Am 1. Januar gegen Mittag habe ich in Suez den Boden Ägyptens betreten,

um ihn erst vor wenigen Stunden wieder zu verlassen. Mich hat es

getrieben, die Stätten der altägyptischen Kultur und diese Kultur

selbst an Ort und Stelle zu studieren; deshalb hat es mich bald von

Kairo und seiner Umgebung hinweggezogen nach Oberägypten hinauf,

nach Luxor, Karnak und Dehr el Bahri. Auch klimatisch war Kairo für

den Übergang aus den Tropen zum winterlich kalten Nordeuropa nur

wenig geeignet; von den Ägyptenreisenden des „Admiral“ wurde einer

nach dem andern unpäßlich, so daß die einen sich kurzerhand nach

Deutschland einschifften, indem sie sich sagten: „Den Schnupfen hast

du dort billiger“, wohingegen die anderen in Luxuszug und Schlafwagen

nilaufwärts steuerten, um im herrlichen Wüstenklima von Assuan sich

langsam und vorsichtiger wieder an das subarktische Klima von Uleia zu

gewöhnen.

Der Staudamm von Assuan ist kulturgeschichtlich eine Barbarei,

technisch eine anerkennenswerte Leistung, volkswirtschaftlich eine

Großtat. In scharfen Kurven schlängelt sich die Schmalspurbahn zwischen

Luxor und Assuan nilaufwärts. Der Nil fließt bald unmittelbar am

Bahndamm, bald legt sich eine schmale Alluvialebene zwischen den alten,

heiligen Strom und das neue, unheilige Beförderungsmittel. Dabei hat

man immerfort das Gefühl: „Herrgott, ist das Ländchen schmal; wenn’s

nur der Wind nicht einmal überweht und zudeckt.“ Plötzlich treten die

kahlen Hügel zur Linken zurück; eine weite Fläche tut sich auf, erst

ganz weit hinten von den scharfen Konturen der arabischen Wüstenberge

begrenzt. Wüste ist auch diese Ebene selbst, doch wie lange noch!

Wende dein Antlitz zur Rechten, o Fremdling; dort erblickt dein Auge

einen großen Gebäudekomplex. Er ist gar nicht ägyptisch und gar nicht

arabisch; nichts vom Schmutz fellachischer Unkultur haftet ihm an, er

verkörpert vielmehr den reinsten europäisch-amerikanischen Fabrikstil.

Ihn zeigt auch der himmelhohe Schornstein, der das Ganze krönt. Der

schaut so fremd auf das Silberband des Stromes zu seinen Füßen, auf

den schmalen, grünen Streifen zu beiden Seiten dieses Stromes, und auf

das unendliche Sandmeer der Wüste im Osten und Westen hernieder, als

müßte er sich fragen: „wie komme gerade ich mit meiner überschlanken

Röhrenform in dieses Land, wo alles so wuchtig, schwer und massig

ist, die Häuser, die Tempel, die Gräber und die Pyramiden?“ Eine

dichte Rauchwolke entquillt dem Schlot. Wende deine Augen nach vorn;

siehst du dort das Silberband strömenden Gewässers, das sich in

schnurgeradem Kanal in der Ebene verliert? Siehst du fernerhin die

Gräben und Rinnsale, in die sich von jenem Kanal aus das Wasser des

heiligen Stromes verteilt, vollkommen gesetzmäßig und gehorsam dem

Willen des menschlichen Geistes? Des Rätsels Lösung ist einfach; der

Gebäudekomplex ist eine Pumpstation, angelegt, jene zur Wüste gewordene

Ebene von neuem zu bewässern. Jetzt ist die Ebene noch vollkommen kahl;

in wenig Monaten wird sie ein unabsehbares Ährenfeld sein, dessen Halme

hundertfältige Frucht tragen.

Die wirtschaftliche Erschließung der öden Sandflächen des

oberägyptischen Niltals ist die gegebene Parallele für unseren eigenen

Kolonialbetrieb. Ohne einen festen Willen, ohne Kapital und ohne eine

genaue Kenntnis des Landes und seiner Eigenschaften würde auch jene

englische oder amerikanische Gesellschaft im Niltal nichts erreichen.

