da er in seinem liebsten Buche, in Plutarch, gelesen und voll
Begeisterung ausgerufen hatte: Ja, das waren Männer und große Zeiten!
da sprach Spiegelberg, ein Kamerad, zu ihm: Was hindert uns denn,
Großes zu tun? Komm, Moor, laß uns Räuber werden! -- Karl aber
sprach: Findest du Freude an dem Galgen, Mensch, so gehe nur.
Mehrere Studenten kamen jetzt lärmend und singend zu ihm, und einer
von ihnen brachte für Karl von Moor einen Brief. Wie aber waren alle
erstaunt, da sie sahen, daß Karl den Brief, den er mit Freude
empfangen und geöffnet hatte, voll Zorn zur Erde warf und dann selbst
hinaus zur Thüre rannte. Man fürchtete Unglück und nahm den Brief vom
Boden und las das Folgende:
»Unglücklicher Bruder! Der Vater sagt, daß ich dir schreibe, er fluche
dir und enterbe dich und befehle dir, niemals wieder vor sein
Angesicht zu kommen, denn er mag den Sohn nicht sehen, der seinem
Namen und seiner Familie Schande bringt.
Dein trauriger Bruder Franz.«
Bald kam Karl zurück. Er trat in ihre Mitte und sprach dann mit lauter
Stimme: Freunde, Kameraden, was für eine Welt ist das, in der wir
leben, das Gute und das Große ist nirgends mehr, nur das Schlechte und
das Gemeine ist überall. Seht: ich hatte einen Vater, den ich liebte
und der mir teuer war, und noch vor wenigen Tagen schrieb ich ihm und
bat ihn, mir mein Unrecht zu vergeben; ah, ich hatte ihn gebeten mit
Worten, die einen Stein erweicht hätten, -- aber des Vaters Herz blieb
hart. Seht, Freunde, so ist mein eigner Vater, so und noch schlimmer
sind die Menschen alle in diesen Tagen. Die Menschheit ist zu tief
gesunken, wir wollen sie heben und das Schlechte und die Tyrannei
wollen wir vernichten. Wer von euch steht mir bei? wer von euch hat
den Mut, Tod und Untergang zu schwören aller Tyrannei?
Wir alle stehn dir bei und schwören! riefen sie.
Wohlan, so laßt uns Räuber werden!
Und alle schrien: So laßt uns Räuber werden, und Karl von Moor sei
Hauptmann!
Franz aber verfolgte seinen teuflischen Plan. Ein Mann, den er selbst
geschickt hatte, kam eines Tages zum alten Grafen Moor und sagte, daß
er ein Kamerad seines Sohnes Karl gewesen sei und daß er nun komme, um
dem Vater seines Sohnes Tod mitzuteilen. Der alte Vater hörte und
glaubte es und wurde so unglücklich und so krank, daß man sein nahes
Ende befürchtete. Seine Nichte Amalie war bei ihm und trauerte mit
ihm; denn sie liebte Karl und sie las laut aus der Bibel die
Geschichte Jakobs und Josephs vor, und als sie an Jakobs Worte kam:
Mein graues Haupt wird mit Kummer in die Grube fahren -- da fiel der
unglückliche Mann wie leblos zurück und Amalie schrie auf: Er stirbt,
er stirbt! und alle dachten der Graf von Moor sei tot und jetzt wäre
Franz Herr im Schlosse.
Karl von Moor befand sich jetzt an der Spitze einer großen
Räuber-Bande in den böhmischen Wäldern. Er war zum Schrecken aller
Tyrannen, aller Reichen und aller großen Herren geworden, welche Übles
taten, -- den Armen, den Schwachen und den Bedrückten aber gab und
half er. Eine neue Ordnung der Dinge wollte er schaffen und allen
Menschen wollte er gleiche Rechte geben. Seine Ideen erfüllten seine
Leute mit Begeisterung, und sie kämpften so mutig, daß sie immer
siegten gegen des Königs Soldaten.
