Die folgenden Wochen waren ausgefüllt mit Verhandlungen mit unseren
Verbündeten über die Grundlinien der bei einer Friedensbesprechung zu
erstrebenden Ziele, über die Art des gemeinschaftlichen Vorgehens, über
den Text der über unsere Friedensbereitschaft zu erlassenden Kundmachung
oder der an die Alliierten zu übergebenden Note.
In der Zwischenzeit antwortete der Reichskanzler im Hauptausschuß
des Reichstags am 9. November 1916 auf die Rede Greys. Er widerlegte
Greys Darstellung der Schuldfrage und stellte sich mit viel bemerktem
Nachdruck auf den Boden des Völkerbundes und der Schiedsgerichte.
Von dem geplanten Vorschlag zu Friedensverhandlungen sprach er noch
nicht. Mit unseren Verbündeten hatte man sich dahin geeinigt, daß der
Friedensschritt unternommen werden sollte, sobald durch den in kurzem zu
erwartenden Fall von Bukarest die Abwendung der rumänischen Gefahr für
jedermann offenkundig geworden sei.
Daß irgendwelche Rücksichten auf den Präsidenten Wilson ein Hindernis
für einen unmittelbaren Friedensschritt sein könnten, ist mir
gegenüber in den vielfachen Besprechungen, die in dieser Angelegenheit
stattfanden, von keinem der Herren, die an der Sondierung Wilsons
beteiligt waren, jemals erwähnt worden. Bisher war auf die schon
Anfang Mai von Herrn von Bethmann gegenüber Herrn Gerard gemachte
Andeutung keinerlei Antwort erfolgt. Das Anfang September an den
Grafen Bernstorff gerichtete Telegramm hatte diesen auch nicht etwa
beauftragt, bei Herrn Wilson oder der amerikanischen Regierung
irgendeinen Schritt zu unternehmen, der die deutsche Regierung in ihrer
eigenen Bewegungsfreiheit hätte binden können, sondern ihn nur um
eine persönliche Meinungsäußerung über Wilsons Geneigtheit zu einem
Friedensschritt ersucht. Die Möglichkeit, daß Wilson nach seiner am 6.
November 1916 erfolgten Neuwahl zum Präsidenten irgend etwas zugunsten
des Friedens tun werde, konnte uns, solange mit uns keine Vereinbarungen
darüber getroffen oder uns nicht wenigstens die bestimmte Absicht
eines Vorgehens mitgeteilt war, nicht das Recht der eigenen Initiative
beschränken noch uns der Verpflichtung überheben, nach anderen Wegen,
die zum Frieden führen konnten, Ausschau zu halten und einen uns
geeignet erscheinenden Zeitpunkt unsererseits für eine Friedensaktion zu
benutzen.
In der Tat geht aus der oben wiedergegebenen Stelle des Gerardschen
Buches hervor, daß Herr Wilson am 4. Dezember, also vier Wochen nach
seiner Wiederwahl, jedenfalls noch keinen bestimmten Schritt zugunsten
des Friedens ins Auge gefaßt hatte und sich seinerseits uns gegenüber in
der Friedensfrage in keiner Weise gebunden fühlte.
Ich erwähne dies ausdrücklich, weil späterhin bei uns in Deutschland
behauptet worden ist, die deutsche Politik habe dem Präsidenten Wilson
gegenüber ein doppeltes Spiel gespielt, indem sie ihn zuerst um eine
Friedensvermittlung ersucht habe, und dann, nachdem Herr Wilson sich
hierzu bereitgefunden, mit einer eigenen Aktion vorgegangen sei.
