Der bisherige Verlauf meiner Reise hat mir bereits so viele Auswüchse

menschlichen Eitelkeitstriebes gezeigt, daß ich mich gegen weitere

Überraschungen völlig gefeit wähne. Kurzsichtiger Tor, der du bist,

du Fremdling aus Uleia, so raunt mir der Makondebusch zu, dring ein

in meine Tiefen, da siehst du Wunder über Wunder! Und ein Wunder will

es mich wirklich dünken, daß diese zarten Lippen so ungeheure Massen

schweren Holzes in sich tragen können; riesengroß, eine Hand breit im

Durchmesser und drei Finger breit in der Höhe, klemmt sich das Ungetüm

von Klotz, den die Hand der eitlen Trägerin mit feingeschlämmtem

Kaolin täglich schneeweiß zu färben versteht, in den schmalen,

straffgespannten Saum der so grausam durchbohrten, ausgeweiteten

Oberlippe. Als die Kleine noch ein Kind war, da hat es begonnen; da kam

ein böser Onkel und stach sie in den Mund, daß es arg blutete. Das Blut

ist gestillt worden, aber das Loch ist geblieben. Erst hat die Mama

einen feinen Strohhalm hineingetan und dann immer mehr und immer mehr,

und dann haben sie eine kleine Rolle hineingesteckt in die Öffnung;

ein Palmfiederblatt ist es gewesen. Das hat gespannt, daß man förmlich

merkte, wie das Loch sich geweitet hat. Und dann ist ein großer Festtag

gekommen, und sie haben ihr einen Holzpflock in die Lippe gesteckt.

Das ist der erste gewesen; dem sind seither viele andere gefolgt, aber

stets ist einer größer gewesen als der andere. Immer hat sie ihr Mann

geschnitzt, und jedesmal, wenn er aus dem Pori heimkommt, bringt er die

feine, weiße Erde mit. Ja, sie hat einen guten Mann, deswegen heißt sie

ja aber auch Ngukimachi, das will besagen, daß sie gar keinen Anlaß

hat, ihn zu betrügen, wie es alle die anderen Frauen mit ihren Männern

tun. Aber er weiß auch, wie gut gerade ihr das Pelele steht; das ragt

so geradeaus in die Weite, daß es eine wahre Lust ist zu schauen; und

wenn sie nun gar erst lacht, dann blitzen ihre Zähne in schimmernder

Pracht. Wie häßlich sind dagegen jene Alten dort! Denen sind die Zähne

schlecht geworden; und wenn sie die Ugalikugel, die sie mit zitternder

Hand aus dem Breiberg heraus geformt haben, zum Munde führen, dann

sieht das schrecklich aus; wie in einem dunkeln Abgrund verschwindet

die Speise in dem zahnlosen Munde, nachdem die andere Hand das Pelele

vorsichtig emporgehoben hat.

[Illustration: Makondefrau mit besonders „schönen“ Ziernarben.]

Und gar jene beiden anderen erst, wie sind die zu bedauern! Sie sind

beide noch jung, die eine ein Mädchen, die andere eine junge Frau,

aber stets traurig sind sie; sie haben auch beide Anlaß dazu, denn

der Schmuck des Pelele ist ihnen versagt. Wieviel Daua hat die Mutter

und auch der Onkel ihnen schon auf den Mund gestrichen, doch immer

schlimmer und böser ist die Wunde geworden. Ein ganzes Loch hat der

Eiter schon gefressen, und bei der Großen ist die Lippe nun ganz

auseinandergefallen; sie sieht mit ihren großen, breiten Zähnen, die

so weiß durch die Lippe schimmern, jetzt aus wie der Sungura, der

Hase. Schön ist das nicht, und auch der weiße Mann mit seiner großen

Dauakiste wird sie nicht heilen können. Daher sind sie auch wohl so

traurig.

[Illustration: Ein mißglückter Verschönerungsversuch. Makondemädchen

mit vereitertem Peleleloch.]

