Zeit fertig geworden. Wie ein ~Deus ex machina~ erschien plötzlich
die Perle Sefu von Newala; im Bunde mit ihm und Ningachi habe ich mich
dann in sieben allerdings sehr strammen Tagewerken davon überzeugen
können, daß das Kimakonde sich aufs engste den benachbarten Idiomen
anschließt und daß lediglich das Fehlen des „S“ der Anlaß gewesen sein
mag, wenn andere Autoren es oftmals als vom Kisuaheli und Kiyao sehr
abweichend bezeichnet haben. Dieses Fehlen des S aber, davon bin ich
fest überzeugt, hängt aufs innigste mit dem Tragen des Lippenpflocks
in der Oberlippe zusammen; jeder von uns hat wohl schon einmal eine
dickgeschwollene Lippe gehabt, hat er da irgendwelche Laute der
S-Gruppe hervorbringen können? Allerdings setzt diese Theorie voraus,
daß dann auch die Männer ursprünglich dieselbe Lippenzier besessen
haben müssen. Aber warum soll das nicht der Fall gewesen sein? Die
Maviamänner sollen sie ja noch heute tragen; die Mavia aber gelten als
die engsten Verwandten der Makonde.
Nur mit dem Kimuera habe ich kein Glück gehabt. Den Plan, in das Gebiet
jenes Stammes noch einmal zu längerem Aufenthalt zurückzukehren, habe
ich zu keiner Zeit aus den Augen verloren. Jetzt kommt der Wali, es
kommen Sefu und andere einsichtige Männer vom Plateau und sagen mir:
„Zu den Wamuera, Herr, kannst du unter keinen Umständen; siehe, diese
Leute haben mit den Deutschen Krieg gemacht, sie haben dann während
der ganzen Bestellzeit im Busch gesessen und haben nichts säen können;
das wenige, was sie verborgen hatten, ist längst aufgegessen, und nun
haben sie gar nichts mehr; alle leiden schrecklichen Hunger und viele
sterben.“
Ich habe daraufhin die Möglichkeit erwogen, mit hier aufgekauften
Vorräten aufs Rondoplateau zu ziehen, doch auch davon hat man mir
sehr ernstlich abgeraten; die Leute würden sich in ihrer Verzweiflung
auf uns stürzen und um das Getreide mit uns kämpfen. Nun, wenn der
Berg nicht zu Mohammed kommt, habe ich mir schließlich gesagt, dann
muß Mohammed zum Berge gehen; wenige Tage später erschienen, von ein
paar Eilboten geholt, die angeblich gelehrtesten aller Wamuera. Zwei
ältere Männer waren es, aber wie sahen sie aus! Zum Skelett abgemagert,
ohne eine Spur von Waden oder sonstiger Muskulatur, die Wangen und
Augen eingefallen, kurz, die wandelnden Sinnbilder jener furchtbaren
Hungersnot. Geduldig haben wir die beiden erst ein wenig aufgefüttert;
sie schlangen so erhebliche Quantitäten hinunter, daß ihr Magen wie
eine dicke Kegelkugel aus dem Leibe hervorragte; endlich schienen sie
„vernehmungsfähig“.
Trotz ihrer gerühmten Weisheit ist aus Machigo und Machunja nicht viel
herauszuholen gewesen: ein paar Dutzend Sippennamen, eine längere Reihe
einfachster Wortbegriffe, das war alles. Jeder Versuch, Verbalformen
oder irgendwelche Geheimnisse der Syntax mit ihrer Hilfe festzulegen,
schlug gänzlich fehl. Nicht mangelnde Intelligenz mag die Ursache sein,
sondern fehlende Schulung des Geistes; wollte jemand mit Hilfe eines
Ochsenknechts den Bau der deutschen Sprache ergründen, ihm würde es
nicht anders ergehen als mir. Ohne Groll, im Gegenteil, sogar reich
beschenkt, habe ich die beiden Greise nach kurzer Zeit entlassen; im
Bewußtsein ihres so unvermutet erworbenen Reichtums sind sie nicht
schlecht ausgeschritten, als sie den Weg nach Norden einschlugen.
