Englischen sagen: {'My brother Louis rides good';} das wäre nicht
grammatikalisch; -- sie würden sagen: {'My brother Louis rides well';}
denn {'good'} ist ein Adjektiv im Englischen, {'well'} aber wird als
Adverb gebraucht. So kam es denn, daß Herr Otto auch im Deutschen
sagte >Mein Bruder Louis reitet wohl<. Im Deutschen aber ist das nicht
recht. -- >Wohl< wird sehr oft gebraucht als Synonym von >nicht
krank<. -- Z.B. >Wie geht es Ihnen? -- Danke, ich bin wohl<. Wir
gebrauchen es auch oft in dieser Verbindung: >Bringen Sie mir
gefälligst ein Glas Wasser!< >Sehr wohl, mein Herr<, -- wie das
Englische {'all right', 'very well'} und so weiter. {'My brother Louis
rides well'} würde im Deutschen sein: >Mein Bruder Louis reitet gut<;
denn >gut< ist im Deutschen Adjektiv und Adverb. Also nicht: {'He
speaks well'} >Er spricht wohl<, sondern: >Er spricht gut<.
Otto: Den Fehler habe ich sehr oft gemacht, nicht wahr, Herr
Meister?
Herr Meister: O ja, recht oft. Aber bin ich jemals müde geworden,
Sie zu verbessern?
Otto: Nein, wahrlich nicht. Sie hatten Ausdauer wie unser
U.S. Grant.
Bella: Beharrlichkeit führt zum Ziele.
Herr Meister: Und hier z.B. ist unsere liebe Freundin Bella. -- Sie
würde im Englischen sagen: {'I wish to write a letter';} -- und so
sprach sie dann auch im Deutschen: >Ich wünsche einen Brief zu
schreiben<; -- aber wir sprechen im Deutschen gewöhnlich nicht so: {'I
wish to buy essence of the white rose',} >Ich wünsche, Essenz der
weißen Rose zu kaufen<; das ist nicht recht, meine Freundin, nicht
wahr? Heute aber wissen wir es besser.
Bella: Heute sage ich: >Ich will einen Brief schreiben<, >Ich will
Essenz der weißen Rose kaufen<, oder noch besser: >Ich möchte Essenz
der weißen Rose kaufen.<
Herr Meister: Ganz recht.
Louis: Du mußt nicht denken, mein lieber Doktor, daß ich ohne Fehler
bin. O, ich kann auch Fehler machen, so gut wie Fräulein Bella.
Bella: Und das kann ich bezeugen.
Louis: Und ich kann Dir auch einige aufzählen, denn ich kenne meine
Fehler auswendig. -- Sieh' einmal hierher, Albert. In unserer
englischen Sprache sagt man z.B. {'To-day we are here. To-morrow we
shall go to Mr. Meister's house'.} Und so habe ich auch im Deutschen
gesprochen: >Heute wir sind hier. Morgen wir werden gehen in Herrn
Meisters Haus.< Dieses Deutsch ist nicht gut, Albert. Nicht wahr? Das
ist schlechtes Deutsch. {'To-day'} ist hier ein Adverb. Das Adverb muß
im Deutschen beim Verb stehen oder auch beim Auxiliar, wenn ein
solches vorhanden ist. Du mußt also sprechen: >Heute sind wir hier.
Morgen werden wir in Herrn Meisters Haus gehen<. >Heute< muß bei
>sind< stehen und >morgen< bei >werden<. Du mußt nicht das Adverb von
dem Verb oder dem Auxiliar trennen. Hast Du mich verstanden, Albert?
Dr. Albert: Sehr gut, Louis.
Louis: Nun, dann höre weiter: Im Englischen sagen wir z.B. {'I have
written this page'. 'I shall go to the concert'.} Wenn Du nun nicht
den Unterschied zwischen der deutschen und englischen Konstruktion
studiert hättest, so würdest Du im Deutschen sagen: >Ich habe
geschrieben diese Seite<, >Ich werde gehen in das Konzert<. -- Aber
ist das recht, Albert?
