unglücklicher als irgendein Makondeweiler. Vier volle Marschstunden
sind augenblicklich zum Herbeischleppen des Trinkwassers nötig. Und
dabei grünt der Wald so schön und frisch, daß es eine Lust ist, nach
der reichlich schweren Sitzung, die mir Leutnant Spiegel aus Freude
über den Europäerbesuch bereitet hat, in seinem Schatten zu wandern. Es
geht erst langsam, dann rascher abwärts; endlich klettert die Karawane
den fast senkrechten Steilabsturz zum Kiheru hinunter. Das Flüßchen
führt silberklares Wasser; so etwas ist in Ostafrika immer erfreulich,
und schon will ich den Becher zum Munde führen. „Chungu-Bwana, es ist
bitter, Herr“, sagt in dem Augenblick Hemedi Maranga, und ich lasse den
Arm sinken.
Saidi Kapote ist schon ganz wieder typische Tieflandsiedelung,
weitzerstreute, große, rechteckige Häuser mit schwerem Satteldach. Auch
in bezug auf den abendlichen Fallwind gleicht es aufs genaueste den
übrigen Siedelungen am Fuß des Hochlandes. Bis jetzt ist der Rückmarsch
eine Reise mit Hindernissen gewesen; jeden Morgen die schreckliche
Trägernot, so daß der Abmarsch erst in später Morgenstunde hat erfolgen
können. Auch hier sind die am Vortag gedungenen Makonde wieder spurlos
verschwunden; zwar gelingt es dem Akiden, durch Stellung einer Anzahl
von Ersatzleuten unserer größten Not zu steuern, einige wertlosere
Lasten indessen müssen einstweilen zurückbleiben; der Mann verspricht,
uns diese nachtragen zu lassen.
Der vorletzte Marsch beginnt; es geht immer nach Osten, die
langgezogenen Höhenzüge entlang, die sich zwischen Kiheru und Lukuledi
in endloser Einförmigkeit erstrecken. Die Karawane ist jetzt sehr
zahlreich, wohl über 100 Köpfe stark; in den hiesigen Sandmassen
zieht sie sich zu unübersehbarer Länge auseinander. Dennoch geht
es unverdrossen vorwärts, Stunde um Stunde; am Lukuledi eine kurze
Rast, dann heißt es von neuem weiter. Endlich, erst gegen die Mitte
des Nachmittags und nach mehr als achtstündigem Dauermarsch, machen
wir unter ausgedehnten Palmen- und Mangohainen eine kleine Stunde
westlich von Mrweka halt. Alles ist zum Umfallen müde und abgespannt,
aber selbst der stumpfsinnigste Askariboy wälzt sich unruhig in seinen
Träumen: schon morgen wird er in Lindi sein; welche Herrlichkeiten und
Genüsse wird ihm diese Weltstadt diesmal bringen!
Unter dem Gefunkel des tropischen Sternenhimmels sind meine braven
Krieger zum letztenmal angetreten, zum letztenmal ist das Getöse der
aufbrechenden Karawane über das tiefeingeschnittene Lukuledital hinüber
in das schweigende Pori gedrungen. In der Inderstraße von Mrweka
fahren verschlafene Männer, nasenringbehängte Frauen und schreiend
aufgeputzte Babys erschrocken hoch, als die furchtbaren Töne meiner
Expeditionstuthörner ihnen ins Ohr gellen. Rasch wird es lichter, eine
gelbbraune Gestalt fällt meinem Maultier in die Zügel; Herr Linder
ist’s, der treffliche Wirtschaftsinspektor von Lindi. Er hat mir
damals den letzten Europäergruß von Ruaha aus mitgegeben, er drückt
mir nun auch als erster Kulturträger bei der Heimkehr die Hand. Seine
Anwesenheit hier ist die Folge des „Booms“, er vermißt irgendwelche
neuen Plantagengelände. Doch rasch geht es weiter, einen flachgeneigten
Abhang zur Linken hinunter; die Spitze stutzt, alle Folgenden stauen
sich auf, ein breiter Meeresarm dehnt sich vor uns aus. Ich bin
landfremd und muß in diesem Fall einmal meinen Leuten folgen. Diese
sind, die Kleider bis an die Schulter emporhebend, langsam in die Flut
hineingeschritten; mein Maultier ziert sich noch ein Weilchen -- es ist
ja ein Fräulein --, dann aber stapft es mutig hinterdrein. Ohne jeden
Unfall langt alles drüben am Ufer an, ein kurzer Sammelhalt, und im
Geschwindmarsch geht es weiter auf Nguru Mahamba zu, das die Springflut
bis fast in die Häuser hinein unter Wasser gesetzt hat.
