Bewirtschaftung der Rohstoffe

Auf dem Gebiet der industriellen Rohstoffe führte die gleich zu

Beginn des Krieges eingerichtete Kriegsrohstoff-Abteilung des

Kriegsministeriums.

Hier mußten mit raschem Zugriff die vorhandenen Bestände an nicht

beliebig vermehrbaren kriegswichtigen Rohstoffen für die Heereszwecke

sichergestellt werden. Es handelte sich vor allem um die in Deutschland

nicht vorkommenden oder nur in beschränktem Umfang zu gewinnenden

Mineralien, die sogenannten »Sparmetalle«, und um die Textilrohstoffe.

Die Erfassung erfolgte zunächst im Weg der Beschlagnahme. Mit der

Beschlagnahme, die noch nicht gleichbedeutend mit Enteignung ist, wird

dem Eigentümer das Recht der beliebigen Veräußerung und Verarbeitung

des beschlagnahmten Materials entzogen. In zahlreichen Fällen hat die

Kriegsrohstoff-Abteilung von einer Enteignung abgesehen und lediglich

die Verwendung reguliert und kontrolliert. In andern Fällen sah sie

sich zu der Überführung der Bestände in Staatseigentum veranlaßt. Die

Notwendigkeit hierzu lag besonders dann vor, wenn nicht nur auf die

Vorräte der Industrie und des Handels, sondern auch auf die bereits in

den Gebrauch übergegangenen Bestände von Haushaltungen, Betrieben usw.

zurückgegriffen werden mußte, wie bei Kupfer und Kupferlegierungen,

Nickel, Zinn.

Für die Verteilung und die Verwendungsregulierung waren die auf

Grund der Bestandsaufnahmen und Bedarfsanmeldungen aufgestellten

Wirtschaftspläne maßgebend. Bei der Aufstellung dieser Wirtschaftspläne

hieß es, sich nach der Decke strecken, den angemeldeten Bedarf nach

seiner Dringlichkeit klassifizieren, nach Ersatzmöglichkeiten suchen

und jedenfalls so zu disponieren, daß in der Lieferung der notwendigen

Heeresausrüstung keine Stockung eintreten konnte.

Wie auf dem Gebiet des Ernährungswesens, so waren auch hier die zu

lösenden Aufgaben teils behördlicher, teils kommerzieller Natur. Die

Anordnungen von Bestandserhebungen, Beschlagnahmen und Enteignungen,

die Festsetzung der Preise, die Aufstellung der Wirtschaftspläne und

der Verteilungsschlüssel konnten nur von einer Behörde ausgehen,

die sich dabei natürlich der Beratung der beteiligten Industrie-

und Handelskreise bedienen mußte. Dagegen war die Abnahme und

Bezahlung der zu beschaffenden Materialien sowohl im Inland, wie

namentlich auch in den besetzten Gebieten, in den Ländern unserer

Bundesgenossen und der uns zugänglichen Neutralen, ferner die

Verfrachtung, Einlagerung, Sortierung ein kaufmännisches Geschäft großen

Stils, für dessen Bewältigung besondere Organe aus den beteiligten

Wirtschaftskreisen geschaffen werden mußten, die sogenannten

»Kriegsrohstoff-Gesellschaften«.

