hörten Anekdoten, Geschichten und Rätsel. Wir beendeten das Mahl,
erhoben uns, gingen in den Wald, suchten Gräser und Blumen, und so kam
es, daß wir uns bald zerstreut hatten.
Ich war mit einer Freundin gegangen; wir hatten seltene Pflanzen
gefunden; als wir müde waren, setzten wir uns nieder und lasen aus
einem Buche.
Wenige Minuten saßen wir, da hörten wir ein Lachen. Da kommt Martha
auch, sagte ich zu meiner Freundin; und richtig! -- da kam sie und
rannte wie ein Reh; hinter ihr her kam aber ihr Begleiter, der
deutsche Herr; er wollte sie haschen, aber er konnte es nicht.
Sie sind schneller, als ich, rief er. Sie säumte eine Minute; er
wollte sie fassen; aber schnell war sie wieder entwischt und er hielt
nur ein Band in seiner Hand. -- Sachte, mein Freund, sachte; so
schnell fängt man mich nicht, rief sie und lachte in solch' herzlichem
Tone.
Er folgte ihr nach. -- Ah, sehen Sie? Sie können mich nicht fangen!
Aber ich muß, sagte er.
Wenn ich will, sagte sie; nun wohl, hier will ich halten; ich werde
mich auf diese Schaukel setzen; sie hängt so schön zwischen diesen
großen mächtigen Bäumen.
Schaukeln Sie mich, Herr Doktor, -- und sie saß schon, und er schwang
sie, daß sie hoch hinauf flog. Es war ein herrliches Bild, wie sie in
den Lüften schwebte.
So, das ist genug, rief sie endlich, -- sehen Sie? Dort ist eine
Quelle, eine Heilquelle, und das Wasser darin ist weit und breit
berühmt; so sprechend, sprang sie zur Erde und beide gingen zur
Quelle.
Was sie sprachen, konnte ich nicht hören; ich sah nur, wie sie dort
standen, und wie er dann kniete, -- und ich glaubte damals, um Wasser
zu schöpfen.
Der Tag endete so froh, wie er begonnen.
Der nächste Tag war ein Samstag. Es war trübe, und der Regen fiel in
Strömen herab. Ich saß am Fenster und sah die dicken Tropfen am
Fenster-Glase herunterfließen. Ich sah auf die Straße und lachte, wenn
dann und wann ein Mann schnell vorüber rannte. Sonst war alles öde,
-- auch in unserm Hause. -- Martha sah ich den ganzen Tag nicht
einmal; sie wäre ein wenig unwohl, ließ sie sagen, und hätte keinen
Appetit.
Sonntag kam, die Sonne schien wieder ein wenig. Die Glocke läutete
zur Kirche. Da sah ich Schwester Martha wieder zum ersten Male; sie
war nicht mehr dieselbe.
Bist Du wieder wohl, liebe Martha, rief ich ängstlich?
Danke, Schwester, ich bin wohl, antwortete sie und lächelte ernst. Ihr
Lächeln war so eigentümlich, und in ihrer Stimme lag ein fremder Ton.
Wir gingen zur Kirche. So inniglich sang heute Martha, so inniglich
betete sie heute! Thränen rollten aus ihren Augen, und sie hörte
aufmerksam auf die Predigt des Geistlichen.
Ich erinnere mich der Predigt noch heute. Der Text war: Lucas 18, Vers
29 u. 30.
»Er aber sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage Euch, es ist niemand, der
ein Haus verläßt oder Eltern oder Brüder oder Weib oder Kinder, um des
Reiches Gottes willen, der es nicht vielfältig wieder empfange in
dieser Zeit und in der zukünftigen Welt das ewige Leben.«
Von diesem Tage an wurde Martha stiller, als sie je zuvor gewesen
war. -- Sie blieb freundlich und liebevoll gegen alle. Sie selbst aber
glich einem Engel, der still im Hause waltete.
Doch der Vater schüttelte ernst den Kopf, und die Mutter war traurig,
und die Freunde gingen nachdenkend vom Hause.
Und da war einer, der litt besonders.
So verging der Rest des Sommers, und als der rauhe Wind durch die
Bäume fuhr und die Blätter herabwehte, zogen wir wieder zur Stadt, --
und bald kam ein Fest, -- ein Fest der Freude für Martha, nicht für
uns. Martha stand im langen Gewande vor dem Prediger, der sie dem
Konvente unserer episkopalischen Kirche weihte.
