er. An dem Brunnen gehet vorbei. Dann kommt ihr an einen Busch. Auch
an dem Busche gehet vorbei. Dann aber kommt ihr an einen einsamen
Ort. Weder Menschen noch Tiere leben daselbst, nur die Eule allein
haust hier. Da stehen zwei Birken. Da bleibet stehen; denn ihr habt
den rechten Ort gefunden. Unter den Wurzeln der Bäume findet ihr, was
euch erfreut. Ich selbst wollte mit euch gehen. Doch, wißt ihr wohl,
der Papst hat mich in den Bann getan. Nun aber habe ich im Herzen
gelobt, nach Rom zu gehen als Pilger. Ich will nun ein besseres Leben
beginnen. Doch hier ist der Hase. Der kennt den Platz. Wenn ihr
befehlet, so rufe ich ihn.
Und der König sprach: Thue so. Und der Fuchs rief den Hasen.
Zu Reineke selbst aber sagte der König: So gehe nach Rom und komme
befreit vom Banne zurück.
Reineke jauchzte von Herzen; denn er war frei, seine Feinde aber lagen
in Ketten.
Nach Rom ging er aber nicht, sondern eilte nach Malepartus und preßte
Weib und Kinder freudig ans Herz.
Herr Meister: Bravo, mein Freund! Bravo!
Martha Meister: Das erzählten Sie sehr gut, Herr Louis.
Bella: Das war sehr schön, nicht wahr, Otto?
Otto: Ja, Louis; ich freue mich auch über Dich. Du solltest Goethe's
Reineke Fuchs lesen. Da findest Du noch mehr.
Louis: So? -- Ist es von Goethe?
Otto: Gewiß, Bruder.
Louis: Von Goethe. -- Hm, -- Goethe gefällt mir.
Bella: Mir gefällt er auch.
Herr Meister: Wirklich?
Bella: Ich bin ganz erstaunt über Louis.
Louis: Aber warum denn?
Bella: Sie sprechen ja ein prachtvolles Deutsch!
Louis: O, Fräulein Bella; ist das Ihr Ernst?
Bella: Ja, ganz gewiß.
Louis: Das freut mich sehr.
Otto: Siehst Du, Louis? Herr Meister hat Recht.
Louis: Ja, das ist wahr! Ihre Hand, Herr Meister. Fräulein Bella,
wollen Sie das auch an Anna nach Cöln schreiben?
Bella: Das will ich sicherlich tun, und wollen Sie auch oft zu uns
kommen, ja?
Louis: Ja wohl, mein Fräulein.
Bella: Und Ihren Bruder mitbringen?
Louis: Ja, aber -- Otto, da habe ich ganz vergessen, daß Albert auf
mich wartet. Wir müssen nun gehen. Meine Damen, auf Wiedersehen!
Adieu, Herr Meister!
Martha Meister: Kommen Sie recht bald wieder, meine Herren. Sie sind
immer angenehm.
Otto: Danke Ihnen. Adieu, Fräulein Bella.
Bella: Auf Wiedersehen!
Herr Meister: Adieu!
[Illustration]
[Illustration]
II.
Martha: Darf ich Papa? -- Störe ich nicht?
Herr Meister: Komm', meine Tochter, setze Dich!
Martha: Hast Du heute viel geschrieben, Pa....?
Gretchen: Sie kommen!
Bella: -- -- sie kommen!
Martha: Aber -- wie Ihr stürmt! Sie kommen! Sie kommen! Wer kommt?
Bella: Jetzt sind sie auf der Treppe; jetzt -- jetzt klopfen sie an.
Herr Meister: Herein!
Louis: Hier ist mein Bruder Albert, der Doktor!
Otto: Erlauben Sie mir, Herr Meister, Ihnen meinen Bruder
vorzustellen: Herr Doktor Albert. -- Herr Meister, unser verehrter
Freund! -- Fräulein Gretchen und Fräulein Martha, Herrn Meisters
Töchter. -- Unsere Freundin, Fräulein Bella!
Dr. Albert: Meine Herrschaften, ich bringe Ihnen Grüße aus
Deutschland; -- so oft und so viel hat man mir von Ihnen erzählt, daß
Sie mir wie alte Bekannte erscheinen.
Martha: So dürfen wir hoffen, daß Sie bald wieder heimisch bei uns
werden?
