Die ungeheuren Kosten des Krieges, die bisher in der Geschichte der
Völker auch nicht annähernd ihresgleichen hatten -- überschritt
doch bereits im Jahre 1915 die durchschnittliche Monatsausgabe
Deutschlands die deutschen Gesamtaufwendungen für den Krieg von 1870/71
-- stellten die Finanzpolitik der kriegführenden Völker vor ganz
neue Aufgaben und Probleme. Der gesamte Umlauf an metallischen und
papiernen Zahlungsmitteln in Deutschland bewegte sich vor dem Kriege
zwischen 4 und 5 Milliarden Mark. Der Krieg machte schon im Jahre 1915
die monatliche Beschaffung und Verausgabung von 2 Milliarden Mark
erforderlich, ein Betrag, der gegen Ende des Krieges auf nahezu 5
Milliarden Mark angewachsen ist. Das gesamte jährliche Volkseinkommen
Deutschlands hatte vor dem Kriege einen Betrag von 42 bis 45 Milliarden
Mark erreicht. Die Kriegsausgaben des Jahres 1915 stellten sich
auf rund 23 Milliarden Mark, die Kriegsausgaben des Jahres 1918 auf
50,2 Milliarden Mark. Diese Gegenüberstellung läßt ermessen, was die
Beschaffung und Verausgabung der für den Krieg erforderlichen Gelder für
die deutsche Finanzwirtschaft und Volkswirtschaft bedeutete.
Drei grundsätzlich verschiedene Wege standen den kriegführenden Staaten
zur Aufbringung der Mittel für die Kriegführung zur Verfügung und sind
von allen kriegführenden Staaten gleichzeitig benutzt worden, allerdings
in verschiedenem Maße und in einem sich während des Krieges erheblich
verschiebenden Verhältnis:
1. Die Schaffung neuer Kaufkraft zugunsten des Staates im Weg
des unmittelbaren Druckes von Papiergeld oder der Begebung von
Schatzanweisungen gegen die Ausgabe neuer Banknoten oder gegen die
Schaffung neuer Guthaben.
2. Die Aneignung vorhandener Kaufkraft durch den Staat im Wege der
Begebung von Anleihen gegen vorhandene Zahlungsmittel.
3. Die Aneignung vorhandener Kaufkraft durch den Staat im Wege der
Erhebung von Steuern.
Der erste Weg ist der bequemere aber gefährlichere; der zweite und
namentlich der dritte Weg ist schwieriger aber gesunder. Der erstere
Weg führt notwendigerweise zu einer sich fortgesetzt steigernden
Überfüllung des Verkehrs mit Zahlungsmitteln (Inflation) und zu einer in
der sich überstürzenden Steigerung aller Preise zum Ausdruck kommenden
Entwertung des Geldes. Der zweite Weg vermeidet diese Gefahr, aber er
belastet, ebenso wie der erste, die Zukunft. Der dritte Weg schließlich,
der sowohl die Inflation, wie auch die Belastung der Zukunft vermeidet,
führt über solche Widerstände und Hemmungen wirtschaftlicher und
politischer Natur, daß kein kriegführender Staat auf diesem Wege allein
seinen Kriegsbedarf auch nur annähernd hat decken können.
Alle kriegführenden Staaten sahen sich zunächst auf den Weg der
Schaffung neuer Kaufkraft für den Kriegsbedarf gedrängt. In der
Hauptsache nahmen sie ihre Zentralbanken durch die Diskontierung
kurzfristiger Schatzscheine gegen Noten oder Gutschrift in Anspruch. Sie
konnten nicht anders; denn die gewaltigen Zahlungen für die Mobilmachung
mußten geleistet werden, während die Geldmärkte in der ersten Panik die
schwerste Klemme durchmachten, also Bargeld nicht nur nicht abgeben
konnten, sondern für sich selbst benötigten.