Schon die Erfassung der kriegswichtigen Rohstoffe für den Heeresbedarf

griff stark ein in die Versorgung der Zivilbevölkerung. Das gilt

vor allem für die Erfassung der Faserstoffe und des Leders. Für

die Verteilung des von der Heeresverwaltung für die Versorgung der

Zivilbevölkerung freigegebenen Leders mußte im Frühjahr 1916 eine

besondere Organisation geschaffen werden. Noch stärker wurde die

Versorgung der Zivilbevölkerung in Mitleidenschaft gezogen, als

es sich notwendig zeigte, im Heeresinteresse die Hand auch auf

Fertigfabrikate der Textilindustrie zu legen. Nachdem am 1. Februar 1916

die Heeresverwaltung die Beschlagnahme der Anzugstoffe, Futterstoffe,

Wäsche, Unterkleider usw. verfügt hatte, wurde eine umfassende

Regelung der Versorgung der Zivilbevölkerung mit Kleidung und Wäsche

unaufschiebbar. Zu diesem Zweck wurde die »Reichsbekleidungsstelle«

ins Leben gerufen, der die dornenvolle Aufgabe zufiel, die

notwendig gewordene Einschränkung des Verbrauches im Wege des der

Lebensmittelkarte nachgebildeten, auf dem Gebiet der Bekleidung aber

viel schwerer anwendbaren Bezugsscheins durchzuführen und gleichzeitig

für die weitestmögliche Nutzbarmachung des hier besonders wichtigen

Altmaterials an Stoffen und Kleidern zu sorgen.

So entstanden, gerade in der Zeit, in der ich das Reichsamt des Innern

übernahm, für die Zivilverwaltung auch außerhalb des Gebietes der

Volksernährung neue große Aufgaben.

Diese Aufgaben wuchsen, als die immer stärker werdende Knappheit der

Rohstoffe und der Arbeitskräfte eine Beschränkung auf die Regelung des

Verbrauchs nicht mehr angängig erscheinen ließ.

Schon die Verteilung der allzu knapp gewordenen Rohstoffe auf die

einzelnen Betriebe durch die Kriegsrohstoff-Abteilung hatte einen

starken Einfluß auf die Betriebe selbst ausgeübt. Es waren zwei

verschiedene Wege gangbar: entweder die Verteilung auf sämtliche

vorhandenen Betriebe nach Maßgabe ihrer Leistungsfähigkeit, was zur

Folge haben mußte, daß alle Betriebe des betreffenden Industriezweiges

nur teilweise beschäftigt wurden; oder die Zuweisung des Rohstoffs an

einzelne besonders leistungsfähige Betriebe bis zur Vollbeschäftigung

unter Stillegung der weniger leistungsfähigen. Wirtschaftlich

rationeller ist das zweite System; denn es ermöglicht die gleiche

Leistung bei geringerem Aufwand von Arbeit, Kohle usw. Dagegen sprachen

gewisse soziale Rücksichten für das erstere System, da dieses keinen

Betrieb gegenüber den andern in Nachteil brachte und die Entlassung von

Arbeitern durch Kürzung der Arbeitszeit vermeiden ließ.

Solange kein Mangel an Arbeitskräften und keine Knappheit an Kohlen

bestand, mochte man dem ersteren System den Vorzug geben. Das ist in

der Tat in der ersten Periode der Kriegswirtschaft ganz vorwiegend

geschehen. Vor allem in der mit Rohstoffen besonders knapp versehenen

Textilindustrie, ebenso in der Schuhwarenindustrie hielt man auf eine

gleichmäßige Verteilung der Beschäftigung; das bedingte eine wesentliche

Verkürzung der Arbeitszeit, die unter Gewährung von Zuschüssen aus

öffentlichen Mitteln zu den Arbeitslöhnen durchgeführt wurde.

Als aber der wachsende Bedarf an Kriegsgerät die Nachfrage nach

Arbeitskräften immer mehr steigerte, als die äußerste Sparsamkeit mit

Kohle und andern Betriebsstoffen immer dringlicher wurde, ließ sich der

Übergang zu dem wirtschaftlich rationellen System der Vollbeschäftigung

der Höchstleistungsbetriebe und der Stillegung der weniger

leistungsfähigen Unternehmungen trotz aller sozialen Bedenken nicht

mehr vermeiden. Den entscheidenden Umschwung brachte das sogenannte

»Hindenburg-Programm« in Verbindung mit dem Hilfsdienstgesetz und die im

Winter 1916/17 scharf einsetzende Kohlenknappheit.

Schon vorher aber erschienen mir Eingriffe in die Struktur einzelner

Industriezweige im Interesse der Steigerung der Nutzwirkung aller Kräfte

und Stoffe und der Vermeidung unwirtschaftlichen Arbeits-, Kapitals- und

Materialaufwandes angezeigt.

