Herr Meister: Es waren allerdings nur die Ritter und die

Minne-Sänger, also die feineren Klassen der Gesellschaft, die den Wert

der Frauen erkannten. Vergoldet nicht die Sonne zuerst die Spitzen

der Berge, bevor ihr herrlicher Schein auch hinab in das Tal dringt?

-- Auch für die Frauen der unteren Klassen begann bald die Erlösung --

durch Dr. Martin Luther.

Bella: O, Herr Meister, ich sehe schon, Sie wollen uns zeigen, daß

das Heil für die Frauen aus Deutschland kommt, wie so vieles andere,

was die Menschen beglückt hat.

Herr Meister: Nein, mein Fräulein, daran habe ich allerdings nicht

gedacht. Aber ich wollte Ihnen zeigen, daß das Heil der Frauen immer

aus dem Norden kam.

Gretchen: Papa, hat denn auch die Befreiung der Frauen etwas mit der

Geographie zu tun?

Herr Meister: Sehr viel, mein Kind. Ist nicht das Weib im Norden,

sagen wir z.B. in Deutschland oder in England, geachteter, als im

Süden: in Griechenland, in Italien, in der Türkei? Und ist das nicht

ganz natürlich?

Im Süden ist die Natur freundlich mit dem Menschen und giebt ihm

alles, wie eine gütige Mutter. Dort ist die Sonne warm, die Luft

mild, und der Erdboden ist reich. Die Natur giebt dem Manne im Süden

mit leichter Mühe Nahrung und Schutz, darum bedarf der Mann im Süden

des Weibes und des Hauses nicht so sehr, wie der Mann im Norden.

Aber wie war es früher im Norden. Der Mann kam abends aus dem Walde,

und die Kälte des Winters war strenge. Er hatte gejagt oder die Bäume

des Forstes gefällt; und nun war er hungrig und müde.

So erreichte er sein Heim. Da aber stand sein Weib an der Thüre und

erwartete ihn mit liebendem Blicke, mit offenem Arme. Sie nimmt ihm

die Waffen ab, sie führt ihn zum Herde an das erwärmende Feuer und

dann zum reichlichen Mahle, das sie bereitet.

Dem Manne wird wohl, er fühlt sich glücklich und er weiß, daß er

dieses seinem treuen Weibe zu danken hat; er erkennt den Wert ihrer

Wohltat -- und ehrt und liebt das Weib.

Was die Natur im Norden dem Manne versagt hat, das giebt ihm reichlich

das Weib.

Wundern Sie sich nun, daß die rohen Germanen das Weib höher schätzten,

als die kultivierten Römer? Wundern Sie sich nun, daß die

Minne-Sänger, diese Dichter des Nordens, im Weibe das Symbol alles

Guten und Schönen sahen, während die Troubadours, diese Dichter des

Südens, im Weibe nur die Geliebte des Mannes erblickten? Und wundern

Sie sich nun, Bella, daß auch ein Germane in der neuen Zeit uns das

höchste Ideal eines Weibes gegeben hat?

Gretchen: Und von welchem Manne sprichst Du, Papa?

Herr Meister: Von Goethe.

Frau Meister: Ich dachte es.

Martha: Goethe, Papa? Goethe, meinst Du?

Herr Meister: Ja, liebe Martha; und denkst Du nicht, mein liebes

Weibchen, daß unsere Töchter Goethe's »Iphigenie« oft und recht oft,

und gut und recht gut studieren sollten?

Frau Meister: Gewiß, Wilhelm, ich denke wie Du; und ich denke auch,

daß alle jungen Damen dasselbe tun sollten. Es würde uns allen sehr

lieb sein, wenn Du jetzt ein wenig über dieses wundervolle Werk

erzählen wolltest.

Herr Meister: Wenn Du es wünschest, gerne. Sie haben von Tantalus

gelesen, meine Freunde, nicht wahr? -- Nun wohl. -- Tantalus war der

Sohn des Zeus und der Pluto und wohnte in seiner Burg am Berge

Sipylus.

Unter allen Königen war er der stärkste und reichste; denn er hatte so

viele Länder, daß man sie in drei Tagen nicht durchwandern konnte, und

darin hatte er viele Herden von Schafen und Rindern.

Bei den Menschen war er überall beliebt und bei den Göttern so sehr,

daß sie ihn oft einluden, im Olymp an ihrer Tafel mit ihnen zu

speisen, und ihn oft um seine Meinung fragten; denn sie kannten seine

Weisheit.

