6. Leistung, Nutzen, Auswahl und Behandlung einer Uhr.

Vom rein mechanischen Standpunkte aus, das ist, als Maschine

betrachtet, gehört die Uhr zu den interessantesten Apparaten. Wir

tragen sie täglich mit uns herum, verlangen jeden Augenblick ihre

Dienste und zwar ganz genau, stellen also große Anforderungen an das

kleine Kunstwerk, ohne uns jedoch immer der Größe derselben bewußt zu

werden. Es mag deshalb wohl für viele von Interesse sein, etwas über

die Arbeit zu vernehmen, welche eine gute Taschenuhr im Verlaufe einer

bestimmten Zeit zu leisten hat.

Die Arbeitsleistung einer Taschenuhr während eines Jahres wird erst

erkennbar, wenn man sich die Summe der von ihren Hemmungsteilen

ausgeführten Bewegungen ausrechnet.[87] Bekanntlich machen die

Zylinder- oder Ankeruhren in der Stunde 18000 Schwingungen, wobei

jedesmal auch das Hemmungsrad eine sprungweise Vorwärtsbewegung macht,

die sich durch das ganze Uhrwerk fortpflanzt. In einem Tag beträgt

die Zahl dieser Schwingungen, bezw. Sprünge 432000 und in einem Jahr

157680000. Bedenkt man, daß eine Taschenuhr sehr oft 5 Jahre, ja

manchmal 10 Jahre und länger ununterbrochen fortgeht, so muß man in der

Tat staunen über die Leistungsfähigkeit, welche dem zarten Mechanismus

inne wohnt.

Noch augenfälliger wird diese Tatsache, wenn man sich die schwingende

Unruhe als ein beständig in derselben Richtung fortrollendes Rad denkt

und den Weg berechnet, welchen dasselbe in dem Zeitraum eines Jahres

zurücklegt. Der äußere Durchmesser der Unruhe in einer Herren-Ankeruhr

gewöhnlicher Größe ist ungefähr 18 ~mm~, der Umfang derselben somit

56,5 ~mm~. Bei jeder Schwingung macht die Unruhe einer solchen Uhr ca.

1½ Umgänge, was einem Weg von 84,75 ~mm~ an ihrem Umfang entspricht. Da

die Uhr nun in jeder Sekunde fünf Schwingungen macht, so beträgt der

vom Umfang der Unruhe in dieser kurzen Zeit zurückgelegte Weg schon

423,75 ~mm~, also nahezu ½ ~m~. In der Stunde erhöht sich dieser Betrag

auf 1520,5 ~m~ oder rund 1½ ~km~. In einem Tag legt die Unruhe also

einen Weg von etwa 36,5 ~km~ Luftlinie zurück. Wenn die Uhr 365 Tage

lang ununterbrochen fortgegangen ist, so hat ihre Unruhe einen Luftweg

von 13320 ~km~ oder 1795 geographischen Meilen zurückgelegt, das ist

reichlich ⅓ des Erdumfanges.

Wenn diese Tatsachen im großen Publikum mehr bekannt wären, als es

leider der Fall ist und entsprechend gewürdigt würden, so würde wohl

ein größerer Teil desselben Verständnis dafür besitzen, daß ein so

kleiner und dabei so viel leistender Mechanismus mindestens alle zwei

Jahre der gründlichen Reinigung und mitunter auch eines Ersatzes

abgenützter Teile bedarf. Während jedermann es ganz begreiflich

findet, daß eine viele Zentner schwere Lokomotive z. B., die nur

mit entsprechenden Pausen in Dienst gestellt ist, alle drei Monate

gründlich revidiert und nötigenfalls ausgebessert wird, sind sehr viele

Leute darüber erstaunt, wenn ein winziges Maschinchen im Gewichte von

50 bis 60 Gramm, wie es die Taschenuhr ist, die zudem Tag und Nacht in

ununterbrochenem Betriebe steht, alle 12-14 Monate dasselbe nötig hat.

-- Daraus ersieht man, was eine Uhr eigentlich in der angegebenen Zeit

geleistet hat, ohne -- um beim Vergleich der Lokomotive zu bleiben --

in dieser ganzen Zeit auch nur für einen einzigen Pfennig Heiz- oder

Schmiermaterial beansprucht zu haben. So weit unser Gewährsmann.