[Illustration: Makonde-Weiler in der Gegend von Mahuta.]
Mit dem Abmarsch der beiden mageren Kimueraprofessoren bin ich im
Grunde genommen auch meine letzte wissenschaftliche Sorge los geworden,
und das ist gut so, ich bin wirklich übersatt. Was habe ich auch
in den verflossenen Monaten alles geschafft! Die mehr als 1200
photographischen Aufnahmen wird der dieser Kunst Fernstehende kaum
rechnen wollen, photographieren ist ja doch ein Vergnügen; nur der
Kenner weiß, welch eine Unsumme von Arbeit und Aufregung mit einer
solchen Riesenzahl in Wirklichkeit verknüpft ist. Und zudem gerade
hier. Auf einige Schwierigkeiten habe ich früher bereits hingewiesen;
sie sind im Laufe der Zeit immer größer geworden, denn immer mehr ist
die Sonne an unseren Breitenkreis herangerückt, und ganz fabelhafte
Lichtmassen sind es, die sie von 8 Uhr vormittags bis 5 Uhr nachmittags
vom Firmament herniedersendet. Ich habe über alle Wetter- und
Lichtumstände in meinem Negativregister stets ganz genau Buch geführt,
aber gleichwohl bin ich von Mißerfolgen nicht verschont geblieben, so
schwer beurteilbar ist die Intensität des Tropenlichts. Mit Freude und
Genugtuung stellt man abends beim Probeentwickeln fest, daß man heute
Glück gehabt hat, alles ist richtig exponiert; am nächsten Tage ist
das Wetter genau so, folglich nimmt man dieselben Blenden, dieselbe
Expositionszeit; aber siehe da, am Abend zeigt sich alles zu kurz
oder zu lang belichtet. Fröhlicher wird man nicht dadurch. Und dann
die immer wiederkehrende Sorge um den Hintergrund; Isolarplatten habe
ich leider gar nicht mit; zu einem Teil ersetzt diesen Mangel ein
ungeheures Persenning, ein Segeltuch, das ich ursprünglich zum Bedecken
meiner Lasten während der Nacht mitgenommen habe. Diesem Zweck hat
es nie gedient; schon in Massassi haben wir es zwischen zwei lange
Bambusstangen geknüpft und auf einer Seite mit ein paar Bahnen Sanda
überzogen, und seitdem dient es mir bei allen Aufnahmen unter hohem
Sonnenstande als Rückendeckung gegen starkbelichteten Hintergrund.
Und wenn es gar nicht anders geht, dann halten meine starken Männer
den Rahmen auch einmal schützend über das Objekt, falls es gilt, in
senkrechter Mittagssonne etwas ganz Bemerkenswertes auf die Platte zu
bannen.
Zu den Platten treten die Phonographenwalzen. Die abnormen
Wärmeverhältnisse der tiefer gelegenen Gegenden haben mich mancher
guten Gelegenheit zu wertvollen Aufnahmen beraubt, aber das muß man
mit philosophischer Würde zu tragen wissen. Ich kann das um so mehr,
als ich von meinen fünf Dutzend Walzen trotz jener Übelstände nur noch
wenige zur Verfügung habe, und auch für die weiß ich eine wundervolle
Verwendung: schon morgen werden sie mit den schönsten Wanyamwesiweisen
bedeckt sein. Gefaßt trage ich auch mein Kinoschicksal. In bezug auf
diese modernste ethnographische Forschungsmethode bin ich Pionier;
ich muß alle Unvollkommenheiten einer erst im Werden begriffenen
Industrie ausbaden, desgleichen auch alle Gefahren der Tropen für die
Gelatinefilms in Kauf nehmen. Nun stimmt es mich zwar nicht heiter,
wenn Ernemann mir aus Dresden schreibt, auch die letzte Filmsendung
sei wieder schlecht, doch ärgere ich mich nicht mehr, seitdem jener
verhängnisvolle Fall meines 9 × 12-Apparates mir das fürchterliche
Fieber eingetragen hat. Durch eigene Probeentwicklung weiß ich zudem,
daß von meinen 38 kinematographischen Aufnahmen immerhin noch gegen
zwei Drittel brauchbar oder sogar gut ausgefallen sein muß; das ist
für den Anfang gerade genügend. Mehr als 20 solcher unvergänglichen
Dokumente eines rasch verschwindenden Volkslebens -- ich gratuliere mir
selbst.
