Die Staaten, welche hier noch in Betracht kommen können, sind
_Frankreich_, _England_ und _Nordamerika_. Ersteres weil es schon
frühe viele Uhrmacher aufzuweisen hat und auch jetzt noch eine
bedeutende Rolle spielt, das letztere, weil besonders auf seinem Boden
der Ersatz der Menschenhand durch die alles besorgende Maschine so
allgemein geworden ist. England endlich, die Heimat so vieler berühmter
Uhrkünstler ist auch heute noch ein gewichtiger Teilhaber am Weltmarkt.
_Frankreich_ zeichnete sich durch seine Erzeugnisse auf dem Gebiete der
Uhrmacherei besonders aus zur Zeit des Julien und Pierre le Roy; gegen
das Ende des 18. und anfangs des 19. Jahrhunderts galten die Franzosen
als die ersten, was Geschicklichkeit und Geschmack betraf. Gegenwärtig
hat die Fabrikation von Taschenuhren in Paris aufgehört; diese Stadt
ist aber der Stapelplatz für Aus- und Einfuhr des Landes geblieben.
Dagegen werden noch Monumentaluhren, Reise- und astronomische Uhren im
Großen daselbst erzeugt. Als Hauptsitz der französischen Uhrenindustrie
muß _Besançon_ bezeichnet werden. Sie verdankt ihre Entstehung
zahlreichen 1793 aus der Schweiz, namentlich aus Genf und Neuenburg
in das Land der neuen Freiheit auswandernden Uhrmacherfamilien.
Die Emigranten wurden mit offenen Armen ausgenommen und sogar vom
Nationalkonvent mit allen Mitteln unterstützt. Wohnungen wurden
unentgeltlich zur Verfügung gestellt, Vorschüsse an Geld und Material
gegeben, Pensionen für Lehrlinge etc. eingerichtet. Der Konvent
gründete auch eine Darlehenskasse und dotierte sie mit 1200000 Franken.
Trotz der ungünstigen Zeitverhältnisse entwickelte sich das junge Reis
nach und nach und 1820 schätzte man die im Dép. Doubs verfertigten
Uhren auf über 30000 Stück; 1856 belief sich die Produktion auf 160165
Stück. Die im genannten Departement ansässige Uhrenmacherbevölkerung
wurde 1865 auf 15000 Personen veranschlagt; davon kamen auf die Stadt
selbst etwa 3500. Gegenwärtig beläuft sich die jährliche Produktion
auf ca. 450000 Stück im Werte von mehr als 40 Millionen Fr.; das ist
über vier Fünftel aller in Frankreich verkauften Uhren. Die berühmteste
und größte Firma ist das Haus Japy, dessen Ursprung bis zum Jahr 1780
zurück reicht. Es erstellt vor allem Rohwerke, sowohl für Taschen-
als auch Pendeluhren. Weil bis in die siebziger Jahre die verzierten
Gehäuse meist aus der Schweiz bezogen wurden, beschloß man 1873, auch
diesen Artikel im eigenen Lande herzustellen. So wurde Besançon einer
der gefährlichsten Konkurrenten der Schweiz und ist es bis heute
geblieben.
Neben Besançon und Paris ist noch _Montbéliard_ zu erwähnen als Sitz
einer bedeutenden Uhrenfabrikation. Es werden von dort aus jährlich
60-70000 Werke für Pendulen, Wecker u. s. w. in den Handel gebracht. --
_Morez_, im französischen Jura liefert etwa 80000 Uhren.
Ganz Frankreich produziert jährlich für ca. 80 Mill. Fr. Uhren; die
Industrie beschäftigt etwa 35000 Arbeiter; die Ausfuhr weist aber einen
bedeutenden Rückgang auf (1887: 22,4, 1892: 14,7 Mill. Fr.) infolge des
schweizerischen und amerikanischen Wettbewerbes.
Historisch merkwürdig ist noch die Gründung einer Uhrmacherkolonie
in _Ferney_ bei Genf (Dép. de lʼAin) durch den bekannten Philosophen
Voltaire. Dieser hatte sich schon 1758 nach Ferney zurückgezogen, und
als 1770 fünfzig Uhrmacher aus Genf ausgewiesen wurden, nahm er sie
auf und brachte in erstaunlich kurzer Zeit eine blühende Industrie
zustande, welche bald einen jährlichen Umsatz von über 500000 Fr.
erzielte. Voltaire war die Seele des Ganzen, so daß nach seinem
Wegzuge der neue Erwerbszweig rasch wie er gekommen wieder verschwand,
hauptsächlich durch die Schuld der französischen Regierung, welche die
Wichtigkeit des Unternehmens allem Anscheine nach nicht erkannte.
