besiegt zum ersten Mal, besiegt von Gunther, -- so glaubte sie
nämlich.
Ja, wenn es Siegfried gewesen wäre, dachte sie, wie froh wäre ich
dann! Wie gerne hätte sie ihm den Sieg gegönnt. Aber da sie nun
Gunther folgen sollte, sagte sie: Nein, ich kann noch nicht, ich muß
erst meine Freunde sehen.
Und sie schickte Boten nach allen Seiten, daß die Ritter ihres Landes
kämen.
Das bedeutet nichts Gutes, sprach Hagen; die Königin will uns nicht
folgen; den Krieg will sie mit uns. Warum läßt sie sonst diese Ritter
kommen?
Da kann ich helfen, sprach Siegfried; ich gehe und komme bald zurück
mit tausend starken Helden.
Bleib nicht zu lange, sprach Gunther; und Siegfried zog ab.
In einem Schifflein zog er durch das Meer; und das Schifflein flog wie
der Wind. Aber den Schiffer konnte niemand sehen; Siegfried segelte in
seiner Tarn-Kappe. -- Nach einem Tage und einer Nacht kam er in das
Nibelungen-Land.
Dort stand eine einsame Burg auf einem hohen Berge. Dahin lenkte
Siegfried seine Schritte und klopfte dort an eine Thür. Innen schlief
ein Riese; der bewachte die Thüre, und neben ihm lagen seine Waffen.
Wer pocht? rief der Riese.
Ein Ritter! antwortete Siegfried. Öffne!
Der Riese stand auf, zog seine Rüstung an, hob den Helm auf seinen
Kopf, öffnete die Thür und schlug mit einer Eisen-Stange nach
Siegfried.
Dieser zog sein Schwert und schlug so gewaltig auf den Riesen, daß es
durch den ganzen Berg schallte und daß auch der Zwerg Alberich
erwachte.
Er rüstete sich und lief an die Thüre und kam in dem Augenblicke, als
Siegfried den Riesen band.
Nun begann Siegfried mit Alberich zu kämpfen; er zupfte ihn an dem
langen Barte, und der Zwerg schrie laut vor Schmerz. -- Siegfried band
den Zwerg, sowie er den Riesen gebunden hatte.
Wer bist du? rief der Zwerg.
Dein Herr! rief Siegfried. Treuloser Bösewicht, kennst du mich nicht
besser? Vor Jahren war ich hier und habe den Berg erobert und dich und
alle Nibelungen.
Wahrlich, du bist Siegfried! rief der Zwerg. Und nachdem Siegfried ihn
losgebunden hatte, lief er zurück in den Berg, wo die Nibelungen auf
ihren Betten lagen, und er rief:
Auf, ihr Helden! Eilt zu Siegfried, Euerm Herrn! -- und im Nu standen
tausend Nibelungen wohlgerüstet da. Alberich führte sie hinaus zu
Siegfried.
Siegfried zog mit ihnen ab und kam am nächsten Tage zurück zu seinen
Freunden auf der Isenburg. Brunhilde sah die Riesen und erklärte, sie
wäre bereit, mit Gunther zu gehen.
Bald waren alle wieder auf dem Schiffe und auf der Fahrt nach Worms.
* * *
Es war eine freudige Fahrt; mit Tanz und Gesang und Spiel verkürzten
sie die Zeit. Neun Tage waren sie gefahren und sie näherten sich
Burgund. Gunther bat Siegfried, nach Worms voraus zu reiten, sein
Glück und seine Ankunft zu verkünden.
Wie glücklich war Siegfried, als er diesen Auftrag hörte. Seine
Ungeduld, seine Sehnsucht wuchsen, je näher er Worms kam, wo Krimhilde
ihn sehnsuchtsvoll erwartete.
Mit vierundzwanzig Rittern ritt er auf Worms zu. Aber bald hörte er
aus dem Schlosse lautes Klagen und Weinen, denn die Frauen hatten ihn
ohne Gunther kommen sehen.
Als aber Siegfried im Schlosse stand, inmitten der Frauen, als er
ihnen erzählte, daß Gunther ihm folge mit seiner Braut Brunhilde, --
da verwandelte sich das Weinen in Freude und in Jubel, und Krimhilde
rief:
O, edler Ritter, dürfte ich euch nur mein Gold geben, als Boten-Lohn!
