4. Fortschritte in der Herstellung von Taschenuhren.

Wie leicht begreiflich, begnügte man sich nicht mit der ursprünglich

ziemlich roh erstellten Taschenuhr. Mit fortschreitender Genauigkeit

wuchs selbstverständlich auch die Wertschätzung der Zeitmesser,

speziell der Taschenuhren. Infolge dessen wurden dieselben in den

kostbarsten Materialien, mit allem Aufwand von Scharfsinn und Kunst

hergestellt und so nach und nach zum Luxusartikel, als welchen wir sie

teilweise auch heute noch sehen. Es sind uns bereits im Vorhergehenden

Beispiele künstlerisch ausgestatteter Uhren begegnet und mögen hier

noch einige genannt sein.

Wir bemerkten bereits, daß sich besonders die Uhren aus der Zeit der

Valois auszeichnen durch reichen künstlerischen Schmuck. Goldschmiede

und Graveure leisteten ihr Bestes, so daß derartige Erzeugnisse der

Stolz jeder Sammlung sind und außerordentlich gut bezahlt werden.

Bewegliche Figuren, die wir zuerst bei den Turmuhren getroffen, wurden

auch an Taschenuhren nach und nach angebracht. Die bereits mehrfach

erwähnte Sammlung Marfels in Berlin weist zahlreiche Beispiele

derartiger Werke auf. Als Probe geben wir in Fig. 53 die Abbildung

zweier kostbaren Uhren mit kleinen Automaten. Uhren in Form von

Tabakdosen, Federhaltern, Tulpen, Pyramiden, Musikinstrumenten etc.

sind nicht selten; jede ein Kunstwerk, und mit unendlichem Fleiße

ausgeführt. Schon sehr frühe gelang es, Taschenuhren so klein zu

machen, daß sie in einem Ringe am Finger getragen werden konnten.

(Fig. 54). Wohl die kleinste ältere Uhr von 9 ~mm~ Durchmesser,

aus dem Jahre 1650, zeigt unsere Abbildung 55. -- Vergleichshalber

geben wir hier noch 2 chronometrische Merkwürdigkeiten aus früherer

und neuester Zeit: es sind dies die kleine Uhr, welche Caron de

Beaumarchais konstruierte für die Pompadour und ein Genferührchen, das

mit allen Hilfsmitteln moderner Technik hergestellt wurde (Fig. 56).

Der Kreis gibt die Größe eines 20 Pfennigstückes wieder.

[Illustration: Fig. 53 ~a~.]

[Illustration: Fig. 53 ~b~.]

Was das erste dieser kleinen Kunstwerke betrifft, so sei hier

gleich bemerkt, daß der Ersteller ebenso interessant ist, als sein

Werk. Pierre Augustin Caron, wohl einer der berühmtesten Uhrmacher,

wurde 1732 zu Paris geboren als Sohn des Uhrmachers Caron, der in

bescheidenen Verhältnissen lebte. Der Knabe zeichnete sich schon frühe

durch große Handfertigkeit aus, sowie durch seine dem Vater höchst

unliebsame Vorliebe für Musik. Nach manchem Zerwürfnis mit demselben

versprach er, der Musik, wenigstens einigermaßen zu entsagen, was

auch geschehen zu sein scheint, denn Caron erfand schon mit 20 Jahren

den Stiftengang für Taschenuhren. Durch unvorsichtige Mitteilung

seiner Erfindung an einen Kollegen, wäre er beinahe um deren Früchte

gekommen, erst nach einem glücklich geführten Prozeß erkannte ihn die

Akademie als rechtmäßigen und einzigen Erfinder an. Damit war nun

das Glück des jungen Caron gemacht. Durch das Aufsehen, welches der

Prozeß verursachte, wurden weite Kreise auf den talentvollen Uhrmacher

aufmerksam und Ludwig ~XV.~ bestellte bei ihm eine möglichst kleine

Uhr, die zur vollsten Zufriedenheit ausfiel und der bald weitere

folgten. So wurde Caron rasch in den höchsten Kreisen bekannt. Nach und

nach erhielt er Zutritt bei Hofe und schließlich durch eine Heirat den

Adelstitel, welchen er sich allerdings vorerst selbst beilegte: Caron

de Beaumarchais. Später bestätigte der König diesen Namen. Die Ausübung

des früheren Berufes hatte Beaumarchais natürlich längst aufgegeben.

1784 kam seine „Hochzeit des Figaro” auf die Bühne und machte den

Verfasser zum berühmten Mann. Wie bekannt, ist Caron de Beaumarchais

auch der Schöpfer des Lustspieles: „der Barbier von Sevilla.” Er starb

1799 in Paris, wohin er nach Beendigung der Schreckensherrschaft wieder

zurückgekehrt war.

[Illustration: Fig. 54.]

[Illustration: Fig. 55.]

[Illustration: Fig. 56.]

