Elefanten gestanden. Wahre Berge von Fleisch wurden herangeschleppt,
die ganze Gegend roch nach afrikanischer Küche, jedoch nichts weniger
als schön. Dann kamen die vier Füße; darauf die Zähne; endlich
der erfolgreiche Jäger selbst. So stolz der wackere Nils auch
einherschritt, sehr glücklich war er über den Schuß nicht, denn in
Wirklichkeit waren die Zähne im Verhältnis zu der Größe des Tieres nur
sehr klein, nach unserer Schätzung höchstens 40 Pfund schwer. Dafür
brachte mein Nimrod mir aber eine andere, für mich viel frohere Kunde:
die Leute dort unten, die wohnten ganz anders als hier oben, fein und
fremdartig zugleich; mehrstöckige Häuser seien es, die man da unten
zu sehen bekäme! Nils hat erst einen Schwur tun müssen, daß er nicht
lüge. Als er ihn aber, ohne mit der Wimper zu zucken, geleistet hatte,
da hat es mich auch nicht mehr länger oben gehalten, und schon am
nächsten Frühmorgen sind wir wie die Affen an den Klippen und Felsen
des Plateaurandes in die Stromebene hinuntergestiegen.
[Illustration: Matambwefischer, mit einer Wasserschlange um eine
gefangene Schildkröte kämpfend.
Zeichnung des Askari Stamburi (s. S. 449).]
Seit ein paar Tagen nun sitzen wir hier im kümmerlichen Schatten
verkrüppelter Bäume inmitten eines Gewirrs von Röhricht und hohem
Grase, in dem unsere Leute nur mit Mühe den Platz für die Zelte
freimachen konnten, unmittelbar am linken Ufer des Hauptstromes. Es
ist eine Stelle, die den Ausblick aufwärts und abwärts auf eine weite
Strecke gestattet; auch geradeüber liegt ausnahmsweise keine der sonst
häufigen Inseln, so daß der Blick ungehindert über ein wahres Meer von
Sandbänken bis ans jenseitige Ufer schweifen kann. Die vom mittleren
Rovuma her sattsam bekannten steilen Abbruchsufer sind auch hier
die Regel; sitzt man auf solch hoher Böschung, so ist es schon eine
Kunst, das unvermutet und schnell auftauchende Flußpferd mit der Kugel
zu treffen; selbst der sonst unfehlbare Nils knallt unter zornigem
Knurren vorbei. Diese Steilwände sind aber auch das einzig Malerische
in der weiten Einöde des Flußbettes selbst, sonst nur Kies und Sand
und Sand und Kies, wohin man blickt. Zwischen ihren Massen verkrümelt
sich der Rovuma noch mehr als weiter oben an der Bangalamündung, und
die Wamatambwe, die hier zahlreicher schweifen als weiter oben, haben
es keineswegs nötig, zu ihren berühmten Schwimm- und Tauchkünsten
zu greifen; ganz gemächlich waten sie durch die einzelnen Rinnsale
hindurch. Freund Nils kommt damit um eine wunderschöne Gelegenheit,
mich von der Wahrheit einer Geschichte zu überzeugen, die er nicht müde
geworden ist, mir stets von neuem zu erzählen, sooft von den Wamatambwe
die Rede war.
„Schwimmen können die,“ hatte er immer gesagt, „das Krokodil ist nichts
dagegen, und Furcht vor dem Reptil hat ein ordentlicher Matambwe auch
nicht; erstens hat er seine Daua dagegen, und dann ist er im Wasser
auch viel gewandter als das Tier. Wenn aber der Rovuma Hochwasser hat,
und die Matambwe können mit ihren Einbäumen nicht über den reißenden
Strom, da laufen sie einfach hinüber.“
„Wie, Herr Knudsen, die Leute laufen hinüber? Wie machen sie denn das?
Etwa auf Wasserschuhen, oder wie sonst?“
„Unten durch“, sagt Nils darauf und dabei macht er eine so bezeichnende
Gebärde, daß man den Eindruck hat, er selbst sehe sich in diesem
Augenblick auf dem Grunde des hochgeschwollenen Stromes dahinkrabbeln.
