zu tun; -- es ist gar nicht schwer für Sie.
Dr. Albert: Nun wohl; ich verspreche Ihnen, zu tun, was Sie
wünschen.
Bella: Ihre Schwester Martha hat mir draußen gesagt, daß Sie ihr so
vieles erzählt haben über Thüringen. Bitte, lieber Herr Doktor,
erzählen Sie uns auch etwas. -- Ich habe heute noch gar nichts Schönes
gehört. Ich weiß nicht, was ich denken soll von Otto und von
Louis. Wo ist denn Louis jetzt? Sie sind heute nicht so offen, wie
sonst. Einer sieht den andern an und dann lächeln sie; und so oft ich
sie frage: Aber was ist denn? -- so sagen sie beide: O nichts, gar
nichts. -- Ich bin ganz böse mit Ihnen, Otto.
Otto: O, das thut mir aber leid.
Dr. Albert: Also von Thüringen soll ich Ihnen erzählen. Setzen wir
uns.
* * *
Herr Meister: Ich meine, der Sängerkrieg auf der Wartburg hätte
großes Interesse für uns alle, Herr Doktor.
Dr. Albert: Sehr wohl.
Bella: Entschuldigen Sie, Herr Doktor. Ist das dieselbe Wartburg,
über welche Sie einmal an Louis geschrieben haben? --
Dr. Albert: Es ist dieselbe, mein Fräulein. Das Schönste, was Sie
sehen können in dieser alten Burg, das ist der Saal.
Vor mehr als sechshundert Jahren, im Jahre 1207, waren hier sechs der
größten Sänger und Poeten Deutschlands versammelt, um vor dem
Landgrafen und der Landgräfin, vor den Rittern und den schönen
Ritterfrauen und Fräulein um den höchsten Preis zu ringen durch ihre
Kunst in Poesie und Gesang.
Mit den schönsten Worten, mit den lieblichsten Tönen, mit der höchsten
Begeisterung sang einer nach dem andern zum Preise der Religion, der
Frauen und der Fürsten.
Heinrich von Ofterdingen, der geschickteste von allen, sang aber
allein gegen die übrigen fünf; er pries den Herzog Leopold von
Österreich; -- und die fünf anderen: Heinrich der tugendsame
Schreiber, Walther von der Vogelweide, Reinmar der Alte, Bitterolf und
Wolfram von Eschenbach lobten den Landgrafen.
Und da sie alle vollendet hatten, wußte man nicht, welcher Partei man
den Preis zukommen lassen sollte, ob den fünf Sängern, ob Heinrich von
Ofterdingen.
Man konnte zu keiner Entscheidung kommen, und die Erbitterung war so
groß geworden, daß man zuletzt beschloß, das Loos sollte entscheiden,
wer Sieger sei; der Besiegte aber sollte sterben, und dieses Loos traf
Heinrich von Ofterdingen; und als die erbitterten Sänger ihn ergreifen
wollten, floh er aus ihrer Mitte zum Ende der Halle zur Landgräfin und
fiel ihr zu Füßen und bat um ihren Schutz.
Und er hatte nicht umsonst gefleht. -- Sie sah seine angstvollen Augen
und hörte seine klagenden Worte und hatte Erbarmen mit seinem jungen
Leben. -- Sie breitete die Falten ihres weiten Mantels über ihn zum
Zeichen, daß sie ihn schütze, daß niemand ihn berühren, niemand ihn
beschädigen dürfte.
Und man einigte sich, daß man nach einem Jahre den Kampf wieder
beginnen und entscheiden wollte.
Nach einem Jahre waren sie alle wieder versammelt. Heinrich von
Ofterdingen war in diesem Jahre bei dem großen Meister Klingesor im
Ungarlande gewesen. Der Meister selbst war mit ihm gekommen.
Der Kampf des Gesanges aber endete heute fröhlicher, als im Jahre
zuvor, und der Preis wurde zuerkannt -- dem Sänger Wolfram von
Eschenbach.