Die andere kleine Uhr, welche unsere Abbildung zeigt, wurde in Genf

hergestellt. Wir geben im folgenden einige Daten über dieses Kunstwerk

nach Mitteilungen der Leipziger Uhrmacherzeitung. Das Werk besteht aus

95 Einzelbestandteilen im Gesamtgewicht von 0,93 ~gr~; also noch nicht

ein Gramm! Es hat eine Gangdauer von 28 Stunden; der winzige Schlüssel

umfaßt einen Vierkant von nicht ganz ½ Millimeter Seitenlänge. Der

Durchmesser des Federhauses beträgt 4,18 ~mm~, die Länge der Feder

3,4 ~mm~; ihr Gewicht ist 38 Milligramm, bei einer „Dicke” von 45/1000

Millimeter! Die Werkplatte, auf welcher die Teile befestigt sind, mißt

9 ~mm~ im Durchmesser. Die Unruhe wiegt etwa ein hundertstel Gramm, bei

3,5 ~mm~ Durchmesser. Die Spirale hat ein Gewicht von 1/10 Milligramm

(d. h. 10000 solcher Federchen hätten erst 1 ~gr~!); die Unruhe macht

stündlich 18152 Schwingungen; u. s. w. Aus diesen Angaben läßt sich

leicht ein Schluß ziehen auf die Feinheit der nötigen Instrumente, aber

mit mehr Recht noch, auf das Werkzeug aller Werkzeuge, die Hand des

Menschen und den Geist, der sie leitet. -- Der Preis des Kunstwerkes

ist nicht für jedermann: 5000 Mk., gewiß nicht übertrieben hoch,

angesichts solcher Leistungen!

Ein anderes weites Feld der Betätigung bot die Uhrmacherkunst

namentlich der Email-Malerei; die Zartheit und zugleich das Feuer

und der Glanz der Farben läßt sich durch Abbildungen nur mangelhaft

wiedergeben.

Als ein bedeutender Fortschritt auf dem Gebiete der Uhren darf hier

die Erfindung genannt werden, Edelsteine für Lager u. s. w. zu bohren.

Sie wird dem anfangs des 18. Jahrhunderts in der Schweiz geborenen,

aber in England lebenden Nikolaus Fatio zugeschrieben, welcher 1764 vom

englischen Parlament ein auf 14 Jahre gültiges Patent erhielt.

Die ältesten Taschenuhren besitzen keine Gläser, sondern dann und

wann Platten aus Bergkristall, deren Bearbeitung sehr mühsam, also

teuer ist. Erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts finden sich allgemein

Uhrgläser, zunächst in der bekannten gewölbten Form für Spindeluhren.

Der Preis war aber noch sehr hoch, 4-5 Fr. das Stück!

Der Engländer Barlow (1636-1716) ist der Erfinder der Repetieruhr;

ursprünglich für Pendeluhren berechnet, versah er erst im Jahre 1691

eine Taschenuhr mit dieser Einrichtung.

Als sehr wichtige Neuerung muß die Einführung der Taschenuhren ohne

Schlüssel, oder wie wir jetzt sagen, der Remontoir-Uhr bezeichnet

werden. Nach Saunier (~l. c.~ S. 523 ff.) reichen die ersten

diesbezüglichen Versuche bis ins erste Viertel des 18. Jahrhunderts

zurück. P. F. Ingold in La Chaux-de-Fonds verfertigte 1815 eine Uhr,

die durch Drehen des Glasreifens aufgezogen wurde.

Auch der sogenannte Pump-Aufzug gehört hieher. Der Bügelhals wurde so

lange aus- und eingestoßen, bis die Uhr aufgezogen war. -- Der berühmte

Uhrmacher Adrien Philipp legte 1842 eine Uhr ohne Schlüsselaufzug vor;

in der Folge verband er sich mit dem Genfer Fabrikant Patek zur Firma

Patek, Philipp & Co., welche bis heute solche Aufzüge herstellt.

Nach diesen Bemerkungen kehren wir noch einmal zu der Hemmung zurück.

Ursprünglich verwendete Henlein, wie wir gesehen, die Waagehemmung,

welche sich lange erhalten hat. Wohl die meisten Leser kennen noch die

Spindeluhr als Erbstück aus Großvaters Zeit. Gegenwärtig kommt sie aber

nicht mehr in Anwendung, weshalb wir von einer nähern Beschreibung

absehen können. Noch häufig sind dagegen Uhren mit _Zylindergang_,

welche deshalb etwas einläßlicher behandelt werden sollen.

[Illustration: Fig. 57.]

Erfunden wurde diese Hemmung von dem Engländer Thomas Thompion

(1637-1713) schon 1695 und später von dessen Landsmann Graham zur

jetzigen Form vervollkommnet. Sie gehört zu den „ruhenden” Hemmungen,

so bezeichnet, weil durch ihre Wirkung das Steigrad völlig stille

steht, während die Unruhe einen Teil ihrer Schwingung vollführt.