Persönlich erschien es mir für die deutsche Regierung durchaus
erwünscht, die Initiative zum Frieden in der eigenen Hand zu behalten;
denn ich konnte das Unbehagen gegenüber dem Gedanken einer Führung
Wilsons in den Friedensangelegenheiten nicht überwinden. Außerdem
konnte ich mir, so wenig es mir lag, im Strom der öffentlichen Meinung
zu schwimmen, nicht verhehlen, daß die Stimmung in Heer und Volk gegen
Amerika ein immer ernstlicheres Hindernis für eine amerikanische
Friedensaktion geworden war. Es kam schließlich doch auch darauf an,
daß der erste Schritt zum Frieden vom eigenen Volk möglichst einmütig
unterstützt und nicht von vornherein aus Gefühlen heraus, deren
Berechtigung nicht abzustreiten war, einer starken Anfeindung ausgesetzt
wurde. Die Tatsache, daß Amerikas Verhalten gegenüber dem deutschen
Volke in dem Kampf um sein Dasein nur eine formelle Neutralität, in der
Sache aber eine starke Begünstigung unserer Gegner war, lag klar vor
jedermanns Augen. Wilson war uns bei der Ausnutzung unserer U-Bootwaffe
gegen England in den Weg getreten. Das war sein formelles Recht; aber
die Ausübung dieses Rechtes uns gegenüber involvierte zum mindesten die
moralische Verpflichtung, auch England gegenüber mit gleich scharfen
Mitteln auf der strengen Beobachtung des Völkerrechtes zu bestehen. Seit
länger als sechs Monaten hatten wir in der U-Bootfrage nachgegeben; aber
die amerikanische Regierung hatte noch keinerlei Anstalten gemacht,
nun auch England auf den Boden des Völkerrechtes zurückzuführen. Die
Erbitterung bei uns wurde gesteigert durch immerzu wachsende Mengen
von Kriegsgerät und Munition, die Amerika der Entente lieferte. Die
Gerechtigkeit, die Herr Wilson noch im Februar 1914 dem Mexikaner
Carranza hatte zuteil werden lassen, indem er angesichts der materiellen
Unmöglichkeit der Waffenlieferung an den von der Küste abgeschnittenen
Carranza auch die Waffenlieferung an dessen Gegner Huerta verbot,
enthielt er Deutschland und seinen Verbündeten vor. Die völkerrechtliche
Sophistik, mit der die Regierung der Vereinigten Staaten diese
»Papierneutralität« begründete, wollte unserem Volke nicht in den Kopf.
Zumal der Feldgraue, den amerikanische Geschosse überschütteten, sah
nur die gewaltige Unterstützung, die Amerika einseitig unseren Feinden
gewährte.
Am 6. Dezember 1916 fiel Bukarest. Damit war der Zeitpunkt für die
Friedensaktion gekommen.
Am 12. Dezember übergab der Reichskanzler den Vertretern der neutralen
Mächte, die den Schutz unserer Interessen in den uns feindlichen Staaten
übernommen hatten, eine Note mit dem Ersuchen um Übermittlung an die mit
uns im Kriege liegenden Staaten. Das gleiche geschah um dieselbe Zeit in
Wien, Konstantinopel und Sofia. Dem Reichstag machte der Reichskanzler,
nachdem tags zuvor die Parteiführer verständigt worden waren, alsbald
Mitteilung von dem vollzogenen Schritt. Nach einem kurzen und wirksamen
Überblick über die Lage führte er aus:
»Nach der Verfassung lag am 1. August 1914 auf Seiner Majestät dem
Kaiser persönlich der schwerste Entschluß, den je ein Deutscher zu
fassen gehabt hat, der Befehl der Mobilmachung, der ihm durch die
russische Mobilmachung abgerungen wurde. Während der langen und
schweren Kriegsjahre bewegte den Kaiser der einzige Gedanke, wie einem
festgesicherten Deutschland nach siegreich gefochtenem Kampfe wieder
der Friede bereitet werde. Niemand kann das besser bezeugen als ich,
der ich die Verantwortung für alle Regierungshandlungen trage. Im
tiefsten sittlichen und religiösen Pflichtgefühl gegen sein Volk und
darüber hinaus gegen die Menschheit hält der Kaiser jetzt den Zeitpunkt
für eine offizielle Friedensaktion für gekommen. Seine Majestät hat
deshalb in vollem Einvernehmen und in Gemeinschaft mit seinen hohen
Verbündeten den Entschluß gefaßt, den feindlichen Mächten den Eintritt
in Friedensverhandlungen vorzuschlagen.«
Der Kanzler verlas nunmehr die Note, die angesichts ihrer Bedeutung für
die Friedensfrage hier im vollen Wortlaut Platz finden möge:
»Der furchtbarste Krieg, den je die Geschichte gesehen hat, wütet
bald seit zwei und einem halben Jahre in einem großen Teil der Welt.
