3. Die elektrischen Uhren.

Wie auf vielen andern Gebieten menschlicher Tätigkeit, so hat auch

bei der Zeitmeßkunst die Elektrizität sich sozusagen als Mädchen für

alles angeboten. Diese geheimnisvolle Kraft besitzt allerdings geradezu

ideale Eigenschaften, welche sie für Mitteilung der Zeit hervorragend

befähigen. Da ist zuerst ihre kolossale Geschwindigkeit: rund 300000

~km~ in der Sekunde, so daß sie fast momentan vom Pol zum Aequator

läuft, die leichte Teilbarkeit des elektrischen Stromes, einfache

Installation u. s. w., Gründe genug, diese kostbare Kraft auch in den

Dienst der Zeitmessung zu stellen, was von Tag zu Tag in größerem Maße

geschieht.

Der elektrische Strom wird vorzüglich in dreifacher Weise zur

Mitteilung der Zeit verwendet: im elektrischen Zeigerwerk, also in

den sogenannten „sympathischen” Uhren, wo unmittelbar die Angaben

einer Normaluhr auf beliebig viele Zifferblätter übertragen werden; in

Uhren mit selbständigem Gang, welche von Zeit zu Zeit durch den Strom

gerichtet werden und endlich in der elektrischen Pendeluhr, bei welcher

die Elektrizität als Motor wirkt, d. h. Gewicht oder Feder ersetzt.

So viel bekannt, suchte zuerst der Münchener Ramis (Uhrmacher?) die

Elektrizität als treibende Kraft in der Uhr zu verwenden, indem er

zwischen den Polen einer Zambonischen Säule eine Nadel, die als

Sekundenpendel schwang, mit einem Uhrwerk in Verbindung setzte. Allein

die elektrische Kraft nahm bald ab und die Säule mußte erneuert werden.

[Illustration: Fig. 45.]

Mit besserm Erfolge benützten Steinheil und Wheatstone 1839 den

Elektromagnetismus, um von einer genau gehenden Normaluhr aus, eine

beliebige Anzahl anderer Uhren in übereinstimmendem Gange zu erhalten.

Steinheil ließ durch die Normaluhr alle Minuten oder Sekunden

einen Strom schließen, wodurch der Elektromagnet der abhängigen

Uhr erregt wurde und zwei polarisierte Anker bewegte. Er verwandte

also Wechselstrom. Die Anker, bald angezogen, bald abgestoßen,

wirkten nun ähnlich wie eine Hemmung, indem sie die Zeigerbewegung

hervorbrachten. -- Wheatstones Uhr war im wesentlichen eingerichtet

wie sein Zeigertelegraph. Ein Elektromagnet zieht den Anker an und

treibt dadurch das Zeigerrad um einen Zahn vorwärts. Der Strom wird

alle Sekunden oder Minuten durch das Steigrad der Hauptuhr geschlossen.

Der Franzose Garnier verbesserte dieses System insofern, als er den

Stromschluß nicht direkt durch die Normaluhr bewirken läßt, sondern

durch ein von dieser betriebenes Hilfsräderwerk. Von dieser Art Uhren

haben jene von Breguet, Siemens und Halske, vor allen aber die von Hipp

in Neuenburg weitere Verbreitung gefunden. Fig. 45 und 46 werden die

Wirkungsweise des elektrischen Stromes in einer Uhr resp. Uhrenleitung

leicht klar machen. Der Anker ~a~, Fig. 45, trägt eine Feder ~S~,

welche das Minutenrad ~R~ bei jedem Stromschluß um einen Zahn vorwärts

schiebt. Damit beim Zurückgehen des Ankers das Rad ~R~ nicht wieder,

etwa durch Reibung mitgenommen wird, ist der Sperrhaken ~t~ angebracht;

das Vorwärtsschieben von zwei Zähnen wird durch den Ansatz ~h~

verhindert. Fig. 46 gibt eine schematische Kontaktvorrichtung. ~S~

ist eine auf der Achse des Sekunden- oder Minutenrades angebrachte

isolierende Scheibe, deren Nase den Kontakt bei ~C~ besorgt. ~B~ ist

die Batterie. Das Weitere ergibt sich aus der Abbildung.

