Vom rein mechanischen Standpunkte aus, das ist, als Maschine
betrachtet, gehört die Uhr zu den interessantesten Apparaten. Wir
tragen sie täglich mit uns herum, verlangen jeden Augenblick ihre
Dienste und zwar ganz genau, stellen also große Anforderungen an das
kleine Kunstwerk, ohne uns jedoch immer der Größe derselben bewußt zu
werden. Es mag deshalb wohl für viele von Interesse sein, etwas über
die Arbeit zu vernehmen, welche eine gute Taschenuhr im Verlaufe einer
bestimmten Zeit zu leisten hat.
Die Arbeitsleistung einer Taschenuhr während eines Jahres wird erst
erkennbar, wenn man sich die Summe der von ihren Hemmungsteilen
ausgeführten Bewegungen ausrechnet.[87] Bekanntlich machen die
Zylinder- oder Ankeruhren in der Stunde 18000 Schwingungen, wobei
jedesmal auch das Hemmungsrad eine sprungweise Vorwärtsbewegung macht,
die sich durch das ganze Uhrwerk fortpflanzt. In einem Tag beträgt
die Zahl dieser Schwingungen, bezw. Sprünge 432000 und in einem Jahr
157680000. Bedenkt man, daß eine Taschenuhr sehr oft 5 Jahre, ja
manchmal 10 Jahre und länger ununterbrochen fortgeht, so muß man in der
Tat staunen über die Leistungsfähigkeit, welche dem zarten Mechanismus
inne wohnt.
Noch augenfälliger wird diese Tatsache, wenn man sich die schwingende
Unruhe als ein beständig in derselben Richtung fortrollendes Rad denkt
und den Weg berechnet, welchen dasselbe in dem Zeitraum eines Jahres
zurücklegt. Der äußere Durchmesser der Unruhe in einer Herren-Ankeruhr
gewöhnlicher Größe ist ungefähr 18 ~mm~, der Umfang derselben somit
56,5 ~mm~. Bei jeder Schwingung macht die Unruhe einer solchen Uhr ca.
1½ Umgänge, was einem Weg von 84,75 ~mm~ an ihrem Umfang entspricht. Da
die Uhr nun in jeder Sekunde fünf Schwingungen macht, so beträgt der
vom Umfang der Unruhe in dieser kurzen Zeit zurückgelegte Weg schon
423,75 ~mm~, also nahezu ½ ~m~. In der Stunde erhöht sich dieser Betrag
auf 1520,5 ~m~ oder rund 1½ ~km~. In einem Tag legt die Unruhe also
einen Weg von etwa 36,5 ~km~ Luftlinie zurück. Wenn die Uhr 365 Tage
lang ununterbrochen fortgegangen ist, so hat ihre Unruhe einen Luftweg
von 13320 ~km~ oder 1795 geographischen Meilen zurückgelegt, das ist
reichlich ⅓ des Erdumfanges.
Wenn diese Tatsachen im großen Publikum mehr bekannt wären, als es
leider der Fall ist und entsprechend gewürdigt würden, so würde wohl
ein größerer Teil desselben Verständnis dafür besitzen, daß ein so
kleiner und dabei so viel leistender Mechanismus mindestens alle zwei
Jahre der gründlichen Reinigung und mitunter auch eines Ersatzes
abgenützter Teile bedarf. Während jedermann es ganz begreiflich
findet, daß eine viele Zentner schwere Lokomotive z. B., die nur
mit entsprechenden Pausen in Dienst gestellt ist, alle drei Monate
gründlich revidiert und nötigenfalls ausgebessert wird, sind sehr viele
Leute darüber erstaunt, wenn ein winziges Maschinchen im Gewichte von
50 bis 60 Gramm, wie es die Taschenuhr ist, die zudem Tag und Nacht in
ununterbrochenem Betriebe steht, alle 12-14 Monate dasselbe nötig hat.
-- Daraus ersieht man, was eine Uhr eigentlich in der angegebenen Zeit
geleistet hat, ohne -- um beim Vergleich der Lokomotive zu bleiben --
in dieser ganzen Zeit auch nur für einen einzigen Pfennig Heiz- oder
Schmiermaterial beansprucht zu haben. So weit unser Gewährsmann.
Wenn wir noch nach dem Nutzen der Uhren fragen, so wird es vielleicht
manchem scheinen, das sei überflüssig, der Zweck sei doch ganz einfach
Angabe der Zeit! Gewiß, aber damit ist die Frage lange nicht erledigt.