Diese Katastrophe, die das Band einer gemeinsamen, tausendjährigen
Zivilisation nicht hat aufhalten können, trifft die Menschheit in
ihren wertvollsten Errungenschaften. Sie droht, den geistigen
und materiellen Fortschritt, der den Stolz Europas zu Beginn des
zwanzigsten Jahrhunderts bildete, in Trümmer zu legen.
»Deutschland und seine Verbündeten, Österreich-Ungarn, Bulgarien
und die Türkei, haben in diesem Kampfe ihre unüberwindliche Kraft
erwiesen. Sie haben über ihre an Zahl und Kriegsmaterial überlegenen
Gegner gewaltige Erfolge errungen. Unerschütterlich halten ihre
Linien den immer wiederholten Angriffen der Heere ihrer Feinde
stand. Der jüngste Ansturm im Balkan ist schnell und siegreich
niedergeworfen worden; die letzten Ereignisse beweisen, daß auch
eine weitere Fortdauer des Krieges ihre Widerstandskraft nicht zu
brechen vermag, daß vielmehr die gesamte Lage zur Erwartung weiterer
Erfolge berechtigt.
»Zur Verteidigung ihres Daseins und ihrer nationalen
Entwicklungsfreiheit wurden die vier verbündeten Mächte gezwungen,
zu den Waffen zu greifen. Auch die Ruhmestaten ihrer Heere
haben daran nichts geändert. Stets haben sie an der Überzeugung
festgehalten, daß ihre eigenen Rechte und begründeten Ansprüche in
keinem Widerspruch zu den Rechten der anderen Nationen stehen. Sie
gehen nicht darauf aus, ihre Gegner zu zerschmettern oder gar zu
vernichten.
»Getragen von dem Bewußtsein ihrer militärischen und
wirtschaftlichen Kraft und bereit, den ihnen aufgezwungenen Kampf
nötigenfalls bis zum äußersten fortzusetzen, zugleich aber von dem
Wunsch beseelt, weiteres Blutvergießen zu verhüten und den Greueln
des Krieges ein Ende zu machen, schlagen die vier verbündeten Mächte
vor, alsbald in Friedensverhandlungen einzutreten. Die Vorschläge,
die sie zu diesen Verhandlungen mitbringen werden und die darauf
gerichtet sind, Dasein, Ehre und Entwicklungsfreiheit ihrer Völker
zu sichern, bilden nach ihrer Überzeugung eine geeignete Grundlage
für die Herstellung eines dauerhaften Friedens.
»Wenn trotz dieses Anerbietens zu Frieden und Versöhnung der Kampf
fortdauern sollte, so sind die vier verbündeten Mächte entschlossen,
ihn bis zum siegreichen Ende zu führen. Sie lehnen aber feierlich
jede Verantwortung dafür vor der Menschheit und der Geschichte ab.«
Am gleichen Tage wurde ein Kaiserlicher Armeebefehl erlassen, der
lautete:
»Soldaten! In dem Gefühl des Sieges, den Ihr durch Eure Tapferkeit
errungen habt, haben Ich und die Herrscher der treu verbündeten
Staaten dem Feinde ein Friedensangebot gemacht. Ob das damit
verbundene Ziel erreicht wird, bleibt dahingestellt. Ihr habt
weiterhin mit Gottes Hilfe dem Feind standzuhalten und ihn zu
schlagen.«
Die Aufnahme, die der Friedensvorschlag in Deutschland fand, war nicht
einheitlich zustimmend. In den konservativen und überwiegend auch in
den nationalliberalen Kreisen fürchtete man, der Vorschlag könne im
Ausland als Schwächezeichen ausgelegt werden und die Wirkung unserer
Siege in Rumänien beeinträchtigen. In den Kreisen derjenigen, die an
sich den Friedensvorschlag als einen ernsthaften Versuch, Deutschland
und die Welt von dem Elend des Krieges zu befreien, aufrichtig
willkommen hießen, bemängelte man vielfach, daß in dem Vorschlag unsere
konkreten Friedensbedingungen nicht aufgezählt waren.
Beide Ausstellungen halte ich auch heute noch für unberechtigt.
