+Lindi+, ausgangs November 1906.
Mein Feldbett in allen Ehren, aber auf dem meterbreiten, von einem
geräumigen Moskitonetz überspannten Lager, auf das mich das kaiserliche
Bezirksamt bettet, schläft es sich doch weit behaglicher und schöner.
Seit rund einer Woche wird mir dieser Genuß von neuem zuteil; am 17.
November bin ich nach sehr strammen, anstrengenden Märschen hoch zu
Maultier mit fliegender Fahne in Lindi eingezogen.
Äußerlich ist das Städtchen ganz das alte geblieben. Im ewigen Wechsel
rauschen die blauen Fluten des Meeres vom offenen Ozean her den
Lukuledi aufwärts, das weitverzweigte Ästuar bis in die fernsten Krieks
hinein füllend; sechs Stunden später strömt all dieses Wasser wieder
zurück, dem Osten zu; es ist wie ein ruhiges Atmen des Meerriesen.
Gleichmäßig und leise rauschen auch die Palmen über den niederen Hütten
der Schwarzen, den winkeligen, schmutzigen Anwesen der Inder und den
wenigen Häusern der Europäer. Unter diesen haben die verflossenen
Monate bedeutende Veränderungen mit sich gebracht. Von den alten
Säulen des Deutschtums hier im äußersten Süden ist fast niemand mehr
vorhanden; dafür sind neue Landsleute eingetroffen, und zwar gleich
so viel, daß es fast schwer hält, eine Wohnung zu bekommen. Wären wir
in einer englischen Kolonie, so würden wir sagen, in Lindi herrscht
ein „Boom“; so sagen wir weniger drastisch: das Kapital hat den Süden
entdeckt und beginnt ihn wirtschaftlich zu erschließen; alles gute
Land soll dem Vernehmen nach schon in festen Händen sein, so daß die
Nachkömmlinge wohl oder übel schon zu weiter im Innern gelegenen
Geländen werden greifen müssen. Ich persönlich freue mich über diesen
Aufschwung des mir liebgewordenen Südens, im übrigen habe ich jedoch
genug mit meinen eigenen Angelegenheiten zu tun.
Zunächst das Ablohnen der zahlreichen Hilfsträger, die ich für den
Transport der vielen in Mahuta zusammengebrachten Sammlungsgegenstände
hatte dingen müssen. Es sind geringe Beträge gewesen, denn ihre
Empfänger hatten nicht übermäßig viel zu leisten gehabt. Im ganzen
Bereich des Makondeplateaus war es Regel gewesen, daß die am Morgen
beim Abmarsch eingestellten Träger zwar bis zum Tagesziel mitmarschiert
waren, daß aber am nächsten Morgen regelmäßig von ihnen nichts mehr
zu sehen war; trotz des Postens, der das Lager umkreiste, waren die
schwarzen Gestalten in der dunkeln Tropennacht unbemerkt entwichen. Mir
hat diese Unzuverlässigkeit viel Ärger und Verdruß und natürlich auch
Zeitverlust gebracht, da ich stets erst neue Leute suchen lassen mußte;
andererseits habe ich unter diesen Umständen auch keinerlei Gelegenheit
gefunden, den Deserteuren den ihnen zustehenden Tageslohn auszuzahlen.
Erst vom Yaogebiet im Kiherutal an ist es besser geworden; die Leute
von dort sind willig mitgegangen.
Meine Träger sind bereits am 23. von hier abgereist. Auf der Reede
von Lindi, dort drüben dicht unter dem steilen Bergeshang, lag ein
schönes, großes Schiff, viel größer als die Nußschale von ehedem,
auf dem die Landratten von Unyamwesi so schreckliche Tage hatten
durchmachen müssen. Auf dieses stolze Schiff habe ich die zwei Dutzend
Getreuen gesetzt, und dann sind sie von neuem gen Norden gefahren,
in ihren Träumen wohl die Rückkehr nach der Heimat planend, um das
viele Geld, das jeder von ihnen sorgsam in das Hüfttuch geknotet bei
sich trug, verständig anzulegen, in Wirklichkeit aber wohl, um schon
am Tage nach der Ankunft im „Hafen des Friedens“, mit der schweren
Safarikiste bepackt, in der Expedition irgendeines andern Weißen nach
einer entlegenen Gegend der riesigen Kolonie auf sandiger Barrabarra
dahinzutrollen. Es ist dicht vor der Regenzeit, da sind die Träger rar.