„Aber Mann,“ wage ich angesichts dieser Entschiedenheit nur noch ganz
schüchtern einzuwerfen, „der Fluß ist dann doch über 1000 Meter breit;
selbst wenn die Matambwe in der Minute 100 Meter abspazierten, was
selbst in ruhigem Wasser nicht einmal möglich ist, geschweige denn
in dem pfeilschnell fließenden Strom, so würden sie doch volle zehn
Minuten unter Wasser sein müssen.“
Nils hat nicht nur den Dickschädel des echten Nordgermanen, er hat auch
den Vorzug des bessern Landeskenners; daher wundert es mich gar nicht,
daß nur eine Art bedauernder Blick mich streift. „Aber Neuling, was
verstehst denn du davon?“ soll der mir besagen.
Also von diesen Taucherkünsten des sonst ganz amphibischen Volkes
bekomme ich jetzt nichts zu sehen. Dagegen scheint mir auf Grund
eigener Beobachtung das Zutrauen zu der berühmten Krokodildaua
keineswegs so groß zu sein, wie Nils das behauptet; kommen die
Matambwemänner, die Knudsen unentwegt über den zu unseren Füßen
rauschenden Stromarm hinüberschickt, um die von ihm erlegten
zahlreichen Enten zu holen, unversehens einmal in eine tiefere Stelle,
ei wie ängstlich schauen sie da um sich und wie schnell hasten sie dem
rettenden Ufer zu.
Doch darum bin ich ja gar nicht zum Rovuma hinabgestiegen; zu meinem
Lobe kann ich auch gestehen, daß ich von der mir so karg zugemessenen
Muße immer nur die Nachmittage auf den Strom verwendet habe; der
Vormittag ist stets der Erscheinung gewidmet gewesen, von der Knudsen
so viel Aufhebens gemacht hatte. Und diesmal hat er endlich einmal
recht gehabt; selbst die einfachste Photographie besagt mehr als die
langatmigste Beschreibung, daher verweise ich auf die beigegebenen
schönen Bilder und beschränke mich in meinem Kommentar zu dieser
merkwürdigen Erscheinung der Pfahlbauten lediglich auf das, was dem
Völkerkundler und Kolonialfreund zu wissen unumgänglich notwendig ist.
Unser Abmarsch von Nchichira hat sich um ein weniges verzögert;
Ursache: ein warmer Regen, der in langen, senkrechten Linien auf
den pulvertrocknen Sand „herunternieselt“. Ein förmliches Aufatmen
ringsumher bei Natur und Mensch, ist es doch der erste Bote der
rasch herannahenden Regenzeit. Doch nur zu bald tritt wieder die
unbarmherzige Sonne in ihre Rechte, der Zug setzt sich in Bewegung und
verschwindet rasch im nahen Abgrund. Schon nach wenigen Metern Abstieg
hört die Schlüpfrigkeit des steilen Pfades auf, heiß und trocken
knirschen Stein und Fels unterm Fuß, heiß und trocken ist auch die
Atmosphäre, in die wir mit jedem Schritt um den Bruchteil eines Meters
hineintauchen; daß hier der Regen noch im Fallen hat verdunsten müssen,
versteht man wohl. Endlich sind wir unten; ein dichter Urwald von
gewaltigen Stämmen nimmt uns auf, doch auch hier nichts von der Kühle
des deutschen Waldes; heiß, feucht und moderdunstig schlägt die Luft
uns entgegen, und nur unsicher tastet der Fuß über den schwanken Boden
hin. „Wenn das die Forstverwaltung wüßte; hier ist Nutzholz zu holen“,
sage ich noch eben zu mir selbst, da hört auch schon die Herrlichkeit
auf. Hat ein Orkan hier gehaust, oder ist die Lawine herniedergegangen
vom jähen Steilabhang nebenan? Wie geknickte Streichhölzer liegen die
gewaltigen Stämme kreuz und quer, durch- und übereinander; ein wahrer
Jammer ist’s, das Ausmaß dieser Vernichtung mit dem ökonomischen Auge
des Europäers sehen zu müssen. Mühselig springen und klettern wir
weiter; der Boden wird trockner, jetzt tritt der Fuß hie und da in
dichte Aschenhaufen; noch ein forschender Blick ringsum, dann ist mir
alles klar. Auch hier unten ist es der Mensch, der die Natur nicht
in Frieden lassen kann. Das Makondeplateau wäre mit seinen 10000
Quadratkilometern wahrlich groß genug, um lumpigen 80000 oder 90000
bedürfnislosen Negern das bißchen Lebensunterhalt zu gewähren. Nein, in
Wirklichkeit genügt es diesem Neger, wie man sieht, nicht; in weitem
Umkreis hat er mit seiner scharfen Hacke das Unterholz niedergeschlagen
und verbrannt, den Riesenbäumen aber ist er in seiner gewohnten Weise
mit Axt und Feuer zu Leibe gegangen; überall glimmt es an den Enden und
Seiten der Stämme, und weiße Aschenleichen zeugen, genau wie an den
jungfräulichen Stellen oben auf dem Plateau, von der verschwundenen
Pracht stattlicher Laubbäume. Und da bringen sie auch schon einen der
Sünder heran; bei Gott, es ist der alte Madyaliwa selbst; zum Überfluß
grinst er auch noch, ganz stolz auf sein Zerstörungswerk. Und sein Beil
hat der alte, schwache Mann noch in der Hand.