Hunderte von Millionen, ja Milliarden neuen Geldes ergossen sich also
in den ersten Wochen des Krieges über die Volkswirtschaft. Alles, was
für das Heer zu liefern hatte, wurde bar bezahlt. Auf dem Wege über
die Arbeitslöhne und die Gebührnisse für Offiziere und Mannschaften
drang der neue Geldstrom bis in die kleinsten Kanäle des Verkehrs.
Die Geldklemme der ersten Kriegstage wurde bald durch eine wachsende
Geldflüssigkeit abgelöst. Wenn einer bedenklichen Inflation vorgebeugt
werden sollte, dann mußte durch eine Änderung der Geldbeschaffung der
allzu reichlich fließende Quell der papiernen Scheine verstopft und die
Hochflut neuer Zahlungsmittel aufgesaugt werden.
Die Begebung langfristiger Anleihen und die Ausschreibung neuer Steuern
standen zu diesem Zweck zur Verfügung.
Man wählte bei uns den Weg der Anleihe (September 1914) und erzielte
mit einem Zeichnungsergebnis von fast 4-1/2 Milliarden Mark den bereits
geschilderten Erfolg.
Als ich das Schatzamt Anfang Februar 1915 übernahm, war der Etatsentwurf
für das kommende Rechnungsjahr im wesentlichen fertiggestellt. Es war
darin ein neuer -- dritter -- Kriegskredit von abermals 5 Milliarden
Mark vorgesehen, den ich auf 10 Milliarden Mark erhöhte. Steuern waren
nicht vorbereitet. Der Reichsbankpräsident schlug mir für den März die
Ausgabe einer zweiten Kriegsanleihe vor.
Mit dieser Situation hatte ich mich zunächst abzufinden. Steuergesetze
lassen sich nicht aus dem Ärmel schütteln, namentlich nicht in einem
Bundesstaat. Bis zum Zusammentritt des Reichstags standen nur wenige
Wochen zur Verfügung. Da der Reichsetat in seinen ordentlichen
Einnahmen und Ausgaben infolge der Übernahme der gesamten Ausgaben für
Heer und Marine auf den Kriegsfonds balancierte, ja sogar noch die
Aufrechterhaltung der planmäßigen Schuldentilgung gestattete, konnte
die recht schwierige und umstrittene Frage der Kriegssteuern für dieses
Mal auf sich beruhen bleiben. Um so mehr kam es darauf an, die Anleihe
zu einem vollen Erfolge zu führen.
Der Erfolg unserer ersten Kriegsanleihe und ihre Kursentwicklung
nach der Zeichnung -- der Kurs stieg alsbald über den Ausgabekurs
von 97-1/2% und erreichte zeitweise 100% -- hatten gezeigt, daß die
Anleihebedingungen richtig gegriffen waren. Ein Vergleich mit England,
dem einzigen kriegführenden Staat, der außer uns schon im Jahre 1914
mit einer großen Anleihe an das Publikum herantrat, mußte diesen
Eindruck bestätigen. Bei uns hatte man sich sofort entschlossen, den
Kriegsverhältnissen durch die Gewährung einer 5%igen Verzinsung Rechnung
zu tragen. England, das zwei Monate nach uns, im November 1914, eine
Anleihe im Betrage von 350 Millionen Pfund Sterling auflegte, gewährte
nur eine 3-1/2%ige Verzinsung bei einem Ausgabekurs von 95%. Die Anleihe
wurde vom Publikum nicht voll genommen; die englischen Großbanken
mußten sich am letzten Zeichnungstage unter dem sanften Druck der
britischen Regierung entschließen, 100 Millionen für sich zu übernehmen,
um wenigstens den Anschein eines Erfolges zu retten. Der Kurs der
Anleihe ging alsbald unter den Ausgabekurs (95%) und sank im Frühjahr
1915 bis 87-1/2% herab. Der Mißerfolg war eingetreten, obwohl die Bank
von England den Zeichnern weit größere Erleichterungen gewährte, als
unsere Darlehnskassen. Die Bank von England erklärte sich bereit, die
Kriegsanleihe sofort bis zur vollen Höhe des Ausgabekurses zu einem Satz
von 1% unter Bankdiskont zu bevorschussen, während unsere Darlehnskassen
Beleihungen nur bis zu 75% und zu einem Satz von 1/4% über Bankdiskont
vornahmen.