Daher wurde Tantalus sehr stolz und dachte von sich sehr hoch und

mehr, als recht war; denn was ich bin, so dachte er, bin ich durch

mich selbst, durch meine eigene Kraft, durch meine eigenen Taten; und

am Ende sind die ewigen Götter nicht mehr, als ich bin, vielleicht

nicht einmal so viel. -- So sprach er und verübte eine abscheuliche

Tat, um die Allwissenheit der Götter zu prüfen.

Dann aber waren die Götter erzürnt und stürzten ihn von der göttlichen

Tafel tief hinab in die Unterwelt und straften ihn fürchterlich.

Und auch die Nachkommen dieses Tantalus waren stark, klug, nobel, aber

oft auch stolz und übermütig. Aus dieser Familie stammte Agamemnon.

Er war Feldherr der Griechen, als sie nach Troja zogen, und seine

Tochter Iphigenie war der Göttin Diana geopfert worden. So dachten die

Griechen, Agamemnon und Klytemnestra, seine Gattin.

Diana aber, die Göttin, hatte Mitleid mit der herrlichen Iphigenie

gehabt und hatte sie in einer Wolke auf die Insel Tauris gebracht.

Hier weilte sie in einem Tempel als die Priesterin der Göttin Diana

zum Heile vieler Menschen. Denn der König Thoas, ein ernster, roher

Mann, wurde freundlicher, da er die schöne, milde Jungfrau sah; er

folgte ihrem Worte und wurde milder gegen seine Diener und gegen sein

Volk. Alles war besser geworden in dem Lande von dem Tage an, da

Iphigenie darin weilte.

Wenn früher Männer aus fremden Ländern nach Tauris gekommen waren, so

wurden sie getötet; nun aber war man gut gegen sie und sandte sie in

die Heimat zurück.

Iphigenie aber ward nicht froh im fremden Lande und unter fremden

Menschen und sie sehnte sich zurück in die teure Heimat, zu ihrem

Vater, zu ihrer Mutter, zu ihrer Schwester, zu ihrem Bruder Orest, der

noch klein war, da sie ihn verlassen hatte. Und oft stand sie am

Meere, sah weit hinaus und grüßte die Meeres-Wellen, die vielleicht

hinzogen nach ihrer lieben Heimat.

* * *

An einem Tage aber war der König zum Tempel gekommen, um Iphigenie zu

seiner Gattin zu nehmen; denn er war weib- und kinderlos geworden.

Sie aber sagte zu ihm: Ich ehre dich, o König, wie einen zweiten

Vater, wie einen Freund; doch dein Weib vermag ich nicht zu werden,

denn meine Heimat ist es, nach der ich mich sehne.

Der König aber war über solche Worte unzufrieden und sprach: Wohlan,

es sei also: Kommt ein Glied aus deiner Familie, dich heimzuführen, so

magst du gehen; wo nicht, so werde mein Weib. -- Doch wahrlich, es

beginnen von diesem Tage an wieder die alten Sitten meines Volkes!

Und der König ging in seinem Zorne und gebot: Man höre nicht mehr auf

das Wort jener Priesterin. Man opfere, wie früher, alle Fremden, die

diese Insel betreten, und man beginne sofort mit den zweien, die man

vor kurzem an der Küste gefunden.

Der eine dieser Gefangenen aber kam durch den Hain. Er war ein

Grieche, und nach vielen Jahren zum ersten Male hörte Iphigenie wieder

die Laute ihrer geliebten Mutter-Sprache. Und sie hörte auch, daß

Troja gefallen, daß ihr Vater heimgekommen und durch die Hand seiner

eigenen Gattin ermordet sei; denn sie hatte es nicht vergessen können,

daß er Iphigenie hatte töten lassen; -- und Iphigenie hörte mehr; sie

hörte, daß Orest, ihr Bruder, wieder die eigene Mutter getötet hätte,

um den Vater zu rächen.

Ach, Unglück über Unglück war gekommen über ihr Haus, und nun sollte

sie das Schrecklichste tun: Sie selbst sollte ihren Bruder opfern;

denn Orest, ihr Bruder, stand nun vor ihr; er war der zweite der

Gefangenen; er selbst hatte ihr jene fürchterliche Kunde aus der

Heimat gebracht.