Indes mein Hauptstolz gründet sich auf die Fülle und noch mehr auf den
Inhalt meiner ethnologischen Aufzeichnungen. Als Fremder im Lande und
in einer so kurzen Zeit habe ich selbstverständlich bei weitem nicht
alle Gebiete des Eingeborenenlebens ins Auge zu fassen vermocht, doch
habe ich ihrer eine ganze Reihe zum Gegenstand eines eindringlichen
Studiums gemacht. Und dann mein guter Stern in bezug auf das Unyago;
die Aufhellung dieser Mysterien allein hätte die Reise vollauf gelohnt.
Auch meine soziologischen Ergebnisse gereichen mir selbst zu hoher
Freude; für unsere Kenntnis des ostafrikanischen Negers werden sie
gleichzeitig ein sicherlich nicht ganz wertloser Beitrag sein.
Zum Schluß die ethnographische Sammlung. Im Kongobecken und in
Westafrika hätte ich in einer gleich langen Expedition ohne jede
Schwierigkeit vermutlich eine kleine Schiffsladung zusammenzutragen
vermocht, hier im Osten stellt eine Sammlung von noch nicht 2000
Nummern bereits den Inbegriff des Kulturbesitzes einer ganzen
Völkerprovinz dar. Freilich, die Stückzahl hätte sich mühelos noch
vergrößern lassen, die Zahl der Besitzkategorien kaum, so gründlich
habe ich die Negerdörfer abgesucht und die einzelnen Hütten
durchstöbert; der Ostafrikaner ist nun einmal ein armer Mann.
Doch was frommt das Grübeln über Erreichtes und Unerreichbares! Siehe,
wie schön die Sonne lacht, wie frisch der nahe Wald nach dem Regen
grünt und wie malerisch die Gruppe jener Askari sich dort von der
Palisadenwand abhebt!
„Wie, das sind Askari, deutsche Krieger, diese Gestalten mit dem
schlecht gewundenen Turban um das Haupt und dem lächerlichen Nachthemd
am Leib?“
[Illustration: Askari in Interim.]
Auch ich habe mich höchlich über die Metamorphose gewundert, die
unser schwarzer Krieger im Laufe des Tages mit sich vornimmt. Auf
dem Exerzierplatz schneidig und stramm -- dem Neger ist der Drill
ein Spiel, er nennt ihn ganz wie wir „Soldatenspielen“ --, ist er am
Nachmittag das gerade Gegenteil, wenigstens nach unseren deutschen
Begriffen. O, macht er sich’s da bequem! Zweierlei Tuch zieht auch
in Afrika; wohin es kommt, da stehen seinem Träger sofort die besten
Bettstellen zur Verfügung. Auf ihnen räkelt sich der brave Lumbwula
stundenlang herum, daß die Kitanda nur so kracht; kein Glied rührt der
Faule; er hat es auch nicht nötig, denn sein Boy sorgt für ihn, wie er
es sich gar nicht besser wünschen kann; sogar das Gewehr nimmt er dem
müden Herrn aus der Hand, wenn Hemedi Marangas klares Organ endlich,
endlich das langersehnte Kommando: „Wegtreten!“ herausgeschmettert
hat. Doch nun will es Abend werden, da wird es Zeit, sich den Schönen
des Landes zu zeigen. So hübsch wie in Lindi sind die Mädchen nicht,
die weißen Holzstücke in der Lippe sind gar nicht so nett wie das
zierliche Chipini im Näschen seiner Valide daheim; aber was tut’s:
„Andere Städtchen, andere Mädchen.“ Merkwürdig rasch ist die Toilette
vollendet; der Turban sitzt freilich nicht so, wie es der Würde seines
Herrn entspricht, aber Hassani, der Boy, ist noch gar zu ungeschickt.