Dr. Albert: Nein.
Louis: Du mußt sagen: >Ich habe diese Seite geschrieben<; denn im
Deutschen mußt Du das Auxiliar von dem Verb trennen, wenn es geht. --
Ist das klar?
Dr. Albert: O, sehr klar! Ich muß nicht sagen: >Ich werde gehen in
das Konzert<, sondern: >Ich werde in das Konzert gehen<.
Louis: O, Du bist ein vorzüglicher Schüler. Ich will Dir noch mehr
sagen: {'I am glad that you are here',} >Ich bin froh, daß du bist
hier<. Dieses Deutsch ist nicht gut. -- Ich habe hier zwei Sätze, und
der erste Satz ist: >Ich bin froh<. Dieser Satz ist recht. Der zweite
Satz beginnt nach dem Komma mit dem Worte >daß<, und dieser Satz ist
falsch; -- denn ein jeder Satz, welcher mit der Konjunktion >daß<
beginnt, hat das Verb am Ende oder auch das Auxiliar, wenn ein solches
vorhanden ist. -- Also muß ich sagen: >daß du hier bist< und nicht
>daß du bist hier<. Noch andere Konjunktionen gehen wie >daß<, doch
nicht alle, und es wird gut sein, wenn Du an diese Worte denkst:
»Konjunktion am Beginne, Verb oder Auxiliar am Ende.« {'I hear that he
will come',} >Ich höre, daß er kommen wird< und nicht: >Ich höre, daß
er wird kommen<. {'He says that he has done his work',} >Er sagt, daß
er seine Arbeit getan hat< und nicht: >Er sagt, daß er hat getan
seine Arbeit<. Du siehst auch hier, daß in den Sätzen, die mit
Konjunktionen beginnen, das Verb oder das Auxiliar am Ende steht.
Dr. Albert: Ja, ja. Das sehe ich. O, wie sehr ich Dir danke!
Louis: O, bitte, bitte! Wenn Grammatik Dir so sehr gefällt, dann
werde ich Dir noch mehr geben. Vielleicht würdest Du sagen für: {'I
am going'} >Ich bin gehend<, {'I am writing a letter'} >Ich bin
schreibend einend Brief<. Das wäre aber kein gutes Deutsch. -- Wo wir
im Englischen ein Partizip des Präsens sagen, sagt man im Deutschen
das Präsens: >Ich gehe<, >Ich schreibe einen Brief<. {'He is talking'}
= >Er spricht<; nicht: >Er ist sprechend<. -- {'He was walking'}
nicht: >Er war gehend<, sondern, >Er ist gegangen<. -- {'He was
working'}= >Er hat gearbeitet< u.s.w.
Dr. Albert: Sehr gut, Louis. Du verstehst Grammatik.
Louis: Nicht wahr?
Dr. Albert: Aber Du sagtest mir, Du hättest keine Grammatik
studiert.
Louis: Nun ja, ich meinte, nicht so, wie Du.
Herr Meister: Aber Louis, Sie hätten noch sprechen sollen über: >Ich
bin, du bist, Sie sind, er ist, sie ist, es ist; Wir sind, ihr seid,
Sie sind, sie sind< &c.; und über: >Ich habe, du hast, Sie haben, er
hat, sie hat, es hat; Wir haben, ihr habt, Sie haben, sie haben< &c.