Wie groß ihre Freude war, den Bruder zu sehen, den heißgeliebten, den

lang vermißten, so groß war auch ihr Schmerz über alles, was sie

gehört und über das Übel, das den Bruder befallen hatte; -- denn er

fiel oft in den fürchterlichsten Wahnsinn durch den Gedanken an seine

unmenschliche Tat.

Aber Iphigenie wollte ihm Hülfe bringen; ja, sie mußte den beiden

folgen; denn ihr Bruder war mit seinem Freunde Pylades gekommen, das

Götterbild der Diana aus dem Tempel zu entführen.

Iphigenie wollte ihnen helfen und mit ihnen entfliehen. Sie konnte

ihre Freiheit wieder gewinnen, sie konnte die Heimat und Elektra, ihre

teure Schwester, wieder sehen und bei dem geliebten Bruder leben.

Das alles wollte und konnte sie nun erreichen. Wie glücklich sie war!

Doch ach! -- durfte sie es tun? War Thoas, der König, nicht ihr

väterlicher Freund, ihr Wohlthäter? -- Undankbar wollte sie nimmer

sein! Niemals wollte sie unrecht tun, niemals, selbst dann nicht, wenn

sie die Heimat nie wieder sehen sollte, -- die Heimat, die ihr so

teuer war; lügen wollte sie nicht, selbst wenn der Bruder unglücklich

werden sollte.

Sie glaubte an das Gute, Edle in den Menschen, und so ging sie zu

Thoas, dem König, und sagte ihm den Plan, offenbarte ihm alles und bat

ihn, sie zu retten, sie und den Bruder und dessen Freund; sie bat ihn,

eine Tat zu tun, so groß und so edel, wie diese.

Lange zauderte der König. Es ward ihm schwer, sich von ihr, dem

geliebten Weibe, zu trennen; es ward ihm schwer, die beiden Griechen,

seine Feinde, ungehindert ziehen zu lassen.

Aber das Wort Iphigeniens und ihr Wesen waren so mächtig, daß der

König hörte und die große Tat vollbrachte. -- Sie schied von ihm in

Freundschaft; ihr Bruder ward geheilt vom Wahnsinn und war wieder

froh.

So wirkt ein Weib. Kultur, milde Sitten, Wohlfahrt und Glück bringt

sie dem Lande; sie macht glücklich, edel und groß alle, die in ihrer

Nähe sind; dem Kranken und allen Unglücklichen bringt sie Heilung und

neue Lust zum Leben.

So groß ist die göttliche Kraft des Weibes. Sie wirkt gutes durch den

Ton ihrer Stimme, durch den Blick ihres Auges, durch ihr ganzes Wesen;

aber dann nur kann sie es vollbringen, wenn ihr Herz rein, wenn ihre

Seele groß, wenn sie ist, was sie sein soll: Eine Priesterin im Hause

und eine Förderin des Guten und Schönen auf Erden.

* * *

Martha: Papa!

Herr Meister: Meine Tochter!

Martha: Von heute an will ich Goethe lieben um seiner »Iphigenie«

willen.

Herr Meister: Das thue nur, meine Tochter, Du thust recht. -- Aber

Mama, wir bedürfen nun auch des Materiellen. Wo sind die schönen

Früchte, die uns die Herren Parks so freundlich gesandt haben?

Frau Meister: Martha wird so gut sein, sie uns zu reichen.

Herr Meister: Aber, Herr Otto, wie geht es Ihrem Herrn Bruder, dem

Doktor?

Otto: Er sagte mir, daß er vielleicht noch kommen würde, wenn auch

spät.

Gretchen: Louis, können Sie gut Rätsel lösen?

Louis: O ja.

Gretchen: Nun, was ist das?

Erst weiß wie Schnee,

Dann grün wie Klee,

Dann rot wie Blut,

So schmeckt es gut.

Louis: Das ist etwas zum Essen, nicht wahr?

Gretchen: Ja, aber was?

Louis: Das weiß ich nicht.

Bella: Eine Kirsche.

Gretchen: Richtig!

Bella: Aber was ist das?

Ein Kopf und ein Bein

Ist alles, was mein.

Der Kopf hat eine Mütze

Das Bein hat eine Spitze.

Was ist das?

Martha: Ich weiß es, Bella.

Bella: Nicht sagen, Martha, nicht sagen! Nun, Herr Otto?