[Illustration: Waldverwüstung im Rovumatal bei Nchichira.]
An wirklichen Wäldern mit brauchbarem Nutzholz ist Deutsch-Ostafrika
wahrlich nicht reich; der berühmte Schumewald in Usambara und einige
andere, ob ihrer Seltenheit angestaunte Wälder helfen uns über diese
bedauerliche Tatsache nicht hinweg. Um so gebieterischer ergibt sich
für uns die Notwendigkeit, die bisher unberührten Hochwaldkomplexe
hier am Rovuma vor dem Raubbau der Eingeborenen zu schützen. Wir
haben ein wohlbegründetes Recht dazu, den Anwohnern dieses Tales jeden
Axthieb in ihm zu untersagen, denn die Besitzergreifung dieses neuen
Kulturbodens außerhalb ihres altangestammten Plateaus ist lediglich
eine Folgewirkung der durch die Deutschen herbeigeführten neuen,
sicheren Verhältnisse. Schaute nicht hoch oben die Boma von Nchichira
so kühn und trutzig ins Tal und zu den Mavia hinüber, keinem Mgoni und
keinem Makonde würde es einfallen, auch nur ein Korn Mais außerhalb des
Plateaurandes zu pflanzen. Heute wissen die Leute ganz genau, daß sie
unter unserm Schutze auch da unten vor Überfällen vom andern Ufer aus
sicher sind, daher steigen sie hinab und zerstören uns unsere schönsten
Wälder.
Doch weiter geht es, eine Bodenwelle hinauf; dort ist endlich das
Wunder, und gleich in doppelter Gestalt sogar. Staunend stehe ich vor
einem Turm, und verständnislos glotzen auch meine Leute das fremdartige
Bauwerk an. Madyaliwas neues Palais -- hierher also hat sich der Alte
täglich nach unserem Schauri zurückgezogen -- ist nun zwar nicht
dreistöckig, wie Nils Knudsen behauptet hatte, doch zwei Stockwerke und
eine Mansarde bekommt man mit einiger Sophistik sehr wohl heraus. Das
Parterre beherbergt die Wirtschaftsräume; in Wirklichkeit ist es ein
mit Stroh umhüllter quadratischer Raum, in dessen Mitte das übliche
Herdfeuer zwischen den drei Klumpen Termitenerde glimmt, und der wie
immer angefüllt ist mit Töpfen, Löffeln, Kellen und anderem Hausrat
der Negerin. In der „Beletage“ ist es weit feiner; nur der Aufgang
läßt an Bequemlichkeit zu wünschen übrig. Als alter Turner bin ich im
Nu oben, dem ungelenkeren Nils machen die in meterweitem Abstand an
die Tragpfeiler des Hauses gebundenen Sprossen dagegen arge Pein, und
wie der alte steifbeinige Madyaliwa nebst Gemahlin allabendlich diese
Hühnerstiege emporklimmt, ist mir erst recht ein Rätsel. Doch dafür
entschädigt ihn dann das ganz behagliche Schlafkabinett: eine dicke
Strohlage bedeckt den Knüppelboden, die dürren Leiber aber hüllen sich
in gar nicht üble Matten. Die Wangoni haben kein Mutterrecht, daher
verstößt es nicht wider den Anstand, wenn Abdallah, der Kronprinz,
oben das Dachgeschoß bewohnt; auch dieses ist für Negerverhältnisse
ganz nett mit weichem Lager, Matten und Vorratskörben eingerichtet.