So bin ich bei dem Verpacken meiner Sammlungen, von denen die früher
gesandten Lasten in den Magazinen des Bezirksamts ein beschauliches,
nur von zahllosen Ratten gestörtes Dasein geführt hatten, auf mich und
meine Leute angewiesen. Zu diesen zählt einstweilen auch noch Nils
Knudsen, der wacker mit zufaßt, trotz seines stets verdrießlichen
Antlitzes. Es gefällt ihm an der Küste nicht; ihr feuchtes Klima sei
ihm zu weich, und mit den Weißen vermöge er sich nicht zu stellen,
behauptet er; er sei mehr an die Schensi dahinten gewöhnt, die ärgerten
ihn nicht und guckten auch nicht auf ihn herab; er wolle bloß abwarten,
bis ich nach Norden abgedampft sei, dann wolle er gleich wieder nach
Westen ziehen, um Antilopen und Elefanten zu jagen.
„Nun, ich dächte, von der Sorte hätten Sie gerade genug“, sage ich
wohlmeinend zu dem kühnen Jäger und werfe einen Blick auf seinen
rechten Arm, von dem er behauptet, er könne ihn noch immer nicht recht
wieder gebrauchen. Es ist aber auch eine schreckliche Geschichte
gewesen.
Ich sitze eines Mittags gerade bei Tisch und quäle mich mit einem
Gericht herum, dessen Natur ich nicht recht ergründen kann; es ist
der Inhalt einer portugiesischen Konservenbüchse, doch habe ich die
Aufschrift nicht übersetzen können. „Mach es nur zurecht, Omari“, habe
ich zum Koch gesagt und mir nichts weiter gedacht. Jetzt schwimmen
vor mir in einem gelbbraunen Meer von Brühe ovale dunkle Scheiben
herum; zwischen ihnen tauchen hie und da gallertartige, molluskenhaft
weiche Inseln auf; das Ganze schmeckt greulich, wie ein Gemisch von
Schwefelsäure, Rüböl und Mostrichsauce. Endlich gelingt es mir, eine
der Scheiben zu isolieren: eine Saubohne ist’s, die Inseln aber sollen
den Speck bedeuten. Heiliger Vasco da Gama, nun kommst du auch mir noch
in die Quere!
Ingrimmig male ich mir gerade aus, wie der alte Entdecker vor 400
Jahren als vorsichtiger Mann hier an der sichern Lindibucht ein Depot
von Nahrungsmitteln errichtet hat, da erschallt Moritzens näselndes
Organ: „~Bwana mdogo anakuja~, Herr Knudsen kommt.“ Ich drehe mich
um; schleppenden Schrittes wankt die sonst so stattliche Gestalt des
Wikingersohns daher, die Kleider zerrissen, über und über bestaubt; den
rechten Arm aber trägt er in der Binde.
„Na, alter Nimrod, Sie hat wohl der Elefant gespießt?“ rufe ich ihm
launig zu.
„Das nicht, ich bin bloß gefallen und habe den Arm gebrochen, aber mein
Wanduwandu ist tot. Eben ist er gestorben, dort hinten bringen sie
ihn.“ Tatsächlich sieht man in diesem Augenblick an der engen Bomatür
eine Menschengruppe mit irgend etwas beschäftigt; was sie treibt,
ist in dem rasch anwachsenden Schwarm der Hinzuströmenden nicht zu
erkennen. Ich habe jetzt anderes zu tun, mit Gamas Saubohnen mag sich
vergiften, wer da will; ich nehme den arg geschwollenen Arm des Jägers
her und suche die Bruchstelle festzustellen. Nichts zu finden außer
eben dieser starken Geschwulst, kein Knick, kein Splitter; also kalte
Umschläge und Hochlagerung. ~Bassi~, Schluß! Knudsen fällt wie
ein Klotz in seinen Stuhl und versinkt sogleich in dumpfes Brüten,
ich aber suche die Leiche. Unter einem breitschattigen Baum, ganz am
andern Ende der Boma, haben sie sie aufgebahrt auf einer Kitanda, dem
landesüblichen Bettgestell. Der Tote ist nur notdürftig zugedeckt,
der Mund weit geöffnet; die gebrochenen Augen starren leer ins Weite.
