Der Wirtschaftskampf um die Neutralen

Die Mittel des Gegendruckes, die uns gegenüber dem Druck Englands auf

die Neutralen zur Verfügung standen, waren bescheiden. Die Zeiten, in

denen der Verkäufer im allgemeinen in der schlechteren Lage ist als der

Käufer, in denen die Konkurrenz des Angebots meist größer ist als die

Nachfrage, waren mit Kriegsausbruch vorbei. Von jetzt ab beherrschte der

Warenhunger den internationalen Handel. Auch für die Neutralen war jetzt

die erste Frage nicht mehr: »Was kann ich dir verkaufen?« sondern: »Was

kannst du mir liefern?«

Der Welthandel ist in der Hauptsache Seehandel. Da unsere Feinde die See

beherrschten, konnten sie den Neutralen nicht nur die Erzeugnisse ihres

eigenen Landes und ihrer weltumfassenden überseeischen Besitzungen je

nach Belieben liefern oder vorenthalten, sondern darüber hinaus hatten

sie es in der Hand, die Erzeugnisse der ganzen überseeischen Welt den

europäischen Neutralen zu sperren. Sie haben von dieser Möglichkeit ohne

jede Rücksicht auf das Völkerrecht den brutalsten Gebrauch gemacht.

Uns stand demgegenüber nur unsere eigene, durch den Krieg ebensosehr

beeinträchtigte wie in Anspruch genommene Erzeugung zu Gebote. Darunter

wichtige Dinge, wie Kohlen, Eisen und Stahl, Teerfarben, Arzneimittel,

Kali und ähnliches. Aber einmal konnten wir auch von diesen Dingen nur

beschränkte Mengen abgeben; ferner waren Kohlen und Eisen immerhin der

Konkurrenz von englischer und auch amerikanischer Seite ausgesetzt;

schließlich ist der stärkste Druck immer noch der Hunger, den die

Entente durch die Sperrung der Zufuhr an Nahrungs- und Futtermitteln

in Wirkung setzen konnte. Es handelte sich darum, mit den wenigen

Trümpfen, die wir in unserm Spiel hatten, das möglichste an Vorteilen

herauszuholen.

Dazu war nötig die planmäßige Verfügung über unsere für die Ausfuhr

verfügbaren Waren. Schon die unbedingte Sicherung des eigenen Bedarfs

für Kriegs- und Wirtschaftszwecke hatte bald einzelne Ausfuhrverbote

erforderlich gemacht. Die Notwendigkeit, unsere Ausfuhr als Mittel im

Wirtschaftskampf um die Neutralen zu verwerten, machte es vollends

unmöglich, die Ausfuhr und die Ausfuhrbedingungen in dem Belieben des

einzelnen Produzenten oder Händlers zu belassen.

Nicht minder wurde eine Regelung der Einfuhr notwendig.

Wir konnten einmal die ohnedies gewaltigen Schwierigkeiten der

Heranziehung ausländischer Zufuhren nicht dadurch ins Ungemessene

steigen lassen, daß deutsche Aufkäufer auf den überlaufenen neutralen

Märkten sich gegenseitig eine schrankenlose Konkurrenz machten, die

Preise unvernünftig in die Höhe boten und die sonstigen Gegenforderungen

des Auslandes maßlos erhöhten.

Wir mußten ferner mit unserer beschränkten Kaufkraft für ausländische

Waren haushalten und die für uns beschaffbaren Beträge an fremder Valuta

für den Ankauf der am dringlichsten benötigten Waren verwenden.

Schließlich ließ die Tatsache, daß die Einfuhr wichtiger Waren nur in

bestimmten Mengen und nur gegen Zugeständnisse unsererseits auf dem

Gebiete der Ausfuhr zu erreichen war, gar keine andere Wahl als eine

planmäßige Regelung auch der Einfuhr.

Das sind die zwingenden Gründe, aus denen die vielgescholtene

Reglementierung und Zentralisation unserer Aus- und Einfuhr entstand.

