Die Leute sind noch sehr naiv, nicht wahr? -- Aber sie sind gut. Es

sind treue, brave Menschen, und zufrieden mit ihrem Loose und voll

Poesie und Musik.

Wir blieben über Nacht in dem Dorfe, schlafen aber konnte ich nicht,

denn kaum hatte die Dorf-Uhr langsam und phlegmatisch zehn geschlagen,

da ertönte ein mächtiges Horn, und ein Mann mit einem großen Hunde und

einem langen Spieße ging durch die Straßen und sang, so laut er nur

vermochte:

»Hört ihr Herren und laßt euch sagen:

Die Glocke hat zehn geschlagen.

Nehmt in acht das Feuer und Licht,

Daß niemandem Schade geschicht.«

Und jede Stunde machte der Mann die Runde und jede Stunde ließ er an

allen Ecken seinen Gesang ertönen, bis die Uhr drei schlug. Da sang er

folgendes:

»Hört ihr Herren und laßt euch sagen:

Die Glocke hat drei geschlagen!

Der Tag vertreibet die finstere Nacht,

Ihr lieben Christen, seid munter und wach

Man weiß ja nicht, wenn der liebe Gott kommt

Und uns in seiner Gnade wegnimmt.

Drum wachet alle Stund' und lobet Gott den Herrn.«

Dann war es still im Dorfe und ermüdet schlief ich endlich ein und

schlief recht lange und erwachte, als die Sonne hoch am Himmel

stand. -- Weißt Du, liebe Schwester, was Spinn-Stuben-Lieder sind?

Dieselben Bauern-Mädchen, die so froh und lustig sind, wenn die Kirmes

kommt, sind ernst und fleißig zu allen anderen Zeiten des Jahres; und

im Winter am Abend kommen oft viele zusammen in einem Hause und jede

bringt ihr Spinn-Rad mit. Da sitzen sie im Kreise und spinnen und

erzählen Märchen und singen -- Lieder, das sind Spinn-Stuben-Lieder.

Als wir aus dem Dorfe fahren wollten, sah ich zwei Kinder, es waren

zwei Knaben. So schön habe ich noch niemals Knaben gesehen; der eine

von ihnen war zwei und der andere drei Jahre alt. Ah, Bella, Bella,

welche Augen! Welche Locken-Köpfe! Jetzt weiß ich, daß Raphael seine

Cherubim-Köpfe auf Erden gesehen hat. -- Ich werde sie niemals

vergessen.

Nun aber, Schwester, will ich kein Wort mehr schreiben und nur sagen:

Lebe wohl und grüße alle Freunde tausendmal von mir. Vergiß auch

nicht, Louis zu grüßen von Deiner

Dich ewig liebenden Schwester

Anna.

Nachschrift: Und vergiß auch nicht, meinem lieben, kleinen

Kanarien-Vogel ordentlich Hanf-Samen zu geben, und küsse ihn für mich

und sage, daß ich recht oft an ihn denke und daß er brav sein soll in

seinem kleinen Hause.

Bella: Solch' einen Brief kann ich nicht schreiben! Hier, Martha,

sind die Lieder. Willst Du einige singen? -- Du bist nun müde,

Gretchen, nicht wahr?

Gretchen: Das ist ein langer Brief.

Martha: Ich werde mit diesem Liede anfangen:

1.

Ein Sträußchen am Hute,

Den Stab in der Hand,

Zieht rastlos der Wandrer

Von Lande zu Land.

Er sieht so manch' Städtchen,

Sieht manch' schönen Ort, --

Doch fort muß er wieder,

Muß weiter fort.

Da sieht er am Wege

Ein Häuschen steh'n,

Das war ja umgeben

Von Blumen so schön.

Da tut's ihm gefallen,

Da sehnt er sich hin, --

Doch fort muß er wieder,

Muß weiter ziehn.

Ein freundliches Mädchen

Das redet ihn an:

Ein herzlich Willkommen,

Du Wanders-Mann!

Sie blickt ihm in's Auge,

Sie reicht ihm die Hand --

Doch fort muß er wieder

In ein anderes Land.

2.

Mein Schatz ist nicht hier,

Ist über die Höh'.

Ich darf nicht dran denken,

Sonst tut's Herz mir so weh!