Alle drei Faktoren tun auch uns not, sofern wir weiterkommen wollen

in Ostafrika, in Südwest, in Kamerun und Togo. Nur +ein+ kleiner

Unterschied ist dabei; der im Laufe vieler Jahrzehntausende angehäufte

Alluvialboden des Niltales bedarf lediglich der Berieselung mit dem

belebenden Wasser desselben Stromes, dem er seine eigene Entstehung

verdankt, um sofort wieder ein Kulturboden allerersten Ranges zu

sein. Der in seiner Wasserführung weise geregelte Nilstrom ist der

Zauberstab, der die Verwandlung unfruchtbarsten Ödlandes in den

besten Acker in einem kurzen Augenblick vollzieht. Für das Pori und

die Steppen Deutsch-Ostafrikas fehlt uns dieser Zauberstab. Freilich

hat das Land Flüsse und Bäche in großer Anzahl, doch sind diese

Flußläufe in ihrer Wasserführung einstweilen noch nicht reguliert;

keiner von ihnen ist auch in jenem großartigen Maßstabe schiffbar wie

die Lebensader des Pharaonenlandes. Im Laufe der Zeit wird auch bei

ihnen das alles kommen; man wird den Pangani zu einer Verkehrsader

gestalten und auch den Rufidyi, vielleicht sogar den Grenzfluß Rovuma;

doch das ist Zukunftsmusik, die die lebende Generation nicht mehr

zu hören bekommen wird. Auch der Boden Deutsch-Ostafrikas hält den

Vergleich mit dem des Niltals nicht aus; er ist kein abgesetzter,

humusreicher Alluvialboden, sondern ein im allgemeinen ziemlich

mageres Verwitterungsprodukt anstehender Gesteine; der Zauberstab

des netzenden Wassertropfens allein tut’s also bei ihm nicht.

Gleichwohl ist die Wasserfrage, soweit ich es beurteilen kann, die

Kardinalfrage unserer ganzen kolonialen Agrikultur. Bei Saadani sind

sie gleich in die Vollen gegangen: mit Dampfpflügen bearbeitet man dort

gewaltige Flächen; Baumwollkultur im großen soll dem amerikanischen

Monopol ein Ende bereiten. Das ist alles gut und schön gedacht; die

Temperaturverhältnisse sind günstig, auch der Boden ist für jene Kultur

vollauf geeignet; nur +ein+ Faktor ist unsicher: Deutsch-Ostafrika

kann ebensowenig wie Indien mit voller Gewißheit auf normale

Niederschlagsmengen rechnen; wenn aber einmal der Regen ganz ausbleibt,

was dann?

Man hat den dunkeln Weltteil oft und gern mit einem umgekehrten

Teller verglichen; sanft und sacht steigt das Land ringsum vom Ozean

aus an; allmählich wird der Neigungswinkel größer; schließlich artet

die Küstenebene in ein vollkommenes Randgebirge von bedeutenden

Abmessungen aus. Doch den Gebirgscharakter haben diese Berge nur von

der Küstenregion her; ist man über sie hinweggeschritten, so ergeht

es dem Wanderer wie auf den Höhen des Harzes oder des Rheinischen

Schiefergebirges: die vordem so stattlichen Berge sind verschwunden,

unbehindert kann er den gesamten Horizont überschauen, denn auch

jenseits des Schollenrandes ist er auf nahezu gleicher Höhe geblieben.

Um bei dem Bilde des Tellers zu bleiben: er hat den schmalen

Aufsatzrand überschritten und spaziert nun auf der wagerechten Fläche

des Bodeninnern bequem dahin.

