Wie leicht begreiflich, begnügte man sich nicht mit der ursprünglich
ziemlich roh erstellten Taschenuhr. Mit fortschreitender Genauigkeit
wuchs selbstverständlich auch die Wertschätzung der Zeitmesser,
speziell der Taschenuhren. Infolge dessen wurden dieselben in den
kostbarsten Materialien, mit allem Aufwand von Scharfsinn und Kunst
hergestellt und so nach und nach zum Luxusartikel, als welchen wir sie
teilweise auch heute noch sehen. Es sind uns bereits im Vorhergehenden
Beispiele künstlerisch ausgestatteter Uhren begegnet und mögen hier
noch einige genannt sein.
Wir bemerkten bereits, daß sich besonders die Uhren aus der Zeit der
Valois auszeichnen durch reichen künstlerischen Schmuck. Goldschmiede
und Graveure leisteten ihr Bestes, so daß derartige Erzeugnisse der
Stolz jeder Sammlung sind und außerordentlich gut bezahlt werden.
Bewegliche Figuren, die wir zuerst bei den Turmuhren getroffen, wurden
auch an Taschenuhren nach und nach angebracht. Die bereits mehrfach
erwähnte Sammlung Marfels in Berlin weist zahlreiche Beispiele
derartiger Werke auf. Als Probe geben wir in Fig. 53 die Abbildung
zweier kostbaren Uhren mit kleinen Automaten. Uhren in Form von
Tabakdosen, Federhaltern, Tulpen, Pyramiden, Musikinstrumenten etc.
sind nicht selten; jede ein Kunstwerk, und mit unendlichem Fleiße
ausgeführt. Schon sehr frühe gelang es, Taschenuhren so klein zu
machen, daß sie in einem Ringe am Finger getragen werden konnten.
(Fig. 54). Wohl die kleinste ältere Uhr von 9 ~mm~ Durchmesser,
aus dem Jahre 1650, zeigt unsere Abbildung 55. -- Vergleichshalber
geben wir hier noch 2 chronometrische Merkwürdigkeiten aus früherer
und neuester Zeit: es sind dies die kleine Uhr, welche Caron de
Beaumarchais konstruierte für die Pompadour und ein Genferührchen, das
mit allen Hilfsmitteln moderner Technik hergestellt wurde (Fig. 56).
Der Kreis gibt die Größe eines 20 Pfennigstückes wieder.
[Illustration: Fig. 53 ~a~.]
[Illustration: Fig. 53 ~b~.]
Was das erste dieser kleinen Kunstwerke betrifft, so sei hier
gleich bemerkt, daß der Ersteller ebenso interessant ist, als sein
Werk. Pierre Augustin Caron, wohl einer der berühmtesten Uhrmacher,
wurde 1732 zu Paris geboren als Sohn des Uhrmachers Caron, der in
bescheidenen Verhältnissen lebte. Der Knabe zeichnete sich schon frühe
durch große Handfertigkeit aus, sowie durch seine dem Vater höchst
unliebsame Vorliebe für Musik. Nach manchem Zerwürfnis mit demselben
versprach er, der Musik, wenigstens einigermaßen zu entsagen, was
auch geschehen zu sein scheint, denn Caron erfand schon mit 20 Jahren
den Stiftengang für Taschenuhren. Durch unvorsichtige Mitteilung
seiner Erfindung an einen Kollegen, wäre er beinahe um deren Früchte
gekommen, erst nach einem glücklich geführten Prozeß erkannte ihn die
Akademie als rechtmäßigen und einzigen Erfinder an. Damit war nun
das Glück des jungen Caron gemacht. Durch das Aufsehen, welches der
Prozeß verursachte, wurden weite Kreise auf den talentvollen Uhrmacher
aufmerksam und Ludwig ~XV.~ bestellte bei ihm eine möglichst kleine
Uhr, die zur vollsten Zufriedenheit ausfiel und der bald weitere
folgten. So wurde Caron rasch in den höchsten Kreisen bekannt. Nach und
nach erhielt er Zutritt bei Hofe und schließlich durch eine Heirat den
Adelstitel, welchen er sich allerdings vorerst selbst beilegte: Caron
de Beaumarchais. Später bestätigte der König diesen Namen. Die Ausübung
des früheren Berufes hatte Beaumarchais natürlich längst aufgegeben.
1784 kam seine „Hochzeit des Figaro” auf die Bühne und machte den
Verfasser zum berühmten Mann. Wie bekannt, ist Caron de Beaumarchais
auch der Schöpfer des Lustspieles: „der Barbier von Sevilla.” Er starb
1799 in Paris, wohin er nach Beendigung der Schreckensherrschaft wieder
zurückgekehrt war.
[Illustration: Fig. 54.]
[Illustration: Fig. 55.]
[Illustration: Fig. 56.]