Otto: Ist es eine Stecknadel?

Bella: Ja, eine Stecknadel. -- Wollen Sie auch ein Rätsel geben,

Otto?

Otto: Was ist das?

Ein jeder hat's;

Im Grabe ruht's;

Der Herr befiehlt's,

Der Kutscher thut's.

Louis: Das ist schwer; das errate ich niemals.

Otto: Nun, meine Herrschaften? Erraten Sie!

Bella: Ja, wenn wir nur könnten! Ich glaube, Frau Meister weiß

es. Sagen Sie es. Was ist es?

Frau Meister: Herr Otto, ist es ein Wort mit drei Silben?

Otto: Ganz recht.

Frau Meister: »Vorfahren«?

Otto: Erraten! Erraten!

Louis: Was? -- Ich verstehe es noch nicht.

Otto: Vorfahren, Louis. Denke nur nach.

Louis: O ja; jetzt habe ich es, jetzt habe ich es. Das ist sehr gut,

Otto. Woher hast Du Deine Rätsel? Ich will auch Rätsel studieren. --

Nun, das ist merkwürdig! Hören Sie nicht wirklich auch einen Wagen

vorfahren? Er hält -- das ist unser Wagen, Otto. Albert kommt, -- ja,

das ist sein Schritt.

Frau Meister: Das ist mir sehr angenehm. -- Herein!

Dr. Albert: Ich wünsche Ihnen einen guten Abend, meine Damen und

meine Herren, und bitte um Verzeihung, daß ich Sie störe in Ihrer

Unterhaltung. Es ist so reizend hier, daß ich es sehr bedauere, nicht

verweilen zu können. Zwei Schul-Freunde, welche ich in der unteren

Stadt getroffen habe, warten auf der Straße in unserm Wagen; und so

muß ich Euch bitten, Otto und Louis, aufzubrechen, so leid es mir auch

thut. Seid Ihr bereit?

Otto und Louis: Wir sind bereit.

Bella: Es ist wirklich schade, daß Sie nicht ein wenig bleiben

können, Herr Doktor.

Dr. Albert: Niemand bedauert das mehr, als ich selbst; -- und so

wünsche ich Ihnen allen: Gute Nacht!

Alle: Gute Nacht!

Otto: Gute Nacht, meine Herrschaften!

Louis: Gute Nacht, meine Damen! Gute Nacht, Herr Meister!

Frau Meister: Wollt Ihr mich entschuldigen, wenn auch ich nun gehe?

Alle: Gewiß.

Martha: Mama, kann ich Dich auf Dein Zimmer begleiten? Ich möchte

mit Dir sprechen.

Frau Meister: Gewiß, meine Tochter. Komm! -- Gute Nacht, Bella!

Bella: Schlafen Sie wohl, Frau Meister!

Martha: Wollt Ihr mich entschuldigen, Bella und Gretchen? Ich bin

bald wieder bei Euch.

Gretchen: Gewiß. Wir bleiben bei Papa und plaudern.

[Illustration]

[Illustration]

V.

Martha: Aber, -- das ist ja englisch, und ich dachte, Anna schriebe

deutsche Briefe!

Bella: Das thut sie auch, Martha -- siehst Du, hier beginnt der

deutsche Teil, und so hübsch schreibt sie, ich habe ihn schon zwei mal

ganz alleine für mich gelesen und ich möchte ihn wieder und wieder

hören. Ach, bitte, süßes Gretchen, lies ihn doch einmal laut vor, ich

weiß, Martha, es wird Dir viel Vergnügen machen, alles zu hören, was

meine liebe, gute Schwester Anna schreibt. Willst Du, Gretchen, ja?

Gretchen: Gewiß, Bella, gerne; wo soll ich beginnen?

Bella: Hier, siehst Du?

Gretchen: Also .... Entschuldige mich, teure Bella, daß ich meinen

Brief auf englisch begonnen habe; ich schreibe jetzt so gerne englisch

und höre es so gerne. Wenn ich auf der Straße gehe und höre hinter

mir englisch sprechen, dann beginnt mein Herz so laut zu pochen, und

ich muß mich umsehen und möchte jeden umarmen, aus dessen Munde ich

den trauten Ton der englischen Sprache vernehme, -- ich habe Heimweh.