Aus ist’s in diesem Moment mit der Wildnis. Der im Juli noch unfertige
Weg stellt sich jetzt als die idealste Kunststraße dar; ihr fehlt nur
das Auto, um das Kulturbild des zwanzigsten Jahrhunderts zu vollenden!
Am Fuß des Kitulo der letzte große Halt; mich bannt Nils Knudsen
auf die Platte, einen riesenhaften Baobab als Hintergrund; ich müsse
mich auch im Kostüm des Afrikaforschers der Nachwelt erhalten, meint
er; meine Leute aber machen Einzugstoilette. Es ist ein unsagbar
malerisches Bild, wie die Kerle sich dort aufgebaut haben, auf Kisten
und Lasten gekauert; mit einem Eifer, der so manchem guten deutschen
Volksgenossen nur anzuempfehlen wäre, putzen und schaben sie an ihrem
auch sonst schon so glänzenden Gebiß herum; spannenlang und daumendick
ragt die „Swake“, die Zahnbürste Afrikas, zwischen den Lippen hervor,
einer riesigen Zigarre gleich. Sie ist hygienisch einwandfrei und gut,
diese Zahnbürste des Negers, ein simples Stück sehr faserigen Holzes,
das in jede Ritze des Gebisses eindringt, ohne doch den Schmelz zu
verletzen. Und überalt wird sie auch nicht, der Mann ist stets in der
Lage, eine neue in Gebrauch zu nehmen.
[Illustration: Einzugstoilette. Zähneputzen meiner Begleitmannschaft.]
Ich habe soeben den Scheitelpunkt des Kitulo erreicht; gerade werfe
ich den letzten Blick auf den Teil Innerafrikas zurück, an dem nun
auch ich in mühseliger, schwerer Arbeit Forscherrechte errungen habe,
da brüllt mir Omari, der Koch, der keuchend den Berg herauf eilt,
schon von weitem entgegen: „~ndege amekwenda~, der Vogel ist
weggeflogen“. In der Tat ist der Käfig des kleinen Sängers leer;
ein Stäbchen hat sich ein wenig gelockert, das war die Pforte zur
Freiheit. Wie hat der kleine, bunte Vogel, eine Art Zeisig, die
ganzen Monate hindurch unseren staubigen, heißen Rasthäusern durch
sein schmetterndes Lied wenigstens etwas von ihrer schauderhaften
Unwohnlichkeit und Ungastlichkeit genommen, und wie dankbar ist er für
die paar Hirserispen gewesen, die sein Unterhalt gekostet hat. Jetzt
ist er davon, genau in dem Augenblick, wo ich mir Sorge machen mußte,
wohin mit dem kleinen Freund; das rauhe Klima des Nordens wird ihm kaum
zusagen; soll ich ihn also dem ersten besten Europäer anvertrauen?
Seine rechtzeitige Flucht hat mich des Dilemmas in einfachster Weise
enthoben.
Eng aufgeschlossen, die Krieger in Sektionskolonne, die
Reichsdienstflagge im frischen Seewind breit entrollt, geht es nach
Lindi hinein. Meine Träger sind fremd, deswegen sind die Frauentriller,
die sonst den Einzug jeder Expedition begleiten, nur dünn gesät. Stramm
schwenken die Askari auf dem Bomaplatz ein, steif vom langen Ritt
steige ich vom Tier, da endlich naht der erste Weiße. Die Begrüßung
ist freundlich, die Freude ehrlich. Jetzt tritt der zweite herzu:
„Herrgott, sehen Sie schlecht aus! Und Ihr Maultier erst, das geht
doch noch heute ein; ums Bezahlen werden Sie wohl nicht herumkommen!“
Weg sind alle Illusionen; ich wende mich ab und lasse den Gefreiten,
der in strammer Haltung abseits gestanden hat, nähertreten. „Ihr seid
gute Soldaten gewesen, und du, Hemedi Maranga, bist der beste von
allen; ich werde euch ein großes Fest geben. Aber jetzt geht heim zu
euren Frauen.“ Ein Händedruck, ein paar kurze Kommandos, im nächsten
Augenblick verschwinden die zwölf in ihrem Kasernenhof; ich selbst aber
steige in meine alte Klause nach oben. Nils Knudsen hat recht: bei den
Schensi ist es doch besser!