Diese zwingenden Gründe wurden, wie die ganze Tragweite des

Wirtschaftskrieges, nicht von Anfang an voll erkannt. Aber immerhin

zeigten weite und wichtige Kreise unseres Wirtschaftslebens schon

in den ersten Tagen und Wochen des Krieges ein richtiges Gefühl für

die Notwendigkeit einheitlichen Vorgehens beim Einkauf im neutralen

Ausland. Die damals schon aus der Initiative unserer industriellen und

kommerziellen Kreise geschaffenen Organisationen sind später ausgebaut

und mit anderen, vielfach nach ihrem Vorbild geschaffenen Einrichtungen

in den Dienst der Kriegshandelspolitik gestellt worden. Vielfach aber

fehlte das Verständnis für die Notwendigkeit einer einheitlichen und

planmäßigen Leitung unserer Einkaufs- und Verkaufsgeschäfte mit den

Neutralen in einem geradezu erstaunlichen Maße. Es blieb dann nichts

übrig, als mit den Machtmitteln, die der Reichstag dem Bundesrat

übertragen hatte, auch gegen den Willen der unmittelbar beteiligten

Kreise durchzugreifen.

Schon als Schatzsekretär hatte ich in wichtigen und bezeichnenden Fällen

Veranlassung, mich mit diesen Fragen zu befassen.

Die Einkäufe für den Bedarf des Feldheeres auf den neutralen Märkten,

die damals noch einen verhältnismäßigen Überfluß an Fleisch, Fett,

Butter und Käse hatten, erforderten sehr hohe und fortgesetzt steigende

Summen. Die Ursache war, daß die mit dem Einkauf beauftragten

militärischen Stellen auf diesen Märkten nicht nur mit dem Ausland,

sondern auch mit deutschen Einkäufern der verschiedensten Art, mit

Händlern, industriellen Werken, Kommunen, Einkaufsgesellschaften usw.,

ebenso mit Einkäufern für den österreichischen Heeres- und Zivilbedarf

zu konkurrieren hatten. Man trieb sich gegenseitig die Preise hoch mit

der Wirkung, daß die Verkäufer, je mehr die Preise stiegen, desto mehr

auf weitere Preissteigerungen spekulierten und die Ware zurückhielten.

Sehr schlimm lagen die Verhältnisse auf dem dänischen Buttermarkt. Ich

setzte im Herbst 1915 die Zentralisation des Einkaufs unter Einbeziehung

Österreich-Ungarns durch mit dem Erfolg, daß der Butterpreis, der bis

auf 275 Kronen für 50 kg gestiegen war, in nicht allzu langer Zeit

auf 152 Kronen zurückgebracht wurde und außerdem die Ankäufe für

Deutschland und Österreich-Ungarn erheblich gesteigert werden konnten.

Für das Reich wurden monatlich eine ganze Anzahl von Millionen gespart,

und für die Bevölkerung wie für das Heer wurde die Butterversorgung

verbessert.

Noch weit schlimmer lagen die Dinge auf dem rumänischen Getreidemarkte.

Nachdem die überseeische Zufuhr von Getreide und Futtermitteln

für uns abgeschnitten und für die europäischen Neutralen auf

ein Mindestmaß eingeschränkt worden war, blieb uns und unsern

österreichisch-ungarischen Verbündeten als einziges Land, aus dem

größere Mengen bezogen werden konnten, das damals noch neutrale

Rumänien. Die Jahre 1914 und 1915 brachten in Rumänien reiche Ernten,

für die infolge der Dardanellensperre ein anderer Absatz als an

die Mittelmächte zunächst nicht in Frage kommen konnte. Außerdem

war Rumänien dem Druck des britischen Wirtschaftskrieges entrückt.

