Die deutsche Note vom 4. Mai 1916 hatte den U-Bootkrieg auf den
Kreuzerkrieg zurückgeführt und dadurch den Frieden mit Amerika erhalten.
Damit war die äußerste Erschwerung vermieden worden für eine Zeit,
die uns erst den gewaltigen Stoß der Russenoffensive in Wolhynien und
Galizien und die erfolgreiche Erneuerung der italienischen Offensive am
Isonzo, dann die an Einsatz und Dauer alles übertreffenden Angriffe der
Franzosen und Engländer an der Somme und schließlich den rumänischen
Überfall brachte.
Wir hatten uns Amerika gegenüber für die Führung des U-Bootkrieges
freie Hand vorbehalten für den Fall, daß unsere Erwartung, es möchte
der Regierung der Vereinigten Staaten gelingen, die Beobachtung
der völkerrechtlichen Normen der Seekriegführung auch bei England
durchzusetzen, sich nicht erfüllen sollte.
Die Erwartung erfüllte sich nicht. Von irgendwelchen ernstlichen
Versuchen der amerikanischen Regierung, England und die übrigen
Ententemächte zur Aufgabe ihrer völkerrechtswidrigen Handels- und
Hungerblockade zu veranlassen, ist in der Folgezeit nichts bekannt
geworden.
Die Propaganda zugunsten des uneingeschränkten U-Bootkrieges war
unter dem Eindruck der unmittelbaren Gefahr des Bruches mit Amerika
vorübergehend abgeflaut. Im Laufe des Sommers kam sie neu in Gang. Auch
die Marine begann, die Frage des U-Bootkrieges wieder aufzunehmen, zumal
da der gewaltige Einsatz von Material in der Sommeschlacht die Erwägung
nahelegte, ob nicht unseren Feinden die Zuführung dieses Materials durch
eine wirksamere Gestaltung des U-Bootkrieges einigermaßen verknappt
werden könnte. Auch von dem Admiral von Capelle, der im Frühjahr noch
mit aller Entschiedenheit die Meinung vertreten hatte, daß die auf den
unbeschränkten U-Bootkrieg gesetzten Hoffnungen seiner Befürworter
übertrieben seien und daß angesichts des zweifelhaften Erfolges die
politischen Bedenken den Ausschlag geben müßten, hatte ich den Eindruck,
daß er mehr und mehr auf den Standpunkt kam, wenn jetzt die Oberste
Heeresleitung den unbeschränkten U-Bootkrieg zur Entlastung der schwer
kämpfenden Westfront verlange, dann werde die Marine ihre Hilfe nicht
verweigern können, auch wenn man diese Hilfe bescheiden veranschlage.
Inzwischen war der U-Boothandelskrieg um England herum gänzlich oder
fast gänzlich eingestellt worden, während er im Mittelländischen Meer
mit leidlichem Erfolg in den Formen des Kreuzerkrieges fortgesetzt
wurde. Die Versenkungen gingen nach den Angaben des Admiralstabs von
225000 Tonnen im Monat April 1916 auf 101000 Tonnen im Juni 1916 zurück.
Gegen Ende August 1916 nahm der Chef des Admiralstabs die U-Bootfrage
offiziell wieder auf. Er teilte dem Reichskanzler mit, daß er nach
genauer Prüfung der Verhältnisse die Überzeugung gewonnen habe, daß
jetzt der Zeitpunkt für die Aufnahme des uneingeschränkten U-Bootkriegs
gekommen sei, und beantragte eine alsbaldige Beratung der Angelegenheit.
Diese Beratung fand am 31. August 1916 im Großen Hauptquartier zu Pleß
statt. Es nahmen an ihr teil der Reichskanzler, der neuernannte Chef des
Generalstabs Generalfeldmarschall von Hindenburg, General Ludendorff,
der Chef des Admiralstabs Admiral von Holtzendorff, Admiral von Koch,
der Kriegsminister General Wild von Hohenborn, der Staatssekretär des
Auswärtigen Amts von Jagow und ich als Staatssekretär des Innern und
Stellvertreter des Reichskanzlers. Die gesamte politische, militärische
und wirtschaftliche Lage wurde auf das genaueste durchgesprochen,
ebenso die technischen Möglichkeiten und die militärischen und
wirtschaftlichen Wirkungen des U-Bootkrieges. Die Lage wurde in erster
Linie beherrscht durch die rumänische Kriegserklärung und den Einmarsch
starker rumänischer Truppen nach Siebenbürgen. Alle Truppen, die wir
irgendwo verfügbar machen konnten, mußten gegen Rumänien geworfen
werden. Gegenüber Eventualitäten, wie sie ein Bruch mit Amerika und
ein starker kombinierter Druck der Entente und der Vereinigten Staaten
auf die uns benachbarten Neutralen hervorrufen konnten, war nichts
vorgekehrt und konnte in der nächsten Zeit nichts vorgekehrt werden.
Unter diesen Umständen sprachen sich die Generale von Hindenburg und
Ludendorff dahin aus, daß bis zur Erledigung der rumänischen Gefahr
die Oberste Heeresleitung eine Verantwortung für die Einleitung des
uneingeschränkten U-Bootkrieges nicht übernehmen könne.
Der Verlauf der Beratung ließ keinen Zweifel daran bestehen, daß die
beiden Generale an sich dem uneingeschränkten U-Bootkrieg zuneigten.
Es war zu erwarten, daß sie auf die Frage zurückkommen würden, sobald
dies der Verlauf der militärischen Operationen in Rumänien gestattete.
Die öffentliche Meinung war durch die unausgesetzte Bearbeitung seitens
der Befürworter des uneingeschränkten U-Bootkrieges immer mehr für die
Überzeugung gewonnen worden, daß wir mit den U-Booten eine Waffe in der
Hand hätten, die uns bei richtiger Anwendung gestatte, binnen weniger
Monate England auf die Knie zu zwingen und damit allen den Opfern und
Leiden des Krieges ein Ende zu machen. Auch in den Reichstagsparteien,
die bisher in der U-Bootfrage Zurückhaltung gezeigt hatten, so im
Zentrum und bei den Freisinnigen, blieb die U-Bootkrieg-Propaganda
nicht ohne Wirkung.
Dies zeigte sich, als Anfang Oktober 1916 der Hauptausschuß des
Reichstages sich erneut mit der U-Bootfrage befaßte.
Die Stimmung des Ausschusses war gegenüber dem Monat März, in dem
die letzte U-Bootdiskussion stattgefunden hatte, merkbar verändert.
Zudem glaubte der Ausschuß aus der Rede, mit der Herr von Bethmann
die Erörterung einleitete, und noch mehr aus der Rede des Admirals
von Capelle, die auf die Kanzlerrede folgte, eine Verminderung des
Widerstandes gegen den uneingeschränkten U-Bootkrieg herauslesen zu
können. Auch wirkten auf die Urteilsbildung der Abgeordneten einige
sachliche Momente stark ein, die zweifellos die Aussichten eines
Erfolges des uneingeschränkten U-Bootkrieges verbessert hatten, so die
wesentliche Vermehrung der Anzahl und die erhebliche Verbesserung der
Leistungsfähigkeit der U-Boote seit Jahresbeginn, ferner die Bedrohung
der Versorgung Englands mit Brotgetreide durch eine mäßige Ernte im
eigenen Lande und eine maßlos schlechte Ernte in den Vereinigten Staaten
und Kanada. Dazu kam die wachsende Erbitterung gegen die Vereinigten
Staaten, die unsere Gegner in immer größerem Umfang mit Kriegsmaterial
unterstützten, ja ihnen dadurch die Sommeschlacht in ihren ungeheuren
Abmessungen überhaupt erst möglich machten, und die, nachdem wir uns
ihrem Druck in der U-Bootfrage gefügt hatten, augenscheinlich keinen
Finger rührten, um England, das seinen Hungerkrieg gegen uns und die
uns benachbarten Neutralen immer mehr verschärfte, auf den Boden des
Völkerrechts zurückzuführen. Ich hatte einen schweren Stand, gegenüber
der hierdurch erzeugten Stimmung für Besonnenheit und Erwägung der uns
aus einem Übergang zum uneingeschränkten U-Bootkrieg drohenden Gefahren
einzutreten.
In meinen Erwiderungen auf Ausführungen aus der Mitte der Kommission
bemühte ich mich, die Sachlage mit aller Ruhe und Objektivität
darzustellen. Ich gab ohne weiteres zu, daß durch die Gestaltung der
Welternte des Jahres 1916 die Möglichkeit gewachsen sei, Englands
Ernährung durch den U-Bootkrieg zu erschweren, vielleicht sogar zu
gefährden. Englands eigene Ernte an Brotgetreide hatte im Jahre 1916
nur 6 Millionen Quarters, gegen 8,7 Millionen Quarters im Vorjahre
ergeben. Die Weizenernte der Vereinigten Staaten und Kanadas wurde für
1916 auf nur 21-1/2 Millionen Tonnen geschätzt gegen 37-1/2 Millionen
Tonnen im Vorjahre. Dabei hatte England im abgelaufenen Erntejahre aus
diesen beiden zunächst gelegenen Gebieten nicht weniger als 88% seines
Einfuhrbedarfs gedeckt. Ein Zurückgreifen auf Argentinien oder gar auf
Indien und Australien war angesichts des fühlbaren Mangels an Frachtraum
außerordentlich erschwert; denn der Frachtweg aus diesen Gebieten
nach England war zwei- bis dreimal so lang wie der Frachtweg aus
Nordamerika, die Heranführung derselben Getreidemenge erforderte also
den zwei- bis dreifachen Schiffsraum. Die sichtbaren Getreidevorräte
Englands waren in der zweiten Septemberhälfte 1916, nach Einbringung
der englischen Ernte, zum erstenmal niedriger als zur gleichen Zeit des
Vorjahres; sie betrugen 8,6 gegen 10,6 Millionen Quarters, während sie
sich zu Anfang Mai 1916 um 1,8 Millionen Quarters höher gestellt hatten
als Anfang Mai 1915.
Aber ich konnte nicht umhin, diesem für den Erfolg des uneingeschränkten
U-Bootkrieges günstiger gewordenen Moment gewichtige Zweifel
entgegenzustellen.
Schon auf dem Gebiet der Brotgetreideversorgung Englands durften
die großen amerikanischen Bestände aus der vorjährigen Ernte nicht
vernachlässigt werden. Ob es möglich sein würde, die Zufuhren aus
diesen Beständen und der allerdings knappen neuen Ernte im Wege des
uneingeschränkten U-Bootkrieges so weit zu verringern, daß sie zur
Ergänzung des in England liegenden, für mindestens 4-1/2 Monate
genügenden Bestandes nicht ausreichen würden, war zum mindesten eine
offene Frage.