Gretchen: Das ist ganz niedlich, Martha. Was ist das andere?

3.

Martha:

Blau blüht ein Blümelein,

Das heißt »Vergiß-nicht-mein«.

Dies Blümchen leg' an's Herz

Und denke mein.

Blau ist der Treue Schein,

Blau ist das Auge dein.

Das Blümlein pfleg' auch du,

Wo du auch weilst.

Der über Sternen thront,

Der deine Liebe lohnt,

Der sieht herab auf dich,

Denkst du an mich.

Louis: {Bravo, bravissimo! Da capo!}

Martha Parks: Guten Tag, Martha! Guten Tag, Gretchen und Bella! Ha,

ha, ha!

Bella: Ach -- bin ich erschrocken!

Gretchen: Und ich, und sieh einmal Martha an.

Louis: Ich bitte Sie tausend mal um Vergebung; das wollte ich nicht,

ich wollte Sie wirklich nicht erschrecken!

Martha Parks: Nein, das wollten wir nicht; so böse sind wir nicht;

nicht so, Louis? -- Wir klopften, einmal, zweimal; und da hörten wir

niemanden »Herein« rufen, und da nahm Louis mich bei der Hand --

Louis: Und da sind wir. Sie sind wohl recht böse auf mich, nicht

wahr? Aber ich bin froh, daß ich gekommen bin; denn vor der Thüre

hätte ich das wunderschöne Lied nicht hören können.

Martha Parks: Wie schön Ihr singen könnt!

Bella: Das war ein Lied von Anna; sie hat es mir aus Cöln geschickt

mit vielen Grüßen an alle Freunde und einem besondern Gruße an Louis.

Louis: So? Nun, das freut mich recht sehr; auch einen Gruß an mich;

ich danke Ihnen, Fräulein Bella, und geht es Ihrer Schwester Anna gut

in Deutschland?

Bella: O ja; sie schrieb mir einen langen Brief. Sie können ihn

lesen, wenn Sie wollen. Nehmen Sie ihn nur mit nach Hause; Sie werden

lange Zeit dazu gebrauchen, und ich glaube, er wird Sie interessieren.

Louis: Sie sind sehr gütig, mein Fräulein.

Martha Meister: Wir haben Sie ja so lange nicht gesehen, Herr Louis!

Gretchen: Und Ihre Herren Brüder auch nicht!

Bella: Sie sind doch alle wohl?

Louis: O ja; danke, meine Damen, recht wohl.

Martha Parks: Meine Brüder gehen immer auf die ..... die ....., was

ist es, Louis? Wohin geht Ihr?

Louis: Auf die Jagd.

Martha Parks: Ja, auf die Jagd und lassen mich alleine, und ich bin

dann traurig. Das ist gar nicht schön von ihnen, nicht wahr?

Louis: Nun werden wir nicht mehr so oft gehen, liebe Schwester.

Gretchen: Schießen Ihre Herren Brüder so gut, wie Sie?

Louis: O ja; oft besser. Albert nimmt einen Silber-Dollar aus der

Westen-Tasche und wirft ihn mit der linken Hand in die Luft; mit der

rechten Hand schießt er dann sein Pistol ab und trifft den Dollar. --

Sagen Sie, Fräulein Bella, haben Sie schon Münchhausens Jagd-Abenteuer

gelesen? Nein? Nun, meine Damen, dann will ich Ihnen etwas erzählen,

das Ihnen gefallen soll.

Der Baron von Münchhausen war einmal auf der Jagd. Da kam ein Hirsch

durch den Wald gerannt. Schnell nahm der Baron die Flinte von der

Schulter. Aber -- o weh! -- er hatte keine Kugel mehr. Da nahm er vom

Boden einen Kirschen-Stein auf, steckte ihn in die Flinte, zielte,

drückte ab und traf das Tier mitten auf den Kopf zwischen das schöne

Geweih. Der Hirsch fiel, stand aber im nächsten Momente wieder auf den

Beinen und war auf und davon gerannt.

Ein Jahr später kam Baron von Münchhausen wieder in den Wald und sah

wieder denselben Hirsch und auf dem Kopfe zwischen dem Geweihe war ein

großer Baum mit reifen Kirschen. Dieser Baum war aus dem

Kirschen-Stein gewachsen. Dieses Mal aber hatte Herr v. Münchhausen

Kugeln; er schoß und der Hirsch fiel tot zu Boden. Da hatte der Baron

einen feinen Braten und Kirschen zum Dessert. War das nicht schön,

meine Damen?