Rein wirtschaftlich waren also die Voraussetzungen für den Bezug

von Getreide und Futtermitteln, namentlich Mais, aus Rumänien

durchaus günstig. Politisch allerdings war die Haltung Rumäniens

von Anfang an zweifelhaft, und die rumänische Regierung mit ihrem

ganzen Beamtenapparat, ebenso die rumänische Landwirtschaft und der

rumänische Handel waren geneigt, die Notlage der Mittelmächte nach

Kräften auszunutzen. Wir erleichterten ihnen dieses Spiel. Noch viel

mehr als auf den dänischen Buttermarkt stürzten sich der reelle und

unreelle Handel, die Einkäufer der Militärverwaltung, wirtschaftlicher

Unternehmungen, von Städten und Landwirtschaftskammern auf die

rumänischen Vorräte. Die Rumänen verkauften zu immer höheren Preisen

-- ich glaube für Mais wurden schließlich an die tausend Mark für die

Tonne bezahlt, -- ließen sich bar bezahlen, legten aber dem Abtransport

solche Schwierigkeiten in den Weg, vor allem indem sie die tatsächlich

vorhandenen Transportschwierigkeiten ins maßlose übertrieben, daß so gut

wie nichts aus Rumänien herauskam. Es lagerten schließlich in Rumänien

etwa 700000 Tonnen Getreide im Ankaufswert von etwa 200 Millionen

Mark, die von uns und unsern Verbündeten bezahlt waren, aber nicht

abtransportiert werden konnten. Weitere große Mengen Getreide waren

noch verfügbar, aber die Rumänen, die inzwischen ihrerseits den ganzen

Getreideverkauf syndiziert hatten, verlangten unerschwingliche Preise

und unerfüllbare Zahlungsbedingungen.

Auch hier konnte nur die Zentralisation des Einkaufs helfen, zugleich

mit einer einheitlichen Disposition über die von uns für den Abtransport

zur Verfügung zu stellenden Transportmittel.

Auf mein Betreiben wurde in schwierigen Verhandlungen die Zentralisation

durchgesetzt und das Einkaufsgeschäft der Zentraleinkaufsgesellschaft,

der später aus Unkenntnis und Unverstand so viel angefeindeten Z. E. G.,

übertragen. Die Zentraleinkaufsgesellschaft schloß sich ihrerseits mit

der österreichischen Kriegs-Getreide-Verkehrsanstalt und der ungarischen

Kriegs-Produkten-Aktiengesellschaft zu einheitlichem Vorgehen zusammen.

Schon im September 1915, also noch vor Beginn des Feldzuges gegen

Serbien, konnte mit dem Abtransport von Getreide begonnen werden.

Der rasche und glückliche Verlauf des serbischen Feldzuges hatte

einmal die Wirkung, der Ententefreundschaft in Rumänien einen Dämpfer

aufzusetzen; dann aber machte er den Donauweg für den Abtransport des

rumänischen Getreides frei.

Es gelang nun der Zentraleinkaufsgesellschaft, im Dezember 1915 und im

März 1916 mit der rumänischen Regierung Verträge abzuschließen, durch

die den Mittelmächten rund 2,7 Millionen Tonnen Getreide zu erträglichen

Preisen und Zahlungsbedingungen gesichert wurden. Die Verträge kamen

zustande, obwohl die Ententeregierungen, vor allem die britische

Regierung, mit allen Mitteln versuchten, den Abschluß zu vereiteln. Ein

Versuch Englands, die rumänischen Getreidebestände durch Ankauf zu hohen

Preisen und Einlagerung in Rumänien für die Mittelmächte zu sperren, kam

zu spät und gelang nur in bescheidenen Grenzen.

Die großen Schwierigkeiten des Abtransportes wurden durch ein

Zusammenwirken der Einkaufsgesellschaften mit dem Chef des

deutschen Feldeisenbahnwesens und der österreichisch-ungarischen

Zentraltransportleitung überwunden. Die Durchfahrt durch das Eiserne

Tor wurde verbessert und zweckmäßig organisiert. Die ungarischen

Bahnen, auf denen der weitere Abtransport sich zum großen Teile zu

vollziehen hatte, wurden durch Verlängerung der Ausweichgleise usw.

leistungsfähiger gemacht. Die Zentraleinkaufsgesellschaft schuf sich

in kurzer Zeit eine ansehnliche Donauflotte und sorgte für die nötigen

Umschlags- und Umladeeinrichtungen.

Der Erfolg war, daß es gelang, bis zum Ausbruch des Krieges mit Rumänien

das angekaufte Getreide abzutransportieren. Deutschland hat in dem

kritischen Frühjahr und Sommer 1916 aus Rumänien Getreidezufuhren von

mehreren hunderttausend Tonnen monatlich erhalten. --

War die Zentralisation der Einfuhr in den Händen weniger, nach

kaufmännischen Grundsätzen arbeitender und nach einheitlichen

Direktiven handelnder Organisationen eine unerläßliche Voraussetzung

für ein erfolgreiches Vorgehen auf den neutralen Märkten, so genügte

sie doch für sich allein keineswegs, um einen Erfolg zu sichern.