Ebenso mußte ich den Berechnungen entgegentreten, die beweisen sollten,
daß eine monatliche Versenkung von 600000 Tonnen Handelsschiffsraum
genügen werde, um England innerhalb einer bestimmten Zeit -- es
wurde von 6 bis 8 Monaten gesprochen -- auf die Knie zu zwingen oder
wenigstens mürbe zu machen. Ich stellte fest, daß die britische
Handelsflotte (ohne diejenige der Dominions und Besitzungen) nach den
letzten Ausweisen im Juni 1916 noch 18825000 Bruttotonnen stark war.
Ich gab zu, daß davon etwa 7 Millionen für militärische Zwecke in
Anspruch genommen seien und daß die für den privaten Handelsverkehr
verbleibenden rund 12 Millionen im Laufe von 6 bis 8 Monaten durch den
uneingeschränkten U-Bootkrieg auf 8 Millionen Tonnen verringert werden
könnten. Aber ich gab zu bedenken, daß die britische Handelsflotte
vor dem Kriege fast die Hälfte der gesamten Handelsflotte der Welt
ausgemacht hatte, daß sie nicht nur für England, sondern für die halbe
Welt die Seefrachten besorgt hatte, daß Deutschlands Handelsflotte, nach
England die größte der Welt, vor dem Kriege gerade erst über 5 Millionen
Bruttotonnen hinausgewachsen war und daß wir mit diesen 5 Millionen
Tonnen über unsere eigene Versorgung hinaus uns gleichfalls einen
ansehnlichen Anteil am internationalen Frachtverkehr hatten sichern
können. Dazu kam für England die Möglichkeit, im Notfall auf den für
militärische Zwecke in Anspruch genommenen Frachtraum zurückzugreifen.
Ich zog daraus die Folgerung: »Niemand in der ganzen Welt wird mit
Sicherheit behaupten können, England werde nach sechs oder acht Monaten
wegen Frachtraummangels nicht mehr in der Lage sein, weiterzukämpfen.«
Ferner warnte ich davor, die britische Zähigkeit, die Möglichkeit für
die Engländer, sich in ähnlicher Weise einzuschränken, wie wir es
hatten tun müssen, schließlich die britische Fähigkeit, zu organisieren,
allzu niedrig einzuschätzen.
Vor allem aber hob ich die Gefahren eines Bruches und Krieges mit den
Vereinigten Staaten hervor. Aus der Mitte des Ausschusses wurde die
Ansicht geäußert, daß Amerika wegen des U-Bootkrieges nicht mit uns
brechen oder jedenfalls nicht Krieg mit uns machen werde. Demgegenüber
führte ich aus: »Ich habe im Laufe der Zeit von allen den Leuten, die
aus Amerika herübergekommen sind und die ich gesehen habe, nie eine
andere Ansicht gehört als die: Wenn ihr den rücksichtslosen U-Bootkrieg
anfangt, dann habt ihr den Bruch und den Krieg mit Amerika.«
Den immer wieder hervortretenden Zweifeln, ob Amerika, wenn es uns den
Krieg erkläre, der Entente erheblich mehr nutzen und uns erheblich mehr
schaden könne wie jetzt schon im Zustand der sogenannten Neutralität,
konnte ich nicht beitreten. Ich legte dar, daß die finanzielle Hilfe,
die von den Amerikanern den Ententemächten bisher nur in verhältnismäßig
engen Grenzen und zu recht schweren Bedingungen gewährt worden war,
ohne weiteres einer ganz erheblichen Steigerung fähig sei; daß ferner
die amerikanische Stahlproduktion, die mit 40 Millionen Tonnen jährlich
fast dreimal so groß war wie die unserige, den Amerikanern im Falle
ihres Eintritts in den Krieg eine gewaltige Steigerung ihrer Erzeugung
von Kriegsgerät und Material ermögliche; daß schließlich die Gefahr
der Unterstützung der Entente durch Truppensendungen kein Hirngespinst
sei. »Die Schwierigkeiten, mit denen wir zu kämpfen haben,« so führte
ich aus, »liegen doch zum großen Teil darin, daß die andern die große
Überlegenheit an Menschenmaterial haben. Glauben Sie unsere Position
dadurch zu verbessern, wenn Sie ein kultiviertes Land mit einer
starken, kräftigen Rasse, mit mehr als 100 Millionen Einwohnern auf
die andere Seite werfen?« Auch die Hoffnung, daß es unsern U-Booten
gelingen werde, Munitions- und Mannschaftstransporte von Amerika nach
dem westlichen Kriegsschauplatz zu verhindern, konnte ich nicht ohne
Widerspruch lassen, obwohl ich wußte, daß diese Hoffnung von maßgebenden
Persönlichkeiten in der Marine geteilt wurde. »Mein Optimismus geht
jedenfalls nicht so weit, zu bezweifeln, daß Amerika im Kriegsfall
beträchtliche Mengen von Truppen herüberschaffen kann, auch angenommen,
daß wir manchen Transportdampfer versenken. In Saloniki sollen noch
400000 Mann und mehr stehen. Diese ganze Armee ist antransportiert
worden und erhält ihren Nachschub an Ersatz, Munition und Proviant,
trotzdem unsere U-Boote ihre Tätigkeit im Mittelmeer ausüben. Die
Truppentransportdampfer sind eben auf ihrer Fahrt viel besser gesichert
als andere Dampfer.«
Auch die Wirkungen eines Krieges mit Amerika auf unsern späteren
Wiederaufbau bat ich zu berücksichtigen. Die Wiederherstellung unserer
Außenbeziehungen nach dem Krieg sei viel schwerer, als die meisten es
sich denken. »Wenn aber die Neutralität überhaupt aufgehört hat, dann
kann dasjenige, was heute die Entente träumt, Wirklichkeit werden,
nämlich der Wirtschaftskrieg nach dem Krieg; dann mögen wir noch für
Jahre der boykottierte Hund sein, dem kein Mensch auf der ganzen Welt
ein Stück Brot gibt.«
Vor allem aber müßten wir uns eines vor Augen halten: »Wenn die Karte
des rücksichtslosen U-Bootkriegs ausgespielt wird und sie sticht nicht,
dann sind wir verloren, dann sind wir auf Jahrhunderte hinaus verloren.«
Meine Ausführungen machten wohl einigen Eindruck, vermochten aber nicht,
einen entscheidenden Erfolg zu erzielen. Ich hatte Veranlassung, in der
Diskussion mehrfach auf meine Bedenken zurückzukommen und den eifrigen
Verfechtern des uneingeschränkten U-Bootkriegs zu sagen: »Wir wollen
doch klar sehen, wir wollen doch genau wissen, wie die Dinge liegen;
und sollte der U-Bootkrieg gemacht werden, so soll niemand da sein, der
nachher, wenn die Sache etwa schief geht, sagen kann: Ja, wenn man dies
und jenes uns gesagt hätte, wenn diejenigen, die an verantwortlicher
Stelle stehen, auf dies und jenes hingewiesen hätten.«
Der Kanzler konnte sich darauf berufen, er befinde sich in der
Beurteilung der Sachlage in Übereinstimmung mit der Obersten
Heeresleitung. Diesem Umstand war es mehr als allen Gründen zu
verdanken, daß im Hauptausschuß ein ausdrücklicher Mehrheitsbeschluß
zugunsten des uneingeschränkten U-Bootkrieges verhindert werden konnte.
Aber wenn auch kein förmlicher Beschluß zustande kam, so konnte doch der
Verlauf der Debatte keine Zweifel daran lassen, wie die Mehrheit der
Kommission zu dem U-Bootkrieg stand. Vor allem fiel ins Gewicht, daß die
Zentrumsfraktion, die bisher in ihrer großen Mehrheit den Kanzler in
seiner Stellungnahme zum U-Bootkrieg gedeckt hatte, folgende Erklärung
am 7. Oktober 1916 zu den Akten des Hauptausschusses gab:
»Namens =sämtlicher=[5] Fraktionsmitglieder der Zentrumsfraktion im
Ausschuß für den Reichshaushalt ist folgende Erklärung abgegeben worden:
»Für die politische Entscheidung über die Kriegführung ist dem Reichstag
gegenüber der Reichskanzler allein verantwortlich. Die Entscheidung des
Reichskanzlers wird sich dabei wesentlich auf die Entschließung der
Obersten Heeresleitung zu stützen haben. Fällt die Entscheidung für
die Führung des rücksichtslosen Unterseebootkrieges aus, so darf der
Reichskanzler des Einverständnisses des Reichstags sicher sein.«
[5] Im amtlichen Original gesperrt gedruckt.
Diese Erklärung der bei den Parteiverhältnissen des Reichstags
ausschlaggebenden Fraktion war nicht nur eine Blankovollmacht, sondern
geradezu eine Aufforderung an den Reichskanzler, in der U-Bootfrage
den Entschließungen der Obersten Heeresleitung zu folgen. Die Oberste
Heeresleitung, der natürlich der Gang der Verhandlungen im Hauptausschuß
und die Zentrumserklärung nicht verborgen blieben, wußte nunmehr, daß
der Reichskanzler, wenn er einem Verlangen der Obersten Heeresleitung
nach Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkrieges künftighin sich
widersetzen sollte, nicht mehr auf die Deckung durch den Reichstag würde
rechnen können.
In der für die weitere Entwicklung des Krieges entscheidenden Frage war
damit die Stellung des verantwortlichen Leiters der deutschen Politik
gegenüber der Obersten Heeresleitung in einer geradezu verhängnisvollen
Weise geschwächt.
Jeder Krieg birgt den Keim von Konflikten zwischen der militärischen
Gewalt und der politischen Leitung in sich. Der Krieg als »Mittel
der Politik« ist ein gewaltsames und herrschsüchtiges Mittel, das,
einmal in Wirkung gesetzt, eigenen Gesetzen zu folgen sucht. Es
bedarf einer starken Willenskraft und einer starken Autorität der
politischen Leitung, um Herr über den ungebärdigen Diener zu bleiben
und zu verhindern, daß das Mittel den Platz des Zweckes usurpiert.
Wenn die Gefahr solcher Konflikte in irgendeinem Lande besonders groß
war, dann in Deutschland. Eine eiserne militärische Erziehung hatte
unser Volk aus Zerrissenheit, Ohnmacht und Elend zu Einheit, Macht und
Wohlstand emporgeführt, hatte unser Land, das Jahrhunderte hindurch
das Schlachtfeld fremder Völker gewesen war, befreit und gesichert,
hatte die Grundlagen geschaffen, auf denen unser Volk in friedlicher
Arbeit sich ein wohnliches Haus bauen konnte. Die Leidensgeschichte von
Jahrhunderten war es, die unserm Volk die Achtung vor der militärischen
Macht und ihren Vertretern anerzogen hatte. Mehr noch als unser Volk
stand die Hohenzollerndynastie, deren Oberhaupt uns die Reichseinheit
verkörperte, auf der militärischen Tradition. Auch ein an sich durchaus
friedlich gerichteter Charakter wie Wilhelm II. war in den großen
militärischen Überlieferungen seines Hauses befangen; ja man kann sagen,
je weniger er innerlich Krieger und Feldherr war, desto stärker stand er
unter dem Bann derjenigen, die Soldatengeist und Feldherrntum kraftvoll
verkörperten.
