Die Technik im Dienst der Kriegswirtschaft

Wissenschaft, angewandte Technik und Unternehmungsgeist hatten sich in

Deutschland seit den Zeiten eines Werner von Siemens zusammengefunden

und in gemeinschaftlicher, sich ergänzender und fördernder Arbeit

die deutsche Volkswirtschaft in den letzten Jahrzehnten zu den von

aller Welt bestaunten und beneideten Fortschritten befähigt. Jetzt

galt es, alle diese Kräfte zur äußersten Leistung anzuspannen, um

eine Aufgabe zu lösen, so schwer, wie sie niemals in der Geschichte

einem Volke gestellt worden ist: Das Leben und die Wirtschaft eines

Siebzig-Millionen-Volkes, die bisher auf der freien Verfügung über die

Naturschätze und Naturerzeugnisse des ganzen Erdballes aufgebaut waren,

unter den drängenden Anforderungen und gewaltigen Erschwernissen des

Krieges durch die denkbar stärkste Ausnutzung der nach Art und Menge

beschränkten Hilfsquellen des eigenen Landes aufrechtzuerhalten.

Es war, wie wenn die Not des Vaterlandes die Kräfte des deutschen

Genius vervielfacht hätte. Überall mühten sich die besten Köpfe, um

den Lebensspielraum, den uns der Feind mit brutaler Gewalt bis zur

Erdrosselung einengte, durch die Macht schöpferischen Geistes zu weiten.

Niemals sind in gleich kurzer Zeit neue Erfindungen und neue Verfahren

in ähnlicher Fülle ausgedacht, ausprobiert und ins Werk gesetzt worden,

ist die Nutzwirkung von Arbeit und Stoff in ähnlichem Ausmaß gesteigert

und vervollkommnet worden. Und wenn schließlich trotzdem das erdrückende

Übergewicht der Zahl und der Masse in diesem Völkerringen den letzten

Ausschlag gegeben hat, so bleiben jene Leistungen doch für alle Zeiten

ein unzerstörbarer Ruhmestitel deutschen Geistes und eine Gewähr für

eine bessere Zukunft.

Es ist nicht möglich, hier eine ins einzelne gehende Darstellung, ja

auch nur eine einigermaßen vollständige Übersicht des auf dem weiten

Gebiete der Steigerung unserer nationalen Produktionskraft Geleisteten

zu geben. Nur einige der wichtigsten Fortschritte und Errungenschaften

seien angedeutet.

Von der Schaffung gewaltiger Anlagen zur Gewinnung von Stickstoff aus

der Luft, die uns überhaupt erst die Möglichkeit gaben, den ungeheuren

und ständig wachsenden Bedarf unseres Heeres an Munition zu decken und

daneben unsere Landwirtschaft mit dem unentbehrlichen Stickstoffdünger

zu versehen, habe ich in anderem Zusammenhang bereits gesprochen. Ebenso

von den Anlagen zur Gewinnung von Aluminium aus gewöhnlicher deutscher

Tonerde. Ich hätte hier noch zu erwähnen, daß das Kalziumkarbid, das als

Zwischenprodukt für den Kalkstickstoff gewonnen wird, auch Verwendung

als Ersatz für fehlende oder knappe Stoffe anderer Art gefunden hat;

so als Beleuchtungsmittel an Stelle von Petroleum und Spiritus, ferner

als Ersatz für wichtige ausländische Metalle in der Stahlfabrikation,

ja sogar als Hilfsstoff für die Herstellung von künstlichem Gummi

und als Rohstoff für die Herstellung von Spiritus. Aluminium hat als

Ersatz für das immer knapper werdende Kupfer, vor allem auch bei der

Munitionsherstellung und in der elektrischen Industrie große Dienste

geleistet. Die nahezu völlige Unterbindung der Zufuhr von Rohgummi

wurde uns erträglich gemacht durch die während des Krieges erfundenen

Verfahren zur Herstellung von künstlichem Gummi und die Vervollkommnung

der Regeneration von Altgummi. Wenn auch das künstliche Produkt nur

für Hartgummi ein vollständiger Ersatz ist, so ist doch der Bedarf

an Naturgummi durch diese Verfahren auf einen so bescheidenen Umfang

beschränkt worden, daß wir während des Krieges unser Auskommen gefunden

haben und weiter gefunden hätten.