Louis: Das kann ich noch tun, Herr Meister, wenn Sie erlauben. Ich
war nicht bei Dir in Berlin, Albert, als Du Deutsch studiert hast,
aber ich weiß doch, Du hast immer gesagt für {'He has gone'} >Er hat
gegangen<, für {'He has run'} >Er hat gelaufen<. Wir haben das hier
immer so gesagt und ich am meisten; nicht wahr, Otto? Aber es war
nicht recht. Es sollte heißen für {'He has gone'} >Er ist gegangen<;
für {'I have run'} >Ich bin gelaufen<. Ich habe lange Zeit gebraucht,
um das zu begreifen; und noch längere Zeit, um es zu sprechen, bis
endlich Herr Meister so zu mir sprach: Louis, hören Sie einmal: >Ich
gehe<, >ich schwimme<, >ich renne<, >ich reite<, >ich fahre<, >ich
stehe auf<, -- das sind Wörter, die eine Bewegung andeuten, nicht
wahr? -- eine Bewegung des Subjektes von einem Platze zum andern oder
von einer Position in eine andere. -- Nun gut. Solche Wörter aber
stehen im Perfectum oder Plusquamperfectum nicht mit dem Auxiliar
>haben<, sondern mit dem Auxiliar >sein<. Also nicht: Perfectum >Ich
habe nach Hause gegangen<, Plusquamperfectum >Ich hatte nach Hause
gegangen<; sondern Perf. >Ich bin nach Hause gegangen<, Plusq. >Ich
war nach Hause gegangen<, und nicht: Perf. >Ich habe schnell
gelaufen<, Plusq. >Ich hatte schnell gelaufen<, sondern Perf. >Ich bin
schnell gelaufen<, Plusq. >Ich war schnell gelaufen<. Im Englischen
haben wir für das Perfectum im Activum stets das eine Auxiliar {'I
have'} &c. -- Im Deutschen aber haben wir zwei: >Ich habe<
&c. und >ich bin< &c. Also: Alle Wörter im Deutschen, die eine
Bewegung des Subjektes angeben von einer Stelle zur andern oder aus
einer Stellung in die andere, stehen mit dem Auxiliar >sein<; z.B.:
Präs. Ich schwimme &c.; Imperf. Ich schwamm &c.; Perf. Ich bin
geschwommen, du bist geschwommen, Sie sind geschwommen, er ist
geschwommen, sie ist geschwommen, es ist geschwommen, wir sind
geschwommen, Ihr seid geschwommen, Sie sind geschwommen, sie sind
geschwommen; Plusq. Ich war geschwommen, du warst geschwommen, Sie
waren geschwommen, er war geschwommen, sie war geschwommen, es war
geschwommen, wir waren geschwommen, Ihr waret geschwommen, Sie waren
geschwommen, sie waren geschwommen.
So auch: Präs. Ich reise &c.; Imperf. Ich reiste &c.; Perf. Ich
bin gereist &c.; Plusq. Ich war gereist &c. -- Präs. Ich reite
&c.; Imperf. Ich ritt &c.; Perf. Ich bin geritten &c.; Plusq. Ich
war geritten &c. -- Präs. Ich fahre &c.; Imperf. Ich fuhr &c.;
Perf. Ich bin gefahren &c.; Plusq. Ich war gefahren &c. --
Präs. Ich falle &c.; Imperf. Ich fiel &c.; Perf. Ich bin gefallen
&c.; Plusq. Ich war gefallen &c.
Dr. Albert: Das verstehe ich sehr gut, mein lieber Louis. Nun
danke ich Dir.
Louis: Bitte, bitte.
Dr. Albert: Das Verb oder, wie wir es in Berlin nannten, das
Zeitwort, hat mir im Deutschen nie viel Mühe gemacht.
Bella: Auch mir nicht. -- Da giebt es nicht so viele unregelmäßigen
Zeitwörter wie im Französischen.
Otto: Das deutsche Verb ist so leicht, wie das englische, meine ich.
Dr. Albert: Ganz gewiß; und dazu hat das Englische das Verb leichter,
als eine andere Sprache, die ich kenne. Denken Sie nicht auch so, Herr
Meister?
Herr Meister: Ich stimme Ihnen bei.
Bella: Herr Meister, Sie hatten mir das deutsche Verb so klar gemacht,
daß ich es in wenigen Minuten für immer verstanden habe.