Die schweren Konflikte, die ein Bismarck, trotz seiner überragenden
Persönlichkeit und seiner bei König und Volk fest begründeten Autorität,
im Deutsch-Französischen Krieg mit den militärischen Gewalthabern
durchzukämpfen hatte, sind bekannt. Dabei dauerte dieser Krieg knapp
neun Monate. In dem von Jahr zu Jahr sich hinziehenden Weltkrieg
verfügten wir über keinen Staatsmann, dessen Autorität auf dem festen
Fundament politischer Großtaten begründet war und dessen Persönlichkeit
auf Volk und Kaiser eine bismarckische Wirkung auszuüben vermochte.
Dagegen erstrahlte seit der Tannenberger Schlacht das militärische
Doppelgestirn Hindenburg und Ludendorff in vollstem Glanz. Das deutsche
Volk ist, trotz all des Schrecklichen, das wir jetzt erleben, im
Grunde seines Wesens autoritätsbedürftig. Seine ganze Hingabe und seine
ganze Hoffnung setzte es auf die beiden Generale, die gleich zu Anfang
des Krieges in einer Waffentat ohnegleichen das ostpreußische Land
von den russischen Horden befreit hatten und die im weiteren Gang des
Krieges mehr als alle andern Feldherrn durch ihre gewaltigen Schläge
die Begeisterung des deutschen Volkes an sich fesselten. Dazu kam der
Eindruck der menschlich großen Persönlichkeit des Feldmarschalls und
der eisernen Willenskraft wie des lodernden Temperaments des Generals
Ludendorff. Als der Kaiser Hindenburg den »Heros des deutschen Volkes«
nannte, da sprach er aus aller Herzen und vor allem aus seinem eigenen.
Gegen Ludendorff hatte er eine gefühlsmäßige Abneigung, aus der heraus
er sich ursprünglich gegen die Berufung der beiden an die Spitze der
Obersten Heeresleitung sträubte. Auch späterhin ist er mit Ludendorff
nie warm geworden, ja er hat mitunter bei vertraulichen Unterhaltungen
in heftiger Aufwallung seinem Unmut über Ludendorff Luft gemacht; aber
gleichwohl stand er im Banne von Ludendorffs Willensstärke, und vor
allem unterwarf er sich der Überzeugung, daß Hindenburg und Ludendorff,
die untrennbar waren, in der Leitung der militärischen Operationen
unersetzlich seien.
Es war eine Wirkung und gleichzeitig eine Verstärkung des Übergewichts
der Heeresleitung über die politische Leitung, wenn jetzt die stärkste
Fraktion des Reichstags eine Erklärung abgab, die unzweideutig die
Entscheidung über die Schicksalsfrage des U-Bootkriegs in die Hände von
Hindenburg und Ludendorff legte.
Wer Ludendorffs Persönlichkeit kannte, der mußte wissen, daß die
Forderung der Obersten Heeresleitung auf Eröffnung des uneingeschränkten
U-Bootkriegs nicht lange auf sich warten lassen würde. Und dann wurde,
das stand jetzt, wo der Kanzler auch des parlamentarischen Rückhaltes
beraubt war, für jeden Kenner der Persönlichkeiten und Verhältnisse so
gut wie unumstößlich fest, der U-Bootkrieg gemacht. Nichts war mehr
stark genug, dies zu verhindern. Der ganze Ingrimm darüber, daß wir
seit mehr als zwei Jahren ohne Gegenwehr den schändlichen Hungerkrieg
Englands über uns hatten ergehen lassen müssen, während wir nach den
Erklärungen der höchsten Marine-Autoritäten über ein sicheres Mittel
verfügten, den Hungerkrieg zu brechen, auf einen Schelmen anderthalb
zu setzen und dem Kriegsjammer in kurzer Zeit ein Ende zu machen --
der ganze Ingrimm darüber, daß Amerika uns den Gebrauch dieser Waffe
verwehrte, während es den Hungerkrieg des Feindes gewähren ließ und
die Ententearmeen zu ihren furchtbaren Offensiven mit Kriegsgerät und
Munition ausstattete -- dieser Ingrimm war nicht mehr zu bändigen und
zu halten in dem Augenblick, wo Hindenburg und Ludendorff den von der
Reichstagsmehrheit im voraus gebilligten uneingeschränkten U-Bootkrieg
vom Kanzler verlangten.
Es gab nur einen Ausweg, und das war die Herbeiführung von
Friedensverhandlungen; ein Ausweg, den auch -- wie oben dargestellt --
in jener Zeit die Entwicklung der gesamten Kriegslage nahelegte und für
den es gelang, sowohl die Oberste Heeresleitung wie vor allem auch den
Kaiser zu gewinnen.
In der Zwischenzeit konnten die Wirkungen des U-Bootkriegs auch
innerhalb der in den Formen des Kreuzerkriegs gegebenen Beschränkung
wesentlich gesteigert werden. Der Admiralstab hatte -- wie oben
erwähnt -- nach dem Abschluß der Verhandlungen mit Amerika über den
Sussex-Fall den U-Bootkrieg gegen Handelsschiffe in den britischen
Gewässern gänzlich eingestellt und die U-Boote in der Nordsee nur noch
zu rein militärischen Zwecken verwendet. Im Oktober 1916 entschloß
sich der Admiralstab trotz der Erschwerungen, die der Kreuzerkrieg für
U-Boote gerade in den britischen Gewässern wegen der vervollkommneten
Abwehrmaßnahmen bot, auch dort den U-Bootkrieg gegen Handelsschiffe
in den Formen des Kreuzerkrieges wieder aufzunehmen. Der Erfolg war
ansehnlich. Die im U-Bootkrieg versenkte Tonnage stieg von 101000 Tonnen
im Juni und 103000 Tonnen im Juli auf 394000 im Oktober und 416000 im
Dezember 1916.
Aber der Admiralstab ließ sich mit diesen Erfolgen nicht genügen.
Zunächst drängte er darauf, daß der »verschärfte U-Bootkrieg«, d. i.
der uneingeschränkte U-Bootkrieg gegen die bewaffneten feindlichen
Handelsschiffe wieder aufgenommen werde. Er wußte für diesen Gedanken
auch die Oberste Heeresleitung zu gewinnen, die mit ihrer Forderung
dringend wurde, nachdem die leitenden Staatsmänner der Entente sich in
ihren unmittelbar auf unsern Friedensvorschlag folgenden Reden scharf
ablehnend ausgesprochen hatten. Eine amtliche Antwort der Ententemächte
auf unsern Vorschlag lag noch nicht vor; der Friedensschritt des
Präsidenten Wilson war gerade erst erfolgt. Die elementarste politische
Klugheit gebot, einstweilen noch stillzuhalten, auch wenn man sich nach
den Reden der feindlichen Staatsmänner damit abfinden mußte, daß es
nicht zu Friedensverhandlungen kommen werde.
Am Abend des 28. Dezember 1916 reiste der Kanzler mit dem Staatssekretär
Zimmermann und mir nach dem Großen Hauptquartier. Wir besprachen auf der
Fahrt die U-Bootfrage. Die Oberste Heeresleitung hatte die sofortige
Absendung einer Note an die Vereinigten Staaten über die Eröffnung des
uneingeschränkten U-Bootkriegs gegen die bewaffneten Handelsschiffe
ohne jede Rücksicht auf irgendwelche Friedensaktionen verlangt. Nun
stellte sich auch Zimmermann auf den Standpunkt, daß ein solcher Schritt
nicht länger verschoben werden dürfe; er schlug vor, höchstens bis
zum 2. Januar 1917 zu warten. Ich setzte mich auf das entschiedenste
zur Wehr. Die Wirkung des vorgeschlagenen Schrittes auf Amerika mußte
nach allem, was vorangegangen war, dieselbe sein, wie diejenige einer
Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkrieges überhaupt. Wir zerschlugen
mit eigenen Händen den letzten Rest einer Aussicht unserer eigenen
und der Wilsonschen Friedensaktion; wir setzten uns darüber hinaus
dem Verdacht aus, daß es uns mit unserm Friedensvorschlage gar nicht
ernst gewesen sei und daß wir einen Erfolg des Wilsonschen Schrittes
verhindern wollten, wenn wir jetzt, ohne eine Antwort abzuwarten und die
Friedensaktion sich auswirken zu lassen, eine Maßnahme ergriffen, von
der wir uns sagen mußten, daß sie jede Friedensmöglichkeit vernichten
und gerade unter diesen Begleitumständen mit Sicherheit nicht nur den
Bruch, sondern den Krieg mit Amerika herbeiführen mußte. Der Kanzler
stimmte mir bei, und auch Zimmermann schien überzeugt.
In Pleß fanden wir bei dem Feldmarschall und dem General Ludendorff
-- der Kaiser war nicht anwesend -- einen Empfang, der mit dem Worte
»eiskalt« noch milde bezeichnet ist. Die Differenzen der letzten Zeit --
was mich betrifft vor allem über die Behandlung des Hilfsdienstgesetzes
-- hatten offenbar eine starke Verstimmung hinterlassen. In der Sache
erkannten die beiden Generale unsern Standpunkt in der Frage der
bewaffneten Handelsschiffe nach kurzer Erörterung als berechtigt an.
Ich hatte den Eindruck, daß sie auf dieses Zwischenstadium keinen allzu
großen Wert legten, daß es ihnen vielmehr auf die baldige Eröffnung
des uneingeschränkten U-Bootkrieges ankomme. In dieser Frage erklärte
der Kanzler, seine Haltung von der endgültigen Stellungnahme der
Entente zu dem Friedensschritt der Mittelmächte und Wilsons sowie von
der weiteren Entwicklung der Gesamtlage abhängig machen zu müssen. Er
könne sich jetzt noch nicht festlegen. Die Sache werde im gegebenen
Moment zu prüfen sein, und wenn dann eine Übereinstimmung zwischen der
Obersten Heeresleitung und ihm nicht zu erzielen sei, werde der Kaiser
zu entscheiden haben. Materiell wurde diese Frage nicht eingehend
behandelt. Ich begnügte mich auszuführen, daß der uneingeschränkte
U-Bootkrieg sicherlich England erheblich schädigen werde, daß aber
niemand mit Sicherheit behaupten könne, daß England innerhalb einer
bestimmten Zeit zum Frieden gezwungen werde; trotz der schlechten
Welternte bleibe das Risiko für uns enorm.