Die planmäßige Tätigkeit unserer Einkaufsorgane mußte Hand in Hand

gehen mit der planmäßigen Verfügung über unsere Ausfuhr, und da sich

bald zeigte, daß unsere Ausfuhr in ihrem Geldwert weit zurückblieb

hinter der Einfuhr, die wir benötigten und uns, eine Lösung der

Bezahlungsfrage vorausgesetzt, beschaffen konnten, so kam als Drittes

hinzu die Beschaffung der für die Bezahlung des Einfuhrüberschusses

erforderlichen ausländischen Zahlungsmittel.

In der Ausnutzung unserer für die Neutralen willkommenen oder gar

notwendigen Ausfuhrwaren für die Zwecke der Sicherung von Zufuhren an

für uns notwendigen Rohstoffen und Lebensmitteln konnte nicht nach einer

einheitlichen Schablone verfahren werden. Die Verhältnisse für ein

Operieren mit unsern Ausfuhrwaren lägen in einem jeden der neutralen

Länder anders. Der Grad ihrer Abhängigkeit von unserer Ausfuhr war

ebenso verschieden wie der Grad ihrer Abhängigkeit von der Entente; und

auch in den einzelnen neutralen Ländern erfuhr dieses Verhältnis während

des Krieges fortgesetzt Verschiebungen.

In großen Zügen entwickelte sich unser Vorgehen so, daß in der ersten

Zeit des Krieges vorwiegend einzelne Kompensationsgeschäfte mit unsern

neutralen Nachbarn abgeschlossen wurden; d. h. wir machten einzelne

wichtige Ausfuhrgeschäfte abhängig von bestimmten Gegenleistungen der

Neutralen für unsere Versorgung. Unabhängig von diesen Warengeschäften,

gelegentlich auch in Verbindung mit ihnen, wurde mit neutralen

Geldinstituten über die Eröffnung von Krediten für die Bezahlung unseres

Einfuhrüberschusses verhandelt. Es stellte sich nun bald heraus,

daß der Weg des Einzelaustausches nicht immer vorteilhaft und nicht

immer gangbar für uns war, vor allem aber, daß nur ein bescheidener

Teil unseres Einfuhrbedarfs durch einzelne Kompensationsgeschäfte

gedeckt werden konnte. Man kam deshalb allmählich zu umfassenderen

Abmachungen mit den neutralen Staaten, in denen man sich gegenseitig

eine Berücksichtigung der beiderseitigen Interessen bei der Handhabung

von Ausfuhrgenehmigungen und Ausfuhrverboten zusicherte. Dabei handelte

es sich für uns darum, durch ein weitherziges Entgegenkommen in unserer

Ausfuhrpolitik den Widerstand der Neutralen gegen den Druck der Entente

zu stärken, vor allem zu verhindern, daß die Neutralen sich dem

Verlangen der Entente nach dem Erlaß von Ausfuhrverboten fügten, oder zu

erreichen, daß bereits erlassene Ausfuhrverbote dauernd oder wenigstens

für einen bestimmten Zeitraum wieder aufgehoben würden. Wenn auch

diese Abmachungen insofern der Präzision des Einzelaustauschgeschäftes

ermangelten, als Leistung und Gegenleistung nicht ziffernmäßig

festgelegt war, so hatten wir doch eine wirksame Handhabe, um auf eine

sinngemäße Ausführung zu dringen. Erfüllte ein neutraler Staat die

Erwartungen nicht, auf Grund deren wir uns entgegenkommend gezeigt

hatten, so waren wir in der Lage, unsere Ausfuhren nach diesem Staat

entsprechend einzuschränken und damit einen Druck auszuüben. So hat die

Schweiz im Spätsommer 1916 unter dem Druck Frankreichs und Englands

die Ausfuhr aller Waren, die von der Entente zu Bannware deklariert

worden waren, nach Deutschland eingestellt. Wir gingen, als alle unsere

Vorstellungen daran scheiterten, daß die Entente die Schweiz unter dem

stärksten Druck hielt, auch unsererseits mit dem stärksten Druck vor,

indem wir eine Ausfuhrsperre für Kohle, Eisenwaren und andere für die

Schweiz unentbehrlichen Güter in die Wege leiteten. Der Erfolg war, daß

schließlich eine für uns erträgliche Einigung zustande kam.