Ach, Schwester, das Heimweh ist eine traurige Krankheit! Das Herz

thut einem so weh, daß man glaubt, es müsse brechen, und die Menschen

scheinen uns alle so kalt, so herzlos zu sein, und man möchte immer

allein sein und immer weinen. -- Auch fürchtet man immer, man würde

Vater und Mutter und Schwester und Freunde niemals wiedersehen, und

allerlei traurige Gedanken kommen; -- aber warum habt Ihr mich auch so

lieb, daß ich immer an Euch denken muß! -- Des Nachts träume ich oft,

ich sei wieder bei Euch daheim, und alles wäre wieder wie früher; dann

ist alles so schön, und ich bin so glücklich. Aber wenn ich dann

aufwache, und die fremden Wände sehe, dann muß ich weinen.

Ich habe heute einen neuen Hut; unsere liebe, teure Freundin hat ihn

selbst angefertigt: Blaues Band und eine große weiße Feder aus Paris;

ich sehe immer in den Spiegel und freue mich und denke: Was würde wohl

Bella von meinem Hute sagen? -- Ich bekomme auch ein neues Kleid von

blauer Seide; blaue Seide, weißt Du, habe ich so gern.

Was hier nun weiter folgt, liebe Bella, habe ich zusammen mit Frau

Dr. Stellen geschrieben; und Du mußt erraten, welche Teile von

meiner Freundin und welche von mir kommen. Ob das wohl schwer zu

erraten ist?

* * *

(Aus meinem Tage-Buche. Seite 37.)

3 Uhr 35 Minuten morgens.

Das war eine lange, lange Fahrt! Ich bin froh, daß unser Hotel so nahe

beim Bahnhofe ist. Mein Zimmer ist freundlich und bereits hell vom

Lichte des kommenden Tages; ich öffne das Fenster und trinke die

frische, wohlthätige Morgen-Luft. Ein langer Streifen, rot wie

köstliches Gold, zieht sich am fernen Horizont entlang, und prächtiger

und immer prächtiger wird der Farben-Glanz, bis sie selbst erscheint

-- die Sonne in ihrer vollen, majestätischen Schönheit. -- Gewiß, so

schön mag sie gewesen sein am ersten Tage der Schöpfung.

Ihr Anblick macht mich wieder frisch, und ich vergesse auf einige

Minuten, wie müde ich bin.

Vor mir liegt die Stadt noch schlafend. Wie lieblich sie aussieht,

beschienen vom Morgen-Rot! Solche Häuser habe ich niemals gesehen; sie

erinnern an eine Zeit, die längst dahingeschwunden. Die Dächer sind

alt und spitz und haben viele Türmchen. Eine alte Burg steht oben auf

dem Berge, und ringsum liegt die Stadt. Zwei Türme von großer

Schönheit stehen am Thore vor mir. Von der nahen Kirche kündet gerade

die Glocke die vierte Stunde an. Männer kommen; ihre Schritte schallen

laut durch die stille Straße; die Männer gehen zur Arbeit, und ich

gehe zur Ruhe. Was soll ich Dir wünschen: Gute Nacht oder Guten

Morgen?

* * *

(Zwei Tage später.)

»Lebe wohl, du alte, gute Stadt; einst warst du schön und stolz; --

Ruinen und Erinnerungen sind dir geblieben, -- doch auch diese sind

noch schön! Ich will oft an dich denken. Lebe wohl, du gute, alte

Stadt! Ich muß weiter!«

Weißt Du, liebe Bella, in welcher Stadt ich das geschrieben habe? --

Ein großer Maler lebte hier; er war der größte Maler Deutschlands und

lebte gleichzeitig mit Raphael. -- Raphael hat ihm persönlich einmal

geschrieben und ihm aus Hochachtung ein selbst gemaltes Bild

gesandt. Das Haus, in dem er wohnte, steht noch; es ist groß und

wohlerhalten. Der Künstler hatte eine schöne Frau, aber diese war sehr

böse gegen den armen D.... -- Halt! Fast hätte ich den Namen genannt!

Kennst Du, Bella, die Stadt noch nicht?

Viele alte Kirchen sind dort, und eine derselben ist besonders

schön. Ihr Portal ist wunderbar. Wenn Du in die Kirche trittst, so

findest Du Kunstwerke von jenem Maler und auch das Sakraments-Häuschen

von Adam Krafft.