Vaters Haar war weiß geworden. Oft, sehr oft, hörte ich ihn im Schlafe
sprechen: O mein Kind, mein Kind!
Und war sie glücklich geworden?
Oft kam ich zu ihr in's Kloster. Mir wurde stets so wohl, wenn ich sie
sah, und so ging es allen Menschen, wenn sie zur guten, schönen
Schwester Martha kamen. -- Wenn Schwester Martha an das Bett der
Kranken trat, so fühlten sie Erleichterung, und berührte sie die
Kranken mit der Hand, so schwanden die Schmerzen.
Sie selbst aber war am liebsten unter den Kindern und bei den älteren
Mädchen in der Schule des Konvents und hier wurde sie am meisten
geliebt, so vom ganzen, warmen, jungen Herzen der Mädchen.
Als ich sie wieder einmal in der Schule sah unter den fröhlichen
Mädchen, sprach ich zu ihr: Du bist doch recht glücklich!
Glücklich, sagte sie langsam, -- ach ja, ich bin's. -- Ich sah sie
verwundert an und zweifelte zum ersten Male an ihrer Zufriedenheit.
So waren wieder einige Jahre vergangen, und große Trauer herrschte im
Konvent, besonders in der Schule, denn die gute, schöne Schwester
Martha war krank, bedenklich krank, hatte der Arzt gesagt.
Ich war viel bei ihr; sie wünschte es; zuletzt kam ich nicht mehr von
ihrem Bette hinweg.
Da eines Tages, spät am Nachmittage, faßte sie wieder meine Hand und
sagte: Teure, höre mir zu; ich habe mit Dir zu sprechen.
Ich rückte näher, so daß ich ihre schwache Stimme besser hören konnte;
ihre Hand ruhte in der meinen, und sie sah mir in die Augen so tief,
so innig und so liebevoll, und ihre Stimme klang so mild.
Schwester, sagte sie, geh' und öffne jenes Fenster. -- Ich ging und
tat es und kam zurück und sagte:
Du siehst so wohl aus, beste Schwester, bald wirst Du wieder ganz
gesund sein.
Sehr bald; -- siehst Du die Sonne dort, meine Liebe? -- Bald wird sie
sinken hinter jenem Berge und dann scheint sie mir niemals mehr.
O, sprich nicht so; nein, o nein! sagte ich.
Weine nicht, sprach sie dann mit freundlicher Stimme, weine nicht; sei
glücklich mit mir; denn jetzt bin ich wirklich glücklich, endlich
einmal nach langen, langen Jahren.
O, Gott; warst Du es denn nicht immer?
Ich war es nicht. Höre meine Worte; es werden meine letzten sein.
Meine teure, liebe Schwester, sagte ich.
Sie begann:
Denkst Du noch jenes Sommer-Tages, da wir einen Ausflug machten in den
Wald? Da war es, daß mich ein edler Mann gebeten hatte, sein Weib zu
werden; und bevor ich noch Antwort gab, ja oder nein sagen konnte, kam
die Gesellschaft zu uns. Wir gingen nach Hause und in dieser Nacht
kämpfte ich einen schweren Kampf mit mir selbst:
Soll ich sein Weib werden? Soll ich an das Haus gebunden sein? Soll
ich die vielen, kleinen Dienste tun, -- ich, die ich das Größte,
Edelste tun wollte? -- Was kann das Weib großes tun im Hause? --
Der Mann thut das Große außer dem Hause, -- soll es nicht auch das
Weib können? -- Und wahrlich, ich fühlte Kraft genug in mir.
So dachte ich und traf meine Entscheidung. -- Du kennst sie. -- Ich
kam hierher mit hohen Ideen, mit großen Plänen, -- ach, sie waren so
schön! -- Aber es waren die Pläne eines Mädchens.
So viel Unglück hatte ich in der Welt gesehen und so viel Übel, und
ich glaubte, das Übel schneller beseitigen, das Gute schneller
befördern zu können. -- Es waren Gedanken eines unerfahrenen Mädchens.
Da ich in die Hütten der Armen kam und an die Betten der Kranken, da
linderte ich viel Unglück; -- aber das Unglück beseitigen, gänzlich
beseitigen, wie ich es einst geträumt hatte, -- das konnte ich nicht;
und alle Menschen glücklich, gut und nützlich zu machen, -- das war
unmöglich.