Auch Alitengiri dort drüben ist ernst; bei ihr zu Hause ist der Tod

ständiger Gast; er hat in ihrer Sippe jüngst so reiche Ernte gehalten,

daß nicht einmal ihre Schambe bestellt werden kann. Sonst ist sie doch

so lustig gewesen und hat zu plappern gewußt, daß das Pelele kaum zu

verfolgen war. Und ein schönes, großes Pelele hat sie gehabt, so groß,

daß die Lippe es kaum noch zu tragen vermochte. Jetzt sieht sie stark

verändert aus; sollte sie krank sein? Oder ist das Pelele etwa gar

geschrumpft? Aber das geht doch nicht, das ist ja aus Holz; erkundigen

wir uns doch einmal, was ihr fehlt. -- Nein, sie ist doch auch zu

hochnasig, die Alitengiri, nicht einmal geantwortet hat sie mir; ganz

stumm und dumm hat sie dagestanden! Aber ich habe es wohl gesehen, sie

hat gemogelt. An ihrer Lippe hat sie etwas; die ist sicher zerrissen,

und da hat sie sie geflickt; ich habe den blauen Zeugstreifen sehr wohl

bemerkt, den sie über jene Stelle gepappt hat. Und jetzt darf sie nicht

sprechen und auch nicht einmal lachen, denn dann reißt die Wunde wieder

auf.

[Illustration: Pseudochirurgie. Makondefrau mit künstlich

zusammengefügtem Lippenrand.]

In den Abmessungen ihrer Lippenscheiben schlagen die Makondefrauen um

Mahuta zweifellos alle ihre Schwestern im ganzen weiten Süden; Klötze

von 7, ja 7½ Zentimeter Durchmesser und 3 bis 5 Zentimeter Höhe sind

nichts Seltenes. Zählt man zu dieser hier stets schneeweiß schimmernden

Mundzier die fast nie fehlenden schwarzen oder weißen, runden Scheiben

in den talergroß aufgeweiteten Ohrläppchen, so machen diese drei

Schmuckstücke allein schon ein Ganzes aus, das man auf dieser Erde in

solcher Absonderlichkeit nicht wieder findet. Jedoch der Makondefrau

genügt das nicht; wozu hat sie ihre schönen braunen Wangen und die

von krausem Wollhaar umrahmte Stirn, den schlanken und doch kräftigen

Arm, die üppige Brust, den schlanken Leib und den glänzenden Rücken?

Drüben die Nachbarin, die läßt schon lange den Fundi kommen; der macht

Schnitt auf Schnitt in die sammetweiche kühle Haut, und dann reibt er

feine Daua, selbstgebrannte Pulver, in die kleinen Wunden. O, das tut

sehr weh, aber es sieht doch auch gar zu schön aus, wenn erst alles

verheilt ist. Doch das dauert noch lange, denn mit einemmal geht das

nicht; immer wieder schneidet der Fundi an dieselbe Stelle, Schnitt

neben Schnitt. Endlich wird er einmal fertig werden; ach, wird dann die

Nachbarin schön sein! Es wird wohl nicht anders gehen, auch sie muß den

Fundi bitten.

[Illustration: Rückenziernarben einer Makuafrau.]