Es schadet auch weiter nichts, das Kansu macht alles wieder wett; ganz
neu ist es noch und auch ganz anders als die Gewänder der albernen
Suaheli; deren Hemd ist zwar bestickt, aber ist auch nur eins von ihnen
mit einem so schön verlängerten Hinterteil versehen wie seines? Und
nun drüben der Nubier Achmed Mohammed gar: er hat nicht einmal ein
Beinkleid; sein Hemd ist hinten auch hübsch lang, aber es muß schmutzig
und zerrissen sein, denn der Mann trägt sogar beim Spazierengehen seine
Khakijacke. Na, überhaupt diese Nubier; sie sind doch ganz andere
Menschen als wir Wakhutu, immer ernst und gar nicht so vergnügt.
Meine Entlastung von allen Sorgen und Nöten der Arbeit tut
physiologisch wahre Wunder: wie ein Bär schlafe ich in meinem Bett,
schlage bei Tisch eine gewaltige Klinge und nehme an Umfang von Tag
zu Tag fast merkbar zu. Es geht uns auch seit einiger Zeit wieder
gut; der ersten Porterkiste ist eine zweite gefolgt, und mit ihr sind
auch noch andere Herrlichkeiten aus Lindi heraufgekommen: echte,
unverfälschte Milch aus dem gesegneten Lande Mecklenburg, frischer
Pumpernickel, Kartoffeln neuester Ernte aus Britisch-Ostafrika,
Fleisch und Fruchtkonserven in Fülle. Ei, da lebt es sich ~bene~,
vergessen sind die mageren Wochen von Newala, in nebelgrauer Ferne
verschwindet das nicht viel üppigere Chingulungulu. Und nun gar die
Abende! Ein gütiges Geschick will es, daß ich wohl noch Platten,
aber keinen Entwickler und kein Fixiersalz mehr habe. So kann ich
noch nach Herzenslust photographieren, bin aber des grausamen
Entwicklungsprozesses im Zelt überhoben. Omari hat zum abendlichen
Tisch ein nach neuer Methode geröstetes Huhn geliefert; es nimmt
sich auf der Schüssel kurios aus; ganz breit auseinandergebogen
liegen die beiden Körperhälften da, aber sie duften kräftig, sehen
knusprig aus und schmecken prächtig. Es ist der Urröstprozeß der
werdenden Menschheit, den der Mann aus Bondei hier aufgefrischt hat:
ein einfaches Halten des Fleisches über das Feuer, bis es dem Gaumen
genießbar erscheint. Nur eine einzige Neuerung hat das alte Verfahren
über sich ergehen lassen müssen: Omari hat den Tierleib erst mit Salz
und Pfeffer eingerieben; das ist kulturgeschichtlich nicht stilgerecht,
doch die Freveltat soll dem Koch verziehen werden, denn diese Zutat
verleiht dem Braten erst die rechte Würze.
Und nun kommen auch sie heran, die Herren Träger; alle Mann hoch
quellen sie aus ihrem Unterschlupf hervor, den sie unter dem
weitausladenden Strohdach eines der Bomahäuser gefunden haben.
