Die aus der allgemeinen Lage sich ergebende Notwendigkeit der äußersten
Anspannung aller Kräfte wurde in der zweiten Hälfte des Jahres 1916
verstärkt durch eine ernste Krisis der Munitionserzeugung.
Mit bewundernswerter Umsicht und Tatkraft hatte die deutsche
Eisenindustrie gleich nach Beginn des Krieges die gewaltige Aufgabe
der Versorgung unseres Heeres mit Kriegsgerät aller Art in Angriff
genommen und bewältigt. Der Verbrauch an Munition, namentlich an
Artilleriemunition, überstieg von Anfang an alle Begriffe. Die
vorhandenen Bestände waren rasch aufgebraucht, die bestehenden
Einrichtungen für die Herstellung von Artilleriemunition vermochten
mit dem riesenhaften Bedarf nicht entfernt Schritt zu halten. Im
September und Oktober 1914 machte die Munitionsversorgung des Heeres
eine schwere Krisis durch, die unsere militärischen Operationen auf
das äußerste beeinträchtigte, ja verhängnisvoll zu werden drohte.
Alles, was in der deutschen Eisenindustrie irgendwie der Herstellung
von Granaten dienstbar gemacht werden konnte, wurde herangeholt. Man
half sich mit Graugußgranaten, die zwar gegenüber den Stahlgranaten
geringwertig sind, aber rasch in großen Mengen hergestellt werden
konnten. Gleichzeitig wurden die Einrichtungen für die Herstellung von
Stahlgranaten in einem Maße ausgebaut, daß nach verhältnismäßig kurzer
Zeit für diese Fabrikation mehr als 90 Werke zur Verfügung standen,
gegenüber 7 bei Kriegsausbruch. Auch die Belieferung dieser Werke mit
Rohstahl gestaltete sich befriedigend. Zwar hatte unsere Eisen- und
Stahlerzeugung unmittelbar nach Kriegsausbruch einen schweren Rückgang
erfahren. Die Flußstahlerzeugung war von 1628000 Tonnen im Juli 1914
auf 567000 Tonnen im August herabgesunken. Aber den Anstrengungen der
Industrie und dem verständnisvollen Entgegenkommen der Heeresleitung
in der Freigabe von Arbeitskräften war es gelungen, die Stahlerzeugung
bald wieder zu heben; im Sommer 1916 erreichte sie etwa 1400000 Tonnen
im Monat, also etwa 85% der Friedenserzeugung. Eine besondere Förderung
hatte die Herstellung der Stahlgranaten dadurch erfahren, daß es
gelungen war, als Rohmaterial Thomasstahl an Stelle des immer knapper
werdenden Siemens-Martin-Stahls zu verwenden.
Die Klagen über ungenügende Munitionsversorgung waren so allmählich
verstummt. Lange Zeit hindurch schien die Munitionserzeugung den Bedarf
des Feldheeres ausreichend zu decken. Noch im Mai 1916 versicherte
mir der damalige Kriegsminister, General Wild von Hohenborn, als ich
mich bei ihm über die Wirkungen des gewaltigen Munitionsverbrauches
vor Verdun erkundigte, daß unsere Munitionsvorräte und unsere
Munitionserzeugung jeder Eventualität gewachsen seien.
Da begann am 1. Juli die Schlacht an der Somme, die erste ganz
große Materialschlacht. Engländer und Franzosen entwickelten
eine Überlegenheit an Artillerie und Munition, von der man sich
bei uns offenbar weder bei der Obersten Heeresleitung noch beim
Kriegsministerium und der Feldzeugmeisterei eine auch nur annähernde
Vorstellung gemacht hatte. Wie wenig unsere maßgebenden militärischen
Kreise mit einer solchen Steigerung des Munitionsbedarfes gerechnet
hatten, ergibt sich daraus, daß die Feldzeugmeisterei keinerlei Eile
zeigte, die am 30. Juni 1916 ablaufenden Verträge über die Lieferung von
Granaten aus Thomasstahl zu erneuern, obwohl der Vorstand des Vereins
Deutscher Eisenhüttenleute schon Monate vorher auf den Ablauf der
Verträge hingewiesen und auf rechtzeitige Erneuerung gedrängt hatte. Als
die Entscheidung ausblieb, richtete der Vorstand des genannten Vereins
im Juni noch einmal eine dringende Anfrage an die Feldzeugmeisterei
und erhielt darauf am 2. Juli die Antwort, eine Weiterlieferung von
Thomasstahl für die Granatfabrikation sei nicht beabsichtigt. Vierzehn
Tage später, am 16. Juli, erhielt der Verein ein dringendes Telegramm
des Inhalts, es liege die zwingende Notwendigkeit vor, Geschosse
aus Thomasstahl in großen Mengen zu beschaffen; es werde umgehende
Feststellung der Höchstmengen, die geliefert werden könnten, erbeten.