Die Zahl der Ziernarbenmuster, mit denen die Makondefrau Gesicht und

Körper, diesen bis zum Gesäß und bis zu den Oberschenkeln hinunter,

schmückt, erweckt auf den ersten Anblick den Eindruck, als sei sie

Legion; in Wirklichkeit lassen sie sich auf eine nur verblüffend

geringe Anzahl von Elementen zurückführen. Der Neger von heute hat

für diese Grundbestandteile Namen wie Chitopole, die Taubenfalle,

oder Chikorombwe, der Fischspeer, oder Teka u. a. m. Jenes erste

Muster ist ein Bügel, wie ihn die Taubenfalle in der Tat besitzt; das

Chikorombwe gleicht mehr einem Tannenbaum, die Teka einer Chitopole

mit Mittelachse. Ob diese Muster in irgendwelcher Beziehung zur

Taubenfalle oder zum Fischspeer stehen, kann ich nicht sagen, denn

auch die Eingeborenen wissen es nicht; aber so viel weiß ich bestimmt,

keins dieser Muster kann heute mehr als wirkliches Stammesabzeichen

gelten. Als Neuling im Fach huldigt man dieser Ansicht so lange, bis

man eines anderen belehrt wird; bei mir hat der alte Makachu dies in

trefflichster und kürzester Weise besorgt. Der alte Herr ist über und

über mit Mustern bedeckt, mit ganz den gleichen, wie sie die Frauen

hierzulande tragen, nur daß bei ihm manche schon recht verwittert und

verwischt sind.

„Warum trägst du das?“ frage ich ihn, in der sichern Erwartung, ein

langes Kolleg über Stammeszeichen und ähnliche Einrichtungen zu hören

zu bekommen.

„~Ninapenda~, es gefällt mir so“, ist die ganze Antwort des Riesen.

[Illustration: Bauchtätowierung eines Makondemannes.]

Mit diesem Hinweis auf den persönlichen Geschmack haben wir in der

Tat die einwandfreie Lösung für die Narbenverzierung selbst, sodann

auch für die Wahl der jeweiligen Muster. Ich habe während meines

Aufenthaltes in Newala, in Nchichira und vor allem jetzt hier in Mahuta

Hunderte und Aberhunderte von Einzelwesen entweder photographiert oder

doch wenigstens körperlich besichtigt, das Ergebnis, soweit ich es

jetzt schon übersehen kann, ist die vollkommene Unmöglichkeit, aus dem

Vorwalten bestimmter Figurengruppen auf die Stammeszugehörigkeit ihres

Trägers zu schließen; „~ninapenda~“ will jede einzelne dieser

Figuren besagen.

Nun ist nicht zu leugnen, daß es auch in dieser Narbenzier Moden

gibt. Von irgendwoher ist eine neue Figur eingeschleppt worden; sie

findet Anklang, erst bei der einen Mutter, dann bei der anderen und

dritten; wie mit einem Schlage hat sie sich über eine ganze Generation

verbreitet, wird von dieser durchs Leben getragen und kann so in

der Tat als eine Art Stammesabzeichen gelten. Vielleicht hat in

früherer Zeit jede der hiesigen Völkergruppen auf diesen Teil ihres

Kulturbesitzes einen höheren Wert gelegt; nachweisen läßt sich dies

heute nicht mehr, wie denn überhaupt die Sitte unter dem Ansturm der

neuen Zeit zu schwinden scheint. Es bereitet nicht nur mir, sondern

auch den Betroffenen selbst stets ein ganz ungeheures Vergnügen, wenn

ich die Männer und Jünglinge plötzlich auffordere, sich einmal etwas zu

dekolletieren, d. h. ihr Hemd abzulegen und mir Brust, Bauch und Rücken

zu zeigen. Bei den Alten eine wahre Menagerie von Antilopen, Schlangen,

Fröschen, Schildkröten und anderem Getier, Chikorombwe, Chitopole oder

Teka auf der breiten Männerbrust, bei der heranwachsenden Generation

wenig oder nichts. Bei dieser gilt es eben nicht mehr als fein; sie

schielt nach der Küste mit ihrer Hyperkultur und begnügt sich, wenn

sie sich überhaupt herabläßt den Körper zu ritzen, mit den beiden

senkrechten Schläfenschnitten der Suaheli. Bei den Yao und den

Nchichira-Wangoni sind diese Schnitte schon heute sehr allgemein, bei

den anderen Völkern werden sie es von Jahr zu Jahr mehr.

Der Leiter eines ethnographischen Museums muß schon daheim in Europa

ein tüchtiger Kaufmann sein; geht dieser selbe Mann aber unter die

Neger, so muß er einen Armenier an Schlauheit, Gerissenheit und Geduld

übertreffen. Ich habe schon früher mit wehem Herzen auf die ungeahnten

Schwierigkeiten gerade des Sammelns hinzuweisen Gelegenheit gehabt und

kann mir daher neue Jeremiaden ersparen, doch leicht machen mir die

Herren Makonde das Zusammentragen ihrer Kulturgüter keineswegs. In

dichter Kolonne rückt der schwarze Schwarm heran.