Sie leistet und nützt weit mehr!
Welche Bedeutung der Uhr zukommt im modernen Verkehrswesen braucht
hier nicht erst dargelegt zu werden, wir alle erfahren das täglich;
wer glaubt, das habe nicht viel auf sich, lasse z. B. einmal seine
Uhr stehen, wenn er den Fahrtenplan studiert! Den Nutzen, welchen
die Schifffahrt aus dem Chronometer zieht, lernten wir oben kennen;
auch die Kriegsführung könnte heute wohl kaum mehr auf genaue Uhren
verzichten, man denke an die Granaten, Shrapnells und Torpedos, die
zu einem gegebenen Momente ihre verderbliche Wirkung äußern müssen.
Durch Beobachtungen an genauen Uhren messen wir die Höhe eines Tones,
bestimmen wir den freien Fall der Körper, die Schallgeschwindigkeit
u. s. w. Auch dem kranken Menschen nützt die Uhr in der Hand des
beobachtenden Arztes. Und in welchem Zustande befände sich wohl noch
heute die Königin der Wissenschaften, die Astronomie, ohne genaueste
Zeitmesser? Wie wir früher sahen, bemühten sich Tycho Brahe und andere
vergeblich, genaue Zeitbestimmungen zu machen, unter Aufwand des
größten Scharfsinnes; kämen sie heute wieder, es würde ihnen sicherlich
eine Lust sein, „zu leben,” d. h. mit unsern vervollkommneten Mitteln
zu beobachten. Ohne in weitern Einzelheiten einzugehen, möchten wir
nur noch dem Leser raten, sich einmal vorzustellen, was geschehen
würde, wie unser modernes Leben sich gestalten müßte, beim plötzlichen
Verschwinden aller Uhren! Eine Revolution ohne gleichen auf fast allen
Gebieten menschlicher Tätigkeit wäre die unausbleibliche Folge. So sehr
stehen wir im Banne der Uhr!
Nun noch ein Wort über die Auswahl und Behandlung unserer Zeitmesser.
-- Für den gewöhnlichen Laien ist die Wahl, bezw. der Ankauf einer Uhr
in besonderem Maße Vertrauenssache. Daraus ergibt sich als erste Regel:
Kaufe nur in einem soliden Geschäfte, bei einem Uhrmacher, dessen
Solidität wirklich Gewähr leistet für etwas dem Preise Entsprechendes.
Heute, in der Zeit schwindelhaftester Reklame gilt das ganz besonders.
Der Verfasser erinnert sich hier eines Vorfalles, welcher manchem
zur Lehre dienen könnte: irgendwo schrieb eine Firma zweifelhafter
Güte viele nützliche und schöne Dinge aus zu einem erstaunlich
billigen Preis; als Lockspeise diente „eine genau gehende Uhr mit
Kette,” die sozusagen darein gegeben wurde. Ein Käufer, der richtig
hereinfiel, zeigte mir die Uhr, es war eine „gehende” winzige Uhr, in
Schwarzwälderstil, mit drei Rädern und -- Kette -- für das Gewicht!
Aehnliche Beispiele gibt es in Menge. Hier gilt gewiß der Grundsatz:
das Teuerste ist das billigste! Sehr flache kleine Uhren haben auch
selten einen guten Gang. Wer sich eine wöchentliche Differenz von
einigen Minuten gefallen lassen will, mag mit einer soliden Zylinderuhr
auskommen, besonders wenn sein Beruf ihm zu viel Bewegung verpflichtet.
Eine feine, aber entsprechend teure Ankeruhr, die gut abgezogen und
reguliert ist, bietet die gleiche Differenz erst in einem Monat. Ein
„Chronometer” im richtigen Sinne, welcher die Zeit bis auf Zehntel
Sekunden genau zeigt, ist wohl nur für wenige Börsen erschwinglich, die
übrigen unter diesem Namen angebotenen Uhren sind meist Dutzendware.
Erfahrene Uhrmacher behaupten auch, daß Taschenuhren, die über 40
Stunden gehen, selten genau zeigen.