Reingewaschen sind ihre Kleider, und freudig strahlen die braunen
Gesichter, denn sie wissen, daß es in den nächsten Tagen schon auf
Safari geht, diesmal endlich der Küste zu, auf die sie sich schon so
lange gefreut. Sie werden aber auch unfaßbar viel Geld bekommen dort in
Lindi. Oft sind sie dem Bwana kubwa ganz böse gewesen, weil er ihnen
gar keinen Vorschuß geben wollte, und es wäre doch so nett gewesen,
wenn man dem hübschen Mädchen dort im Nachbardorfe einmal hätte etwas
schenken können. Sie hat den Wunsch sogar direkt ausgesprochen, aber
der Bwana Pufesa hat stets gesagt: „~Nenda sako~, scher dich
deiner Wege“, wenn man bei ihm borgen wollte. Das ist hart von ihm
gewesen, aber jetzt ist es doch gut, denn nun bekommen wir ja das viele
Geld auf einmal ausgezahlt; mehr als 40 Rupien müssen es sein. Wird das
eine Lust geben da unten in Lindi! Und dann in Daressalam erst! Und zum
Inder werden wir gehen und eine Weste werden wir uns kaufen, schöner
als sie selbst die Suaheli tragen, diese Affen!
Von dem leuchtenden Abendrot, das mir in Mahuta jeden Abend verschönt
hat, steht nur noch ein schwachleuchtender Schimmer am westlichen
Horizont; dafür ist hinter jenem breitästigen Baum, unter dem ich das
halbe Makondeplateau im Laufe der Wochen auf meine Platten gebannt
habe, in wunderbarer Leuchtkraft der Vollmond emporgestiegen. Sein
Antlitz schaut mit behäbigem Lächeln auf eine seltsame Gruppe herab: im
bequemen Liegestuhl streckt sich das gelbröckige Blaßgesicht; es muß
anderen Glaubens sein als sonst die Leute in diesem Erdteil hier, denn
mächtige Rauchwolken sendet es als Opfer zu Mulungu, dem Schöpfer alles
Irdischen, hinauf. Auch sein Pombeopfer ist anders geartet als das
der schwarzen Leute; zwar hat auch er einen großen Krug dort stehen,
doch nicht in den hinein schüttet er den braunen Trank, sondern immer
in den eigenen Mund. Und auch sonst ist er nicht wie die Afrikaner;
er scheint stumm, den ganzen langen Abend hindurch hat er noch nicht
ein Wort gesprochen. Dafür ist das Kelele, das Geschrei der schwarzen
Leute um ihn herum, um so größer und lauter. Warum er das bloß duldet,
der weiße Mann? Warum schickt er die lästigen Gesellen nicht weg? Aber
vielleicht hat er auch darüber seine besonderen Ansichten und nennt
dieses Geschrei sogar Musik? So sind sie nun einmal, diese Weißen!
Diese merkwürdigen Geschöpfe begreife überhaupt wer kann. Ihr Land
liegt weit weg von hier, dort, wo die Strahlen des Mondes schon ganz
schräg auf die Erde treffen. Kalt ist es dort und unbehaglich; manchmal
ist die Erde sogar ganz weiß. Dennoch muß man staunen, warum ihrer so
viele gerade hier zu den albernen Schwarzen kommen. Blieben sie doch
daheim bei ihren Lieben!