Aber eins habe ich gesehen und gelernt, daß die Familien glücklich,
daß die Väter froh und fleißig, daß die Kinder gesund und wohlerzogen
waren, wo eine Mutter war, -- eine weise, gute Mutter.
Aber das Unglück war im Hause, und der Vater war unfreundlich und
mutlos zu seinem Berufe, und die Kinder waren unzufrieden und
zänkisch, wo die Mutter-Liebe fehlte, wo das freundliche Wort fehlte
und der freundliche Blick und der Komfort im Hause; -- ich meine nicht
den Komfort, der teuer zu erkaufen ist mit Geld, sondern den Komfort,
den der Blick, der Ton, den das liebende Herz der Mutter giebt.
Alles, meine Schwester, alles, glaube es mir, -- das Glück des Mannes,
das Glück der Kinder, das Glück der Familie, das Glück des Landes
liegt in den Händen der Frauen und nicht so viel in den Händen der
Männer; denn diese sind willig und folgen den Frauen; und wohl dem
Lande, das gute Frauen und gute Mütter hat!
Und siehe, Schwester; ein Glück habe ich aus meinen Händen
gegeben. Wie oft habe ich die Mutter beneidet, wenn ich sah, wie sie
ihr Kind küßte, wie sie ihr Kind liebend an die Brust drückte.
Da wurde es mir klar, daß ich geirrt hatte; ich hatte gefehlt, da ich
das Beste gewollt.
Wohl versuchte ich gut zu machen, soviel ich konnte; darum lehrte ich
die jungen Mädchen, und manches gute Samen-Korn habe ich gesäet.
Die gute Schwester weinte, und ich wollte sie trösten und sagte: Hast
Du nicht dadurch viel Gutes gegründet?
Ja, sagte sie, das habe ich allerdings, und mein Trost ist auch, das
Du glücklich bist, teure Schwester; und nun versprich mir hier, daß Du
auch ferner ein wahres, gutes Weib sein willst Deinem Gatten, wie Du
es bis heute warst; daß Du eine treue Mutter sein willst Deinen
Kindern, daß sie Dich so lieben wie eine Freundin, so daß Deine
Töchter Dir alles, alles vertrauen; daß sie nichts und niemals etwas
geheim halten vor Dir. Lehre sie, daß das Haus ein Heiligtum sei und
das Weib die Hüterin; denn der Mann geht in die Welt und sieht so viel
des Bösen und wird oft so verwirrt; sage es ihnen doch, daß es des
Weibes Pflicht ist, ihn zu läutern vom Schlechten und ihn zu erheben
vom Gemeinen und ihn zu stärken zum Guten.
Lehre sie ihr Haus angenehm machen, daß jeder es gern betrete.
Lehre sie, daß des Weibes Mission hoch und heilig ist. -- Meine Stimme
wird schwach, -- und nun versprich mir, Deinen Töchtern einst meine
Geschichte zu erzählen; und nun laß' -- sieh', wie die Sonne schon
sinkt, -- laß' uns beten. --
Ich sank neben ihrem Bette auf die Kniee und wir beteten; ich hörte
ihr Amen und dann einen leichten Seufzer; ich sah auf zu ihr, ihr Auge
war geschlossen, sie schlief. --
Wochen waren vergangen, -- da legte ich Blumen auf ihr
Grab. Ohnmächtig hatte man mich von ihrem Bette nach meinem Hause
getragen; ich verfiel in eine schwere Krankheit. Im Fieber sprach ich
allein von ihr, meiner teuern, seligen Schwester. Ich habe mich
bemüht, ihre letzten Worte zu erfüllen. -- Nun habe ich Euch auch ihre
Lebens-Geschichte erzählt; und ob es mir wohl geglückt ist, Euch,
liebe Kinder, eine Mutter zu werden, wie sie es gewollt?
Martha: O Mama, teuerste, liebste Mama!
Gretchen: Wie kannst Du nur so fragen, Mama?
Frau Meister: Mein Gatte, meine Freunde können die Antwort geben.
Bella: Verzeihung, Frau Meister. Aber was ist aus dem jungen
deutschen Herrn geworden?
Frau Meister: Das kann ich in wenigen Worten sagen.