Es war am Abend nach einer solchen Schlacht, als Karl von Moor allein
im Walde unter den Bäumen ruhte, daß er recht traurig wurde, da er
über sein Leben nachdachte. Er hatte Glück verbreiten wollen -- und
bis heute hatte er es nur vernichtet. Städte hatte er durch Feuer
zerstört, Saaten und Felder hatte er in den Schlachten zerstampft und
dann -- o, wie das Wimmern und Klagen der Witwen und Waisen in seinen
Ohren ertönte! Ah, zu spät mußte er lernen, daß er einst zu schnell
gehandelt hatte; zu spät mußte er sehen, daß es nicht eines Menschen
Werk sei, für alle zu sorgen, daß Gott allein in seiner Allweisheit,
in seiner Allmacht und in seiner Allgüte dieses vermag. O, wie
wünschte er seine Jugend-Jahre zurück; o, wie wünschte er sein Leben
noch einmal beginnen zu können, -- aber es war zu spät. -- Er wurde
unterbrochen in seinen Gedanken, denn die Räuber führten einen
Jüngling zu ihm. Karl betrachtete ihn lange, dann sprach er: Freund,
mir scheint, daß ihr nobel seid. Ihr gefallt mir, darum sage ich euch:
Haltet euch fern von uns, kehrt zurück zu den Menschen, da eure Hände
noch rein sind vom Blute.
Der Jüngling aber sprach: Ich bin ein böhmischer Edelmann und hatte
reiche Ländereien und schöne Schlösser und, um mein Glück voll zu
machen, ein Mädchen, das mich liebte, und in wenigen Tagen sollte sie
mein Weib sein. Da ließ mich der Fürst des Landes in das Gefängnis
werfen -- ich hatte kein Unrecht begangen -- und endlich, da man mich
nach Monaten wieder frei machte, fand ich meine Braut nicht mehr. Der
Fürst hatte ihr gedroht, daß ich sterben müsse, wenn sie nicht sein
werden wolle; und sie, die Unglückliche, hatte sich selbst geopfert,
um mein Leben zu retten. Auch meine Güter hat man mir geraubt. Nun
sagt, Herr Graf von Moor, was bleibt mir, als der Kampf um mein Recht?
Laßt mich bei euch, einen Unglücklichen bei den Unglücklichen, denn
auch ihr seid nicht glücklich, wie ich sehe. Und Moor sprach: Du magst
bleiben.
Durch diese Erzählung aber war in Moor wieder der Wunsch erwacht,
seine Heimat und seine Geliebte zu sehen, und er befahl: Auf, auf nach
Franken!
Franz hatte nun alles erreicht, er hatte Reichtum und Herrschaft --
aber er war unglücklich, denn ihm fehlte die Ruhe im Innern. Mit bösen
Gedanken hatte er begonnen und zu bösen Taten war er gekommen und
tiefer und tiefer war er gesunken, so daß die Menschen ihn haßten und
fürchteten, gleich wie er sie. Ein fremder Graf war in das Schloß
gekommen. Niemand kannte ihn, aber Franz von Moor fürchtete ihn mehr
als einen andern Menschen. Amalie aber mußte immer an Karl denken, sie
wußte nicht warum; und da sie in dem Garten saß und zu ihrer Laute das
Lied sang, welches Karl einst so liebte, hörte sie vom andern Ende des
Gartens dieselben Worte und dieselbe Melodie. Sie wußte nun, wer der
fremde Graf war.
Es war Nacht geworden, und Karl von Moor war wieder zurückgegangen in
den Wald. Da sah er beim Mondenschein einen Mann an einen alten Turm
gehen und er hörte auch Töne aus dem Innern des Turmes. -- In diesem
Umstande vermutete er ein Geheimnis. -- Leise trat Moor hinzu, packte
den Mann und sprach: Wer bist du und was thust du hier? Erbarmen, rief
jener, Erbarmen, ich bringe Brot für einen Unglücklichen, der hier im
Turme hungert. Mit seinem Schwerte öffnete Karl die Thüre, und aus der
Tiefe des Turmes kam langsam und scheu, die Hände ringend und
Erbarmen, Erbarmen! rufend, eine Figur. War es ein lebender Mensch,
war es ein Skelett? Karl von Moor erkannte in dem alten Manne mit den
langen, schneeweißen Haaren seinen eignen Vater!
Jetzt verstand Karl alles, sein Feind war auch seines Vaters Feind,
des Vaters Unglück und sein eignes kam von einem allein. Und er rief
seine Räuber und sprach:
Freunde, noch eins thut für mich, und dann will ich nichts mehr von
euch bitten: Bringet hierher vor mich Franz von Moor!