Gretchen: O, das war reizend!

Louis: Das ist alles noch nichts. Das Beste kommt noch; hören Sie

nur:

Einmal war der Baron nach Rußland geritten auf seinem Pferde; der

Winter war sehr streng und es schneite sehr stark. An einem Tage war

er schon lange geritten und daher müde geworden, aber er sah kein

Haus, und es schneite, als ob alles vom Himmel herunter

wollte. Zuletzt konnte er nicht weiter; er war zu sehr ermüdet, und es

war schon lange Nacht. Da band er sein Pferd an einen Pfahl, hüllte

sich in seinen Mantel, legte sich auf den Schnee und schlief ein.

Am nächsten Morgen, als er wieder erwachte, war er sehr verwundert;

denn rings umher sah er Grab-Steine, und er hatte sie doch nicht am

Abend gesehen! Er war aus einem Kirch-Hofe. Wo aber war denn sein

Pferd? -- Er hörte es über sich wiehern; und als er aufblickte, sah

er es hängen an der Spitze des Kirch-Turmes.

Nun war alles klar: Gestern hatte es so viel geschneit, daß der Schnee

bis über die Häuser und bis über die Turm-Spitze gekommen war, und was

er für einen Pfahl angesehen hatte, das war das obere Ende des

Kirch-Turmes. Nach Mitternacht war dann der Schnee geschmolzen; der

Baron selbst war allmählich herabgesunken, bis er zuletzt auf dem

Kirch-Hofe ruhte. Das Pferd aber hing nun noch oben. Da nahm er sein

Pistol, zielte und schoß mitten durch den Halfter. Das Pferd kam

herunter, der Baron setzte sich darauf und ritt fröhlich weiter.

Bella: Ist das alles wahr, was Sie da sagen, Herr Louis?

Louis: O ja, mein Fräulein, das ist alles wahr, denn der Baron von

Münchhausen hat es selbst erzählt.

Gretchen: Aber, Herr Louis, ich muß Sie wieder fragen: Warum kommen

denn Ihre Herren Brüder nicht mehr?

Louis: Bruder Otto ist noch zu müde von der Jagd und ruht sich aus,

und Bruder Albert geht oft wie träumend umher, es muß wohl etwas

Ernstes sein, über das er sinnt; aber ich mag ihn nicht mehr

fragen. Einmal habe ich es getan, und da sah er mich so wunderlich

an, -- ich wußte nicht, was ich von ihm denken sollte.

Martha Parks: Ich weiß, was er tut; Louis, soll ich es sagen? Aber

Ihr dürft es niemandem wieder erzählen -- hört Ihr, niemandem.

Bella: O nein, wir wollen es niemandem sagen. Was ist es, Martha?

Sprich nur.

Martha Parks: Er macht Gedichte.

Bella: Gedichte?

Martha Parks: Ja, ganz gewiß. Ich kam einmal zu ihm und da sah ich

es. Schnell legte er alles zur Seite, und so habe ich nur die

Überschrift gelesen, sie lautete: »An Martha«. Ha, sagte ich, Du

willst mich überraschen, lieber Albert, nicht wahr? und da lachte er

laut und lange und küßte und koste mich und wollte gar nicht enden.

Gretchen: Wirklich?

Bella: So?

Louis: Hm, hm!

Martha Parks: Aber was ist denn, Ihr wundert Euch ja alle so sehr?

Bella: Hast Du.........

Martha Meister: Hast Du schon von Schiller gehört, Martha?

Martha Parks: Von Schiller?

Bella: Ich würde Dir recht herzlich danken, wenn Du uns heute von

ihm erzählen wolltest. Du hast mir schon vor langer Zeit versprochen,

einmal von diesem großen deutschen Dichter zu sprechen.

Martha Meister: Gerne, gerne will ich heute Deinen Wunsch erfüllen,

das heißt, wenn es Euch allen angenehm ist.

Alle: O, wir bitten darum.

Martha Meister: Gut, dann will ich beginnen.