Eines Morgens kam sein Freund zu mir. Er war bleich und war kaum im
Stande, zu sprechen. -- Sehen Sie hier, mein Fräulein. Lesen Sie,
sagte er mit bebender Stimme; und ich las:
»Teurer Wilhelm! Lange waren wir treue Freunde, und kein Tag fand uns
getrennt. Vergieb mir, wenn ich dich heute verlassen habe; denn ich
muß fort, fort in die weite Welt und muß allein sein mit mir. Ich muß
versuchen, ob ich nicht dieses Herz stillen kann, denn mir ist gar
weh. -- O, sie hätte so glücklich werden können, -- und sie ist es
jetzt nicht; glaube mir. Ich aber will kämpfen wie ein Mann. Arbeit
wird mich heilen; in Taten werde ich Vergessenheit suchen und
finden. Und hörst du einstmals meinen Namen nennen und hörst du, daß
ich großes getan, dann wisse, es war ihr Bild, das mir vorschwebte,
ihr Bild, das mich begeistert hat.
Lebe wohl, ich bleibe ewig
Dein treuer Freund
Gustav von Halsen.«
Seitdem haben wir nie mehr von ihm gehört.
Louis: Aber der andere? Der Freund, Frau Meister, der Ihnen den
Brief brachte?
Frau Meister: Sitzt jetzt in jenem Zimmer, sehen Sie, dort.
Gretchen: Was? Jetzt? Bei Papa?
Frau Meister: Nein, -- Papa ist es selbst.
Martha: Papa?
Gretchen: Oh!
Bella: Herr Meister? -- Herr Wilhelm Meister?
Frau Meister: So ist es. Wie das kam, erzähle ich Ihnen ein anderes
Mal.
Otto: Herr Meister ist jetzt wohl sehr beschäftigt?
Frau Meister: Mein Gemahl ist in seinem Studier-Zimmer am
Schreib-Tische, und dann stören wir ihn niemals gerne; darum müssen
Sie auch gütigst entschuldigen, daß wir ihn nicht gerufen haben.
Otto: Gewiß, Madam.
Gretchen: Denkst Du nicht, Mama, daß Martha jetzt zu ihm gehen
könnte? Papa wird sich gewiß freuen, wenn er hört, daß die Herren hier
sind.
Frau Meister: Willst Du gehen, Martha?
Martha: Gerne, teure Mama. -- Entschuldigen Sie mich auf wenige
Momente.
Otto: Bitte, mein Fräulein.
Louis: Geht Fräulein Martha jetzt zu Herrn Meister?
Gretchen: Ja wohl, Herr Louis.
Louis: O, das ist gut!
Bella: Frau Meister, o, ich hätte Ihre gute Schwester gern einmal
sehen mögen. Haben Sie kein Bild von ihr?
Frau Meister: O doch, Bella. Siehst Du jenes Bild an der Wand?
Bella: Ja.
Frau Meister: Nun, das ist ihr Bild.
Bella: Ihr Bild ist es?
Otto: Ich dachte, es wäre Marthas Bild; Ihrer Tochter Bild.
Louis: Und ich dachte immer, es wäre Gretchens Bild.
Bella: Ja, das habe ich auch gedacht.
Frau Meister: Und Sie könnten recht haben, denn die Ähnlichkeit ist
groß; im Ausdrucke des Gesichtes ist Gretchen ihr ähnlich; in Figur
und Haltung gleicht unsere Martha ihr. Als dieses Bild gemalt wurde,
war meine Schwester siebenzehn Jahre alt; nur eine Kopie existiert von
diesem Bilde. Wo diese aber ist, weiß ich nicht. Ah, -- da kommt meine
Tochter wieder und bringt ihren Papa am Arme. Das ist schön, daß Du
kommst, Wilhelm. Du bist nicht böse, daß wir Dich gestört haben, nicht
wahr?
Herr Meister: Nein, nein; ich danke Euch allen, denn ich freue mich,
meine Freunde begrüßen zu können. Guten Abend, Fräulein Bella! Guten
Abend, meine Herren!
Martha: Denken Sie nur, wie liebenswürdig Papa war: er gab mir
dieses Manuskript, einen Teil dessen, was er heute geschrieben hat;
und er hat mir erlaubt, es Ihnen vorzulesen.
Gretchen: Das ist eine große Ehre für Sie, Herr Louis. Papa thut das
sonst nie.
Louis: Herr Meister weiß, daß ich das zu würdigen verstehe. Nicht
wahr, Herr Meister?