Dr. Albert: Heimisch fühle ich mich schon jetzt, mein Fräulein. --
Martha, Schwesterchen, willst Du nicht bei mir sitzen?
Martha Parks: Ach ja!
Gretchen: Bist Du froh, daß Dein Bruder wieder bei Dir ist?
Martha Parks: O ja!
Bella: Herr Doktor, hatten Sie eine gute Fahrt?
Dr. Albert: Ja, mein Fräulein ... Das war eine prachtvolle Reise!
Wir hatten klares Wetter, guten Wind, aber auch ein wenig Sturm; und
dann und wann einen herrlichen Sonnen-Untergang; -- vom Sonnen-Aufgang
kann ich Ihnen wenig sagen.
Bella: Ah, Reisen ist doch schön!
Dr. Albert: Das ist es, mein Fräulein.
Herr Meister: Und hat es Ihnen gut gefallen in meinem Deutschland,
Herr Doktor?
Dr. Albert: Sehr gut, mein Herr. Glückliche Jahre habe ich dort
verlebt. Deutschland ist mir teuer geworden.
Martha Meister: Wie lange ist es jetzt, Papa, daß Du nicht in
Deutschland gewesen bist?
Herr Meister: Viele Jahre sind verflossen, meine Tochter, seitdem
ich mein Vaterland zum letzten Male gesehen habe.
Dr. Albert: Dann, mein Herr, sollten Sie einmal gehen und es
wieder sehen. -- Das alte Deutschland, das Sie einst verließen, werden
Sie nicht mehr finden; -- ein neues ist erstanden. Schön war
Deutschland ja immer und schön ist es noch heute. Aber zur Schönheit
ist nun auch die Macht gekommen, die Macht, welche Barbarossa den
deutschen Landen einst gewünscht.
Herr Meister: So lese ich, und so sagt man mir. Doch scheint es mir
selbst wie ein Wunder!
Dr. Albert: Das glaube ich Ihnen gerne, mein Herr. Sie denken
noch immer an die schöne Sage, die Deutschland einst gedichtet hatte
in seinem Unglück und in seiner Hoffnung: Tief unter der
Kyffhäuser-Burg sitzt Kaiser Barbarossa. -- Er sitzt sorgenvoll und
schlummernd vor einem Marmortische, den Kopf gestützt mit seiner Hand.
-- Sein Bart wallt nieder bis zur Erde und schlingt sich um den
Tisch. -- So sitzt er schlummernd hundert Jahre. -- Dann erhebt er
traurig das Haupt und spricht zum Zwerg: Fliegen die Raben noch um den
Berg? -- Und der Zwerg geht und kommt zurück und spricht: Die Raben
fliegen noch um den Berg! -- Dann seufzt der Kaiser und schlummert
wieder ein und schlummert noch hundert Jahre. --
Aber heute, mein Herr, sitzet der Kaiser nicht mehr am Marmortische;
-- er ist erwacht und emporgestiegen aus dem unterirdischen Schlosse.
Ich sah ihn selbst, den alten Kaiser mit schneeweißem Haare; ich sah
das Reich, das nun wirklich einig und mächtig ist durch _einen_
Mann -- durch Bismarck.
Herr Meister: Ja, ja, so ist's!
Dr. Albert: Ja, Herr Meister, das einige Deutschland ist sein Werk. --
Welch' ein Genius ist dieser Bismarck! -- Ich halte ihn für einen der
größten Männer, die jemals lebten; -- denn enorm ist es, was er
vollbracht hat und staunenswert ist es, wie er's getan!
Mitten unter Feinden steht er, -- gigantisch an Körper und groß an
Geist. -- Die Herren der Länder ringsum sind bereit zum Vernichten,
sie lauern nur auf den rechten Moment. -- Und die, für welche er
kämpft, stehen mürrisch zu Seite, geben keine hilfreiche Hand, nicht
einen freundlichen Blick, rufen kein liebes Wort. -- Finster schauen
sie ihn an und zeigen Haß, da er Liebe bringt.
Bittend steht er unter ihnen, reicht ihnen einen Oliven-Zweig und
sagt: Meine Herren, diesen Zweig habe ich im Auslande gebrochen, Ihnen
denselben zu reichen als Zeichen des Friedens und der Freundschaft,
auf daß wir gemeinschaftlich das große Werk beginnen und beenden.
