So laßt uns denn, rief da ein anderer Schüler, die Gläser zusammen

stoßen und rufen: Heil unserm Meister! -- Sie taten so; sie hörten

das Klingen der Gläser; und von diesem Tage an stoßen die Menschen an,

wenn sie Wein trinken, und denken des Freundes oder der Freunde.

Herr Meister: Das ist eine feine Erklärung.

Bella: Und eine philosophische.

Dr. Albert: Jetzt will ich Ihnen noch eine Anekdote erzählen; dann

ist die Tafel aufgehoben und wir begeben uns in das Musik-Zimmer.

In einem Hotel in Jena saß einst ein alter Herr in einer Ecke am

Tische und trank Wein. -- Der Wein aber war dem Herrn zu stark, und er

mischte ihn darum mit Wasser.

In demselben Hotel, in einer andern Ecke, saßen drei Studenten am

Tische. Auch sie tranken Wein; aber sie mischten ihn nicht mit Wasser;

und sie lachten über den alten Mann, der seinen Wein verdünnte.

Endlich stand ein Student auf, trat vor den alten Mann und sprach:

Herr, wissen Sie auch, daß Sie eine große Sünde begehen, die edle

Gottes-Gabe, den Wein, mit Wasser zu verdünnen? Sprachs und setzte

sich. Der alte Mann aber stand auf und sprach:

Wasser allein macht stumm,

Das beweisen im Wasser die Fische.

Wein allein macht dumm,

Das beweisen die Herren am Tische.

Und da ich nun keines von beiden will sein,

So vermische mit Wasser ich meinen Wein.

Sprach's und ging hinaus. Die Studenten aber waren mäuschenstill; denn

sie wußten jetzt, wer dieser alte Herr war. Es war -- Goethe.

Otto: Das war gut.

Dr. Albert: Wenn Sie belieben, meine Damen, so gehen wir in das

Musik-Zimmer. Gesegnete Mahlzeit!

Alle: Gesegnete Mahlzeit!

* * *

Martha Meister: Der Herr Doktor ist wohl so freundlich und singt uns

eins von seinen Studenten-Liedern vor.

Dr. Albert: Mit Vergnügen, mein Fräulein. Wollen Sie die Güte

haben, mich zu begleiten.

Dr. Albert (singt):

Krambambuli, das ist der Titel

Des Tranks, der sich bei uns bewährt;

Es ist ein ganz probates Mittel,

Wenn uns was Böses widerfährt.

Des Abends spät, des Morgens früh

Trink ich mein Glas Krambambuli.

Krambimbambambuli, Krambambuli!

Bin ich im Wirtshaus abgestiegen,

Gleich einem großen Kavalier,

Dann laß' ich Brot und Braten liegen

Und greife nach dem Pfropfenzieh'r.

Dann bläst der Schwager Tantranti

Zu einem Glas Krambambuli.

Krambimbambambuli, Krambambuli!

Braust mir's im Kopf, reißt mich's im Magen,

Hab' ich zum Essen keine Lust;

Wenn mich die bösen Schnupfen plagen,

Hab' ich Katarrh auf meiner Brust:

Was kümmern mich die Medici?

Ich trink' mein Glas Krambambuli.

Krambimbambambuli, Krambambuli!

Wär' ich zum großen Herrn geboren,

Wie Kaiser Maximilian,

Wär' mir ein Orden auserkoren,

Ich hängte die Devise dran:

{"Toujours fidèle et sans souci,

C'est l'ordre du Krambambuli!"}

Krambimbambambuli, Krambambuli!

Ist mir mein Wechsel ausgeblieben,

Hat mich das Spiel labét gemacht,

Hat mir mein Mädchen abgeschrieben,

Ein'n Trauerbrief die Post gebracht:

Dann trink' ich aus Melancholie

Ein volles Glas Krambambuli.

Krambimbambambuli, Krambambuli!