Otto: Ich wünsche, Herr Meister, Sie würden meinem Bruder Ihre
Methode erklären.
Herr Meister: Mit Vergnügen. Ich habe das Folgende für das Beste
befunden, andere mögen anders verfahren. Meine Freunde haben von
Anfang an das Präsens, das Imperfectum und das Perfectum aller
Zeitwörter gelernt. Sie wissen >ich schreibe, ich schrieb, ich habe
geschrieben<; >ich höre, ich hörte, ich habe gehört<. Sie wissen auch
>ich höre< ist ein regelmäßiges Verb; denn >höre< behält >ö< in allen
Zeiten: Präsens, Imperfectum &c.; -- auch wissen Sie >ich schreibe<
ist ein unregelmäßiges Zeitwort, weil es nicht denselben Vokal behält
in allen Zeiten; -- im Präsens hat es >ei< (schreibe); im Imperfectum
>ie< (schrieb) und auch im Perfectum (geschrieben).
Nun wollen wir das Verb >ich höre< betrachten. Präsens: ich höre. Ich
werde ein >n< an das Wort >höre< hängen, dann ist es >hören<. Das ist
der Infinitiv. Dieser Infinitiv aber wird auch als Substantiv
gebraucht z.B.: >Das Hören wird mir schwer<.
Otto: Ist das nicht dasselbe wie das englische Particip Präsentis
{'hearing, walking, writing'} u.s.w.?
Herr Meister: Ganz recht. -- Im Deutschen können wir von jedem Worte
auf diese Weise ein Substantiv bilden. Und alle diese Substantive
haben den Artikel >das< z.B. >das Sprechen wird mir leicht<,
>das Reiten ist heute angenehm< u.s.w.
Dr. Albert: Das ist ein sehr guter Wink für den Studierenden und
erleichtert ihm vieles.
Herr Meister: Nicht wahr? Aber weiter! >Ich höre<. Ich komme zurück
zum Präsens, bilde daraus den Infinitiv >hören< und aus diesem
Infinitiv bilde ich wieder das Futurum, indem ich damit verbinde das
Auxiliar >ich werde, du wirst, Sie werden, er wird, sie wird, es wird,
wir werden, Ihr werdet, Sie werden, sie werden<. >Ich werde hören< ist
also das Futurum. Meistens können wir von diesem Infinitiv auch den
Imperativ bilden, aber nicht immer.
Das Activum wollen wir nun verlassen und ein wenig über das Passivum
sprechen. >Ich höre, ich hörte, ich habe gehört<. Wir nehmen >gehört<
vom Perfectum und verbinden es mit dem Auxiliar >ich werde, ich wurde,
ich bin geworden<, so finden wir das Passivum. Also Präs. Ich werde
gehört &c.; Imperf. Ich wurde gehört &c.; Perf. Ich bin gehört worden
&c.
Mehr als ich soeben gesagt, gab ich meinen Freunden nicht für den
Anfang; -- das andere gab ich ihnen nach und nach, und alles wurde
ihnen leicht.
Dr. Albert: Das ist sehr klar, in der Tat; und ich möchte wohl
eine kleine Probe mit meiner kleinen, klugen Schwester Martha
machen. Sie hat das Verb im Deutschen noch nicht studiert.
Martha Parks: Ich habe alles verstanden, Albert, was Herr Meister
gesagt hat. Frage nur zu!
Dr. Albert: Nun, wir wollen einmal sehen. Ich gebe Dir das Wort
>ich fange, ich fing, ich habe gefangen<.
Martha Parks: >Ich fange< ist Präsens; >Fangen< ist Infinitiv; >das
Fangen< ist Substantiv; >ich werde fangen< ist Futurum. Ist das recht?
Louis: Recht, Schwester Martha. Weiter! Das Passiv!