[Illustration: Pfahlbau am Rovuma bei Nchichira.]
Das ist meine erste Berührung mit den Pfahlbauten der hiesigen Gegend
gewesen; an sie schlossen sich noch sehr ausgiebige Studien, das
Gesamtbild aber ist folgendes. Selbstverständlich dachte ich, als ich
den ersten Orientierungsmarsch beendet und überall nur Pfahlbauten
vorgefunden hatte, an die Furcht vor Moskitos und Überschwemmungen
als Entstehungsursache dieser Bauart; manche der hochragenden Hütten
liegen ja auch in Wirklichkeit unmittelbar im Bereich der Hochflut
des Stromes. Indessen die Mehrzahl befindet sich auf den Rücken von
Hügelwellen, die ganz außerhalb des Hochwasserbereichs liegen. Fragen
wir also die Eingeborenen selbst, warum sie gerade so und nicht anders
bauen. Gesagt, getan. „~Pembe~, der Elefant“ antwortete uns der
eine, „~pembe~“ sagt auch der folgende, „~pembe~“ sagen auch
die übrigen. Ich habe es zuerst nicht glauben wollen; der Elefant ist
doch ein überaus scheues Tier, das die Nähe des Menschen unter allen
Umständen meidet; da berichten uns die Eingeborenen, daß die hiesigen
Vertreter der Spezies Elephas ein wenig anders geartet seien als ihre
Brüder anderswo; erst vor wenigen Tagen habe ein solches Untier einen
friedlich des Weges wandelnden Mgoni ganz ungereizt ergriffen und in
die Höhe geworfen. Auch wenn ich mir den derben Palisadenbau betrachte,
der so manche dieser hohen Bauten umgibt, so muß ich mir sagen: so ganz
unrecht scheinen die pembefürchtenden Helden hier doch nicht zu haben.
In jedem Fall hat mir die Entdeckung dieses Pfahlbautenstrichs hier
dicht unter der Küste eine fast ebenso große Freude bereitet wie mein
glückliches Erfassen der alten Stammesaufteilung im kühlen Newala.
Ja, diese Kühle! Wenn wir doch nur einen winzigen Teil von ihr
hier unten in dieser Höllenglut hätten. Im Zelt bei Tage auch nur
minutenlang zu verweilen, ist schier unmöglich; dort steigt das
Thermometer hoch in die 40°, doch auch unter unserer Banda, dem schnell
errichteten derben Strohdach, sitzen und schwitzen wir bei 36 und 37°.
Dabei fehlt der sonst so gefürchtete Abendwind hier ganz; an seine
Stelle ist, so scheint es, eine Legion von Moskitos getreten, gegen die
man sich nur durch schleuniges Verkriechen hinter dem Bettnetz schon
kurz nach Sonnenuntergang zu schützen vermag.
„Haben Sie sonst noch etwas auf dem Herzen?“ habe ich soeben den
unermüdlichen Knudsen gefragt. „Ich meine, haben Sie sonst noch etwas
ethnographisch Merkwürdiges ~in petto~?“ füge ich hinzu, als der
total Erschöpfte mich nicht sogleich begreift.
„Nicht daß ich wüßte“, ist die Antwort.
„Gut, dann werden wir noch heute marschieren, zunächst wieder bis zur
Barasa von Nchichira, morgen früh aber um ¾5 von Nchichira nach Mahuta.“
„Machen wir“, sagt Herr Knudsen und trollt sich in sein Zelt, um den
total durchnäßten Khakirock gegen eine bessere Garnitur einzutauschen.
[Illustration: Zur Negerkunst. Pulver-, Schnupf- und Medizinbüchsen vom
Makondehochland (s. S. 444).]
Achtzehntes Kapitel.
Die Meisterzeit.
+Mahuta+, 8. November 1906.