Und hat der Bursch kein Geld im Beutel,

So pumpt er die Philister an

Und denkt: »Es ist doch alles eitel,

Vom Burschen bis zum Bettelmann!«

Denn das ist die Philosophie

Im Geiste des Krambambuli.

Krambimbambambuli, Krambambuli!

Soll ich für Ehr' und Freiheit fechten,

Für Burschenwohl den Schläger ziehn,

Gleich blinkt der Stahl in meiner Rechten,

Ein Freund wird mir zur Seite stehn;

Zu ihm sprech' ich: »{Mon cher ami,}

Zuvor ein Glas Krambambuli!«

Krambimbambambuli, Krambambuli!

Alle: Bravo, bravo!

Louis: Das gefällt mir, das muß ich auch lernen.

Bella: Sagen Sie, Herr Doktor, waren Sie auch einmal im Carcer?

Dr. Albert: Darüber, mein liebes Fräulein, darüber müssen Sie

mich nicht fragen; denn diese Frage möchte ich Ihnen nicht

beantworten. Aber wenn Sie mich fragen, wie das Innere eines

Carcers ist, -- das will ich Ihnen wohl sagen.

Gretchen: Da ist es wohl recht finster und schaurig; so habe ich es

mir immer gedacht.

Dr. Albert: Im Gegenteil, mein Fräulein. Der deutsche Student lebt

leicht und frei und froh, für ihn giebt es nichts Schauriges; doch,

vielleicht das Examen am Ende, -- sonst ist alles heiter, -- auch

seine Gefängnisse; auch darin macht er sich das Leben froh, empfängt

Besuche und thut oft, was er will.

Ich habe einen Carcer gesehen, der wirklich schön war. Jeder Student,

der in demselben gesessen hatte, hat etwas zur Verschönerung

beigetragen. Viele haben Bilder an die Wände gemalt, und einige dieser

Bilder waren recht schön.

Ich erinnere mich eines Bildes: Es ist ein Vulkan. Darauf sitzt ein

Student und raucht und bläst aus seiner langen Pfeife furchtbaren

Rauch. Der Professor aber, durch den er in den Carcer gekommen war,

rennt davon aus Furcht.

Louis: Das gefällt mir auch.

Otto: Soweit, meine Damen, sind wir unserm Programm treu

geblieben. Sollen wir es auch ferner?

Alle: O, gewiß.

Otto: Nun wohl; dann bitte ich, von jetzt an mir zu folgen. Unsere

Wagen sind angespannt, um uns an meine Yacht zu bringen. Wir werden

dann eine Fahrt in die Bai unternehmen.

Martha Parks: Ja, und Musik haben wir auch.

Bella: O, ist das nicht herrlich, Gretchen? -- Aber --

Gretchen: Aber was ist Dir denn, Bella? Du wirst ja so scheu?

Bella: O nichts, nichts. Ich dachte gerade an einen Traum, den ich

einmal gehabt habe.

Louis: O, heute giebt es keinen Sturm und keine großen Fische mit

hundert Köpfen. Ich erinnere mich Ihres Traumes sehr gut.

Otto: Nein, Fräulein Bella. Ich verspreche es Ihnen. Wir haben eine

herrliche Fahrt bei Vollmond, und ich bin der Kapitän.

Louis: Vorwärts denn, meine Herrschaften. Vorwärts! Zur See! Zum

Vergnügen!

[Illustration]

[Illustration]

IV.

Gretchen: So frühe heute in Deinem Blumen-Hause, Schwester? -- Guten

Morgen. Wenn ich Dich ansehe, muß ich an die schönen Worte denken:

Du bist wie eine Blume,

So hold, so schön, so rein.

Ich schau' Dich an, und Wehmut

Schleicht mir in's Herz hinein.

Du bist traurig, Martha? -- Du hast wirklich Fieber. Bist Du nicht

wohl?