Von meinen Trägern habe ich in den wenigen Tagen, die ihnen in Lindi
noch verblieben, nur wenig gesehen; um so mehr aber sind sie zu
hören gewesen. Jetzt ist ihre Stunde gekommen; frei schwingt der
„Kaiser Wilhelm“ draußen auf dem Strom um seine Ankerkette. Morgen
früh bei Tagesanbruch soll die Reise nordwärts gehen, heute abend
um Sonnenuntergang sollen meine Leute an Bord. Für 5½ Uhr habe ich
sie vor das Posthaus, in dessen Oberstock ich ein nüchternes Zimmer
bewohne, bestellt; ich will sie doch lieber selbst zum Hafen bringen.
Die festgesetzte Zeit ist gekommen, aber kein Träger ist da; es wird
5¾ Uhr, schon werde ich unruhig, da erschallt immer näher ein so
furchtbares Getöse, daß die Diagnose ohne weiteres gegeben ist. Aber
haben sich die zwei Dutzend auf das Dreifache vermehrt? Ein dichtes
Rudel tobt und wallt dort unten auf dem Platz herum, Bässe grölen,
Triller schwirren; Ausschreitungen kommen nicht vor, wie ich das auch
gar nicht anders erwartet habe. Regellos zieht der Haufe hinter mir
her, die wenigen hundert Schritte zum Wasser hinunter; dort liegt schon
der Fährmann bereit. „Bwana, ich möchte doch lieber hier bleiben“,
sagt Kasi uleia, der Hübsche, und wirft einen zärtlichen Blick auf die
dunkle Schönheit an seiner Seite. „Tu’, wozu dein Herz dich treibt,
mein Sohn“, antworte ich milde. „Und das hier ist mein Boy, Herr“,
sagt Pesa mbili II., der jetzt wieder sehr rundliche Jüngling aus
Manyema. Die Bibi, die sich etwas verlegen hinter seinem breiten Rücken
verbirgt, stellt er mir aber nicht vor.
[Illustration: Der Verfasser im Porikostüm.]
„Nun singt sie noch einmal, die schönen Lieder!“
In geschlossenem Kreis stehen die Mannen um mich herum. „~Kulya
mapunda~“ geht ganz gut, sonor klingt die gefällige Weise über den
rauschenden Lukuledi dahin. Auch bei „~Dasige murumba~“ zieht
sich der Sängerkreis noch leidlich aus der Affäre; als nun aber das
Standardlied anhebt: „~Yooh ndērule~“, da erscheint mir der
Kreis recht verdünnt und lückenhaft; dafür erschaut mein Auge im
Dämmerlicht in den Nischen des Ufergebüsches einzelne Pärchen. „Aha,
Abschiedsszenen“, denke ich, stelle aber sofort fest, daß ich mich
gründlich geirrt; nichts von Zärtlichkeit, sondern wie die Wölfe haben
sich diese Materialisten über das letzte Liebesmahl hergemacht, das
ihnen eine zarte Hand für die Seereise zugedacht. „Wohl bekomm’s“, sage
ich halblaut und konstatiere zu meiner Befriedigung, daß auch beim
Neger die Liebe durch den Magen geht.