„Na, was hast du denn da?“ spricht man leutselig und herablassend zum

Vordersten; ein völlig abgenutzter Rührlöffel liegt in meiner Hand.

„Für den Msungu ist der noch gut genug“, hat sein holder Besitzer

gedacht und ihn aus der Müllgrube, wohin er schon gewandert war,

herausgeholt.

„Schensi!“ ist die milde Anerkennung dieses löblichen Verfahrens, „so,

hier hast du deine Kostbarkeit wieder; zeig’ mal her, was du sonst noch

hast; wo hast du denn deine Maske?“

[Illustration: Makondemasken.]

„Ich habe keine, Herr.“

„So, dann will ich dir Gelegenheit geben, noch einmal gründlich

nachzusehen, morgen früh bist du wieder hier, aber dann mit deinem

~mdimu~; vergiß auch deine Schnupfbüchschen nicht.“

So wiederholt sich das im Laufe der Stunden wohl ein dutzendmal und

mehr; in einigen Fällen hat der Bußgang Erfolg gehabt, in den anderen

ist es den Leuten gar nicht eingefallen wiederzukommen. Seitdem wir

das gemerkt haben, belieben wir ein anderes Verfahren: jetzt machen

wir einfach den Jumben verantwortlich, und seitdem geht es, geht ganz

ausgezeichnet sogar; allabendlich haben Knudsen, alle Boys und auch die

Trägerelite alle Hände voll zu tun, um die am Tage erworbenen Schätze

zu registrieren und zu bergen.

Es lohnt sich wohl, das Sammeln hierzulande, vom wissenschaftlichen wie

vom künstlerischen Standpunkt aus. Ostafrika gilt ja im Gegensatz zum

Kongobecken, zu Nordkamerun und einigen andern Teilen des Westens als

ein ethnographisch langweiliges Gebiet, und künstlerische Ansprüche an

Form und Ausstattung der Waffen und Geräte seiner Völker darf man im

allgemeinen nicht stellen.

Um so überraschter bin ich gewesen, in manchen Schnitzwerken

meiner Forschungsprovinz wahre Kabinettstücke der Kleinkunst zu

entdecken. Die Tanzmasken sind zum großen Teil wohl nur schematische

Darstellungen, sei es der Frau oder des Mannes, oder irgendeines

Tierkopfes. Eine geringe Anzahl von Exemplaren der von mir

zusammengebrachten Sammlung stellt Porträts berühmter Persönlichkeiten

dar: einiger bewährter Helden aus dem letzten Aufstand, ein besonders

hübsches junges Mädchen und dergleichen mehr; im großen und ganzen aber

sind sie alle, das läßt sich nicht leugnen, nur sehr rohe Arbeiten. Um

ein weniges höher stehen schon die von mir früher gestreiften Statuen

der Urmutter; die Anatomie und Harmonie des Körpers läßt zwar auch hier

sehr zu wünschen übrig; dafür sind einige der Figuren, soweit meine

Kenntnisse reichen, die einzigen Darstellungen des Menschen aus Afrika,

die wirklich durchgearbeitete Füße aufweisen.

[Illustration: Litotwe.]

In hohem Grade geschmackvoll, in Durchführung und Stil selbst

verwöhnten Ansprüchen genügend, sind besonders die Mitete, jene kleinen

Büchschen aus hartem Holz, die von den Leuten zum Aufbewahren und

Tragen ihres Schnupftabaks, ihrer Medizinen, hie und da auch ihres

Schießpulvers benutzt werden. Was die ältere Generation der Männer

als Ziernarbenornament in ihre Haut eingeritzt mit sich herumträgt:

die Darstellung der ganzen Fauna des Landes, es tritt uns als Gebilde

der freien Kunst hier in den Mitete von neuem entgegen. Stets ist es

der Deckel des Gefäßes, der zum Kunstwerk ausgestaltet worden ist;