Martha Meister: Habe keine Besorgnisse um mich, liebes Gretchen. Ich

habe letzte Nacht wenig oder gar nicht schlafen können, -- sonst ist

es nichts.

Gretchen: Du hast nicht schlafen können? Dann bist Du krank, Martha.

Martha: Nein, Schwester. Ich versichere Dich, mir ist wohl;

wirklich, sehr wohl; ich bin sogar glücklich.

Gretchen: So? Und davon wird man bleich? Das, Schwester, ist ganz

neu für mich.

Martha: Weißt Du, Gretchen, ich habe in der letzten Nacht sehr viel

denken müssen.

Gretchen: Ach, das böse Denken und Sorgen! Das ist recht häßlich!

Das macht alt, bringt Falten in das Gesicht und macht die Haare grau.

Martha: Aber, Schwester, kann die Erde es hindern, daß die Gräser

sprossen? Kann die Pflanze es hindern, daß die Knospen kommen? -- Nun,

so wenig können wir das Denken verhindern. Gedanken kommen von selbst.

Gretchen: Ist das so mit Dir? -- Ich glaube, mit mir ist es anders.

Martha: Denkst Du nicht auch, Gretchen, daß es recht traurig ist,

wenn ein großer Mensch nicht den rechten Platz gefunden hat in der

Welt und in einem kleinen Zirkel schaffen muß ohne Freude?

Gretchen: Ja, das ist recht unglücklich für ihn. Dann ist er wie der

Fichten-Baum, von welchem der Dichter singt:

Ein Fichten-Baum steht einsam

Im Norden auf kahler Höh'.

Ihn schläfert; mit weißer Decke

Umhüllen ihn Eis und Schnee.

Er träumt von einer Palme,

Die fern im Morgen-Land

Einsam und schweigend trauert

Auf brennender Felsen-Wand.

Martha: Gretchen, ich will Dir ein Geheimnis sagen.

Gretchen: Und ich soll es niemandem wieder sagen, nicht wahr?

Martha: Nein, niemandem. -- Ich glaube, der Herr Doktor Albert ist

nicht glücklich. Er ist Doktor der Medizin, und der Beruf des Arztes

paßt nicht für ihn.

Gretchen: Aber, liebe Martha, wie weißt Du das?

Martha: Ich weiß es nicht; aber ich fühle es.

Gretchen: Und Du meinst wirklich, der Herr Doktor sei ein großer

Mann?

Martha: Ich meine, daß er alles das besitzt, was ihn zu einem großen

Mann machen könnte, wenn er den rechten Platz fände. Denke, Gretchen,

an das, was ich Dir heute Morgen sagte.

Da kommt auch unsere liebe Mama. Guten Morgen, Mama! Wie hast Du

geschlafen?

Frau Meister: Gut, meine Tochter; ich danke Dir. Aber Du bist heute

Morgen sehr früh bei Deinen Blumen; und ohne Frühstück. Das ist nicht

recht, Kind.

Bella: Nein, Martha, das ist gar nicht recht von Dir. Guten Morgen!

Guten Morgen!

Gretchen: Das ist schön, daß Du so früh kommst.

Bella: Ich wünsche, Frau Meister, Sie wären gestern bei uns gewesen!

Louis' Ritter-Mahl war wirklich sehr komisch; und die Fahrt gestern

Abend, -- war das nicht herrlich, Gretchen?

Frau Meister: Soeben war der Diener der Herren Parks hier, um nach

Eurem Befinden zu fragen. Auch brachte er einen Korb mit Früchten.

Gretchen: Wie aufmerksam!

Bella: Als ich im Hause nach Euch fragte, sah ich den Korb. Solche

Äpfel habe ich noch nie gesehen, so rot, so glänzend, so rund;

Weintrauben, Orangen, Pfirsiche, -- denkt nur, in dieser Jahreszeit

Pfirsiche, -- und ich glaube, auch Ananas.