[Music:
~Weise A.~
~hi_la_la hi_la_la yum_be wa_li_la ki_ja_na wa_wa se_
se wa_tog_wa mem_bas_ja~
~B.~
~hi_si ngu_vu nsia_ko mwa_na wa li sum_bu_
ka wa_wo da_ma_na o_sen_te ki_ja_na ma_wa_na wa_li ne_na_
ja kwe_li~
~A.~
~hi_la_la hi_la_la yum_be wa_li_la ki_ja_na wa_wa se_
se wa_tog_wa mam_bas_ja~
~C.~
~o dya_mu_yin_ga wa_wa ne_ne o dya_
mu_yin_ga wa ma_yo a_ne ku_le_ka wa na wu_li_la~
~D.~
~si_li_lo si_li_lo si_li_lo_lo wa_wa si_li_lo si_li_lo si_li_lo o sen_
te wa_to_gwa mam_bas_ja~
~C.~
~o dya_mu_yin_ga wa_wa ne_ne o dya_
mu_yin_ga wa ma_yo a_ne_ku_le_ka wa na wu_li_la~
~A.~
~hi_la_la hi_la_la yum_be wa_li_la ki_ja_na wa_wa se_
se wa_tog_wa mam_bas_ja~
~B.~
~hi_si ngu_vu nsia_ko wa_na wa li sum_bu_
ka wa_wo da_ma_na o sen_te ki_ja_na ma_wa_na wa_li ne_na_ja kwe_li.~
]
Mit den tiefen Tönen, wie sie den Wanyamwesi eigen sind, dringt das
Lied in das Ohr des Europäers. Es stellt einen wundervollen Beitrag
zu dem Kapitel: Rhythmus und Arbeit dar. Wie oft haben es meine Leute
schon in Newala, bei Madyaliwa und hier in Mahuta gesungen, stets
aber war der Rhythmus des Gesanges begleitet von ebenso rhythmischen
Körperbewegungen. Ein Hacklied ist es. Zieht der Muyamwesi mit seinem
Universalinstrument, der Hacke, aufs Feld, dann ist er gerüstet mit
einem ganzen Arsenal solcher Lieder; taktmäßig hebt und senkt sich der
Oberkörper, knirschend fährt das breite Eisen durch den Boden dahin,
weich und harmonisch klingt über die weite Ebene das Arbeitslied. In
diesem Augenblick, wo die Leute malerisch um mich gruppiert kauern,
enthalten sie sich dieser Hackbewegung zugunsten eines mit großer Verve
geübten Schnalzens mit den Fingern.
Die Melodie ist ansprechend und einschmeichelnd; in seinen Träumen der
rauhen Natur Afrikas weit entrückt, blickt der fremde Mann sinnend in
den Nachthimmel hinauf. Im Drang der arbeitsschweren Zeit, die nunmehr
hinter ihm liegt, hat er kaum Zeit gefunden, an das alte Uleia und
seine Kultur zurückzudenken; jetzt, wo des Vorsängers Pesa mbili klarer
Bariton periodisch mit dem machtvollen Chor wechselt, da ziehen ihm
in bunter Reihe die Kulturbilder gleicher Art von daheim durch den
Sinn: wie des Grobschmieds nervige Faust am Amboß den Rhythmus sucht,
um beim Schwingen des wuchtigen Hammers nicht allzu rasch zu ermüden.
Aus ferner Jugendzeit, wo die garbenfressende Dreschmaschine noch
nicht zur Errungenschaft des kleinen Landwirts zählte, hört er von
des Nachbars Tenne her den Drei- und Viertakt der Drescher. Ping ping
ping, ping ping ping, zum Greifen nah hat er es vor sich, das typische
Bild der Großstadtstraße; die Zigarre im Munde, sind die Herren
Pflasterer mitten im Strome des Verkehrs aufmarschiert. Das heißt,
dieses halbe Dutzend Männer hat mit dem Setzen des Steines selbst
nichts zu tun, sie sind die Elite, die mit der schweren Handramme in
kunstgerechtem Stoß und Schlag Stein für Stein im einzelnen und dann
auch noch das Ganze, nur roh Vorgearbeitete, nachfeilen müssen. Ping
ping ping, ping ping ping, bald anschwellend zum gewaltigen Forte,
dann wieder herabsinkend bis zum feinen Tone des silbernen Glöckchens,
mischen sich die Töne in den Straßenlärm hinein. Mit Riesenkraft hat
der Hüne dort das Eisen soeben auf einen neu in Angriff genommenen
Stein herunterkrachen lassen, kaum zentimeterhoch hebt und senkt sein
Nachbar das Werkzeug; und alles geschieht im strengsten Takt: Ping ping
ping, ping ping ping. Das ist es ja eben: dieser Takt ist der Ausfluß
eines Naturbedürfnisses im Menschen, er ist der Vorläufer, ja die
Vorbedingung jeder körperlichen Dauerarbeit überhaupt. Das empfinden
auch wir Träger einer alten Kultur noch immer: ganz einerlei, ob wir im
Trupp dahinmarschieren; ob das Einsetzen der Regimentskapelle die Beine
der müden Soldaten zu neuem, frischem Ausschreiten elektrisiert; ob wir
gemeinsam eine schwere Last von ihrem Standort zu bewegen suchen, Takt
und Rhythmus begleiten und beleben uns in allen Lebenslagen. Und nun
der Naturmensch erst! Ich glaube, der Neger kann nicht das Geringste
ausführen, ohne seine Arbeit mit einem schnell improvisierten Liede zu
begleiten; selbst die schwerstgefesselten Kettengefangenen der Küste
schieben ihre Karre oder ziehen den Wagen unter stetem Wechselgesang.