Mit dieser ganz eigenartigen Oberflächengliederung muß auch unsere

Kolonialwirtschaft stark rechnen. Zunächst ist die geringe oder ganz

fehlende Schiffbarkeit der Flüsse durch sie bedingt; des weitern

bringt es der Charakter unseres Luftmeeres mit sich, daß der Hauptteil

der Niederschläge an jenem Schollenrande niedergeht, hinter dem dann

die Zone einer Art von Regenschatten anhebt, die manchen Landstrich,

wie z. B. Ugogo und die Nachbargebiete, zu nicht übermäßig üppigen

Gefilden stempelt. Immerhin ist der größte Teil dieses Innern von einer

Bodenbeschaffenheit, die das Fortkommen und Gedeihen aller für das

äquatoriale Afrika überhaupt in Betracht kommenden Nutzpflanzen sehr

wohl gewährleistet. Der Pflanzer ist dort in der glücklichen Lage, mit

dem belebenden Einfluß der ständig scheinenden Tropensonne zu rechnen;

diese zaubert selbst aus dem Sande wohlbestockte Fruchtfelder hervor.

Dort unten im Süden habe ich mich tagaus tagein davon überzeugen können.

Überhaupt jener Süden. Er ist bisher das Aschenbrödel unter allen

Bezirken unserer Kolonie gewesen, und ich fürchte, er wird es auch

fernerhin bleiben; auf ihm lastet das Vorurteil, er sei unfruchtbar,

und das schreckt die amtlichen und auch die privaten Kreise von

seiner Erschließung ab. Es ist richtig: fett ist weder der Boden des

Makondehochlandes noch des Mueraplateaus, noch der weiten Ebenen,

die sich hinter beiden Bergländern zwischen dem Rovuma im Süden und

dem Mbemkuru oder dem Rufidyi im Norden erstrecken; Sand und Lehm

und Lehm und Sand hier, und Quarzgerölle dort, das ist die Signatur

des Ganzen. Dennoch haben wir durchaus keinen Anlaß, an diesem Süden

zu verzweifeln; denn wenn der Neger in ihm sein gutes Fortkommen

findet, ohne Düngung sogar und ohne jede andere Errungenschaft unserer

hochentwickelten intensiven Feldwirtschaft, wenn dieser selbe Neger

außerdem in der Lage ist, erhebliche Bruchteile seiner Ernten an Sesam,

Erdnüssen, Kautschuk, Wachs, Körner- und Hülsenfrüchten auszuführen, so

wäre es verwunderlich, wenn der Weiße aus jenem Gebiet nicht noch mehr

herausholen sollte.

Eins dürfen wir allerdings nicht vergessen: ein Schlaraffenland ist

weder der Süden, noch Afrika überhaupt; niemand fliegen die gebratenen

Tauben in den offenen Mund; Arbeit und immer wieder Arbeit ist vielmehr

hier die Devise genau wie in minder glücklichen Klimaten auch. Gerade

bei den Makonde, den Yao und den Makua haben wir genugsam Gelegenheit

gehabt, diesen unausgesetzten Fleiß kennen und würdigen zu lernen.

Des können wir jedenfalls sicher sein: viel bequemer wird es auch der

europäische Pflanzer nicht haben, weder im Süden, noch im Norden, weder

an der Küste, noch im Innern. Das schadet aber auch gar nicht; aus

Müßiggängern sind noch niemals starke, lebensfähige Völker erstanden,

auch in Kolonien nicht; im Gegenteil, je stärker die Anspannung

und der Kampf um das Dasein gewesen ist, um so kraftvoller ist die

Entwicklung auch aller Tochtervölker im Laufe der ganzen menschlichen

Kolonialgeschichte gewesen. Die heutigen Vereinigten Staaten sind der

klassische Beleg für diese Behauptung; die in der besten Entwicklung

befindlichen Kolonien Südafrikas reden eine nicht minder deutliche

Sprache. Andere Belege würde man mit Leichtigkeit zusammenstellen

können.