Nicht weit von dieser Kirche findest Du auch das Denkmal eines

Schuhmachers. Ja, Bella, eines Schuhmachers. Aber das Denkmal hat man

ihm gesetzt für seine Verse.

H... S.... war ein Schuh-

Macher und Poet dazu.

Und auf dem Markte steht ein Brunnen von seltener Schönheit. Oh, Du

weißt nun, ich spreche von der Stadt Nürnberg, von Albrecht Dürer und

von Hans Sachs.

* * *

(Aus dem Tage-Buche. Seite 82.)

_Im Palmengarten._

»Hier ist es herrlich! -- ist es im Paradiese wohl schöner gewesen? --

So viele Menschen sind hier und alle scheinen einander zu kennen; die

Herren grüßen so höflich und schwingen die Hüte so hoch, und die Damen

verbeugen sich graziös und lächeln so freundlich; hier sind gewiß alle

recht glücklich. Lachend und plaudernd promeniert man unter den

Klängen der heiteren Musik auf breiten, sandigen Gängen zwischen

Feldern der lieblichsten und kostbarsten Blumen. -- Wie hier die Zeit

doch so schnell vergeht! Schon sinket die Sonne und scheidend erglänzt

sie in einem Meere der lieblichsten und süßesten Farben, mich dünkt,

ich hätte sie nie zuvor so herrlich gesehen. -- Noch einen letzten

Blick wirft sie auf alles --; das Scheiden thut ihr recht leid, denn

die Erde ist heute so schön. Die endlosen Felder von Weizen und Korn

gleichen dem Meere, wenn linde Winde es leise im Sommer am Abend

erregen; die Hügel sind mit dem lieblichen Grüne des Weines bedeckt,

und an den Bäumen schimmern im reichlichen Laube die goldgelben

Früchte.

Die Schatten werden tiefer, und die Nacht sinkt herab. In den Lüften

summen die Käfer, und Feuer-Würmchen leuchten aus dem Grase

hervor. Lieder klingen aus der Ferne von Burschen und Mädeln, die

freudig vom Felde kehren zu den heimischen Hütten.«--

Bin ich nicht eine gute, sentimentale Deutsche geworden? Ach, Du

würdest es auch werden, meine teuerste Bella, wenn Du hier wärest,

denn die Natur ist hier ganz anders.

Ein Sonnen-Untergang hier ist mild und freundlich, bei Euch ist er

brillant; einem Sonnen-Untergang in Deutschland muß man mit Freude

zusehen, einen solchen in Amerika bewundern. Ich sehe, wie Du über

mich lachst, aber das mußt Du nicht tun.

Nun, liebe Bella, hast Du erraten, wo ich jetzt bin? Ein wenig

leichter will ich es Dir machen: Es ist eine große Stadt, und ein

großer Poet wurde dort geboren, dessen Mutter einst sehr schön

war. Ich habe auch das Haus gesehen und das Stübchen unter dem Dache,

wo er geträumt und gedichtet hat. Noch jetzt befinden sich in einem

der Zimmer folgende Worte von seiner Hand:

»Und wer der Dichtkunst Stimme nicht vernimmt,

Ist ein Barbar, er sei auch, wer er sei.«

Kennst Du den Poeten, und weißt Du den Namen der Stadt? -- Frankfurt

am Main und Goethe.

* * *

(Aus dem Tagebuche. Seite 117.)

»Ehrfurchtsvoll betritt mein Fuß diesen Pfad, der aufwärts führt

zwischen grünenden Hecken. Zur Rechten und zur Linken ruhen die Müden

der Erde unter Blumen; aber vor mir, oben, steht von Marmor ein

Tempel. Da bleibe ich stehen, und heilige, erhabene Scheu bewegt meine

Seele; denn hier ruhen drei Fürsten: Der eine gebot, und Sterbliche

hörten auf sein Wort; die zwei andern aber herrschten im Reiche des

Geistes, sie waren Könige im Lande der Poesie. -- Vereint, wie sie

waren im Leben, sind sie es nun im Tode. Ihr Geist aber wirkt noch

heute und wird wirken, so lange das Gute und Schöne noch Wert hat auf

Erden.«

Weißt Du, teure Bella, in welcher Stadt wir waren? Die beiden größten

unter den Poeten des modernen Deutschlands lebten hier. Ich war in

ihren Häusern und ich glaube, daß die Deutschen einstmals diese Stadt

so hoch preisen werden, wie die Griechen es taten mit Athen, und

solltest Du den Namen »Weimar« nennen, so hast Du auch die Stadt

erraten.