Nun ging man zur Tafel, und edle Knappen und schöne Mägdelein brachten
die besten Speisen in silbernen Schalen und den feurigsten Wein in
goldenen Bechern.
Heute waren alle freudig. Da stand der Meister Klingesor aus dem
Ungarlande auf und alle hörten mit großer Ehrfurcht die Worte, welche
er sprach: In dieser Stunde wird dem Könige vom Ungarlande eine
Tochter geboren; und sie wird einst in das schöne Thüringen kommen und
Herrin sein in diesen Hallen. Heil der Tochter meines Herrn! Heil ihr,
die man nennen wird Elisabeth. -- So endete der Sängerkrieg auf der
Wartburg, -- und Fräulein Bella, ich hoffe, daß meine Erzählung Ihnen
gefallen hat.
Bella: Sehr gut. Ich danke Ihnen sehr, Herr Doktor.
Gretchen: Das ist die heilige Elisabeth; weißt Du das, Bella?
Bella: Ich habe es bis jetzt nicht gewußt.
Martha Meister: Die heilige Elisabeth war meine Heldin; und als ich
in Deinem Alter war, Martha, habe ich immer von ihr gelesen. Nicht
wahr, Papa?
Herr Meister: Ich erinnere mich dessen sehr genau, meine Tochter.
Martha Parks: War sie wirklich so gut, daß man ihr den Namen die
heilige Elisabeth gegeben hat?
Martha Meister: Sie war sehr gut.
Martha Parks: Aber was hat sie denn getan?
Martha Meister: Das will ich Dir wohl sagen:
Vier Jahre war Elisabeth alt, -- da empfing ihr Vater, der König von
Ungarn, eines Tages die Boten des Landgrafen von Thüringen; -- sie
baten um die Hand seiner Tochter für den Sohn des Landgrafen.
Der König von Ungarn hörte dieses gerne, denn er wußte, daß das
Thüringer-Land reich und schön war und seine Landgrafen edel.
In einem goldenen Wagen verließ Elisabeth das Ungarland, begleitet von
ihrer Amme, von vielen edlen Jungfrauen und Rittern; und da sie nach
Thüringen vor die Wartburg kamen, wurden sie mit großer Freude
empfangen.
Der junge Prinz öffnete selbst die Thüre zum Wagen und hob seine Braut
aus der silbernen Wiege, in welcher sie lag, und alle erstaunten über
ihre große Schönheit und über die große Anzahl der Wagen, die ihr
folgten, gefüllt mit Gold und anderen kostbaren Dingen.
Der Prinz und die Prinzessin aber liebten sich und waren wie Bruder
und Schwester und spielten mit einander; denn beide waren noch jung;
der Prinz war erst zehn und die Prinzessin nur vier Jahre alt.
Und da Elisabeth älter und größer wurde, vermißte sie nie die Kirche;
und sie betete immer zu Gott, daß er sie gut machen möchte, und daß
sie den Menschen gutes tun könnte.
Den Armen gab sie, so viel sie nur konnte, und die Kranken besuchte
sie und tat ihnen viel Gutes und sie war gegen alle Menschen so
freundlich, besonders aber mit den Traurigen.
Die Landgräfin aber, des Prinzen Mutter, war darüber oft hart mit ihr,
denn sie sagte, sie wäre eine Prinzessin und würde einst die Gemahlin
ihres Sohnes werden, und es wäre nicht recht, sich so gemein zu
machen. -- Und einst sagte die Landgräfin sogar: Wir wollen sie
zurückschicken nach Ungarn!
Da aber zeigte der junge Prinz auf einen großen Berg und sprach:
Siehst du den Berg vor uns? Wäre er auch vom feinsten Golde, so
wollte ich doch eher ihn vermissen, als meine Elisabeth. Ich habe
nichts lieber auf dieser Welt, als sie.