Draußen gehen die Wogen immer höher; der „König“ ist mehr breit

als hoch; er geht ganz ruhig, doch muß er es sich gefallen lassen,

die Wasser des Mittelmeeres mehr, als ihm lieb ist, über sein Deck

fegen zu sehen. Habe ich bei dem grandiosen Schauspiel wirklich die

Pflicht, mich in unfruchtbare koloniale Ausblicke zu vertiefen? Der

Ausspruch meines Freundes Hiram Rhodes von den „politischen Kindern“

war freilich mehr als hart, doch ein klein wenig Berechtigung hat

er gleichwohl, auch über den Sansibarvertrag hinaus. Wir Deutschen

sind 300 Jahre nach den anderen Völkern auf die koloniale Schaubühne

getreten; trotzdem eifern Hinz und Kunz bei uns darüber, daß unsere

vor ganzen 20 Jahren erworbenen Kolonien noch keine Überschüsse

abwerfen; am liebsten möchten die braven Banausen, daß ihnen

„Südwest“ womöglich ihre sämtlichen Steuern aufbrächte. Man könnte

sich das Haupthaar raufen ob solcher Torheit und solchem Mangel an

geschichtlichem Gefühl. In Deutschland werden die meisten Bücher

gedruckt, keine gekauft und nur wenige gelesen. Unter diesen letzteren

können kolonialgeschichtliche Werke kaum vertreten sein, sonst wäre

es nicht möglich, daß selbst koloniale Fachkreise so wenig über jene

tausend Kämpfe, Widerwärtigkeiten und Rückschläge unterrichtet sind,

auf welche die Engländer in Indien, in der Südsee, in Afrika und

Amerika mit wehmütigen Gefühlen zurückzuschauen Veranlassung haben,

und welche den Niederländern, den Spaniern und den Portugiesen ihren

ausgedehnten Kolonialbesitz sooft bis zum Überdruß hätten verleiden

können. Uns schwebt unbewußt immer der Reichtum Englands und die

Wohlhabenheit Hollands vor, die ja allerdings beide zum großen Teil

auf dem Kolonialbesitz beruhen; dabei vergessen wir stets, daß drei

Jahrhunderte ein fünfzehnmal längerer Zeitraum sind als unsere

koloniale Ära, und daß bei beiden Völkern nicht weniger als zehn

Generationen in harter, mühseliger, unausgesetzter Arbeit haben

erringen und erkämpfen müssen, was uns Emporkömmlingen von gestern nach

unserer Meinung mühelos in den Schoß fallen soll. Das ist ein Mangel

an historischem Gefühl, auf den man gar nicht kräftig genug hinweisen

kann; ich bin der festen Überzeugung, daß eine objektive Würdigung

unseres schönen, großen Kolonialbesitzes auch erst dann Platz greifen

kann, wenn wir diesem Mangel, der bei dem Volke der Denker doppelt

unangenehm auffällt, durch einen besseren Unterricht abgeholfen haben

werden.

Ein unfehlbares Mittel zur Gewinnung jenes historischen Sinnes ist

das Hineinstecken von zwei Arten von Kapital in die Kolonien; das

eine Kapital besteht in dem Menschenblut, das für ihre Erhaltung und

Entwicklung vergossen wird, das andere in dem baren Gelde, das man für

ihre Erschließung und Nutzbarmachung in ihnen selbst anlegt. Um die

Größe des englischen Kolonialreiches und seine Verteilung über die

ganze Oikumene zu veranschaulichen, wird häufig darauf hingewiesen,

daß das Mutterland zu keinem Zeitpunkt ohne irgendeinen mehr oder

weniger belangreichen Kolonialkrieg sei. Das stimmt für die Gegenwart;

es hat jedoch auch seine Richtigkeit für die Vergangenheit; England

hat in der Tat jederzeit um seinen auswärtigen Besitz zu ringen

gehabt. Unzweifelhaft ist dieser dreihundertjährige Kampf um Haben und

Nichthaben, der, auf spezifisch englische Verhältnisse übertragen,

oft auch ein Kampf um Sein und Nichtsein gewesen ist, der Hauptgrund

für das innige Zusammenleben der ganzen großen Familie von Mutterland

und Tochterstaaten. Es hat wohl ein jeder einen Lieben da draußen in

indischer oder in afrikanischer Erde liegen; das schafft zunächst eine

schmerzliche Anteilnahme an jenem Lande; aus dieser aber entsprießen

sehr bald auch anders geartete Interessen.

