Neben der tätigen Mitarbeit an der Durchführung kriegsnotwendiger
Maßnahmen und Unternehmungen durfte die Sparsamkeit in der
Ausgabewirtschaft nicht vernachlässigt werden. Die täglichen
Nachweisungen über die Inanspruchnahme der Reichshauptkasse waren in
ihren gewaltigen Ziffern, die immerzu den Drang nach oben zeigten, eine
immer wiederkehrende Mahnung.
Als ich das Reichsschatzamt übernahm, beliefen sich die bis dahin --
also in den ersten sechs Monaten des Krieges -- entstandenen Ausgaben
auf rund 8650 Millionen Mark. Der Monat August hatte infolge der
außerordentlichen Ausgaben für die Mobilmachung allein 2047 Millionen
beansprucht, der September eine Ausgabe von 970 Millionen Mark, --
er blieb der einzige Kriegsmonat, dessen Ausgaben den Betrag einer
Milliarde nicht überschritten. Schon der Oktober hatte eine Steigerung
der Kriegsausgaben auf 1262 Millionen Mark gebracht. Die Ausgaben des
Januar 1915 schlossen mit 1545 Millionen ab. Für den Februar war ein
ähnlicher Betrag, für den März ein bereits erheblich höherer Bedarf
angemeldet. In der Tat haben die Ausgaben des März den Betrag von 2
Milliarden Mark noch um 35-1/2 Millionen überschritten und damit die
Kosten des Mobilmachungsmonats nahezu erreicht.
Bei allem meinem Vertrauen in die finanzielle Kraft Deutschlands
erfüllte mich diese Steigerung mit ernster Sorge. Die erste
Kriegsanleihe hatte rund 4-1/2 Milliarden erbracht. Aber wenn auch diese
Summe das Ergebnis aller bisher dagewesenen Anleiheoperationen weit
übertraf, so deckte sie doch nur etwa die Kriegsausgaben der ersten drei
Monate und nur etwas mehr als das Doppelte der Kriegsausgaben des einen
Monats März 1915. Als ich am 1. Februar 1915 das Schatzamt übernahm,
waren an unverzinslichen Schatzanweisungen bereits wieder 4365 Millionen
Mark im Umlauf, und dieser Umlauf stieg bis Ende März 1915 auf 7209
Millionen Mark. Auch wenn man für die im März 1915 aufgelegte zweite
Kriegsanleihe ein noch wesentlich höheres Ergebnis erwartete, als es die
erste Kriegsanleihe erbracht hatte, mußte man bei einem weiteren Steigen
der monatlichen Kriegsausgaben mit einem für das finanzielle Durchhalten
verhängnisvollen Anschwellen der Begebung von Schatzanweisungen
und damit -- da die Reichsbank der Hauptabnehmer war -- mit einem
lawinenartigen Anwachsen des Notenumlaufs, einer schrittweisen
Wertverringerung unseres Geldes und einer entsprechenden Steigerung des
allgemeinen Preisniveaus rechnen. Nur die peinlichste Sparsamkeit konnte
einer solchen Entwicklung entgegenwirken.
Es war mir wie aller Welt bekannt, daß in den ersten Wochen nach
Kriegsausbruch die mit der Beschaffung von Heeresbedarf aller Art
betrauten Stellen der Heeresverwaltung keineswegs überall sachgemäß
vorgegangen waren, sondern vielfach geradezu kopflos gehandelt hatten.
Der dringende Bedarf gewaltigen Umfangs für Ausrüstung und Verpflegung
unserer Truppen scheint in manchen darauf nicht vorbereiteten
Bureaus geradezu eine Panik erzeugt zu haben. Unter dem Druck der
Beschaffungsnotwendigkeit kam es zu der von mir späterhin überall
auf das Schärfste bekämpften Parole: »Geld spielt keine Rolle«; es
ist vorgekommen, daß den Lieferanten höhere Preise angeboten worden
sind, als sie ihrerseits zu fordern sich für berechtigt hielten. Unter
dem gleichen Drucke haben manche Beschaffungsstellen, statt mit dem
Produzenten oder dem regulären Handel in Verbindung zu treten, sich mit
Gelegenheits-Zwischenhändlern übelster Sorte, wie der Krieg sie gleich
Pilzen aus dem Boden schießen ließ, in Geschäfte eingelassen, die das
Reich über Gebühr belasteten und nicht die erforderliche Gewähr für
eine sachgemäße Lieferung boten. Auch die Organisation der Beschaffung
des Heeresbedarfs ließ manches zu wünschen übrig; es kam vor, daß sich
verschiedene Beschaffungsstellen gegenseitig Konkurrenz machten und
sich, ohne es manchmal selbst zu wissen, die Preise in die Höhe boten.