Herr Meister: So ist es, Louis, gewiß.
Gretchen: Ich bin wirklich neugierig zu wissen, wie es geworden ist,
Papa.
Otto: Worüber schreiben Sie jetzt, Herr Meister?
Herr Meister: Über die alte deutsche Litteratur.
Martha: Dieser Teil in meiner Hand ist einiges aus dem
Nibelungen-Liede.
Otto: Soll ich Ihnen die Lampe näher bringen?
Martha: Danke; ich kann sehr gut sehen.
Louis: Hier, mein Fräulein, nehmen Sie diesen Fuß-Schemel. Das ist
bequemer für Sie, nicht wahr?
Martha: Danke. -- Soll ich beginnen, Mama?
Frau Meister: Wir sind bereit.
Martha: Das Nibelungen-Lied.
Worms war die Hauptstadt des Königreiches Burgund. Hier lebte die
Königin Ute mit ihren Söhnen Gunther, Gernot und Gieselher. Viele
große Ritter waren an ihrem Hofe: Ortewein von Metz, Hagen von Tronje
und sein Bruder Dankwart und Volker von Alzei, der Spielmann. Aber die
Zierde des Hofes und die Zierde des ganzen Landes war Krimhilde, der
Königin Tochter.
O Mutter, sprach einst Krimhilde zur Königin, o Mutter, ich hatte
einen bösen Traum: Zwei Aare töteten meinen Falken, und ich hatte
diesen Falken so lieb.
Armes Kind, erwiderte die Mutter, der Falke ist ein Ritter, den du
lieben und -- verlieren wirst.
Lieben? -- sprach Krimhilde, -- nie will ich einen Mann lieben, denn
Liebe bringt Leid.
Aber auch Freude, sagte die Mutter, wenn es ein edler und tapferer
Ritter ist; und ich hoffe, daß ein solcher einst dich, mein Kind,
beglücken soll.
* * *
Xanten war die Hauptstadt der Niederlande am Unter-Rhein. Da lebte
der König Sigismund mit Siegelinde, seinem königlichen Weibe, und mit
Siegfried, seinem Sohne.
Vater, sprach eines Tages Siegfried, -- Vater, ich ziehe nach Burgund;
ich will Krimhilde mir zum Weibe gewinnen.
Wenn du das willst, sprach der König, dann gehe. Aber wisse, Gunther
hat manchen starken Mann. Besonders merke dir Hagen.
Ich will in Freundschaft um Krimhildens Hand bitten; aber was ich im
Guten nicht gewinne, das kann ich auch erobern mit meiner starken
Hand.
So gehe, sprach der König; doch Siegelinde weinte, als der Sohn sie
verließ.
Und nach sechs Tagen kam er nach Worms mit zwölf starken Rittern. Aber
König Gunther kannte Siegfried nicht und er ließ Hagen rufen; denn
dieser kannte alle Länder und ihre Herren.
Da Hagen an das Fenster ging und hinunter in den Schloßhof und auf die
fremden Ritter sah, sprach er: Ich habe diese Ritter niemals gesehen;
aber ich denke, der erste ist Siegfried von den Niederlanden. -- Ja,
derselbe ist es und kein anderer. Er hat einst die starken Riesen, die
Nibelungen, bekämpft und ihnen den größten Schatz der Erde abgenommen,
den Nibelungen-Schatz; und vom Zwerge Alberich gewann er die
Tarnkappe, die ihn unsichtbar macht, und den Lindwurm hat er auch
getödtet und sich dann gebadet in des Drachen-Blut, so daß er
unverwundbar ist. Er ist ein gewaltiger Ritter, und wir müssen ihn
freundlich empfangen.
Und Gunther und seine Brüder und Hagen und alle Ritter gingen hinab,
Siegfried zu begrüßen.
Nun begannen frohe Tage; Ritter-Spiele wurden gefeiert, und Siegfried
siegte immer. Wenn aber die Frauen fragten: Wer ist jener Held, der so
schön gewachsen ist und der so reiches Gewand trägt? -- dann hörten
sie die Antwort: Das ist Siegfried, der Held von den Niederlanden.
Ein Jahr war er nun in Worms gewesen und noch hatte er sie nicht
gesehen, die er zu gewinnen kam; denn Krimhilde war stets nach feiner
Frauen-Sitte in ihren Zimmern.