Aber sie wollen nicht auf ihn hören und lassen ihn
stehen. Unverstanden und verkannt muß er den steilen Weg aufwärts
klimmen, ganz allein planend und übermenschlich schaffend. Wie groß,
wie wahrhaft groß er da unter den Menschen erscheint. -- Im Herzen
aber hatte er Gott, der ihn kennt, und vor sich seinen König, der ihm
traut; er selbst aber glaubte an den Sieg des Guten und in diesem
Glauben fühlte er sich stark und groß. Fest und sicher und schnell
geht er vorwärts und unternahm jene gewaltige Operation -- nun, Sie
kennen sie ja.
Herr Meister: Ja, ja, wir kennen sie! Aus jenem Deutschland, das
einst zerstückt und bald den Nachbarn zugefallen wäre als willkommene
Beute; aus dem Deutschland, das kraftlos und ein Spott der Welt
geworden war, aus diesem unglücklichen Deutschland hat er ein einiges
Reich geschaffen, das wieder stark ist, wie ehemals; den Deutschen gab
er wieder ein großes Vaterland und pflanzte in sie einen höhern Sinn.
Dr. Albert: Und das konnte Bismarck nur tun, weil er groß ist. --
Weil er selbst groß ist und gut, zieht er Tausende mit sich auf eine
bessere Höhe.
Aber, mein Herr, ich sage noch mehr: Deutschland ist ein deutsches
Land geworden zuerst durch Bismarck. -- Er hat vollendet, was Arminius
einst begonnen hatte: -- Das Werk der Einheit und Freiheit. -- Aber
dieses Werk hatte geruht viele hundert Jahre, hatte geruht im ganzen
Mittelalter, denn was war das Deutschland des Mittelalters, das sich
so gern das heilige römische Reich nannte? -- Es war kein deutsches
Land mit deutschem Geiste, -- es war eine schwache Nachahmung des
alten römischen Reiches, nichts mehr.
Aber solche wunderbare Macht besaß einst Rom, daß noch der große
Kaiser Karl und alle Kaiser nach ihm nichts Höheres kannten, als den
Titel »Kaiser von Rom.«
Wie der liebliche Schmetterling in die glänzende Flamme und ins
Verderben flattert, so zogen die deutschen Kaiser zu ihrem eignen
Unglück nach Rom. Mancher starke Mann fand den Tod in Roms Gefilden.
Während England durch die schirmenden Wogen des deutschen Oceans
geschützt war und frei und groß und stark wurde, -- und während
Frankreich lieblich und eins wurde, richteten die deutschen Kaiser
ihre Augen auf fremde Länder, auf Böhmen, Italien, Sicilien, Spanien.
-- Darum hatten Deutschlands Söhne fremde Kriege zu kämpfen auf ihrem
eignen Boden. Deutschlands blühende Fluren wurden zerstampft von den
Hufen der Kriegsrosse; und Deutschlands Dörfer und Städte wurden
niedergebrannt von wilden, fremdländischen Horden, und die Wohlfahrt
wurde vernichtet.
* * *
Das Unglück war groß. -- Da erbarmte sich Gott des geliebten Landes
und sandte ihm die Männer vom Hause Hohenzollern.
Herr Meister: Es sind Männer voll Kraft und Tugend, die von
Hohenzollern.
Dr. Albert: So ist es, mein Herr. Klug und stark waren die meisten
von ihnen -- und sie erkannten ihre Mission. -- Mit Energie, mit Kraft
und gutem Willen zog der erste Hohenzoller, Burggraf Friedrich von
Nürnberg, in Brandenburg ein.
Wie die Raubvögel aus ihren Nestern aufflattern, so verschwanden die
Raubritter aus den Burgen, als sie den Donner seiner ersten Kanone
hörten.
Sie raubten und plünderten nicht mehr und störten nicht mehr
friedliche Leute bei ihrer Arbeit. Eine neue Ära begann, und in jener
unfruchtbaren, sandigen Fläche im Norden Deutschlands, wo jener erste
Friedrich klein begonnen hatte, da erhebt sich heute eine Stadt mit
einer Million fleißiger Einwohner, ein Centrum für Kunst und
Wissenschaft, -- das Haupt des deutschen Reiches, -- Berlin.
Was jener Burg-Graf einst begonnen, was der große Kurfürst und
Friedrich der Große fortgesetzt hatten, das hat Kaiser Wilhelm
vollendet -- durch Bismarck.