Aber wie könnte ich euch solches nur anbieten?
Und hätte ich dreißig Länder, erwiderte Siegfried, so wäre ich nicht
zu stolz, aus eurer Hand das kleinste Geschenk anzunehmen.
Da ließ Krimhilde vier und zwanzig goldene Spangen mit Edel-Steinen
bringen und gab sie Siegfried. Dieser aber verteilte sie wieder unter
Krimhildens Mädchen.
Nun laßt uns an den Strom gehen, sprach Siegfried, die Freunde zu
empfangen.
Und bald bewegte sich ein langer Zug zum Rhein. Und da die Sonne
schien, glitzerte alles von Gold und Juwelen. Hoch zu Rosse aber saßen
viele Burgunder-Frauen im feinsten Schmucke, und tapfere Ritter
führten die Pferde der Edel-Frauen; Ortewein begleitete die Königin
Ute, Siegfried aber führte Krimhildens Pferd am Zügel.
So kamen sie an den Rhein, und bald landeten die Schiffe.
An Gunthers Hand stieg Brunhilde aus dem Schiffe, und ihnen folgten
viele Frauen und tapfere Ritter.
Krimhilde eilte auf Brunhilde zu und hieß sie willkommen mit Kuß und
Umarmung.
Da sprach wohl mancher Ritter: Nie habe ich zwei Frauen von solcher
Schönheit zusammen gesehen.
Doch die Kenner sagten: Krimhilde ist die schönere. -- Bald darauf
bewegte sich der Zug jubelnd zum Palaste des Königs.
Gunther hatte versprochen, dem tapfern Siegfried seine Schwester
Krimhilde zum Weibe zu geben für seine Hülfe im Kampfe; und bevor sie
sich niedersetzten zum Hochzeits-Mahle, erinnerte Siegfried König
Gunther an sein Versprechen.
Was ich geschworen, will ich halten, sprach Gunther und ließ Krimhilde
kommen.
Und als sie vor ihm stand in einem Ring von Helden, und als er mit ihr
von einem Ritter sprach, den er für sie gewählt, da errötete sie und
ihr Herz klopfte gewaltig, denn sie ahnte, daß der Bruder von
Siegfried sprach; und da sagte sie leise und verschämt:
Bruder, ich gehorche. Da küßte Siegfried vor allen Rittern seine
schöne Braut.
Bald saßen sie bei Tische. Doch Brunhilde schien nicht glücklich zu
sein! Warum biß sie die Lippen zusammen? Warum blickten die Augen bald
trübe, bald zornig?
Ihr gegenüber saß Siegfried und neben ihm Krimhilde, die liebliche
Krimhilde! Und Thränen der Eifersucht, der bitteren, wilden Eifersucht
stürzten aus Brunhildens Augen.
Warum weinst du? sprach Gunther zärtlich und besorgt.
Auch du solltest weinen, antwortete schnell Brunhilde, über das
Unglück deiner königlichen Schwester, die du erniedrigt und an einen
Vasallen vergeben hast.
Später wirst du alles erfahren, sprach Gunther darauf.
Nach der Tafel begannen die Kampf-Spiele. Brunhilde sah die Schilde,
die Schwerter, die Lanzen, und die alte Kampf-Lust erwachte wieder in
ihr. Und als des Abends Brunhilde ganz allein war mit Gunther, kam er
in große Not: sie nahm ihren Gürtel, band Gunthers Hände und Füße,
trug ihn zu einem Nagel und hängte ihn an die Wand im Zimmer.
Sein Bitten half nichts, er mußte hängen bleiben bis an den lichten
Morgen. Da hatte sie Mitleid mit ihm und band ihn wieder los. Gunther
kam zu Siegfried und klagte sein Leid.
Da sprach Siegfried: Laß mich wieder mit ihr kämpfen; mir soll sie
nicht widerstehen; in meiner Tarn-Kappe werde ich sie besiegen.
Und wenn du sie töten würdest, es wäre mir nicht leid; denn sie ist
ein schreckliches Weib.
Noch einmal zog Siegfried seine Tarn-Kappe an, noch einmal besiegte er
Brunhilde, nahm ihr Ring und Gürtel ab und ging. Ring und Gürtel aber
schenkte er seiner holden Krimhilde. Hätte er es nicht getan, es wäre
weiser und besser gewesen.