Sie aber hatte ihn doch gesehen; denn wenn die Kampf-Spiele auf dem
Hofe waren, stand sie hinter ihrem Fenster, sah hinab auf den schönen,
tapfern Siegfried und begann erst, ihn zu bewundern, und dann, ihn zu
lieben.
In dieser Zeit war Lüdeger der König von Sachsen und sein Bruder
Lüdegast König von Dänemark. Diese beiden erklärten den Burgundern den
Krieg.
Da sprach Siegfried zu Gunther: Bleibe du hier bei den Frauen und
beschütze sie, und laß mich gehen mit Hagen und mit deinen Brüdern, zu
streiten für deine Ehre und für dein Gut.
Und so geschah es auch. Siegfried besiegte beide Könige und nahm
beide gefangen. Gernot sandte einen Boten nach Worms mit der
Sieges-Botschaft.
Aber niemand in Worms hatte in größerer Furcht und Angst gelebt, als
Krimhilde. Heimlich ließ sie den Boten zu sich kommen und sprach: O,
sage schnell, was du bringst; und ist es gute Botschaft, dann gebe ich
dir Gold.
Wir haben gesiegt, sagte der Bote; und der Mann, der den Sieg
errungen, heißt Siegfried; alle waren tapfer, deine Brüder und Hagen
und die anderen; aber das meiste und das beste hat der Held vom
Nieder-Rhein getan und die beiden Könige hat er auch gefangen und er
bringt sie hierher.
Da wurde Krimhilden's Antlitz rosenrot, und sie ließ den Boten,
reichlich beschenkt, von sich gehen.
Nun stand sie am Fenster und sah die Straße hinab, so weit ihr Auge
reichte, ob sie noch nicht kämen. Endlich kamen sie. Als die Hufe der
Pferde den Boden stampften, da klopfte ihr das Herz in der Brust und
da sah sie endlich auch ihn wieder, der so schön und hoch vor allen
war.
Sechs Wochen wurden die Verwundeten gepflegt am Hofe zu Worms; sechs
Wochen lang zogen die Ritter hinaus, sich zu üben in den
Kampf-Spielen; sechs Wochen lang bereiteten die Frauen den Schmuck und
die Kleider, die sie tragen wollten während des Sieges-Festes.
Und am ersten Tage des Sieges-Festes war ein großes Gedränge auf dem
Fest-Platze am Rhein; denn Ute kam heute mit ihrer Tochter
Krimhilde. Hundert Ritter und hundert Mädchen begleiteten sie.
Da sah Siegfried sie zum ersten Male. Wie der lichte Mond vor den
Sternen schien sie ihm, und Glück und Schmerz wechselten in seinem
Herzen.
Da wurde er zur Königin Ute gerufen, damit ihre Tochter ihm Willkommen
biete. Und als er vor der Holden stand, da wuchs ihm der Mut. Sie aber
errötete tief und sagte:
Willkommen, Herr Siegfried, edler Ritter! Und als er sich verbeugte,
begegneten ihre Blicke einander, -- doch nur verstohlen sahen sie sich
an.
Bald darauf gingen alle zur Kirche, und Krimhilde und Siegfried gingen
Hand in Hand; und als sie zusammen aus der Kirche kamen, sagte
Krimhilde: O, wie danke ich euch, edler Ritter, für die Dienste, die
ihr meinen Brüdern erwiesen!
Ich will ihnen noch länger dienen und will ihnen dienen bis an meines
Lebens Ende, wenn ich damit nur eure Liebe gewinnen könnte!
Das Sieges-Fest dauerte noch zwölf Tage, und Siegfried sah nun jeden
Tag Krimhilde. Dann wollte er zurückkehren nach Xanten. -- Jung
Gieselher aber bat ihn zu bleiben, und so blieb er.
* * *
Auf der Insel Island lebte Brunhilde, die Königin. Weit und breit
sprach man von ihrer Schönheit und von ihrer Kraft. Sie konnte Speere
werfen, Steine schleudern und springen, besser, als mancher Ritter; --
und nur einem solchen Ritter wollte sie Herz und Hand schenken, der
sie in diesen drei Dingen überbieten konnte. Viele der tapfersten
Ritter waren schon gekommen und -- gefallen.
Siegfried kannte Brunhilde, und endlich hörte auch Gunther von ihr und
sagte: Ich gehe an die See zu Brunhilde.