Diese Nacht aber war wieder eine der schrecklichsten gewesen, wie sie
Franz von Moor so oft erlebt hatte: er konnte nicht schlafen, denn er
mußte an seine Sünden denken, und wenn er endlich eingeschlafen war,
so hatte er die fürchterlichsten Träume, und so groß war seine Angst,
daß er nicht allein sein wollte, daß seine Diener an seinem Bette
wachen mußten. Nach langer Zeit zum ersten Male sandte er wieder in
dieser Nacht zum Pastor; nach langer Zeit zum ersten Mal wollte er
wieder beten und er begann:
Höre mich beten, Gott im Himmel, es ist das erste Mal, soll auch gewiß
nimmer geschehen. Erhöre mich, Gott im Himmel! -- Franz hatte das
Beten verlernt, und seine Angst und seine Verzweiflung war endlos. Als
die Räuber in das Schloß stürmten, fanden sie Franz leblos auf der
Erde -- er erwachte nie mehr.
Amalie hatte überall im Garten ihren Geliebten gesucht. Er war
geflohen, sie folgte ihm in den Wald, sie sah ihn und das waren nach
langer, langer Zeit die ersten und letzten Momente des Glückes.
Louis: Und wie war das Ende?
Otto: Das möchte ich Dir nicht sagen.
Louis: Aber das ist recht schlecht von Dir, Otto!
Dr. Albert: Dafür werde ich Dir ein Lied vorsingen aus den
»Räubern«. -- Fräulein Martha Meister, wollen Sie mich nicht
begleiten?
Martha Meister: Sehr gerne, Herr Doktor.
Dr. Albert (singt):
Ein freies Leben führen wir,
Ein Leben voller Wonne;
Der Wald ist unser Nachtquartier,
Bei Sturm und Wind hantieren wir;
Der Mond ist unsre Sonne.
* * *
Louis: Das gefällt mir, Albert. Nun erzähle mir noch ein wenig von
Bismarck.
Dr. Albert: Auf der Universität in Berlin studierte ein junger
Schwede. Dieser erhielt eines Tages einen Brief von seinem Onkel. Der
Onkel schrieb: Mein lieber Neffe! -- Deine Cousine, meine Tochter,
reist nach Ems in's Bad. In Berlin möchte sie einige Tage rasten und
zugleich Berlin sehen. Willst du nicht die Güte haben, deine Cousine
an der Post abzuholen und ihr Berlin zu zeigen u.s.w.
Die junge Dame kam an. Da stand der junge Mann mit einer Rose im
Knopfloch. Er begleitete sie in das Hotel.
Am nächsten Morgen kam er mit einer feinen Equipage und zeigte der
Dame Berlin und so tat er am zweiten und am dritten Tage.
Die Dame war glücklich über ihren galanten und aufmerksamen Vetter.
Am vierten Morgen begleitete er sie zurück zum Postwagen. Und die
Dame saß schon, da sagte der junge Mann:
Cousine, ich kann Sie nicht abreisen lassen, ohne Ihnen ein Geständnis
zu machen.
Die junge Dame errötete und schlug die Augen nieder.
Ich muß Ihnen sagen, sprach der junge Mann weiter, daß ich -- nicht
ihr Cousin bin. Ihr Cousin ist mein Freund. Er hatte keine Zeit mit
Ihnen zu gehen, weil er ein Examen zu machen hat; darum bat er mich,
es zu tun.
Aber, mein Gott, wer sind Sie denn? rief die Dame.
Der junge Mann gab ihr seine Karte. Der Postillon bließ seine
Trompete, der Postwagen rollte fort, und die junge Dame las auf der
Karte -- Otto von Bismarck.
Seitdem waren Jahre verflossen. -- Aus dem jungen Bismarck wurde der
alte, weltberühmte Bismarck, der in der Wilhelmsstraße in Berlin
wohnt.
Da hielt eines Tages eine Equipage vor Bismarcks Palast, und eine
alte, elegante Dame stieg aus, sandte ihre Karte zu dem mächtigen
Kanzler des deutschen Reiches und bald stand sie vor ihm und sprach:
Als Eure Excellenz mich zuletzt sahen, war ich noch jung. Eure
Excellenz sind seitdem groß und berühmt geworden und haben mich
sicherlich vergessen. Ich hatte einst die Ehre, an ihrem Arme Berlin
zu besichtigen.