Solche Erfahrungen führten zu einem weiteren Fortschritt in der

Gestaltung unserer Wirtschaftsbeziehungen zu unsern neutralen

Anliegern. Die in ihrer Festsetzung von Leistung und Gegenleistung

präzisen Einzelkompensationsgeschäfte waren nur beschränkt anwendbar

und reichten nicht aus, um unsern Einfuhrbedarf zu decken; die

umfassenderen Verständigungen über gegenseitige Berücksichtigung bei

der Handhabung der Ausfuhrregelung waren nicht bestimmt genug, um für

beide Teile Lieferung und Bezug auf eine wenigstens für einige Zeit

gesicherte Grundlage zu stellen und plötzliche Störungen auszuschließen.

Es handelte sich darum, die Vorteile beider Systeme zu verbinden

und dabei, wenn irgend möglich, auch die immer schwieriger werdende

Finanzierung unserer Bezüge sicherzustellen. Zu diesem Zweck schlug

ich vor, den Versuch zu machen, mit unsern neutralen Nachbarn zu

Abmachungen zu gelangen, die sich erstens auf einen bestimmten längeren

Zeitraum erstreckten, zweitens für diesen Zeitraum bestimmte Leistungen

und Gegenleistungen an den für jeden der beiden Teile wichtigsten

Ausfuhrgütern vorsahen, drittens gleichzeitig den Überschuß unserer

Einfuhr über die Ausfuhr durch bestimmte Kreditvereinbarungen deckten.

Auf dieser Grundlage wurde in der Folgezeit mit der Schweiz, mit

Holland, mit Dänemark und mit Schweden verhandelt und abgeschlossen.

Daß die immer straffer durchgeführte Reglementierung und Zentralisierung

unsrer Einfuhr und Ausfuhr, zu der als notwendige Ergänzung noch die

Regelung des Verkehrs in ausländischen Zahlungsmitteln (Devisenordnung)

hinzutrat, die Interessen zahlreicher Einzelner und wichtiger

Berufsstände schädigte, daß bei der Durchführung manche übertriebene

Härte, manche überflüssige Umständlichkeit, mancher vermeidbare Fehler

mit unterlief, darüber habe ich nie einen Zweifel gehabt. Insbesondere

der Handel, dessen Vermittlertätigkeit kaum mehr ein Arbeitsfeld fand,

wurde schwer getroffen. Die Organisationen zur Durchführung der nun

einmal durch die Kriegsverhältnisse uns aufgezwungenen einheitlichen und

planmäßigen Regelung unseres Außenhandels mußten gewissermaßen aus dem

Nichts heraus geschaffen werden. Das notwendige Personal -- es waren bei

der Zentraleinkaufsgesellschaft im Jahre 1916 weit über 4000 Angestellte

-- mußte aus allen Richtungen der Windrose zusammengeholt, eingegliedert

und eingearbeitet werden. Umsätze, die bald in die Hunderte von

Millionen, ja in die Milliarden gingen, waren zu bewältigen -- kurz,

das größte Warenhandelsgeschäft, das die Welt je gesehen hatte, war

aufzubauen und hatte zu arbeiten unter Verhältnissen und nach Methoden,

die ohne Vorbild waren. Und über den Köpfen, die das alles zu leisten

hatten, schwang der Krieg seine Hetzpeitsche. Alles drängte. Oft kam es

für wichtige Entscheidungen und Maßnahmen auf Stunden an. Da hieß es

manchmal nach dem alten militärischen Grundsatz zu handeln: Besser ein

falscher Entschluß als gar keiner!