Ungeduldig meldet sich der Fährmann; ich treibe den hagestolzen Teil
der Sänger ins flache Wasser hinein. Lustig plätschernd waten sie
von dannen; rasch ist es dunkel geworden, kaum unterscheide ich noch
die weißen Gestalten, als sie ins Boot klettern. ~Yooh nderule, yooh
nderule, wabwana mkubwa nderule~ -- lang und gedehnt klingen die
vertrauten Laute aus Pesa mbilis Kehle über die schweigende Flut --
~kubwa sumbana wogi nderulewa, yooh nderule~ hallt der Chor verklingend
nach. Das Boot ist im Dunkel der Nacht verschwunden; ich wende mich
der Messe zu, zur Hauptmahlzeit des Tages; in diesen Räumen gehöre ich
wieder ganz zur Vollkultur -- +die Expedition Weule ist zu Ende+.
[Illustration: Am Eingang in das Rote Meer. Der Fels von Aden.]
Zwanzigstes Kapitel.
Rückblick.
An Bord des Reichspostdampfers
„König“.
+Im Mittelmeer+, vor den Nilmündungen,
20. Januar 1907.
Herrn Geheimrat +Kirchhoff+, Mockau bei Leipzig.
Vor wenigen Stunden haben uns die Palmen von Port Said den letzten
Gruß Afrikas herübergewinkt. Jetzt ist der flache, sandige Strand des
ägyptischen Deltagestades längst den Augen entschwunden, und graue
Wasserwüste liegt vor dem Schiff, das immer mühseliger gegen den
rasch aufkommenden Nordwestwind ankämpft. Überhaupt das Mittelmeer
zur Winterszeit! Wo ist der ewig klare Himmel unserer Schulweisheit
in Wirklichkeit! Kapitän Scharf, der es doch wissen muß, sagt, daß er
diese Meeresstrecke um diese Jahreszeit gar nicht anders kennt als
immer kalt, immer stürmisch, kurz, als einen unangenehmen Übergang
von der herrlichen Temperatur des winterlichen Roten Meeres zu dem
nordischen Klima des Atlantischen Ozeans und der Nordsee. Wir werden
unmittelbar an Kreta entlang fahren müssen und werden so dicht an
Griechenland vorüberkommen, daß die schneeigen Gipfel der Gebirge
Spartas zu uns herüber grüßen, so schwer legt sich das Wetter gegen den
breiten Bug unseres etwas altmodischen Dampfers, der für ein modernes
Beförderungsmittel merkwürdig wenig Fahrt macht. Um so mehr Muße hat
der Reisende, im behaglichen Rauchsalon in sich zu gehen und das
Fazit zu ziehen aus alledem, was er in den letzten dreiviertel Jahren
gesehen, gehört und gelernt hat.
War das ein vergnügter Abend am 2. Dezember an Bord des „Kanzler“ auf
der Reede von Lindi! Man begriff kaum, woher mit einem Male die vielen
weißgekleideten Europäer kamen. Ein Witzbold meinte, das eisgekühlte
Pilsner, das Ewerbeck und ich in froher Abschiedslaune in unbegrenzten
Mengen spendeten, sei der Magnet; doch das ist ein schlechter Witz
gewesen. Die Anwesenheit eines deutschen Dampfers im Hafen ist in
diesen Breiten immer ein Fest, das männiglich feiert wie es fällt. Mit
Recht, denn nichts ist tötender als das Einerlei des Werktagslebens in
Afrika.
Was den Dämpfling „Rufidyi“ mehr als drei Tage angestrengtester Arbeit
gekostet hatte, der schnellfahrende „Kanzler“ hat es in +einem+
Tage gemacht. Schon am 4. Dezember früh stiegen Ewerbeck und ich
in Daressalam wohlgemut ans Land, Ewerbeck, um sich für immer vom
Schutzgebiet zu verabschieden, ich, um über den verwaltungstechnischen
Teil meiner Expedition höheren Orts Rechenschaft abzulegen. Für einen
Neuling wie mich ist jener Aufenthaltswechsel belanglos gewesen, den
Kaiserlichen Bezirksamtmann hingegen bewegten sichtlich ernsthafte
und wehmütige Gedanken; er hatte den besten Teil seines Lebens, mehr
als fünfzehn Jahre, an die Entwicklung gerade des Südostens von
Deutsch-Ostafrika gesetzt; da geht man nicht gleichgültigen Herzens von
dannen.
Daressalam war noch entzückender als im Juni; jetzt gab es „Embe“ in
Mengen, in jeder Größe und jeder Beschaffenheit. Embe? Was ist Embe?