[Illustration: Fig. 46.]

Die zweite Art elektrischer Uhren kann hier übergangen werden, da

sie im wesentlichen nur Zeigertelegraphen darstellen. Wie bekannt

faßte Steinheil zuerst diesen Gedanken und führte ihn auch aus.

Verbesserungen erfuhr dieses System außer von Bain und Breguet,

namentlich durch Siemens und Halske.

Als Beispiel einer selbstständigen elektrischen Uhr sei hier die

Hippʼsche etwas einläßlicher beschrieben, da sie wohl die verbreitetste

sein dürfte.

[Illustration: Fig. 47.]

So schön auch der Gedanke ist, den elektrischen Strom zur Zeitmessung

zu verwenden und so zahlreich die an den Uhren in dieser Hinsicht

angebrachten Verbesserungen immer sein mögen, es bleiben doch noch

viele Uebelstände übrig, welche oft so groß sein können, daß der

Nutzen der ganzen Einrichtung in Frage gestellt wird. Hier möge nur

Weniges erwähnt sein. Die Zeitindikatoren werden, wie wir oben gesehen,

durch einen Elektromagneten betätigt, indem dieser einen Anker aus

weichem Eisen anzieht oder losläßt. Gewöhnlich ist nun dieser Anker

sehr nahe beim Magneten, hat also nur wenig Weg; es kann infolge

dessen auch eine leichte Erschütterung der Uhr ein Vorwärtsschieben

des Zeigers veranlassen. Wird ein polarisierter Anker (durch Influenz

magnetisch, oder auch ein permanenter Magnet) angewendet, so können

Induktionsströme höherer Ordnung sich bilden, welche denselben

zweimal bewegen; ebenso kann es vorkommen, daß er in der Mitte stehen

bleibt, wodurch schwere Störungen verursacht werden. Diese und andere

Uebelstände nun hat Hipp in seinen Uhren beseitigt, so namentlich auch

die Funkenbildung bei der Stromöffnung; dadurch wird die Schädigung

der Kontakte bedeutend vermindert. Es kann aber hier auf diese

Einzelheiten nicht näher eingegangen werden.

[Illustration: Fig. 48.]

Die elektrische Uhr von Hipp ist entweder eine Pendeluhr, oder dann ein

elektrischer Regulator; nur die erstere soll hier beschrieben werden.

Unsere Abbildung, Fig. 47 gibt eine Vorderansicht der Hippʼschen

Pendeluhr. Das Pendel hat Federaufhängung und schwingt halbe Sekunden;