Noch vierzehn Tage dauerte das Hochzeits-Fest; länger konnte Siegfried
nicht bleiben; nach Hause mußte er nun ziehen, wo ihn sein Vater
schmerzlich erwartete, und wo seine Mutter täglich weinte um den Sohn,
den sie verloren glaubte.
Wie herzlich küßten die glücklichen Eltern Krimhilde, ihres geliebten
Sohnes Weib, als sie ankam. Wie viele Freuden-Thränen weinten sie, als
ihr glücklicher Helden-Sohn vor ihnen stand!
Sigismund ließ seinen Sohn zum König krönen; denn er selbst wollte nun
ruhen.
Zehn Jahre lang genossen Siegfried und Krimhilde das reinste Glück und
sie hatten auch einen Sohn; den nannten sie Gunther.
* * *
Auch König Gunther hatte einen Sohn, den hatte er Siegfried genannt;
der war seine einzige Freude; denn in Brunhildens Herz herrschten
Eifersucht und Haß, und oft fragte sie: Warum kommt Siegfried nie an
unsern Hof?
Er wohnt zu fern von hier, war Gunthers gewöhnliche Antwort.
Aber ist Siegfried nicht dein Vasall, und muß der Vasall nicht tun,
was sein Herr ihm befiehlt? fragte dann Brunhilde.
Dann lachte Gunther und antwortete nicht. Aber sie wollte Siegfried
wieder sehen; er mußte kommen, und darum sagte sie eines Tages gar
freundlich:
Ach Gunther, wie sehne ich mich nach deiner Schwester! Wie oft denke
ich an die glücklichen Tage, da ich dich gewann, und da Krimhilde sich
mit Siegfried vermählte. O, laß sie kommen! Laß sie recht bald
kommen! -- zur nächsten Sonnen-Wende!
Und Gunther war schwach genug, ihr zu glauben und zu
gehorchen. Dreißig Ritter schickte er ab. Diese kamen in drei Wochen
nach Norwegen, wo Siegfried und Krimhilde gerade wohnten.
Krimhilde lag auf dem Ruhe-Bette. Da kamen ihre Mädchen in das Zimmer
und brachten die freudige Botschaft: Fremde Ritter sind gekommen und
sie sehen aus wie Burgunder!
Der starke Siegfried hörte Gunthers Einladung und antwortete, daß er
in zwölf Tagen kommen wollte mit seinem Vater Sigismund und mit
Krimhilde.
Die Boten kehrten zurück und meldeten, was sie gehört.
Ist Krimhilde noch so schön? war Brunhildens erste Frage.
Sie wird kommen, und du wirst sie sehen, antworteten die Boten, und
sie zeigten auch die kostbaren Geschenke, die sie von Siegfried
erhalten hatten.
Da sprach Hagen: Siegfried könnte sein ganzes Leben lang geben und
würde immer noch reich sein, denn er besitzt den Nibelungen-Schatz.
Ich selber möchte den wohl besitzen!
Nun machte man große Vorbereitungen in Worms zum Empfange der
Gäste. Gunther ging zu Brunhilde und sprach: Wie einst meine Schwester
dich empfing, als du in dieses Land kamst, so will ich, daß du nun
Krimhilde empfängst.
Das thue ich gerne, erwiderte sie.
Sie kommen morgen, sprach Gunther, geh' und bereite dich nun.
Brunhilde kam den Gästen entgegen in großer Pracht. Die Königinnen
küßten einander. Nie zuvor hatte man in Worms Feste gesehen, wie sie
nun gefeiert wurden. Von allen Teilen des Burgunder-Landes kamen die
Ritter gezogen. Zehn Tage lang ertönte in der Stadt der festliche
Klang der Glocken und dazwischen in den Kampf-Spielen das Schlagen der
Schwerter, das Stoßen der Lanzen. Selbst die Königin Brunhilde schien
ihren Kummer zu vergessen im Geräusch und in der Freude des Festes.
Doch das Unglück kam schnell.
Am elften Tage waren die beiden Königinnen zusammen und sahen dem
Kampf-Spiele zu. Da sprach Krimhilde, voll Freude und Stolz auf
Siegfried sehend:
Sieh' nur, Schwester, sieh' auf Siegfried! Habe ich nicht einen Mann,
der wohl verdiente Herr zu sein über alle Länder?
Bist du allein auf der Welt mit deinem Siegfried? erwiderte Brunhilde
gereizt.