Die Richtigkeit dieser Lehre hat uns der blutige Krieg in

Deutsch-Südwestafrika in ach so schmerzlicher Weise nur zu deutlich

bewiesen. Der großen Masse bei uns war jenes Land, sofern sie

überhaupt nur von ihm wußte, bestenfalls des neuen Deutschen Reiches

Streusandbüchse; heute schlafen in seinem harten Boden ein paar tausend

Söhne -- und nicht die schlechtesten -- den ewigen Schlaf; von ihnen

ist der eine aus dem Palast, der andere aus der Hütte hinausgezogen

an den Waterberg und in die Omaheke. Ist es da verwunderlich, daß

jenes Land dem Volk seitdem ans Herz gewachsen ist? Wir möchten’s

nicht missen, schon weil unsere Söhne und Brüder dort ausruhen

von dem harten, schweren Kampf, der in der Reihe unserer größeren

Kolonialkriege der erste gewesen ist, der aber vermutlich nicht

der letzte sein dürfte. Das hat die Geschichte aller bisherigen

Kolonialunternehmungen gelehrt.

Von dem anderen Kapital, den materiellen Werten, kann man bei unseren

Kolonien nicht sprechen, ohne gleichzeitig die Bahnfrage zu berühren.

Was ist geklagt worden über die unbesiegbare Zurückhaltung unseres

deutschen Großkapitals den Kolonien gegenüber! Ich gehöre leider nicht

zu der beneidenswerten Klasse glücksgütergesegneter Sterblicher; doch

selbst wenn ich eine Million zu verlieren hätte, so würde ich mich doch

noch sehr besinnen, sie in ein Land zu stecken, das durch keinerlei

Verkehrswege erschlossen ist, durch natürliche überhaupt nicht, durch

künstliche einstweilen nur mangelhaft. In der Heimat blickt man jetzt

mit großen Erwartungen auf den neuen Lenker unseres kolonialen Karrens;

Herr Dernburg ist ja Finanzmann; vielleicht erreicht er, was anderen

vor ihm stets noch fehlgeschlagen ist: den Ausbau des längst geplanten

großen Bahnsystems und den Zufluß der nicht minder nötigen großen

Geldmittel.

Nicht ohne Bedeutung für die Zukunft Deutsch-Ostafrikas ist schließlich

der Eingeborene; über ihn kann ich als Ethnograph auch wesentlich

sicherer urteilen als über die anderen Fragen, zu denen unsereiner

doch nur auf Grund seines gesunden Menschenverstandes Stellung zu

nehmen befugt ist. Ein „unerzogenes Kind“ lautet das Urteil über den

schwarzen Mann auf der einen Seite; ein „ausgefeimter Galgenstrick

und unverbesserlicher Faulpelz“ auf der andern. Es gibt noch eine

dritte Partei, die dem Ostafrikaner wenigstens eine oder ein paar

ganz kleine Tugenden belassen will, doch diese wird niedergeschrien.

„Kasi“ heißt im Suaheli die Arbeit; in der „Lustigen Ecke“ der

„Deutsch-Ostafrikanischen Zeitung“ fand ich das Wort neulich anders

übersetzt, da verdeutschte es der Suaheli mit dem Begriff „Gemeinheit“.

Diese Auffassung vom schwarzen Mann ist an der Küste tatsächlich

herrschend; nicht ganz mit Unrecht, wie man billig zugeben muß; der

Stadtbevölkerung dort ist ernsthafte Arbeit wirklich ein Greuel und

eine Gemeinheit.