er zeigt uns die verschiedensten Affenarten, das Gnu, den Buschbock

und andere Antilopen, vor allem aber kehrt er in der Gestalt des

Litotwe wieder und damit eines Tieres, das allerdings im höchsten

Grade zur künstlerischen Nachbildung reizen muß. Dem Körper nach

ist dieses Litotwe eine Art riesige Ratte, wohl von Kaninchengröße,

in der Bildung seines Kopfes gemahnt es hingegen an den Elefanten,

oder doch mindestens an den Ameisenbären. Der Kopf läuft in einen

unendlichen Rüssel aus, so lang und zierlich, daß man glauben möchte,

er fände gar kein Ende. In Chingulungulu habe ich einmal ein solches

Wundertier zu zeichnen begonnen. Salim Matola, der Tausendsasa, hatte

eins gefangen und mir in einem schnell improvisierten Käfig auf meinen

Eß- und Arbeitstisch gesetzt. „Unsere“ Windhose ist schon vorbei, und

bleierne Hitze brütet über Mensch und Tier. Nur ich bin fleißig wie

immer; rasch fliegt mein Stift über das Papier, schon ist der Kopf des

Litotwe vollendet. Bis dahin hat das Modell ganz manierlich „gesessen“,

jetzt wird auch es schläfrig; immer tiefer senkt sich das Rüsselchen,

immer bequemer und formloser legt sich der Körper auf mein einziges

Tischtuch. Zur Aufmunterung „pieke“ ich die Flanken mit dem spitzigen

Stift. Wie elektrisiert fährt das Rüsselchen hoch, senkt sich aber

alsbald langsam wieder; ich pieke noch einmal, derselbe Erfolg; gerade

will ich zum dritten Stich ausholen, da passiert dem Tierchen etwas

Menschliches, Allzumenschliches. Im selben Augenblick schon fliegen

Modell und Käfig in hohem Bogen nach außen; ich vermeine, ein leises,

höhnisches Lachen zu vernehmen; ein Blick hinterher, der Käfig ist

leer. Das war des Litotwe Rache.

Neben der Tierwelt kehrt in diesen Mitete vor allem der Mensch

außerordentlich häufig wieder, und auch er ist glänzend durchgeführt.

Aber sind wir in China, daß ein stattlicher Zopf vom Schopf des

Gebildes herniederwallt? O nein, John Chinaman liebt es nicht, sein

gelbes Antlitz zu zerstören; diese Physiognomien aber sind zerfetzt

wie das Antlitz manches deutschen Studenten. Mavia seien es, werde ich

belehrt, bei denen trügen die Männer eine solche Haartracht; beide

Geschlechter aber seien bei ihnen noch viel mehr tätowiert als selbst

die Makonde.

Bis heute weiß ich noch nicht, ob diese Mitete in der fast

unübersehbaren Fülle ihrer Motive und ihrer durchweg prächtigen

Durchführung das Werk hiesiger Künstler, oder ob sie Selbstporträts der

Mavia sind. Die Verkäufer dieser Kostbarkeiten schweigen sich darüber

aus, oder sie antworten, was hierzulande jeder in dem Falle sagt, wo er

über den Autor eines Stückes nicht im klaren ist: „Schensi“ heißt es

da, das will sagen: irgendein Unbekannter dahinten hat es gemacht. Für

unser Urteil über diese Kunst ist das im übrigen belanglos.

+Eine+ Art der Kunstübung scheint den Makonde zu fehlen. Wie immer

in meinen Standquartieren schweife ich in jeder freien Stunde in

die Weite, um die Eingeborenen in ihren Dörfern, in ihrem Heim zu

belauschen. Das ist hier nicht so leicht wie sonst. Ich glaube, man

könnte über das ganze Makondeplateau hinspazieren und träfe unter

Umständen nicht eine einzige Siedelung, so versteckt liegen die kleinen

Weiler im Busch. Doch wir haben hier einen idealen Führer; das ist

Ningachi, der Lehrer; sein Name bedeutet: „Was denkst du?“ Nun ist

Ningachi ein kreuzbraver Mann, aber ein starker Denker scheint er mir

trotz seines Namens nicht gerade zu sein; er hat auch zumeist gar keine

Zeit dazu, denn er ist mein Reisemarschall und mein Dolmetsch von früh

bis spät; sogar junge, fette Hühner hat er uns schon höchst eigenbeinig

aus weiter Ferne herangeholt.