Da Elisabeth fünfzehn Jahre alt war, wurde eine große Hochzeit
gefeiert. Es war ein schönes, glückliches Paar. -- Sie war schön und
liebreich und fromm; und er war reich an allen Tugenden eines Ritters.
Nach wenigen Jahren wurde er nun selbst Landgraf im Thüringer-Lande.
Darüber aber war niemand glücklicher, als Elisabeth. Denn nun konnte
sie Gutes tun, soviel sie wollte, und niemand konnte sie mehr hindern.
Häufiger, als früher, ging sie nun zu den Unglücklichen, und wenn sie
die Hütten verlassen hatte, war es den Armen, als wäre ihnen ein Engel
erschienen, so reich waren ihre Gaben, so beglückend ihre Worte und so
freundlich war ihr Auge; und überall im Lande sprach man von der
Landgräfin Elisabeth und überall hatte sie Freunde.
Aber da waren auch einige, die böses von ihr sprachen zu ihrem Gemahl,
dem Landgrafen. -- Es war Hungers-Not im Lande, und das Brot war wenig
und teuer; und sie sagten, es wäre wahrlich nicht recht, daß die
Landgräfin so oft zu den Armen gehe und so reichlich Brot verschenke.
Der Landgraf aber wollte nicht hören auf ihre Worte und sagte nichts
zu seiner Gemahlin.
Aber einmal war er aus der Wartburg geritten; und da er wieder auf dem
Wege heimwärts war, sah er aus dem Wald-Pfade die Landgräfin kommen,
welcher eine Dienerin folgte. -- Und der Landgraf dachte: Unter dem
weiten Mantel trägt sie wieder Brot für die Armen, und wir selbst
haben doch so wenig in dieser teuern Zeit, -- und er rief ihr zu: Laß
doch sehen, was du unter dem Mantel trägst! -- O, rief sie, stotternd
vor Angst, -- o -- es sind -- Rosen!
In dieser Jahres-Zeit Rosen, Elisabeth? -- Unmöglich! -- Komm', laß
doch sehen! -- Und da sie zitternd ihren Mantel zurückschlug, war sie
selbst erstaunt, denn wahrlich -- es waren Rosen.
Und der Landgraf und Elisabeth lebten manche Jahre glücklich zusammen
und hatten schöne und gute Kinder. Da kam er eines Tages ernst nach
Hause und sprach: Elisabeth, ich habe einst gelobt nach dem Grabe des
Heilands zu wallfahren mit meinen Mannen, und nun ist die Zeit
gekommen, daß ich mein Wort erfülle.
Mußt du, sprach sie mit wehmütigem Herzen, so gehe. Aber da sie allein
war, mußte sie bitterlich weinen; und da der Tag des Abschiedes kam,
konnte sie nicht von ihm lassen; und viele Meilen wanderte sie mit
ihm, auf seinen Arm gestützt.
Da endlich sprach er zu ihr: Nun, mein teures, liebes Weib, gehe
zurück zur Burg.
So schwer war es ihr noch niemals geworden, zu tun, was ihr Gemahl
ihr gebot und ihr Weh war so tief, daß die härtesten Ritter mit ihr
weinten.
Sie kam zur Burg zurück. Es war ein harter Tag für sie. -- Aber ein
Tag folgte, der noch härter war; das war der Tag, da man ihr die
traurige Botschaft brachte, daß ihr Gemahl im Kampfe gefallen war.
Da war das Licht der Sonne ihr nicht mehr golden; und der zarten
Blümchen Schönheit sah sie nicht mehr und hörte nicht mehr auf den
lieblichen Sang der Vögel, und die Landschaft und die ganze Welt
schien ihr schwarz. Da war keine Freude mehr für sie auf dieser Erde.
Und der Bruder ihres Gemahls kam auf die Burg und machte sich zum
Herrn des Landes und vertrieb die Witwe seines Bruders.