Frau Meister: Ich ließ den Herren meinen herzlichsten Dank sagen für

ihre Güte und Aufmerksamkeit und auch, daß ich mich noch mehr zu den

Früchten freuen würde, wenn die Geber heute Abend zu uns kommen

wollten, um sie mit uns zu speisen.

Bella: »Denn es ist der Anblick der Geber so schön, wie die Gaben.«

Martha: Ich finde, daß Ihr beide, Bella und Gretchen, heute Morgen

sehr poetisch seid.

Bella: Nicht wahr? Ich habe soeben »Hermann und Dorothea« gelesen,

-- das ist ein herrliches Gedicht.

Martha: Willst Du heute bei uns bleiben, Bella? Du könntest mit

Schwester Gretchen plaudern. Wenn Mama und ich heute Vormittag

ausgehen, werde ich diesen Strauß Deiner Mama bringen und ihr sagen,

daß Du heute bei uns bleiben möchtest. Ist es Dir recht?

Bella: Das ist mir sehr lieb, Martha. Für wen hast Du alle diese

Blumen gepflückt?

Martha: Diesen Strauß gebe ich Dir, meine liebe Mama, und diesen

stelle ich meinem Papa auf den Schreib-Tisch. Er ist gewohnt, jeden

Morgen frische Blumen dort zu finden, -- und diese Blumen kommen in

das Hospital für die armen Kranken.

Frau Meister: Die Blumen kommen ihnen immer wie eine

Himmels-Gabe. -- Ich glaube, meine Tochter, es wird bald Zeit, daß wir

gehen. Ihr aber bleibt ruhig hier; es ist hier schön.

Martha: Adieu, Gretchen; adieu, Bella. Auf kurze Zeit nur.

Frau Meister: Adieu, meine Lieben!

* * *

Bella: Ihr habt aber ein schönes Blumen-Haus, Gretchen.

Gretchen: Papa hat es für Martha gebaut. Sie liebt die Blumen.

Bella: Wer liebt nicht die Blumen? -- Vorgestern Abend saß ich bei

meiner guten Mama. Sie blickte tiefsinnig auf einen herrlichen Strauß,

der vor ihr stand. Ich aber las ihr vor aus den Psalmen: »Die Himmel

erzählen die Ehre Gottes« -- ja, unterbrach mich Mama, -- und die

Blumen erzählen von der Liebe Gottes.

Gretchen: Ja, ja. Deine Mama liebt Blumen und Vögel und Musik und

Poesie. Ihr geht es wie mir. Jede Blume ist für mich ein poetischer

Gedanke der Natur. Begreifst Du das wohl? Viele Blumen haben auch

einen Charakter wie die Menschen; das ist ganz gewiß wahr, Bella. An

manchen kann man die Freude sehen, an anderen wieder die Schwermut

oder die Liebe, auch den Haß und den Stolz oder die Bescheidenheit.

Bella: Sieh' nur diese schöne Rose! Meinst Du nicht auch, daß die

Rose die schönste sei unter allen Blumen?

Gretchen: Ja. Aber weißt Du auch, warum sie es ist?

Bella: Nein. Warum, Gretchen?

Gretchen: Weil die Rose von einer Frau stammt.

Bella: Von einer Frau? Ha, ha, ha! Die Rose von einer Frau, o

Gretchen!

Gretchen: Nun, höre einmal zu: Es ist schon lange her, da war in

Corinth eine Nymphe und ihr Name war Rotanda; und sie war die Herrin

von Corinth und war so schön, daß die stärksten und besten jungen

Männer zu ihr kamen und um ihre Hand baten.

Sie aber hatte stets gesagt: »Wer meine Liebe gewinnen will, muß um

sie kämpfen«; und sie floh in den Tempel der Diana. Ihre Bewunderer

folgten und öffneten die Thüre des Tempels mit Gewalt, -- und da stand

Rotanda mit dem Schilde in ihrer Linken und dem Schwerte in ihrer

Rechten; ihr Gesicht war gerötet, ihre Augen flammten in feurigem Mut.