Nun, für den Nordländer, der auf sein prächtiges Obst stolz sein kann,
auf unsern unvergleichlichen Apfel, die saftige Birne, das große Heer
unseres herrlichen Beerenobstes und was unser Garten an Köstlichkeiten
sonst alles zu bieten gewohnt ist, für den ist Embe ein leerer Schall;
wer aber dauernd in der Tropenregion des Indischen Ozeans lebt, für
den ist diese Frucht der Inbegriff alles Herrlichen und Schönen. Die
Mango ist es, jene indische Frucht, die seit langer Zeit ihre zweite
Heimat in Äquatorial-Ostafrika gefunden hat. Der Baum ist gleichsam der
Vorläufer jener ungezählten menschlichen Bewohner der großen Halbinsel
zwischen dem Arabischen Meer und dem Bengalischen Golf gewesen, die
heute alle größeren Orte in Britisch- und Deutsch-Ostafrika, im
portugiesischen Gebiet und selbst auf der Südspitze des Erdteils als
mehr oder minder unwillkommene Eindringlinge bevölkern. Angenehmer als
der Inder niederer Kaste ist der Mangobaum allerdings; er gleicht im
Habitus einigermaßen unserer Linde und verleiht jeder Siedelung etwas
Anheimelndes und Gemütliches.
Und seine Frucht erst! Wie sie schmeckt, wenn sie vom Baume kommt,
kann ich mit dem besten Willen nicht sagen; der weiße Bewohner von
Daressalam genießt den großen Vorzug, in einem Kulturzentrum zu leben,
wo man gewohnt ist, die fast kindskopfgroße, saftige Frucht nur auf
Eis gekühlt serviert zu bekommen. In dieser Aufmachung ist die Embe
allerdings ein Genuß, den man dem der Ananas fast an die Seite setzen
könnte. „Embe“ ist denn auch das Schlagwort, das man vom Weißen beim
Frühstück, beim Mittag- und beim Abendessen zum Boy hinüberrufen hört;
ich glaube, die Weißen träumen in dieser Zeit sogar von jener Frucht.
Wie ein Blitz aus heiterm Himmel ist in dieses Schlaraffenleben die
Kunde von den Ereignissen des 13. Dezember gefahren. Unmittelbar vor
meiner Rückkehr nach Daressalam war dort der „Kaiserhof“ eröffnet
worden, ein vortreffliches, erstklassiges Hotel, unter dessen erste
Gäste zu gehören ich das große Vergnügen hatte. Man erstickte förmlich
in Komfort: elektrisches Licht, vor jedem Zimmer eine breite,
schattige Barasa, neben jedem Wohnzimmer die bequemste Badegelegenheit,
eine mehr als üppige Verpflegung -- nach den mageren Monaten in Busch
und Pori war das des Guten eigentlich zuviel. Erfreulicherweise gewöhnt
sich der Mensch jedoch an alles, selbst an ein gutes Leben.
In diese Ruhe und Behaglichkeit, die über der ganzen großen,
beneidenswert behäbigen Beamtenstadt lagerte, schlug die Kunde von der
jähen Auflösung des Reichstags wie eine Bombe ein. Selten habe ich
so viele lange Gesichter gesehen wie in jenen Tagen; es war, als ob
jeder einzelne Europäer bis zum letzten kleinen Unterbeamten hinunter
persönlich von dem Geschehnis betroffen worden sei; in allen Messen
und an allen Stammtischen ertönten die Unkenrufe über die schwarze
Zukunft oder richtiger über den Mangel jeder Zukunft der Kolonie, deren
ruhmloses Ende jetzt auch schon deshalb über jeden Zweifel erhaben
schien, weil jeder von uns bei den Neuwahlen im Januar mindestens
hundert „Sozi“ in den Reichstag einziehen sah. „Und mit dem Bahnbau ist
es natürlich ein für allemal zu Ende“, das war der stereotype Refrain
aller dieser Klagelieder, die man in gerechter Betrübnis in einem Meer
von Whisky-Soda ertränkte. Ich persönlich bin der Überzeugung, daß es
ganz so schlimm gar nicht werden wird, sondern daß auch der nächste
Reichstag zum mindesten das gleiche koloniale Verständnis entwickeln
wird wie sein Vorgänger; hoffentlich noch mehr. Am 25. Januar soll
unser guter „König“ in Genua ankommen; das ist der Termin der
Reichstagswahlen; am nächsten Tage wird man im großen und ganzen schon
ersehen können, wie diese Wahlen zu einem Teil ausgefallen sind, zum
anderen ausfallen werden, und wie sich das Schicksal unserer Kolonien
für die nächste Zukunft gestalten wird.