Ah, rief Bismarck, ich erinnere mich dessen sehr wohl und bin Ihnen,
Madame, zu großem Dank verpflichtet. Mein Leben war immer so voll
Arbeit, daß ich nur einmal das Museum in Berlin sehen konnte, und das
war mit Ihnen zu jener Zeit. -- Aber nun erlauben Sie mir, Sie
einzuführen in meine Familie. --
Glückliche Stunden folgten darauf.
Martha Meister: Was mir an Bismarck so wohl gefällt, das ist ein
Dreifaches: Seine warme Liebe zur Familie, zur Religion und zur Natur.
Dr. Albert: Da haben Sie auch ganz Recht, mein Fräulein. -- Ah,
ich sehe, Louis ist noch nicht zufrieden.
Bismarck war Offizier geworden und mit seinen Kameraden stand er einst
vor einem Wasser. Da hörten sie: Hilfe! Hilfe! aus dem Wasser. --
Zuerst von allen sprang Bismarck in die Tiefe, tauchte unter und
rettete mit Not das Leben seines Dieners.
Dafür gab ihm der König eine Rettungs-Medaille, und das war Bismarcks
erster Orden.
Und einst war Bismarck in Wien auf einem Diner der Diplomaten. -- Ah,
wie da alles glitzerte und glänzte von Orden und Sternen in Gold und
Silber -- und Bismarck hatte nichts, als jene Rettungs-Medaille.
Bismarck {vis-à-vis} saß ein gewaltiger Politiker Österreichs, dessen
Brust nicht breit genug war für alle Orden, die er hatte.
Ei, Herr von Bismarck, was für einen Orden haben Sie denn da? fragte
er sarkastisch.
Das ist eine Rettungs-Medaille, sagte Bismarck gleichgültig; -- es ist
meine Gewohnheit, zuweilen einem Menschen das Leben zu retten.
Jahre vergingen, und auch Bismarck wurde groß; auch Bismarck erhielt
Orden, mehr, als er tragen konnte, und er war schon viel größer, als
der sarkastische Diplomat von Österreich.
Und wieder war er mit ihm auf einem Diner, und saß ihm gegenüber. Und
wieder glitzerte des andern Brust von den vielen Sternen und wieder
hatte Bismarck nichts als die Rettungs-Medaille; alle andern hatte er
zu Hause gelassen.
Ei, sagte dieses Mal Bismarck, -- ei, Excellenz, welche Orden haben
Sie denn da?
Und die Excellenz zählte die Orden an den Fingern; -- sie hatte nicht
Finger genug!
Oh, sagte Bismarck, alle diese Orden habe ich auch. Aber haben Sie
auch eine Rettungs-Medaille?
Die Excellenz errötete und antwortete nicht.
Louis: Siehst Du, Albert, das ist das beste, was ich von Bismarck
gehört habe; sage mir doch, Albert, wie war Bismarck in der Schule?
Dr. Albert: Ich glaube, gut und fleißig.
Louis: So? -- Hm.
Dr. Albert: Besonders gern studierte er Geschichte.
Louis: Dann will ich auch Geschichte studieren. Erzähle mir noch
eine; dann will ich Dich nicht mehr bemühen, Albert.
Dr. Albert: Als Bismarck noch ein junger Diplomat war, mußte er
einst dem Minister-Präsidenten von Österreich einen Besuch machen.
Es war ein sehr heißer Sommertag. Der Herr Minister-Präsident saß vor
einem offenen Fenster in den Hemd-Ärmeln und rauchte seine Cigarre.
Er ließ Bismarck lange in der Halle stehen, ohne Notiz von ihm zu
nehmen. -- Bismarck hustete; -- aber der Herr Minister-Präsident
wollte den jungen Mann immer noch nicht hören.
Da zog Bismarck seinen Rock ebenfalls aus, stellte einen Stuhl neben
den des Minister-Präsidenten, nahm auch eine Cigarre aus der Tasche
und sprach: Herr Minister-Präsident, darf ich Sie um etwas Feuer
bitten? --
Der Minister-Präsident war starr vor Erstaunen.
Er warf seine Cigarre aus dem Fenster; Bismarck auch. Er stand auf;
Bismarck auch. Er zog seinen Rock an; Bismarck auch -- und nun begann
die Audienz.
Louis: Diese Anekdote ist noch besser, Albert!