Alle Mängel und Unzuträglichkeiten, auch alle Kritik und alle Angriffe

mußten um des Ganzen willen in Kauf genommen werden. Ja, es mußte

von denjenigen, die vor der Kritik und den Angriffen Rede zu stehen

hatten, sogar hingenommen werden, daß sie von der stärksten Waffe der

Rechtfertigung und Verteidigung, dem Hinweis auf die erzielten Erfolge,

überhaupt nicht oder nur im engen Kreise vertraulichster Beratungen

Gebrauch machen konnten. Denn die Darlegung der erzielten Erfolge hätte

unsern Feinden Einblicke in unsere Arbeit gegeben, die ihnen wirksame

Gegenaktionen ermöglicht und damit die glücklich gesicherten Zufuhren

wieder auf das schwerste gefährdet hätten.

Heute läßt sich ohne Gefährdung deutscher Interessen über diese Dinge

sprechen, und ich gebe deshalb einige Tatsachen, die zeigen, in welchem

Maße es uns gelungen ist, in dem schweren Kampf mit der Entente unsere

Stellung auf den Märkten der uns benachbarten Neutralen nicht nur zu

behaupten, sondern sogar auf Kosten Englands zu verbessern.

Zunächst sei festgestellt, daß uns trotz der Handels- und Hungerblockade

die Aufrechterhaltung unserer Einfuhr in weit höherem Maße gelungen ist,

als während des Krieges wohl von allen nicht Eingeweihten angenommen

wurde.

Unsere Einfuhr im letzten Friedensjahre, 1913, hatte den Wert von 10,8

Milliarden Mark erreicht. Unsere Einfuhr im Jahre 1915, als der Handels-

und Hungerkrieg bereits im vollen Gange war, betrug immer noch 7,1

Milliarden Mark; im Jahre 1916 stellt sie sich auf 8,4 Milliarden, 1917

auf 7,1 Milliarden Mark. Freilich erscheint der tatsächlich eingetretene

Einfuhrrückgang in diesen Ziffern zu gering; die Preissteigerung fast

aller Waren, die auch im Jahre 1915 sich bereits geltend machte,

verwischt das Bild der wirklichen Entwicklung. Immerhin bleibt, auch

wenn man die Preissteigerung in Rechnung setzt, die Tatsache bestehen,

daß uns trotz der Absperrung von der überseeischen Welt und trotz des

Druckes, den die Entente auf die uns benachbarten Neutralen ausübte,

eine recht ansehnliche Einfuhr verblieben ist. Eine Betrachtung der

Einfuhrmengen einzelner wichtiger Artikel wird dies bestätigen.

Gleich hier möchte ich darauf aufmerksam machen, daß unsere Ausfuhr

einen weit stärkeren Rückgang erfahren hat als unsere Einfuhr. Während

im Jahre 1913 unsere Ausfuhr mit 10,1 Milliarden Mark nur um rund 700

Millionen Mark hinter unserer Einfuhr zurückgeblieben war, sank unsere

Ausfuhr im Jahre 1915 auf 3,1 Milliarden Mark, ließ also gegenüber

der gleichzeitigen Einfuhr einen Fehlbetrag von 4 Milliarden Mark. Es

gelang zwar, im Jahre 1916, trotz der schwierigen Verhältnisse und des

immer wachsenden eigenen Bedarfs für Heer und Volk, die Ausfuhr auf 3,8

Milliarden Mark zu steigern; aber der Abstand gegenüber dem Einfuhrwert

wuchs, da letzterer noch mehr gestiegen war, auf 4-1/2 Milliarden Mark.

Im Jahre 1917 stand der Einfuhr von 7,1 Milliarden eine Ausfuhr von 3,4

Milliarden gegenüber; der Einfuhrüberschuß betrug also 3,7 Milliarden

Mark. Die großen und im Laufe des Krieges fortgesetzt steigenden

Schwierigkeiten der Beschaffung von Zahlungsmitteln für das Ausland, die

hieraus sich ergebende Steigerung der Wechselkurse der neutralen Länder

und der Druck auf unsere eigene Valuta finden in dem jährlich mehrere

Milliarden betragenden Passivsaldo unserer Handelsbilanz ihre Erklärung.