Hemedi Maranga tritt heran und drückt sie zu, während ich den Körper
genauer untersuche; keine wesentliche Verletzung, nur die Fingerspitzen
blutig und zerschlagen; sonst nur eine leichte Abschürfung an der
linken Schläfe und darunter eine mäßige Schwellung. Dennoch kommen der
Wali und ich überein, daß hier die Todesursache zu suchen sein wird;
ein Abtasten des Kopfes läßt deutlich einen Schädelbruch fühlen; es
muß ein furchtbar wuchtiger Hieb gewesen sein, dem der Mann zum Opfer
gefallen ist. Aber ein Hieb mit weicher Waffe; ein harter Gegenstand
würde die Außenteile zerschmettert haben.
Der Nachmittag hat viel Arbeit gebracht. Altgeheiligtem Brauch zufolge
hatte ich mein Quantum Sanda mitgenommen, nicht ahnend, daß der leichte
Stoff nun doch noch seinem eigentlichen Zweck dienstbar gemacht werden
würde. In ein großes, weißes Stück hat man den Toten eingenäht, während
andere draußen, hart über dem Bergesrand, dem jäh Verblichenen das Grab
schaufelten. Gegen Sonnenuntergang hatte ich das Begräbnis angesetzt;
um drei Uhr mußte ich schon meinen schnellsten Läufer entsenden,
um die Leiche an ihren alten Standort zurückbringen zu lassen; die
Stammesgenossen und Freunde Wanduwandus hatten die Zeit nicht abwarten
können. Gegen sechs aber stand meine ganze Truppe in Leichenparade
da. Auch hier wieder der Takt des Naturmenschen: jeder meiner Krieger
hatte ohne Befehl meinerseits seinen Paradeanzug angelegt, Hemedi
Marangas breite Brust aber zierte die Tapferkeitsmedaille. Von allen
Eingeborenen, mit denen ich in Berührung gekommen bin, ist mir
Wanduwandu der sympathischste gewesen; eine prachtvolle Figur, die
einzige, auf die die so oft mißbrauchte Redensart vom herkulisch
gebauten Neger paßte; dabei ruhig, still, gemessen und doch seiner
Kraft vollauf bewußt. So hatte er die Expedition Monate hindurch
begleitet, von allen geschätzt, von niemand gehaßt. Ich habe es für
ganz selbstverständlich gehalten, daß auch ich dem Mann, trotzdem er
„nur“ ein Neger war, in reinem, weißem Anzuge das letzte Geleit zu
geben hatte.
Yaogräber habe ich eine ganze Reihe gesehen und im Bilde festgehalten.
Doch neben aller menschlichen Teilnahme mußte es mich fesseln, einmal
einem Begräbnis als Zeuge beizuwohnen; ich habe aus diesem Grunde
nicht im mindesten in die Maßnahmen der Eingeborenen eingegriffen.