Sowohl der eigene Erfolg wie der britische Mißerfolg konnten uns
also nur bestärken, an dem im September 1914 gewählten Anleihetyp
festzuhalten. Das war auch die Meinung aller Sachverständigen aus der
Bankwelt, den Sparkassen und Genossenschaften, mit denen ich mich
alsbald nach Übernahme des Schatzamtes in Verbindung setzte.
Notwendig erschien aber eine weitere Ausgestaltung der Werbetätigkeit.
Der Ertrag der ersten Anleihe von 4-1/2 Milliarden Mark mußte, um
unsere Kriegsfinanzen flottzuerhalten, ganz erheblich übertroffen
werden. Dazu war es erforderlich, das deutsche Volk in seiner Gesamtheit
für die Anleihe zu interessieren. »Es gilt« -- so habe ich in meiner
Antrittsrede im Reichstag ausgeführt -- »dem ganzen Volk klarzumachen,
daß dieser Krieg mehr als irgendein anderer zuvor nicht nur mit
Blut und Eisen, sondern auch mit Brot und Geld geführt wird. Für
diesen Krieg gibt es nicht nur eine allgemeine Wehrpflicht, sondern
eine allgemeine Sparpflicht und eine allgemeine Zahlpflicht. Der
Verschwender notwendiger Lebensmittel und der Mammonsknecht, der sich
nicht von seinem Gelde trennen kann, ist um kein Haar besser als der
Deserteur, der sich seiner Wehrpflicht entzieht. Unser Ruf, der Ruf der
finanziellen Kriegsleitung, geht an alle, an Groß und Klein, und Schande
über jeden, der sich taub stellt!«
Der Gedanke der finanziellen Wehrpflicht mußte hunderttausendfältig
den Köpfen eingehämmert werden. Das war durch einige Ministerreden
allein nicht zu erreichen, auch wenn diese von dem Standort der größten
Publizität, der Tribüne des Reichstags, gehalten wurden. Es bedurfte
vielmehr einer weitverzweigten, wohlgegliederten und engmaschigen
Organisation über das ganze deutsche Land. In dieser Beziehung mußten
die im September 1914 geschaffenen Anfänge ausgebaut werden.
Zunächst wurde der Kreis der Zeichnungsstellen erweitert; neben den
Banken, Sparkassen und Versicherungsgesellschaften wurden sämtliche
Kreditgenossenschaften und Postanstalten als Zeichnungsstellen aufgetan.
Dann wurde im Zusammenwirken mit den Landesregierungen die Aufklärungs-
und Werbearbeit organisiert: die Landräte, die Gemeindevorsteher, die
Geistlichen, die Lehrer, nicht zum wenigsten die Zeitungen wurden für
diese Arbeit mobilgemacht. Merkblätter, die alles Wissenswerte über
die Kriegsanleihen enthielten, wurden in Millionen von Exemplaren
verbreitet; Mustervorträge und für die Werbearbeit in Betracht kommendes
Material wurden den örtlichen Propagandaorganisationen überwiesen. Es
war für den Reichsbankpräsidenten und für mich eine Freude zu sehen,
mit welchem patriotischen Eifer überall die Werbetätigkeit aufgenommen
wurde, und wie sich allerorten freiwillige Mitarbeiter zur Verfügung
stellten.
Der Erfolg übertraf alle Erwartungen.
Die zweite Kriegsanleihe erbrachte ein Ergebnis von 9100 Millionen Mark,
also mehr als den doppelten Ertrag der ersten Kriegsanleihe.
Die im September 1915 ausgegebene dritte Kriegsanleihe erzielte sogar
einen noch größeren Erfolg: der gezeichnete Betrag erreichte die Summe
von 12160 Millionen Mark.