Martha Meister: Ich denke es mir so schön, Kaiser Wilhelm und
Bismarck, -- den ehrwürdigen Monarchen und den mächtigen Denker und
Schöpfer zu sehen.
Gretchen: Und ich denke: Es ist merkwürdig, daß Deutschlands Größen
immer in Paaren erscheinen; in Wissenschaft und Politik, in Poesie und
Musik. -- Goethe und Schiller; Alexander und Wilhelm von Humboldt;
Haydn und Mozart; Jakob und Wilhelm Grimm; Kaiser Wilhelm und
Bismarck.
Bella: Du hast ganz Recht, Gretchen; es ist wirklich wahr.
Dr. Albert: Deutschland hat Glück darin; und da es unter den
Ländern Europas wieder begonnen hat mit neuer Jugend, so will ich ihm
aus vollem Herzen eine glückliche Zukunft wünschen.
Bella: Herr Doktor, Sie sind wohl ganz ein Deutscher geworden?
Martha Parks: Was? -- Albert, bist Du nicht mehr Amerikaner?
Dr. Albert: Ha, ha! -- Sehen Sie doch, Herr Meister, das ist
Eifersucht! -- Habe ich Deutschland zu viel gepriesen? -- Was sehen
Sie mich alle so an, als wäre ich ein Verräter? -- Welchem Lande ich
angehöre mit meinem Herzen? -- Sie können es wissen; ich bin furchtlos
und offen.
Alle: Nun?
Dr. Albert: Dem Lande gehöre ich an, das am größten ist und am
schönsten unter allen Ländern der Erde; das die größten, mächtigsten
Ströme hat und Seen; -- dessen Berge sich himmelhoch türmen; das die
fruchtbarsten Äcker, die fruchtbarsten Bäume, die goldreichsten Minen
hat und Menschen, wie sie besser und größer auf Erden nicht sind und
niemals waren; -- dem Lande, das die Unglücklichen empfängt aus allen
Teilen der Erde Gottes und mit freundlichem Auge sie anschaut und mit
gütiger Hand ihnen winkt und dann fröhlich zuruft: Kommet alle und
seid willkommen und genießet die Freiheit; -- wir wollen mit Euch
teilen dieses Land und alles, was Gott uns selbst gegeben hat; So ihr
lebet und seid, wie wir selbst, und werden wollet, wie wir: freie,
gute Menschen; -- das ist mein Land; dem gehöre ich an.
Alle: Das ist Amerika!
Dr. Albert: Da ist mein Vaterland!
Louis: Hurrah!
Dr. Albert: Wo das Sternenbanner weht!
Louis: Hurrah! Hurrah!
Dr. Albert: Unser Amerika ist heute schon das Land der Freiheit;
und bald wird es das Land der Kunst und Wissenschaft, -- die Heimat
alles Guten sein.
Louis: Ist das Dein Ernst, Albert?
Dr. Albert: Würde ich so sagen, wenn es nicht mein Ernst wäre?
Wo ist ein Land auf der weiten Erde, das besser zum Größten geeignet
wäre, als Amerika?
Sieh' einmal hinüber in den Kontinent, den wir den Kontinent der
Kultur zu nennen pflegen! Wirf nur einmal einen Blick nach Europa!
Viele Völker, mit verschiedenen Sitten, verschiedenen Charakteren,
verschiedenen Sprachen haben sich geteilt in die Länder; -- und jedes
Land hat seine eigenen Interessen und ist darum der natürliche Feind
des Nachbarn.
Und nun sieh' Dich um in unserm Lande, das größer ist, als alle Länder
Europas zusammen; -- das sich streckt zwischen zwei großen Meeren.
Vom Atlantischen Ocean bis zum Stillen Ocean wohnt nur ein Volk, das
nur eine Sprache spricht, das nur ein Interesse hat, -- den Wunsch,
die Bürger des Landes zu beglücken! -- Kannst Du ein anderes Land der
Erde nennen, das geeigneter ist, eine Heimat des Guten und Schönen zu
sein?
Auch Länder werden alt, mein lieber Louis, so gut, wie die Menschen,
und eben so gut, wie ein Mensch dem andern seinen Reichtum vererbt und
seine Kenntnisse, so muß ein Land dem andern, -- so muß Europa uns
seine besten Errungenschaften überlassen.