Ueber den Ursprung der Uhrenindustrie in _England_ schwanken die
Angaben der verschiedenen Schriftsteller sehr stark. Nach den einen
blühte die Uhrmacherei in England schon unter Elisabeth (1558-1603),
nach andern Angaben wäre sie erst 1685 gelegentlich der Aufhebung
des Ediktes von Nantes entstanden. Wie dem auch sei, sicher ist,
daß ausgewiesene Protestanten in England die Uhrenindustrie günstig
beeinflußten, und daß Frankreich eine Zeit lang seine besten Uhren von
jenseits des Kanales bezog. Dem ist aber jetzt schon lange nicht mehr
so. Im 19. Jahrhundert ging die Uhrenfabrikation beständig zurück;
einiger Export fand nur nach den Kolonien statt. Es wurden von jeher in
England gute, aber auch entsprechend teure Uhren hergestellt; nach dem
Urteil von Sachverständigen haben sie aber heute neben den vorzüglichen
deutschen, schweizerischen etc. Uhren nur noch den Vorrang in bezug auf
den Preis. So stellte sich beispielsweise 1870 der Durchschnittspreis
einer englischen Taschenuhr auf 98,2 Mark, während eine importierte
ausländische bloß 32 Mark galt. Bis heute mögen ja die Preise noch mehr
gefallen sein, sie sind aber doch noch bedeutend höher als im Ausland.
Daher wird namentlich der Arbeiterstand von auswärts mit Uhren versorgt.
Hauptorte der englischen Uhrenindustrie sind London, Liverpool,
Coventry und Prescot; in neuerer Zeit scheint auch noch Birmingham
ein besonderes Zentrum der Uhrenindustrie zu werden; es ist die
Weltzentrale für Uhrgehäuse. Allmählich fangen die englischen Fabriken
ebenfalls an, neuere Maschinen anzuwenden, während bis vor kurzem noch
veraltete ihren Dienst versahen. Gelobt wird an den englischen Uhren
die äußerst sauber und solid ausgeführte Arbeit. Was im Vorstehenden
über mangelhaften Fortschritt in der fabrikmäßigen Herstellung von
Uhren gesagt wurde, gilt nicht in bezug auf die Chronometer. In dieser
Hinsicht steht England an der Spitze und seine Produktion übertrifft
die aller andern Länder. Die meisten werden in Clerkenwell, einem
Londoner Stadtteil angefertigt. Ebendaselbst befindet sich auch seit
1858 das ~British Horological Institute~; ein Fachverein, dessen
Mitglieder aus den bedeutendsten Fachmännern nicht bloß der Hauptstadt
und der Provinzen, sondern auch der Kolonien entnommen sind. Mit ihm
ist zugleich eine Schule verbunden.[92] In der Schiffsuhrenfabrikation
ist der Grundsatz der Arbeitsteilung streng durchgeführt; infolge
dessen können dieselben nicht nur gut, sondern auch billig geliefert
werden.[93]
Es erübrigt nun noch, einiges über die amerikanische Uhrenfabrikation
anzuführen.
_Amerika_ ist vor allen andern das Land der Maschine und der
Massenfabrikation. Bei dem energischen, zielbewußten Handelsgeist der
Amerikaner sind große Fortschritte auf dem Gebiete der Uhrenindustrie
selbstverständlich; ihr Bestreben geht aber dahin, die Einfuhr von
Uhren möglichst zu vernichten und das eigene Produkt an die Stelle des
fremden zu setzen; Amerika ist auch der weitaus gefährlichste Gegner
der Schweizer Uhrenindustrie. Umfassendste Reklame in jeder Form
trägt das Ihrige bei, das inländische Fabrikat bekannt zu machen und
im vorteilhaftesten Lichte erscheinen zu lassen. Der ausschließliche
Maschinenbetrieb ermöglicht einen so niederen Preis, daß er von andern
Ländern kaum erreicht, geschweige unterboten werden kann.
So viel bekannt, stellte ein gewisser Eli Terry 1793 zuerst hölzerne
und messingene Schlaguhren her; sein Geschäft erweiterte sich offenbar
rasch, denn schon 1807 verpflichtete er sich, innerhalb 3 Jahren 4000
Uhren zu liefern. Später verlegte Terry sich auf die Fabrikation
von Stutzuhren (~Short Shelf Clocks~), welche die alten Wanduhren
bald verdrängten. Im Jahre 1885 betrug die monatliche Produktion
in den Vereinigten Staaten über 200000 Stück. Hiebei sind 11 große
Gesellschaften beteiligt, von denen 8 ihren Sitz im Staate Connecticut
haben. Zentren sind Waterbury, Thomaston, New-Haven, Busonia,
Forestville, Bristol u. s. w. Diese Uhren sind im allgemeinen sehr
billig, besonders die „Mercantile Clocks”, welche 2 Dollars das Stück
kosten. Auf Reparatur wird nicht gerechnet, sondern nach Verbrauch
des alten Werkes ein neues gekauft. Nach und nach überschwemmte
Amerika fast die ganze Welt mit seinen billigen Uhren; in Europa
wurde jedoch das amerikanische Erzeugnis bald ersetzt durch die nach
amerikanischem System hergestellten Uhren (besonders im Schwarzwald).
Hauptabsatzgebiete für Amerika sind jetzt Japan, Indien, China und
Süd-Afrika.