Das also ist der Nachtisch zu meinem Forschermahle! Nun, dieses Mahl
ist nicht in allen seinen Teilen gleich schmackhaft gewesen, aber es
hat doch eine lange Reihe von guten Gängen und vielen Leckerbissen
gebracht, und das Dessert entspricht dem ganzen Charakter dieser
vielmonatigen Schlemmerei: keinerlei Weiterbelastung des Magens, nein,
ein durchaus angenehmer, einschmeichelnder, sachter Übergang zu der
Dinerzigarre, dem Mokka und dem Verdauungsschnäpschen. So ist mir
bisher Mahuta erschienen.
Schon der Empfang, wie feierlich war er! Freilich, die Neger sind
Männer von Takt und guter Erziehung, ganz gleich, ob sie sich bereits
mit dem weißen Kansu des Suaheli bekleiden, oder ob sie noch mit
dem kümmerlichen Lendenschurz des Urmenschen einherlaufen. Es ist
demgemäß ganz selbstverständlich gewesen, daß, wo ich hier im Lande
auch erschien, die Spitzen des Dorfes mir mehr oder weniger weit
entgegengeschritten kamen, um dem seltenen Besuch ihren Salam zu
entbieten. Der Wali Abdallah bin Malim hat sie alle an Akkuratesse des
Empfangs übertroffen; er ist nicht umsonst der Vornehmste im ganzen
Lande, und fast möchten wir beiden, vom langen Marsch über und über
bestaubten und beschmutzten Reisenden uns unseres durchschwitzten,
auch sonst schon arg mitgenommenen Khakis schämen, als uns noch weit
vor Mahuta die in das lange, schwarze, seidengestickte Gewand des
Küstenarabers gekleidete Gestalt des Wali mit feierlicher Würde, das
silberbeschlagene, kostbare Schwert in der Hand, entgegentritt.
Auch unsere Unterkunft ist vielversprechend. Durch einen unglaublich
engen Schlitz in der Palisadenwand haben wir unsere schlanken Körper
in die Boma gezwängt. Ei, ist die fein! Sie ist fast doppelt so
groß als alle anderen im Lande, mit einer breiten Mittelallee von
Kautschukbäumen und Mauritiusagaven zwischen den beiden Toren; zu
beiden Seiten dieser Allee liegen die Wohnhäuser genau ausgerichtet.
Angesichts des solid gebauten Rasthauses innerhalb der Boma fällt es
mir sehr leicht, auf das Professorenhaus draußen an der Schlucht zu
verzichten. Bald stehen unsere beiden Zelte auf dem freien Platz,
Träger und Soldaten verteilen sich ihrer Gewohnheit gemäß in die
Hütten und Kammern der Bomabewohner, da fühlt Abdallah bin Malim auch
schon das Bedürfnis, mir seinen Besuch zu machen. Er ist noch immer
festlich gekleidet; das berechtigt ihn seiner Ansicht nach wohl am
meisten dazu, Knudsens Liegestuhl für sich in Anspruch zu nehmen. Ich
für meine Person habe wieder einmal stark mit meinem linken, auf dem
„Prinzregent“ versprungenen Fuß zu tun, der mir die ganzen Monate
hindurch eine Unsumme von Pein und Schmerzen verursacht hat; auch
jetzt ist er wieder arg geschwollen und will gekühlt sein. Abdallahs
Stimme ist nicht melodisch, um so rascher aber ist der Tonfall, der
den wulstigen Lippen des Wali entströmt. Wie ein Wasserfall geht das,
es rollt, donnert, braust und zischt. Ja wirklich, es zischt: wie
eine Rakete saust es durch die Luft; klatsch! spritzt es vor meinen
Füßen auf. Ich bin in die Pflege meines unglücklichen Hinterbeins sehr
vertieft und schaue kaum auf. Hscht -- klatscht schon wieder eine
Ladung seitwärts vor mir nieder. Jetzt werde ich auf den anscheinend
doch recht interessanten Würdenträger aufmerksam, und wahrlich, er
hat es verdient; eine solche Virtuosität im Spucken dürfte selbst für
den größten Yankeekünstler auf diesem Gebiet ein unerreichbares Ziel
bleiben! Ich habe allerhand Hochachtung vor den von der deutschen
Regierung eingesetzten Organen, selbst den farbigen, aber im Interesse
meiner Selbsterhaltung habe ich es doch vorziehen müssen, den Wali
durch Knudsen auf das Unziemliche seines Betragens hinzuweisen; nicht
einmal die Schensi täten das in Gegenwart des Bwana kubwa, da würde er
es als feiner Mann wohl erst recht lassen können. Der Hinweis hat auch
sofort geholfen.
