2. Die Kompensation.

Die Wärme dehnt alle Materialien, welche für Pendel in Frage kommen,

aus und zwar so, daß ein Pendel aus Stahl oder aus Eisen bei

einer Temperaturerhöhung von 1° C täglich etwa eine halbe Sekunde

zurückbleibt; dies gilt für lange und kurze Pendel. Man sucht nun

diesem Uebelstande dadurch abzuhelfen, daß Materialien verschiedener

Ausdehnung genommen werden, so daß die Ausdehnungen sich gegenseitig

möglichst ausgleichen, daß also der Schwingungsmittelpunkt des

Pendels in annähernd gleichem Abstande vom Aufhängepunkt bleibt.

Als kompensierendes Element verwendet man in der Regel Messing,

Zink oder Quecksilber. Das bekannte Rostpendel (an den billigen

„Regulatoren” übrigens oft nur zum Schein angebracht) zeigt Stäbe

von verschiedenem Material, aber von gleicher Form und gleichem

Volumen; die Temperaturänderungen übertragen sich ziemlich gleich

schnell auf alle Teile, allein durch die Querverbindungen der Stäbe

entsteht Reibung, welche eine ruckweise Ausdehnung bewirkt, wodurch

die Kompensation vielfach wieder vereitelt wird. Ursprünglich, als

man bloß Eisen und Stahl verwendete, mußten bis neun Stäbe genommen

werden, da der Unterschied in der Ausdehnung hier nur gering ist.

Nimmt man jedoch Zink, so genügen fünf. Fig. 42 stellt ein Rostpendel

dar. Die beiden inneren, die Pendelstange umgebenden Zinkstäbe dehnen

sich bei zunehmender Temperatur nach oben aus, suchen also das Pendel

zu verkürzen; diese Verkürzung wird aber wieder ausgeglichen durch

die zwei äußeren Stäbe und die innere Stange, welche sich nach unten

ausdehnen. Theoretisch tritt folglich keine Aenderung der Pendellänge

ein.

[Illustration: Fig. 42.]

Das beste Material für Wärmeausgleich ist aber Quecksilber; es

besitzt einen großen Ausdehnungskoeffizienten, ein bedeutendes

spezifisches Gewicht und keinerlei Reibung beim Ausdehnen. Deshalb

wurde es auch bereits von Graham angewendet. In der gewöhnlichen

Form ist ein Quecksilberpendel folgendermaßen eingerichtet: ein

zylindrisches Glasgefäß (zuweilen auch zwei), teilweise mit Quecksilber

gefüllt, ist am unteren Ende der eisernen Pendelstange befestigt.

Diese kann sich nach unten, das Quecksilber nach oben ausdehnen;

man bestimmt die Menge des letzteren so, daß der Schwingungspunkt

des Pendels bei jeder Temperatur in der gleichen Lage bleibt.

Theoretisch ist das nun ganz schön, allein in Wirklichkeit ergeben

sich Schwierigkeiten, welche den Wärmeausgleich sofort wieder ungenau

machen. Um nur einiges zu erwähnen, nimmt selbstredend die dünne

Pendelstange Temperaturänderungen leichter an als die beträchtliche

Quecksilbermasse; dann ist die Höhe der Quecksilbersäule, verglichen

mit der Pendellänge, gering, so daß Temperaturunterschiede in

verschiedener Höhenlage nicht kompensiert werden. Endlich ist auch

die Form des Quecksilbergefäßes ziemlich ungeeignet, die Luft mit dem

möglichst geringen Widerstande zu durchschneiden; dieser letztere

ungünstige Umstand wird noch mehr ins Gewicht fallen, wenn das

Quecksilber auf zwei Gefäße verteilt wird.