Wenn unsere Einfuhr sich in dem geschilderten Umfang aufrechterhalten

konnte, so lag dies daran, daß die uns benachbarten Neutralen, zu

denen bis Ende August 1916 auch Rumänien zu rechnen ist, den Ausfall

der Einfuhr aus den feindlichen Ländern und den nur auf dem Seewege

zu erreichenden Neutralen zu einem erheblichen Teil wettmachten; denn

unsere Verbündeten, deren Hilfsquellen für den eigenen Bedarf durch

den Krieg stark in Anspruch genommen waren, vermochten uns in dieser

Beziehung keine ziffernmäßig ins Gewicht fallende Hilfe zu gewähren.

Während unsere Gesamteinfuhr sich von 10,8 Milliarden Mark im Jahre 1913

auf 7,1 Milliarden Mark im Jahre 1915 verringerte, stieg unsere Einfuhr

aus den uns benachbarten Neutralen (einschl. Rumäniens) in derselben

Zeit von 1,1 auf 3,5 Milliarden Mark. Im ersten Halbjahr 1916 stellte

sich der Anteil dieser Neutralen an unserer Einfuhr sogar auf rund 70%

gegen wenig mehr als 10% im Jahre 1913.

An einzelnen wichtigsten Gütern konnten uns die benachbarten Neutralen

einen vollen Ersatz für den Wegfall der Einfuhr aus den feindlichen und

den für uns gesperrten neutralen Ländern gewähren, ja sogar darüber

hinaus unsere Gesamtbelieferung steigern. Das gilt vor allem für die

Produkte der Viehzucht, die in den uns benachbarten Neutralen, vor allem

in Holland und Dänemark, zu hoher Leistungsfähigkeit entwickelt war.

So ist unsere Einfuhr von Schweinefleisch, einschließlich Schinken,

von 21600 Tonnen im Jahre 1913 auf 98200 Tonnen im Jahre 1915 gebracht

worden. In derselben Zeit stieg unsere Einfuhr von Butter, an der vor

dem Kriege Rußland (Sibirien) zu mehr als der Hälfte beteiligt war,

trotz des Wegfalls dieser wichtigsten Bezugsquelle, von 54200 auf 68500

Tonnen, während allerdings gleichzeitig die Einfuhr von Milch und Rahm

eine starke Verminderung erfuhr. In derselben Zeit ist ferner die

Einfuhr von Käse von 26300 Tonnen auf 67300 Tonnen, also auf mehr als

das 2-1/2fache der Friedenseinfuhr gebracht worden. Die Einfuhr von

Salzheringen wurde von 1298000 Faß auf 2883000 Faß, also auf mehr als

das Doppelte, gesteigert.

Natürlich waren die uns benachbarten Neutralen, denen wir diese

wichtigen Zuschüsse zu unserm Kriegshaushalt verdanken, nicht in der

Lage, ihre Erzeugung an allen diesen Dingen von heute auf morgen in

einem Maße auszudehnen, das ihnen ohne weiteres eine so erheblich

gesteigerte Belieferung Deutschlands gestattet hätte. Irgendwelche

anderen Abnehmer, seien es die inländischen Verbraucher, seien es

ausländische Bezieher, mußten zugunsten Deutschlands verkürzt werden.

So war es in der Tat. Und der verkürzte Bezieher war in der Hauptsache

-- =England=!

Das sei an einigen Beispielen illustriert.

Die Ausfuhr der Niederlande nach Deutschland und England an einigen

wichtigen Artikeln, um deren Bezug die beiden Länder während des Krieges

konkurrierten, hat sich folgendermaßen entwickelt[3]:

Holländische Ausfuhr nach

Deutschland England

an Butter im Jahre 1913 19000 t 7900 t

" " 1915 36700 " 2500 "

" " 1916 31500 " 2200 "

an Käse im Jahre 1913 16100 " 19100 "

" " 1915 63300 " 8400 "

" " 1916 76200 " 6800 "

an Schweinefleisch im Jahre 1913 11000 " 34000 "

" " 1915 55100 " 7600 "

" " 1916 25100 " 10300 "

an Eiern im Jahre 1913 15300 " 5800 "

" " 1915 25200 " 7800 "

" " 1916 36400 " 800 "

[3] Für 1917 und 1918 stehen mir die Ziffern nicht zur Verfügung.