Wenn wir noch nach dem Nutzen der Uhren fragen, so wird es vielleicht

manchem scheinen, das sei überflüssig, der Zweck sei doch ganz einfach

Angabe der Zeit! Gewiß, aber damit ist die Frage lange nicht erledigt.

Sie leistet und nützt weit mehr!

Welche Bedeutung der Uhr zukommt im modernen Verkehrswesen braucht

hier nicht erst dargelegt zu werden, wir alle erfahren das täglich;

wer glaubt, das habe nicht viel auf sich, lasse z. B. einmal seine

Uhr stehen, wenn er den Fahrtenplan studiert! Den Nutzen, welchen

die Schifffahrt aus dem Chronometer zieht, lernten wir oben kennen;

auch die Kriegsführung könnte heute wohl kaum mehr auf genaue Uhren

verzichten, man denke an die Granaten, Shrapnells und Torpedos, die

zu einem gegebenen Momente ihre verderbliche Wirkung äußern müssen.

Durch Beobachtungen an genauen Uhren messen wir die Höhe eines Tones,

bestimmen wir den freien Fall der Körper, die Schallgeschwindigkeit

u. s. w. Auch dem kranken Menschen nützt die Uhr in der Hand des

beobachtenden Arztes. Und in welchem Zustande befände sich wohl noch

heute die Königin der Wissenschaften, die Astronomie, ohne genaueste

Zeitmesser? Wie wir früher sahen, bemühten sich Tycho Brahe und andere

vergeblich, genaue Zeitbestimmungen zu machen, unter Aufwand des

größten Scharfsinnes; kämen sie heute wieder, es würde ihnen sicherlich

eine Lust sein, „zu leben,” d. h. mit unsern vervollkommneten Mitteln

zu beobachten. Ohne in weitern Einzelheiten einzugehen, möchten wir

nur noch dem Leser raten, sich einmal vorzustellen, was geschehen

würde, wie unser modernes Leben sich gestalten müßte, beim plötzlichen

Verschwinden aller Uhren! Eine Revolution ohne gleichen auf fast allen

Gebieten menschlicher Tätigkeit wäre die unausbleibliche Folge. So sehr

stehen wir im Banne der Uhr!

Nun noch ein Wort über die Auswahl und Behandlung unserer Zeitmesser.

-- Für den gewöhnlichen Laien ist die Wahl, bezw. der Ankauf einer Uhr

in besonderem Maße Vertrauenssache. Daraus ergibt sich als erste Regel:

Kaufe nur in einem soliden Geschäfte, bei einem Uhrmacher, dessen

Solidität wirklich Gewähr leistet für etwas dem Preise Entsprechendes.

Heute, in der Zeit schwindelhaftester Reklame gilt das ganz besonders.

Der Verfasser erinnert sich hier eines Vorfalles, welcher manchem

zur Lehre dienen könnte: irgendwo schrieb eine Firma zweifelhafter

Güte viele nützliche und schöne Dinge aus zu einem erstaunlich

billigen Preis; als Lockspeise diente „eine genau gehende Uhr mit

Kette,” die sozusagen darein gegeben wurde. Ein Käufer, der richtig

hereinfiel, zeigte mir die Uhr, es war eine „gehende” winzige Uhr, in

Schwarzwälderstil, mit drei Rädern und -- Kette -- für das Gewicht!

Aehnliche Beispiele gibt es in Menge. Hier gilt gewiß der Grundsatz:

das Teuerste ist das billigste! Sehr flache kleine Uhren haben auch

selten einen guten Gang. Wer sich eine wöchentliche Differenz von

einigen Minuten gefallen lassen will, mag mit einer soliden Zylinderuhr

auskommen, besonders wenn sein Beruf ihm zu viel Bewegung verpflichtet.

Eine feine, aber entsprechend teure Ankeruhr, die gut abgezogen und

reguliert ist, bietet die gleiche Differenz erst in einem Monat. Ein

„Chronometer” im richtigen Sinne, welcher die Zeit bis auf Zehntel

Sekunden genau zeigt, ist wohl nur für wenige Börsen erschwinglich, die

übrigen unter diesem Namen angebotenen Uhren sind meist Dutzendware.

Erfahrene Uhrmacher behaupten auch, daß Taschenuhren, die über 40

Stunden gehen, selten genau zeigen.