In allen diesen Punkten war zu Anfang des Jahres 1915 bereits vieles
besser geworden. Nach der Aufregung und dem Durcheinander der ersten
Mobilmachungszeit war Ruhe und Ordnung wieder eingekehrt. Die
Organisation der Beschaffung war vervollkommnet worden. Namentlich
auf dem Gebiete der Beschaffung von Nahrungs- und Futtermitteln
für die Armee hatte die schon im Laufe des August 1914 ins Leben
gerufene Zentralstelle für Heeresverpflegung für eine sachgemäße
und einheitliche Behandlung dieses gewaltigen Einkaufsgeschäftes
gesorgt. Auch auf den übrigen Gebieten wurden neue Verträge gründlich
geprüft und eine Nachprüfung der alten Verträge in die Wege geleitet,
der Gelegenheits-Zwischenhandel nach Möglichkeit ausgeschaltet und
direkte Abschlüsse mit den Produzenten angestrebt. Es war natürlich
für die Finanzverwaltung unmöglich, alle die Abschlüsse und Geschäfte
der Heeresverwaltung im einzelnen mitzubearbeiten oder auch nur zu
kontrollieren; dazu hätte ein Heer von Beamten gehört, über das ich
nicht verfügte und das in den Verhältnissen des Krieges auch nicht
zu beschaffen war; außerdem hätte der Versuch zu einer kaum zu
verantwortenden Erschwerung und Verschleppung der meist dringlichen
Geschäfte geführt. Es blieb also nur eine allgemeine Einwirkung im
Sinne einer zweckmäßigen Organisation und sachgemäßen Behandlung der
Beschaffung des Heeresbedarfs, sowie die Mitarbeit bei einzelnen
wichtigen Verträgen und die Kontrolle durch gelegentliche Stichproben.
Darüber hinaus betrachtete ich es als meine Aufgabe, die maßgebenden
militärischen Stellen von der zwingenden Notwendigkeit einer eisernen
Sparsamkeit zu überzeugen. Der verhängnisvolle Grundsatz: »Geld spielt
keine Rolle« mußte vom Kopfe her ausgebrannt werden. Nachdem ich eine
hinreichende Übersicht über die Verhältnisse gewonnen hatte, reiste
ich Ende April 1915 in das Große Hauptquartier, um dort mit dem Chef
des Generalstabs, dem Kriegsminister, dem Generalquartiermeister
und dem Generalintendanten des Feldheeres über die Möglichkeiten
der Erzielung von Ersparnissen zu beraten. Wir kamen in mehrtägiger
Beratung zu dem Ergebnis, daß sowohl bei den sachlichen wie namentlich
auch bei den persönlichen Ausgaben eine strengere Sparsamkeit
sich ohne Beeinträchtigung der Kriegführung durchführen lasse.
Insbesondere die offensichtlich auf einen kurzen Krieg zugeschnittene
Kriegsbesoldungsordnung und ihre Anwendung bot Spielraum zu
geldersparenden Korrekturen. Aber auch in der Materialwirtschaft wurde
vielfach noch gar zu sehr aus dem Vollen geschöpft. Ich konnte in dieser
Beziehung aus meinen Besuchen an der Front und vor allem aus einer
Besprechung mit dem früheren Kriegsminister, General von Einem, damals
Führer der Champagne-Armee, wertvolle Anregungen gewinnen.