Deutschland hat also seine Einfuhr aus den Niederlanden an diesen für

die Volksernährung und Heeresverpflegung so wichtigen Dingen während des

Krieges erheblich zu steigern vermocht, während gleichzeitig England

eine starke Verminderung seiner Zufuhren hinnehmen mußte.

Ähnlich entwickelte sich der Kampf zwischen England und Deutschland

auf dem dänischen Markte. Während von 1913 auf 1915 die dänische

Ausfuhr von Butter nach England von 85300 auf 66300 Tonnen zurückging,

vermochte Deutschland seine Zufuhr aus Dänemark von 2200 auf 25200

Tonnen in die Höhe zu bringen. An Schweinefleisch bezog England im Jahre

1913 rund 9400 Tonnen, 1915 nur noch 1900 Tonnen; Deutschland dagegen

vermochte seine Bezüge von 3800 auf 17900 Tonnen zu steigern. Dänemarks

Eierausfuhr nach England zeigte einen Rückgang von 30000 auf 18800

Tonnen, nach Deutschland dagegen eine Zunahme von 1200 auf 13000 Tonnen.

Auch in der Schweiz, in Schweden und lange Zeit hindurch sogar in dem

England gegenüber gefügigen, von der Belieferung durch Deutschland

kaum abhängigen Norwegen wurde unsere Position nicht nur behauptet,

sondern sogar verbessert. Das gilt sowohl für wichtige Produkte der

Viehzucht und der Fischerei, wie auch für einige Rohstoffe, die für

unsere Kriegsindustrie von größter Bedeutung waren. So gelang es, die

Zufuhr der für unsere Stahlfabrikation kaum entbehrlichen phosphorarmen

schwedischen Eisenerze, sowie die Zufuhr von Ferrosilizium und andern

wichtigen Ferrolegierungen aus Schweden aufrechtzuhalten; desgleichen

erhielten wir aus Schweden gewisse Quantitäten von Kupfer; ferner

große Mengen von Holzstoff, der uns angesichts der unzureichenden

eigenen Gewinnung für die Herstellung von Nitrozellulose, daneben

für die Herstellung von Textilose und Papier eine wesentliche Hilfe

war. Norwegen war das einzige Land, das uns und unsern Bundesgenossen

während des Krieges wenigstens mit bescheidenen Mengen des für die

Kriegsindustrie unentbehrlichen Nickels belieferte; daneben erhielten

wir von dort Kupfer und Schwefelkies sowie Rohkupfer, auch größere

Mengen von Norgesalpeter. Die Schweiz half uns vor allem aus mit

Aluminium.

Alles in allem: Wir haben zwar nicht vermocht, die britische Seesperre

zu brechen, wir blieben während des ganzen Krieges von allen nur zur See

erreichbaren Märkten abgeschnitten; aber Englands Versuch, auch die uns

benachbarten Neutralen in das System seiner Blockade einzubeziehen und

damit die Blockade bis unmittelbar an unsere Landgrenzen heranzutragen,

ist trotz des beispiellosen von der Entente angewandten Druckes

gescheitert. Das neutrale Vorgelände unserer belagerten Festung haben

wir in dem schweren Wirtschaftskampf siegreich behauptet.

Allerdings wurde auch dieses Vorgelände mehr und mehr verwüstet und

unterhöhlt. England und seine Verbündeten scheuten sich nicht, den

Druck ihrer völkerrechtswidrigen Maßnahmen auf unsere neutralen

Anlieger so weit zu steigern, daß deren eigene Produktionsfähigkeit und

Lebenshaltung auf das schwerste beeinträchtigt wurde. Namentlich die

Leistungsfähigkeit der Viehzucht wurde durch die scharfe Rationierung

der Zufuhr von Futtermitteln herabgedrückt; und wer immer von den

Neutralen Brot benötigte, mußte sich von dem Hungertod durch immer

weitere Zugeständnisse loskaufen.

Wir mußten deshalb vom Ende des Jahres 1916 an mit einem kaum

aufzuhaltenden allmählichen Versiegen auch unserer letzten neutralen

Bezugsquellen ernstlich rechnen.

Der Weltkrieg, II. Band Vom Kriegsausbruch bis zum uneingeschränkten U-Bootkrieg · 第 33 / 57 题