Daressalam habe ich am 20. Dezember an Bord des „Admiral“ verlassen.
Es ist ein herrliches, fast ganz neues Schiff, das noch weit ruhiger
fährt als der „Prinzregent“. Auch sein Komfort ist noch größer; kein
Wunder, wenn die Kabinen vollzählig besetzt waren. Es war jetzt noch
mehr Old England an Bord als im Frühjahr, viel Kapstadt und noch mehr
Witwatersrand; demgemäß herrschte auch ein erheblicher Toilettenluxus.
Diesmal habe ich auch Tanga genießen können und sogar ein Stück
Usambarabahn. Der umsichtige Kapitän Doherr hatte, wohl noch in
Erinnerung an seine Managerdienste, die er erst vor wenigen Monaten
den acht Reichstagsabgeordneten hatte widmen dürfen, einen Extrazug
für die Schiffsgesellschaft oder doch für jeden, der sich beteiligen
wollte, bereitstellen lassen, und mit dem „Zügle“ sind wir ins Innere
bis Muhesa gefahren, bis riesige Schüsseln mit Sandwiches und große
Servierbretter mit viel Whisky und Soda der Expedition ein rasches Halt
geboten. Es geschieht wirklich etwas hier im Nordosten der Kolonie, das
sieht man auch von den Abteilfenstern aus; zwar steht noch nicht alles
Land unter Kultur, doch ist bereits jedes Stückchen in festen Händen,
sogar weit über den Endpunkt des „Bähnle“ hinaus.
Hoch ging es am Abend in Tanga her. Die Stadt hat eine ganze
Reihe von Vorzügen. Zunächst liegt sie von allen Küstenorten
Deutsch-Ostafrikas dem Mutterland am nächsten; sie bleibt also auch
schon dadurch gewissermaßen das Einfallstor in die Kolonie. Sodann
ist der Hafen nicht schlecht; die weite Bucht ist freilich nicht
ganz so abgeschlossen wie die von Daressalam, doch gewährt auch sie
ausreichendes Fahrwasser bis dicht unter Land. Das Wichtigste ist
jedoch die Nähe Usambaras, dieser Perle an Klima und Fruchtbarkeit.
Usambara hat nur einen Fehler: es ist nicht groß genug, um alle die
aufzunehmen, die sich dort niederlassen möchten. Jetzt soll bereits
aller verfügbarer Boden aufgeteilt sein, so daß für Nachzügler kein
Land mehr vorhanden ist. Diese sitzen unten in Tanga oder gehen weiter
nach Süden, um andere Plätze für ihre Betätigung zu suchen; auch der
„Boom“ von Lindi war zum großen Teil auf diese Überfüllung des Nordens
zurückzuführen. Wirtschaftlich liegt also der Schwerpunkt unseres
ganzen Kolonialbetriebes einstweilen noch in diesem Nordosten. Das
tritt übrigens schon im ganzen Habitus des Europäerlebens in Tanga
zutage; viele Monate lang hat der würdige Pflanzer dort oben in den
Bergen Usambaras gesessen, ohne rechte Gelegenheit, den Nachbar zu
begrüßen; jetzt hat’s ihn gepackt: er muß einmal unter Menschen. --
Wenig später sitzt er im Klub von Tanga.