Das Grab hatte die Form des europäischen, nur war es weit flacher,
wenig mehr als ein Meter tief; zudem hatten die Männer es viel zu kurz
bemessen. Ein paar Hilfsbereite sprangen zwar sogleich herzu, um es
noch angesichts des Toten zu verlängern, aber wenn in späteren Zeiten
an jener Stelle einmal gegraben werden wird, dann wird man dort ein
Skelett fast in der Form des liegenden Hockers vorfinden. Über den
Toten hat man Matten als Schutz gebreitet; der Eingeborene liebt es
nicht, selbst im Tode mit der bloßen Erde in Berührung zu kommen. Doch
nun kommt etwas Fremdes in die Zeremonie; seit Tagen weilt der schwarze
Prediger Daudi von Chingulungulu bei mir. Ich habe mit ihm noch manchen
Punkt in meinen Aufzeichnungen durchzusprechen gehabt und daher habe
ich ihn brieflich entboten. Wanduwandu ist Heide gewesen; Knudsen und
ich haben ihn oft geneckt, ob er nicht lieber Moslim werden wolle oder
gar ein Christ; aber überlegen hat er stets das Haupt geschüttelt,
er wolle bleiben, was er sei, bei seinen Vätern sei er auch ganz gut
aufgehoben. Daudi spricht am offenen Grabe ein paar Worte in Kisuaheli;
unverkennbar hebt sich in ihnen die Stelle: „Erde zu Erde, Asche zu
Asche, Staub zu Staub“ von den übrigen ab; sodann ertönt, von einigen
wenigen Christenknaben, die es also in Mahuta doch geben muß, leise
gesungen, ein ernster, kurzer Gesang der Feuerglut der scheidenden
Sonne entgegen; ein leises Gebet von Daudis Lippen, klatschend fallen
die ersten Schaufeln gelben Sandes auf die Sanda da unten. Strammen
Schrittes marschieren meine Krieger davon, unter Lachen und schlechten
Scherzen trollt die andere Gesellschaft hinterdrein. Der Tod? Was ist
das weiter? Das kann jeden Tag passieren; zu ändern ist nichts dabei.
Kismet!
Heute wird der Besucher von Mahuta über jener Stelle eine einfache,
niedrige, aber gutgebaute Hütte finden, ein von sechs Pfählen
getragenes Dach, das genau von Westen nach Osten gerichtet ist; von
seinem First flattern Stücke bunten Zeuges lustig im Winde. Das ist
Wanduwandus Grab.
[Illustration: Wanduwandus Grab.]
Für Nils Knudsen hat erst nach jenem Tage das Trauern angehoben. In
seiner grüblerischen Weise hat er zunächst nach der Todesursache
geforscht; der direkte Urheber des Unglücksfalles ist natürlich der
Elefant, das unterliegt keinem Zweifel. Es war ein Alleingänger
gewesen, ein riesiges Tier, auf das zunächst Knudsen ein paar Schüsse
abgegeben hatte, worauf seine Begleiter, Leute aus der Niederung von
Nkundi, aus ihren Vorderladern eine ganze Salve auf das unglückliche
Tier losgedonnert hatten. Dieses war zwar in die Knie gesunken, hatte
sich aber mit dem Rüssel an einem starken Baum wieder emporgezogen und
die Jäger angenommen. Alles war bis zu dem verabredeten Sammelpunkt
geflohen, nur der weiße Jäger war gestürzt, hatte dabei sein Gewehr
weit weggeworfen und sich den Arm vestaucht. Erst nach unbestimmter
Zeit bemerkt man das Fehlen Wanduwandus; Knudsen geht zurück und
vernimmt auf dem Schlachtfelde von vorher ein dumpfes Stöhnen. „Na,
den haben wir“, denkt er und meint den Elefanten; aber nicht das
schwerverletzte Wild ist es, sondern der treue Wanduwandu, der unter
einem Haufen von Geäst und Zweigen besinnungslos daliegt. Ob die
Fährte des Elefanten unmittelbar an jenem Ort vorübergeführt hat, ist
von Knudsen nicht beachtet worden, eine genaue Erinnerung an jenen
schrecklichen Vorgang hat er bis heute überhaupt noch nicht. Nach Lage
der Dinge wird man mit Sicherheit annehmen können, daß Wanduwandu,
der im Ruf eines sehr tapferen, ja fast tollkühnen Jägers stand, dem
wütenden Tier in die Quere gekommen und von ihm niedergeschlagen worden
ist. Die starke Schweißspur des Elefanten hat sich im Busch verloren.
Dies ist also die direkte Todesursache; uns nüchtern denkenden
Europäern würde sie genügen, hierzulande reicht sie nicht aus. „Das
verfluchte dicke Frauenzimmer ist schuld daran, sie hat ihn früher
schon einmal betrogen, und jetzt wird es wohl nicht anders gewesen
sein“, das ist des völlig zur Negerdenkweise bekehrten Nils Diagnose.