Wer aber eine wirklich gut gehende Uhr hat und sie schätzt als solche,
wird sie auch richtig behandeln. Wir sahen soeben, daß alle zwei,
höchstens drei Jahre, gründliche Reinigung not tut; auch sonst will
eine Uhr sorgfältig behandelt sein. Viele behaupten, es sei am besten,
sie abends vor Schlafengehen aufzuziehen, andere, und dies mit mehr
Recht, wie uns scheinen will, morgens. Denn während der Nacht leidet
die Uhr viel weniger durch Erschütterungen, Stöße etc., sie wird also
auch bei wenig gespannter Feder doch richtig gehen. Am Morgen jedoch
beginnen diese Störungen wieder, welche von der frisch gespannten Feder
aber leichter überwunden werden. Die Gefahr des Ueberziehens ist wohl
morgens auch geringer, da wir dann ruhiger sind als nach der Arbeit
des Tages. Ein Springen der Feder tritt auch weniger ein, wenn die Uhr
unaufgezogen auf den kalten Tisch gelegt wird am Abend, was übrigens
ein Fehler ist; sie geht am besten in der Lage, in welcher sie unter
Tags getragen wird, also nachts hängend, auf einer Unterlage von Tuch
etc. Die gewöhnlichen Uhren gehen etwa 30 Stunden; wird eine solche nun
morgens aufgezogen, so läuft sie bis zum andern Mittag; sie bleibt also
stehen zu einer Zeit, wo man sie leicht wieder richten kann. Wurde sie
aber gegen Abend aufgezogen, so kann es sich leicht treffen, daß der
Ablauf der Feder in eine Nachtstunde fällt. Eine allzuschwere Kette
beeinträchtigt den Gang der Uhr durch die fortwährenden, wenn auch
kleinen Erschütterungen, die sich von ihr auch auf das Werk übertragen.
Das Gleiche gilt vom Tragen der Uhr in der Tasche des Beinkleides. --
Eigene Beobachtung wird hier am besten das richtige finden lassen, so
daß eine gute Uhr auch wirklich gut bleibt, ein Gegenstand der Freude
für den Besitzer, nicht eine Quelle beständigen Aergers.
~VI.~
Die fabrikmäßige Herstellung der Uhren.
Als Abschluß der vorliegenden Ausführungen über die Geschichte
der Uhren im allgemeinen möge ein kurzer Ueberblick über deren
Massenherstellung dienen. Es ist leicht einzusehen, daß bei einem
Gegenstande wie die Uhr, welche so rasch sich überall Eingang
verschaffte und bald jedem unentbehrlich wurde, schon frühe das
Bedürfnis nach billiger Erstellung sich geltend machte. So wäre
ein wenn auch nur gedrängter Ueberblick über die Geschichte der
Zeitmesser notwendig unvollständig, wenn dieser Punkt übergangen würde,
ganz abgesehen von der nationalökonomischen Bedeutung, welche der
Uhrmacherkunst in vielen Ländern zukommt.
Im folgenden wird von den Zünften abgesehen, denn hier kann von einer
fabrikmäßigen Ausübung des Uhrmacherhandwerkes nicht die Rede sein,
es beruhte vielmehr die ganze Produktion auf Handarbeit. Wir bemerken
nur noch, daß unter den ersten Städten, in welchen die Uhrmacherei
in größerem Maßstabe ausgeübt wurde, Genf und Nürnberg zu nennen
sind. Wie wir schon gesehen, waren anfangs des 16. Jahrhunderts die
Uhrmacher noch Mitglieder der Schlosserzunft, von der sie erst später
sich abtrennten; in Genf 1589, in Nürnberg dagegen schon im Jahre
1565. Der Nürnberger weltbekannte Kunstfleiß hatte sich schon frühe
auch dieses Zweiges bemächtigt, wie die lange Liste von Uhrmachern,
welche Speckhart aus alten Urkunden veröffentlichte, zeigt. Sie
werden dort als „Orelmacher, Orlemacher, Ormacher, Hormacher” etc.
aufgeführt. Aehnlich war auch in Frankreich unter Franz dem Ersten
(1515-1547) die Uhrmacherei schon in Blüte, und gegen Ende des 18.
Jahrhunderts schätzte Pierre le Roy die Zahl der Meister in der Pariser
Uhrmachergilde auf 400.
Eigentliche fabrikmäßige Herstellung von Uhren dagegen treffen wir
zuerst in der Schweiz und auf dem Schwarzwald; bald folgten auch andere
Länder; heute ist die Uhr fast ganz ein Erzeugnis der Maschine geworden.