Der amerikanische Techniker begnügte sich jedoch nicht lange damit,
geeignete Maschinen für Großuhrenfabrikation herzustellen, er wandte
vielmehr dieses Prinzip schon frühe auch auf die feinsten Taschenuhren
an. Europa ist in dieser Beziehung nachgefolgt, vielleicht etwas spät
zu seinem eigenen Schaden. Mit ihren Spezialmaschinen fabrizieren
die Amerikaner vor allem vollständige Werke, welche bereits genau
reguliert die Fabrik verlassen und in jedes Gehäuse sich einpassen
lassen. Als praktische Leute sagen sie sich, daß es vorteilhafter
sei, eine Anzahl solcher Werke vorrätig zu haben, als Schweizeruhren,
deren jede ihr eigenes Gehäuse besitzt und noch genaue Regulierung
verlangt, also weiter Zeit und Geld kostet, ganz abgesehen vom größeren
Anlagekapital, das sie erfordern. Ein Uebelstand ist übrigens mit
dieser Herstellungsart doch verbunden, die Ueberproduktion, wodurch
dem Lande schon große Kapitalien verloren gingen; die einzelnen
Fabrikanten unterbieten sich gegenseitig; der Preis der Werke sinkt
beständig und natürlich auch der Arbeitslohn. So betrug der Wochenlohn
eines guten Arbeiters 1873 16-18 Dollars, 1879 war er bereits auf
10-12 gefallen, seither dürfte ein weiteres Sinken eingetreten sein.
Aehnlich verhält es sich mit dem Preis der Uhren. Beispiele, daß
Großhändler 50% Rabatt erhielten, sind nicht selten. Die Folge dieses
Verfahrens ist schließlich, daß die Uhren für ganz wenig Geld zu haben
sind, 2-3 Dollars, und zwar gute Qualität, (hier ist das Werk ohne
Schale zu verstehen), ein Preis wie ihn die europäische Industrie nicht
einhalten kann. Kenner der Verhältnisse behaupten allerdings, daß das
Geschäft nicht rentiere, was wir, wegen Mangel genauer statistischer
Daten nicht beurteilen können. Einen Erfolg haben die Amerikaner aber
sicher gehabt, nämlich den, die ausländische Konkurrenz, besonders die
schweizerische lahm zu legen, oder wenigstens bedeutend zu schwächen.
Im Jahre 1885 bestanden in den Vereinigten Staaten 20 Uhrenfabriken,
welche täglich etwa 5000 Stück herstellten. Von den bedeutendsten sei
hier nur genannt die _Waltham Watch Co._, gegründet 1854, eine der
ältesten und größten. Sie fabrizierte 1900 täglich durchschnittlich
2000 Stück in sieben Größen und Qualitäten, zum Preise von 14-400 Mark
das Werk. Die Zahl der bei Vollbetrieb beschäftigten Arbeiter beträgt
3000. Der schärfste Konkurrent obiger Gesellschaft ist die _Elgin
Watch Co._, 1852 gegründet. Die „_Keystone Watch Case Co._” verfertigt
Schalen aus einer harten Metalllegierung, die beiderseits mit einer
Platte von 14karätigem Golde überzogen sind und vollen Ersatz bieten
für eine ganz goldene Uhr bei einem Drittel oder der Hälfte des Preises
der letzteren. Viel verbreitet sind ferner in Amerika die von der
„_~Self winding Clock-Company~_” erstellten, sich selbst aufziehenden
Haus- und Zimmeruhren. Sie bestehen aus vollständigen Uhrwerken, welche
durch Federn getrieben werden. Der Strom einer auf ein Jahr berechneten
Batterie wird stündlich durch die Uhr geschlossen und zieht sie wieder
auf. Täglich werden sie von einer Zentrale aus automatisch eingestellt,
welche das Signal von der Sternwarte zu Washington empfängt und den
Abonnenten übermittelt. (Die Angaben zu Vorstehendem sind z. T.
den Ausführungen Speckhartʼs entnommen, der 1893 den Stand der
amerikanischen Uhrenfabrikation persönlich kennen lernte).
Wir sind am Schlusse angelangt. Dem geneigten Leser ist der gewaltige
Unterschied zwischen dem ersten Zeitmaß, dessen die heilige Schrift
gedenkt und worauf wir anfangs Bezug nahmen und der jetzigen Gestaltung
der Zeitmeßkunst, nicht entgangen. Ein großer Zeitraum liegt zwischen
uns und jenem Worte („und es ward Abend und Morgen, ein Tag”); vieles
ist entstanden und wieder verschwunden, die Sonne aber ist unsere
genaueste Uhr geblieben bis zum heutigen Tag. Wenn wir nun die Zeit
gegenwärtig mit einer vorher nicht geahnten Genauigkeit messen, so
möchten wir das nicht etwa dem kalten Geschäftsgrundsatz zuschreiben:
„Zeit ist Geld”, sondern vielmehr dem hoffentlich nie schwindenden
Bewußtsein, daß der Mensch die Zeit, dieses kostbarste Geschenk seines
Schöpfers, gut benützen und einmal Rechenschaft davon ablegen müsse.