Harmlos sprach Krimhilde weiter: Aber so sieh' doch nur, Brunhilde,
wie schön und stattlich er ist!
Mag sein, sagte Brunhilde; und er ist doch nur Gunthers Vasall.
Nicht Vasall, liebe Schwester, Gunthers Genosse ist er und ein König
wie Gunther, sprach Krimhilde noch immer harmlos.
Nein, er ist Gunthers Vasall! rief Brunhilde. Das hat er mir selber
gesagt, als er mit deinem Bruder nach Island kam.
Glaubst du, daß der stolze König von Burgund seine Schwester einem
Vasallen giebt? Drum, liebe Schwester, lasse den Streit und wisse: er
ist kein Vasall.
Den Streit laß' ich nicht! rief Brunhilde. Siegfried ist ein Vasall,
und von heute an wird er mir besser dienen, als bisher!
Das wird er nicht, rief Krimhilde, denn Siegfried ist ein König, und
er ist werter, als mein Bruder Gunther!
Du überhebst dich! schrie Brunhilde. Erweist man dir so große Ehren
wie mir?
Nein; weil ich bescheidener bin, als du, sprach jetzt Krimhilde. Aber
du sollst heute noch sehen, daß ich vor dir in die Kirche gehen kann.
Und sie stand auf, ging zu ihren Mädchen und befahl ihnen, ihr die
schönsten und reichsten Kleider anzulegen. Dann ging sie mit ihnen
zur Kirche. Alle wunderten sich, daß die beiden Königinnen nicht, wie
sonst, zusammen zur Kirche gingen. Vor der Kirche aber stand Brunhilde
und erwartete Krimhilde.
Halt! rief sie, als Krimhilde nahte. Geh' nicht in die Kirche vor mir,
der Königin.
Sieh', stolze Brunhilde, sprach jetzt Krimhilde, wenn du schweigen
könntest, das wäre dir besser, dann müßtest du nicht die bittere
Wahrheit hören. Und nun will ich es dir auch sagen: Es war nicht
Gunther, der mit dir kämpfte, es war mein Gemahl, der dich zweimal
besiegte! Und damit du wissest, ich spreche die Wahrheit, so schaue!
Erkennst du diesen Ring und diesen Gürtel als dein? Im Kampfe hat
Siegfried dir beide genommen, und mir gab er sie dann zum
Geschenke. Brunhilde war starr vor Schrecken und sie konnte nicht
hindern, daß Krimhilde vor ihr eintrat in die Kirche.
Da war Musik und Gesang in der Kirche; aber eine saß da und hörte
nichts davon, -- es war Brunhilde.
Und da sie wieder in ihrem Palaste war, fand sie noch keine Ruhe, und
sammelte ihre treuesten Ritter und bat unter Thränen: O verschafft mir
Rache, Rache an Siegfried!
Doch diese schwiegen, denn wer konnte mit Siegfried kämpfen? Da sprach
Hagen: Meine Königin, warum weinet ihr?
O Hagen, rief die Königin, ich bin beschimpft! Siegfried hat mich
beschimpft!
So soll er sterben; und können wir ihn nicht töten mit Kraft, so tun
wir es mit List!
Nein, sprach da jung Gieselher, das darf nimmermehr geschehen.
Nein, sprach auch Gunther, sein Blut darf nicht fließen, so vieles
habe ich Siegfried zu danken.
Zuletzt aber willigte er ein in Hagens teuflischen Plan.
* * *
Zwei und dreißig Boten ritten ein in Worms und brachten eine neue
Kriegs-Erklärung von den Sachsen-Königen Lüdeger und Lüdegast. Doch
dieses alles war nur Schein und die Boten waren nicht Sachsen, sondern
es waren Burgunder, gekleidet wie Sachsen, und man wollte Siegfried
töten auf dem Kriegs-Zuge.
Als Siegfried auch von dem Kriege gehört hatte, bot er Gunther seine
Hülfe an und ging und rüstete seine Nibelungen.
Hagen aber ging zu Krimhilde, um Abschied von ihr zu nehmen, wie er
sagte; in Wahrheit aber wollte er von ihr ein Geheimnis erfahren.
Hagen, sprach Krimhilde, euch vertraue ich meine Sorge. Ihr seid ein
alter Freund, ich weiß es. O, vergeltet es nicht an mir und hasset
mich nicht für das, was ich eurer Königin getan.