Zunächst wurde angesichts des Mangels an Arbeitskräften im Kalibergbau

ein Verbot des Abteufens von neuen Schächten erlassen (8. Juni 1916).

Dann wurden Neubauten und Erweiterungsbauten von Zementfabriken

beschränkt (29. Juni 1916), um den angesichts der Nichterneuerung

der Syndikatsverträge zu befürchtenden irrationellen Arbeits- und

Kapitalaufwand für den Bau neuer oder die Vergrößerung bestehender

Werke zu verhindern. In der gleichen Richtung zielten meine Bemühungen

bei den Bundesregierungen und Generalkommandos, eine Zurückstellung

aller nicht kriegswichtigen Hoch- und Tiefbauten behufs Freisetzung von

Arbeitskräften und Ersparnis von Material zu erreichen. Schließlich

erwähne ich die Durchführung des wirtschaftlich rationellen Prinzips

der Beschäftigung einer Auswahl leistungsfähiger Fabriken in der

Seifenindustrie, die im Frieden nicht weniger als 2000 Betriebe

überwiegend kleinster Art beschäftigt hatte. Von diesen wurden jetzt

nur ganz wenige leistungsfähige Betriebe mit Fetten weiter beliefert,

während die stillgelegten Betriebe das Recht erhielten, von den

arbeitenden Fabriken Fertigprodukte zu Vorzugspreisen zu beziehen und

mit ihren eigenen Packungen in Verkehr zu bringen (Verordnung vom 21.

Juli 1916). Eine ähnliche Regelung wurde für die Schuhindustrie in die

Wege geleitet.

Bei einem wichtigen Gewerbe allerdings mußte ich aus zwingenden Gründen

des öffentlichen Wohles im entgegengesetzten Sinne, zum Zweck der

Erhaltung gerade der kleinen und weniger leistungsfähigen Betriebe,

eingreifen: beim Zeitungsgewerbe.

Es war die wachsende Knappheit der Rohstoffe der Papierfabrikation,

und späterhin auch der Kohle, die auf diesem Gebiet ein Eingreifen

nötig machte. Die Bemühungen, die Beschaffung und Verarbeitung der

Rohstoffe in ausreichendem Umfang zu sichern, hatten keinen vollen

Erfolg. Es fehlte in Deutschland an Arbeitskräften für den Einschlag

von Papierholz; der Bedarf des Heeres an Holz für die Schützengräben

usw. nahm immer größeren Umfang an, und der Bezug von Papierholz,

Zellstoff und Druckpapier aus dem Ausland wurde durch Ausfuhrverbote

erheblich eingeschränkt. Um das Papier konkurrierten mit den Zeitungen

neue wichtige Industrien: einmal die Fabrikation von Papiergarn, von

dem immer wachsende Quantitäten benötigt wurden, vor allem für die

Herstellung von Sandsäcken für die Schützengräben; dann die Verwendung

von Papier im Nitrierverfahren zur Herstellung von rauchlosem Pulver.

Die aus diesen Verhältnissen sich ergebende starke Erhöhung der

Rohstoffpreise und damit der Druckpapierpreise traf das Zeitungsgewerbe

um so schwerer, als seine finanziellen Grundlagen durch den Ausfall

von Einnahmen aus Inseraten ohnedies erschüttert waren. Um das

Forterscheinen der Zeitungen, namentlich auch der am schwersten

bedrohten mittleren und kleineren Zeitungen, zu ermöglichen,

entschloß ich mich im Frühjahr 1916 noch in meiner Eigenschaft

als Reichsschatzsekretär, Reichszuschüsse zur Verbilligung des

Druckpapierpreises zu bewilligen.

Aber damit war nur der finanzielle Teil der Schwierigkeiten überwunden,

nicht aber die Knappheit an Druckpapier, die trotz aller Gegenmaßnahmen

so stark wurde, daß der Wettbewerb um die verfügbaren Mengen einen

Teil der Presse einfach auszuschalten drohte. Eine planmäßige

Einschränkung des Verbrauchs von Druckpapier durch das Reich war

um so mehr geboten, als dafür gesorgt werden mußte, daß die recht

erheblichen Reichszuschüsse zur Verbilligung des Zeitungspapiers

ihren Zweck der Erhaltung der deutschen Presse in ihrer Gesamtheit

erfüllten und nicht nur den im freien Wettbewerb um das Papier stärkeren

Zeitungsunternehmungen zugutekämen.