Es handelte sich darum, entweder zum Frieden zu kommen, oder vor der
ganzen Welt, sowohl vor dem eigenen Volke, wie vor den Völkern der
Neutralen und unserer Feinde die Verantwortlichkeit für die Fortdauer
des Krieges festzustellen. Wenn der Krieg weitergehen sollte, dann
brauchte vor allem unser eigenes Volk angesichts des ungeheueren auf ihm
lastenden Druckes eine moralische Rückenstärkung in dem Bewußtsein, daß
es nicht an uns lag, wenn Friedensverhandlungen nicht zustandekamen. Die
Gefahr, daß unsere Feinde unser Angebot als Schwäche auffassen könnten,
durfte demgegenüber nicht den Ausschlag geben; durch die Wahl des
Zeitpunktes war zudem dieser Gefahr nach Möglichkeit vorgebeugt worden.
Eine öffentliche Enthüllung unserer einzelnen Friedensbedingungen
wäre, solange die grundsätzliche Bereitwilligkeit unserer Feinde,
mit uns über einen Ehre, Dasein und Entwicklungsfreiheit unseres
Volkes wahrenden Frieden zu sprechen, nicht vorlag, das Gegenteil von
Zweckmäßigkeit gewesen. Wir hätten uns ganz einseitig festgelegt, uns
dadurch gegenüber unseren Gegnern stark in Nachteil gesetzt und jede
Verhandlung über die einmal öffentlich genannten Punkte außerordentlich
erschwert. Es ist leicht, über die »Geheimdiplomatie« zu schelten. Aber
solange die menschliche Natur sich nicht von Grund aus geändert hat,
wird der Zweck einer jeden Verhandlung, nämlich die Verständigung, in
vertraulichen Beratungen stets leichter zu erreichen sein, als wenn der
Ringkampf der Verhändler sich vor den Augen der Öffentlichkeit abspielt.
Wenn unsere Feinde überhaupt Neigung hatten, mit uns über einen Frieden
zu sprechen, so mußte es ihnen genügen, daß unsere Friedensnote klar
aussprach: Der Krieg ist für uns ein Verteidigungskrieg geblieben;
für uns kommt es darauf an, Ehre, Dasein und Entwicklungsfreiheit
unserer Völker zu sichern; unsere Rechte und Ansprüche stehen in keinem
Widerspruch zu den Rechten der anderen Nationen.
Aber die Neigung, mit uns über den Frieden zu sprechen, bestand bei
unseren Feinden nicht. Die Ziele, die sie verfolgten und unbeachtet
aller Opfer und Rückschläge zäh im Auge behielten, waren mit der
Verteidigung unseres Besitzstandes, mit der Wahrung unserer Ehre,
unseres Daseins und unserer Entwicklungsfreiheit nicht vereinbar. Ihre
Regierungen fürchteten, durch jede Einleitung eines Friedensgesprächs
den auf unsere Niederwerfung gerichteten Kriegswillen zu schwächen,
und deshalb hatten sie es ungemein eilig, unseren Vorschlag schroff
zurückzuweisen.
Schon am Tage nach unserem Friedensvorschlag, am 13. Dezember 1916
erklärte der französische Ministerpräsident Briand unsere Aufforderung
zu Friedensverhandlungen für ein Manöver, um unter den Alliierten
Uneinigkeit zu säen, die Gewissen zu verwirren und die Völker zu
demoralisieren. Am 16. Dezember wies der neue russische Minister des
Auswärtigen, Herr Pokrowsky, den Friedensvorschlag der Mittelmächte
»mit Entrüstung« ab und stellte ihm das Ziel gegenüber, »das uns allen
am Herzen liegt: die Vernichtung des Feindes;« alle die unzähligen
Opfer würden umsonst gebracht sein, wenn man mit einem Feind, dessen
Kräfte zwar geschwächt, aber nicht gebrochen seien, einen »vorzeitigen
Frieden« schließe. Am 18. Dezember beschwor der italienische Minister
des Auswärtigen, Herr Sonnino, die Kammer, nichts zu beschließen, was
die Vermutung zuließe, daß Italien in der Aufnahme des von Deutschland
gemachten »hinterlistigen Schrittes« eine von seinen Verbündeten
verschiedene Haltung einnehmen könnte. Am Tage darauf sprach Lloyd
George, der inzwischen Herrn Asquith als Ministerpräsident ersetzt
hatte, in der gewohnten Weise über den preußischen Militärdespotismus
und verlangte als Voraussetzung für irgendwelche Friedensgespräche
von Deutschland »vollständige Wiederherstellung, volle Genugtuung und
wirksame Garantien«.