Insgesamt wurden also im Jahre 1915 rund 21260 Millionen Mark auf dem
Anleiheweg aufgebracht, während die Kriegskosten des Jahres 1915 sich
auf 22965 Millionen beliefen. Die Kriegskosten des Jahres 1915 wurden
also bis auf einen nicht erheblichen Bruchteil durch den Ertrag der
Anleihen des Jahres 1915 gedeckt. Für die zweite Hälfte des Jahres 1915
war das Verhältnis noch günstiger: die Kriegsausgaben stellten sich auf
12091 Millionen, der Ertrag der Kriegsanleihe auf 12160 Millionen.
Als die Zeichnungsfrist der dritten Kriegsanleihe Ende September
1915 ablief, waren an kurzfristigen Schatzanweisungen begeben rund
10 Milliarden Mark. Der Ertrag der dritten Kriegsanleihe übertraf
diese Summe um rund 2 Milliarden Mark. Die Belastung des Reiches mit
kurzfristigem Kredit war also durch die dritte Kriegsanleihe vollständig
abgebürdet.
Die vierte Kriegsanleihe, die letzte in meiner Amtszeit als
Reichsschatzsekretär, zeigte allerdings gegenüber der dritten einen
leichten Rückgang: sie ergab 10768 Millionen Mark, also rund 1400
Millionen Mark weniger als die dritte, aber immer noch 1668 Millionen
mehr als die zweite Kriegsanleihe. Das Ergebnis war zweifellos
beeinträchtigt worden durch den damals heftige Formen annehmenden Streit
um den U-Bootkrieg und den in die Zeichnungsperiode fallenden Rücktritt
des Großadmirals von Tirpitz. Dem Ertrag der vierten Kriegsanleihe
standen gegenüber die Kriegsausgaben des ersten Halbjahrs 1916 mit
rund 11750 Millionen Mark. Die Kriegsausgaben waren also in diesem
Halbjahr um rund eine Milliarde Mark höher als der Anleiheertrag. Als
Ende März 1916 die Zeichnungsfrist auf die vierte Kriegsanleihe ablief,
stellte sich der Betrag der vom Reich ausgegebenen kurzfristigen
Schatzanweisungen auf 10400 Millionen Mark. Das Zeichnungsergebnis der
vierten Kriegsanleihe mit 10768 Millionen Mark deckte also auch dieses
Mal noch den Betrag der ausstehenden Schatzanweisungen.
Als ich am 31. Mai 1916 das Schatzamt verließ, stellten sich die
Kriegsausgaben des Reiches auf rund 39780 Millionen Mark. Davon waren
durch die vier Kriegsanleihen gedeckt rund 36 Milliarden Mark.
Kein anderer kriegführender Staat hat eine auch nur annähernd gleich
erfolgreiche Anleihepolitik durchzuführen vermocht.
England sah sich nach dem ungenügenden Erfolg seiner ersten
Kriegsanleihe vom November 1914 zunächst zur Geldbeschaffung im Wege
des kurzfristigen Kredits genötigt. Im Juni 1915 legte es eine zweite
langfristige Anleihe auf, dieses Mal mit einer nominellen Verzinsung
von 4-1/2%. Während man in Deutschland während des ganzen Krieges
bei der von Anfang an gewählten 5%igen Verzinsung bleiben konnte,
war England also gezwungen, bereits bei der zweiten Kriegsanleihe
einen um 1% höheren Zinssatz zu gewähren als bei der ersten. Es hat
späterhin bei der dritten Anleihe im Februar 1917 auf 5% gehen und einen
Emissionskurs von 95% anbieten müssen, während Deutschland bis zuletzt
für seine gleichfalls 5%igen Kriegsanleihen einen Ausgabekurs von 98%
festhalten konnte. Die englische Kriegsanleihe vom Juni 1915 wurde dem
Publikum durch allerlei Reizmittel schmackhaft gemacht; so wurde dem
Publikum der Umtausch sowohl der ersten 3-1/2%igen Kriegsanleihe als
auch der 2-1/2%igen Konsols zu bestimmten günstigen Sätzen gegen die
neue 4-1/2%ige Kriegsanleihe unter der Bedingung der gleichzeitigen
Barzeichnung auf die neue Anleihe freigestellt; vor allem aber erhielten
die Zeichner die Berechtigung, für den später praktisch gewordenen
Fall der Ausgabe einer höher verzinslichen Anleihe die 4-1/2%igen
Stücke ohne weiteres gegen Stücke der neuen höher verzinslichen Anleihe
tauschen zu dürfen. Trotz aller dieser Reizmittel erreichte die
Zeichnung, abgesehen von den Tauschstücken, nicht ganz 600 Millionen
Pfund Sterling. Um dieses Ergebnis zu erreichen, mußten die Banken
200 Millionen übernehmen. Der Kurs der neuen Anleihe ging alsbald um
einige Prozent unter den Ausgabekurs zurück. Der Markt war durch die
verfehlte Operation derartig gestört und das Schatzamt war durch das für
die Zukunft zugestandene Konversionsrecht derartig behindert, daß bis
zum Februar 1917 eine neue Anleiheoperation überhaupt nicht zustande
kam. Ende Mai 1916 hatte Deutschland 36 Milliarden Mark, England nur 19
Milliarden Mark durch die Begebung langfristiger Anleihen aufgebracht.