Von ähnlichen Erwägungen ausgehend, hat Herr S. Riefler eine

Quecksilberkompensation konstruiert, welche die eben genannten

Fehlerquellen möglichst vermeidet und im Wesentlichen wie folgt

eingerichtet ist (Fig. 43). Die Pendelstange ist ein Mannesmannrohr

von 1 ~mm~ Wandstärke und 16 ~mm~ Weite, das auf zwei Drittel der

Länge mit Quecksilber gefüllt ist (einen ähnlichen Gedanken hatte

schon Graham); die Linse ist im Verhältnis zum Gewichte des ganzen

Pendels sehr schwer. Während nun die Grahamkompensation dadurch richtig

eingestellt wird, daß man Quecksilber ein- oder weggießt, bleibt beim

Riefler-Pendel die Höhe desselben immer gleich; es wird die Korrektur

der Kompensation durch Hinwegnahme (wenn zu wenig kompensiert wird)

oder durch Hinzufügen von Ersatzscheiben, also durch Aenderungen der

Pendelmasse bewerkstelligt. Der Ausdehnungskoëffizient des Stahlrohres

wird durch höchst sorgfältige Messungen bestimmt, so daß schließlich

die Genauigkeit eine ganz außerordentliche wird; schwankt sie doch

nach den Angaben ~Dr.~ Rieflers pro Tag und ± Celsiusgrad nicht

mehr als 5/1000 Sekunden! Zum Zwecke ganz feiner Regulierung werden

noch Zulagegewichte beigegeben, welche in einen an der Pendelstange

angebrachten Becher zu legen sind und dem Pendel innerhalb 24 Stunden

eine Beschleunigung geben, die auf den Gewichten selbst vermerkt ist.

[Illustration: Fig. 43.]

Herr Riefler hat das Kompensationspendel auch noch in einer 2. Form

hergestellt, als sogenanntes „Nickel-Stahl-Kompensationspendel”.[81]

Herr ~Dr.~ E. Guillaume, Mitglied des Direktoriums des internationalen

Bureaus für Maß und Gewicht zu St. Cloud bei Paris fand nämlich, daß

eine Legierung von 37,7 Prozent Nickel und 64,3 Prozent Stahl einen

außerordentlich geringen Ausdehnungskoëffizienten habe, etwa ein

1/12 von demjenigen des Stahles, 1/18 von Messing und bloß 1/23 von

Aluminium. Es lag nun der Gedanke nahe, und einläßliche Untersuchungen

Rieflers bestätigten ihn, daß diese Legierung, „Invar” genannt, sich

für Pendel sehr gut eignen möchte.

[Illustration: Fig. 44.]

Das von der Firma Riefler konstruierte Nickelstahlpendel, (~D. R. P.~

No. 100870) Fig. 44, besteht aus dem massiven Nickelstab ~S~, der

Linse ~L~, sowie den zwei Kompensationsröhren ~C~ und ~C′~ und den

Reguliermuttern ~M~ und ~M′~. Bei den Sekundenpendeln ist das Rohr ~C~

aus Messing, ~C′~ aus Stahl, beide sind etwa 10 ~cm~ lang. Die Dicke

des Pendelstabes beträgt für astronomische Uhren 14 ~mm~, für billigere

Uhren 10 ~mm~. Auch hier ist der Wärmeausgleich noch ein vorzüglicher:

pro Tag und Grad C beträgt der Unterschied bloß ± 0,02 Sekunden.

Die letztgenannte Konstruktion hat vor dem Quecksilberpendel den Vorzug

größerer Billigkeit bei fast gleicher Genauigkeit. Sie wird bereits

an vielen Uhren angebracht und zwar in 4 Ausführungen: Als Halb- und

Ganzsekundenpendel, ferner in einer Länge, die 80 und 90 Schwingungen

entspricht.

Herr Riefler hat auch eine genaue Berechnung der Kompensation

ausgeführt, welche wohl für lange Zeit genügen mag. Früher wurde

nämlich angenommen, daß sich die Linse ebensoviel heben müsse, als sich

die Stange verlängert hat; es ist dies aber deswegen ungenau, weil bei

einer Verlängerung der Pendelstange auch der Schwerpunkt sich senkt.

Genau muß nämlich die Länge des mathematischen Pendels konstant bleiben.

Die Uhren: Ein Abriß der Geschichte der Zeitmessung · 第 16 / 25 题