Von dem ganzen großen übrigen Teil der Bevölkerung Deutsch-Ostafrikas

glaube ich besser denken zu dürfen. Die zahlreichste Völkerschaft

der ganzen Kolonie sind die Wanyamwesi; mit schätzungsweise vier

Millionen Seelen füllen sie den ganzen zentralen Teil östlich des

großen zentralafrikanischen Grabens. An ihrem Fleiß und an ihrer

Kulturfähigkeit zu zweifeln hat bisher noch niemand gewagt; sie sind

ausgezeichnete Feldbauer, gleichzeitig haben sie ein Jahrhundert

hindurch den gesamten Karawanenhandel von der Ostküste bis zum

Herzen des Erdteils aufrecht erhalten. In absehbarer Zeit wird

dieser Trägerverkehr unwiederbringlich zu Ende gehen; wird jenes

Volk damit überflüssig werden? Wirf, o Deutscher, einen Blick auf

die Abschlußberichte der Ugandabahn und begreife sodann, welch

wirtschaftsfrohes Element gerade du mit jenem starken Volke zu besitzen

das Glück hast; sei allerdings dann auch klug und weise genug, die

andere Folgerung zu ziehen, diese wirtschaftliche Tüchtigkeit für das

eigene Volkstum zu fördern, weiter zu entwickeln und vor allem für

dich selbst auszunutzen. Wir haben wahrlich keine Veranlassung, den

Säckel eines Volkes zu füllen, das mit uns im schärfsten ökonomischen

Wettkampf liegt.

Was den Wanyamwesi recht ist, ist der Mehrzahl der anderen

Völkerschaften billig; auch jetzt noch, auf schwankem Schiff im

Sturmestoben, komme ich nicht über den hohen Stand der Feldkultur

hinweg, den ich bei meinen Freunden da unten am Rovuma als Norm

vorgefunden habe. Völker, die bei aller Beweglichkeit so an der Scholle

kleben, müssen unbedingt einen tüchtigen Kern in sich haben; all unsere

Lehren der Völkerpsychologie und der Völkergeschichte würden sonst

zuschanden werden. Erklären läßt sich diese unerwartet hohe Kulturstufe

lediglich durch eine unmeßbar lange Dauer ihrer Entwicklung. Gegen

das hohe Alter des Ackerbaues beim Neger spricht nichts; er ist

konservativ, wie auch sein Erdteil konservativ ist; die paar fremden

Elemente, die wir heute noch mit der Wirtschaftsform des Sammlers und

Jägers behaftet finden, den Buschmann in den unfruchtbarsten Teilen des

Südens, und den Pygmäen in den unzugänglichsten Teilen des zentral-

und westafrikanischen Urwaldes, werden vermutlich schon vor sehr, sehr

langer Zeit durch die ackerbauenden Bantu abgedrängt worden sein.

Die Feldbauform unseres Negers ist der Hackbau; dieser führt seinen

Namen mit Recht nach der quergestellten schweren Hacke, mit der der

schwarze Landmann den Boden seines Feldes kultiviert, lockert und

reinigt, mit der er die Aussaat besorgt und zum großen Teil auch die

Ernte, die, mit einem Wort, sein Universalinstrument ist. Wir sind

nur zu sehr geneigt, in dieser Wirtschaftsform etwas Minderwertiges,

Urwüchsiges zu erblicken. Insofern als der Hackbau keines Haustieres

bedarf, weder zum Ziehen des Pfluges, der Egge, der Walze und des

Erntewagens, noch zum Zweck der Dunglieferung, ist er wirklich

rückständig; andererseits ist zu bedenken, daß große Teile unserer

Kolonien Herde der Tsetsefliege sind, sodann, daß die mit dem Hackbau

verbundene Beetkultur in Wirklichkeit eine sehr hohe Wirtschaftsstufe

bezeichnet. Der beste Beleg dafür ist die Beibehaltung des schmalen

Beetes auch in unserem Hausgarten, den wir im Range unmöglich

hinter unseren Feldbau stellen können. Bezeichnenderweise nimmt der

Feldbau, wo immer er zu der intensivsten Stufe unserer Agrikultur,

zur Blumenzucht wie bei Erfurt, Quedlinburg, Haarlem usw., oder zur

Gemüsekultur wie bei Braunschweig, Mainz, Hannover, ferner bei allen

Großstädten, übergeht, sofort die Form des Beetes an. Zudem wüßte ich

nicht, wie anders der Neger z. B. bei unserer breiten, unzugänglichen

Feldform der Hauptgefahr seiner Pflanzung, dem Unkraut, beikommen

wollte; sein schmales Beet gestattet ihm den Zugang von allen Seiten.

