Strombiegung hat er sein Boot verankert, die Angel mit dem ungefügen
Eisenhaken ausgeworfen und harrt nun mit der philosophischen Ruhe des
alten Anglers auf das bewußte Zerren an der Leine. Gerade jetzt erfolgt
es; ein kurzer Moment des Wartens noch, dann ein Ruck, ein gewaltiger
Schwung -- ein breites, rundes Etwas liegt im Grase. Bedächtig läßt der
Fischer die derbe Schnur durch die Hand gleiten, um die Beute zu sich
heranzuziehen; da, was ist das? Taucht der Scheitani aus den Fluten,
der Satanas, oder ist es der Flußgott selbst, was sich dort so schnell
wie das Feuer, das Mulungu unter gewaltigem Getöse so oft aus den
Wolken zur Erde herunterschickt, auf seine schöne, große Schildkröte
stürzt? Rasches Handeln ist sonst des graubärtigen Alten Sache nicht,
doch hier heißt’s festhalten, was man hat. Zudem ist’s ja auch nur eine
gewöhnliche Schlange, wenn auch ein gewaltiges Exemplar, was ihm dort
seine Beute streitig macht. Der werden wir sie schon abjagen!
Das historische Genre, so könnte man in der Tat die ganze hiesige
Malerschule benennen; stets bringt sie Szenen aus dem täglichen Leben,
aber es sind gleichzeitig doch historische Vorgänge, die der Maler mit
eigenen Augen verfolgt hat, deren Einzelzüge ihm fest im Gedächtnis
haften, und deren handelnde Personen, ob Mensch oder Tier, wirkliche
Porträts sind. Der Zug des reinen Genres wird noch am meisten gewahrt
von den Zeichnungen auf Seite 206, 345 und 463; die Frau unter der
Hüttenbarasa am Mörser (S. 206) ist ein ebenso alltägliches Bild aus
dem Volksleben wie die Mutter mit dem Baby auf der Hüfte (S. 345);
da entfällt das Moment des Porträts noch am ehesten. Auch bei der
Überreichung der beiden Eingeborenen (S. 463) durch Pesa mbili war
von der Darstellung bestimmter Persönlichkeiten keine Rede; an jenem
21. Oktober hatte ich mich in der Boma von Mahuta vorwiegend mit dem
Studium der Ziernarben befaßt; viele Männer hatten sich entkleiden
müssen; das hatte den intelligenten Mnyampara zu der Wiedergabe von ein
paar solchen Gestalten angeregt.
Bei allen andern Zeichnungen waltet das historische oder das
persönliche Moment oder aber beide gleichzeitig vor. Wenn der Suaheli
Bakari weit im Innern, in Nchichira, den Dampfer „Rufidyi“ aus der
Erinnerung zeichnet, und er setzt in den Vordergrund einen riesigen
Hai (S. 32), so bedeutet das Gemälde nichts anderes als eine bestimmte
Fahrt des Künstlers auf jenem Schiff, von dessen Deck er an einem
bestimmten Ort eben jenen Fisch gesehen hat. Als der Träger Yuma mir
das Bild „Affen beim Einbruch in eine Pflanzung“ (S. 211) überreichte,
fügte er seinem Kommentar die nähere Erklärung hinzu: „Aber, Bwana
kubwa, das ist +meine+ Schambe, und die Affen habe ich mit Steinen
verjagt; es waren sieben sehr große Tiere.“
Wirkliche Porträts sind der Bwana Pufesa, der Herr Professor, auf
Seite 457 und der Stelzentänzer (S. 292). Jener ist das Werk eines
Soldaten, dieser eine der unverkennbaren Skizzen meines Kochs Omari;
beide stammen noch aus der ersten Zeit der Expedition, wo ich den Reiz
der Neuheit noch nicht eingebüßt, der Bondeimann aber nur erst einen
einzigen Stelzenmann zu Gesicht bekommen hatte. So schlecht Omari
sonst zeichnete, hier hat er doch den Mut der ~En face~-Zeichnung
bewiesen, zu der ein Anfänger in der Kunst sich sonst nur ganz selten
versteigt. Daß mein rechtes Auge als Stern im Weltenraum spazieren
geht, ist nicht verwunderlich; es ist bei dem rauchenden Msungu mit dem
weißen Helm und den großen Taschen im Rock in Wirklichkeit vorhanden,
folglich muß es auch auf die Zeichnung.
