1. Die Uhrenindustrie in der Schweiz.

Eine der bekanntesten Oertlichkeiten in der ganzen Welt ist das durch

seine Uhrenfabrikation berühmte La Chaux-de-Fonds. Gegenwärtig über

25000 Einwohner zählend, die sich meist mit Uhrmacherei beschäftigen,

war dieser Ort im 15. Jahrhundert ein einsamer Weiler mit nur 5

Familien. Bis gegen Ende des 17. Jahrhunderts blieben die Uhren

daselbst unbekannte Dinge; erst 1679 brachte ein Pferdehändler in

das benachbarte La Sagnethal eine Taschenuhr mit, die als Wunderwerk

angestaunt wurde. Da die Uhr reparaturbedürftig war, zeigte der

Besitzer sie einem geschickten Schmied des Dorfes, bei welcher

Gelegenheit er mehrere Arbeiten des erst 15jährigen Daniel Jean

Richard, eines Sohnes des Meisters, sah. Gefragt, ob er sich wohl

getraute, das Werk wieder herzustellen, bejahte er dieses und wirklich

gelang das Wagnis. Der Schmiedelehrling wurde auf diese Weise mit dem

Mechanismus einer Taschenuhr vertraut, und faßte den Plan, ebenfalls

eine solche zu konstruieren. Mit den Werkzeugen seines Vaters ging

die Sache natürlich nicht, es mußten also zuerst neue hergestellt,

d. h. ersonnen werden. Darüber verstrich ein Jahr; sechs Monate später

war die erste Taschenuhr im Neuenburger Jura fertig, 1681. Die Sache

erregte gewaltiges Aufsehen und Aufträge liefen zahlreich ein, welche

gewissenhaft erledigt wurden. Große Schwierigkeiten bereitete dem

angehenden Künstler, der sich in den Mußestunden auch mit Gravieren

beschäftigte, die Einteilung und das Schneiden der Zähne. Er erfuhr,

daß man in Genf sich zu diesem Zwecke einer Maschine bediene; sofort

reiste er dorthin, um sie zu sehen, was jedoch nicht gelang, weil

der Bau derselben geheim gehalten wurde. Nur einige Räder wurden ihm

gegeben. An ihnen studierte er die Konstruktion der Maschine und erfand

sie so selbständig wieder und noch besser. Nun war der Grund gelegt.

Richard machte sich bald auch an die Herstellung von Standuhren,

die er mit Repetierwerk versah. Es strömten Scharen junger Leute

herbei, um sich unterrichten zu lassen und dann selbst Werkstätten zu

gründen. Der erste von ihm ausgebildete Schüler war Jakob Brandt von

La Chaux-de-Fonds, welcher später als Mitbegründer der Uhrenindustrie

segensreich wirkte.

[Illustration: Fig. 63.]

Um 1705 siedelte Richard mit seinen 5 Söhnen, sämtlich Uhrmacher,

nach Le Locle über. Er starb 1741 im Alter von 75 Jahren. Wie rasch

der neue Erwerbszweig sich ausbreitete, ersieht man daraus, daß 1752

in den Neuenburger Bergen schon 466 Uhrmacher beschäftigt waren.[88]

1781 waren es bereits über 2000; 1802 fast 4000. Im Jahre 1868 wurden

laut einer Berechnung allein im Kanton Neuenburg 800000 verschiedene

Uhrteile im Werte von 35 Millionen Franken geliefert; 13000 Arbeiter

fanden dabei Beschäftigung. Es war also nicht mehr als billig, daß Le

Locle seinem Mitbürger Richard ein Denkmal errichtete, welches ihn als

15jährigen Knaben darstellt, wie er die erste Taschenuhr voll Eifer

ansieht (1888).

Berühmte Uhren gingen auch aus der Werkstätte des Jean Jacques Richard

in der Montagne hervor; seine Uhren trugen Schalen aus Kristall, das

Werk ist also sichtbar. Die Familie Benoit in Les Ponts verlegte

sich besonders auf die Fabrikation von Zifferblättern, sowie auf

Emailmalerei (Louis Benoit starb 93 Jahre alt im Jahre 1825). Früher

bezog man emaillierte Zifferblätter vorzugsweise aus England und

Frankreich, sie waren jedoch sehr teuer. Zu Anfang des 19. Jahrhunderts

führten Othenin-Girard und L. Nicolet in den Neuenburger Bergen die

Guillochiermaschine ein zur Herstellung verzierter Uhrgehäuse.