Es war finstere Mitternacht, da er sie hinausstieß vor das
Burg-Thor. Der Regen fiel in Strömen; aus schwarzen Wolken zuckte der
Blitz; der Donner rollte fürchterlich durch die Berge und greulich
heulte der Sturm.
Elisabeth ging den schmalen Pfad den Berg hinab. Auf schwachem Arme
trug sie das jüngste Kind, an der linken Hand führte sie das zweite,
und ihr ältestes Söhnlein mußte die Fackel tragen, um den schlüpfrigen
Weg zu beleuchten.
Und zuletzt kam sie an den Fuß des Berges und nach Eisenach. In der
Stadt, wo sie einst Gaben gespendet, mußte sie nun selbst um milde
Gaben bitten; doch niemand wollte der Unglücklichen ein Obdach
gewähren; und still ertrug sie die Not um ihres Heilands willen, der
so viel mehr gelitten hatte für die Menschheit; -- und sie ertrug
alles mit Geduld, bis sich der Landgraf ihrer wieder erbarmte und sie
zurückrief; aber sie wollte nicht mehr zurück in die Burg.
Deutschlands großer Kaiser, Friedrich II., flehte sie an, daß sie
seine Gemahlin würde; -- aber ihr Herz gehörte dem einen, der nicht
mehr bei ihr war; ihm wollte sie treu bleiben.
Eines nur hatte sie erbeten für sich: Das Gnaden-Brot bis an ihr Ende,
und da gab man ihr die Stadt Marburg. Hier lebte sie im Kloster als
Nonne, überall Segen verbreitend bis eines Tages ihr Wunsch erfüllt
war.
Ihr Geist war zu ihm hinüber gegangen in jene selige Welt.
Vierundzwanzig Jahre war sie alt, da lag sie im Sarge, wie ein Engel
zu schauen.
Der Kaiser selbst und die Edelsten des Reiches trugen den Sarg zu
Grabe.
Wie damals, so spricht man noch heute im Thüringer-Lande von der
heiligen Elisabeth.
Martha Parks: Ich höre Dir so gerne zu, Martha; Du auch, Albert?
Dr. Albert: Ja, Schwester, mir geht es wie Dir.
Herr Meister: Es ist schade, daß Louis es nicht gehört hat. Er hat
großes Interesse für solche Erzählungen.
Bella: Ja, das ist auch wahr; wo ist Louis? Ist er noch nicht
zurück? -- Sie lächeln, Herr Doktor! -- Ah -- da ist ein Komplott im
Werke gegen uns. -- Gretchen, merke, was ich Dir sage, und der Herr
Doktor weiß auch darum. Was ist es, Herr Doktor? Sagen Sie es mir, ich
bitte. Sie sind immer so gut.
Dr. Albert: Mein verehrtes Fräulein, ich danke Ihnen für Ihre gute
Meinung, und ich versichere Sie, daß ich mich bemühen werde, mir
dieselbe zu erhalten. Aber ich bitte Sie, mich für einige Momente zu
entschuldigen, da ich Ihnen von Tannhäuser erzählen möchte; und wenn
ich das jetzt nicht thue, dann werde ich es vergessen.
Gretchen: Ist das derselbe Tannhäuser, der in Richard Wagners Oper
vorkommt?
Dr. Albert: Es ist derselbe. Wenn Sie auf der Wartburg stehen und
hinaus sehen in die Landschaft, dann sehen Sie den Venus-Berg, als den
schönsten unter allen anderen. In diesem Berge ist die Frau Venus, die
schönste Frau auf Erden, und Tannhäuser, der tapfere Ritter, wohnte im
schönen, weiten Palaste bei ihr. Was sein Herz begehrte, wurde ihm
erfüllt; und dennoch war er nicht glücklich, und sprach zu Frau Venus:
Hohe Frau, nun laßt mich gehen! Ich will nach Rom zum Papste und ihn
bitten, daß er meine vielen Sünden mir vergebe.