Dr. Albert: So, Schwesterchen Martha, nun wollen wir gehen.
Herr Meister: Wenn Sie noch einen Augenblick verzögern wollten, so
möchte ich Ihnen etwas erzählen, was mir soeben einfiel bei Ihrer
letzten Anekdote.
Der Baron von Rothschild saß auch einmal in seinem Arbeits-Zimmer, als
ein Herr hereintrat. -- Vertieft in seine Kalkulation, sagte der Baron
zu dem Fremden:
Nehmen Sie einen Stuhl, bitte!
Aber ich bin der Graf von....
So? -- Dann nehmen Sie zwei!
Louis: Das war eine gute Antwort, Herr Meister. -- Nun müssen wir
gehen.
Dr. Albert: Meine Herrschaften, es war mir sehr angenehm!
Martha Meister: Mama wird bedauern, verhindert gewesen zu sein.
Dr. Albert: Empfehlen Sie mich Ihrer Frau Mama.
Martha Meister: Danke. -- Adieu, Martha; komm bald wieder zu uns.
Otto: Adieu, meine Damen! Herr Meister, Adieu!
Louis: Nun, Fräulein Bella, sind Sie zufrieden mit mir?
Bella: Ja, Sie sind ein Mann von Wort.
Louis: Adieu, meine Herrschaften!
Alle: Adieu!
[Illustration]
[Illustration]
III.
Martha Parks: Das ist ein schönes Märchen! Aber das Ende, Albert?
Dr. Albert: Es ist zu Ende. Hat es Dir gefallen, Martha?
Martha Parks: Sehr gut, Albert.
Dr. Albert: Das war eine liebe, gute Schwester, nicht wahr,
Martha?
Martha Parks: Glaubst Du, Albert, daß es heute solche Schwestern
giebt?
Dr. Albert: O ja. -- Schwestern sind heute so gut, wie früher. --
Nun aber möchte ich von Dir das Märchen hören. Willst Du es erzählen?
Martha Parks: O ja, das will ich: Da war eine Mutter, die hatte sieben
Söhne und eine Tochter. -- Wenn die Knaben gespielt hatten im Garten
oder im Walde, dann kamen sie immer hungrig nach Hause; -- und eines
Tages standen sie wieder um ihre Mutter, welche ein Brot in der einen
Hand hatte und ein Messer in der andern.
Gieb mir zuerst, Mutter! -- Gieb mir zuerst! -- riefen die Knaben wild
durch einander. --
Wenn ihr doch alle Raben wäret! sagte unwillig die Mutter. -- Da waren
die Knaben plötzlich verschwunden, und über dem Hause flatterten
sieben Raben hin und her und kreischten: Rab! Rab! Rab!
O, meine Brüder! rief da die Schwester, -- und die arme Mutter weinte
und jammerte. Aber das half nun nichts mehr. Die Raben flogen in den
Wald.
Die Mutter hatte nun keine frohe Stunde mehr. Sie weinte Tag und Nacht
-- und starb bald vor großem Schmerz, und da war das Mädchen ganz
allein.
Tag für Tag aber ging sie in den Wald, sah nach allen Bäumen, sah nach
allen Raben und rief ihre Brüder mit Namen, -- aber sie kamen nicht.
Und wenn sie dann oftmals ohne alle Hoffnung war, dann setzte sie sich
auf einen Baumstamm, bedeckte ihr Gesicht mit ihren weißen Händchen
und weinte bitterlich.
So saß sie auch eines Tages da; und ihr Jammer war so groß, daß sie
dachte, ihr Herz müsse brechen. Da hörte sie eine Stimme: Stille deine
Thränen, gutes Mädchen! Wenn du sieben Jahre schweigen, -- nicht ein
Wort sprechen und sieben Hemden spinnen willst, so sollst du deine
Brüder wieder finden. -- Das Mädchen sah auf; -- und vor ihr stand ein
Zwerg mit langem Silberbarte; der winkte ihr freundlich zu und --
verschwand.
Das Mädchen aber merkte seine Worte. Sie blieb im Walde, wohnte in
einem hohlen Baume, sprach kein Wort und spann Flachs für die Hemden.
-- So waren sechs Jahre vergangen, aber das siebente Jahr war noch
nicht zu Ende.
