Der deutsche und der amerikanische Friedensschritt

Am 23. Oktober 1916 hielt Lord Grey bei einem Pressefestmahl eine

auffallende Rede. Er beschäftigte sich zunächst wieder einmal mit den

Kriegsursachen, wobei er wiederum alle Schuld auf Deutschland abzuwälzen

versuchte; dann ging er mit einer Verbeugung vor Wilson und Hughes, den

beiden amerikanischen Präsidentschaftskandidaten, über zu einem Hymnus

auf Völkerbund und Schiedsgerichte als die Pfeiler des Systems, das in

Zukunft die Entstehung neuer Kriege verhindern müsse.

Der Bericht über die Rede lag in Berlin am 25. Oktober vor. Der Kanzler

war durch die Rede stark beeindruckt. Er fand sie sehr geschickt auf die

Mentalität der Neutralen, insbesondere der Amerikaner, zugeschnitten,

aber auch auf die Stimmung der kriegführenden Völker, die sich aus dem

Zerstören und Morden nach einem besseren Zustand des Zusammenlebens der

Völker sehnten. Der Krieg habe die Idee eines Völkerbundes und der

Schiedsgerichte ohne Zweifel mächtig gestärkt. Auch nach seiner Ansicht

gehöre dieser Idee die Zukunft. Er habe das Gefühl, daß in dieser Sache

die deutsche Politik nicht beiseite stehen dürfe. Er müsse jedenfalls in

diesem Sinn auf die Rede Greys antworten.

Mir schien die Frage der Verhinderung künftiger Kriege so lange im

zweiten Rang zu stehen, als die Frage der Beendigung des jetzigen

Krieges noch nicht gelöst sei. Die beste Antwort auf Grey schien mir

eine solche zu sein, die Grey auf diese praktische Frage stellte.

Zwei Tage zuvor war Constantza von unsern Truppen genommen worden; am

Vormittag hatte ein Telegramm die Einnahme von Cernavoda gemeldet. Der

rumänische Feldzug näherte sich seinem Ende. Unsere Feinde waren im

Begriff, abermals eine Hoffnung zu verlieren. Der Winter, und damit der

dritte Winterfeldzug, stand vor der Tür. Wenn irgendein Zeitpunkt seit

Beginn des Krieges die Regierungen und die Völker zum Nachdenken stimmen

mußte, ob es sich lohne, den Krieg fortzusetzen, so war es der jetzige.

Ich empfahl, zu überlegen, ob die Gesamtlage uns nicht das Recht und

die Pflicht gebe, ein offenes Friedenswort zu sprechen, auf das unsere

Feinde antworten müßten; etwa die Aufforderung an die Kriegführenden, zu

einer Besprechung über die Möglichkeit eines Friedens zusammenzutreten,

der Ehre, Dasein und Entwicklungsfreiheit aller wahre.

Der Kanzler erwärmte sich für den Gedanken und entschloß sich, sofort

zum Kaiser zu fahren, der damals in Potsdam weilte. Im Begriff ins Auto

zu steigen, erhielt er die Nachricht von dem erfolgreichen Vorstoß der

Franzosen vor Verdun auf das Fort Douaumont. Das war ein Dämpfer auf die

rumänische Freude, aber mit solchen Zwischenfällen muß man im Kriege

immer rechnen.

Der Kaiser war sofort einverstanden. Der Kanzler reiste noch am

gleichen Abend nach dem Großen Hauptquartier, um sich mit dem

Generalfeldmarschall von Hindenburg zu besprechen. Der Feldmarschall

wollte sich nicht gegen die Anregung stellen und erklärte, er könne

jedenfalls keine Aussicht eröffnen, daß nach Beendigung des rumänischen

Feldzugs, die in einigen Wochen zu erwarten sei, im Winter oder

im nächsten Frühjahr ein entscheidender, den Frieden militärisch

erzwingender Schlag geführt werden könne.

Nun wurde der Gesandte von Stumm nach Wien geschickt, um das

Einverständnis unseres österreichisch-ungarischen Bundesgenossen

zu sichern. An der grundsätzlichen Zustimmung war um so weniger zu

zweifeln, als Baron Burian, wie mir der Kanzler sagte, selbst schon bei

früheren Gelegenheiten ein ähnliches Vorgehen angeregt hatte.

Nachdem auf dieser Grundlage der Kanzler dem Kaiser nochmals vorgetragen

hatte, schrieb der Kaiser an den Kanzler nachstehenden eigenhändigen

Brief:

»Neues Palais, 31. 10. 16.

Mein lieber Bethmann!

Unser Gespräch habe ich noch nachher gründlich überdacht. Es ist klar,

die in Kriegspsychose befangenen, von Lug und Trug im Wahne des Kampfes

und im Haß gehaltenen Völker unserer Feinde haben keine Männer, die

imstande wären, die den moralischen Mut besäßen, das befreiende Wort

zu sprechen. Den Vorschlag zum Frieden zu machen, ist eine sittliche

Tat, die notwendig ist, um die Welt -- auch die Neutralen -- von dem

auf allen lastenden Druck zu befreien. Zu einer solchen Tat gehört ein

Herrscher, der ein Gewissen hat und sich Gott verantwortlich fühlt, und

ein Herz für seine und die feindlichen Menschen, der unbekümmert um die

eventuellen absichtlichen Mißdeutungen seines Schrittes den Willen hat,

die Welt von ihren Leiden zu befreien. Ich habe den Mut dazu, ich will

es auf Gott wagen. Legen Sie mir bald die Noten vor und machen Sie alles

bereit.

Der Weltkrieg, II. Band Vom Kriegsausbruch bis zum uneingeschränkten U-Bootkrieg · 第 46 / 57 题