Wenige Tage nach unsrer Rückkehr nach Berlin traf die Antwort der
Entente auf unsern Friedensvorschlag ein. Der Kanzler hatte das
berechtigte Gefühl, daß diese Antwort trotz aller ihrer Schroffheit eine
vorsichtige Behandlung erfordere. Wenn schon unsere Bemühungen um den
Frieden scheiterten, so mußte wenigstens vor aller Welt klargestellt
werden, daß die Verantwortung für die Fortsetzung des Krieges
ausschließlich auf die Entente falle. Ich habe Grund zur Annahme, daß
der neue österreichisch-ungarische Minister Graf Czernin, der kurz zuvor
Herrn von Burian ersetzt hatte und der am 8. Januar gleichzeitig mit
dem Staatssekretär Zimmermann im Großen Hauptquartier weilte, derselben
Ansicht war. Zu einer vorsichtigen Behandlung mahnte, abgesehen von
allen andern gewichtigen Gründen, auch die Haltung Bulgariens, das
sich wegen einer Differenz mit unserer Obersten Heeresleitung über
die Dobrudscha verstimmt zeigte und dessen Ministerpräsident sich
beeilt hatte, auf die Antwort der Entente in der Sobranje zu erklären,
Bulgariens Ansprüche seien bescheiden und würden von der Entente -- die
Bulgarien in ihrer Antwort nicht erwähnt hatte -- als legitim anerkannt.
In dieser schwierigen und aufs äußerste gespannten Lage fand am
Abend des 6. Januar 1917 im Hotel Adlon das später vielbesprochene
Festmahl der amerikanischen Handelskammer zu Berlin zu Ehren des aus
den Vereinigten Staaten zurückgekehrten Botschafters Gerard statt.
Das Festmahl war seit längerer Zeit angesagt, und der Staatssekretär
Zimmermann hatte es übernommen, bei dieser Gelegenheit eine Ansprache
zu halten. Da jedoch Graf Czernin mit Zimmermann am Morgen des
6. Januar aus dem Großen Hauptquartier nach Berlin gekommen war
und Zimmermann denselben Abend mit dem Grafen Czernin bei dem
österreichisch-ungarischen Botschafter zubringen mußte, ersuchte mich
der Reichskanzler, an Stelle Zimmermanns bei der Begrüßungsfeier der
amerikanischen Handelskammer zu sprechen. Ich entledigte mich dieser
Aufgabe in einer mit dem Reichskanzler und Zimmermann vereinbarten
Ansprache, in der ich nach einigen höflichen Wendungen für die
Bemühungen des Botschafters, mit dem Studium der deutschen Sprache
auch in den Geist des deutschen Wesens einzudringen, die meist seit
langen Jahren in Deutschland ansässigen Mitglieder der amerikanischen
Handelskammer als Zeugen dafür anrief, »daß unser einziger Ehrgeiz
war, im friedlichen Wettbewerb der Völker durch Arbeit und Tüchtigkeit
uns emporzuringen, durch Hebung unseres geistigen, sittlichen und
wirtschaftlichen Standes uns unsern Platz in der Welt zu gewinnen und zu
behaupten«. Nach einigen Worten über den »Militarismus« Deutschlands und
seiner Feinde fuhr ich fort:
»Ich hätte noch manches hinzuzufügen, was Ihr und unser Herz bewegt.
Aber als Gast an einem neutralen Tische will ich nicht über Dinge reden,
die die Welt entzweien. Ich will nicht den Eindruck erwecken, als wollte
ich Ihrer Neutralität zu nahe treten, als wollte ich bei Ihnen für
unsere Sache werben. Sie wissen, wir verlangen von den Neutralen nichts,
keine Hilfe, keine Begünstigung, nichts als Neutralität. Freilich eine
Neutralität, die beide Parteien mit gleichem Maße mißt, beiden Parteien
in gleichem Maße Achtung erweist angesichts eines Völkerringens auf
Leben und Tod, wie es die Welt noch nicht gesehen. Als Kaufleute, die
seit langen Jahren unter uns leben, haben Sie Verständnis für unsere
Sinnesart und unsere Lebensnotwendigkeiten. Sie bilden für dieses
Verständnis eine Brücke über den Ozean. Ich bin überzeugt, daß diese
Brücke von Nutzen sein wird jetzt bei der Fortdauer des Krieges, wie
sie durch die Zurückweisung der vorgeschlagenen Friedensverhandlungen
notwendig wird, und auch späterhin, wenn es gilt, die Fäden des
geistigen und wirtschaftlichen Verkehrs zwischen unsern Ländern wieder
aufzunehmen und fortzuspinnen.«
Ich schloß mit dem Wunsche, daß die friedlichen Schiffe des Kaufmannes
bald wieder zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten das jetzt
gefesselte, künftighin freie Meer befahren möchten zum Wohle der beiden
Länder und Völker.
Auf diese jedenfalls nicht überschwengliche Begrüßung, die einen ernsten
Hinweis auf die dunkle Wolke enthielt, die seit langer Zeit über dem
Verhältnis zwischen Deutschland und Amerika lag, antwortete Herr Gerard
in einem auffallend herzlichen und freundschaftlichen Tone. Seine
Ansprache gipfelte in der Versicherung, daß die Beziehungen zwischen
den Vereinigten Staaten und Deutschland niemals besser gewesen seien,
als in diesem Augenblick, und daß die Fortdauer dieser ausgezeichneten
Beziehungen gewährleistet sei, solange Männer wie Bethmann Hollweg,
Helfferich, Zimmermann, Hindenburg, Ludendorff und Holtzendorff die
Geschicke Deutschlands leiteten.
Noch am späten Abend erschien der Staatssekretär Zimmermann. In kurzer
Rede sprach er die Überzeugung aus, daß die freundschaftlichen und
vertrauensvollen Beziehungen, die ihn mit dem amerikanischen Botschafter
schon vor dessen Reise verbunden hätten, sich weiter so freundlich
gestalten würden, wie der Botschafter es ausgedrückt habe.
Die Veranstaltung und die bei ihr gehaltenen Reden haben damals großes
Aufsehen erregt. Ich bin in der Presse und später auch im Hauptausschuß
des Reichstags heftig angegriffen worden, daß ich überhaupt bei
der Empfangsfeier für Herrn Gerard erschienen sei, und wenn schon
-- daß ich mich dem Ehrengast gegenüber höflich und nicht wie ein
Hausknecht benommen habe. Der politische Unverstand, der uns Deutsche
auszeichnet, ist mir selten klarer zum Bewußtsein gekommen als bei
dieser Gelegenheit. Jedermann mußte fühlen, daß es in jener Zeit um die
letzte Entscheidung darüber ging, ob es gelingen würde, Amerika aus dem
Krieg zu halten. Und wenn auch mit einem »after dinner speech« keine
großen Wirkungen erzielt werden können, so wäre eine so offenkundige
Brüskierung des amerikanischen Botschafters wie das Fernbleiben von
jener Veranstaltung oder das gegen jede amerikanische Auffassung
verstoßende Stummbleiben das sicherste Gegenteil der Wahrung unserer
Interessen gewesen. Es kam nur darauf an, mit der gebotenen Courtoisie
die Wahrung unseres Standpunktes und unserer Würde zu verbinden. Ich
glaube, diesem Gebot der Lage gerecht geworden zu sein.
Für die Überschwenglichkeit des Herrn Gerard trifft mich keine
Verantwortung. Sie hat mich an jenem Abend erstaunt. Mein Erstaunen
ist gewachsen, nachdem ich in dem Buch des Herrn Gerard gelesen habe,
daß dieser bereits vor jenem Abend zuverlässige Mitteilungen darüber
bekommen haben will, daß die Wiederaufnahme des uneingeschränkten
U-Bootkrieges beschlossene Sache sei. Wenn dies der Fall war, wenn Herr
Gerard infolgedessen zu der Feier vom 6. Januar mit der Sicherheit
kam, daß der Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland
bevorstehe, wie konnte er dann von den Beziehungen zwischen den beiden
Völkern, die niemals besser gewesen seien, in so hohen Tönen reden?
An jenem Abend war über die Wiederaufnahme des uneingeschränkten
U-Bootkrieges noch keinerlei Beschluß gefaßt. Persönlich hatte ich
noch die Hoffnung, daß man vor jeder Entscheidung die Auswirkung der
deutschen und der amerikanischen Friedensaktion abwarten werde.
Aber allerdings -- die Entscheidung sollte rascher erfolgen, als ich
damals nach dem Ergebnis der Besprechung im Großen Hauptquartier vom 29.
Dezember erwartete.
Am 8. Januar erhielt der Kanzler vom Feldmarschall von Hindenburg
eine telegraphische Mitteilung, die ihn bat, alsbald nach dem Großen
Hauptquartier zur erneuten Besprechung der U-Bootfrage zu kommen; die
Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkrieges könne keinesfalls über
den 1. Februar hinaus verschoben werden. Kurz vorher hatte der Chef
des Admiralstabs dem Kanzler eine neue Denkschrift übergeben, die er
auch mir mit einem Schreiben vom 6. Januar zustellte. Die Denkschrift
selbst war schon vom 22. Dezember datiert. Sie bezifferte den für die
Versorgung Englands noch zur Verfügung stehenden britischen Schiffsraum
auf höchstens 8 Millionen Bruttotonnen und berechnete, daß man neben
einer monatlichen Versenkung von 600000 Tonnen mit einer Abschreckung
von mindestens zwei Fünfteln der auf England fahrenden neutralen
Tonnage mit Sicherheit rechnen könne. Dadurch werde der Seeverkehr
Englands im Laufe von fünf Monaten um 39 vom Hundert verringert, und
eine solche Verringerung werde England nicht ertragen können. Der
U-Boot-Kreuzerkrieg dagegen werde in derselben Zeit, auch wenn die
bewaffneten Handelsschiffe freigegeben würden, nur 18 vom Hundert des
britischen Seeverkehrs in Wegfall bringen können, und das werde nicht
genügen, um England zum Frieden zu bringen. Zwar sei der Krieg mit
Amerika eine so ernste Angelegenheit, daß alles geschehen müsse, um ihn
zu vermeiden; aber die Scheu vor dem Bruch dürfe nicht dazu führen, im
entscheidenden Augenblick vor dem Gebrauch der Waffe zurückzuschrecken,
die uns den Sieg verheiße. Um rechtzeitig vor der neuen Ernte die nötige
Wirkung erzielen zu können, müsse der uneingeschränkte U-Bootkrieg
spätestens am 1. Februar beginnen. Ein energisch und mit aller
Kraft geführter Schlag gegen den englischen Schiffsraum verspreche
unbedingt sicheren Erfolg. Er, der Chef des Admiralstabs, stehe nicht
an zu erklären, daß wir, wie die Verhältnisse jetzt lägen, mit dem
uneingeschränkten U-Bootkrieg England in fünf Monaten zum Frieden
zwingen könnten.
Der Eindruck dieser Denkschrift auf den Kanzler wurde verstärkt durch
Mitteilungen, die ihm eine Autorität ersten Ranges unserer Hochseeflotte
über ihre absolute Zuversicht auf den Erfolg des uneingeschränkten
U-Bootkrieges in diesen gleichen Tagen machen ließ.