Unter Ningachis Führung haben wir mehr als ein Makondedörfchen

erschaut. Malerisch sind sie, das muß ihnen der Neid lassen, aber

komfortabel selbst im bescheidenen Sinne des Negers ist keine der

elenden, lustigen Rundhütten, in denen die Generationen dieses Volkes

dahindämmern; nicht einmal den sonst so allgemeinen Lehmverputz hat

der Makonde, und damit entfällt die Freske von selbst. In gewisser

Weise bedeutet das für mich eine Erholung; wie bin ich in den früheren

Monaten gejagt, wenn es hieß, dort in jenem Dorfe sind die Häuser

schön bemalt. Bemalt waren sie dann allerdings, aber schön? Zeichnet

unser Söhnchen schön, oder auch die unbeholfene Patschhand unserer

Tochter? Embryonenhaft, ungelenk, ohne Perspektive, das sind auch die

Grundzüge dieser Art von Negerkunst, die unsere Kunstwissenschaft,

und leider auch die Völkerkunde, immer von neuem mit den stammelnden

Kritzeleien unserer Kleinen verglichen haben.

Ich bin Ketzer in dieser wie in so mancher andern Richtung. Möchten

doch Kunstgeschichte und Völkerkunde einmal das Experiment machen,

einen guten deutschen Normaljungen -- es kann auch ein Mädchen sein

-- ohne jede Betätigung mit Feder und Blei aufwachsen zu lassen,

sozusagen als Wilden. Dann nehme man ihn her, mache es wie ich hier mit

meinen Negern und gebe ihm Papier und Bleistift in die Hand mit dem

Auftrage, irgend etwas zu zeichnen. Würde wohl etwas wesentlich anderes

herausspringen als das Bilderbuch des kleinen Moritz? Es geht durch

die ganze Menschheit der Zug, zugängliche freie Flächen, Fels- und

Hauswände, Aussichtstürme und Bedürfnisanstalten mit den Werken einer

Art Ur- und Universalkunst zu bedecken. Wo nicht der wirklich geübte

Künstler sich einmal vergessen hat, wo vielmehr der Mann des Volkes,

der Handwerksbursche und der Landstreicher seine Zeichen macht, da sind

diese „Werke“ in Auffassung und Charakter nicht um einen Deut anders

als die farbigen Tonmalereien oder die Ritzfiguren meiner Wangoni, Yao

und Makua oder die Bleistiftzeichnungen aller dieser Völker und meiner

eigenen Leute in meinen Skizzenbüchern.

Ja, diese Skizzenbücher! Ich weiß nicht, wie lange die Erinnerung an

mich hier im Süden und bei meinen eigenen Leuten im Gedächtnis haften

bleiben wird, und ob man überhaupt des Bwana Picha, wie ich hier heiße,

d. h. des Mannes, der alles photographiert, noch über den Schluß der

Expedition hinaus gedenken wird. Wenn es geschieht, dann, so sagt

mir mein Gefühl, wird weder mein ganz unaussprechlicher Name -- ein

einziges Mal haben meine Wanyamwesi das Wort Weure zuwege gebracht,

aber sie mußten dermaßen dabei lachen, daß ich keinen weiteren Versuch

gemacht habe, sie an dieses Unwort zu gewöhnen -- noch mein Titel --

einen Bwana Pŭfēsa hatten sie aus dem Herrn Professor gemacht -- noch

die Zaubernatur meiner Maschinen diese Erinnerung vermitteln, sondern

die vielen Bücher mit dem schönen weißen, dicken Papier werden dieses

Verewigungsmittel sein. Es ist aber auch gar zu schön, diese Blätter so

in aller Behaglichkeit zu bekritzeln.