Martha Parks: Das Passiv ist: >Ich werde gefangen< -- Präsens; >Ich
wurde gefangen< -- Imperfectum; >Ich bin gefangen worden< --
Perfectum; >Ich werde gefangen werden< -- Futurum.
Dr. Albert: Das hast Du gut gemacht, Martha.
Martha Meister: Ihre Schwester ist sehr intelligent, Herr Doktor.
Otto: Erinnern Sie sich, Herr Meister, wie viele Mühe Sie einmal mit
uns hatten, als Sie das Passiv erklärten?
Herr Meister: Es geht vielen so, wie es Ihnen erging. -- Und oft höre
ich von Amerikanern, die wirklich gut Deutsch sprechen und die
Grammatik gut studiert haben, Ausdrücke wie >Othello ist heute im
Theater gespielt<, anstatt >Othello wird heute im Theater gespielt<.
Sie sagen >Othello war gestern Abend im Theater gespielt< anstatt
>Othello wurde gestern im Theater gespielt<. Das kommt aber daher: Im
Englischen gebrauchen wir {'I am, thou art, he is, she is, it is, we
are, you are, they are'} mit dem Adjectiv, mit dem Substantiv und mit
dem Verb z.B. {'He was good', 'He was an American', 'He was caught'.}
Im Deutschen aber sagen wir >Er war gut<, >Er war ein Amerikaner<, >Er
wurde gefangen<. Im Deutschen sagen wir >ich bin, du bist, Sie sind,
er ist, sie ist, es ist, wir sind, ihr seid, sie sind< mit dem
Adjektiv und mit dem Substantiv. Mit dem Verbum aber gebrauchen wir
>ich werde, du wirst, Sie werden, er wird, sie wird, es wird, wir
werden, Ihr werdet, Sie werden, sie werden<.
Dr. Albert: Auch das, Herr Meister, ist sehr klar. Nun aber sagen
Sie mir: Was tun Sie, daß Ihre Schüler den Artikel lernen?
Herr Meister: Nichts. -- Da ist nichts zu tun, Herr Doktor. Den
Artikel müssen wir der Zeit überlassen. -- Die Zeit ist mächtig. Sie
thut es für uns; -- langsam zwar, aber sicher. -- Sprechen unsere
Freunde hier den Artikel nicht korrekt?
Dr. Albert: Ganz korrekt.
Herr Meister: Nun wohl, die Zeit allein hat es getan.
Gretchen: Ist Ihnen der Artikel auch recht schwer geworden, Herr
Doktor?
Dr. Albert: Ja wohl, mein Fräulein. Oft habe ich mich gefragt:
Werde ich den Artikel wohl jemals lernen?
Gretchen: Aber Sie sprechen den Artikel so perfekt wie ein
Deutscher.
Dr. Albert: Ja, mein Fräulein -- heute!
Herr Meister: Ihnen ging es mit dem Artikel, wie mir einst mit der
Aussprache. Oft war ich in der größten Verzweiflung und rief: Wann, o
wann werde ich die Aussprache des Englischen inne haben! -- Ich habe
sie heute. -- Zeit und Geduld! -- Zwar habe ich meinen Freunden einige
Regeln gegeben über den Artikel; so z.B. sagte ich oft ....
Louis: >e< am Ende, >die< am Beginne.
Herr Meister: Ganz recht, Louis. Das heißt: Wenn ein Wort >e< am Ende
hat, so hat es meistens den Artikel >die<, z.B.: >Rose<, >die Rose<;
>Flamme<, >die Flamme<; >Schule<, >die Schule<. -- Auch alle Wörter,
die am Ende >heit<, >keit<, >ung<, >schaft< &c. haben, haben den
Artikel >die<; z.B.: >die Schönheit<, >die Fröhlichkeit<, >die
Wohnung<, >die Freundschaft<. -- Wörter mit >chen< und >lein< am Ende,
haben immer >das<; z.B.: >das Bäumchen<, >das Röslein<. Auch Wörter,
welche von Adjektiven kommen, haben 'das'; z.B.: >schön<, >das
Schöne<; >groß<, >das Große<; >grün<, >das Grüne<. Ferner Wörter, die
von Verben kommen und die Form des Infinitivs behalten; z.B.:
>schreiben<, >das Schreiben<; >lesen<, >das Lesen<.