Thue es nicht, sprach Siegfried, du könntest die Reise mit Leib und
Leben bezahlen.
Aber Gunther sprach: Kein Weib ist so stark, daß ich sie nicht leicht
überwinden könnte.
Du kennst Brunhilde nicht, sprach Siegfried; und ich rate dir
nochmals: Geh' nicht nach Island!
Ich gehe, sprach Gunther, und koste es mein Leben; und du magst mit
mir gehen; mit deiner Hülfe besiege ich sie gewiß.
Sie gingen: Gunther und Siegfried, Hagen und viele andere tapfere
Ritter. Am Fenster standen die Frauen und weinten. Siegfried stieß vom
Lande ab und lenkte das Schiff.
Am zwölften Morgen ihrer Reise sahen sie ein Land mit Burgen und
Palästen. Da sprach Gunther: Nie habe ich solche Burgen gesehen. Der
Herr dieses Landes muß gar mächtig sein.
Brunhilde ist die Herrin dieses Landes, erwiderte Siegfried, und diese
Burg vor uns ist Brunhildens Wohnsitz, die Isenburg.
Sie landeten und bestiegen die Pferde. Siegfried hielt Gunthers
Steig-Bügel, damit Brunhilde glauben sollte, Siegfried sei Gunthers
Vasall. So hatten sie es verabredet, als sie noch im Schiffe waren.
Gunther und Siegfried waren weiß gekleidet und saßen auf weißen
Pferden; alle anderen waren schwarz gekleidet und saßen auf schwarzen
Pferden. So ritten sie auf die Burg zu. Diese war aus grünem Marmor
gebaut, hatte sechs und achtzig Türme und umfaßte drei Paläste.
Brunhilde war glücklich, als sie Siegfried sah; sie eilte ihm entgegen
und rief:
Willkommen, Siegfried, in meinem Land; ich möchte wohl hören, warum du
kommst.
Besten Dank für diesen Gruß, sprach Siegfried; doch, ihr solltet
Gunther grüßen; er ist König am Rhein und er ist mein Herr. Er -- dein
Herr? sprach Brunhilde; -- und was will er von mir?
Ich kam um deiner Schönheit willen, sprach Gunther, und deine Liebe
will ich gewinnen.
So laßt uns gleich den Kampf beginnen, sprach Brunhilde, und legte
ihren goldenen Panzer an.
Siegfried aber ging zum Schiffe, setzte die Tarn-Kappe auf und kam
zurück -- ungesehen.
Man zog einen großen Kreis. In diesem Kreise sollte der Kampf
stattfinden. -- Da stand Brunhilde; ihre Rüstung glitzerte von Gold
und von Edel-Gestein, doch mehr als alles glänzte ihre Schönheit.
Da brachten vier Diener Brunhildens Schild; der war groß und dick und
schwer; und Hagen sprach zum König:
Wie nun, König Gunther? Es geht an Leben und Leib! -- Das ist ein
teuflisches Weib!
Dann brachten vier Ritter ihren Speer; der wog hundert Pfund.
O, wär' ich zu Hause! dachte Gunther.
Da brachten zwölf Ritter einen Stein, rund und breit; und Hagen rief
laut:
Des Teufels Braut in der Hölle sollte sie sein, aber nicht meines
Königs.
Siegfried aber, unsichtbar durch seine Tarn-Kappe, trat an Gunther
hinan, berührte ihn und sprach leise:
Fürchte nichts, Gunther; ich helfe dir; gieb mir den Schild; mache du
selbst nur die Geberden und Bewegungen, während ich gegen sie kämpfe.
Jetzt wickelte Brunhilde den Ärmel auf, und ihr schneeweißer Arm wurde
sichtbar. Sie ergriff den Speer und schwang ihn mit Macht durch die
Luft und warf ihn nach ihres Gegners Schild. Das Feuer sprang vom
Stahle. Siegfried strauchelte und fiel; schnell aber stand er wieder
und faßte den Speer und warf ihn zurück auf Brunhildens Schild, daß
die Funken flogen und Brunhilde zu Boden sank. Dank euch, König
Gunther, rief sie, sprang auf, nahm den Stein, schleuderte ihn hoch in
die Luft und sprang selbst darüber hinweg. Doch Siegfried nahm den
Stein und warf ihn noch höher, nahm Gunther in den Arm und sprang noch
höher und weiter.