Daß meine Bemühungen nicht ganz ohne Erfolg waren, zeigt die Entwicklung
der Kriegsausgaben. Ich habe das Schatzamt verwaltet vom 1. Februar
1915 bis zum 1. Juni 1916. Die Ausgaben im März 1915 stellten sich,
wie ich bereits erwähnte, auf 2035,5 Millionen Mark. In den meisten
der folgenden Monate blieben die Ausgaben hinter dem Betrage von
2 Milliarden Mark zurück. Im März 1916 beliefen sie sich auf 2059
Millionen, also nur wenig höher, als ein Jahr zuvor. Die folgenden
Monate April und Mai erforderten 1,884 und 2,008,5 Milliarden Mark.
Die Ausgaben sind also in den sechzehn Monaten meiner Verwaltung
nicht irgendwie nennenswert weiter angewachsen: und dieses Ergebnis
ist erzielt worden trotz der Ausdehnung der Kriegsschauplätze, trotz
der weiteren Vermehrung des Effektivbestandes unserer Truppen, trotz
der gestiegenen Preise für Nahrungsmittel und Rohstoffe und trotz der
starken Ausdehnung der Fabrikation von Kriegsgerät und Munition.
Ich muß dabei hervorheben, daß ich niemals auch nur in einem
einzigen Fall Wünschen oder Absichten des Kriegsministeriums auf
Beschaffung von Kriegsgerät oder Munition entgegengetreten bin. Die
Beurteilung des in dieser Beziehung für die erfolgreiche Führung des
Krieges Notwendigen konnte ich um so beruhigter der ausschließlichen
Verantwortung der zuständigen militärischen Stellen überlassen, als
die an mich herantretenden Anträge den Rahmen unserer finanziellen
und wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit in jener ersten Phase des
Krieges nicht überschritten. Nur ein einziges Mal bin ich als
Reichsschatzsekretär in die Lage gekommen, einer unsere militärische
Ausrüstung betreffenden Absicht Widerspruch entgegensetzen zu müssen,
und dieser eine Fall ging nicht das Landheer an, sondern die Marine. Im
Herbst 1915 wollte das Reichsmarineamt auf kaiserliche Anordnung für
einen gesunkenen Kreuzer ein großes modernes Schlachtschiff in Auftrag
geben. Bei der auf drei bis vier Jahre veranschlagten Bauzeit war die
Wahrscheinlichkeit, daß dieser kostspielige Neubau noch für den Krieg
von Nutzen sein könnte, zum mindesten zweifelhaft. Außerdem hätte der
Neubau große Anforderungen an die knappen Arbeitskräfte und Materialien
gestellt und diese dem für alle Eventualitäten notwendigen U-Bootbau
entzogen. Infolgedessen verweigerte ich meine Zustimmung und der Neubau
unterblieb. Im übrigen habe ich den verantwortlichen militärischen
Behörden für die Ausrüstung des Heeres mit Kriegsgerät und Munition
durchaus freien Spielraum gelassen; in wichtigen Fällen, so in der Frage
der Stickstoffbeschaffung und der Handelstauchboote, bin ich aus eigener
Initiative, ohne militärische Anträge abzuwarten, mit Maßnahmen und
Ausgaben vorgegangen, die der Kriegführung wesentlich zugutekamen.
Ich stelle diesen Sachverhalt hier fest, um einer Legendenbildung
entgegenzutreten, die sich später, zur Zeit der Beratung des Gesetzes
über den vaterländischen Hilfsdienst, herausgebildet hat. Damals
wurde ausgestreut -- ich habe nicht ermitteln können, von welcher
Seite -- die unbefriedigenden Zustände in der Munitionserzeugung,
die sich um die Mitte des Jahres 1916 herausgestellt hatten, seien
auf Geldverweigerungen des Reichsschatzamts zurückzuführen. Ich habe
damals schon im Hauptausschuß des Reichstags in Gegenwart der Vertreter
der für die Munitionsbeschaffung zuständigen militärischen Stellen
dieselbe Feststellung gemacht wie hier, daß in keinem einzigen Fall
die Beschaffung von Kriegsgerät und Munition durch ein Eingreifen des
Schatzamtes verhindert oder auch nur verzögert worden ist. Auf die
tatsächlichen Zustände in der Munitionserzeugung um die Mitte des Jahres
1916 komme ich weiter unten im Zusammenhang mit dem Vaterländischen
Hilfsdienst zurück.