So ist denn auch das Hacken des Feldes eigentlich mehr ein Spiel, zu
dem der Körper ganz von selbst in die rhythmische Bewegung des Tanzens
verfällt; kein Tanz aber ohne Lied.
Mit einem langgezogenen „~Kweli~, es ist wahr“, ist das Lied
soeben ausgeklungen. Die Wanyamwesi haben Ausdauer, auf dem Marsch
wie beim Singen, und so hat auch dieser Wechselsang eine geraume
Zeit gefüllt. Der Weiße regt sich; er greift zum neuen Rauchkraut,
aus dem Chor der Schwarzen aber erklingt im gleichen Augenblick das
unverkennbare Organ des unermüdlichen Pesa mbili; gleich darauf fällt
mit sonorem Ton der Chor der anderen ein. Es ist mein Lieblingslied,
das jetzt in die schweigende Nacht und den leise rauschenden
Makondebusch hinaus erklingt; es muß wohl etwas Gutes sein, denn selbst
der alte Herr dort oben, der höher und immer höher geklommen ist auf
seiner Bahn, schmunzelt mit unverkennbarem Behagen auf die malerische
Gruppe herunter. Aus deren Mitte erschallt es jetzt, erst leise, dann
in vollem Chor wie folgt:
[Music: ~Kulya mapunda.~
~kul - ya ma - pun - da wan - i - lam - ba wa - ha - ya na - ne ly
- a ma - pun - da wa -li- ha -ya ha - sim - po a - wa - ya - ko - ka
ya mo ka - gis - ya wa - na ka - lya lya ku - li ma - jo ni - sa ho -
wa - nä - ti na - no - wa - we - la na wa po - li - cy wan - sen -te
la - gi ko -li- tu - li ku - ja mwi -ko- lo a - li gon - ga twe - ka
na - we - li san - ga na - li san -ga wa - le lyangwi(la) o ku - mu -
wa - nä - ti ku ni - so - le ku - lya ma - pun - da ku - lya ma - pun
- da wan - i - lam - ba wa - ha - ya na - ne ly - a ma - pun - da wa
- li - ha - ya ha - sim - po a - wa - ya - ko - ka ya mo ka - gis -
ya wa - na ka - lya lya ku - li ma - jo ni - sa ho - wa - nä - ti~
~Solo.~
~na no - wa - wo - la~
~Chor.~
~na no - wa - we - la na wa po - li - cy wan - sen - te la - gi ko
- li - tu - li - ku - ja mwi - ko - lo a - li gon - ga twe - ka na -
we - li san - ga na - li san - ga wa - le lyangwi o ku - mu - wa - nä
- ti.~
]
Die ansprechenden Töne haben auch jetzt wieder ihren Zauber auf den
weißen Mann ausgeübt; hoch aufgerichtet sitzt er da, und kräftig singt
er mit, zum nicht geringen Vergnügen der Herren Schwarzen. Ein Tanzlied
ist es, dieses „Hasimpo“, wie es bei uns der Einfachheit halber kurz
genannt wird. Bei dem Arbeitslied passen Melodie und Text, soweit ich
diesen überhaupt habe übersetzen können, wenigstens noch einigermaßen
zusammen; was mir Pesa mbili heute nachmittag jedoch als Grundlage
dieses Hasimpo-Liedes in die Feder diktiert hat, will mir noch nicht so
recht in den Kopf. Der Vollständigkeit halber hier zunächst der Versuch
der Hilala-Übersetzung:
