Was Sie da

wohl tun, wenn Sie Tag und Nacht von Hause bleiben? -- Ei, das möchte

ich gar zu gerne erfahren, mein lieber Herr Doktor -- aber das sind

wohl auch Geheimnisse, nicht wahr?

Dr. Albert: Durchaus nicht, mein Fräulein. Ich weile gern in der

großen Stadt, denn gerade dieses Lärmen und Treiben ist es, wodurch

auch in mir die Lust zum Schaffen erweckt wird. Allein, wenn nach

langem Studieren und Schreiben und Denken mein Auge ermattet und die

Hand mir erlahmt und mein Ohr des nimmer endenden Geräusches müde

wird, wenn mein Geist seine Frische verliert und den Mut und den

Enthusiasmus, -- dann schließe ich schnell mein Buch und mein Zimmer,

dann ergreife ich die Flinte und eile hinaus in die weite, weite Welt

und steige hinauf auf die Berge.

Oftmals geschah es dann wohl, daß ich lange nach Mitternacht noch

lauernd im Gebüsche stand. Aus den schlanken Tannen kam dann das Reh

mit dem Jungen arglos und langsam hervor und so lieblich war es im

silbernen Lichte des Mondes anzuschauen, daß ich, auf die Flinte

gestützt, ruhig blieb und mich so lange erfreute am Anblick, bis sie

beide in graziöser Schnelle weiter dahin eilten.

Öfters aber schaute ich auf zum dunkelblauen Himmels-Zelte, zu den

Sternen ohne Zahl, und unaussprechliches Staunen erfaßte mich über die

unbeschreibliche Pracht. Wessen Seele müßte nicht heiligste Ehrfurcht

empfinden vor solch' erhabenem Anblicke? Sind nicht viele jener Sterne

tausend und tausendmal größer als der Erdball? Welcher Verstand könnte

die Unendlichkeit des Welten-Raumes erfassen, in dem alle diese Sterne

ihre eigenen Bahnen mit unglaublicher Schnelle durcheilen! Der Mensch

kann nur staunen. -- Ein Nichts erscheint er sich selbst, ein Atom im

Weltall; er beugt in Demut sein Haupt vor dem Schöpfer und versinkt in

die tiefste Anbetung. In seinem Innern aber erhebt sich dann wohl

jauchzend die Stimme: Der allgewaltige Schöpfer dieser wunderbaren,

großen, unendlichen Welt ist ja auch dein liebender Vater; er wachet

und waltet über alle Wesen mit Vater-Güte und dem Menschen gab er die

Einsicht, daß er dieses verstehe, und er gab ihm ein Herz, daß er es

fühle. Dann hebt sich die Brust, und neues Leben durchrinnt mich

wieder. Neue Gedanken und neue Pläne zu großen und guten Taten

beginnen in mir zu keimen; elastisch springe ich auf aus meinem

Verstecke und dringe vorwärts. Überall um mich in den Büschen regt es

sich, denn der Tag bricht neu an. Ich klimme aufwärts, bis ich den

Gipfel des Berges erreiche, ah -- von neuem eine unbeschreibliche

Überraschung! Vor mir liegt der Ocean, endlos, endlos; ich erhebe

meine Hände beim Anblick desselben, mein Herz strömt über von Glück,

aus den Augen brechen Thränen der Freude, und meine Lippen murmeln --

Worte des Psalmisten: »Preise den Herrn, meine Seele, die Welt ist

seiner Herrlichkeit voll, die Majestät des Herrn ist groß und

mächtig. -- O, wie sind deine Werke wunderbar -- alles hast du mit

Weisheit geschaffen -- die Erde ist voll deiner Güter. -- Dem Herrn

sei Lob und Ehr' in Ewigkeit.«

Martha Parks: O Albert, wie Du sprechen kannst. Ich könnte Dir

immer zuhören.

Martha Meister: Herr Doktor, Sie sprechen mir wie aus der Seele.

Dr. Albert: Das will ich wohl glauben, mein Fräulein; ich sah in

Ihre Augen und da las ich wie in einem Buche.

Otto: Geht es Dir auch so wie mir, Albert? Wenn ich mit Personen

rede, welche mir ganz und gar sympathisch sind, dann entstehen auf

einmal in mir Gedanken, die ich nie zuvor gehegt. Welch' wunderbare

Macht doch das menschliche Auge besitzt!

Martha Meister: Gleichen hierin nicht manche Augen der Sonne, deren

Strahlen Leben erzeugen, wenn sie auf fruchtbaren Boden fallen?

Otto: Mein Fräulein, Ihr Vergleich gefällt mir.

Martha Parks: Otto, welche Augen hältst Du für die schönsten, die

blauen oder die braunen?

Otto: Schwesterchen, möchtest Du wohl anstatt meiner Ansicht die

schönen Worte eines Poeten hören?

Studien und Plaudereien im Vaterland. Second Series · 第 11 / 19 段