Sie bat ihn: Bleibet hier, mein Ritter, bleibet bei mir. Hier ist es
wahrlich schön, tausendmal schöner, als unter den Menschen da
oben. Tannhäuser schüttelte traurig sein Haupt und sagte: Ich kann
nicht, ich kann nicht, beste Frau. Und sie kniete nieder vor ihm und
blickte ihn an mit ihren schönen Augen und flehte.
Nein, o nein, sagte er; ich kann nicht.
Sie hing sich an seinen Hals und weinte. Da riß er sich los und eilte
hinaus; -- und im Pilger-Kleide und mit dem Stabe in der Hand,
wanderte er barfuß und barhaupt manchen Tag und kam nach Rom.
An demselben Tage aber war eine große Prozession; und Tannhäuser, der
Ritter, fiel auf die Kniee vor dem Papste und rief:
Vergebet mir, o Vater, meine vielen Sünden!
Und es sprach der Papst: Dein Blick ist scheu, mein Sohn, und deine
Wangen sind so hohl, sag an: Was hast du böses getan?
Und der Ritter sagte: O Vater, vergebt mir; ich wohnte im Berge bei
Frau Venus.
Der Papst aber sprach darauf: Wohntest du da? -- Wahrlich, so wie
dieser Stab in meiner Hand nie blühen kann, so kann ich dir solche
Sünde nicht vergeben; -- du bist verdammt hier und im Jenseits.
Und Tannhäuser ging traurig und mit gesenktem Kopfe aus der heiligen
Stadt.
Am nächsten Tage aber brachte man den Stab vor den Papst. Zu seinem
großen Erstaunen sah er Blüten am trocknen Holze.
Eilig sandte der Papst Männer aus, den Ritter zu suchen; aber keiner
konnte ihn finden, denn er war schon wieder zurück gegangen zum Berge.
Da stand Frau Venus wartend. Freudig rief sie aus, ihn mit offnen
Armen empfangend: Mein Ritter, mein Ritter! ich wußte, ihr kämet
zurück!
Martha Parks: Nun Albert, weiter!
Dr. Albert: Mehr, meine kleine Martha --
Bella: O, Herr Doktor; was ist das?
Otto: Das ist Trompeten-Schall.
Herr Meister: Gretchen, höre! Ist das nicht wirklich ein Signal der
Ritter?
Gretchen: Wirklich, Papa.
Martha Parks: O Albert, kommt jetzt der Tannhäuser?
Louis: Nein, aber sein Page.
Bella: Das ist Louis! Das ist Louis im Ritter-Harnisch.
Gretchen: Ich glaube, Bella, jetzt wird Dir alles klar werden.
Louis: Ludwig, der Page, bittet die hohen Herrschaften, Ritter sowie
Ritter-Damen, zur Tafel zu kommen. -- Ritter Meister wird das
Burg-Fräulein Martha Parks zu Tische führen; der Ritter Albert das
Ritter-Fräulein Martha Meister; Ritter Otto das Ritter-Fräulein Bella,
und der Page Ludwig selbst des edlen Ritters Meister schöne Tochter
Margaretha; und folgende Speisen werden sie laben:
1) Eine gute Fleischbrühe.
2) Reis.
3) Fische, Aal und Salat.
4) Wilder Schweinskopf mit saurer Sauce.
5) Ochsen-Fleisch, nach anglo-sächsischer Weise mit Pickeln.
6) Schinken vom jungen Schwein, in Burgunder-Wein gekocht.
7) Allerlei Geflügel.
8) Braten von Wildbret mit sauern Kirschen.
9) Kuchen: Turmkuchen und Baumkuchen.
10) Nürnberger Pfeffer- und Honigkuchen in der Form von Frauen und
Rittern.
11) Waffeln und Eisen-Kuchen.