Der Kanzler entschloß sich, noch am Abend des 8. Januar nach dem Großen
Hauptquartier zu reisen. Vor seiner Abreise besprach er die Lage mit
Zimmermann und mir. Ich machte starke Ausstellungen an den Berechnungen
des Admiralstabes. Außerdem aber waren wir alle drei uns darüber einig,
daß vor allem weiteren das Auswirken der Friedensaktion, zum mindesten
die Antwort der Entente an Wilson, abgewartet werden müsse.
Mir war klar, daß der Kanzler beim Durchsetzen dieses Standpunktes einen
schweren Kampf würde durchkämpfen müssen, und ich machte mir Vorwürfe,
daß ich nicht mit aller Entschiedenheit darauf bestanden hatte,
ihn nach dem Hauptquartier zu begleiten. Die Sache ließ mir keinen
Schlaf. Ich arbeitete in der Nacht noch einmal die ganze 37 gedruckte
Folioseiten starke Denkschrift des Admiralstabs durch und schrieb ein
ausführliches Telegramm an den Kanzler, in dem ich die meines Erachtens
für die Beurteilung des Erfolgs des uneingeschränkten U-Bootkriegs
entscheidenden Punkte zusammenfaßte, und das ich am Morgen dem Kanzler
durch Fernschreiber nach Pleß übermitteln ließ.
In diesem Telegramm bezweifelte ich zunächst die Berechnung des
Admiralstabs, daß in fünf Monaten der Seeverkehr Englands durch
den uneingeschränkten U-Bootkrieg um 39 vom Hundert, durch den
U-Boot-Kreuzerkrieg nur um 18 vom Hundert eingeschränkt werde. Ich
wies darauf hin, daß im Falle des gerade infolge des uneingeschränkten
U-Bootkriegs zu befürchtenden Eintritts der seefahrenden Neutralen in
den Krieg die abschreckende Wirkung des U-Bootkriegs auf die neutrale
Schiffahrt mindestens zu einem erheblichen Teil aufgehoben werden würde.
Ein Beweis, bei welchem Prozentsatz der Einschränkung des britischen
Seeverkehrs England nicht mehr durchhalten könne, sei natürlich nicht
zu erbringen. Die Angaben der Denkschrift über die Versorgung Englands
mit Brotgetreide erkannte ich als vorsichtig an mit dem Hinweis, daß
angesichts der knappen Zufuhrmöglichkeiten die britischen Bestände im
Laufe des Januar und Februar unaufhaltsam weiter abnehmen würden. Ich
gab jedoch zu bedenken:
»Hat der uneingeschränkte U-Bootkrieg den Eintritt Amerikas in den
Krieg gegen uns zur Folge, so ist Amerika an dem Siege Englands wie
an einer eigenen Sache interessiert. Ist eine Niederlage Englands nur
durch ausreichende Getreideversorgung abzuwenden, so muß und kann
Amerika zu diesem Zweck ein Opfer bringen, an das es als neutraler
Staat nicht denkt: die Einschränkung des eigenen Getreideverbrauchs
zugunsten Englands. Die Einschränkung braucht keineswegs durch eine
Rationierung des amerikanischen Brotverbrauchs zu erfolgen; es würden
große Käufe evtl. Zwangsankäufe der amerikanischen Regierung den Zweck
wohl erreichen können. Da die Union mehr als doppelt so viel Einwohner
hat wie England, ist jede Beschränkung des Getreideverbrauchs pro Kopf
des Amerikaners eine mehr als doppelt so große Zulage pro Kopf des
Engländers. Wenn das Schicksal des Krieges davon abhängt, halte ich es
nicht für ausgeschlossen, daß Amerika eine zehnprozentige Einschränkung
seines normalen Verbrauchs zugunsten von England durchführen könnte,
womit 1,7 Millionen Tonnen, gleich einem englischen Bedarf von drei
Monaten, freigemacht würden. Auch wenn hiervon auf dem Weg nach England
die Hälfte versenkt würde -- ein Prozentsatz, der weit über die vom
Admiralstab berechneten Möglichkeiten hinausgeht --, wäre ein solches
Vorgehen für England eine wertvolle, vielleicht die entscheidende Hilfe.
So paradox es klingt, ist also die Möglichkeit nicht ausgeschlossen,
daß der uneingeschränkte U-Bootkrieg gegenüber dem U-Boot-Kreuzerkrieg
in seiner Endwirkung speziell die englische Versorgung mit Brotgetreide
nicht verschlechtert, sondern verbessert.«
Ob es beim uneingeschränkten U-Bootkrieg möglich sein werde oder nicht,
die Neutralen draußen zu halten, werde sich in einigen Wochen, wenn die
Antwortnote der Entente an Wilson vorliegt, besser übersehen lassen
als jetzt. Zu überstürzten Entschlüssen liege keine Veranlassung vor.
Denn augenblicklich arbeite in Sachen der Versorgung Englands die
Zeit nicht gegen, sondern für uns. Der Januar und Februar seien aus
natürlichen Gründen der Jahreszeit stets ungünstige Monate für die
britische Getreideeinfuhr. Dieses Mal habe die Absenkung der britischen
Einfuhr infolge der schlechten amerikanischen Ernte sogar schon im
Dezember begonnen; trotz der größten Anstrengungen Englands habe die
Getreideeinfuhr der vier Dezemberwochen nur 1410000 Quarters erreicht
gegen 1955000 Quarters im Vorjahr. Wenn wir aus den oben entwickelten
Gründen die Entscheidung über den uneingeschränkten U-Bootkrieg noch
um einige Wochen aussetzten, so hätten wir alle Aussicht, daß sich
inzwischen die bereits knappen britischen Getreidebestände noch
erheblich weiter verringerten. Je niedriger der Bestand beim Beginn
eines uneingeschränkten U-Bootkrieges, desto rascher und sicherer werde
der Erfolg sein.
Auch dieser letzte Versuch, wenigstens eine Vertagung zu erreichen,
änderte nichts mehr an der Entscheidung.
Der Kanzler kam unerwarteterweise schon in der Frühe des 10. Januar aus
Pleß zurück. Er schickte mir den Chef der Reichskanzlei, der mir sagte:
»Der Rubikon ist überschritten.«
Ich war durch diese Mitteilung auf das schwerste erschüttert.
Nach kurzer Aussprache bat ich Herrn Wahnschaffe, dem Kanzler zu sagen,
daß ich bei aller Treue und Ergebenheit für seine Person diesen Weg
nicht mitgehen könne und meine Entlassung nehmen würde. Wahnschaffe
erwiderte, mein Abgang würde für mich selbst natürlich der bequemste
Ausweg sein. Der Kanzler seinerseits habe aus Gründen zwingender Natur
davon Abstand genommen, auf seiner ursprünglichen Ansicht, den Abschied
zu nehmen, zu beharren. Der Kanzler habe den Wunsch, sich mit mir
persönlich über alles auszusprechen, und lasse mich bitten, bis dahin
keine Entschlüsse zu fassen.
Ich sah den Kanzler an diesem und an dem folgenden Tage nicht. Ich ging
erst zu ihm, als er mich am Abend des 12. Januar zu sich bitten ließ.
Er schilderte mir die Vorgänge in Pleß. Schon bei der Ankunft habe
ihm der Chef des Marinekabinetts, Admiral von Müller, mitgeteilt, der
Kaiser habe sich nach schweren inneren Kämpfen zu der Überzeugung
durchgerungen, daß der uneingeschränkte U-Bootkrieg nicht zu vermeiden
sei. In der Beratung am Vormittag beim Generalfeldmarschall habe dieser
mit dem General Ludendorff auf das eindringlichste verlangt, daß das
an allen Fronten in schweren Kämpfen stehende Landheer moralisch
und materiell durch den uneingeschränkten U-Bootkrieg Unterstützung
erhalte. Im Westen sei für das Frühjahr mit einer neuen Offensive der
Franzosen, Engländer und Belgier zu rechnen, die an Wucht sogar die
Somme-Offensive des verflossenen Halbjahres übertreffen werde. Jede
Möglichkeit der Einschränkung der Zufuhr von Material und Mannschaften
an den Feind müsse unter allen Umständen wahrgenommen werden. Zeit
sei nicht zu verlieren. Wenn der uneingeschränkte U-Bootkrieg nicht
zum 1. Februar eröffnet werde, könnten sie, die beiden Generale,
die Verantwortung für den Gang der militärischen Operationen nicht
übernehmen. Auf der andern Seite seien sie bereit, die Verantwortung für
alle militärischen Folgen des uneingeschränkten U-Bootkrieges zu tragen,
auch für die Folgen eines Eingreifens der europäischen Neutralen und
Amerikas. Dem Eingreifen Amerikas legten sie übrigens keine allzu große
Bedeutung bei.
Der Chef des Admiralstabs habe sich mit seinen bekannten Argumenten mit
der größten Entschiedenheit für die Eröffnung des uneingeschränkten
U-Bootkriegs am 1. Februar eingesetzt.
Angesichts der Bestimmtheit, mit der Hindenburg und Ludendorff die
Entlastung der Fronten durch den sofortigen Beginn des uneingeschränkten
U-Bootkriegs als unerläßlich bezeichneten und mit der sie die
Verantwortung für alle militärischen Folgen des U-Bootkriegs auf
sich nahmen, und angesichts der Sicherheit, mit der nicht nur der
Chef des Admiralstabs, sondern auch die Hochseeflotte und der
früher dem uneingeschränkten U-Bootkrieg abgeneigte Staatssekretär
des Reichsmarineamtes innerhalb weniger Monate den vollen Erfolg
des uneingeschränkten U-Bootkriegs in Aussicht stellten, ja
gewährleisteten, habe er, der Kanzler, sich die Frage vorlegen müssen,
ob er vor seinem Gewissen berechtigt sei, dem Kaiser zu raten, dem
Antrag der Obersten Heeresleitung und des Admiralstabs nicht zu
entsprechen. Sein nächster Gedanke sei gewesen, seinen Abschied zu
erbitten und zu der auf abends 6 Uhr beim Kaiser angesetzten Besprechung
nicht mehr zu erscheinen. Von dieser Absicht habe er auch dem Chef des
Zivilkabinetts Mitteilung gemacht. Er habe sich jedoch, so schwer es
ihm gefallen sei, überzeugen müssen, daß er sich auf diese Weise nicht
der Verantwortung entziehen dürfe. Nachdem die Oberste Heeresleitung
die Frage so gestellt habe, daß der uneingeschränkte U-Bootkrieg
unvermeidlich geworden sei, und nachdem er dessen Verhinderung, wenn sie
überhaupt noch möglich gewesen wäre, nicht auf seine Verantwortung habe
nehmen können, sei er verpflichtet, alles zu tun, um dem U-Bootkrieg zum
Erfolg zu verhelfen. Dazu gehöre, daß sich das deutsche Volk und unsere
Verbündeten geschlossen hinter den U-Bootkrieg stellten. Wenn er wegen
der Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkriegs seinen Abschied nehme,
so werde das einerseits die Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkriegs
nicht verhindern, andrerseits den inneren Streit über den U-Bootkrieg,
der mit dem endgültigen Entschluß, den U-Bootkrieg zu machen, verstummen
müsse, geradezu auf die Spitze treiben, ja die innere Front gänzlich
zertrümmern; es werde ferner die Zustimmung unserer Bundesgenossen
für den uneingeschränkten U-Bootkrieg und damit unser Bündnissystem
selbst auf das äußerste gefährden. Auch ich müsse mir die Gewissensfrage
stellen, ob ich mit der Einreichung meines Abschieds eine Demonstration
machen dürfe, die an der bereits für den 1. Februar befohlenen Eröffnung
des uneingeschränkten U-Bootkriegs nicht das mindeste ändere, dafür aber
Verwirrung in die eigenen Reihen und in die Front unserer Bundesgenossen
tragen, bei uns das Vertrauen in den Erfolg des U-Bootkriegs schwächen
und bei unsern Gegnern und den Neutralen von vornherein Zweifel an
unserm Erfolg hervorrufen müsse; dies lediglich auf mein persönliches
Urteil hin, mit dem ich nachgerade unter den kompetenten Ratgebern der
Krone isoliert sei, und angesichts der Tatsache, daß doch auch nach
meiner Auffassung die Aussichten eines Erfolges des U-Bootkriegs sich
erheblich gebessert hätten. Ich müsse mir diese Gewissensfrage um so
mehr vorlegen, als es sich in erster Linie um eine Angelegenheit der
auswärtigen Politik und der Kriegführung handele, also um eine Frage,
die nicht in das Gebiet meiner Verantwortlichkeit falle.