Die Textilindustrie, und mit ihr die Bekleidung der deutschen

Bevölkerung, ist vor einem Zusammenbruch bewahrt worden durch die

zahlreichen Verfahren, die aus der Holzfaser neue Spinnstoffe geschaffen

haben (Textilose, Papiergarne, Typhafaser, Zellulosegarn). Diese

Verfahren haben ferner die Möglichkeit geschaffen, Landwirtschaft und

Industrie mit Packmaterial und das Heer mit den im Stellungskrieg in

so großen Mengen benötigten Sandsäcken zu versorgen. Das neu erfundene

Verfahren des Nitrierens von Zellulose hat uns von der Baumwolle als

Rohstoff für das rauchlose Pulver unabhängig gemacht.

Auf dem Gebiete der Landwirtschaft richteten sich die Anstrengungen,

abgesehen von der bereits erwähnten Herstellung von Stickstoffdünger,

auf die Beschaffung von Futtermitteln, da in diesen unsere Versorgung

durch die Unterbindung der ausländischen Zufuhren am schwersten

gefährdet war. Zunächst suchte man durch die möglichste Ausdehnung der

Kartoffeltrocknung Futterstoffe zu erhalten, die bisher in großem Umfang

durch Fäulnis zugrunde gegangen waren. Das Trocknungsverfahren wurde

im Laufe des Krieges auch auf zahlreiche andere bisher als wertlose

Abfälle behandelte Erzeugnisse, so auf Rübenkraut, Kartoffelkraut und

ähnliches mehr mit großem Erfolg ausgedehnt. Zu dem Trocknungsverfahren

kam bald hinzu die künstliche Herstellung von Kraftfuttermitteln, vor

allem die Herstellung von Mineralhefe (als Futterhefe und als Nährhefe)

und die Herstellung von Strohkraftfutter im Wege der Strohaufschließung,

schließlich die Herstellung von Kraftfutter aus Tierkadavern, Knochen

und bisher unverwerteten Abfällen aller Art. In ähnlicher Weise

ist unsere auf das äußerste bedrohte Versorgung mit Ölen durch die

sparsamste Ausnutzung aller ölhaltigen Samen und Kerne sowie durch neue

Verfahren der Ölgewinnung aus animalischen Stoffen und mineralischen

Substanzen (Schiefer) nicht unerheblich aufgebessert worden.

Auf den meisten dieser Gebiete hatte das Reich, und vor allem das

mir anvertraute Amt, anregend und zusammenfassend, fördernd und

organisierend mitzuarbeiten. Kaum ein anderer Teil der Geschäfte, die

ich als Reichsschatzsekretär und Staatssekretär des Innern zu leiten

hatte, hat mir die gleiche innere Befriedigung gewährt, wie die mir

leider nur in engen Grenzen mögliche Mitarbeit an diesen schöpferischen

Leistungen, als deren äußersten Kontrast ich, je länger desto mehr, die

endlosen und größtenteils fruchtlosen Parlamentsdebatten empfand. Ich

mag im Reichstag manchmal kurz angebunden und schroff gewesen sein; aber

das war dann meistens der Ausfluß einer mühsam unterdrückten inneren

Auflehnung gegen die Vergeudung von Zeit und Kraft in unfruchtbaren

Debatten; während die dringendsten und wichtigsten Arbeiten warten

mußten und zu Schaden kamen.

Der Weltkrieg, II. Band Vom Kriegsausbruch bis zum uneingeschränkten U-Bootkrieg · 第 35 / 57 题