Otto: Damit werden aber die Europäer nicht zufrieden sein, Albert!
Dr. Albert: Das, mein Lieber, wird die Sache nicht ändern. Die
Völker haben selbst keinen Willen in der Geschichte; -- sie folgen der
Leitung eines höheren, weisen Willens.
Hast Du nie das Werk eines Gärtners beobachtet? -- In seinem
Treibhause erzieht der Gärtner den Samen und die zarten Pflänzchen. --
Aber diese pflanzt er später in den großen Garten, wo sie kräftiger
werden und nützlicher, wo sie Früchte tragen.
Europa ist das Treibhaus Amerikas. -- Alles, was Europa gesäet und
gezogen zu allen Zeiten, das wird nun nach Amerika verpflanzt zum
Heile aller.
* * *
Es ist Plan in der Geschichte. -- Die Geschichte ist philosophisch; --
aber man muß sie auch mit einem philosophischen Auge studieren.
Alles, was Ägypter, Griechen, Römer und Juden getan, taten sie für
uns. -- Diese Völker sind untergegangen, wir leben.
Die Griechen verehrten die Schönheit. Aber was ist die Schönheit
allein ohne die Wahrheit? --
Die ewigen Wahrheiten aber des alten Testamentes, -- die Existenz
eines unsichtbaren Gottes wurde von den Juden gelehrt, und dann
endlich war die Zeit gekommen, -- und es erschien den Menschen der
Heiland, ein Erlöser vom Übel, ein Verkünder der unendlichen Liebe.
-- Und viele Völker hatten es gehört mit Staunen. -- Neues Leben war
überall erstanden. -- Die Lehre des Christentums wurde überall
verbreitet, die Lehre der ewigen Liebe.
Jahrhunderte vergingen. -- Da zogen Tausende und Tausende zum heiligen
Grabe und opferten den Tribut der Dankbarkeit.
Und sie kamen zurück aus dem Morgenlande nach Europa. -- Da genügte
ihnen Europa nicht mehr. -- Und die Völker waren nun reif; -- und es
war nun Zeit, der Menschheit das Schönste zu geben.
Und Gott gab der Menschheit das Schönste an jenem Morgen, da die Sonne
vor Columbus' Augen auf ein goldenes Eiland schien; als die wilden
Matrosen mit Thränen in den Augen riefen: Land! Land!
Martha Parks: Unser Land!
Otto: Ja, Martha, unser Land! Das Land der Zukunft.
Dr. Albert: Glaubst du nun an die Mission Amerikas, Freund Louis?
Louis: Ich muß wohl!
Dr. Albert: Und weißt du auch, wer mich zuerst das gelehrt hat? --
Ein Mann, der es selbst nicht einmal wußte, der es aber fühlte, -- der
Komponist Rubinstein.
Ich hörte »Der Turm von Babel,« kurz bevor ich Deutschland verließ. --
Der Herr hatte den Turm zerstört und die Sprachen der Menschen
verwirrt. -- Da ziehen die verschiedenen Nationen nach den
verschiedenen Erdteilen: Die Semiten nach Asien, die Hamiten nach
Afrika, die Jafetiten nach Europa.
Auf ihrem Marsche singen sie Lieder. -- Die Semiten singen eine
ernste, tiefe, melancholische Melodie; -- die Hamiten singen ein Lied,
wobei man an nichts anderes denken kann, als an den Trab der Kamele in
Ägypten, -- die Jafetiten aber sangen eine wunderbar süße, schöne
Melodie. -- Und nachdem die drei Märsche verklungen waren, da fuhr mir
urplötzlich der Gedanke durch den Kopf: Nun sollte ein vierter Zug
kommen und singen: {Hail Columbia!} --
* * *
Martha Meister: Oftmals habe ich daran gedacht: Was Columbus wohl
fühlte, da er zum ersten Male den Fuß auf diesen Boden setzte?
Dr. Albert: Ich glaube, mein Fräulein, ich hatte von einem solchen
Gefühl vor wenigen Tagen eine Ahnung, da ich selbst an's Land kam. Die
Erde hätte ich küssen mögen. -- Der Himmel erschien mir viel höher,
als anderswo, und die Luft viel kräftiger, und die Menschen viel
lebendiger, energischer; -- sie gingen einher, wie anderswo die Könige
tun, und sprechen und blicken frei und tragen den Kopf so stolz.