Es war für mich die schwerste Entscheidung meines Lebens.
Sie wurde mir etwas erleichtert dadurch, daß der Kanzler mir die gerade
durch Wolff veröffentlichte Antwortnote der Entente an den Präsidenten
Wilson zeigte, die durch die Maßlosigkeit der angedeuteten Kriegsziele
und die Unverschämtheit der Weigerung, sich mit Deutschland auf gleichen
Fuß stellen zu lassen, jede Friedensmöglichkeit verschüttete und jeden
halbwegs unbefangenen Beurteiler von unserm Recht zur äußersten Notwehr
überzeugen mußte.
Sie wurde mir erschwert durch die Erwägung, daß es hier nur ein Entweder
-- Oder gebe: Entweder protestieren und gehen, oder bleiben, dann aber
die einmal gefallene Entscheidung hinnehmen, sich auf ihren Boden
stellen und auf diesem Boden kämpfen, wie der General seine Schuldigkeit
tut, auch wenn er bei der Feststellung des Operationsplanes seine
Ansicht nicht durchgesetzt hat.
Ich schied von dem Kanzler mit der Zusage, daß ich ihm helfen würde, die
Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkriegs vor dem Reichstag soweit zu
vertreten, wie es mir nach Lage der Dinge möglich sei.
Der im Großen Hauptquartier gefaßte Beschluß war dahin gegangen, daß
in einem näher umschriebenen Sperrgebiet um die britischen Inseln
und im Mittelmeer vom 1. Februar an der uneingeschränkte U-Bootkrieg
gegen jeglichen Seeverkehr geführt werden sollte. Der Beschluß war bis
zum letzten Augenblick geheimzuhalten. Erst am 31. Januar sollte der
uneingeschränkte U-Bootkrieg den Neutralen angekündigt werden, jedoch
mit der Maßgabe, daß neutrale Schiffe, die am 1. Februar auf der Fahrt
nach Häfen im Sperrgebiet sein sollten, während einer »angemessenen
Frist« geschont werden sollten.
Ich fand diese Art der kurzen Ankündigung ebenso sinnlos wie
provozierend. Aber die Marine hatte auf dieser Inszenierung aus
»marinetechnischen Gründen« bestanden, und die Befehle waren, als ich
davon erfuhr, schon hinausgegangen.
Mit Spannung wartete ich nun, wie Herr Wilson sich bis zur Bekanntgabe
der Eröffnung des neuen U-Bootkriegs zu der unerhörten Antwort der
Entente auf seine Friedensanregung stellen werde. Hier lag vielleicht
noch ein kleiner Funken von Hoffnung.
Am 22. Januar richtete der Präsident Wilson an den amerikanischen
Senat eine Botschaft, die er noch am selben Tage den Regierungen der
Kriegführenden übermitteln ließ. Die Botschaft gewährt in die Sinnesart
und den Gedankengang ihres Urhebers, in dessen Hände der Gang der
Geschichte damals das Schicksal des alten Europa gelegt hatte, einen
wichtigen Einblick.
Die Botschaft begann mit einer Zensur der Antworten, die die beiden
kriegführenden Gruppen auf die Friedensanregung des Präsidenten
gegeben hatten: »Die Mittelmächte erwiderten in einer Note, die
einfach besagte, daß sie bereit seien, mit ihren Gegnern zu einer
Konferenz zusammenzutreten, um die Friedensbedingungen zu erörtern.
Die Mächte der Entente haben viel ausführlicher geantwortet und, wenn
auch nur in allgemeinen Umrissen, so doch mit genügender Bestimmtheit,
um Einzelfragen einzubeziehen, die Vereinbarungen, Bürgschaften und
Wiederherstellungen angegeben, die ihnen als die unumgänglichen
Bedingungen einer befriedigenden Lösung erscheinen. Wir sind dadurch
der endgültigen Erörterung des Friedens, der den gegenwärtigen Krieg
beenden soll, um so viel nähergekommen.«
Dem Präsidenten fehlte also jedes Verständnis dafür, daß die von den
Ententemächten angedeuteten Bedingungen derart waren, daß die Entente
selbst eine Erörterung dieser Bedingungen bei dem damaligen Stande
des Krieges für ausgeschlossen hielt. Die Ausführlichkeit, mit der
die Entente ihr Eroberungs- und Vernichtungsprogramm entwickelt und
eine Friedensdiskussion mit den Mittelmächten abgelehnt hatte, war
ihm sichtlich wertvoller als die Knappheit, mit der die Mittelmächte
sich zur Erörterung eines Friedens, der lediglich Ehre, Dasein und
Entwicklungsfreiheit ihrer Völker sichern sollte, bereit erklärt hatten.
Die Bekundung einer so merkwürdigen Befangenheit war eine Bestätigung
aller Bedenken, die bisher gegen eine Wilsonsche Friedensvermittlung
laut geworden waren, und gleichzeitig eine Warnung für die Zukunft,
die später im entscheidenden Augenblick leider nicht genügend beachtet
worden ist.
Im Anschluß an diese kurze, für die Frage der Friedensverhandlungen
allein unmittelbar wichtige Einleitung entwickelte Wilson ausführlich
seine Ideen über das künftige Zusammenleben der Völker. Dem Frieden
müsse eine Neuordnung der Völkergemeinschaft folgen, an deren Aufbau die
Vereinigten Staaten sich unter allen Umständen beteiligen müßten. Die
Grundlage für diesen Neubau werde durch den Friedensschluß gelegt, der
dem Völkerkrieg ein Ende zu machen habe. Die Hauptfrage sei: Ist der
gegenwärtige Krieg ein Kampf um einen gerechten und sicheren Frieden
oder nur für ein neues Gleichgewicht der Kräfte? Nicht Gleichgewicht,
sondern Gemeinsamkeit der Macht sei notwendig, nicht organisierte
Nebenbuhlerschaft, sondern organisierter Gemeinfriede. Es müsse ein
Frieden werden ohne Sieg. Ein Siegfrieden würde von dem Unterlegenen
als Demütigung, als Härte, als unerträgliches Opfer empfunden werden
und einen Stachel, Rachsucht und bitteres Gedenken hinterlassen, auf
dem das Friedensgebäude wie auf Flugsand ruhen würde. Nur ein Friede
unter Gleichen verspreche Dauer. Die Gleichheit der Nationen müsse
eine Gleichheit der Rechte sein, ohne Unterschied zwischen Großen und
Kleinen. Das Recht müsse gegründet sein auf die gemeinsame Kraft,
nicht auf individuelle Nationen. »Die Menschheit hält jetzt Ausschau
nach der Freiheit des Lebens, nicht nach dem Gleichgewicht der Macht.«
Neben der Gleichberechtigung der organisierten Völker sei für einen
dauernden Frieden erforderlich, daß die Regierungen ihre Macht von der
Zustimmung der Regierten ableiteten. Er halte es z. B. für ausgemacht,
daß die Staatsmänner überall über die Herstellung eines einigen,
unabhängigen, selbständigen Polen einig seien. Soweit wie möglich,
sollte überdies jedes große Volk eines direkten Ausganges zu den
Heerstraßen der See versichert sein, wenn nicht durch Gebietsabtretung,
so durch Neutralisierung der Zugangswege. Die Seewege selbst müßten
gleichfalls sowohl durch gesetzliche Bestimmung, wie auch tatsächlich
frei sein. »Freiheit der Meere ist eine Conditio sine qua non für den
Frieden, für Gleichheit und Zusammenarbeit.« Wilson sprach dann weiter
von der Notwendigkeit der Rüstungsbeschränkungen zu Wasser und zu Land.
Die Rüstungsfrage sei am unmittelbarsten und einschneidendsten mit dem
künftigen Geschick der Völker und des Menschengeschlechtes verknüpft.
Das waren Gedanken von einer großen Konzeption und hohem idealem Flug.
Aber ihre Verwirklichung war abhängig, wie das Wilson auch selbst
ausgeführt hat, von der Lösung der unmittelbar praktischen Frage der
Beendigung des Weltkrieges. Und in diesem Punkte brachte Wilsons
Botschaft weniger als nichts; denn sie enthüllte nur seine völlige
Verständnislosigkeit für unsere und unserer Verbündeten Lebensrechte
und Lebensbedürfnisse und für das Ungeheuerliche der Forderungen der
Entente, die nach deren eigenem Eingeständnis nicht durch einen Frieden
ohne Sieg, sondern nur nach völliger Niederwerfung der Mittelmächte
erreichbar waren.
Allerdings schien es noch einmal, in allerletzter Stunde, als wolle und
könne Herr Wilson einen Ausweg finden.
Am Sonntag, 28. Januar 1917, ließ mich der Kanzler noch abends gegen
10 Uhr zu sich bitten. Es war ein Telegramm des Grafen Bernstorff
eingegangen, das nach meiner Erinnerung folgenden Inhalt hatte: Oberst
House habe ihm im Auftrag des Präsidenten Wilson mitgeteilt, der
Präsident gebe trotz der Ablehnung der Entente die Hoffnung nicht auf,
den Frieden zustandezubringen, und sei bereit, seine Bemühungen nach
dieser Richtung wieder aufzunehmen. Diese seine Bemühungen würden ihm
wesentlich erleichtert werden, wenn wir uns bereit fänden, ihm unsere
Friedensbedingungen mitzuteilen. Graf Bernstorff bat, unter diesen
Umständen die ihm zur Übergabe am 31. Januar bereits übermittelte Note,
enthaltend die Ankündigung des uneingeschränkten U-Bootkriegs, vorläufig
einbehalten zu dürfen, und empfahl, dem Wunsche des Präsidenten Wilson
nach Mitteilung der Friedensbedingungen zu entsprechen.