Nun wohl; das sind einzelne, gute Winke über den Artikel; aber sie
helfen nicht sehr viel. In Deutschland verstehen kleine Kinder eben so
korrekt zu sprechen, wie hier bei uns die kleinen Kinder die rechte
Aussprache haben; das heißt: wenn sie dieselbe korrekt hören. Aber,
aber, -- wir vergessen, daß uns Herr Louis nicht eingeladen hat, heute
über Grammatik zu sprechen.
Dr. Albert: Ganz recht, Herr Meister. Ich danke Ihnen, daß Sie
mich daran erinnern. -- Es kam durch mich; und ich bitte um
Entschuldigung, Louis, daß Du durch mich gehindert bist, Dein Programm
auszuführen.
Louis: Bitte, Albert, das thut nichts. Wenn wir von jetzt an unsere
Zeit ökonomisch gebrauchen, so können wir sehr gut unsern Plan
ausführen.
Darf ich Sie bitten, meine Herrschaften, mir zu folgen? Ich bitte um
Ihren Arm, Fräulein Gretchen.
Martha Parks: Ich werde mit Ihnen gehen, Herr Meister.
Herr Meister: Es wird mir ein großes Vergnügen sein, mein Fräulein.
Otto: Darf ich um die Ehre bitten, Fräulein Bella?
Dr. Albert: Fräulein Martha, Sie können wohl erraten, wohin Bruder
Louis uns zuerst führen wird.
Martha Meister: Zu Nero?
Dr. Albert: Ganz recht.
Martha Meister: Ich dachte es. Ich sah seinem Auge die größte
Ungeduld an.
Dr. Albert: Vielleicht ziehen Sie es vor, mein Fräulein, hier zu
bleiben und meine Bibliothek zu besichtigen. -- Der größere Teil
meiner Bücher ist allerdings noch in Kisten verpackt. Was Sie hier
sehen, nenne ich meine Reise-Bibliothek; dieselbe enthält solche
Werke, die ich stets gerne bei mir habe.
Hier sind die spanischen Werke.
Martha Meister: Calderon: {La vida es sueño.} -- Cervantes: {Don
Quixote.}
Dr. Albert: Dieses hier sind die italienischen.
Martha Meister: Dante: {Divina Comedia.} -- Torquato Tasso:
{Gerusalemme liberata.} -- Ariosto: {Orlando Furioso.}
Dr. Albert: Und nun kommen wir zu den französischen.
Martha Meister: Corneille: {Le Cid.} -- Racine: {Athalie.} --
Molière: {Tartuffe.}
Dr. Albert: Die deutschen stehen hier.
Martha Meister: Goethe: Wilhelm Meister, Faust. -- Schiller:
Wilhelm Tell. -- Heine: Buch der Lieder.
Dr. Albert: Von den englischen halte ich nur ein Werk bei mir.
Martha Meister: Und das ist?
Dr. Albert: Sehen Sie hier?
Martha Meister: Shakespeare. -- Aber warum, Herr Doktor, halten Sie
aus unserer kostbaren Litteratur, die doch wahrlich so reich ist, nur
ein Werk?
Dr. Albert: Wenn ich Shakespeare habe, brauche ich kein anderes
Buch mehr. -- Sehen Sie hier? -- Das ist alles, was ich bei mir habe
in der griechischen Sprache.
Martha Meister: Homer's »Ilias«.
Dr. Albert: Geben Sie mir Homer und Shakespeare und ich will es
schon eine Weile aushalten, allein auf einer Insel. -- Hier stehen
einzelne Werke der lateinischen Sprache.