Eine Anzahl der Zeichnungen führt an der Hand von ganzen Szenen in die
Volkskunde des Südens von Deutsch-Ostafrika ein. Da ist zunächst die
„Kette“ (S. 42). Sieben Mann stark, zieht sie langsam durch die Straßen
Lindis dahin, fünf Sträflinge mit dem großen Blechgefäß auf dem Kopfe,
die letzten beiden unbelastet. Es gilt, beim Europäer das Badebassin
zu füllen; das ist nicht schön, der hohen Leiter wegen, bei deren
Besteigung die schwere Kette so heftig am Nacken zerrt; doch der Askari
dahinten ist streng; zwar die Nilpferdpeitsche steht ihm nicht zu, die
ist nur ein Phantasieerzeugnis des Malers, sein großes Gewehr hat er
jedoch immer bei sich; das soll sogar geladen sein, seitdem kürzlich
eine Kette rebellisch geworden ist und den überwachenden Soldaten
meuchlings niedergeschlagen hat. Da ist so eine Liquata (S. 64) doch
etwas viel Ansprechenderes und Erfreulicheres, zumal wenn der Bwana
picha, der erst vor einer Stunde zugereiste weiße Mann, die lebhafte
Szene in seinem dreibeinigen Kasten auf eine jener merkwürdigen
Glasplatten zaubert, auf denen alle die schwarzen Frauen weiß und ihre
großen, weißen Lippenscheiben kohlschwarz aussehen. Auch die Karawane
des Mdachi selbst lockt sehr zur Wiedergabe in dem großen Buche mit
dem schönen, dicken Papier (S. 136). Wie stolz tragen die beiden Boys
Moritz und Kibwana die Gewehre ihres Herrn! Der sitzt auf seinem
Nyumbu, dem alten Maultier, und dreht sich gerade um. Lustig weht die
Reichsdienstflagge im Morgenwinde; dahinter aber, da kommen sie heran,
die Träger alle, mit Kisten und Kasten, Stöcke in der Hand, mit denen
sie im Takte an die Kisten schlagen, alle fröhlich und guter Dinge. So
sind sie ja aber, die Freunde Pesa mbilis aus dem fernen Unyamwesi.
Lustig war auch die Jagd, die Salim Matola auf Seite 102 verewigt
hat. In dem bogenbewaffneten Jägersmann hat der Künstler sich selbst
gezeichnet, wie er dahinschreitet, dem Hunde nach, der eifrig dem
Buschbock folgt. Kwakaneyao, der braungelbe Hund, ist von Haus aus
sehr scharf; sein Name bedeutet, daß er jeden andern Hund wegbeißt,
der ihm die Beute streitig machen will. Trotzdem hat Salim Matola vor
dem Aufbruch erst noch ein übriges getan, indem er dem vierbeinigen
Jagdgenossen die Zähne mit bestimmten Wurzeln einrieb und indem
er ihm etwas vom letzterlegten Buschbock zu fressen gab. Wie ein
abgeschossener Pfeil ist da Kwakaneyao losgesaust ins wilde Pori
hinein; kaum daß sein Herr ihm zu folgen vermochte.
Dieses Pori mit seiner so mannigfaltigen Tierwelt führt derselbe Salim
Matola uns in einem andern Bilde, dem auf Seite 477 wiedergegebenen,
vor. Trotz aller Skizzenhaftigkeit kann man sich keine treffendere
Wiedergabe des Charakters der lichten Baumgrassteppe denken: die
vereinzelt stehenden, sperrigen Bäume, dazwischen das harte,
übermannshohe afrikanische Gras; links in der Tamariske die dunkelgrüne
Baumschlange, rechts ein Nashornvogel, im Hintergrunde eine kleine
Antilope als Charaktertiere -- kurz, in seiner Art ein kleines
Meisterwerk.
In die Tiefen des Volksglaubens führt uns der Makua Isak mit seinem auf
Seite 265 wiedergegebenen Bildchen. Das drollige Tierchen dort ist der
Unglücksvogel Liquiqui, die Eule. Marquardts Töchterlein brachte sie
durch ihren Nacht für Nacht wiederholten Ruf den Tod; auch sonst sieht
und hört man sie nicht gern.