Die andere kleine Uhr, welche unsere Abbildung zeigt, wurde in Genf
hergestellt. Wir geben im folgenden einige Daten über dieses Kunstwerk
nach Mitteilungen der Leipziger Uhrmacherzeitung. Das Werk besteht aus
95 Einzelbestandteilen im Gesamtgewicht von 0,93 ~gr~; also noch nicht
ein Gramm! Es hat eine Gangdauer von 28 Stunden; der winzige Schlüssel
umfaßt einen Vierkant von nicht ganz ½ Millimeter Seitenlänge. Der
Durchmesser des Federhauses beträgt 4,18 ~mm~, die Länge der Feder
3,4 ~mm~; ihr Gewicht ist 38 Milligramm, bei einer „Dicke” von 45/1000
Millimeter! Die Werkplatte, auf welcher die Teile befestigt sind, mißt
9 ~mm~ im Durchmesser. Die Unruhe wiegt etwa ein hundertstel Gramm, bei
3,5 ~mm~ Durchmesser. Die Spirale hat ein Gewicht von 1/10 Milligramm
(d. h. 10000 solcher Federchen hätten erst 1 ~gr~!); die Unruhe macht
stündlich 18152 Schwingungen; u. s. w. Aus diesen Angaben läßt sich
leicht ein Schluß ziehen auf die Feinheit der nötigen Instrumente, aber
mit mehr Recht noch, auf das Werkzeug aller Werkzeuge, die Hand des
Menschen und den Geist, der sie leitet. -- Der Preis des Kunstwerkes
ist nicht für jedermann: 5000 Mk., gewiß nicht übertrieben hoch,
angesichts solcher Leistungen!
Ein anderes weites Feld der Betätigung bot die Uhrmacherkunst
namentlich der Email-Malerei; die Zartheit und zugleich das Feuer
und der Glanz der Farben läßt sich durch Abbildungen nur mangelhaft
wiedergeben.
Als ein bedeutender Fortschritt auf dem Gebiete der Uhren darf hier
die Erfindung genannt werden, Edelsteine für Lager u. s. w. zu bohren.
Sie wird dem anfangs des 18. Jahrhunderts in der Schweiz geborenen,
aber in England lebenden Nikolaus Fatio zugeschrieben, welcher 1764 vom
englischen Parlament ein auf 14 Jahre gültiges Patent erhielt.
Die ältesten Taschenuhren besitzen keine Gläser, sondern dann und
wann Platten aus Bergkristall, deren Bearbeitung sehr mühsam, also
teuer ist. Erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts finden sich allgemein
Uhrgläser, zunächst in der bekannten gewölbten Form für Spindeluhren.
Der Preis war aber noch sehr hoch, 4-5 Fr. das Stück!
Der Engländer Barlow (1636-1716) ist der Erfinder der Repetieruhr;
ursprünglich für Pendeluhren berechnet, versah er erst im Jahre 1691
eine Taschenuhr mit dieser Einrichtung.
Als sehr wichtige Neuerung muß die Einführung der Taschenuhren ohne
Schlüssel, oder wie wir jetzt sagen, der Remontoir-Uhr bezeichnet
werden. Nach Saunier (~l. c.~ S. 523 ff.) reichen die ersten
diesbezüglichen Versuche bis ins erste Viertel des 18. Jahrhunderts
zurück. P. F. Ingold in La Chaux-de-Fonds verfertigte 1815 eine Uhr,
die durch Drehen des Glasreifens aufgezogen wurde.
Auch der sogenannte Pump-Aufzug gehört hieher. Der Bügelhals wurde so
lange aus- und eingestoßen, bis die Uhr aufgezogen war. -- Der berühmte
Uhrmacher Adrien Philipp legte 1842 eine Uhr ohne Schlüsselaufzug vor;
in der Folge verband er sich mit dem Genfer Fabrikant Patek zur Firma
Patek, Philipp & Co., welche bis heute solche Aufzüge herstellt.
Nach diesen Bemerkungen kehren wir noch einmal zu der Hemmung zurück.
Ursprünglich verwendete Henlein, wie wir gesehen, die Waagehemmung,
welche sich lange erhalten hat. Wohl die meisten Leser kennen noch die
Spindeluhr als Erbstück aus Großvaters Zeit. Gegenwärtig kommt sie aber
nicht mehr in Anwendung, weshalb wir von einer nähern Beschreibung
absehen können. Noch häufig sind dagegen Uhren mit _Zylindergang_,
welche deshalb etwas einläßlicher behandelt werden sollen.
[Illustration: Fig. 57.]
Erfunden wurde diese Hemmung von dem Engländer Thomas Thompion
(1637-1713) schon 1695 und später von dessen Landsmann Graham zur
jetzigen Form vervollkommnet. Sie gehört zu den „ruhenden” Hemmungen,
so bezeichnet, weil durch ihre Wirkung das Steigrad völlig stille
steht, während die Unruhe einen Teil ihrer Schwingung vollführt.