Wer aber eine wirklich gut gehende Uhr hat und sie schätzt als solche,

wird sie auch richtig behandeln. Wir sahen soeben, daß alle zwei,

höchstens drei Jahre, gründliche Reinigung not tut; auch sonst will

eine Uhr sorgfältig behandelt sein. Viele behaupten, es sei am besten,

sie abends vor Schlafengehen aufzuziehen, andere, und dies mit mehr

Recht, wie uns scheinen will, morgens. Denn während der Nacht leidet

die Uhr viel weniger durch Erschütterungen, Stöße etc., sie wird also

auch bei wenig gespannter Feder doch richtig gehen. Am Morgen jedoch

beginnen diese Störungen wieder, welche von der frisch gespannten Feder

aber leichter überwunden werden. Die Gefahr des Ueberziehens ist wohl

morgens auch geringer, da wir dann ruhiger sind als nach der Arbeit

des Tages. Ein Springen der Feder tritt auch weniger ein, wenn die Uhr

unaufgezogen auf den kalten Tisch gelegt wird am Abend, was übrigens

ein Fehler ist; sie geht am besten in der Lage, in welcher sie unter

Tags getragen wird, also nachts hängend, auf einer Unterlage von Tuch

etc. Die gewöhnlichen Uhren gehen etwa 30 Stunden; wird eine solche nun

morgens aufgezogen, so läuft sie bis zum andern Mittag; sie bleibt also

stehen zu einer Zeit, wo man sie leicht wieder richten kann. Wurde sie

aber gegen Abend aufgezogen, so kann es sich leicht treffen, daß der

Ablauf der Feder in eine Nachtstunde fällt. Eine allzuschwere Kette

beeinträchtigt den Gang der Uhr durch die fortwährenden, wenn auch

kleinen Erschütterungen, die sich von ihr auch auf das Werk übertragen.

Das Gleiche gilt vom Tragen der Uhr in der Tasche des Beinkleides. --

Eigene Beobachtung wird hier am besten das richtige finden lassen, so

daß eine gute Uhr auch wirklich gut bleibt, ein Gegenstand der Freude

für den Besitzer, nicht eine Quelle beständigen Aergers.

~VI.~

Die fabrikmäßige Herstellung der Uhren.

Als Abschluß der vorliegenden Ausführungen über die Geschichte

der Uhren im allgemeinen möge ein kurzer Ueberblick über deren

Massenherstellung dienen. Es ist leicht einzusehen, daß bei einem

Gegenstande wie die Uhr, welche so rasch sich überall Eingang

verschaffte und bald jedem unentbehrlich wurde, schon frühe das

Bedürfnis nach billiger Erstellung sich geltend machte. So wäre

ein wenn auch nur gedrängter Ueberblick über die Geschichte der

Zeitmesser notwendig unvollständig, wenn dieser Punkt übergangen würde,

ganz abgesehen von der nationalökonomischen Bedeutung, welche der

Uhrmacherkunst in vielen Ländern zukommt.

Im folgenden wird von den Zünften abgesehen, denn hier kann von einer

fabrikmäßigen Ausübung des Uhrmacherhandwerkes nicht die Rede sein,

es beruhte vielmehr die ganze Produktion auf Handarbeit. Wir bemerken

nur noch, daß unter den ersten Städten, in welchen die Uhrmacherei

in größerem Maßstabe ausgeübt wurde, Genf und Nürnberg zu nennen

sind. Wie wir schon gesehen, waren anfangs des 16. Jahrhunderts die

Uhrmacher noch Mitglieder der Schlosserzunft, von der sie erst später

sich abtrennten; in Genf 1589, in Nürnberg dagegen schon im Jahre

1565. Der Nürnberger weltbekannte Kunstfleiß hatte sich schon frühe

auch dieses Zweiges bemächtigt, wie die lange Liste von Uhrmachern,

welche Speckhart aus alten Urkunden veröffentlichte, zeigt. Sie

werden dort als „Orelmacher, Orlemacher, Ormacher, Hormacher” etc.

aufgeführt. Aehnlich war auch in Frankreich unter Franz dem Ersten

(1515-1547) die Uhrmacherei schon in Blüte, und gegen Ende des 18.

Jahrhunderts schätzte Pierre le Roy die Zahl der Meister in der Pariser

Uhrmachergilde auf 400.

Eigentliche fabrikmäßige Herstellung von Uhren dagegen treffen wir

zuerst in der Schweiz und auf dem Schwarzwald; bald folgten auch andere

Länder; heute ist die Uhr fast ganz ein Erzeugnis der Maschine geworden.

Die Uhren: Ein Abriß der Geschichte der Zeitmessung · 第 20 / 25 题