In Lindi war es, wo die Kunstbetätigung meiner schwarzen Freunde so

recht von Herzen einsetzte. Besonders Herr Barnabas war unermüdlich;

stolz und doch erwartungsvoll überreichte er mir täglich immer

neue Meisterwerke. Ich bringe hier in diesen Blättern nur eins:

die Elefantenherde auf Seite 238; aber schon diese Skizze allein

charakterisiert den Künstler vollkommen. Hat man das Recht, ihm

eine gewisse Kraft der Auffassung abzusprechen, und steht nicht

auch die technische Durchführung vollkommen auf der Höhe? Freilich

ähneln die einzelnen Tiere mit ihren kurzen Beinchen bedenklich

unserm Hausschwein, in der Kopfpartie aber dem Chamäleon; der obere

Rüsselstrich ist auch hinter dem linken Stoßzahn sichtbar, und dem

„~mtoto~, dem Elefantenkinde“, auf der rechten Bildseite fehlt

gar der Hinterleib -- aber gleichwohl: der Mann kennt nicht nur die

Perspektive, sondern er wendet sie auch an, und in nicht einmal übler

Weise zudem.

Nur einen Fehler hat Barnabas bei allen seinen Künstlertugenden: er

ist kein „Schensi“, kein roher, unbeleckter Hinterwäldler, sondern ein

Gebildeter, ja ein Gelehrter sogar. Von Geburt ein Makua weit aus dem

Innern, hat er in Lindi die Regierungsschule absolviert, um nunmehr in

dem kleinen Postamt des Städtchens als „Postboy“ dem wichtigen Geschäft

des Abstempelns der Briefe, des Wiegens der Pakete usw. obzuliegen.

Nebenher schriftstellert er gar für die in Tanga erscheinende

Suahelizeitung „Kiongosi“.

Also mit Barnabas ist es nichts; ihn kann und darf man nicht als

Vertreter der Urkunst betrachten. Dafür alle andern: Träger, Soldaten,

Wilde; keiner hat bislang Papier und Bleistift in der Hand gehabt.

[Illustration: Wangoni-Frauen von Nchichira.]

In hoher Blüte steht die Marinemalerei. Kein Wunder; dem Motiv eines

auf der Meeresflut schaukelnden, segelnden oder dampfenden Fahrzeuges

widersteht schon im kalten, nebligen Uleia so leicht kein ästhetisch

veranlagtes Gemüt, um wieviel weniger hier am stahlblau leuchtenden

Indischen Ozean. Mein Askari Stamburi, so benannt nach der Stadt des

Padischah am Goldenen Horn, ist im Dienst ein schneidiger Soldat, außer

Dienst ein Don Juan; jetzt entpuppt er sich unerwarteterweise auch

noch als bedeutender Marine- und Tiermaler. Auch er ist Landratte,

weit hinten am obern Rovuma zu Hause; daher ist ihm das Abenteuer

des Matambwefischers (Seite 421) besser gelungen als das Bild der

arabischen Dhau (Seite 41). Exakt genug ausgeführt ist sie freilich;

sie ist gerade vor Anker gegangen; noch bläht sich das Segel an der

Gaffel; auch Flagge und Steuerruder sind vorhanden. Zum Überfluß auch

noch drei Paddelruder, die oben in den Wolken schweben. Sie sind für

die Windstille berechnet, wie mir der Zeichner sagt. Doch, was ist das

in der Mitte? Hat das Schiff ein Leck oder deren gleich zwei? Weit

gefehlt! Ladeluken sind’s, mein Freund. Solche Öffnungen sind auf dem

Schiff vorhanden, das weiß Stamburi; also muß er sie auch anbringen;

das ist Künstlerpflicht. Perspektive kennt er nicht; somit dreht er sie

einfach um 90 Grad und sieht sie seitlich von oben. Dem Genie erwachsen

keine Schranken.

Negerleben in Ostafrika · 第 34 / 40 段