Ich weiß schon aus meinen früheren Jagdstudien von Chingulungulu
her, daß in der Tat folgender Glaube allgemein besteht: Zieht der
Mann hinaus ins Pori, um den Elefanten zu jagen, und die Frau daheim
vergibt sich etwas im Punkt der ehelichen Treue, so rächt der Elefant
das unweigerlich am betrogenen Ehemann selbst; er nimmt ihn an und
schlägt ihn nieder; eine ganze Reihe von Beispielen, solche mit
Namennennung sogar, hat man mir erzählt. Nun ist Wanduwandus Frau ein
außerordentlich stattliches, für Negerbegriffe sogar bildschönes Weib;
ihr Nasenpflock ist von außergewöhnlicher Größe und sehr zierlich
ausgelegt, sie selbst von geradezu beneidenswerter Fülle; größte
Rundlichkeit und höchste Schönheit aber sind hierzulande identische
Begriffe. Erklärlich ist es darum, daß die Dame viel umworben wurde;
diesen Umstand mit dem typischen Jägertod des Gatten in Verbindung zu
bringen und ganz logisch den Schluß daraus zu ziehen: der Mann ist
erschlagen worden, folglich muß ihn die Frau betrogen haben, ist für
die Negerseelen, Nils Knudsen eingeschlossen, eins.
Erklärlicherweise habe ich mich dieser Deutung gegenüber sehr skeptisch
verhalten, doch ich muß offen gestehen, es ist wirklich etwas daran;
nur folgen die einzelnen Momente zeitlich in etwas anderer Reihe. Das
Weib ist tatsächlich die indirekte Todesursache; Knudsen erinnert sich
jetzt, daß Wanduwandu während des ganzen Jagdzuges seltsam aufgeregt
und unvorsichtig gewesen ist; von anderer Seite habe ich gehört, daß
die dicke Frau immer sehr stark kokettiert und daß unmittelbar vor
dem Abmarsch zwischen den beiden Eheleuten eine sehr heftige Szene
stattgefunden hat. Damit haben wir ohne weiteres den Schlüssel zum
ganzen Rätsel: der Elefant hat den in völliger Verwirrtheit vor ihm
herumstolpernden Jäger nicht umgebracht, weil dessen Frau sich gerade
in diesem Augenblick mit anderen einläßt, sondern weil das Verhalten
der Frau vorher den Mann bis zur Unvernunft erbost und kopflos gemacht
hat. Aber es ist immerhin doch außerordentlich lehrreich zu sehen,
wie leicht und allgemein sich Vorkommnisse solcher und ähnlicher Art,
sofern sie nicht vereinzelt bleiben, zu Glaubensmaximen verdichten
können.
Wanduwandus Tod hat an dem einmal festgesetzten Abmarschtermin nichts
geändert; gleichwohl ist zu merken, daß es selbst unsere Leute noch
stärker als vorher von dannen treibt. Für Knudsen hat seit jenem
tragischen Ereignis ein hartnäckiger Kampf mit der Wittib begonnen.