Da kam einmal ein Prinz in den Wald. Er sah das liebliche Mädchen und
dachte zuerst, sie wäre ein wirklicher Engel. -- Er sprach mit ihr;
sie aber antwortete nicht; sie schüttelte nur mit dem Kopfe.
Armes Kind, sagte der Prinz zu seinen Dienern, -- sie ist stumm; aber
sie ist schön. Keine Prinzessin der Welt kann schöner sein; -- und
nahm sie mit sich in seinen Palast.
Der Prinz aber hatte eine Schwester, die war hart und grausam. -- Was
willst du mit dem fremden Mädchen? fragte sie ihren Bruder. -- Ich
werde sie mir zur Gemahlin nehmen, antwortete der Prinz. -- Diese Hexe
deine Gemahlin? rief die Prinzessin. -- Ja, sie ist eine Hexe! Sie
kann wohl sprechen; aber sie darf nicht und sie will nicht! -- Sage
das nicht, Schwester, sprach der Prinz; -- sie ist gut, aber sie ist
stumm. Armes Mädchen!
Die Prinzessin aber sprach zu allen Leuten, daß alle mit ihr dachten
und sprachen: Ja, sie ist eine Hexe, und sie muß verbrannt werden; --
und ein Scheiterhaufen wurde errichtet und sie wurde dahin geführt.
Der Prinz küßte sie tausendmal und wollte sie nicht lassen. Er weinte,
daß alle mitweinen mußten, die es hörten. Auch sie weinte und blickte
hinauf zum Himmel; aber sie sprach kein Wort.
So ging sie und trug die sieben Hemden unter dem Arme und kam an den
Scheiterhaufen und mußte hinauf steigen. -- Und da sie oben stand,
wollte man das Feuer anzünden, -- und betend sah sie hinauf zum
Himmel, -- -- da kamen sieben Raben und flogen und flogen um den
Holzhaufen; denn in diesem Augenblicke waren die sieben Jahre zu Ende.
Sie warf einem jeden von den Raben ein Hemd zu, und da standen vor ihr
sieben schöne Ritter.
Schwester! Treue, liebe Schwester! riefen alle. -- Da sind sie wieder,
meine Brüder! rief sie. O, meine Brüder!
Alle erstaunten. Das Feuer wurde nicht angezündet. -- Sie erzählte
ihre Geschichte, und der Prinz stieg auf den Scheiterhaufen. Engel! o
mein Engel! rief er, -- und trug sie hinunter und führte sie in seinen
Palast; und bald war sie sein Weib.
* * *
Albert, höre einmal! Was war das?
Dr. Albert: Bravo, -- Bravo?
Martha Parks: Wer ruft da Bravo? -- Ich werde die Thüre öffnen. --
Herr Meister!
Herr Meister: Verzeihung, meine kleine Freundin! Vergebung, Herr
Doktor! Gegen unsern Willen sind wir Lauscher geworden.
Martha Meister: Nicht Lauscher, Papa, -- Zuhörer, -- Bewunderer. --
Ein kleines Auditorium für Martha.
Martha Parks: So habt Ihr alles gehört?
Gretchen: Das meiste, liebe Martha. -- Herr Otto wollte uns
einführen, aber wir wollten Dich nicht unterbrechen. -- Wie schön Du
das erzählt hast!
Martha Parks: Das kommt, weil ich dieses Märchen so liebe.
Bella: Ist dieses Ihre Bibliothek, Herr Doktor?
Dr. Albert: Hier ist meine Bibliothek, Fräulein, und Schwester
Marthas Schule. Nicht wahr?
Martha Parks: Und Du bist mein Lehrer. O, ist das nicht komisch?
Albert ist ein Lehrer!
Dr. Albert: Wissen Sie, meine Herrschaften, es macht mir unendliche
Freude, meine kleine Schwester zu lehren. Sie ist so intelligent, und
dabei ist diese Art zu lehren so höchst interessant für mich selbst.
Louis: Ja, ich habe Albert gesagt, daß er es machen sollte wie Sie,
Herr Meister. Das ist die beste Methode in der Welt!
Herr Meister: Gemach, mein Freund Louis. Jeder Weg ist gut, wenn er
uns zum Ziele führt, und der Weg, den wir gewählt haben, ist gewiß
einer der angenehmsten. Was meinen Sie, Herr Otto?