Schillers Vater war ein ernster Mann. Er war Offizier in einem

würtembergischen Regimente. Und als er aus dem Lager kam und zum

ersten Male an der Wiege seines Sohnes stand, betete er inniglich:

O, gütiger Gott, laß diesen meinen neugebornen Sohn gut werden und

groß, und laß ihn alles das erreichen, was ich mir einst selbst

gewünscht habe, aber nicht mehr erreichen konnte.

Die Mutter war mild und fromm und lieb, wie es eine Mutter nur sein

konnte mit ihrem einzigen Sohne. Und wenn der Vater oft zu strenge

gewesen war, so kam Friedrich zur Mutter und vergaß seinen kindlichen

Kummer; und wenn die Mutter ihm eine Freude machen wollte, so erzählte

sie ihm die Geschichten aus der Bibel. Dann lauschte er mit seinen

beiden Schwestern.

Zuletzt sagte der kleine Friedrich: Ich will ein Prediger werden. Das

war auch der Mutter lieb, und oft mußte sie lachen, wenn sie ihren

Friedrich sah, wie er auf dem Stuhle stand und seinen Schwestern und

Freunden eine Predigt hielt.

Einige Jahre später kam er zu einem Pastor und studierte fleißig, und

seine Liebe zu diesem guten Manne war so groß, daß er fest

entschlossen war, auch ein Prediger zu werden, wie jener. Aber es

sollte anders kommen.

In jener Zeit hatte der Herzog von Würtemberg ein Institut errichtet

für die Söhne seiner Offiziere, und da er nur die besten Knaben für

diese Anstalt wählen wollte, so kam er auch in Schillers Haus.

Frau Schiller aber mochte ihren Sohn nicht in jene Anstalt geben, denn

er konnte dort keine Theologie studieren; und dann wollte sie gerne

ihren einzigen, geliebten Sohn bei sich behalten. Aber der Herzog

wollte und mußte seinen Willen haben. Dreimal war er gekommen, bis

zuletzt Friedrich Schiller vom Eltern-Hause in die Anstalt kam, die

später den Namen »Karls-Schule« erhielt.

Bella: An Frau Schillers Stelle würde ich den Sohn nicht in jene

Anstalt gegeben haben.

Martha: Ah, meine liebe Bella, Du kennst den Herzog nicht. Er war ein

arger Tyrann, wie die meisten Fürsten in jener Zeit -- und das war

eine böse, böse Zeit. Jeder Fürst, und war er noch so klein, wollte

leben und herrschen, wie Ludwig XIV. von Frankreich es getan hatte.

Sie bauten Paläste, Theater und Opern-Häuser, hielten Sänger und

Ballett-Tänzer, hatten die großartigsten Parks und Gärten und dazu

Luxus aller Art; aber das Geld zu diesen Herrlichkeiten nahmen sie von

ihren Unterthanen.

Die armen Menschen mußten schwer arbeiten wie Sklaven, damit ihre

Herren schwelgen konnten; und als sie nichts mehr hatten und ihnen

alles genommen war, da ergriff man ihre Person; von dem Vater und von

der Mutter nahm man die Söhne; mit Gewalt riß man sie von ihren

Herzen, sah nicht auf ihren Schmerz, hörte nicht auf ihre Klagen; --

und die Söhne verkaufte man dann an England, und England schickte sie

nach Amerika, -- dort sollten sie kämpfen gegen Freiheit und Recht.

So trieben es in jener Zeit die meisten Fürsten, und auch der Herzog

Karl. Als er älter war, wurde er freilich anders, und als er seinen

fünfzigsten Geburts-Tag feierte, schrieb er ein langes Register seiner

Sünden und versprach, sich zu bessern, und ließ dieses in allen

Kirchen seines Landes vorlesen.

Diese Besserung aber und auch die Errichtung der Karls-Schule war das

Werk seiner Gemahlin. Diese Herzogin war aber zuvor eines andern

Mannes Frau gewesen; der Herzog hatte sie jedoch mit Gewalt zu sich

genommen.

Louis: Und der Mann, was tat denn der?

Martha Meister: Nichts, Louis; er konnte nichts tun. Karl war ein

arger Tyrann -- und auch in der Schule. Ihr könnt euch wohl denken,

daß es Schiller niemals recht gefiel, schon deshalb nicht, weil er

kein Prediger werden konnte und Medizin studieren mußte.