Als Organ für eine sachgemäße Regelung wurde im April 1916 die

»Kriegswirtschaftsstelle für das deutsche Zeitungsgewerbe« geschaffen

und zunächst mit der Feststellung der tatsächlichen Verhältnisse

von Bedarf und Versorgung betraut. Nachdem ich das Reichsamt des

Innern übernommen hatte, wurde der Kriegswirtschaftsstelle ein

Beirat, bestehend aus Vertretern des Zeitungsgewerbes und der

Papierindustrie, beigegeben. Die notwendig gewordene Kontingentierung

des Papierverbrauchs der einzelnen Zeitungen wurde unter Mitwirkung des

Beirats durchgeführt. Eine gleichmäßige Einschränkung aller Zeitungen

um einen bestimmten Prozentsatz ließ sich dabei nicht ermöglichen,

weil die kleinen und mittleren Blätter, die nur in einem bescheidenen,

kaum zu verkürzenden Umfang erschienen, durch den notwendigen Abstrich

einfach zum Tode verurteilt worden wären, während die Zeitungen mit

einer Tagesausgabe von vielen Druckseiten eine stärkere Einschränkung

eher ertragen konnten. Die kleine und mittlere Lokalpresse mußte aber

aus naheliegenden und zwingenden Gründen unter allen Umständen am

Leben gehalten werden. Die gegebene und auch von dem Beirat mit großer

Mehrheit gebilligte Lösung war eine gestaffelte Kontingentierung,

die den Verbrauch der in größeren Ausgaben erscheinenden Zeitungen

stufenweise stärker einschränkte als den Verbrauch der Blätter mit

kleiner Ausgabe.

Ich bin wegen dieser Regelung späterhin, als infolge der Kohlennot

die Kontingentierung schärfer angespannt werden mußte, von einem Teil

der großen Presse heftig angegriffen worden; ja eine Anzahl Berliner

Organe hat sich damals zu einer Art Streik gegen mich zusammengetan und

verabredet, von meiner im März 1917 im Reichstag zum Etat des Reichsamts

des Innern gehaltenen Rede über unsere Kriegswirtschaft keinerlei Notiz

zu nehmen. Heute denkt wohl mancher von denen, die mich damals so scharf

befehdeten, etwas milder; denn es ist mir nicht bekannt, daß nach

meinem Ausscheiden aus dem Reichsamt des Innern eine bessere Lösung der

Druckpapierfrage gefunden worden wäre.

Die Zeitungsangelegenheit war ein Sonderfall ganz eigener Art. Die

Presse als Ganzes konnte ihre Funktionen, die im Kriege noch so viel

bedeutungsvoller waren als im Frieden, nur dann erfüllen, wenn auch ihre

über das ganze Land verteilten kleinen Organe erhalten blieben. Die

Erzielung einer stärkeren Nutzwirkung von Kräften und Stoffen im Wege

einer Konzentration der Produktion in wenigen besonders leistungsfähigen

Betrieben verbot sich also hier durch die Natur der von der Presse zu

vollbringenden Leistung. Überall aber, wo solche besonderen Verhältnisse

nicht vorlagen, verlangten die immer gewaltiger anwachsenden Ansprüche

des Krieges geradezu gebieterisch, daß aus Menschen und Stoffen das

Höchstmaß von Nutzwirkung herausgeholt werde. Die Entwicklung drängte

also zu der Verwirklichung der Grundsätze hin, die gegen Ende des Jahres

1916 im »vaterländischen Hilfsdienst« eine gesetzliche Formel gefunden

haben.

Der Weltkrieg, II. Band Vom Kriegsausbruch bis zum uneingeschränkten U-Bootkrieg · 第 38 / 57 题