An die Form des negroiden Feldbaues wollen wir also nicht rühren;

sie ist alterprobt und gut. Eine andere Frage ist es: wie machen wir

unseren schwarzen Landsmann auf dieser Basis für uns nutzbar? Meines

Erachtens gibt es da zwei Wege, die beide gleichviel für sich wie

gegen sich haben; beide sind bereits seit längerer Zeit beschritten,

so daß sich die Möglichkeit ergibt, die schließliche Entwicklung der

ganzen Kolonie sehr wohl vorauszusehen. Der eine Weg führt direkt zur

Plantagenkolonie. Dies geschieht in der Weise, daß man den Schwarzen

in Haus und Hof nicht weiter fördert, sondern ihn zum Arbeiter

auf den Pflanzungen der weißen Herren erzieht, die sich überall

dort anbauen, wo geeigneter Boden und erträgliches Klima eine gute

Kapitalsanlage versprechen. Die andere Methode hat den Neger und seine

Entwicklung selbst im Auge; sie will seine eigene wirtschaftliche

Produktionsfähigkeit nach Mannigfaltigkeit und Güte der Erzeugnisse

vergrößern, ihm selbst dabei gleichzeitig größere Bedürfnisse

anerziehen und ihn dergestalt auch kaufkräftiger machen. Für seinen

Export soll er den unsrigen eintauschen.

Ob sich das deutsche Volk nur für einen dieser beiden Wege entscheiden,

oder ob es, wie bisher, beide auch weiterhin beibehalten wird, muß

die Zukunft lehren. Für das Mutterland sind beide Methoden gleich

viel oder gleich wenig wert, je nach der Intensität unserer gesamten

kolonialen Betätigung; dem Neger würde allerdings die zweite mehr

bringen. Als Plantagenarbeiter ist und bleibt er „Schensi“; als freier

Besitzer seiner Scholle ist er entwicklungsfähig. Freilich muß man

den Punkt dabei im Auge behalten, daß wir Kolonien gegründet haben

in der Erwartung, für unseren rasch wachsenden Bevölkerungsüberfluß

Auswanderungsgebiete zu bekommen; beansprucht der Neger die

fruchtbarsten Teile seiner Heimat selbst, so ist es mit jenem ~ver

sacrum~ nichts.

Von der durch uns einzuschlagenden Gesamtrichtung hängt es ebenfalls

ab, ob wir an der physischen Verbesserung des Negers und seinem

numerischen Anwachsen ein Interesse haben oder nicht. Unter dem

Hauch der Zivilisation konnte das eine oder andere Naturvolk ganz

oder nahezu dahinschwinden; die Tasmanier gehören der Geschichte an;

die Maori von Neuseeland und die Kanaken von Hawaii nehmen an Zahl

rasch ab; man spricht von den letzten Wedda auf Ceylon. Zu diesen

Todeskandidaten gehört die Negerrasse nicht; im Gegenteil, wo immer

sie mit den Weißen in Berührung getreten ist, erstarkt sie in jeder

Beziehung; ihr Aussterben brauchen wir also nicht zu befürchten. Doch

sollen wir ihren Vermehrungskoeffizienten durch künstliche Zuchtwahl

noch zielbewußt heraufsetzen? Freilich sollen wir das, denn eine

zahlreiche eingesessene Bevölkerung ist uns unter allen Umständen

nutzbringend und dienlich; den Pflanzer befreit sie von der ewigen

Arbeiternot, für den europäischen Fabrikanten aber und den Kaufmann ist

eine große Kundschaft zweifellos angenehmer als eine kleine. Wie diese

Verbesserung in die Wege zu leiten sein wird, darüber habe ich mich

bereits früher (Seite 346 ff.), angesichts der vielfachen Krankheiten

und Plagen des Erdteils, erschöpfend ausgesprochen; ich habe nichts

weiter hinzuzufügen.

Negerleben in Ostafrika · 第 39 / 40 段