Ah, wie schön! rief das Volk der Griechen; ah, wie schön! Sie sei die

Göttin dieses Tempels! Und das Volk nahm die Statue der Göttin Diana

und warf sie hinaus vor den Tempel.

Apoll aber, Diana's Bruder, war erzürnt über solchen Frevel; mit

zornigen Augen sah er hinab auf Rotanda. Da wurde sie starr; ihre

Füße wurden fest in der Erde wie Wurzeln, ihre Arme wurden wie Zweige

eines Baumes, ihre Haare wurden wie Blätter und Blüten.

Rotanda war verwandelt worden in einen Rosen-Busch mit Dornen; ihre

Bewunderer aber waren Schmetterlinge geworden; und diese fliegen noch

heute zur Rose und lieben sie und küssen sie.

Bella: So ist die Rose entstanden? Das habe ich nicht gewußt. Aber

nun weiß ich, warum die Rose so schön und lieblich ist. Ich danke Dir

vielmals, liebes Gretchen.

Gretchen: Ich will Dir ein schönes Gedicht von Heine sagen, oder

kennst Du es schon? Es lautet so:

Der Schmetterling ist in die Rose verliebt,

Umflattert sie tausend mal.

Ihn selber aber, goldig zart,

Umflattert der liebende Sonnen-Strahl.

Jedoch in wen ist die Rose verliebt,

Das wüßt' ich gar zu gern.

Ist es die singende Nachtigall?

Ist es der schweigende Abend-Stern?

Ich weiß nicht, in wen die Rose verliebt.

Ich aber lieb' euch all':

Rose, Schmetterling, Sonnen-Strahl,

Abend-Stern und Nachtigall.

Und nun nimm dieses.

Bella: Aber was denn, Gretchen?

Gretchen: Dieses Rosen-Blatt.

Bella: Dieses eine Blatt nur? Du scherzest!

Gretchen: Nimm es, Bella, nimm es.

Bella: Aber warum denn?

Gretchen: Wenn ich Dir ein Rosen-Blatt gebe, so bedeutet das so

viel, als würde ich zu Dir sagen: Liebe Bella, komm recht oft zu mir,

so oft Du willst; Du kommst mir nie zu viel.

Bella: Ist das die Blumen-Sprache?

Gretchen: Ja; kennst Du jene Sage nicht?

Bella: Ach, Gretchen, ich weiß gar nichts, und Du weißt so viel. Du

mußt mich alles das lehren; willst Du, Gretchen?

Gretchen: Gerne, Bella, gerne. -- Da war einmal eine Akademie und

darin waren zwanzig gelehrte Männer. Ihr Prinzip aber war: Viel

hören, viel denken und wenig sprechen, und niemals waren mehr als

zwanzig Männer in der Akademie.

Da kam einmal ein gelehrter Doktor aus dem Orient und wünschte, in die

Akademie aufgenommen zu werden.

Der Präsident der Akademie wollte nicht gerne nein sagen und aufnehmen

konnte man ihn auch nicht gut. -- Was war zu tun?

Man nahm ein Glas, füllte es mit Wasser, so daß kein Tropfen mehr

hineinging, und stellte es vor den gelehrten Mann aus dem Orient.

Er verstand das Symbol und traurig stand er auf und wollte gehen. Da

sah er auf der Erde ein Rosen-Blatt liegen. Ein Gedanke kam ihm; er

nahm das Blatt, legte es auf das volle Glas Wasser, und siehe, kein

Tropfen floß über.

Die Akademiker sahen, applaudierten und nahmen ihn auf in ihre

Akademie. So, jetzt weißt Du auch, was ein Rosen-Blatt bedeutet, nicht

wahr?