Die Schule war berühmt geworden, und oft kamen hohe Herren von allen

Teilen Deutschlands, um sie zu besehen. Einmal war auch der junge

Herzog Karl August von Weimar mit seinem Freunde Goethe gekommen. Wie

Schiller den jungen Poeten anstaunte! O, rief er aus, wie jung er ist,

und doch schon so berühmt! Und ich, ich habe noch nichts getan, und

wer weiß, ob ich wohl jemals etwas Großes tun werde!

Da standen sie zum ersten Male zusammen und sie gingen von einander

und wußten nicht, daß sie einst die beiden großen Poeten Deutschlands

und die besten Freunde werden sollten.

Ein anderes Mal kam Lavater nach der Karls-Schule. Lavater war damals

berühmt; nicht allein, weil er ein geistreicher Mann und ein sehr

frommer Prediger war, sondern auch deshalb, weil er ein Werk

geschrieben hatte über Physiognomie.

In der Karls-Schule führte man ihm die Schüler vor, daß er sie sehe

und ein Urteil abgebe über ihren Charakter und ihre Fähigkeiten.

Nachdem er schon viele gesehen und beurteilt hatte, kam auch ein

langer, hagerer Mensch. Lavater befühlte seinen Kopf, sah ihm scharf

in die Augen, musterte ihn von oben bis unten und rief voll Entsetzen:

O, o, das wird ein großer Spitzbube werden! --

Schiller war es; dieses Mal hatte sich der gute Lavater arg getäuscht.

* * *

Nachdem Schiller genügend studiert hatte, wollte er auch sein Examen

machen in der Medizin und schrieb seine Arbeit. Die Professoren

prüften sie und fanden sie gut; -- doch meinten sie: Schiller denke

nicht immer so wie sie; er habe zu viele eigene Ideen und allzu viel

Feuer.

Wohl, sagte der Herzog, so soll Schiller noch ein Jahr bei uns

bleiben, wir wollen ihm das Feuer erst legen. -- Und Schiller mußte

noch ein Jahr länger in dieser Anstalt bleiben, die er haßte.

In diesem Jahre schrieb Schiller sein erstes Drama, aber die

Professoren und der Herzog durften es nicht wissen. Nachts im Geheimen

mußte er schreiben, und da er zuletzt sein Werk beendet hatte und es

seinen Freunden fern im finstern Walde vorlas, da war ihr Enthusiasmus

unbeschreiblich, -- solche Gedanken in deutscher Sprache hatten sie

nie zuvor weder gelesen noch gehört.

Bald hatte Schiller auch sein Examen gemacht und war Arzt geworden in

einem Regimente, das in Stuttgart stand. Nun ließ er sein Drama

drucken, und es ging in die Welt und entflammte alle Herzen. Überall,

überall, wo man deutsch verstand, las man »Die Räuber,« in den besten

Theatern spielte man dieses Stück und Schiller war mit einem Male

berühmt geworden.

Der Herzog selbst war stolz darauf, denn Schiller war ja aus seiner

Schule hervorgegangen; und doch wollte er ihn verhindern, ferner

Poesie zu schreiben. »Bücher über Medizin mag der Schiller schreiben,

keine Poesie,« -- so etwa schrieb der Tyrann an den Poeten.

Louis: Es ist ein Glück für diesen Herzog Karl, daß ich nicht zu

seiner Zeit gelebt habe. Schiller hat doch Poesie geschrieben, nicht

wahr?

Martha Meister: Gewiß, aber das ist eine lange Geschichte, und ich

fürchte, es wird Ihnen zu viel, Herr Louis.

Louis: O nein, mein Fräulein. Sie wissen sehr wohl, wie gespannt ich

nun bin. Bitte, seien Sie so gut und erzählen Sie weiter.

Martha Meister: Zur selben Zeit lebten auch in Stuttgart die Herren

Wolzogen; sie waren Schul-Kameraden und Freunde von Schiller, und ihre

Mutter nahm großes Interesse an dem jungen Poeten und gehörte zu

denen, die ihn bewunderten, und sie hätte gar zu gerne einmal »Die

Räuber« im Theater zu Mannheim gehört.