Ein Bild aus dem Makondeleben endlich bringt die kleine Skizze auf
Seite 305. Mtudikaye, die „Gastfreie“, und ihre Tochter Nantupuli,
die leider immer noch keinen Mann bekommen hat, trotzdem sie es an
Bemühungen keineswegs hat fehlen lassen, haben gegenwärtig ihre
„Wasserwoche“. Die Männer haben jetzt alle Hände voll mit dem
Urbarmachen des Busches zu tun, da müssen sich eben die Frauen mit
den derben Tragstangen samt den großen Flaschenkürbissen belasten, um
unten aus dem Bach am Fuße des Plateaus das zum Kochen nötige Wasser
herbeizuschleppen. Der Weg ist weit und steil dazu, doch jetzt sind
sie endlich am Ziel; dort die beiden Bananenstauden mit den schweren
Fruchttrauben sind das Wahrzeichen der Schöpfstelle; klettert man in
ihrem Schatten auf die großen, runden Steine im Bachbett, so strömt ein
viel klareres Naß in die Gefäße als vom schlammigen, zertretenen Ufer
aus.
Und nun endlich die Wissenschaft. Meine schwarzen Expeditionsgenossen
müssen ein ausgeprägtes geographisches Gefühl besitzen; anders kann
ich mir die zahlreichen Land- und Routenkarten nicht erklären, mit
denen sie mich überschüttet haben. Ich bringe hier (S. 15) nur eine,
die erste und darum für mich überraschendste. Ihr Autor ist Sabatele,
ein ganz unberührtes Naturkind von weit hinten aus der äußersten
Südwestecke unserer Kolonie, nämlich vom Südende des Tanganyikasees;
schon zu Beginn der Expedition, in Lindi, brachte er sie eines
Tags heran. Großes Schauri; Pesa mbili, der Trägerführer, und die
anderen Intelligenzen natürlich dabei. Nach einer Viertelstunde
ist die Identifizierung all der rätselhaften Zeichen gelungen; und
wahrlich, staunenswert genug ist diese kartographische Erstleistung
mit ihrer ganz richtigen Orientierung und der lediglich in einzelnen
Ortsabständen mißglückten Topographie. Ich deute auf das seltsame
Gebilde bei Nr. 1 der Zeichnung: „Mawopanda“ hallt es im gleichen
Augenblick zurück. Das ist Kinyamwesi und bedeutet Daressalam. Nr.
2: „Lufu!“ lautet die Antwort. Das ist also der Ruvu unserer Karten,
der große Fluß, den die Wanyamwesiträger bei ihren Wanderungen auf
der großen Karawanenstraße überschreiten müssen. Nr. 3: „Mulokolo!“
lautet die Erklärung. Also Morogoro, der vorläufige Endpunkt der großen
Zentralbahn, die dem altgewohnten Karawanenwesen der Wanyamwesi und
Wassukuma für immer ein Ende bereiten wird. Den Wanyamwesi wird die
Aussprache des R schwer; sie ersetzen es meist durch L; so stramme
Burschen und dabei ein so weiches Idiom -- ein merkwürdiger Gegensatz!
Nr. 4 ist der „Mgata“, also die zur Regenzeit völlig versumpfte
Makatta-Ebene zwischen den Uluguru- und den Rubehobergen. „Kirossa!“
schnarrt es mir im nächsten Augenblick entgegen, als ich mit dem
Bleistift auf Nr. 5 deute. „Natürlich, gerade wo kein R ist,“ brumme
ich, über das prächtige Zungen-R entzückt, „da sprechen sie’s;
also buchen wir: Kilossa.“ Nr. 6 ist die „Ballaballa“, die große
Karawanenstraße selbst. Nr. 7 Mpapua, das alte Karawanenemporium, einst
der letzte Ruhepunkt vor dem gefürchteten Marsch durch die Marenga
Mkali, die große Bitterwassersteppe, und durch Ugogo auf dem Marsch
ins Innere, die Erlösung von Durst und Mißhandlung auf dem Marsch zur
Küste. Zögernd setze ich den Stift auf Nr. 8; der Zeichnung nach muß
es ein Gewässer sein; mir ist aus jener Gegend jedoch keins bekannt.