es besteht aus einer Stahlstange mit schwerer Linse, unterhalb welcher

der Anker aus weichem Eisen angebracht ist. In unmittelbarer Nähe

befindet sich der zweischenkelige Elektromagnet. Wenn nun das Pendel

schwingt, so nehmen natürlich die Schwingungsweiten bald ab, so daß ein

neuer Anstoß nötig wird. Dieser wird durch eine im richtigen Momente

wirkende Anziehung des Elektromagneten erteilt. Eine eigentümliche

Kontaktvorrichtung setzt den Strom in Tätigkeit. Wie Fig. 48 zeigt,

ist die Pendelstange in der Mitte abgekröpft; diese Abkröpfung trägt

auf einem Messingarm ein Stück glasharten Stahles, welches unter der

sogenannten Palette hin- und herschwingt. Diese, eine feine Schneide

aus Stahl, ist an der Feder ~ac~ (Fig. 49) um eine Achse leicht

beweglich angebracht und gleitet für gewöhnlich über das unter ihr

schwingende, mit feinen, sägezähneartigen Furchen versehene Stahlstück

~d~ hinweg. Der Aufhängepunkt ~e~ der Palette liegt etwas seitlich,

außerhalb der Gleichgewichtslage des Pendels und reguliert so die

kleinste Amplitude, mit der das Pendel schwingen darf. Fallen nun ~e~

und der Umkehrpunkt des Pendels zusammen, so wird Kontakt gemacht und

zwar auf folgende Weise: bewegt sich das Pendel bei der kleinsten

Schwingungsweite z. B. von rechts nach links, so steht die Palette

schief über ~d~ und wird durch das Pendel aufgerichtet. Dadurch wird

aber die Feder ~ac~ nach oben gedrückt, so daß bei ~c^1~ der Strom

geschlossen wird. In diesem Augenblick ist das Pendel noch rechts

vom Elektromagneten, aber ganz nahe; es hat also fast das Maximum

der Bewegungsintensität, nun kommt die Anziehung des Magneten und

vergrößert dadurch die Schwingungsweite. Wenn das Plättchen ~d~ die

Palette wieder verläßt, ist der Strom unterbrochen. Dieses Spiel

wiederholt sich nun so oft, als die Schwingungsweite ihr Minimum

erreicht; sollte irgend einmal der Strom nicht wirken, so wiederholt

sich der Kontakt noch öfters, wodurch eine bedeutende Sicherheit

erreicht wird. Der Stromverbrauch ist sehr gering, da nur etwa alle

halbe Minuten Kontakt stattfindet. Die Uebertragung der Pendelbewegung

auf das Steigrad erfolgt jede Sekunde durch einen Winkelhebel, der vom

Pendel mitgenommen wird.

[Illustration: Fig. 49.]

Soll diese Uhr zugleich als Normaluhr oder Regulator dienen, so ist

an derselben noch ein Stromwender und eine Kontaktvorrichtung für

die Uhrenleitungen angebracht, auf deren nähere Erklärung wir hier

verzichten müssen.

[Illustration: Fig. 50.]

Zum Schlusse dieser kurzen und keineswegs vollständigen Uebersicht

über die elektrischen Uhren möge noch ein System genannt sein,

das erst vor kurzem in den Handel kam und vielleicht eine große

Zukunft hat. Jedermann weiß, wie lästig, oft auch kostspielig die

Instandhaltung einer großen Uhrenbatterie ist. Fast immer liegen auch

die Störungsursachen in der Stromquelle oder im Versagen der Kontakte.

Es ist deshalb als ein sehr erfreulicher Fortschritt anzusehen, daß

es jetzt gelungen ist, elektrische Uhren ohne jede Batterie oder

Akkumulatoren zu betreiben und zwar sowohl Normaluhren als auch

zahlreiche von ihnen abhängige Zeigerwerke. Der Gang dieser Zeitmesser

beruht auf der Magneto-Induktion, d. h. auf der Erzeugung elektrischer

Ströme durch kräftige Drehung eines Eisenankers in einem permanenten

Magnetfelde, wodurch in einem benachbarten stromlosen Leiter, einer

Spule, Stromstöße hervorgerufen werden. Der Gedanke ist zwar längst

bekannt und auf anderem Gebiete ausgeführt worden; auf die Uhren

angewendet aber hat ihn, so viel wir wissen, erst Herr Martin Fischer

aus Zürich; die Werke seines Systems werden von der Aktiengesellschaft

„Magneta” in Zürich erstellt.

[Illustration: Fig. 51.]

Das Prinzip ist im wesentlichen folgendes: an einem Feder- oder

Gewichtsregulator ist ein Magnet-Induktor angebracht, welcher vom

Gehwerk der Uhr alle Minuten ausgelöst wird. Dadurch wird ein zwischen

den Magneten befindlicher Eisenstab gezwungen, eine Viertelsdrehung zu

machen; durch diese plötzliche Bewegung entsteht in der feststehenden,

den Stab umgebenden Spule ein momentaner elektrischer Strom, welchen

die Leitungen auf die Nebenuhren übertragen, wodurch deren Zeiger

gleichzeitig bewegt werden. Jede Batterie fällt so weg, die einzige

Wartung, derer die Uhr bedarf, ist das Aufziehen des Regulators.