Zylinderhemmung heißt sie, weil die Unruhespindel teilweise als

Zylinder gebaut ist, der sich zu einer halbrunden Vertiefung

einbiegt, in welche die Zähne des Steigrades eintreten. Vergl. unsere

vergrößerte Abbildung Fig. 57. Unterhalb der Ausbuchtung, die für den

Zahneingriff bestimmt ist, befindet sich noch ein weiterer Ausschnitt

der Zylinderwand, um den nachfolgenden Zahnarm aufzunehmen. Abbildung

58 zeigt die Spindel im Querschnitt, nebst einem kleinen Teil des

Steigrades. Die Pfeile geben die Bewegungsrichtung von Unruhe und

Steigrad an. Stellung 1 zeigt den größten Ausschlag der Spindel nach

links; weil hier die Lippe ~a~ (Rand der Zylinderhöhlung) den Zahn ~c~

des Steigrades hemmt, so ruht dieses. Im nächsten Moment nun schwingt

die Spindel etwas nach rechts, so daß der Zahn, an ihr vorbeigehend,

einen kleinen Anstoß geben und in die Höhlung eintreten kann. In 3

steht die Unruhe am weitesten nach rechts, das Steigrad steht wieder

still, bei 4 beginnt die Bewegung nach rückwärts, wobei der bei ~b~

austretende Zahn abermals einen kleinen Antrieb erteilt.

[Illustration: Fig. 58.]

Ein Nachteil dieser Hemmung ist die ziemlich beträchtliche Abnützung,

welche bei der jetzt sehr viel ausgeführten _Ankerhemmung_ vermieden

ist. Sie wird verschieden konstruiert, ist aber im Prinzip

überall dieselbe. Unsere Abbildung 59, welche eine sogenannte

Schweizer-Ankerhemmung darstellt, mag die Wirkungsweise klar machen.

[Illustration: Fig. 59.]

Auf der Unruhachse sitzt die Hebescheibe ~d~ (bei feinen Uhren ein

Rubin) mit dem Hebestift ~i~, welcher die Gabel des Ankers ~bc~

antreibt. Zwei seitlich angebrachte Stifte ~v~ und ~w~ regulieren die

Schwingungsweiten des Ankers. Das Ankerrad ~a~ besitzt abgestumpfte

Zähne, welche durch Vermittlung des Ankers die Kraft des Steigrades

auf die Unruhe übertragen. Diese schwingt frei nach erhaltenem Impuls,

während das Steigrad mit einem seiner Zähne am Anker anliegt. Kehrt

die Schwingung um, so bewegt der Hebestift ~i~ die Gabel und hebt den

Anker, wobei das Rad mit einem Zahn abgleitet, während das andere

Ende des Ankers sich festlegt, wodurch das Steigrad wieder zur Ruhe

kommt u. s. w. Weil die Schwingungen der Unruhe hier fast einen ganzen

Umlauf, vor- und rückwärts ausmachen, also wie ein kräftiges Schwungrad

wirken, überwindet eine Ankeruhr auch leichter alle jene kleinen

Störungen, die beim Tragen der Uhr unvermeidlich sind. Vorausgesetzt

allerdings, daß der Anker sehr gut gearbeitet sei, was nicht immer der

Fall ist; dann ist eine Zylinderuhr vorzuziehen.

[Illustration: Fig. 60.]

Hier sei auch noch ein Wort gesagt über die Kompensation bei feinen

Taschenuhren. Die Unruhe ist an zwei gegenüberliegenden Stellen

durchschnitten und besteht wie beim Rostpendel aus zwei verschiedenen

Metallen, welche streifenförmig miteinander verlötet sind. Vergl.

Fig. 60. Ein diametral verlaufender Steg verbindet die beiden Hälften

des Schwungringes der Unruhe. Gewöhnlich wird Messing und Stahl

verwendet. Bildet nun das Metall mit der größeren Wärmeausdehnung die

Außenseite, so dehnt bei steigender Temperatur die Unruhe sich zwar

aus, aber die Lappen krümmen sich nach innen, so daß der Schwerpunkt

der schwingenden Massen dem Mittelpunkte etwas näher rückt; dadurch

werden aber die Schwingungen beschleunigt. Umgekehrt verläuft der

Vorgang bei Temperaturerniedrigung. Die Formänderungen in irgend einem

Sinne gleichen sich also bei richtig gewählten Verhältnissen aus: die

Unruhe ist kompensiert. Gewöhnlich sind am Umfange des Metallreifens

noch kleine Schrauben angebracht, welche die Schwerpunktslage der

beiden Ringhälften regeln. Ihre genaue Einstellung ist eine sehr

langwierige und beschwerliche Arbeit. Aus letzterem ergibt sich auch,

daß bei gewöhnlichen Ankeruhren die Kompensation nur zum Scheine

angebracht ist, da ein so feiner Mechanismus bei dem niedrigen Preise

dieser Uhren sich nicht lohnen würde.

Die Uhren: Ein Abriß der Geschichte der Zeitmessung · 第 18 / 25 题