O, rief ich einmal über das andere Mal aus: Das ist ein großes, großes
Land, -- mein Vaterland -- ah, lächeln Sie nicht! -- Es könnte Ihnen
gehen, wie mir: Ich stand mit Freunden in Neapel am Hafen, und, da es
Sonntag war, so hatten die Schiffe geflaggt. -- Da kam ein Herr daher,
und jeder konnte es sehen, daß er ein Amerikaner war. -- Er erblickte
am Maste unser Sternenbanner und nahm den Hut von dem Kopfe und beugte
sich ehrfurchtsvoll. Alle lächelten, ich mit, -- heute thäte ich's
nicht. Hören Sie auch dieses:
Es war meine erste Seefahrt, -- meine Reise nach Deutschland. -- Viele
Tage hatten wir nichts gesehen, als Himmel und Wasser, und wir
verlangten alle nach Land.
Morgen vielleicht, hatte der Kapitän abends bei Tische gesagt, --
morgen vielleicht sehen wir Land. -- Süße Hoffnung! -- Sie ließ mich
keine Ruhe finden in der Nacht, und frühe am Morgen war ich bereits
auf dem Verdecke.
Sie sind frühe auf, junger Mann, -- sprach einer der Offiziere zu mir.
Bin ich der erste? fragte ich.
Von den Passagieren -- ja.
Kein Land in Sicht? fragte ich wieder.
Noch nicht, mein Herr. Sehen Sie dort, wie die Sonne herauf aus dem
Wasser steigt? -- Ah, -- sehen Sie jenen Streifen am fernen Horizont?
-- Das ist Irland!
Und ich stürmte die Treppe hinab und rief in die Kajüte: Land! Land!
In wenigen Minuten war es belebt auf dem Verdecke; -- und alle fragten
durch einander: Wo ist das Land? -- und sahen mit müden Augen über das
Meer und sagten: Ich kann nichts sehen! -- und andere riefen: o ja,
wirklich, da ist es! Sehen Sie nicht, dort? Land! Land!
Da hörte ich hinter mir ein Schluchzen; ich drehte mich um. Eine Frau
stand da. -- Sie betete und Thränen rollten ihr die Wangen herab, --
es waren Freudenthränen.
O, Irland! Altes, teures Irland, sehe ich dich wieder? -- und dann
sprach sie lauter:
Seht doch, wie schön es ist! Wie lieblich die Sonne seine grünen Berge
bescheint! -- Armes, altes Irland! Viel Gutes hat es getan für
England in der alten Zeit der Römer. -- Aber England hat heut alles
vergessen und ist undankbar.
Manche lächelten, als sie dieses hörten. Ich vermochte es nicht.
Jahre waren vergangen, und ich hatte die Frau vergessen. -- Und
wieder war ich zur See und segelte heimwärts; -- und kürzer und kürzer
wurde der Raum, der mich trennte von meinem Vaterlande.
Da gedachte ich wieder der Frau und ihrer Liebe zu ihrem Vaterlande;
-- und als ich den ersten Streifen amerikanischen Landes sah, als ich
den herrlichen Hafen von New York sah, da fühlte ich tief, wie jene
Frau: -- es war die Liebe zum Vaterlande:
Ich soll das Glück in meiner Heimat finden,
Hier, wo der Knabe fröhlich aufgeblüht,
Wo tausend Freudespuren mich umgeben,
Wo alle Quellen mir und Bäume leben --
Ach, wohl hab' ich es stets geliebt. Ich fühlte:
Es fehlte mir zu jedem Glück der Erde.
Martha Meister: Herr Doktor, Sie denken in vielen Dingen, wie Papa.
Dr. Albert: Das ist mir lieb, von Ihnen, mein Fräulein, zu hören.
Gretchen: Ja, das ist auch wahr, Martha. -- Papa äußerte kürzlich
ähnliche Gedanken, als wir über Fiesko sprachen.
Otto: Fiesko von Schiller?
Gretchen: Ja wohl, Herr Otto. -- Ach, Papa, sprich ein paar Worte
über Fiesko. -- Die jungen Herren hören so etwas gerne; -- und wir
auch, nicht wahr, Martha?
Martha Meister: Bitte, lieber Papa.
Herr Meister: Mit Vergnügen, meine Freunde:
Genua war einst eine Republik und Andreas Doria war Doge.