12) Und Wein, viel Wein.
Dr. Albert: Halt, Page, blase noch nicht zum Marsche! Ich sehe,
die Herrschaften stehen verwundert und neugierig.
Bella: O nein, Herr Doktor; wir sind nicht neugierig, wir sind
niemals neugierig. Nicht wahr, Gretchen?
Gretchen: O nein, niemals!
Dr. Albert: Aber Sie möchten wohl gerne wissen, was alles dieses
zu bedeuten habe; nun, ich werde es Ihnen sagen. -- Sie wissen ja,
Louis studiert jetzt deutsche Geschichte -- und bei den Rittern hat er
begonnen.
Otto: Und bei einem sehr praktischen Teile, glaube ich.
Dr. Albert: Beim Essen und Trinken! Nun sind unsere Eltern nach
dem Westen gereist, und Louis spielt den Herrn der Burg, wie er sagt.
Otto: Das bedauert aber keiner mehr, als der Koch.
Martha Meister: Unser armer Koch!
Dr. Albert: Der ist in Verzweiflung und meint, solch' ein Mahl
habe er noch nie zubereitet, und er habe doch schon manchen Tag
gekocht.
Gretchen: Das will ich gerne glauben.
Dr. Albert: Aber Louis hat seinen Willen und -- sein Ritter-Mahl.
Louis: Und die Herrschaften werden ein feines Mahl haben.
Martha Meister: Jedenfalls ein originelles.
Dr. Albert: Und nun in den Speise-Saal. Vorwärts! -- Page, blase
zum Marsch!
Louis: Sehr wohl. --
* * *
Dr. Albert: Setzen wir uns zur Tafel.
Martha Meister: Aber hier ist es wirklich, wie in einem
Ritter-Saale: Helme, Panzer, Schilde, Lanzen. Gehört das alles dem
Ritter Louis?
Bella: Du mußt nicht Ritter sagen, Martha. Louis ist noch kein
Ritter; er ist noch Page.
Martha Meister: In meinen Augen ist er bereits ein Ritter.
Louis: Ich danke Ihnen, mein Fräulein; und ich werde für Sie kämpfen
gegen Drachen und wilde Tiere und böse Feinde; und werde Ihr Leben
verteidigen mit meinem Blute.
Martha Meister: Und ich werde Sie bewundern.
Louis: Alles, was Sie hier sehen an Waffen, hat mein Bruder für mich
in Europa gesammelt. Das ist eine kostbare Sammlung: Gefällt sie
Ihnen, Herr Meister?
Gretchen: Und wie schön diese Tafel geordnet und mit Blumen
geschmückt ist!
Otto: Das ist Schwester Marthas Werk.
Bella: Du hast auch davon gewußt, Martha; -- o, Du kleine
Heuchlerin!
Martha Parks: Siehst Du nun, Louis, daß ich schweigen kann?
Louis: O ja, das hast Du von mir gelernt, Martha.
Dr. Albert: Louis, Deine Suppe wird kalt!
Louis: Hm, hm; ich spreche wieder zu viel. Nicht wahr?
Bella: Ich meine, Herr Doktor, es sei ganz schön, bei Tische zu
sprechen. Die Franzosen wissen gewiß sehr gut, wie man speisen soll,
und sie sprechen sehr viel, wenn Sie essen.
Martha Meister: Die Franzosen plaudern mir zu viel bei Tische. --
Ich halte es mit den Engländern; die sind ernst bei Tafel und beginnen
mit Gebet; und so machen wir es auch zu Hause. -- Was denken Sie, Herr
Doktor?
Dr. Albert: Ich halte es mit den Deutschen. Viele von ihnen
beginnen das Mahl mit Gebet und plaudern während des Essens ganz
angenehm. Bruder Otto aber macht es, wie der Engländer: Er speist, er
hört und bedient seine Dame.