Neuenburg zählt noch viele berühmte Uhrmacher unter seinen Söhnen. Wir

nennen Daniel Vaucher, ein Schüler Richards, der in Val de Travers 1730

die Uhrmacherei einführte; Abraham Robert und Daniel Perrelet, Erfinder

mehrerer nützlicher Uhrmacherwerkzeuge; Houriet, ein sehr geschickter

und berühmter Graveur; Jakob Droz (1721-1788); der besonders berühmt

war durch seine kunstreichen Automaten.

Aus dem Kanton Neuenburg stammte auch _Abraham Louis Breguet_ (Fig.

64), geboren zu Neuenburg im Jahre 1747, dessen Vorfahren schon frühe

aus der Picardie nach der Schweiz eingewandert waren. Bei seinem

Stiefvater lernte er die Uhrmacherei, aber erst in Versailles, wohin er

mit 15 Jahren kam, entfaltete sich sein Talent, das durch mannigfaltige

mathematische und physikalische Studien immer größere Erfolge errang.

Er hat u. a. die sogenannten Perpetualuhren (Uhren, die sich durch

die geringen Erschütterungen beim Gehen selbst aufziehen) wenn nicht

erfunden, so doch vervollkommnet. Die Uhrenwerkstätte, welche von

ihm in Paris gegründet wurde, trug seinen Namen in alle Welt. Seine

Chronometer und astronomischen Uhren waren sehr geschätzt. Bei der

Ausführung des Chappeʼschen Telegraphen leistete Breguet ebenfalls

wertvolle Dienste. Bekannt sind auch seine Metallthermometer. Hoch

geehrt starb er, als Mitglied der Akademie zu Paris im Jahre 1823.

[Illustration: Fig. 64.]

Es scheint überhaupt, daß natürliche Begabung und örtliche Verhältnisse

in den Bergen dieses Kantons (Armut der früheren Bevölkerung, schlechte

Beschaffenheit von Grund und Boden, rauhes Klima u. s. w.) die

Entwicklung der Uhren-Industrie besonders begünstigt haben. Dazu kommt

noch das schon sehr frühe geübte Prinzip der Arbeitsteilung. Jede

unserer Uhren ist durch sehr viele Hände gegangen, bevor sie zu ihrem

Dienste tauglich war.

Die rohen Werke (~ébauches~) werden in Fabriken erstellt; es sind

die Platinen, in welche die Radachsen eingelassen sind, die Räder

u. s. w. Jeder Fabrikant hält davon einen Vorrat. Der Hauptleiter des

Geschäftes, der Visiteur, gibt diese Teile aus und erhält das fertige

Werk wieder. Er muß also die gesamte Arbeit von Grund aus verstehen, da

er auch entscheidet über Annahme oder Verwerfung des Gelieferten. Nun

werden von den Arbeitern (~finisseurs~) die Tragsäulen der Bodenplatten

eingesetzt, die Räder bearbeitet, die Wellen gedreht und eingepaßt,

kurz alle Teile so eingefügt, daß die Uhr allenfalls gehen könnte.

Die Hemmungen der Zylinder- und Ankeruhren sind besonders geübten und

entsprechend gut bezahlten Arbeitern übergeben. Die Uhr kehrt nun zum

Visiteur zurück, wird auseinander genommen und geprüft. Diejenigen

Uhrteile, welche das Gerüste der Uhr bilden, kommen zum Gehäusemacher

(~monteur de boîtes~); das übrige wird von neuem in Arbeit genommen

und endgültig instand gesetzt; worauf es zum Zeigerfabrikanten,

zum Zifferblattmaler, Vergolder, Polierer etc. kommt. Das Gehäuse

wandert zum Guillocheur, der es verziert, wenn es eine gewöhnliche

Uhr aufnehmen soll; andernfalls wird es der Hand des geschickten

Graveurs, meist in Genf, übergeben, um dessen Werkstätte als Kunstwerk

zu verlassen und die eigentliche Uhr endgültig aufzunehmen. Hier liegt

die Hauptbeschäftigung der Genfer Uhrmacher; die Werke kommen aus den

Bergen, die Gehäuse werden in der Stadt vollendet.