Nun erschien auch der Präsident Wilson auf dem Plan.
Am 21. Dezember 1916 übergab der amerikanische Botschaftsrat in Berlin
dem Staatssekretär Zimmermann eine Note, die gleichlautend auch den
übrigen kriegführenden Staaten zugestellt wurde.
Die Note enthielt eine Friedensanregung. Der Präsident der Vereinigten
Staaten schlug vor, »daß baldigst Gelegenheit genommen werde, von allen
jetzt kriegführenden Staaten ihre Ansichten über ihre Bedingungen zu
erfahren, unter denen der Krieg zum Abschluß gebracht werden könnte
und über die Vorkehrungen, die gegen die Wiederholung des Krieges
oder die Entfachung irgendeines ähnlichen Konfliktes in der Zukunft
zufriedenstellende Bürgschaft leisten könnten, so daß sich die
Möglichkeit biete, sie offen zu vergleichen. Dem Präsidenten, so fuhr
die Note fort, ist die Wahl der zur Erreichung dieses Zieles geeigneten
Mittel gleich. Er ist gern bereit, zur Erreichung dieses Zweckes in
jeder annehmbaren Weise seinerseits dienlich zu sein oder sogar die
Initiative zu ergreifen; er wünscht jedoch nicht, die Art und Weise
und die Mittel zu bestimmen. Jeder Weg wird ihm genehm sein, wenn nur
das große Ziel, das er im Auge hat, erreicht wird.« Die Note wies
dann darauf hin, daß die allgemeinen Ziele der beiden kriegführenden
Parteien nach den von ihren Staatsmännern abgegebenen Erklärungen dem
Wesen nach die gleichen seien. Das Interesse der Vereinigten Staaten
an den künftigen Maßnahmen zum Schutz des Völkerfriedens sei ebenso
groß, wie das irgendeines anderen Volkes. Das amerikanische Volk und
seine Regierung sehnten sich danach, bei der Erreichung dieses Zieles
mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln mitzuwirken. Aber erst
müsse der Krieg beendet sein. Die konkreten Ziele, für die der Krieg
geführt werde, seien niemals endgültig festgestellt worden. Der Welt
bleibe es überlassen zu vermuten, »welche endgültigen Ergebnisse,
welcher tatsächliche Austausch von Garantien, welche politischen oder
territorialen Veränderungen oder Verschiebungen, ja selbst welches
Stadium des militärischen Erfolges den Krieg zu Ende bringen würde«.
Der Präsident schlage keinen Frieden vor, er biete nicht einmal seine
Vermittlung an; er rege nur an, »daß man sondiere, damit die Neutralen
und die kriegführenden Staaten erfahren, wie nahe wohl das Ziel des
Friedens sein mag, nach dem die ganze Menschheit mit heißem und
wachsendem Begehren sich sehnt«.
Dies war der sachliche Kern des Wilsonschen Friedensschritts.
An der Einkleidung dieses Kerns war bemerkenswert einmal die wiederholte
starke Betonung des Interesses der Vereinigten Staaten an der baldigen
Beendigung des Krieges, das sich schon daraus ergebe, »daß sie
offenkundig genötigt wären, Bestimmungen über den bestmöglichen Schutz
ihrer Interessen zu treffen, falls der Krieg fortdauern sollte«;
ferner eine Bemerkung über das Verhältnis der Wilsonschen Anregung zu
dem Friedensschritt der Zentralmächte. Der Präsident, so führte die
Note aus, habe sich schon lange mit dem Gedanken seines Vorschlages
getragen. Er mache ihn jetzt nicht ohne eine gewisse Verlegenheit, weil
es den Anschein haben könnte, als sei er angeregt von dem Wunsch, im
Zusammenhang mit dem jüngsten Vorschlag der Zentralmächte eine Rolle
zu spielen. Tatsächlich sei der Gedanke des Präsidenten in keiner
Weise auf diesen Vorschlag zurückzuführen, und der Präsident hätte
mit seinem Vorschlage gewartet, bis der Vorschlag der Zentralmächte
beantwortet worden wäre, wenn seine Anregung nicht auch die Frage des
Friedens beträfe, die am besten mit anderen dahingehenden Vorschlägen
erörtert werde. Der Präsident stellte also die Unabhängigkeit seiner
Anregung von dem Vorschlag der Zentralmächte fest, empfahl aber eine
gemeinschaftliche Erörterung.