Martha Meister: Virgil's »Aeneis«.
Dr. Albert: Und die »Oden« von Horaz.
Martha Meister: Es muß herrlich sein, diese Werke in den
Original-Sprachen lesen zu können, wie Sie es tun.
Dr. Albert: Das ist es allerdings; und ich denke, Jeder sollte sich
bemühen, dasselbe zu tun. Glauben Sie mir, mein Fräulein: Das Reisen
ist das vorzüglichste Mittel, die Menschen zu veredeln. Mit offnen
Ohren und Augen zu reisen, mit den Menschen fremder Länder sprechen
und arbeiten, -- die Sitten fremder Völker beobachten und vergleichen,
-- das, mein Fräulein, mehrt unsere Kenntnisse und formt unsern
Charakter --
Nächst dem Reisen aber ist das Lesen wohl das beste Mittel zur
Bildung. Oder wissen Sie etwas Anderes, mein Fräulein, welches
interessanter ist und belehrender, als das Reisen und das Lesen?
Martha Meister: Nein, gewiß nicht. Aber eins sollten wir nie
vergessen, Herr Doktor, -- die Dankbarkeit und die Bewunderung für
diejenigen Männer, welche uns die Mittel geben, uns zu veredeln. Wir
sollten über die Geschöpfe niemals den Schöpfer vergessen.
Täglich danken wir ja dem himmlischen Schöpfer für die himmlischen
Gaben; -- warum sollten wir nicht auch den irdischen Schöpfern danken
für die irdischen Gaben?
Die idealen Werke eines Shakespeare sollten uns immer an den hohen
Genius erinnern, der sie geschaffen, und andere Werke, wie Eisenbahnen
und Telegraphen, sollten uns an die Dankbarkeit erinnern, die wir den
praktischen Männern, den Männern der Wissenschaft, schulden.
Dr. Albert: Und sagen Sie auch das noch, mein Fräulein. -- Wenn wir
mit Menschen fremder Nationen in ihrer Muttersprache reden, so sollen
wir in Dankbarkeit der Männer gedenken, die uns den angenehmsten und
kürzesten Weg gezeigt haben, das zu erreichen. -- Und darum bewundere
ich Ihren Vater, mein Fräulein. -- Seine Methode ist für die Sprachen,
was die Eisenbahn für das Reisen ist: sie macht den Weg kürzer und
angenehmer.
Martha Meister: Ich danke Ihnen. -- Wissen Sie, Herr Doktor, daß ich
noch keine Bibliothek gesehen habe, die so schön gebaut und
eingerichtet war, wie die Ihrige?
Dr. Albert: Es macht mich glücklich, daß meine Bibliothek Ihren
vollen Beifall hat, besonders, weil sie ganz mein Werk ist, das heißt,
nach meinem Plane gebaut wurde.
Martha Meister: Aber ich dachte, dieser Teil Ihres Hauses wäre erst
vor einem Monate beendet worden und vor Ihrer Rückkehr.
Dr. Albert: So ist es. Ich werde Ihnen das erklären: Vor etwa einem
Jahre schrieb mein Vater nach Berlin unter anderm: .... »und nun habe
ich Dir auch zu schreiben, daß wir, sobald das Wetter besser wird, die
Seite unseres Hauses niederreißen werden, die nach dem Garten zu
liegt, um sie schöner und größer aufzubauen.
Du hast auf Deiner Reise durch Europa gewiß schöne Privat-Bibliotheken
gesehen; -- und ich würde Dir dankbar sein, wenn Du mir helfen
wolltest. Du könntest mir nämlich den Plan zu einer Bibliothek
schicken, die nicht zu groß und auch nicht zu klein ist.