Bella: Ja, und ich will es mir merken. Und nun sage mir auch, woher

der Name: »Vergiß-mein-nicht« kommt, bitte.

Gretchen: Ein Paar ging einmal an der Donau spazieren; es war am

Abend ihrer Hochzeit; sie sahen in das Wasser.

Sieh' da, sieh! -- Da schwimmt ein Strauß! rief die Braut, ach, die

schönen kleinen Blumen! Sie müssen ertrinken, und ich liebe diese

blauen Blümchen über alles.

Warte, sprach er und war bereits in den Strom gesprungen; aber das

Wasser der Donau war sehr wild und riß ihn hinab in die Tiefe; -- noch

einmal kam er herauf, -- die Blumen hielt er fest in der Hand und mit

seiner letzten Kraft warf er sie in die Höhe zu ihr, die er liebte,

und rief: Vergiß-mein-nicht! dann versank er und ward nie mehr

gesehen.

Bella: Eine Blumen-Fabel weiß ich auch, die mir Dein Papa einmal

erzählt hat.

Es war einmal ein Schäfer namens Narziß, der trieb seine Schafe an den

Bach. Er blickte in das klare Wasser und sah zum ersten Male sein

Bild. Er bewunderte es, blieb lange Zeit da stehen und konnte sein

Auge nicht von dem schönen Bilde wenden.

Zeus aber zürnte über diese Eitelkeit und verwandelte den Schäfer in

eine Blume -- Narzisse, und seitdem steht sie traurig an den Bächen

mit gesenktem Haupte.

Gretchen: Komm' hierher, Bella, an die Fontaine; hier ist eine

Narzisse.

Bella: Dieses ist die erste, die ich sehe. -- Kannst Du mir sagen,

Gretchen, warum wir einen Braut-Kranz von Orangen-Blüten tragen, wenn

wir Hochzeit machen?

Gretchen: Das weiß ich nicht, Bella.

Bella: In Deutschland trägt die Braut keinen Kranz von

Orangen-Blüten.

Gretchen: So? Wie weißt Du das?

Bella: Anna hat es mir geschrieben.

Gretchen: Aber was hat man dort anstatt der Orangen-Blüten?

Bella: Einen Zweig von der Myrthe.

Gretchen: So? -- In Toscano ist es noch anders. Da tragen die

Bräute einen Strauß von Jasmin in der Hand, und ich will Dir auch

sagen, warum.

Jasmin war früher sehr selten in Europa. Schiffer hatten diese Pflanze

zuerst von Indien mitgebracht, und der Herzog von Toscana hatte sie

allein in seinem großen Garten und wollte sie auch allein behalten und

befahl seinem Gärtner, keine Jasmin-Blumen zu vergeben.

Aber der Gärtner liebte ein Mädchen und brachte ihr an ihrem

Geburts-Tage einen großen, schönen Strauß; darin war auch ein Zweig

von Jasmin. Die Braut freute sich darüber ganz besonders und pflanzte

diesen Zweig in ihren Garten.

Die Zeit verging, und der Gärtner hatte sein Mädchen noch nicht

heiraten können; denn ihre Mutter sagte: Der Gärtner ist nicht reich

genug.

Da verkaufte das Mädchen ihre Jasmin-Blumen, -- bekam dafür viel Geld

und gab alles ihrem Bräutigam. Nun waren sie reich und machten

Hochzeit.

Bella: Und darum trägt noch heute jede Braut in Toscana Jasmin an

ihrem Hochzeits-Tage?

Gretchen: Zum Andenken an das kluge und treue Mädchen.

Bella: Weißt Du, Gretchen, das gefällt mir, und wenn wir Hochzeit

machen, Du und Martha und ich, dann wollen wir auch Jasmin

tragen. Sollen wir?

Gretchen: Wir wollen mit Martha darüber sprechen. Diese Pflanze --

Bella: Das ist Epheu.