Schiller reiste dahin mit ihr und einer andern Freundin; aber da er

heimlich, ohne des Herzogs Wissen, Stuttgart verlassen hatte, so hatte

er die Damen gebeten, mit niemandem darüber zu reden. Das versprachen

denn auch die Damen sehr schnell.

Und sie kamen zurück und hatten »Die Räuber« gesehen und dazu die

Begeisterung der Menschen; -- und sie konnten nicht schweigen, es war

ihnen unmöglich! -- Und nur einer Freundin erzählten sie es; aber sie

sagten zu ihr, daß sie es niemandem weiter erzähle. Und die Freundin

hatte auch eine Freundin und diese wieder eine andere; und eine

Freundin erzählte es der andern, aber hatte immer zu derselben gesagt:

»Ja nicht weiter erzählen« -- und so war es endlich doch zu des

Herzogs Ohren gekommen.

Der Herzog war ergrimmt, daß Schiller, ein Offizier des Regiments, es

gewagt hatte, ohne seine Erlaubnis die Garnison zu verlassen, und er

gab ihm daher einige Wochen Arrest. Schiller aber hatte beschlossen,

frei, für immer frei zu werden.

Bald darauf wurde wieder des Herzogs Geburts-Tag gefeiert, und die

Gäste waren von weit und breit gekommen; und da war großes Gedränge;

Gäste zu Wagen und zu Pferde kamen und gingen.

In derselben Nacht fuhr langsam ein Wagen zum Thore hinaus, darin

saßen zwei Männer, tief in ihre Mäntel gehüllt. Die Nacht war finster,

kein Stern stand am Himmel, und die Beiden im Wagen saßen lautlos

da. Nur einmal, als der Wagen die Soldaten am Thore passierte, atmeten

sie laut und frei, und dann fuhr der Wagen schnell, und zuweilen

konnte man einen Seufzer und die Worte hören: Meine arme, arme Mutter!

Früh am nächsten Morgen hielt der Wagen in Mannheim, und ein

schlanker, hoher Mensch sprang herab, -- es war Schiller, der den

Händen des Tyrannen entflohen war; er war in einem andern Lande, -- er

war frei. An seine Schwester schrieb er damals so:

»6. November 1782.

Teuerste Schwester!

Gestern Abend erhielt ich deinen lieben Brief und ich eile, dich aus

deinen und unserer besten Eltern Besorgnissen über mein Schicksal zu

reißen.

Daß meine völlige Trennung von Vaterland und Familie nunmehr

entschieden ist, würde mir sehr schmerzhaft sein, wenn ich sie nicht

erwartet und selbst befördert hätte, wenn ich sie nicht als die

notwendigste Führung des Himmels betrachten müßte, welche mich in

meinem Vaterlande nicht glücklich machen wollte. Auch der Himmel ist

es, dem wir die Zukunft anvertrauen, von dem ihr und ich,

_gottlob nur allein,_ abhängig seid; und Ihm übergebe ich euch, meine

Teuern; Er erhalte euch fest und stark, meine Schicksale erleben und

mein Glück mit der Zeit mit mir teilen zu können. Losgerissen aus

euren Armen, weiß ich keine bessere, keine zuverlässigere Niederlage

meines teuersten Schatzes, als Gott. Von Seinen Händen will ich euch

wieder empfangen und -- das sei die letzte Thräne, die hier fällt!

..... ..... ..... ..... ..... ..... ..... ..... Noch einmal, meine

innig geliebte Schwester, vertraue auf Gott, der auch der Gott deines

fernen Bruders ist, dem dreihundert Meilen eine Spanne breit sind,

wenn Er uns wieder zusammen gebracht haben will. Grüße unsern besten,

allerteuersten Vater und unsere herzlich geliebte, gute Mutter, meine

liebe, redliche Louise und unsere kleine gute Nanette. Wenn mein Segen

Kraft hat, so wird Gott mit euch sein. Ein inneres, starkes Gefühl

spricht laut in meinem Herzen: Ich sehe euch wieder. -- Vertraue auf

Gott! Es wird kein Haar von uns allen auf die Erde fallen.

Ich werde zu weich, Schwester, und schließe. Wenn du die Wolzogen

sprichst, so mache ihr tausend Empfehlungen ....... Ich kann nicht

weiter schreiben. Du schreibst mir, wie bisher, über Mannheim.