In der Sache kam die Anregung des Präsidenten Wilson auf das gleiche
Ziel hinaus, das den Mittelmächten bei ihrem Friedensschritt
vorgeschwebt hatte: ein gegenseitiger Austausch der konkreten
Friedensbedingungen. Dieser Austausch mußte, wenn eine einseitige
Festlegung des einen oder anderen Teiles vermieden werden sollte,
Zug um Zug erfolgen, nach der Ansicht der Mittelmächte am besten
in der elastischeren Form eines unmittelbaren und persönlichen
Gedankenaustausches der kriegführenden Mächte.
Dem entsprach die Antwort, die wenige Tage nach Überreichung der
amerikanischen Note von den Mittelmächten erteilt wurde. Die deutsche
Antwort vom 26. Dezember 1916, die derjenigen unserer Verbündeten
inhaltlich entsprach, lautete wie folgt:
»Die Kaiserliche Regierung hat die hochherzige Anregung des Herrn
Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Grundlagen für
die Herstellung eines dauernden Friedens zu schaffen, in dem
freundschaftlichen Geiste aufgenommen und erwogen, der in der Mitteilung
des Herrn Präsidenten zum Ausdruck kommt. Der Herr Präsident zeigt das
Ziel, das ihm am Herzen liegt, und läßt die Wahl des Weges offen. Der
Kaiserlichen Regierung erscheint ein unmittelbarer Gedankenaustausch
als der geeignetste Weg, um zu dem gewünschten Ergebnis zu gelangen.
Sie beehrt sich daher, im Sinne ihrer Erklärung vom 12. d. M., die
zu Friedensverhandlungen die Hand bot, den alsbaldigen Zusammentritt
von Delegierten der kriegführenden Staaten an einem neutralen Orte
vorzuschlagen. Auch die Kaiserliche Regierung ist der Ansicht, daß das
große Werk der Verhütung künftiger Kriege erst nach Beendigung des
gegenwärtigen Völkerringens in Angriff genommen werden kann. Sie wird,
wenn dieser Zeitpunkt gekommen ist, mit Freuden bereit sein, zusammen
mit den Vereinigten Staaten von Amerika an dieser erhabenen Aufgabe
mitzuarbeiten.«
Auch durch Wilsons Friedensanregung ließen sich die alliierten
Regierungen in ihrem Willen, Friedensgespräche zurückzuweisen und den
Krieg fortzusetzen, in keiner Weise beeinträchtigen; nur eine kurze
Verzögerung in der von Herrn Briand voreilig für den 20. Dezember
angekündigten Antwort der Entente auf unseren Friedensvorschlag ist
wohl durch den in London und Paris schon am 19. Dezember bekannt
gewordenen Friedensschritt Wilsons herbeigeführt worden. Aber in dem
Inhalt der Ententeantwort, die am 30. Dezember von Herrn Briand dem
amerikanischen Botschafter in Paris zur Weitergabe an die Zentralmächte
überreicht worden ist, hat Wilsons Eingreifen nichts geändert: schroffer
und höhnischer abweisend konnte keine Antwort lauten. In tendenziöser
Darstellung versuchte sie wieder einmal den Nachweis, daß der »Krieg
gewollt, hervorgerufen und verwirklicht worden sei durch Deutschland
und Österreich-Ungarn«. Nachdem Deutschland seine Verpflichtungen
verletzt habe, könne der von ihm gebrochene Friede nicht auf sein Wort
gegründet werden. Eine Anregung ohne Bedingungen für die Eröffnung der
Verhandlungen sei kein Friedensangebot. Die durch die Kriegserklärung
Deutschlands verursachten Verwüstungen, die zahlreichen Attentate, die
Deutschland und seine Verbündeten gegen die Kriegführenden und gegen
die Neutralen verübt hätten, verlangten Sühne, Wiedergutmachung und
Bürgschaften. Deutschland weiche listig dem einen wie dem anderen aus.