Diese nützt die Konjunktur aus und sucht den guten Nils unter dem
Hinweis darauf, daß eigentlich doch nur er an dem Tode des Gatten
schuld sei, auf einen Lieferungskontrakt von jährlich sechs neuen
Kleidern festzulegen. Auf dem anderen Flügel seiner Schlachtordnung
wird Nils von den Vettern und Verwandten des Verstorbenen attackiert;
wie die Aasgeier sind sie plötzlich in ganzen Schwärmen herbeigeströmt
und heischen nunmehr den rückständigen Lohn des verstorbenen Dieners
für sich. Doch Bauer gegen Bauer, Nils ist ebenso zäh wie die
anderen; schließlich kommt er zu dem Entschluß, der Witwe den Lohn zu
verabfolgen. „Dann schlagen sie sie tot, noch ehe sie unten in Mchauru
ist“, sage ich zu Knudsen und gebe ihm den Rat, das Geld durch einen
Boten bei Matola, als dem Akiden von Wanduwandus Heimatsbezirk, zu
deponieren; dort mag die Dicke die ungeheuere Summe von 4,75 Rupien --
um diesen Riesenbetrag von 6,33 Mark handelt es sich bei der Erbschaft
-- nach Belieben abheben. Diesen Zahlungsmodus muß das Weib wohl nicht
begriffen haben, denn als am Morgen nach dem Tage, an dem Knudsen
ihr rundheraus erklärt hatte, auf den Kleidervertrag nicht eingehen
zu wollen, ihr Abmarsch festgestellt wird, bemerkt der Koch Latu das
Fehlen einiger Kostbarkeiten aus Knudsens Besitze: eines Quantums
Erdnüsse und irgendeines anderen Genußmittels. „Nun soll sie mir aber
noch mal wiederkommen“, sagt Nils, äußerlich sehr entrüstet, innerlich
aber sichtlich beruhigt. Er kann wirklich ruhig sein; eine solche
Schönheit läuft hierzulande nicht lange ungefreit herum, nach meiner
Schätzung ist sie schon jetzt wieder verheiratet. Trotzdem drängt auch
Nils von dannen.
Mir selbst läßt ein anderer Umstand Mahuta immer weniger anziehend
erscheinen. Schon in Nchichira hatte mir der dortige Akide arg
zugesetzt. Kaum graute der Tag, da begann auch schon das von tiefen
Kehllauten begleitete Hersagen der Koransuren. Sprang man dann
entrüstet aus dem Zelt heraus, so exerzierte schon die ganze Garde
des Islam, am rechten Flügel der alte Akide, links an ihn angereiht
die übrigen Moslim. Das ging morgens so und mittags und abends. Hier
in Mahuta ist die Gemeinde des Propheten noch größer, ihr Glaube noch
inniger und fester; zudem kommen wir immer tiefer in den Ramadan
hinein. Huldigt mir mein Gesangverein durch seine Lieder, oder ergötzt
sich die Schar der Träger und der Soldaten an immer neuen Ngomentänzen,
in deren Erfindung sie wahre Virtuosen sind, so übertönt unser Kelele
das Gemurmel und Geplärr der 17 bis 20 frommen Beter drüben unter
der Barasa des Wali; haben diese aber das Wort allein, so ist es
einfach schrecklich. Oberpriester ist der Wali; sein Organ ist an
sich schon nicht melodisch, bewegt es sich jedoch in der Sprache des
Koran, so kann einem das Nervenzufälle verursachen, zumal, wenn diese
Exerzitien sich bis tief in die Tropennacht, bis über 10 Uhr hinaus,
ausdehnen. Leider ist ein Eingreifen meinerseits ganz ausgeschlossen,
selbst wenn ich nicht so tolerant wäre. Gegen die Gewohnheit des Wali
indessen, nach der Entlassung seiner Gemeinde sich noch geraume Zeit
mit lautester Stimme zu unterhalten und wahre Wasserstrahlen mitten
auf den Bomaplatz zu spucken, habe ich sehr bald energisch und mit
durchschlagendem Erfolge Front gemacht. Solange ich da sei, sei ich
der Bwana kubwa, da habe ich zu bestimmen, was Desturi, was Sitte sei,
und ich wünsche durchaus nicht, daß er meine Nachtruhe noch weiter
störe.
Ein fernerer Anlaß für die baldige Rückkehr zur Küste ist die
günstige Fahrgelegenheit für die Träger gewesen. Nach dem Fahrplan
der Dampferflottille der Regierung, die aus den beiden Riesenkähnen
„Rovuma“ und „Rufidyi“ und dem „Kaiser Wilhelm II.“ besteht, muß
der letztere kurz nach dem 20. November von Lindi nach Daressalam
gehen; kann ich meine Leute mit ihm nach Norden schicken, so habe ich
für sie alle freie Fahrt, wenn ich sie aber bis zu meinem geplanten
Abfahrtstermin am 2. Dezember bei mir behalten muß, so habe ich erstens
noch eine Menge Lohn zu zahlen, außerdem aber, da mein Dampfer nicht
der Regierung, sondern der Ostafrikalinie gehört, eine schwere Summe
als Fahrpreis zu erlegen. Zu guter Letzt hat mich die Absicht an
die Küste zurückgetrieben, in Lindi die Strafakten des Bezirksamtes
durchzustudieren; gerade die Kriminalpsychologie ist ja für die
Kenntnis der Völker wichtig.