Im Val de Travers (Neuenburg) werden fast ausschließlich Instrumente

aller Art für Uhrmacher verfertigt; daneben noch Ketten, Federn

u. s. w. Auch in den einzelnen Dörfern wird meist nur ein bestimmter

Zweig der Uhrmacherei betrieben, oder es werden nur Uhren erstellt,

die dem Geschmacke eines bestimmten Landes angepaßt sind. In dieser

Beziehung zeichnet sich besonders das savoyische Städtchen Cluse aus,

wo nur Rohwerke verfertigt werden. „Die Bauern fabrizieren nicht

während des Sommers, weil verschiedene Feldarbeiten und die Ernte

sie zu dieser Jahreszeit in Anspruch nehmen; aber sobald der Monat

September heranrückt und die ersten Schneeflocken in der Luft wirbeln,

dann schließen sie sich in ihren Häusern ein, greifen zur Feile und

Drehbank und gewinnen durch Herstellung der leichter auszuführenden

Teile der Uhr ihren Lebensunterhalt.

Die Arbeit am Tage genügt diesen emsigen Bergbewohnern nicht. Sobald

die Dämmerung hereinbricht, sieht man die Lampen der Uhrmacher an allen

Fenstern der Häuser vom Erdgeschoß bis zur Dachkammer hinauf wie Sterne

glitzern. Bis spät in die Nacht hinein dauert oft ihre Arbeit. In den

kleinen bäuerlichen Werkstätten machen sich auch die Frauen nützlich.

Neben ihrer Hausarbeit lehren sie ihren Kindern schon in früher Jugend

die Kunst, die ihre Väter frei machte und die ihnen Wohlstand und

Bürgerglück, die natürlichen Folgen einer segensreichen Industrie,

brachte” (Saunier, a. a. O. S. 741).

Nach dem Kanton Waadt gelangte die Uhrmacherei anläßlich der Aufhebung

des Ediktes von Nantes. Dadurch wurden französische Uhrmacher

veranlaßt, nach der Schweiz auszuwandern. Hauptsitz der Uhrenmacherei

ist das Städtchen St. Croix, welches über 1000 Uhrmacher zählt. Im

Kanton Bern wird die Uhrenfabrikation namentlich von den Bewohnern

des St. Immertales ausgeübt. Lange Zeit war die Herstellung von

Spindeluhren eine Spezialität, die hier besonders gepflegt wurde,

während jetzt das Geschäft sich auch auf andere Zweige ausgedehnt hat.

Ziemlich jung ist die Uhrenfabrikation in Biel, welches jetzt Hauptsitz

dieser Industrie im Kanton Bern geworden ist. Vorzüglich werden

Gehäuse, vom gewöhnlichen bis zur feinsten Goldschale hier angefertigt.

Auch eine gut besuchte Uhrmacherschule hat in Biel ihren Sitz.

Einen hervorragenden Platz in der schweizerischen Uhrenindustrie nimmt

endlich noch Genf ein. Es ist neben La Chaux-de-Fonds der größte Markt

für Uhren, wohl auf der ganzen Welt. Seine günstige Lage machten es

frühe zu einem Mittelpunkte der Uhrenfabrikation. Hier finden wir schon

vom Ende des 18. Jahrhunderts ab eine weitgehende Spezialisierung

der Arbeit. Das bedeutendste Haus in Genf dürfte gegenwärtig Patek,

Philippe u. Co. sein. Die Uhrmacherschule in Genf ist die älteste

überhaupt, ihre Gründung fällt in das Jahr 1824 und umfaßt einen

2½jährigen Kurs; außerdem werden noch höhere Vorlesungen erteilt für

Spezialisten. Neben der hier genannten Schule und der schon erwähnten

in Biel zählt die Schweiz noch solche zu Fleurier, St. Immer, Locle, La

Chaux-de-Fonds, Neuenburg, Solothurn und Pruntrut.