Der durch die Zentralmächte gemachte Vorschlag sei in Wirklichkeit
nichts als ein Kriegsmanöver, das einen deutschen Frieden aufnötigen
solle und beabsichtige, die öffentliche Meinung in den alliierten
Ländern zu verwirren. »In voller Erkenntnis der Schwere, aber auch
der Notwendigkeiten der Stunde lehnen es die alliierten Regierungen,
die unter sich eng verbunden und in voller Übereinstimmung mit ihren
Völkern sind, ab, sich mit einem Vorschlag ohne Aufrichtigkeit und ohne
Bedeutung zu befassen.«
Da diese Antwort, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrigließ,
mehr als eine Woche nach dem Friedensschritt des Präsidenten Wilson
erfolgte, mußte nicht nur der Friedensvorschlag der Zentralmächte,
sondern auch die Friedensanregung Wilsons als gescheitert betrachtet
werden. Wieder einmal stellte sich heraus, daß die feindliche Koalition
nicht bereit war, über Frieden zu sprechen, solange sie nicht in der
Lage war, den Frieden nach ihrem Belieben zu diktieren. Von dem Geist,
der bei den Machthabern unserer Feinde trotz des rumänischen Rückschlags
herrschte, gibt Zeugnis ein Tagesbefehl des Zaren an die russische Armee
und Marine vom 25. Dezember 1916, in dem als russisches Kriegsziel
aufgestellt wurde »der Besitz Konstantinopels und der Meerengen, sowie
die Schaffung eines in allen seinen drei gegenwärtig getrennten Teilen
freien Polens«.
Immerhin konnte man gespannt sein auf die Antwort, die unsere Feinde auf
die Friedensanregung Wilsons geben würden. Denn hier stand ihnen nicht
ein Feind gegenüber, den sie auf Tod und Leben zu bekämpfen entschlossen
waren, sondern der Repräsentant der stärksten neutralen Macht, dessen
Haltung für den Ausgang des Krieges von entscheidender Bedeutung werden
konnte.
Es dauerte drei volle Wochen, bis die Alliierten sich über eine Antwort
an Wilson geeinigt hatten; erst am 10. Januar 1917 wurde diese von Herrn
Briand dem amerikanischen Botschafter in Paris ausgehändigt.
Die Antwort enthielt viele schöne Worte an die Adresse des Herrn
Wilson und über den künftigen Völkerfrieden. In der Sache aber war
sie gegenüber der Wilsonschen Anregung eine kaum weniger unverhüllte
Ablehnung, wie die Antwort an die Zentralmächte.
»Die Alliierten empfinden,« so hieß es in der Note, »ebenso tief wie
die Regierung der Vereinigten Staaten den Wunsch, möglichst bald
diesen Krieg beendet zu sehen, für den die Mittelmächte verantwortlich
sind und der der Menschheit grausame Leiden auferlegt; aber sie sind
der Ansicht, daß es unmöglich ist, heute bereits einen Frieden zu
erzielen, der ihnen die Sühnen, Wiedergutmachung und Bürgschaften
sichert, auf die sie ein Recht haben infolge des Angriffs, für den die
Mittelmächte die Verantwortung tragen und der gerade darauf abzielt,
die Sicherheit Europas zugrundezurichten.« Nach langen Beschwerden über
die völkerrechtswidrige und grausame Kriegführung der Mittelmächte, die
zu einem ständigen Hohn auf Menschlichkeit und Zivilisation geworden
sei, erklärte die Note, die den Mittelmächten durch Vermittlung der
Vereinigten Staaten überreichte Antwort auf deren Friedensvorschlag
vom 12. Dezember 1916 beantworte die von der amerikanischen Regierung
gestellte Frage. Im übrigen seien die Kriegsziele der Alliierten
wohlbekannt; sie seien mehrfach in Erklärungen der Oberhäupter der
verschiedenen Regierungen dargelegt worden. »Diese Ziele werden
in den Einzelheiten mit allen Kompensationen und gerechtfertigten
Entschädigungen für den erlittenen Schaden erst in der Stunde der
Verhandlungen auseinandergesetzt werden. Aber die zivilisierte Welt
weiß, daß sie alles Notwendige einschließen und in erster Linie die
Wiederherstellung Belgiens, Serbiens und Montenegros, die ihnen
geschuldeten Entschädigungen, die Räumung der besetzten Gebiete von
Frankreich, Rußland und Rumänien mit den gerechten Wiedergutmachungen,
die Reorganisation Europas, Bürgschaft für einen dauerhaften Frieden,
die Zurückgabe der Provinzen und Gebiete, die früher den Alliierten
durch Gewalt oder gegen den Willen der Bevölkerung entrissen worden
sind, die Befreiung der Italiener, Slawen, Rumänen, Tschechen und
Slowaken von der Fremdherrschaft, die Befreiung der Bevölkerungen, die
der blutigen Tyrannei der Türken unterworfen sind, und die Entfernung
des Osmanischen Reiches aus Europa, weil es zweifellos der westlichen
Zivilisation fremd ist.« Die Note fügte hinzu, es sei selbstverständlich
niemals die Absicht der alliierten Regierungen gewesen, die »Vernichtung
der deutschen Völker und ihr politisches Verschwinden« anzustreben; sie
wollten nur die Sicherung des Friedens auf der Grundlage der Freiheit,
der Gerechtigkeit und der unverletzlichen Treue, welche die Regierung
der Vereinigten Staaten stets beseelt habe.