Er war gerecht gegen alle; daher liebte man ihn. -- Aber anders war es
mit seinem Neffen. -- Er war tyrannisch und man begann ihn zu
fürchten.
Aber im Stillen war bereits eine Verschwörung gegen Doria und sein
Haus entstanden; und das Haupt der Verschwörung war Graf Fiesko.
In der Nacht vor dem Ausbruche der Verschwörung aber konnte Fiesko
keinen Schlaf finden; -- und unruhig ging er auf dem Balkon seines
Palastes auf und ab, mit sich redend:
Da liegt es vor mir, Genua, die Königin des Meeres, vom Monde
beschienen. -- Sein Schicksal liegt in meiner Hand. -- Noch kann ich's
wenden, wie ich will. Genua eine Republik oder Monarchie; Republikaner
Fiesko oder König Fiesko.
Und die beiden Engel, der böse und der gute, ringen gewaltig in ihm.
Der gute Engel siegte -- einen Moment nur; dann aber ward der böse
Engel Herr.
Mehr, meine Freunde, will ich nicht erzählen vom Drama. -- Aber das
genügt für Sie, eine wunderbare Gabe dieses großen Poeten zu erkennen.
Mit seinem Seherblick schaute er wie ein Prophet in die Zukunft und
schilderte Jahre voraus, was später in Wirklichkeit kam:
In zwei Republiken waren zwei Helden: Washington und Napoleon. -- An
beide Helden traten die beiden Engel heran: der böse und der gute. In
Napoleon siegte der böse Engel, in Washington der gute.
Napoleon machte sich zum Monarchen und wurde zum Tyrannen. --
Washington aber rief: Freiheit für alle! Unter freien Bürgern will
ich der erste sein, nichts mehr!
Wo finden Sie die Größe eines Washington wieder? Ist es nicht groß,
eine Krone zu verschmähen und einen Thron?
Otto: Ja, wahrlich, das ist es. -- Napoleon muß ich bewundern und
achten; Bismarck muß ich bewundern und achten; -- aber unsern
Washington muß ich bewundern, verehren und lieben.
Martha Parks: Ja, das thue ich auch, Otto!
Dr. Albert: Und daran thust Du auch ganz recht, mein
Schwesterchen.
Otto: In Europa denkt und dichtet man viel über die Freiheit; wir
aber denken und dichten und halten die Freiheit.
Bella: Aber Schiller ist doch wohl ein großer Poet, nicht wahr? --
Dr. Albert: Ja, mein Fräulein, der Sänger der Freiheit.
Bella: Sein Drama »Wilhelm Tell« ist sehr schön. Ich habe es
zweimal gelesen.
Otto: Und haben Sie »Die Räuber« auch gelesen?
Bella: Die Räuber? -- Nein.
Dr. Albert: Das ist ein Stück für Dich, Louis.
Louis: Ich möchte es hören, Albert.
Dr. Albert: Otto, Du hast es gelesen. Willst Du es nicht erzählen?
-- Das heißt, wenn es den Herrschaften angenehm ist.
Herr Meister: O, sicherlich. Wir hören mit Vergnügen zu. Beginnen
Sie, Otto.
* * *
Der alte Graf von Moor hatte zwei Söhne, Karl und Franz von Moor. Am
meisten liebte er Karl, den ältesten, und ihm gedachte er auch seinen
ganzen Reichtum zu geben, -- Schloß und Land und alles. Daher kam es,
daß der jüngere neidisch wurde und lange hin und her dachte, wie er
alles aus den Händen des Bruders an sich reißen könnte, und so ging er
eines Tages mit einem Briefe, welchen er selbst geschrieben hatte, zum
Vater und begann: Mein Vater, ich habe wieder einen Brief erhalten aus
Leipzig, ein Freund schreibt mir über Karl, es ist gar Übles; wollt
ihr es hören?
Und der alte Vater sprach: Über meinen geliebten Sohn schreibt er?
Lies es; was es auch sei, ich will es hören.
Nun las Franz dem unglücklichen Vater vor, was er Schlechtes ersonnen
hatte. Des Vaters Auge füllte sich mit Thränen, und einmal nach dem
andern rief er aus: O mein Sohn, warum kommst du nicht zurück zu mir
an mein väterliches Herz und wirst wie ehemals ein guter, braver
Mensch. Schreibe ihm das, Franz, schreibe es ihm.