Zylinderhemmung heißt sie, weil die Unruhespindel teilweise als
Zylinder gebaut ist, der sich zu einer halbrunden Vertiefung
einbiegt, in welche die Zähne des Steigrades eintreten. Vergl. unsere
vergrößerte Abbildung Fig. 57. Unterhalb der Ausbuchtung, die für den
Zahneingriff bestimmt ist, befindet sich noch ein weiterer Ausschnitt
der Zylinderwand, um den nachfolgenden Zahnarm aufzunehmen. Abbildung
58 zeigt die Spindel im Querschnitt, nebst einem kleinen Teil des
Steigrades. Die Pfeile geben die Bewegungsrichtung von Unruhe und
Steigrad an. Stellung 1 zeigt den größten Ausschlag der Spindel nach
links; weil hier die Lippe ~a~ (Rand der Zylinderhöhlung) den Zahn ~c~
des Steigrades hemmt, so ruht dieses. Im nächsten Moment nun schwingt
die Spindel etwas nach rechts, so daß der Zahn, an ihr vorbeigehend,
einen kleinen Anstoß geben und in die Höhlung eintreten kann. In 3
steht die Unruhe am weitesten nach rechts, das Steigrad steht wieder
still, bei 4 beginnt die Bewegung nach rückwärts, wobei der bei ~b~
austretende Zahn abermals einen kleinen Antrieb erteilt.
[Illustration: Fig. 58.]
Ein Nachteil dieser Hemmung ist die ziemlich beträchtliche Abnützung,
welche bei der jetzt sehr viel ausgeführten _Ankerhemmung_ vermieden
ist. Sie wird verschieden konstruiert, ist aber im Prinzip
überall dieselbe. Unsere Abbildung 59, welche eine sogenannte
Schweizer-Ankerhemmung darstellt, mag die Wirkungsweise klar machen.
[Illustration: Fig. 59.]
Auf der Unruhachse sitzt die Hebescheibe ~d~ (bei feinen Uhren ein
Rubin) mit dem Hebestift ~i~, welcher die Gabel des Ankers ~bc~
antreibt. Zwei seitlich angebrachte Stifte ~v~ und ~w~ regulieren die
Schwingungsweiten des Ankers. Das Ankerrad ~a~ besitzt abgestumpfte
Zähne, welche durch Vermittlung des Ankers die Kraft des Steigrades
auf die Unruhe übertragen. Diese schwingt frei nach erhaltenem Impuls,
während das Steigrad mit einem seiner Zähne am Anker anliegt. Kehrt
die Schwingung um, so bewegt der Hebestift ~i~ die Gabel und hebt den
Anker, wobei das Rad mit einem Zahn abgleitet, während das andere
Ende des Ankers sich festlegt, wodurch das Steigrad wieder zur Ruhe
kommt u. s. w. Weil die Schwingungen der Unruhe hier fast einen ganzen
Umlauf, vor- und rückwärts ausmachen, also wie ein kräftiges Schwungrad
wirken, überwindet eine Ankeruhr auch leichter alle jene kleinen
Störungen, die beim Tragen der Uhr unvermeidlich sind. Vorausgesetzt
allerdings, daß der Anker sehr gut gearbeitet sei, was nicht immer der
Fall ist; dann ist eine Zylinderuhr vorzuziehen.
[Illustration: Fig. 60.]
Hier sei auch noch ein Wort gesagt über die Kompensation bei feinen
Taschenuhren. Die Unruhe ist an zwei gegenüberliegenden Stellen
durchschnitten und besteht wie beim Rostpendel aus zwei verschiedenen
Metallen, welche streifenförmig miteinander verlötet sind. Vergl.
Fig. 60. Ein diametral verlaufender Steg verbindet die beiden Hälften
des Schwungringes der Unruhe. Gewöhnlich wird Messing und Stahl
verwendet. Bildet nun das Metall mit der größeren Wärmeausdehnung die
Außenseite, so dehnt bei steigender Temperatur die Unruhe sich zwar
aus, aber die Lappen krümmen sich nach innen, so daß der Schwerpunkt
der schwingenden Massen dem Mittelpunkte etwas näher rückt; dadurch
werden aber die Schwingungen beschleunigt. Umgekehrt verläuft der
Vorgang bei Temperaturerniedrigung. Die Formänderungen in irgend einem
Sinne gleichen sich also bei richtig gewählten Verhältnissen aus: die
Unruhe ist kompensiert. Gewöhnlich sind am Umfange des Metallreifens
noch kleine Schrauben angebracht, welche die Schwerpunktslage der
beiden Ringhälften regeln. Ihre genaue Einstellung ist eine sehr
langwierige und beschwerliche Arbeit. Aus letzterem ergibt sich auch,
daß bei gewöhnlichen Ankeruhren die Kompensation nur zum Scheine
angebracht ist, da ein so feiner Mechanismus bei dem niedrigen Preise
dieser Uhren sich nicht lohnen würde.