Richtig ist mir denn auch der Mutiwe, den Sabatele jetzt nennt, ein
unbekannter Begriff; erst auf der Spezialkarte entdecke ich, daß er
bei Kilimatinde vorüberfließt, wohlgemerkt, wenn er Wasser hat, was in
jener Gegend nicht immer der Fall ist. In Sabateles Gemüt muß er als
Wasserader haften geblieben sein; was sollte den materiellen Gesellen
sonst an diese Örtlichkeit erinnern?
Doch nun gelangen wir ins Herz Deutsch-Ostafrikas und damit in
Gegenden, die meinen Getreuen geläufig sind. Nr. 9 ist Kilimatinde,
das hochgelegene; Nr. 10 nennt Sabatele Kassanga. Ich glaube Katanga,
den Kupferdistrikt weit unten im Kongobecken, zu vernehmen und
schüttele den Kopf; so weit kann der junge Mann doch wohl noch nicht
gereist sein. Durch ein Kreuzverhör bekomme ich denn auch heraus, daß
er aus der Landschaft Mambwe am Südende des Tanganyika stammt, und
daß Kassanga mit unserm Bismarcksburg identisch ist. Nr. 11 ist mein
ursprüngliches Ziel Kondoa-Irangi. Nr. 12 ist der in Iramba gelegene
Unteroffizierposten Kalama. Bei Tobola, wie mein Kartograph Tabora
nennt, geht er sogar auf Einzelheiten ein; Nr. 13a ist das Tabora von
heute mit der neuen Boma; Nr. 13b das „Tobola ya samani“, das alte mit
der Boma von früher. Nr. 14 und 15 sind Ujiji am Tanganyika und Muansa
am Victoria-Nyansa; beide Handelsorte sind die Endpunkte der Reisen
Sabateles nach Westen und Norden, wie er mir mit Stolz und Genugtuung
erklärt.
Auch von den Leistungen seiner Gefährten abgesehen, steht die
Routenkarte Sabateles unter den Naturvölkern nicht vereinzelt
da; über deren kartographische Leistungen sind vielmehr bereits
ganze Bücher geschrieben worden. Gleichwohl entbehrt die kleine,
anspruchslose Skizze keineswegs eines gewissen wissenschaftlichen und
völkerpsychologischen Interesses. Wir sind gewohnt, jedes Kartenblatt
von Süden her zu schauen; der Norden liegt uns stets oben. Bei allen
meinen Negerkarten ist die Orientierung umgekehrt; sie sehen das
dargestellte Gebiet von Norden her und legen den Süden nach oben. Auch
das hier wiedergegebene Blatt ist im Original nach Süden orientiert;
lediglich, um es mit unsern Karten in Übereinstimmung zu bringen, habe
ich es um 180° gewendet. Falsch sind die Ortsabstände; das ist aber in
der Situation auch wohl der einzige Fehler; von ihm abgesehen, ist die
Gesamtleistung für ein völlig unberührtes Naturkind erstaunlich gut.
Eine Kombination von Landschaftsmalerei und geographischem
Sehen ist schließlich die letzte der hier wiedergegebenen
Eingeborenenzeichnungen; sie ist gleichzeitig ein Stück Heimatskunst,
denn Salim Matola hat in ihr die Berge seiner Heimat Massassi zur
Darstellung gebracht (S. 87). Mir hat es nie gelingen wollen, die
stolze Bergkette im Bilde festzuhalten; hatte ich auf meinen
Rundtouren den nötigen Abstand erreicht, so konnte ich darauf wetten,
daß die Luft unklar sein und jeden Fernblick verhindern würde; war
ich aber im Schatten der Berge selbst, so fehlte der Gesamtüberblick.