Eine besondere Verschärfung erfuhr die Ablehnung irgendwelcher
Friedensgespräche mit den Zentralmächten durch die Verwahrung gegen eine
Gleichstellung mit diesen. »Mit Genugtuung,« so hieß es in der Note,
»nehmen die Alliierten zur Kenntnis, daß die amerikanische Mitteilung in
keinem Zusammenhang steht mit dem Schritt der Mittelmächte; sie zweifeln
nicht an dem Entschluß der amerikanischen Regierung, selbst den blassen
Anschein einer auch nur moralischen Unterstützung der verantwortlichen
Urheber des Krieges zu vermeiden. Die Alliierten Regierungen halten
es für ihre Pflicht, sich in der freundschaftlichsten aber klarsten
Weise gegen eine Gleichstellung auszusprechen, welche auf öffentlichen
Erklärungen der Mittelmächte beruht und in direktem Widerspruch zur
offenkundigen Sachlage steht, sowohl bezüglich der Verantwortlichkeiten
in der Vergangenheit wie betreffs der Bürgschaften für die Zukunft.
Präsident Wilson hat durch ihre Erwähnung gewiß nicht beabsichtigt,
sich ihnen anzuschließen.«
Schallender konnte die Friedenstür nicht zugeworfen werden. Wenn sich
die Alliierten bei Herrn Wilson verbaten, von ihm mit den Mittelmächten
auf gleichem Fuß behandelt zu werden, so war das eine in ihrer Schärfe
kaum zu übertreffende Zurückweisung aller guten Dienste, die ein Dritter
zur Herbeiführung einer Verständigung zwischen den beiden kriegführenden
Gruppen überhaupt anbieten konnte.
Sachlich bedeuteten die von den Ententeregierungen kurz umrissenen
Friedensbedingungen nichts anderes als die völlige Zertrümmerung der
Türkei, die völlige Auflösung der österreichisch-ungarischen Monarchie,
die Verstümmelung und Erniedrigung Deutschlands. Die Alliierten hatten
recht, wenn sie feststellten, daß es unmöglich sei, einen diesen
Wünschen entsprechenden Frieden jetzt schon zu erzielen; denn nur von
einem völlig niedergeworfenen Gegner konnten sie annehmen, daß er solche
Bedingungen auch nur einen Augenblick zur Diskussion stellen lassen
würde.
Der Fall lag also klar: Die Mittelmächte waren bereit, über einen
Frieden zu sprechen, der ihr Verteidigungsziel erfüllte und Ehre, Dasein
und Entwicklungsfreiheit ihrer Völker sicherte; die Entente lehnte eine
Verhandlung auf dieser Grundlage mit der offenen Begründung ab, daß sie
auf der Zertrümmerung, Verstümmelung und Erniedrigung der Mittelmächte
bestehe, ein »Friedensziel«, für das auch nach ihrer Auffassung die
Mittelmächte noch nicht reif waren.
Wie Herr Wilson sich zu dieser Antwort stellte, werden wir später sehen.