Euch hassen, Königin Krimhilde? Wie könnte ich das! Und Siegfried? --
Wahrlich, keinen in der Welt liebe ich mehr, als euern tapfern
Siegfried. Ich will ihm dienen, wo ich kann.
O, dank euch, edler Hagen, sprach Krimhilde. Seht, jetzt geht er
wieder in den Krieg gegen die Sachsen, darum fürchte ich, es könnte
ihm ein Leid geschehen.
Was braucht ihr zu fürchten? sagte Hagen listig. Siegfried kann im
Kriege nicht fallen. Ist er nicht unverwundbar?
Ach ja, erwiederte ängstlich Krimhilde, -- als er den Lind-Drachen
tötete, da badete er im heißen Blute, und seine Haut wurde hart wie
Horn.
Und was fürchtest du nun? fragte Hagen.
Aber ein Linden-Blatt fiel auf seine linke Schulter; dahin drang kein
Blut, und hier ist er leicht zu verwunden. Darum fürchte ich.
Da sprach der Falsche froh: Es ist wahrlich gut, daß ihr mir das
sagtet. Nähet ein kleines Kreuz auf sein Gewand, genau über jene
Stelle, damit ich ihn beschützen kann.
Das will ich, sagte Krimhilde froh. -- Dank, edler Freund! Tausend
Dank!
Hagen ging. Er wußte genug. Der Kriegs-Zug war nun nicht mehr nötig
und anstatt des Krieges veranstaltete man eine Jagd.
O, geh' nicht zur Jagd, sprach Krimhilde, als Siegfried von ihr
Abschied nahm. O geh' nicht; ich fürchte, du möchtest nimmer
wiederkehren.
Ich komme bald zu dir zurück; -- und was könnte mir geschehen! Bin ich
denn nicht unter Freunden?
O geh' nicht, bat sie, denn ein Traum hat mich gewarnt. Zwei wilde
Schweine verfolgten dich über eine Heide, und alle Blumen waren rot
von Blut. --
Es ist ein Traum, sprach er, nur ein Traum. Und sie sprach weiter:
Dann stürzten zwei Berge zusammen, und du warst darunter begraben.
Er lächelte, küßte sie und ging; Krimhilde aber war sehr traurig.
Sie hatten schon den ganzen Tag gejagt; da sprach ein Knecht zu
Siegfried. Herr, hört ihr das Horn blasen? Wir müssen zum Abend-Brot
eilen.
Geh' nur, sprach Siegfried; ich aber will erst den Bären fangen, den
ich dort sehe. Er sprang vom Pferde, verfolgte den Bären, fing ihn und
band ihn fest an seinen Sattel und ritt zurück zur Gesellschaft. Hier
band er den Bären los; dieser lief in das Zelt und warf alles um. Die
Burgunder flohen erschrocken davon. Siegfried aber folgte dem Bären,
tötete ihn und kehrte zurück.
Da saßen die Helden auf dem grünen Rasen und speisten, was die Diener
brachten. Da sprach Siegfried:
Ich sehe hier genug zum Essen; doch warum bringen die Diener keinen
Wein?
Hagen ist schuld daran, sprach König Gunther; er will uns verdursten
lassen.
Ich hatte geglaubt, wir würden im Spessart jagen; darum sandte ich
dorthin den Wein, sprach Hagen.
Und einer der Ritter sagte: Warum essen wir nicht näher beim Rhein?
Dort ist wenigstens Wasser genug.
Wasser ist auch hier, sprach Hagen, eine Quelle voll guten Wassers;
lasset uns zur Quelle gehen.
Oder besser noch, rief Siegfried, wir wollen dahin um die Wette
laufen.
Siegfried lief in seiner vollen Rüstung; Gunther und Hagen aber hatten
die ihrige abgelegt, und als sie an den Brunnen kamen, stand Siegfried
da und wartete und ließ Gunther zuerst trinken.
Während dessen aber legte er selbst seine Rüstung ab; dann stieg auch
er hinab, um zu trinken.
Da entfernte Hagen schnell Siegfried's Waffen, und als Siegfried sich
bückte, spähte jener nach dem Kreuze auf der Schulter, nahm den Speer
und warf ihn mit aller Kraft bis tief in die Brust.
Siegfried schrie laut auf, und der starke Hagen floh vor dem
verwundeten Siegfried.