Du weißt, ich liebe den Komfort; und finde ich dann etwas in Deinem
Plane, was ich gebrauchen kann, so werde ich es gewiß nehmen u.s.w.,
u.s.w.«
Darauf antwortete ich meinem Vater: Wenn ich eine Bibliothek bauen
dürfte nach meinem Willen, dann müßte sie lang sein, wie ein Saal;
denn ich selbst gehe gern während der Arbeit auf und ab; -- dazu aber
brauche ich Raum; -- und ich höre dann gerne meinen eigenen Schritt;
-- daher wäre es am besten, wenn der Fußboden mit weißen
Marmor-Platten bedeckt würde. -- Die Halle dürfte nur ein Stockwerk
hoch sein, denn ich höre nicht gern den Tritt von Anderen über mir,
wenn ich denke.
Die Decke sei gewölbt und von Glas, um das Licht von oben fallen zu
lassen. -- Das Ende der Halle, dem Eingange gegenüber, sei ein
Halbrund; auch hier sei die Decke gewölbt, -- aber nicht von Glas, --
blau gemalt mit goldenen Sternen.
Rechts und links an beiden Seiten seien Fenster von buntem Glas. --
Auch eine Nische würde ich haben zu meiner Rechten; -- dahin würde ich
eine Marmor-Statue, z.B. eine Kopie der Venus von Medici stellen, zu
meiner Linken sollte der Stahlstich einer Madonna von Raphael sein.
Durch einen Vorhang von schwerem Damast würde ich dann diese Rotunde
trennen von dem Haupt-Teile der Halle. -- Eine Doppel-Thüre aber würde
ich haben am anderen Ende der Rotunde, dem Vorhang gegenüber. -- Diese
Thüre müßte in ein kleines Blumen-Haus führen, das gefüllt wäre mit
tropischen Gewächsen; von hier aus könnte man dann in den Garten
gehen.
In der Rotunde selbst sei ein Tisch zum Schreiben und ein Pult, um
auch stehend studieren zu können.
So wären also drei Abteilungen da, wenn man den Vorhang vorziehen und
die Thüre nach dem Blumen-Haus schließen wollte; -- nämlich: Die
Haupt-Halle der Bibliothek, dann die Rotunde und zuletzt das
Blumen-Haus.
In der Halle aber würde ich weite und bequeme Stühle haben zum Empfang
von Gästen und Freunden.
Ein großer Leuchter, in der Mitte hängend, müßte das Ganze mit Gas
beleuchten, während in der Rotunde nur ein Arm-Leuchter mit Öl sein
dürfte.
In einem großen Kamin könnte man durch große Holz-Scheite Wärme durch
den ganzen Raum verbreiten.
Im Blumen-Hause aber würde ich einen Spring-Brunnen haben; denn wie
Musik so gerne höre ich das Plätschern und Rauschen des Wassers.
So etwa schrieb ich, nicht ahnend, was mein Vater wollte. -- Ich hatte
den Plan völlig vergessen; denn in keinem der folgenden Briefe
erwähnte mein Vater meinen Plan. -- Das war eine völlige Verschwörung
gegen mich, denn auch meine Mutter und meine Geschwister schwiegen
darüber.
Martha Meister: Und ich sehe, alles ist genau so gebaut, wie Sie es
gewünscht.
Dr. Albert: Genau so, mein Fräulein.
Martha Meister: Ich hätte Ihre Überraschung sehen mögen!
Dr. Albert: Meine Überraschung, meine Freude, meine Dankbarkeit
über dieses alles und über den feinen Takt meiner Teuern war groß.
Martha Meister: Sie müssen sehr glücklich sein, Herr Doktor!
Dr. Albert: Glücklich? Ja, das bin ich. -- Aber das höchste Glück,
-- das, -- mein Fräulein -- ah, die Herrschaften kommen zurück.
Bella: Martha, warum bist Du nicht mit uns gegangen? O, wie viel
Schönes haben wir gesehen; und nun, Herr Doktor, wollen Sie mir eine
Bitte erfüllen?
Dr. Albert: Mit Vergnügen, mein Fräulein; aber erst müssen Sie mir
sagen, was ich tun soll.