Und obwohl England, im Gegensatz zu Deutschland, damals schon die
Steuerschraube stark angezogen hatte, stellten sich seine kurzfristigen
Verbindlichkeiten auf nicht viel weniger als 20 Milliarden Mark, während
die unsrigen nur zwischen 4 und 5 Milliarden betrugen.
Frankreich kam erst im November 1916 mit einer Anleihe heraus. Sie
war mit einer 5%igen Verzinsung ausgestattet und wurde zum Kurs von
88% begeben. Ihr Ergebnis belief sich, abgesehen von dem auch hier
als Lockmittel zugelassenen Umtausch älterer niedriger verzinslicher
Anleihen, auf rund 13,7 Milliarden Franken, also um etwa auf 12
Milliarden Mark. Man kann annehmen, daß Frankreich um die Mitte des
Jahres 1916 etwa zwei Drittel seiner Kriegskosten durch Inanspruchnahme
kurzfristiger Kredite und Darlehen seiner Zentralbank hatte decken
müssen.
Dabei waren sowohl England als auch Frankreich in einem Punkte
wesentlich günstiger gestellt als wir: es stand ihnen die finanzielle
Unterstützung der Vereinigten Staaten von allem Anfang an in
wesentlich größerem Umfang zur Verfügung als uns. Die Sympathien der
amerikanischen Finanzwelt und des Publikums waren ganz vorwiegend auf
der Seite der Westmächte. Während England und Frankreich ohne jede
Schwierigkeit die gewünschten Kredite erhalten und im Herbst 1915 sogar
eine gemeinschaftliche Anleihe von 500 Millionen Dollar mit einem
amerikanischen Finanzkonsortium abschließen konnten, hatten wir die
größten Schwierigkeiten, auch nur die bescheidensten Beträge in Amerika
aufzubringen. Gleich nach Beginn des Kriegs hatte die Reichsleitung den
früheren Staatssekretär des Reichskolonialamts, Herrn Dernburg, nach
Amerika geschickt, in der Hoffnung, durch seine Vermittlung in Amerika
Geldquellen erschließen zu können. Aber auch seinen Bemühungen gelang
es nicht, etwas Nennenswertes zu erreichen. Bald nach meiner Übernahme
des Reichsschatzamtes gelang es allerdings, durch ein Bankhaus zweiten
Ranges Schatzscheine wenigstens in dem bescheidenen Betrag von 10
Millionen Dollar unterzubringen. Aber bald mußte der größte Teil davon
wieder zurückgekauft werden, um eine für unsern Kredit bedenkliche
Entwertung zu verhindern.
Es ist später gegen unsere Kriegsfinanzpolitik mitunter der Vorwurf
erhoben worden, sie habe versäumt, Amerika rechtzeitig finanziell für
uns zu interessieren, und es so geschehen lassen, daß die Vereinigten
Staaten ein einseitiges Interesse an unsern Feinden genommen hätten.