Salim hat also dem Mangel abgeholfen, und er hat das in nicht einmal
übler Weise getan. Freilich, der schwarze Jäger oben auf dem Gipfel
des Chironji ist in Anbetracht der reichlich 800 Meter Seehöhe des
Berges ebenso unverhältnismäßig groß geraten wie sein Jagdgewehr; auch
der Baumwuchs ist in der Größe -- nicht im Charakter -- mißglückt;
aber sonst stimmt alles: die Reihenfolge Mkwera, Massassi, Mtandi und
Chironji als Riesen; links davon dann Mkomahindo, Kitututu und Nambele
als kleines Anhängsel. Gut ist auch die Steilheit der einzelnen Berge
wiedergegeben; desgleichen die abgerundete Kuppenform; ja selbst die
Struktur des Gneises glaubt man in den Strichen Salims wiederzuerkennen.
Es scheint, daß ich überall die ersten Regen nach mir ziehe: in Newala
bereits zu Michaelis, in Nchichira einige Wochen später; hier in Mahuta
haben sie zu Ende des Monats Oktober gleich mit ziemlicher Heftigkeit
eingesetzt. Zum Glück habe ich vor ihrem Eintreten die Eingeborenen
doch noch bis zum Übermaß genießen können. Es sind wahre Volksfeste im
kleinen gewesen, die die Makonde auf dem großen, schönen Platz hier
im Laufe der Wochen gefeiert haben; ganz zwanglos entwickelten sie
sich und boten mir damit auch die Gewähr, etwas Ungekünsteltes, Echtes
zu sehen zu bekommen. Mehr als einmal sind auch hier Stelzentänzer
mit ihren Riesenschritten, dem starren Maskengesicht und wehenden
Kleidern durch die Volksmenge gestapft. Allgemeinen Beifall hat eines
Nachmittags eine wohlgelungene Affenmaske geerntet, die das Gebaren
unseres differenzierten Vetters wirklich ganz trefflich und naturgetreu
nachzuahmen verstand. Der Neger lacht gern, vielleicht weil er weiß,
daß diese Reflexbewegung zu seinem prachtvollen Gebiß gut steht; bei
den Kapriolen und Purzelbäumen dieses Mimikers waren indessen die
dröhnenden Lachsalven sehr wohl begründet. Ein Meister in allerlei
Scherz und Kurzweil war ferner ein Volksgenosse, der sozusagen alles
konnte; eine mittelgroße, überaus sehnige, muskulöse Figur, war der
Mann zunächst ein unübertrefflicher Parterreakrobat, der dreist in
einem europäischen Zirkus auftreten könnte; er produzierte sich gleich
darauf in gleicher Meisterschaft am schwebenden Reck -- vier starke
Männer trugen eine lange Stange, die ihm als Evolutionsachse dienen
mußte --; ausgezeichnet war derselbe Mann schließlich als „dummer
August“. Der ganzen Rassenveranlagung nach entsprang die Komik dieser
Figur aber auch nicht etwa der Physiognomie, sondern trat vorwiegend
in Haltung und Bewegung der Beine zutage; im Kino habe ich das alles
für die Zukunft festgehalten. Um den Beweis seiner Universalität
zu vollenden und lückenlos durchzuführen, trat derselbe Mann im
zweiten Teil des Programms als Held in einer Pantomime auf. Es war
ein Ehebruchsdrama, der Ehemann ein Tölpel und Dummkopf, die Frau,
nach antikem Muster durch ein männliches Individuum dargestellt,
eine schlaue Kokette, der Cicisbeo ein aus alle Verführungskünste
geeichter Don Juan. Soweit die Grundlagen des Dramas; sie sind, wie
man sieht, ganz kosmopolitisch; urecht afrikanisch war dafür die
Natürlichkeit und Ungeniertheit, mit der sich alle, aber auch alle
Vorgänge des Lebens auf der Bühne abspielten, ganz echt afrikanisch
auch der unerschütterliche Ernst, mit dem das sichtlich aufs äußerste
interessierte Publikum dem Fortschreiten der Handlung folgte; kein
unzeitiges albernes Lachen, kein vorlauter Zwischenruf.
[Illustration: Bwana Pufesa, der Herr Professor. Nach der Zeichnung
eines meiner Soldaten (s. S. 451).]
Wer noch immer bezweifeln möchte, daß es mit der Ursprünglichkeit und
Unberührtheit des Kulturbesitzes unserer Naturvölker rasch und immer
rascher zu Ende geht, dem empfehle ich das Folgende zur Beachtung.
[Illustration: Diabolospieler auf dem Makondeplateau.]