Der Kanzler, der hier noch einmal die Hoffnung aufleuchten sah,
es könne der Krieg mit Amerika vermieden und vielleicht sogar der
Friede erreicht werden, war in einer Erregung, wie ich sie nie an ihm
gesehen habe. Er war entschlossen, Wilson durch Bernstorff in großen
Umrissen die Friedensbedingungen mitzuteilen, die wir für den Fall des
Zustandekommens der von uns vorgeschlagenen Friedensverhandlungen als
unsern Vorschlag mitbringen wollten. Schwierig lag die von Bernstorff
erbetene Einbehaltung der U-Bootnote; denn die U-Boote waren längst nach
ihren Stationen, die zum Teil weit im Westen Irlands lagen, unterwegs
und wahrscheinlich nicht zu erreichen.
Der Kanzler entschloß sich, noch am gleichen Abend mit dem
Staatssekretär Zimmermann nach dem Großen Hauptquartier zu reisen.
Dort wurde ein Antworttelegramm an den Grafen Bernstorff vereinbart
des Inhalts, daß wir die neue Initiative des Präsidenten auf das
freudigste begrüßten und den Botschafter ermächtigten, dem Präsidenten
die Grundzüge unserer Friedensbedingungen, wie sie bei unserm
Friedensvorschlag vom 12. Dezember 1916 ins Auge gefaßt waren, zu
seiner persönlichen Information mitzuteilen. Dies solle gleichzeitig
mit der Übergabe der U-Bootnote geschehen. Die Zurückhaltung der
letzteren sei unmöglich, da die Boote mit den Befehlen sich bereits auf
ihren Stationen befänden und für einen Gegenbefehl größtenteils nicht
erreichbar seien. Wir seien jedoch bereit, den neuen U-Bootkrieg alsbald
einzustellen, wenn es den Bemühungen des Präsidenten gelungen sein
würde, eine Erfolg versprechende Grundlage für Friedensverhandlungen zu
sichern.
Die dem Präsidenten Wilson mitgeteilten Bedingungen, die wir zur
Grundlage von Friedensverhandlungen zu machen beabsichtigten, waren die
folgenden:
Zurückerstattung des von Frankreich besetzten Teiles von Ober-Elsaß.
Gewinnung einer Deutschland und Polen gegen Rußland strategisch und
wirtschaftlich sichernden Grenze.
Koloniale Restitution in Form einer Verständigung, die Deutschland
einen seiner Bevölkerungszahl und der Bedeutung seiner
wirtschaftlichen Interessen entsprechenden Kolonialbesitz sichert.
Rückgabe der von Deutschland besetzten französischen Gebiete unter
Vorbehalt strategischer und wirtschaftlicher Grenzberichtigungen
sowie finanzieller Kompensationen.
Wiederherstellung Belgiens unter bestimmten Garantien für die
Sicherheit Deutschlands, welche durch Verhandlungen mit der
belgischen Regierung festzustellen wären.
Wirtschaftlicher und finanzieller Ausgleich auf der Grundlage des
Austausches der beiderseits eroberten und im Friedensschluß zu
restituierenden Gebiete.
Schadloshaltung der durch den Krieg geschädigten deutschen
Unternehmungen und Privatpersonen.
Verzicht auf alle wirtschaftlichen Abmachungen und Maßnahmen,
welche ein Hindernis für den normalen Handel und Verkehr nach
Friedensschluß bilden würden, unter Abschluß entsprechender
Handelsverträge.
Sicherstellung der Freiheit der Meere.
Die deutsche Regierung erklärte sich ferner bereit, auf der Basis der
Senatsbotschaft des Präsidenten Wilson an der von ihm nach Beendigung
des Krieges angestrebten internationalen Konferenz teilzunehmen.
Das Telegramm an den Grafen Bernstorff ist am 31. Januar 1917,
unmittelbar nach Überreichung der U-Bootnote an Herrn Gerard, den
Mitgliedern des Hauptausschusses des Reichstags in geheimer Sitzung
mitgeteilt worden. Auch die Mehrheitssozialdemokraten erkannten es als
einen Versuch an, die Vereinigten Staaten dem Kriege fernzuhalten
und den Weg zum Frieden offenzuhalten. Die Grundlinien unseres
Friedensprogramms gaben wegen ihrer Bescheidenheit Anlaß zur Kritik.
Die Sprecher der beiden konservativen Parteien, der Nationalliberalen
und des Zentrums, wenn ich mich recht erinnere, auch der Freisinnigen,
sprachen den Wunsch aus, der Kanzler möge sich, wenn es nun doch noch
zu Friedensverhandlungen kommen sollte, nicht an dieses Programm für
gebunden halten.
Es kam nicht zu Friedensverhandlungen, sondern sofort nach Überreichung
der Note zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen den
Vereinigten Staaten und dem Deutschen Reiche und einige Wochen später
zur Kriegserklärung.
* * * * *
Ich habe mich bemüht, im Vorstehenden die verwickelten Zusammenhänge
zwischen den Friedensbemühungen, denjenigen der Reichsregierung wie
denjenigen Wilsons, und dem U-Bootkrieg zu entwirren und klarzulegen.
Nach bestem Wissen und Gewissen habe ich die Vorgänge dargestellt,
wie ich sie im Werden gesehen habe. Ich weiß, daß andere, darunter
auch solche Persönlichkeiten, die jene tragische Entwicklung handelnd
miterlebt haben, nicht in allen Punkten mit meiner Auffassung der
Geschehnisse übereinstimmen, ja in wesentlichen Punkten von meiner
Auffassung abweichen. Das gilt vor allem von dem Grafen Bernstorff, der
als Botschafter in den Vereinigten Staaten auf seinem Posten jenseits
des Atlantischen Ozeans die Friedensbemühungen und die zum Krieg mit
Amerika führende Entwicklung mitgemacht hat.
Graf Bernstorff war damals und ist wohl heute noch nicht nur
davon überzeugt, daß der Präsident Wilson in jener Zeit ehrlich
den Frieden wollte, sondern auch daß er den beiden kriegführenden
Parteien ohne Voreingenommenheit gegenüberstand und bereit war, einen
für uns annehmbaren und erträglichen Frieden durchzusetzen. Die
Friedensbemühungen des Präsidenten Wilson hätten nach seiner Überzeugung
zum Erfolg geführt, wenn nicht wir, die wir doch selbst den Präsidenten
fortgesetzt zur Friedensvermittlung gedrängt hätten, in dem Augenblick,
wo der Erfolg reifte, mit dem uneingeschränkten U-Bootkrieg dem
Präsidenten geradezu ins Gesicht geschlagen, jede Friedensmöglichkeit
zerstört und Amerika zum Krieg gegen uns gezwungen hätten.
Ich selbst habe bis zur letzten Möglichkeit dafür gekämpft, daß die
Entscheidung über die Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkrieges
vertagt werde, bis sich die Auswirkung unseres Friedensschrittes wie
desjenigen des Präsidenten Wilson vollkommen übersehen lasse. Wenn ich
der Auffassung des Grafen Bernstorff entgegentrete, so plädiere ich
also gewiß nicht in eigener Sache, sondern lediglich im Interesse der
Aufklärung und der geschichtlichen Wahrheit.
Ich will dem Präsidenten Wilson den ehrlichen Willen, einen nach seiner
Ansicht gerechten Frieden herbeizuführen, nicht abstreiten. Aber ich
kann ihm weder zubilligen, daß er in der Herbeiführung des Friedens
einen besonderen Eifer an den Tag legte, noch daß er -- bei allem
subjektiven Bestreben nach Gerechtigkeit -- den beiden kriegführenden
Gruppen objektiv dasselbe Maß von Verständnis und Wohlwollen
entgegenbrachte.
Anfang Mai 1916 hat nach des Botschafters Gerard eigenem Bericht der
Reichskanzler von Bethmann Hollweg diesem gegenüber die Hoffnung
ausgesprochen, der Präsident Wilson werde nunmehr groß genug sein,
sich der Sache des Friedens anzunehmen. Damals war es noch ein halbes
Jahr bis zur Präsidentenwahl; das Bevorstehen der Präsidentenwahl
konnte also noch kein ernstliches Hindernis für eine Friedensaktion
sein. Aber der Präsident tat nichts für den Frieden. Er steckte unser
Zugeständnis der Einstellung des uneingeschränkten U-Bootkriegs
ein und versuchte nicht einmal irgendeinen ernsthaften Schritt, um
England zur Rückkehr auf den Boden der völkerrechtlichen Normen des
Seekriegsrechts zu veranlassen. Die deutsche Politik ist dabei gewiß
nicht frei von Fehlern gewesen. Präsident Wilson hätte sich vielleicht
anders verhalten, wenn die Zurückführung des U-Bootkriegs auf die Formen
des Kreuzerkriegs nicht erst im Mai 1916 erfolgt wäre, nachdem die
durch die Versenkung der »Lusitania« geschaffene kritische Lage durch
die Torpedierung der »Arabic« und schließlich der »Sussex« -- um nur
die wichtigsten Fälle zu nennen -- eine heillose Erschwerung erfahren
hatte, sondern nach meinem leider nicht befolgten Vorschlag schon im
Juli-August 1915 in Beantwortung des Angebotes des Präsidenten, mit ihm
zur Wiederherstellung der Freiheit der Meere noch während des Krieges,
gegen wen es auch sei, zusammenzuwirken. Aber sei dem, wie ihm wolle
-- die Tatsache bleibt bestehen, daß der Präsident Wilson auf die von
deutscher Seite schon Anfang Mai 1916 gegebene Anregung, sich der
Sache des Friedens anzunehmen, viele Monate hindurch nichts tat, nicht
einmal eine Zusage gab, daß er etwas tun werde, daß er schließlich mit
einem Friedensschritt erst hervortrat, nachdem Deutschland und seine
Verbündeten ihrerseits den Friedensvorschlag vom 12. Dezember 1916
gemacht hatten.