Der Spektakel am Morgen des 12. November ist größer gewesen denn je.
Wie wildgewordene Hammel springen meine Leute in der Boma umher, kaum,
daß sie das „Los“ des weißen Führers abwarten können. Der Wali läßt
es sich nicht nehmen, uns eine Strecke weit das Ehrengeleit zu geben;
nicht so sein Sohn. Und wenn ich alt werden sollte wie Grillparzer,
deiner werde ich nie vergessen, du holder Sprößling aus edlem
Geschlecht. Unvergeßlich wirst du mir bleiben mit deinem abendlichen
Tun; du bist nicht für die Arbeit, den ganzen Tag lungerst du umher,
den anderen helfend, die auch nichts tun. Da sinkt der Sonnenball
im Westen rasch hernieder, faulen Schrittes bist du auf die hohe
Flaggenstange zugeschritten, an deren Gipfel im frischen Abendwind das
schwarz-weiß-rote Symbol der Fremdherrschaft flattert. Einen letzten
Blick wirft das Tagesgestirn noch auf Mahuta zurück, dann sagt es auf
zwölf Stunden Lebewohl. Langsam gleitet das bunte Tuch am hohen Mast
herunter, schon hältst du es mit beiden Händen gefaßt, ein scheuer
Blick ringsum; der Bwana mdogo weilt in seinem Zelt, der andere aber,
der Bwana Picha, der sitzt wieder über seinen Bildern dort am Tisch.
Eine rasche Aufwärtsbewegung, -- krachend explodiert das Riechorgan des
Schmierlümmels in das Tuch hinein; es ist aber auch ein zu schöner,
weicher Stoff, und so etwas wird selbst dem Sohn des Wali nicht
geboten, da heißt es die Gelegenheit benutzen!
Der Marsch bis Luagala bietet wenig Bemerkenswertes. So eben wie auf
einer Billardplatte zieht sich der Weg dahin; nur ist die Vegetation
hier tausendmal schöner als im Süden des Plateaus. Ein wundervoller
Hochwald zieht sich viele Meilen weit zur Linken und zur Rechten des
Weges dahin; menschliche Siedelungen und der von ihnen untrennbare
scheußliche Busch treten auf diesen zwei Tagemärschen zurück. Erst
kurz vor Luagala wird es bergiger; bevor der Reisende aber zu der von
einer halben Kompagnie besetzten, von einem kaiserlichen Leutnant
befehligten Boma hinaufsteigt, durchreitet er erst noch ein seltsames
Gefilde: Mangohaine mit Zehntausenden von Früchten, soweit das Auge zu
schauen vermag, aber keine menschliche Seele dazwischen zu entdecken,
nur verkohlte Häusertrümmer hier und da. Das ist Machembas altes
Reich, jenes merkwürdigen Yao, der ganz ähnlich wie der berühmte
Mirambo von Unyanyembe es verstanden hat, durch den Nimbus seines
Namens ganze Scharen wagemutiger Männer um sich zu sammeln, das ganze
Makondeplateau zu tyrannisieren und mehrfach selbst den deutschen
Truppen die Spitze zu bieten; noch heute zeigt man dem Fremdling die
einzelnen Gefechtsfelder. Machemba hat es vor fast einem Jahrzehnt
aber doch vorgezogen, den deutschen Boden zu verlassen; seitdem sitzt
er drüben auf dem andern Rovumaufer, fast in Sicht von Nchichira, und
jagt zur Abwechselung den Portugiesen einen dauernden Schrecken ein.
Der alte Krieger muß im übrigen ein ausgezeichneter Organisator gewesen
sein; ein Dummkopf würde es kaum verstanden haben, auf dem Sande gerade
dieses Plateauteiles eine solche Kultur erstehen zu lassen.
[Illustration: Große Ngoma in der Boma von Mahuta.]