„Arbeit, Arbeit. Der Jumbe wird weinen über seinen Sohn. Wir lieben den
weißen Ombascha, der ist stark. Danke. Der Sohn, er hat wahrgesagt. O
ich Dummer, meine Mutter geht weg, die Kinder weinen. Weinet nicht,
weinet nicht, weinet nicht.“
Also kraus wie immer, aber doch wenigstens in einzelnen Teilen
Zusammenhang und Sinn; das ~sílilo, sílilo, sílilo~, weinet nicht,
weinet nicht, weinet nicht, klingt direkt ergreifend; weniger will mir
der Ombascha, der weiße Gefreite, in den Rahmen des Liedes passen; doch
wer vermag die Tiefen einer Negerseele zu ergründen! Und noch dazu die
eines Poeten.
Das Tanzlied heißt:
„Es essen Gemüse die Wairamba, sage ich, sie essen Gemüse, sage ich,
am Brunnen. Wenn ihr heim kommt, so grüßt sie, meine Mutter, und sagt:
Wir kommen. So sagte ich, und die Polizei hat den Satanas gefaßt. Wir
ließen nieder unsere Lasten von Zeug und Perlen und nochmals Perlen.
Die Sonne, die geht unter; unsere Tanzerlaubnis ist zu Ende.“
Rührend ist auch hier wieder das Hereinziehen der Mutter, rätselhaft
die Polizei und ihre Beschäftigung mit dem Höllenfürsten.
Und nun kommt das Standardlied:
[Music:
~yooh_nderu_le yooh_nderu_le wa_bwa_na mku_bwa nderu_le
wa_bwa_na mku_bwa nderu_le ku_bwa sum_ba_na wo_gi nde_ru_le_wa
yooh_nderu_le.~
]
Es ist die Apotheose des Reisens an sich, also des Lebenselementes,
das dem Mnyamwesi ebenso Bedürfnis ist wie sein Ugali: „O du Reise, du
Reise mit dem großen Herrn, du (schöne) Reise. Die Jünglinge bekommen
Zeug von ihm; o du Reise, du schöne Reise!“
Lang, fast klagend sind die tiefen Baßtöne verklungen; die vordem
so glänzenden Augen meiner zwei Dutzend Getreuen sind immer kleiner
geworden; es geht bereits stark auf zehn, und das ist eine Stunde, in
der die Söhne Unyamwesis, in ihre dünne Matte gerollt, sonst längst von
ihrer Heimat träumen. Ein fragender Blick von Pesa mbili herüber, ein
kurzer Wink, im nächsten Augenblick ist die ganze Schar fast unhörbar
verschwunden. Der Mond hat sich hinter einer dichten Wolke versteckt,
bleich schimmern die weißen Gewänder meiner Braven noch einmal von
ihrer Hütte herüber, dann bin ich allein. Wirklich allein, denn Knudsen
ist wieder nicht zu halten gewesen und liegt schon seit einigen Tagen
drunten im Tal der Jagd ob. Es seien gar zu viele Elefanten drunten,
haben ihm die Leute von dort übermittelt, und da ist er im Sturmschritt
von dannen gezogen; kaum daß sein Koch Latu und sein Diener Wanduwandu,
dieser prächtige Yaorecke, ihm haben folgen können. Wo er nur bleibt?
Er wollte doch schon heute mittag zurückkehren.
[Illustration: Die lichte Baumgrassteppe und ihre Tierwelt. Zeichnung
von Salim Matola (s. S. 452).]
Neunzehntes Kapitel.