Daß der Präsident Wilson in Sprache, in Lebensauffassung und
Weltanschauung dem angelsächsischen Kulturkreis angehört und
infolgedessen innerlich unsern Feinden nähersteht als uns, ist kein
Vorwurf gegen Herrn Wilson, war aber für uns eine Tatsache, die wir
ungestraft nicht übersehen durften. Daß Herr Wilson objektiv nicht mit
dem gleichen Maße messen konnte, hatte sich bald nach Kriegsausbruch
in dem ersten Depeschenwechsel zwischen dem Kaiser und dem Präsidenten
der Vereinigten Staaten gezeigt. Seit den Verhandlungen mit dem
Präsidenten vom Oktober-November 1918 über die Herbeiführung eines
Waffenstillstandes und die Anbahnung von Friedensverhandlungen
sollte auch dem größten deutschen Verehrer Wilsons klar geworden
sein, daß dieser Mann nicht imstande ist, sich von Vorurteil und
Voreingenommenheit uns gegenüber zu befreien. Was wir von Herrn Wilson
an gerechter Würdigung unserer nationalen Ehre und Lebensbedürfnisse
zu gewärtigen hatten, war schon geradezu überwältigend zum Ausdruck
gekommen in seiner Botschaft an den Senat vom 22. Januar 1917. In
dieser Botschaft tat er unsere Bekundung der Bereitwilligkeit zu
einem Frieden, der unser Verteidigungsziel verwirklichen und Ehre,
Dasein und Entwicklungsfreiheit unserer und unserer Verbündeten Völker
sichern sollte, kurzerhand ab mit der Behauptung, wir hätten auf seine
Friedensanregung »einfach« unsere Bereitwilligkeit erklärt, mit unsern
Gegnern zu einer Konferenz zusammenzutreten, während er die »viel
ausführlichere« Antwort unserer Gegner, die nichts weniger als die
Zerstücklung Österreich-Ungarns und der Türkei und die Verstümmelung
Deutschlands verlangte, als einen Schritt bezeichnete, der die
endgültige Erörterung des Friedens »so viel näher« gebracht habe!
Wenn Graf Bernstorff trotz dieser Unzweideutigkeit auch noch in der
letzten Januarwoche des Jahres 1917 der Ansicht war und heute noch,
wie es den Anschein hat, der Ansicht ist, daß Wilson damals im Begriff
gewesen sei, sich für einen für uns annehmbaren und erträglichen
Frieden einzusetzen und sich dafür mit Erfolg einzusetzen, so ist das
nur erklärlich durch die nachhaltige Wirkung von Suggestionen, denen
er seit zwei Jahren ohne das Gegengewicht einer auch nur einigermaßen
ausreichenden Fühlung mit der Heimat ausgesetzt war. Der Briefverkehr
und jede Art persönlicher Fühlung zwischen Berlin und der deutschen
Botschaft in Washington war völlig abgebunden. Die Benutzung unserer
eigenen amerikanischen Stationen für drahtlosen Verkehr hatte uns die
Regierung der Vereinigten Staaten bald nach Kriegsausbruch für jede Art
von Chiffretelegrammen unmöglich gemacht, während die britischen Kabel
unbeschränkt unsern Feinden zur Verfügung standen. Die Möglichkeit,
durch Vermittlung der amerikanischen Botschaft in Berlin und der
amerikanischen Regierung in Washington Chiffretelegramme an unsern
Botschafter gelangen zu lassen, wurde nur innerhalb der engsten Grenzen
gewährt. So ist es schließlich zu verstehen, daß unserer Vertretung
jenseits des großen Wassers der Kontakt mit dem um seine Existenz
ringenden deutschen Volke und das Augenmaß für das uns Notwendige und
Erträgliche verlorenging.
Jedenfalls stand für uns in der Heimat um die Mitte des Januar 1917
fest, daß sowohl die deutsche wie auch die amerikanische Friedensaktion
an dem unerbittlichen Eroberungs- und Vernichtungswillen unserer Feinde
gescheitert seien. Den Temperamentvolleren genügten zur Bestätigung
dieser Überzeugung bereits die Reden, mit denen die feindlichen
Staatsmänner in den unmittelbar auf den 12. Dezember 1916 folgenden
Tagen unsern Friedensvorschlag mit Spott und Hohn zurückwiesen,
jedenfalls aber die Antwortnote, die uns die Ententemächte am 31.
Dezember 1916 überreichen ließen. Für die Vorsichtigeren war jeder
Friedensversuch erledigt mit der ungeheuerlichen Antwort, die Herr
Briand namens der Ententeregierungen am 10. Januar 1917 auf den
Friedensschritt des Präsidenten Wilson dem amerikanischen Botschafter
in Paris übergab. Die Senatsbotschaft des Präsidenten Wilson vom 22.
Januar 1917 konnte diesseits des Atlantischen Ozeans nicht als eine
Fortsetzung der Friedensbemühungen, sondern lediglich als eine nur aus
unheilbarer Voreingenommenheit erklärliche Parteinahme des Präsidenten
Wilson zugunsten unserer Feinde aufgefaßt werden. Niemand in unseren
leitenden Kreisen, auch ich nicht, der ich mich bis zur Entscheidung
und über die Entscheidung hinaus gegen die alsbaldige Eröffnung des
uneingeschränkten U-Bootkriegs eingesetzt hatte, konnte nach diesen
Vorgängen noch der Meinung sein, daß man jenseits des Atlantischen
Ozeans die Friedensaktion als noch nicht erledigt ansah und an ihre
Fortsetzung dachte.
Erst das am 28. Januar abends hier eingegangene Telegramm des Grafen
Bernstorff zeigte, daß Präsident Wilson einen erneuten Friedensschritt
zu machen beabsichtigte. Auf dieses Telegramm hin ist, soweit ich
es beurteilen kann, von deutscher Seite das nach Lage der Dinge
überhaupt noch mögliche geschehen, um dem Präsidenten Wilson freies
Feld für diesen neuen Versuch zu geben. Der Präsident hat es aber
vorgezogen, trotz der Mitteilung der von uns als Grundlage für die
erste Friedensaussprache ausgearbeiteten Bedingungen und trotz unserer
Bereitwilligkeit, den uneingeschränkten U-Bootkrieg alsbald wieder
einzustellen, wenn es ihm gelungen sei, erfolgversprechende Grundlagen
für Friedensverhandlungen zu sichern, brüsk jede weitere Verhandlung
abzuschneiden und die diplomatischen Beziehungen mit uns ohne jede
weitere Begründung abzubrechen.
Es mag als ein müßiges Fragen erscheinen, ob es dem Präsidenten
Wilson, falls die Erklärung des uneingeschränkten U-Bootkriegs nicht
in jenen kritischen Tagen erfolgt wäre, gelungen wäre, den Frieden
herbeizuführen, oder ob wenigstens die Vereinigten Staaten in diesem
Falle dem Krieg ferngeblieben wären. Aber diese Fragen haben unser
ganzes Volk so sehr in seinen Tiefen erregt, daß es mir ein Bedürfnis
ist, auch hierüber ein Wort zu sagen.
Ich halte es für ausgeschlossen, daß die von Wilson gegen Ende Januar
1917 ins Auge gefaßte neue Friedensaktion zu einem für uns annehmbaren
Frieden hätte führen können. Die von der Entente aufgestellten
Bedingungen, an deren Ernsthaftigkeit wir nicht zweifeln können,
waren derart, daß nur ein gänzlich niedergebrochenes Deutschland sie
annehmen konnte. Wer hätte es damals in Deutschland wagen können,
Elsaß-Lothringen mit weiteren Teilen des linken Rheinufers und
unsere Ostmarken preiszugeben, dem deutschen Volk eine gewaltige
Kriegsentschädigung aufzuladen, uns für die Zukunft unter die
Vormundschaft der Entente zu stellen, dazu unsere Bundesgenossen in
der schnödesten Weise der Zertrümmerung preiszugeben? Auch nur ein
Status-quo-Frieden wäre nur unter den schwersten inneren Kämpfen
durchzufechten gewesen; er wäre durchgefochten worden, aber was darüber
hinausging, war schlechterdings unmöglich. Nur wenn der Präsident Wilson
bereit gewesen wäre, mit dem ganzen Schwergewicht der amerikanischen
Macht auf die Ententemächte zu drücken, um sie zu einer völligen
Sinnesänderung zu zwingen, und nur wenn er bei einem solchen Vorgehen
die Unterstützung des amerikanischen Volkes und seiner Vertretung
gefunden hätte, wäre Aussicht gewesen, zum Frieden zu kommen. Dazu
war aber Wilson, der in seiner Senatsbotschaft vom 22. Januar 1917
die unerhörten Kriegsziele der Entente als diskutabel behandelte,
ganz offensichtlich nicht bereit, ebensowenig Volk und Kongreß der
Vereinigten Staaten. Viel näher lag die Wahrscheinlichkeit eines
amerikanischen Druckes auf uns und unsere Verbündeten.
Diese Wahrscheinlichkeit lag um so näher, als sich in der am 21.
Dezember 1916 in Berlin überreichten Friedensnote der amerikanischen
Regierung der Passus fand, daß die Interessen der Vereinigten Staaten
durch den Krieg »ernstlich in Mitleidenschaft gezogen seien«, und daß
das Interesse der Union an einer baldigen Beendigung des Krieges sich
daraus ergebe, daß »sie offenkundig genötigt wäre, Bestimmungen über
den bestmöglichen Schutz ihrer Interessen zu treffen, falls der Krieg
fortdauern sollte«. Diese kaum verhüllte Drohung wurde noch deutlicher
gemacht durch ein Interview, das der Staatssekretär Lansing bald
darauf Vertretern der amerikanischen Presse gewährte und in dem er mit
unzweideutigem Hinweis auf Deutschland sagte, Amerika stehe nahe am
Krieg.
Es ist also auf der einen Seite so gut wie ausgeschlossen, daß der
Präsident Wilson, auch wenn wir damals den uneingeschränkten U-Bootkrieg
nicht gemacht hätten, der Welt den Frieden gebracht hätte. Auf der
andern Seite ist es nicht völlig ausgeschlossen, daß gerade aus der
Fortsetzung der Wilsonschen Friedensaktion der Krieg zwischen Amerika
und Deutschland entstanden wäre, der nun aus der Veranlassung des
U-Bootkriegs entstanden ist.
Ich bedaure es, daß die Sachlage, die im Januar 1917 zur Klärung
drängte, infolge der überstürzten Eröffnung des uneingeschränkten
U-Bootkriegs wohl niemals in einer den letzten Zweifel ausschließenden
Weise wird aufgehellt werden können. Für mich selbst steht aus dem
Miterleben jener kritischen Epoche unerschütterlich fest: Wilsons
geschichtliche Mission, der Welt zu einem Frieden unter Gleichen zu
verhelfen, ist gescheitert an seiner Verständnislosigkeit für unsere
Lebensrechte und Lebensnotwendigkeiten, gescheitert nicht erst in den
schwarzen Oktober- und Novemberwochen 1918, sondern schon um die Wende
der Jahre 1916 und 1917.
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Diese Ausführungen waren niedergeschrieben und gedruckt vor der
Bekanntgabe der unter Wilsons Mitwirkung zustandegekommenen
Friedensbedingungen der gegen uns verbündeten Mächte. Diese Bedingungen
sind eine Bestätigung des oben ausgesprochenen Urteils.
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