Dieser sprang auf; der Speer ragte weit hervor aus der Schulter; er
suchte seine Waffen, aber fand nur den Schild. Den warf der todwunde
Mann auf Hagen, daß er zu Boden fiel; aber Siegfried war bleich
geworden und sank auf den grünen Rasen.
Die Burgunder standen um den sterbenden Helden und weinten.
Warum weint ihr? sprach Hagen. Freuet euch, jetzt sind wir aller
Sorgen frei; ich habe ihn mit gutem Bedachte erschlagen!
O Gunther, sprach Siegfried, sorget für mein Weib, sie.... Mehr konnte
er nicht sprechen. Der tapfere Held hatte geendet und alle Blumen
ringsum waren rot vom Blute.
Nun legten sie Siegfrieds Leiche auf einen Schild und trugen ihn nach
Worms. Es war spät in der Nacht, als sie ankamen, und Hagen ließ
Siegfrieds Leiche vor Krimhildens Thüre legen.
Am Morgen ganz früh da läuteten die Glocken zur Kirche, und Krimhilde
weckte ihre Dienerin, daß sie mit ihr zur Kirche ginge. Ach, Königin,
rief das Mädchen, hier liegt ein toter Ritter!
Mein Siegfried! schrie da Krimhilde und fiel ohnmächtig neben die
Leiche, und sie erwachte wieder und rief: Siegfried! Siegfried! und
brach dann in lauten Jammer aus, und mit ihr klagten der alte
Sigismund und alle ihre Freunde.
Siegfrieds Ritter kamen, den Tod ihres Herrn zu rächen. Doch Krimhilde
sprach: Vergießet kein Blut, Gott selbst wird uns rächen.
Ein Sarg wurde geschmiedet von Gold und von Silber; Siegfried wurde
hineingelegt und in die Kirche getragen. Krimhilde folgte und auch
Gunther, seine Brüder und Hagen.
Als die Brüder den großen Jammer der Schwester sahen, da erfaßte Reue
ihr Herz.
Schwester, sprachen sie, wir haben ihn nicht getötet; die Schächer
haben es getan.
O, ich kenne die Schächer! rief Krimhilde, -- kommt her und berühret
die Leiche!
Alle taten so; und als Hagen kam, da begann die Wunde zu fließen.
O, ich wußte es, ich wußte es! -- er ist der Mörder! schrie
Krimhilde.
Tröste dich, Schwester, sprach da jung Giselher, ich will dir ersetzen
mit meiner Liebe, was Siegfried dir gewesen.
Siegfried ersetzen? rief sie und fiel nieder neben die Leiche; und
drei Tage und drei Nächte blieb sie da; und Tag und Nacht kamen auch
die Armen, zu singen und zu beten, und Krimhilde ließ Geld verteilen
an alle, welche kamen.
Am vierten Tage wurde der Sarg geschlossen und zu Grabe getragen.
Der Zudrang des Volkes war groß und das Schluchzen tönte lauter, als
das Läuten der Glocken und das Singen der Priester.
Noch einmal muß ich ihn sehen, schrie plötzlich Krimhilde, -- o, noch
einmal!
Man mußte den Sarg wieder erbrechen. Da umschlang sie den schönen Kopf
des Toten und küßte ihn und weinte und wollte ihn nicht lassen. Man
riß sie zuletzt mit Gewalt vom Sarge und brachte sie in die Burg. Hier
lag sie besinnungslos bis zum nächsten Tage.
Der alte König Sigismund brach auf; Krimhilde aber wollte nicht wieder
nach Xanten; nahe bei Siegfrieds Grab baute sie für sich eine Wohnung;
und mit vollen Händen teilte sie Gold vom Nibelungen-Schatze unter die
Armen. Das war ihre einzige Freude.
Herr Meister: Mehr dachte ich für heute nicht zu geben, -- und ich
fürchte schon, daß dieses zu viel war.
Bella: O nein, Herr Meister. Jetzt bin ich erst begierig nach dem,
was nun folgt; denn es kann doch so nicht enden!
Herr Meister: Nein. Dieses war noch nicht die Hälfte. Es folgt nun
ein sehr poetischer und interessanter Teil, worin wir besonders viel
hören über den bösen Hagen und auch über Krimhilde. Sie wird König
Etzel's Gattin und so weiter, und so weiter. Alles dieses ein anderes
Mal, nicht heute.