[Illustration: Der Wali von Mahuta.]
Es ist morgens 8 Uhr; die Sonne steht schon ziemlich hoch in ihrer
Bahn, die zu dieser Jahreszeit vollkommen senkrecht über Mahuta
hinwegführt; mit unendlichem Behagen schlürfen die beiden Europäer
die würzige Morgenluft. Mahuta ist aber auch der reine Luftkurort;
nichts von lästiger Hitze und unbehaglicher Kälte; kein Nebel und kein
Sturm; ein treffliches Trinkwasser am nahen Plateaurand; eine reinliche
Barasa und Hühner in Menge; da schmeckt die Morgenzigarre, daß es
eine Lust ist. Da horch! Ist das rollender Donner in der Ferne, oder
machen die Makonde Krieg mit uns? Näher kommt’s, lauter und lauter wird
das rollende, rhythmische Geräusch; jetzt vermag das Ohr auch schon
verschiedene Ursprungsrichtungen zu unterscheiden; von Osten kommt’s
und von Westen und anscheinend von Norden auch. Unverkennbar mischt
sich nunmehr Gesang in den Trommelton, denn solcher ist’s. Wir treten
aus dem Schutz des Daches und hinter den Zelten hervor, da quillt es
auch schon herein durch die engen Pforten: einer hinter dem andern,
immer mehr und mehr, als wolle es nie enden. Schon sind die schwarzen
Massen in der Mitte des geräumigen Bomaplatzes zusammengestoßen,
doch von beiden Seiten her strömt es noch immer von neuem herzu; die
Allee ist voll, das schwarze Meer breitet sich über die Seitenteile
des Platzes aus; es wogt und wallt, die Trommeln donnern, die Stimmen
kreischen, trillern, singen; über dem allen an langen Stangen wehende
Fahnen, schön bunt zu schauen wie geblümte Taschentücher; ganz hoch
oben aber unabsehbare Scharen flockiger Zirruswölkchen und strahlender
Sonnenschein. Es ist ein Bild, einzig in seiner Art, und sicherlich
angetan, in seiner Wildheit den Pinsel eines Brueghel zu locken.
[Illustration: Mutter und Kind.]
[Illustration: Mehrstöckige Häuser am Rovuma bei Nchichira.]
Malen kann ich nun zwar nicht, aber wozu habe ich denn 30 mit Platten
wohlbewaffnete Kassetten; heraus mit euch aus Ledersack und Tasche!
Doch wohin sich wenden bei dieser Überfülle von Motiven? Hier ein
gewaltiger Kreis von Männern, Frauen und Kindern; in rasendem Takt
donnern sechs gewaltige Trommeln zum Himmel, rhythmisch, wie von
Geisterhand bewegt, regt die ganze, große Schar Arm und Bein, Mund und
Hand im Takte. Und hinter diesem Riesenkreis, was ist das? Nun, Mädchen
sind’s in jugendlicher Schlankheit und doch knospender Fülle. Im
höchsten Diskant durchschwirrt ihr Triller die Luft, klapp klapp klapp
klapp klapp arbeiten die hochgehobenen Handflächen gegeneinander. „Ä,
die Liquata -- Menschheit ist doch recht ideenarm.“ Enttäuscht wenden
wir uns weiter; dort ganz hinten, die ganze Hälfte der einen Platzseite
beanspruchend, exerzieren ein paar Schützenlinien im Feuer, aber echt
afrikanisch. Deckung verschmäht der Neger, er ist Fatalist; trifft’s
ihn, nun Inschallah! Das kommt ganz treffend in der Majimaji-Ngoma,
der mimischen Darstellung des letzten Aufstandes, zum Ausdruck;
unbekümmert selbst um das unheimliche rak-rak-rak-rak der „Bumbum“,
jener teuflischen Maschinen, aus denen die Wadachi, diese verfluchten
Deutschen, gleich tausend Kugeln in der Minute auf den Gegner
schleudern, stürmt die schwarze Angriffslinie vorwärts. Vergebens:
nicht einmal die starke Daua des Hongo, des kriegsgewaltigen Zauberers,
schützt vor Tod und Verderben. Und da flutet auch schon der Gegner
heran; sollen sie standhalten, die Majimaji? Die Bajonette der Askari
sind scharf und spitzig, instinktiv taumelt die ganze Linie zurück,
soweit das „Schlachtfeld“ es gestattet; unter heulendem Gesang stürmen
sie gleich darauf wieder vor. Das wiederholt sich stundenlang.