Der Vorwurf beruht auf einer Verkennung der wahren Sachlage. Als
im März 1916 ein Abgeordneter im Hauptausschuß des Reichstags mich
beglückwünschte, daß ich den Geldbedarf für den Krieg im Inland
decken könne und nicht, wie die Engländer und Franzosen, nach Amerika
gehen müsse, da antwortete ich, daß der Redner meine tugendhafte
Enthaltsamkeit überschätze, und daß ich gern von Amerika Geld nehmen
würde, wenn ich es nur bekommen könnte. Die Amerikaner haben im weiteren
Verlauf des Weltkriegs nicht etwa deshalb für die Entente Partei
genommen, weil sie dieser Geld gegeben hatten und uns nicht, sie hatten
vielmehr der Entente Geld gegeben und nicht uns, weil sie von Anfang an
in diesem Völkerringen mit ihren ganz überwiegenden Sympathien auf der
Seite der Westmächte standen.
Trotzdem wir so viel stärker auf die eigne Kraft angewiesen waren als
unsre Feinde, gelang es uns, mit unsrer Anleihepolitik den geschilderten
Vorsprung zu gewinnen.
Aber auch bei uns in Deutschland hat sich die günstige Situation,
die bei meinem Ausscheiden aus dem Schatzamt noch bestand, späterhin
stark verändert. Unter der Einwirkung der seit dem Herbst 1916 ins
Ungemessene wachsenden Kriegsausgaben hat sich, trotzdem jetzt das
Erträgnis der Kriegssteuern hinzutrat, das günstige Verhältnis
zwischen Kriegsausgaben und Anleihedeckung nicht aufrechterhalten
lassen; die Reichsfinanzverwaltung hat sich vielmehr von Halbjahr
zu Halbjahr immer weiter auf den bedenklichen Weg des kurzfristigen
Kredits und der Inanspruchnahme der Reichsbank abgedrängt gesehen.
Die Kriegsausgaben, die noch im August 1916 rund 1980 Millionen
betragen hatten, überschritten im Oktober 1916 erstmals die Summe von 3
Milliarden. Seit April 1917 sind sie niemals wieder unter 3 Milliarden
im Monat hinabgegangen, im Oktober 1917 überschritten sie den Betrag
von 4 Milliarden und haben sich seit jener Zeit mit einer Tendenz zur
weiteren Steigerung fast ständig über dem Monatsbetrag von 4 Milliarden
bewegt. Im Oktober 1918 wurde die ungeheure Summe von 4,8 Milliarden
Mark erreicht. Einem Gesamtaufwand für den Krieg von 23 Milliarden Mark
im Jahre 1915 steht ein solcher von mehr als 50 Milliarden im Jahre 1918
gegenüber.
Mit diesem gewaltigen Anwachsen der Kriegsausgaben hielt die
Steigerung des Ergebnisses der Kriegsanleihen nicht Schritt. Den
höchsten Ertrag hat die achte Kriegsanleihe vom März 1918 mit 15
Milliarden Mark erbracht; aber die durch diese Anleihe zu deckende
Halbjahresausgabe stellte sich auf wesentlich mehr als 20 Milliarden
Mark. Der Erlös dieser Anleihe ließ einen Betrag von 24 Milliarden
kurzfristiger Schatzanweisungen ungedeckt, während zwei Jahre zuvor
die vierte Kriegsanleihe die damals begebenen Schatzanweisungen noch
restlos abgedeckt hatte. Jetzt hat sich, nach den Mitteilungen der
Reichsfinanzminister Schiffer und Dernburg in der Nationalversammlung,
der Betrag der ausgegebenen Reichsschatzanweisungen und Reichswechsel
auf den ungeheuren Betrag von weit mehr als 60 Milliarden Mark erhöht!
Vom Herbst 1916 an ist also die Deckung unserer Kriegsausgaben auf die
schiefe Ebene geraten und mit wachsender Beschleunigung abwärts gerollt.