* * *

(Aus meinem Tagebuche. Seite 166.)

»Wie gut man in deutschen Eisen-Bahnen schreiben kann! Ich glaube, sie

fahren so langsam, um den Fremden das Land zu zeigen. Das ganze Land

erscheint mir wie ein großer Park, wohl gepflegt und in schöner

Ordnung gehalten. Wiese und Feld und Wald und Flur wechseln ab; und

überall, auf den Bergen wie in den Thälern, erblickt man Städte und

Dörfer. Das sieht prächtig aus. Wie lachende Augen, so glänzen aus den

weißen, reinlichen Häusern die klaren Fenster, und aus der Mitte der

Dörfer heben sich von den Kirchen, himmelwärts deutend, die schlanken

Türme. Der Zug hält -- eine Station!«

Hier, liebe Bella, habe ich Dir vieles zu sagen. Also, der Zug hatte

gehalten, -- da hörten wir vom nahen Dorfe Musik und Jubel, und wir

fragten einen von den Bauern, welche neugierig bei dem Zuge standen

und uns eben so anstaunten, wie wir sie: Was bedeutet denn der Jubel

im Dorfe? -- Heute haben wir Kirmes, sagte der eine. Kirmes? fragte

ich. Was ist Kirmes, Herr Doktor?.. Und Dr. Stellen antwortete:

Kirmes ist der Bauern größtes Fest in dem Jahre. Da giebt es

Wett-Rennen zu Pferde und dann Tanz, und wer weiß, was sonst noch

mehr. -- Weißt Du was, Frauchen? Wir könnten hier eigentlich bleiben

und mit Fräulein Anna einmal Kirmes feiern.

War das nicht schön vom Herrn Doktor? Und bald fuhren wir in einem

Bauern-Wagen hinein in das reinliche Dorf. Ich sah immer von einer

Seite auf die andere und konnte mich nicht genug wundern über die

niedlichen Häuser.

Wir waren in einer andern Welt, in einer ältern Welt.

Unter der Linde in der Mitte des Dorfes, auf einem runden, freien

Platze, da ging es lustig her. Da unter dem freien Himmel tanzten die

Burschen und die Mädel; und wie sie hüpften und wie sie sprangen und

wie sie jauchzten vor Freude! -- Doch alles ging in Ordnung zu. O, so

komisch sahen die Burschen aus in ihren bunten Westen und in ihren

langen, schwarzen Röcken; auf ihren Köpfen standen die hohen,

altmodischen, seidenen Hüte. Jeder Bursche hatte an dem Hute einen

Strauß von bunten Blumen und ein langes seidenes Band. Blumen und Band

hatte der Schatz ihm gegeben, und Rock und Hut waren vom Großvater

geerbt, denn auch der Großvater hatte mit der Großmutter die Kirmes so

getanzt.

Als der Tanz beginnen sollte, winkte der Bursche mit der Hand und zu

ihm kam sein Schatz. O, liebe Bella, ich wünsche, Du hättest gesehen,

wie sie tanzten, seine Wange ruhte an der ihren und beider Augen

drehten sich zum Himmel vor Wonne. O, es war zu komisch -- aber wir

durften nicht lachen, denn den Leuten war es Ernst.

Und, liebe Bella, -- aber das mußt Du niemandem wieder sagen -- ich

selbst habe zwei mal mitgetanzt; und wenn ich an Frau Dr. Stellen

vorüber kam, und wenn sie sah, wie ich meinen »Schatz« so innig fest

hielt und die Augen auf nach oben wandte, dann lachte sie mir laut und

herzlich zu. Das war köstlicher Spaß!

Als die Bauern hörten, daß wir aus Amerika kämen, traten viele zu uns

und fragten, ob wir den Bruder nicht gesehen hätten oder die

Schwester, oder ihren Onkel, oder ihre Tante; sie wären doch auch in

Amerika. Auch fragten sie uns, ob wir Eisen-Bahnen hätten und ob es

wahr wäre, daß man in Amerika alle Tage Fleisch essen könnte und

Butter auf dem Brote; und zuletzt fragten sie, in welchem Monate die

Kirmes bei uns in Amerika gefeiert würde.

Studien und Plaudereien im Vaterland. Second Series · 第 9 / 19 段