Gretchen: Epheu bedeutet Treue und Freundschaft. Das Epheu

umschlingt den Baum liebevoll, will ihn schützen, nicht wahr? Und wenn

der Baum alt wird und wenn man ihn fällt -- das Epheu bleibt ihm treu

und grünt weiter.

Bella: Und ich gebe Dir ein Epheu-Blatt.

Gretchen: Und ich nehme es an und wir bleiben treue Freundinnen.

Bella: Ewig treue Freundinnen! O, mir ist so wohl. Die Welt, die

ganze Welt möchte ich jetzt küssen!

Gretchen: Und ich möchte in einem fort singen:

La, la, la,

La, la, la,

Tra, la, la, la.

Komm', Bella, in's Haus!

* * *

Frau Meister: Aber ich bedauere sehr, daß ich Ihrem Herrn Bruder

nicht ebenfalls danken kann.

Bella: Ach, warum haben Sie den Herrn Doktor nicht mitgebracht?

Otto: Mein Bruder ging nach Mittag aus, um einige Fabriken zu

besichtigen, sowie gegen Abend die Druckereien unserer größten

Zeitungen. Er ist noch nicht zurück und ich vermute, daß er noch in

dem untern Teile der Stadt ist.

Martha Meister: Ich hoffe, Ihr Herr Bruder ist wohl.

Otto: Danke, Fräulein; er ist ganz wohl.

Louis: Das glaube ich nicht, Otto. Gestern Nacht, da Du schon lange

schliefst, hörte ich ihn in seinem Zimmer, das über dem meinigen ist,

auf und abgehen, lange Zeit, so daß ich auch nicht einschlafen konnte,

obgleich ich sehr müde war. Und als ich heute Morgen in Albert's

Zimmer kam, saß er schlafend auf dem Stuhle, und die Lampe brannte

noch; er war nicht zu Bette gewesen. Vor sich aber hatte er Pläne von

Maschinen, von Gebäuden und Kalkulationen, von denen ich nichts

verstand.

Aber, Albert, sagte ich zu ihm, gehört denn dieses auch zu Deinem

Studium? --

Er lächelte und antwortete nichts. Ich weiß wirklich nicht, was ich

von ihm denken soll. Mir kommt er vor, als sei er seit gestern nicht

mehr derselbe Mensch.

Otto: Das ist Deine Einbildung, Louis; Einbildung, nichts mehr.

Gretchen: Schon lange habe ich gewünscht, einmal zu sehen, wie

unsere Zeitungen hergestellt werden; aber Papa hatte niemals Zeit, und

allein kann eine Dame nicht gehen. Die Herren haben es darin viel

besser, sie können gehen, wohin sie wollen, und können tun, was sie

wollen.

Bella: Ja, die Herren haben es in allem besser.

Martha: Mama lächelt, Mama glaubt es nicht.

Frau Meister: Nein, ich glaube es nicht. Ich kannte einmal eine

junge Dame, reizend und klug wie Ihr; die sprach wie Ihr und --

handelte darnach.

Bella: Und -- Frau Meister?

Frau Meister: Und als sie ihren Irrtum einsah, war es zu spät.

Gretchen: Du sprichst aber heute sehr mysteriös, liebe

Mama. Entweder ist da etwas, was ernst ist oder interessant.

Frau Meister: Oder beides.

Gretchen: Bitte, liebe Mama, würdest Du nicht die Güte haben, uns

mehr davon zu erzählen?

Bella: O, tun Sie es, Frau Meister, ich bitte schön.

Frau Meister: Ich werde Euern Wunsch erfüllen, um so lieber, da es

sogar meine Pflicht ist. Nur bitte ich um Eure Geduld und auch um die

Ihrige, meine Herren, wenn ich mehr Zeit gebrauchen werde, als Sie

jetzt denken.

Martha: Wir wollen uns näher zu Mama setzen; rücken Sie näher, Herr

Otto und Herr Louis.