Es ist wiederum ein fröhlich belebter Nachmittag, Tänze, Gesang und
Spiel ringsum. Ich habe alle Hände voll zu tun, plötzlich jedoch wird
meine Aufmerksamkeit auf eine Gestalt hingelenkt, die eine besondere
Tätigkeit für sich verfolgt. Rhythmisch pendeln die Unterarme aufwärts
und abwärts, verlängert um halbmeterlange Holzstäbchen, die durch eine
gedrehte Bastschnur miteinander verbunden sind. Plötzlich ein jähes
Auseinanderspreizen der Arme in ihrer ganzen Länge, ein Hochstrecken
des rechten, ein Seitwärtsspreizen des linken, wie eine Bombe saust ein
zunächst noch unerkennbares Etwas aus der Luft herunter, wird geschickt
auf der Schnur aufgefangen und läuft wie ein geängstigtes Wiesel
zwischen den Stabenden hin und her; gleich darauf ist es wieder in den
Lüften verschwunden, kehrt reuig zu seinem Herrn zurück, und so fort.
[Illustration: Ein afrikanisches Diabolo.]
„Ei, das mußt du doch schon irgendwo gesehen haben“, fährt es mir durch
den Sinn; ich grüble und grüble, endlich habe ich es: das ist ja nichts
anderes als das Diabolo, von dem die deutschen Zeitungen erzählen,
daß es in England und andern Ländern des Sports so eifrig betrieben
werde! Bei uns im langsam, aber sicher nachhinkenden Deutschland war
das Spiel bei meiner Abreise noch unbekannt; ich stelle jedoch die
Prognose, daß es dort dereinst zu blühen anfangen wird, wenn die andern
Nationen es längst zu dem Alten gelegt haben. Jetzt fällt mir auch
ein, in einem Laden der Grimmaischen Straße zu Leipzig einmal ein Bild
des Spiels gesehen zu haben; vergleiche ich mit diesem Erinnerungsbilde
den vom Neger mit so großer Sicherheit geschleuderten Wurfkörper, so
muß ich gestehen, der Mann hat das technische Problem ausgezeichnet
gelöst: der schmale, scharfe Keilschnitt in dem Zylindermantel der
Holzwalze gibt der Schnur vollkommenen Bewegungsraum, ohne das Gewicht
des Ganzen wesentlich zu vermindern. So weit hat mein stets reges
technisches Interesse mich ernst erhalten, jetzt aber lächle ich doch
unwillkürlich; als Träger der höchsten Kultur das neueste Symbol
ebendieser Kultur gerade von einem unbeleckten Wilden im entlegenen
afrikanischen Busch kennen lernen zu müssen, ist das nicht ein
Treppenwitz der Kulturgeschichte!
Wüßte ich nicht, daß der Regen die einzige Ursache für das immer
spärlichere Erscheinen der Eingeborenen ist, so hätte ich auch hier
allen Anlaß, mich wieder für einen mächtigen Zauberer zu halten; so
aber sagen die Leute selbst, daß es nunmehr an der Zeit sei, an ihre
Felder zu denken. Ehrlich gestanden, ist die daraus erwachsende Muße
mir durchaus nicht unlieb, ich bin wirklich satt, übersatt sogar und
habe schon mehrfach an mir beobachtet, daß ich an den fesselndsten
Erscheinungen des Volkslebens mit Gleichgültigkeit vorübergegangen bin.
Die menschliche Aufnahmefähigkeit ist nun einmal nicht unbegrenzt, und
wenn man so viel an neuen Eindrücken auf sich hat einstürmen lassen
müssen wie ich, versagt sie schließlich einmal völlig.
[Illustration: Makondefrau im Festgewand.]
Nur Ningachi und seine Schule fesseln mich immer wieder von neuem.