Otto: Nicht so, Albert; ich speise weder wie ein Engländer, noch wie
ein Deutscher, noch wie ein Franzose; sondern wie ein wahrer
Amerikaner; das heißt: Ich nehme das Beste von allen, und bin ich, wie
jetzt, im Kreise guter Freunde und an der Seite einer Dame, wie
Fräulein Bella, und habe ich vor mir gute Speisen und feine Weine und
höre ich eine leichte und angenehme Unterhaltung, -- dann befinde ich
mich recht komfortabel, recht behaglich.
Herr Meister: Sie erinnern mich an den großen deutschen Schauspieler
Beckmann.
Fritz Beckmann war einer der besten Schauspieler in Berlin und war
sehr witzig und sehr komisch. -- Wegen seines guten Humors hatte er
viele Freunde.
Einer von ihnen war Herr Hagen. Eines Abends gab Herr Hagen eine große
Gesellschaft. Bei Tische hatte Herr Beckmann seinen Sitz zwischen den
beiden Töchtern des Hauses: Anna Hagen und Carolina Hagen.
Herr Beckmann sprach lange Zeit kein Wort, sondern lächelte immer.
Darüber wunderte man sich, und Fräulein Carolina fragte ihn: Warum so
still, heute Abend, Herr Beckmann? Sind Sie nicht wohl?
O nein, mein Fräulein. Mir ist sehr wohl zu Mut in der Tat. Denn
zwischen A. Hagen und C. Hagen sitze ich mit B. Hagen (Behagen =
Komfort).
Louis: Bravo, Herr Meister, bravo!
Bella: Aber, Louis, ich habe keine Gabel.
Martha Parks: Ich auch nicht, der Diener hat die Gabeln vergessen.
Louis: O nein, liebe Martha, das hat der Diener nicht. Aber Ritter
und Ritter-Fräulein haben keine Gabeln zum Essen nötig.
Bella: So? Aber womit haben sie denn das Fleisch gegessen? Nicht mit
den bloßen Fingern, will ich hoffen.
Louis: Nein, mein Fräulein; nicht mit den bloßen Fingern, sondern
mit kleinen Hölzern, so wie diese sind, die neben Ihren Tellern
liegen.
Gretchen: Ja, ich habe mich im Stillen über diese Hölzchen
gewundert.
Martha Meister: Aber damit, Herr Louis, können wir nicht essen.
Louis: Aber die Ritter-Fräulein konnten es früher. Gabeln kamen erst
vor drei hundert Jahren aus Italien nach Deutschland, und erst später,
im Jahre 1608, brachte Thomas Congate die ersten Gabeln nach
England. -- Und in einem französischen Kloster zankten sich die Mönche
über die Einführung der Gabel. Die älteren Mönche hielten den Gebrauch
der Gabel für sündhaft, während die jüngern die Gabeln für erlaubt
hielten.
Gretchen: O, wie gelehrt Sie sind, Herr Louis!
Martha Meister: Sie studieren wohl recht viel, Herr Louis?
Louis: Hm, ja.
Bella: Das muß ich aber auch an Anna nach Cöln schreiben.
Louis: Ja, tun Sie das. So. -- Jetzt sollen Sie auch moderne Gabeln
haben. Johann, bring' Gabeln!
Gretchen: Ich möchte Ihnen ein Rätsel geben. Wer ist der größte
Tyrann?
Bella: Louis?
Gretchen: O nein, Bella!
Martha Parks: Napoleon?
Gretchen: Nein.
Otto: Cäsar?
Gretchen: Nein!
Dr. Albert: Wallenstein?
Gretchen: Nein!
Herr Meister: Nero?
Gretchen: Nein!
Louis: Aber wer denn, Fräulein Gretchen?
Gretchen: Der Magen.
Martha Parks: Der Magen?
Louis: Das innere Organ hier im Centrum meines Körpers?
Gretchen: Ganz recht; -- denn der Magen herrscht mit bitterer
Strenge über alle Menschen zu Wasser und zu Lande.