Wo der Deutsche ist, gibt’s auch Musik. Daressalam genießt den Vorzug
zweier Kapellen, der Matrosenkapelle von den beiden Kreuzern und
der schwarzen Askarikapelle. Beide erfreuen sich einer offiziellen
Förderung; gleichwohl konnte ich mich den schwarzen Musikanten
gegenüber des Eindrucks nicht erwehren: „sie kunnten’s nit gar schön“;
in jedem Fall war die Musik sehr oft mit viel Geräusch verbunden. In
Tanga ist man nicht nur in wirtschaftlicher Beziehung gewohnt, sich
auf eigene Füße zu stellen; auch die Knabenkapelle ist ein privates
Unternehmen. Tanga ist Schulstadt ~par excellence~; Hunderte
von Eingeborenenkindern werden hier in die Anfänge europäischer
Wissenschaft eingeführt und in die Geheimnisse des Deutschen
eingeweiht. Sie radebrechen’s denn auch alle, die kleinen schwarzen
Kobolde; die Intelligenzen unter ihnen, bei denen die weißen Lehrer
musikalische Talente entdeckt zu haben glauben, werden in die berühmte
Knabenkapelle gesteckt. Dieser geht es augenblicklich ausgezeichnet.
Als wir Admiral-Reisenden uns am Abend auf dem Platz vor dem Klub
einstellten, empfing uns eine Musik, die mich sogleich an eine deutsche
Jägerkapelle erinnerte. Ich hatte recht, von irgendwelcher Seite
waren der Kapelle Waldhörner gestiftet worden; diese gaben den ganzen
Darbietungen jenen unverkennbaren Charakter. Gespielt wurde von den
kleinen Kerlen gut, das läßt sich nicht leugnen; so gut, daß allen
Ernstes die Anregung fiel, man solle die Kapelle nach Uleia überführen,
damit doch wenigstens einmal etwas Ordentliches aus den Kolonien
importiert würde. Afrika reizt zu schlechten Witzen.
Es mag an zuviel Old England gelegen haben, daß Weihnachten nicht so
stimmungsvoll verlief, wie wir Deutsche das wohl männiglich erwartet
hatten. Der Tannenbaum, der im Speisesaal in hundert elektrischen
Lichtern erstrahlte, wurde von den Ladies und Gentlemen stumm, aber
ohne großes Erstaunen genossen, etwa mit derselben Gemütsruhe wie das
illuminierte Eis, das von jedem hohen Festtag an Bord unzertrennlich
ist, und ohne das man von dem Dasein des Festtages gar nichts merken
würde. Neujahr „liegt“ wieder uns Deutschen nicht; am Silvesterabend
sind wir zwar gewohnt, uns mehr oder minder tief unter Alkohol zu
setzen, eine tiefere Bedeutung sehen wir jedoch in dem bloßen Wechsel
der Jahreszahl nicht. Auch das neue Jahr wird uns genug Sorge bringen,
dessen können wir sicher sein! Getanzt haben freilich beide Nationen
mit gleicher Begeisterung und Ausdauer. Draußen brüllt der Sturm,
von Nordnordwest direkt dem Schiff entgegen, das am nächsten Morgen
vor Suez Anker werfen soll; hoch oben aber schaut mein alter Freund
von Mahuta, der Vollmond, vom Firmament hernieder. Über den weißen
Mann wundert er sich schon längst nicht mehr; der hat das gräßliche
Kelēle, das Geschrei der Schwarzen, für schön befunden; jetzt
springt er sogar höchstselbst wie ein wilder Neger vom Makondehochland
dort auf dem großen Schiff herum, von dem so etwas wie Musik ertönt.
Sie kommt zwar diesmal von weißen Leuten, gleichwohl ist sie nicht
viel schöner als der Ngomenschall vom Rovuma. Es ist nur gut, daß sie
so rasch vom Sturme verweht wird. Schier verärgert deckt der alte Herr
jetzt sein Antlitz zu; weißgraue Wolken gleiten in rasender Eile vor
ihm dahin; vor ihm und gleichzeitig auch vor den zackigen, steilen
Bergen der Arabischen Wüste zur Linken, unter denen wir in fast
unheimlicher Nähe der Küste entlang nach Norden dampfen. Um Mitternacht
die übliche Versammlung im Speisesaal, ein Gratulieren von Tisch zu
Tisch, von Bekannten zu Bekannten, ein Anstoßen und Zutrinken mit dem
perlenden Naß der Champagne -- man ist drin im neuen Jahr und segelt
in seine dunkeln Tiefen mit ebenderselben Eleganz hinein wie das gute
Schiff in den Golf von Suez.