Ewig dein treuer, zärtlicher Bruder

Friedrich Schiller.«

So schrieb er an seine älteste Schwester, und Ihr werdet wohl gemerkt

haben, daß er in Mannheim nicht mehr war. Die Verfolgung des Herzogs

fürchtend, war er bald weiter geflüchtet, wohin aber, das wußten nur

wenige.

Schiller war verschwunden, sein Name wurde nun lange nicht mehr

gehört; -- aber auf einem Land-Gute der Frau von Wolzogen sah man

jetzt zuweilen einen schlanken Mann durch Feld und Wald gehen,

langsam, mit gesenktem Haupte, oft wie träumend. Und wenn die Leute

ihn so sahen, so meinten die einen, er müsse viel denken; andere

meinten, er müsse wohl große Sorgen haben -- alle aber zogen voll

Achtung den Hut vor ihm ab.

Es war Schiller. Hier lebte er und hier dichtete er »Fiesko«. Doch

bald durfte er wieder nach Mannheim zurückkehren, und da vollendete er

sein drittes Drama, »Kabale und Liebe« -- und auch dieses Drama

gefiel.

* * *

Schiller hätte nun glücklich leben können, denn er war frei und wurde

berühmt; aber er war arm. Das machte ihm jetzt besonders viel Sorge;

denn als er »Die Räuber« hatte drucken lassen, hatte ein Freund, ein

Offizier, das Geld für ihn geborgt; und da Schiller das Geld noch

nicht zurückzahlen konnte und der Freund selbst kein Geld hatte, den

Wechsel zu bezahlen, so mußte er in das Gefängnis wandern, der

Freiheit und der Ehre beraubt -- durch Schiller; und dieser konnte an

keine Hülfe denken für den treuen Freund.

Schiller war in Verzweiflung und murrte gegen die Göttin der Poesie,

die ihm bis heute nur Kummer und Leiden gebracht hatte. Wahrlich, er

wollte die Ungetreue verlassen, wollte sich ganz dem Studium der

Medizin hingeben und niemals, niemals wollte er wieder dichten.

Aber es sollte nicht so kommen.

Zu dieser Zeit kam von Leipzig ein Brief an Schiller. Zwei Herren und

ihre Bräute hatten ihm gemeinschaftlich geschrieben, sie wollten dem

Dichter der Räuber den Tribut ihres Dankes darbringen; die Damen

hatten auch eine Hand-Arbeit an Schiller gesandt mit der Bitte, sie

anzunehmen als Zeichen ihrer großen Bewunderung.

Das ist von Gott, dachte Schiller, und schrieb zurück und erzählte

seine traurige Lage und bat um Hilfe für seinen gefangenen Freund, und

bald erhielt er eine Summe, welche groß genug war, den Freund zu

befreien; Schiller selbst aber folgte der Einladung, nach Leipzig zu

kommen und wohnte jetzt bei seinem guten und reichen Freunde Körner.

Louis: Nobler Körner!

Martha Meister: Ja, nobler Körner! Er zerstreute die finsteren

Wolken, die über dem Haupte des Dichters schwebten, und brachte ihm

bessere Tage. Manche lehrreiche und manche frohe Stunde verlebten sie

da.

Und einmal, da sie so recht freudig zusammen gewesen waren, hatte

Schiller im Vollgefühl seines Glückes seine Ode »An die Freude«

gedichtet.

Gretchen: »Freude, schöner Götter-Funken«?

Martha Meister: Dasselbe. Beethoven faßte durch dieses Gedicht die

Idee zu seiner großen, wunderbaren Symphonie, der neunten.

Gretchen: Und endete sie mit den Worten des Dichters.

Martha Meister: So ist es, Schwester.

Bella: Und was war Schillers nächstes Drama?

Martha Meister: »Don Carlos«.

Gretchen: Verzeihe, Schwester, wenn ich nochmals unterbreche. Es

dürfte für Bella von Interesse sein zu hören, daß die Musen den edlen

Körner reichlich belohnten für das, was er an ihrem Liebling,

Schiller, getan hatte.

Bella: Wie meinst Du das, Gretchen?

Studien und Plaudereien im Vaterland. Second Series · 第 10 / 19 段