Drei Tage darauf fand eine Versammlung der Thomaswerke statt, bei der
die Militärbehörde den dringendsten Monatsbedarf an Thomasrundstahl
für die Granatenfabrikation auf ein Vielfaches dessen bezifferte, was
die Thomaswerke leisten konnten. Außerdem ergab sich, daß es in den
dringenden Bestellungen der Militärbehörden auf die verschiedenen
Arten von Stahlerzeugnissen -- Granaten, Wurfminen, Minenwerfer, Draht
usw. -- an der erforderlichen Einheitlichkeit fehlte, so daß die
einzelnen Stellen sich in der Nachfrage nach dem Rohmaterial gegenseitig
Konkurrenz machten.
Die neuen Anforderungen der Heeresverwaltung übertrafen in ihrem
Umfang bei weitem alles bisher Dagewesene. Die Stahlindustrie zeigte
sich sofort bereit, jede andere Arbeit, auch die Lieferungen an das
neutrale Ausland, zurückzustellen und die zur Bewältigung des neuen
Munitionsbedarfes erforderliche Umstellung ihrer Betriebe, die an
Umfang selbst die Umstellung der Industrie zu Anfang des Krieges
übertraf, mit jeder möglichen Beschleunigung durchzuführen. Über die
Voraussetzungen -- Freigabe der erforderlichen Facharbeiter und der
notwendigen Rohstoffe, einheitliche Disposition in den Bestellungen
der Heeresverwaltung auf Stahlerzeugnisse, Zurückstellung des Bedarfs
für andere Zwecke, z. B. des Schienenbedarfs des Eisenbahn-Zentralamts
-- war für den 18. August eine abschließende Besprechung im
Kriegsministerium vereinbart. Die Besprechung verlief ohne positives
Ergebnis, da, wie mir von Teilnehmern an der Beratung mitgeteilt worden
ist, weder der den Vorsitz führende Vertreter des Kriegsministeriums,
ein Major, noch der Vertreter der Feldzeugmeisterei und des
Ingenieurkorps genügend orientiert waren.
In diesem Stadium wurde ich zum erstenmal mit der Angelegenheit durch
Vertreter der Industrie befaßt. Ich erteilte den Herren, die über die
Behandlung dieser unabsehbar wichtigen Frage auf das äußerste erregt
waren, den Rat, sich alsbald an den stellvertretenden Kriegsminister
-- der Kriegsminister selbst befand sich im Großen Hauptquartier --
zu wenden, in der Überzeugung, daß dieser sofort durchgreifen würde.
Ich stieß mit diesem Rat auf Bedenken und Zweifel, aber die Herren
sagten zu, den Vorschlag alsbald an ihre Verbände weiterzugeben. Wenige
Tage darauf erhielt ich die Nachricht, man habe meinen Rat insofern
befolgt, als man den Kriegsminister telegraphisch gebeten habe, in
der Munitionsangelegenheit alsbald zwei Vertreter der Eisen- und
Stahlindustrie im Großen Hauptquartier zu empfangen. Die Antwort habe
gelautet, der Kriegsminister sei zur Zeit an der Ostfront festgehalten
und gebe anheim, bei dem stellvertretenden Kriegsminister in Berlin
vorstellig zu werden. Ein erneutes persönliches Telegramm des Herrn
Krupp von Bohlen und Halbach an den Kriegsminister hatte die erneute
Verweisung an dessen Stellvertreter zur Folge.
Der Verein Deutscher Eisenhüttenleute legte nun seine Auffassung der
Lage und seine Vorschläge in einer vom 23. August 1916 datierten
Denkschrift nieder, die dem Kriegsminister und wohl auch andern
maßgebenden militärischen Persönlichkeiten zugestellt wurde. Auch mir
wurde auf meinen Wunsch ein Exemplar überlassen. Schon vorher hatte ich
dem Reichskanzler, der im Begriff war, nach dem Großen Hauptquartier zu
reisen, über die Angelegenheit Vortrag gehalten und ihm anheimgestellt,
den Chef des Generalstabs -- damals noch General von Falkenhayn -- und
den Kriegsminister auf den Ernst der Lage und auf die Notwendigkeit
einer Reorganisation der Materialbestellung hinzuweisen.
Wenige Tage darauf war der General von Falkenhayn als Generalstabschef
durch den Generalfeldmarschall von Hindenburg ersetzt. Als der
Kanzler am 28. August, noch ohne Kenntnis des Wechsels, abermals nach
dem Hauptquartier fuhr, gab ich ihm die mir inzwischen zugegangene
Denkschrift des Vereins Deutscher Eisenhüttenleute mit. Der Kanzler
fand den Generalfeldmarschall und den General Ludendorff bereits
orientiert und fest entschlossen, durchzugreifen. Am 31. August
richtete der Feldmarschall an den Kriegsminister ein Schreiben, in
dem er das stärkste Kraftaufgebot zur Steigerung der Munitions- und
Waffenherstellung verlangte. Dem Kanzler gab der Feldmarschall eine
Abschrift.
Ich schrieb darauf an den General Ludendorff am 3. September 1916 einen
Brief, in dem es hieß:
»Ich bin über die auf diesem Gebiet vorliegenden großen Schwierigkeiten
durch unsere Industriellen unterrichtet. Mein Eindruck ist, daß die
volle Leistungsfähigkeit unserer Industrie nur dann ausgenutzt werden
kann, wenn
1. die nötigen Facharbeiter aus der Front der Industrie schleunigst
zur Verfügung gestellt werden,