Unsere Barasa ist auf der Südseite der Boma, von Osten her gerechnet,
das zweite Haus. Im ersten hausen angeblich ein paar Baharia, in
Wirklichkeit scheint es ein großer Harem zu sein, denn fast ohne
Unterlaß hört man ein vielstimmiges Kichern und Schwatzen weiblicher
Stimmen; im dritten Haus wohnt Seine Exzellenz der Staatssekretär des
Vizekönigs, nämlich der amtlich bestellte Schreiber des Wali. Er ist
ein Suaheli aus Daressalam und ein Busenfreund von Moritz obendrein,
aber diese Freundschaft mit der Säule meiner ruhelosen Wanderwirtschaft
hat es durchaus nicht verhindert, daß ich dem Burschen jüngst die Ohren
sehr lang gezogen habe. Keine Nacht hatte ich ordentlich schlafen
können, denn von irgendwo, aber ganz nahe, ertönte unausgesetzt ein
jämmerliches Kindergeschrei. Bald habe ich es herausgehabt und habe
Vater, Mutter und Sohn in meine Sprechstunde zitiert: Vater und Mutter
kerngesund und speckfett, das Kind reichlich ein Jahr, ebenfalls
kugelrund, doch wund und angefressen infolge ärgster Verwahrlosung von
der Zehe bis zum Auge. Und der Mann kann lesen und schreiben, er ist
also ein vollwichtiger Vertreter der Kulturwelt im Sinne der Statistik
und schaut mit abgrundtiefer Verachtung auf jeden herab, der nicht wie
er im weißen Hemd und mit gestickter Mütze einherfaulenzt.
Doch nun das vierte Haus. Verständnislos sehe ich am ersten Tage
nach unserer Ankunft um 6½ Uhr morgens eine Schar von sechs bis
acht halbwüchsigen Knaben sich vor ihm versammeln. „Die wollen
spielen“, denke ich noch so, da treten sie auch schon der Größe nach
hintereinander an, ein Erwachsener im weißen Hemd tritt zu ihnen, macht
ein Zeichen, und im Gänsemarsch verschwinden alle unter dem niedrigen
Strohdach. Unmittelbar darauf erfolgt etwas, was für Afrika an sich
nicht gerade merkwürdig ist, mich aber aus mir noch unerklärlichen
Gründen veranlaßt, langsam näherzutreten: eine tiefe Solostimme
spricht etwas vor, im hohen Diskant antwortet der Chor. Unbewußt bin
ich auf wenige Schritte an das Haus herangerückt: „Herrgott, das sind
ja deutsche Laute!“ „Und das ist ains“, hebt es gerade von vorne an;
„und das ist ains“, ertönt es klar und hell zurück. „Und das ist swai“
-- „und das ist swai“; „und das ist drai“ -- „und das ist drai.“ Sehr
geistvoll mag mein Gesicht in diesem Augenblick sicherlich nicht
gewesen sein: die Askari exerzieren deutsch, Lehrer und Jugend sprechen
deutsch -- wir müssen doch wohl ein tüchtiges Volk von Kolonisatoren
sein.
Ich bin an jenem denkwürdigen Morgen aus begreiflicher Diskretion
nicht näher herangetreten. Seitdem weiß ich aus vielmorgiger eigener
Erfahrung, daß Ningachi sich nicht nur auf die Zahlenreihe allein
beschränkt, sondern daß er keck und kühn sogar subtrahiert und addiert.
Aber der Eindruck, daß diese Unterrichtsmethode bei Lehrer und Schülern
in gleicher Weise die reinste Dressur und Abrichtung ist, hat sich bei
mir von Tag zu Tag nur bestärkt. Zunächst liegt Ningachis Zahlengrenze
bereits bei der Zahl 31 -- Ningachi spricht das wie ein Halberstädter
ganz breit ainunddraißig --, sodann aber sind seine Zöglinge sofort in
Verlegenheit, sobald sie in der langen Zahlenreihe, die der Herr Lehrer
säuberlich an die große Wandtafel geschrieben hat, eine Ziffer außer
der Reihe und selbständig heraussuchen sollen. Und nun die Exempel
erst! „Swai weniger acht ist sechs“ ist noch ein harmloser Fehler.
Ningachi fühlt sich denn auch nicht weniger als behaglich bei diesem
Lehrprogramm, aber er habe es in der Regierungsschule von Mikindani
einmal so gelernt und müsse nun auch so unterrichten. Es hat den
ehrlichen Burschen nur wenig getröstet, als ich ihm sagte, es gebe auch
anderswo Dressieranstalten.
[Illustration: Zwei Wamueragelehrte, nach Zeichnung von Pesa mbili (s.
S. 450).]