Die Wichtigkeit der schweizerischen Uhrenindustrie mögen zum Schlusse

noch einige statistische Angaben dartun. Wir entnehmen dieselben dem

Statistischen Jahrbuch der Schweiz, 1902 und 1904.

1903 wurden _eingeführt_:

Taschenuhren 13309 Stück im Werte von 176000 Fr.

Stand- u. Wanduhren 1754 „ „ „ „ 756000 „

Musikdosen 106 „ „ „ „ 89000 „

Werke u. Bestandteile 202965 „ „ „ „ 2523000 „

Die Gesamteinfuhr betrug 3544000 Fr. Die wichtigsten Herkunftländer

sind Frankreich, besonders für Taschenuhren und Bestandteile; für

Stand- und Wanduhren Deutschland und Amerika.

Im gleichen Jahre erreichte die _Ausfuhr_ einen Totalwert von 118515000

Fr. Die Stückzahl belief sich auf 8432048. Davon waren:

Goldene Taschenuhren 824576 Stück, im Werte von 44404000 Fr.

Silberne „ 2686503 „ „ „ „ 32202000 „

Metallene „ 3046048 „ „ „ „ 23199000 „

Stand- und Zimmeruhren im Werte von über 200000 Fr.

Musikdosen „ „ „ „ 2071000 „

Werke u. Bestandteile 1874921 Stück; Wert: 16434000 „

Zu den wichtigsten Absatzgebieten zählen Deutschland (26½ Millionen),

Oesterreich (11,2 Mill.), England (19 Mill.), während der Absatz nach

Amerika früher viel bedeutender war als jetzt (Vereinigte Staaten:

7½ Mill.).

Nach der gleichen Quelle (Jahrb. 1902) belief sich im Jahre 1901

die Anzahl der Arbeiter im Bijouterie- und Uhrenfach auf 24858 in

zusammen 645 Betrieben mit 3737 Motoren, deren Gesamtstärke 3274 ~P.S.~

betrug. 7594 Arbeiter betreiben Hausindustrie. Bezüglich des letzteren

Punktes ist jedoch zu bemerken, daß diese Zahl in Wirklichkeit viel

bedeutender anzunehmen ist, da ja in solchen Betrieben meist die ganze

Familie arbeitet, während die Statistik nur das Oberhaupt der Familie

zählt, respektive denjenigen, welcher mit der Fabrik in geschäftlicher

Verbindung steht.

Während früher die Uhrenindustrie ihre Arbeiter vorzüglich daheim

beschäftigte, geschieht dies jetzt mit zunehmender Einführung aller Art

Arbeitsmaschinen immer mehr in den Fabriken, so daß die Hausindustrie

in beständigem Rückgang begriffen ist. Trotzdem ist sie noch bedeutend;

so waren z. B. 1902 allein im Kanton Neuenburg 9000 Arbeiter zu Hause

beschäftigt. Gewisse Zweige der Fabrikation sind auch jetzt noch

meistens Hausindustrie: Polieren, Vergolden, Oxydieren, Füßesetzen

u. s. w. und werden meistens von Frauen ausgeübt, einerseits wegen

der leichten Hand, anderseits wegen den geringen Lohnansprüchen. Die

Fabriklöhne schwanken bei 10stündiger Arbeit zwischen 1 bis 3½ Fr.;

während der Hauslohn durchschnittlich um 20-30% geringer ist, bei

längerer Arbeitszeit. Angesichts vieler Uebelstände, welche die

Hausarbeit für die ganze Familie gar oft im Gefolge hat, ist es schwer

zu sagen, ob man sich über die Abnahme dieses Erwerbszweiges freuen,

oder sie bedauern soll.

Aus der Weltausstellung in Paris im Jahre 1900 waren die

Schweizeraussteller in Klasse 96, Uhrmacherei, am zahlreichsten

vertreten; auch die große Anzahl Auszeichnungen (10 große Preise, 14

goldene, 122 silberne und 17 bronzene Medaillen nebst 7 ehrenvollen

Erwähnungen) beweisen, daß die Schweiz immer noch auf der Höhe steht

und ihrer Aufgabe gewachsen ist.

Die Uhren: Ein Abriß der Geschichte der Zeitmessung · 第 21 / 25 题