Frau Meister: Es war im Sommer 18 .... Staub und Hitze hatten viele

Leute aus der geräuschvollen Stadt auf das Land getrieben; auch unsere

Familie hatte ihren Landsitz bezogen. Hohe, grüne Berge ringsum,

schattiger Wald, ein lustig rinnender Bach, ein fischreicher See, und,

soweit das Auge reichen konnte, eine herrliche Landschaft, ein weites,

geräumiges Sommerhaus mit einem schönen Garten -- das alles hatten

wir, und das war genug, uns glücklich zu machen.

Vater und Mutter waren in diesem Sommer besonders glücklich; denn

Martha, ihre älteste Tochter, lebte nun nach ihrem Wunsche und war

heiterer geworden, als sie sonst war. Sie war nicht mehr so oft

allein, sondern ging in Gesellschaften und nahm oft teil an den

Spaziergängen und Ausflügen.

Sie war sonst immer gut, war gehorsam und liebevoll gegen die Eltern,

sorgsam für ihre jungen Geschwister und freundlich gegen alle, so daß

man von allen, die sie kannten, nur eines hörte: Sie ist schön und

lieb, wie ein Engel; wie schade, daß sie selbst nicht ganz glücklich

ist!

Und alle dachten und fragten oft: Was mag es wohl sein, daß sie so

traurig ist, daß sie oft so melancholisch aus ihren schönen, großen

Augen sieht?

Alles dieses war aber in jenem Sommer ganz anders. Martha war heiter,

so heiter, wie alle anderen jungen Leute der Gesellschaft.

Unter den jungen Herren aber waren zwei besonders interessant; es

waren zwei Deutsche. Sie hatten ihre Studien beendet auf einer

deutschen Universität, hatten eine Reise um die Welt unternommen,

hatten sogar Afrika durchreist, waren in Palästina, in Ägypten, auch

in China und Indien gewesen und waren nun hier, um Amerika zu sehen

und zu studieren.

Sie brachten Briefe und Empfehlungen von guten Freunden unseres Vaters

und waren gerne in unserer Familie gesehen, und auch sie versuchten,

uns angenehm und nützlich zu sein.

Wir hörten besonders gern, wenn sie von ihren Reisen erzählten; denn

sie erzählten interessant und sie selbst waren es.

Der eine von ihnen war etwas schwärmerisch, viele sagten: poetisch,

wie wir es oft sehen bei Deutschen; und Martha hörte ihm immer

aufmerksam zu, wenn er seine Ideen über das Leben, über Länder und

Menschen aussprach.

Besonders aber bewunderte er die Frauen dieses Landes und oft hörten

wir ihn sagen: Durch viele Länder der Erde bin ich gereist; aber unter

den Frauen aller Nationen sah ich keine, die so schön waren oder

klüger oder edler, als die Frauen dieses Landes.

Wir alle hörten das gerne; denn wir wußten, es war sein Ernst.

Wenn wir ausgingen, so folgte Schwester Martha stets seiner Einladung

und ging an seinem Arme. -- Schöne Tage vergingen so, und waren wir

abends müde vom Vergnügen des Tages, so wünschten wir doch den

nächsten Morgen herbei mit seinen neuen Freuden.

An einem Tage waren wir nach einem nahen Walde gegangen. Schattige

Kühle wehte uns entgegen und Wohlgeruch; wir hörten das Lispeln der

hohen Bäume und das Konzert der kleinen Sänger. Auf dem grünen Teppich

gingen wir fröhlich dahin, pflückten hier und da ein Blatt oder eine

Beere und hatten bald die Welt außerhalb des Waldes vergessen.

Auch mit Martha war es so. Sie war froh heute, ganz froh; ja, sie war

noch heiterer als sonst und sang und sprang mit uns bald hierher, bald

dorthin.

Studien und Plaudereien im Vaterland. Second Series · 第 6 / 19 段