[Illustration: Yao mit Ziernarben.]
Mit Kamera und Kino habe ich getan, was in meinen Kräften steht;
sie sind jetzt erschöpft, ebenso der Plattenvorrat. Die Sonne ist
mittlerweile auch bis zum Zenit emporgeklommen; ermüdet, hungrig
und durstig steht und lungert mein schwarzes Halbtausend unter den
schattenlosen Kautschukbäumen herum. Uns aber rufen die Köche zu Suppe,
Huhn und Bananeneierkuchen.
[Illustration: Makonde mit Ziernarben.]
Abdallah hat es zu gut gemeint mit seinem Zustrom von Eingeborenen;
eine solche Menge am gleichen Tag, die nützt mir nichts, das habe ich
schon am ersten Morgen gesehen. Nach einiger Zeit hat es auch der Wali
begriffen. Da hat er die Jumben von nah und fern von neuem entboten und
hat ihnen eine lange Rede gehalten: „Morgen kommst du mit deinem Dorf,
um 8 Uhr“ -- der Arm zeigt im Winkel von 30° genau nach Osten -- „und
mitbringen sollt ihr ~midimu~ und ~mitete~, Tanzmasken und
Schnupfbüchschen, soviel ein jeder davon hat; und auch alle anderen
Dinge sollt ihr mitbringen, die ihr in Haus und Hof, in der Schambe
und im Pori habt; der weiße Mann liebt diese Dinge, und er wird euch
Heller und Rupien dafür zahlen. Und übermorgen“, fährt er zum nächsten
gewendet fort, „kommst du mit deinen Leuten, und auch ihr bringt alles
mit, was ich eben aufgezählt habe.“ Zum Zeichen des Verständnisses
fährt der Jumbe salutierend mit seiner Hand an die Mütze; dann folgt
der nächste, und so fort.
[Illustration: Matambwe- und Makuafrau mit Ziernarben.]
Das neue System bewährt sich gut; morgens habe ich volle Muße, die
Leute einzeln zu photographieren, Tänze und Spiele auf den Kinofilm
zu bannen, Walzen zu füllen und anderes mehr zu treiben; der Mittag
verfließt im Studium der unsagbar mannigfaltigen Körperverzierungen der
hiesigen Eingeborenen; der Nachmittag endlich ist den Männern und dem
Feilschen um ihren materiellen Kulturbesitz gewidmet.
Nein, diese Weiber! Eng aneinander geschmiegt, die Köpfe einheitlich
nach vorn und zu Boden gesenkt, steht eine Schar von 30 bis 40
Makondefrauen in einem Winkel der Boma von Mahuta. Bis jetzt hat es
noch geplappert und geschwatzt, daß es eine Art hatte; da naht der
fremde Mann im gelben Rock, und alles ist mäuschenstill; nur die 20 bis
30 Babys auf dem Rücken und den Hüften ihrer Mütter schnarchen weiter,
brüllen oder suchen den mütterlichen Born. Längst kenne ich den Umgang
mit Frauen, ein Scherz, und verflogen ist die Scheu, die Gesichter
fliegen hoch, die richtige Stimmung ist da. Sie ist auch nötig, denn
was gibt es an diesen Köpfen und Leibern alles zu sehen! Nur das frohe
Lachen ringsum veranlaßt die einzelne, sich vom weißen Mann begucken
und vielleicht auch berühren zu lassen. Sodann aber ist der Fremde
ja auch unermeßlich reich, ganze Säcke und Kisten voll Pesa hat er
mitgebracht, und jeder schwarzen Frau läßt er durch seinen Diener
blankes Geld zahlen, wenn sie alles tut, was er will; die Freundin aus
dem Nachbardorf hat es gesagt, und die muß es doch wohl wissen.
[Illustration: Makuafrauen mit Ziernarben.]