Soll sie gerichtet werden, so kann dies durch beliebige Bewegung

des Zeigers geschehen. -- Die Dauer der Magnete wird vom Erfinder

auf 10 bis 20 Jahre berechnet. In dieser Einfachheit stellt das

Magneta-System wohl das billigste vor, was bis jetzt auf dem Gebiete

der elektrischen Uhren geleistet wurde. Es bleibt nur noch abzuwarten,

ob diese geistreiche Einrichtung sich bewährt. Eingehende Prüfungen

ergaben ein gutes Resultat und lassen hoffen, daß das System sich

bald in weiterem Umfange einbürgern werde. Es sei noch bemerkt, daß

jeder Sekundär-Uhr bis 25 Ohm Widerstand vorgeschaltet werden konnten,

ohne ihren regelmäßigen Gang zu beeinflussen. Dieser Widerstand würde

einer Doppelleitung von 2 bis 3 Kilometer Länge und etwa 2 Millimeter

Dicke entsprechen, so daß die Verwendbarkeit des Systems auch in sehr

ausgedehnten Gebäude-Komplexen gesichert ist (Fig. 50 und 51).

Weil die Elektrizität überall, wo sie in den Dienst des Menschen

gestellt wird, sich als mehr und mehr brauchbar und wertvoll bewährt

hat, so dürfen wir wohl auch auf dem Gebiete der Zeitmessung gerade von

dieser Kraft noch viele Ueberraschungen und ungeahnte Erfolge in der

Zukunft erwarten.

An Stelle des Gewichtes oder des elektrischen Stromes wurde auch

schon der Luftdruck verwendet; dies geschieht bei den sogenannten

_pneumatischen Uhren_. Als Erfinder gilt der Wiener Ingenieur

Mayrhofer, welcher 1875 und 1876 sein System bekannt machte. Gepreßte

Luft, welche auf der Zentralstation in einem Behälter sich befindet,

wird durch Röhrenleitungen zu den abhängigen Uhren geführt. Hinter dem

Hauptbehälter ist ein Abschlußventil angebracht, das den Zutritt der

Luft zu den einzelnen Uhren verhindert. Das Oeffnen dieses Ventils

wird nun durch die Normaluhr alle Sekunden oder Minuten besorgt. Die

Luft strömt unter Druck und mit großer Geschwindigkeit zunächst in

einen kleinen Behälter, der als Balg ausgebildet und nahe dem Uhrwerk

angebracht ist: Fig. 52. Der obere Boden dieses Balges trägt einen

leichten Hebel, welcher beim Aufwärtsgehen das Steigrad um einen Zahn

vorwärts schiebt. Eine Klinke verhindert das Zurücknehmen des Rades.

Das Zeigerwerk ist ganz gleich wie bei den elektrischen Uhren. Sobald

die Arbeit geleistet ist, wird bei der Hauptstation ein zweites Ventil

geöffnet, welches der Preßluft in den einzelnen Leitungen den Austritt

in die äußere Atmosphäre gestattet. Dadurch sinkt natürlich der Balg

und mit ihm der Hebel; der Betriebsmechanismus ist sofort zu weiterer

Funktion bereit. Wahrscheinlich bieten sich hier aber Mißstände, welche

nur schwer zu beseitigen sind, z. B. schädlicher Einfluß der feuchten

Atmosphäre auf das Balgmaterial u. s. w. und es scheint, daß der

elektrische Strom über den pneumatischen Meister geworden, wenigstens

verlautet nichts über häufigere Anwendung oder weitere Fortschritte auf

dem Gebiete der pneumatischen Uhren. Möglich, daß auch hier das Bessere

wieder einmal der Feind des Guten geworden ist.

[Illustration: Fig. 52.]

Die Uhren: Ein Abriß der Geschichte der Zeitmessung · 第 17 / 25 题