Dr. Albert: Und zu Wasser tyrannisiert er oft fürchterlich.
Gretchen: Und er herrschte zu allen Zeiten.
Louis: Das ist wahr.
Gretchen: Und nimmt keine Kultur an und ist gegen Damen ebenso
grausam, wie gegen Männer; und alle erkennen seine Herrschaft an.
Otto: Sie haben recht, Fräulein, der Magen ist der größte Tyrann.
Martha Parks: Ich will Euch auch ein Rätsel geben; soll ich?
Dr. Albert: Nun, Schwesterchen, laß hören!
Martha Parks: Welcher Ring ist nicht rund?
Louis: Aber alle Ringe sind rund!
Martha Parks: O, ich wußte, daß niemand es raten würde.
Otto: Nun, Martha?
Martha Parks: Der He -- ring.
Alle: Bravo, Martha, bravo!
Louis: Das war wirklich gut, teuerstes Schwesterchen. -- Johann,
bring' Champagner: -- Albert, kennst Du Papas Anekdote? Einmal sagte
Papa im Hotel zum Kellner: Bringen Sie mir eine Flasche Wein! {Oui}.
-- Sie sprechen französisch? -- {Yes}. -- Auch englisch? -- Ja.
Otto: Meine Herrschaften, hier kommt der Champagner. Das erste Glas
sei für den Burg-Herrn! Meine Damen und meine Herren! Louis, der
Amerikaner und Deutsche, der Gesellschafter und Historiker, der Page
und Burg-Herr, -- Louis, der alles ist und alles kann -- Louis soll
leben -- hoch! hoch! hoch!
Dr. Albert: Komm', Louis, stoß' an. Laß' die Gläser klingen. --
Ah, das gab einen guten Ton!
Herr Meister: Ich stoße mit Ihnen an, Louis. Auf Ihr Wohl!
Louis: Auf Ihr Wohl, Herr Meister! und Fräulein Martha, Sie haben
kein Glas?
Martha Meister: Ich trinke niemals Wein.
Otto: Prosit, Bruder Louis!
Louis: Prosit, Bruder Otto, und auf Ihr Wohl, Fräulein Bella!
Bella: Wohl bekomm's, Herr Louis!
Louis: Deine Gesundheit, liebes Schwesterchen!
Martha Parks: Gesundheit, Bruder Louis!
Louis: Fräulein Gretchen, jetzt habe ich die Runde gemacht und nun
bleibe ich wieder bei Ihnen und stoße mit Ihnen noch einmal an.
Gretchen: Otto will sprechen! hören Sie, Louis!
Otto: Meine Herrschaften! Wir trinken Kaffee und Thee aus den Tassen
und stoßen nicht an; wir trinken Wasser aus unseren Gläsern und stoßen
niemals an; aber trinken wir Wein, dann stoßen wir an. -- Warum tun
wir das beim Wein allein? Warum?
Herr Meister: Ich habe niemals darüber nachgedacht, Herr Otto.
Otto: Nun wohl. Man erzählt sich:
Einmal saß ein Weiser mit seinen Schülern beim Weine. -- Meister,
sagte ein Jünger, wenn wir mit dir trinken, dann sind unsere fünf
Sinne angenehm beschäftigt. An unserm ganzen Körper fühlen wir den
Effekt des Weines; unsere Zunge schmeckt den Wein, unsere Nase riecht
ihn und das Auge sieht ihn mit Wohlgefallen; unser Ohr aber hört die
hohen Worte der Weisheit, die du sprichst in der Begeisterung durch
den Wein. --
Und wieder einmal saßen die Jünger zusammen beim Weine; aber der
Meister war nicht bei ihnen. -- Da sagte derselbe Schüler: Ach, heute
genießen nur vier Sinne den Wein; denn wir hören nicht die weisen
Worte unseres Meisters.