Louis: Wie schade! Ich hätte Ihnen die ganze Nacht zuhören mögen,
Fräulein Martha.
Martha Meister: Das ist ja ein großes Kompliment für Vaters
Erzählung; ich danke Ihnen in seinem Namen und in meinem eignen.
Bella: Aber was für eine Frau diese Brunhilde war! Das wär' eine
Frau für Louis!
Louis: So? Wünschen Sie mir wirklich solch' ein Weib? O, Bella,
Bella! -- Die Damen sind heute zu grausam mit mir. -- Denken Sie nur,
Martha, meine eigne Schwester sagte mir vor Abend: Louis, Du bist doch
eigentlich gar nichts. Du bist weder ein Mann, noch ein Kind; und
kleine Knaben sind so unmanierlich, weißt Du? so roh. -- Nun bitte ich
Sie, beste Frau Meister, sagen Sie mir doch, sehe ich aus wie ein
kleiner, roher, häßlicher, unmanierlicher Junge? Sehen Sie einmal, ich
bin beinahe so groß, wie Herr Meister.
Frau Meister: Ihr müßt nicht lachen, Ihr jungen Damen. -- Louis, Sie
sind ein ganzer Mann.
Louis: Ich danke Ihnen, Frau Meister!
Gretchen: Ha, ha, ha! Sie amüsieren mich sehr, Herr Louis. Ha, ha,
ha!
Otto: Darf ich Dir einen Rat geben, Louis?
Louis: Nun, Bruder Otto?
Otto: Widersprich nie den Damen.
Louis: Hm -- Ja, Du hältst es immer mit ihnen.
Otto: Und darum geht es mir auch immer so gut.
Bella: Das ist recht! Respekt soll man haben, Respekt vor uns!
Herr Meister: Haben Sie es gehört, mein guter Freund Louis? Wir
müssen uns fügen in unser Schicksal; wir kämpfen umsonst dagegen
an. Eine neue Zeit ist gekommen. Die früher Herren waren, sie werden
nun Sklaven und die Sklavinnen werden zu Herrinnen.
Bella: Die Frauen -- Sklavinnen? Das ist wohl nur Phantasie, Herr
Meister!
Herr Meister: Keine Phantasie, mein Fräulein, sondern Wirklichkeit.
Gretchen: Aber, Papa, war denn das Weib eine Sklavin bei Griechen
oder Römern?
Herr Meister: Nein, mein Kind, sie war nicht Sklavin, aber sie war
die erste Dienerin des Mannes. Was schön und was wahr ist, das haben
uns wohl die Völker des Altertums gelehrt; aber das Weib zu ehren, --
nicht. Es war erst ein christlicher Dichter, welcher sang: »Ehret die
Frauen, sie flechten und weben himmlische Rosen ins irdische Leben.«
Gretchen: Willst Du damit sagen, Papa, daß erst mit dem Christentume
eine bessere Zeit für die Frauen begonnen hat?
Herr Meister: Ganz recht, das will ich. Es war ein Weib, das Jesus
Christus geboren hatte, und darum verehrte man Maria. Und später, als
das Christentum sich mehr und mehr ausbreitete, waren es christliche
Ritter und christliche Minne-Sänger, welche die Frauen verehrten, wie
es nie ein Volk des Altertums getan hatte. Ich kenne keinen Dichter
des Altertums, der so schön von den Frauen gesungen hat, wie Walter
von der Vogelweide:
{»Durhsüeßet und geblüemet sint die reinen frouwen:
eß wart nie niht sô wünneclîches an ze schouwen
in lüften noch ûf erden noch in allen grüenen ouwen.
Liljen unde rôsen bluomen, swâ die liuhten
in meien touwen dur daß gras, und kleiner vogele sanc,
daß ist gein solher wünnebernden fröide kranc,
swâ man siht sch[oe]ne frouwen. daß kan trüeben muot erfiuhten,
Und leschet alleß trûren an der selben stunt,
sô lieblîch lache in liebe ir süeßer rôter munt
und strâle ûß spilnden ougen schieße in mannes herzen grunt.«}
Bella: Das ist freilich sehr schön und sehr schmeichelhaft für
uns. Aber, Herr Meister, haben im Mittel-Alter alle Menschen die
Frauen so geehrt, oder waren es nur die Minne-Sänger, die so von uns
dachten?