Otto: Sicherlich, angenehm, interessant -- und vor allem gediegen; und
auch Bruder Albert meint, das Halbe, das Einseitige und das
Oberflächliche wäre unmöglich in Ihrer Methode.
Dr. Albert: Das sehe ich am Resultate. -- Allein über einen Punkt habe
ich nun schon viel gedacht und bin jetzt noch nicht im Klaren?
Herr Meister: Und das wäre, Herr Doktor?
Dr. Albert: Die Grammatik.
Herr Meister: Ah, -- das dachte ich!
Dr. Albert: Wie haben Sie selbst es mit der Grammatik gehalten?
Herr Meister: In der folgenden Weise: Wenn meine Freunde Fehler im
Sprechen oder Schreiben gemacht haben, so habe ich sie verbessert.
Dr. Albert: So sagte mir Louis. Allein ich sollte denken, das
würde nicht genügen.
Herr Meister: Bei manchen Schülern genügt es, bei anderen nicht.
Dr. Albert: So machen Sie einen Unterschied bei den Schülern, wie
ich sehe?
Herr Meister: In der Tat, das thue ich. -- Bei Kindern schlage ich
den Weg ein, den die Mütter einschlagen bei ihren Lieblingen und den
die Natur selbst sie gelehrt. -- Wenn das Kind fehlerhaft spricht, so
sagt die Mutter: Nicht so, mein Kind. Das war nicht recht. So mußt du
sprechen. -- Das genügt meistens für Kinder. Oft kann man bei ihnen
keinen andern Weg einschlagen. -- Und warum sollte man den Kindern
mehr sagen, als das? Sie haben ja Zeit genug, haben nichts zu
versäumen.
Anders aber ist es bei älteren Personen, die denken und immer nach dem
Warum? fragen. Bei diesen und besonders bei solchen, welche die
Grammatik ihrer Muttersprache studiert hatten, gehe ich ebenfalls den
Weg, von dem ich sagte, daß die Natur ihn vorgeschrieben habe; --
allein ich füge noch etwas Neues hinzu: Ich gebe ihnen auch die Regeln
der Grammatik, nachdem ich die Fehler verbessert habe, und so dringen
sie auch ein in den Geist der Sprache.
Doch habe ich mich stets gehütet, darin zu viel zu tun, und niemals
habe ich meine Schüler ermüdet mit Regeln der Grammatik. Stets war es
Vergnügen für beide Teile, für Schüler und Lehrer.
Auch bin ich nicht immer denselben Weg gegangen; oft tat ich es so
und oft anders, je nach dem Alter, je nach der Individualität des
Studierenden; -- und darin liegt die hohe Schönheit und die Größe
dieses Systems: Es ist ein System der Freiheit, der wahren Freiheit,
-- das nur entstehen konnte in einem freien Lande. Jeder Lehrer kann
darin seine Individualität geben, um so das Höchste und Beste zu
erreichen.
Otto: Sehr wahr!
Herr Meister: Worüber ich aber noch täglich erstaunen muß, ist eine
Beobachtung, die ich neulich gemacht habe: Daß nur wenig Grammatik,
daß nur wenige Regeln genügen, um recht zu sprechen und recht zu
schreiben. -- Dazu freilich ist es nötig, daß der Lehrer klar denkt
und sieht.
Ich habe meinen Freunden hier gewisse, kurze Regeln gegeben, -- und,
Sie sehen, sie sprechen korrekt.
Dr. Albert: Das ist wahr. -- Und welche Regeln halten Sie für die
notwendigsten?
Herr Meister: Ah, -- für die notwendigsten! Mein lieber Herr
Doktor, ich will Ihnen einige von solchen Sätzen geben, die meinen
Freunden gute Dienste geleistet haben. -- Aber nehmen Sie die Sätze
für nichts mehr, als für was ich sie ausgebe: Praktische Winke, die
unendlich viel Gutes tun. Sie mißverstehen mich nicht, nicht wahr? --
Ich gebe sie Ihnen nicht als Regeln.
* * *
Meine Freunde haben sich gewöhnt, ihre Gedanken sofort mit deutschen
Worten auszudrücken.
Dr. Albert: Und das erkenne ich als den größten Vorteil Ihrer
Methode.
Herr Meister: Ganz recht. -- Dennoch kommt es vor, daß sie englische
Idiome und Konstruktionen gebrauchen.
Dr. Albert: Das ist ganz natürlich.