Doch die Freude über den endlichen Ortswechsel würde auch größere

Hindernisse überwinden als diese Bagatelle. Der Busch ist grün, die

Sonne hat soeben den Nebel siegreich niedergekämpft und strahlt nun mit

einer Freundlichkeit auf Schwarz und Weiß hernieder, daß die Träger gar

nicht anders können, sie müssen singen. Und nun heben sie an mit ihren

schönen alten Wanyamwesiliedern, die uns sooft schon über manche kleine

Mißstimmung hinweggeholfen haben, und auch mit neukomponierten, die

ich heute zum erstenmal höre. Sie sind noch viel schöner als der alte

Bestand.

Nur eine einzige größere Ansiedelung liegt am Wege zwischen Newala

und Mahuta; es ist der Ort Hendereras, eines alten klumpfüßigen

Makondejumben. In seiner ganzen Häßlichkeit hat er anscheinend selbst

meinen Trägern imponiert, wenigstens hat ihn mir einer unter ihnen

wenige Tage später, aufs getreueste abkonterfeit, im Skizzenbuch

überbracht. Der Ort Hendereras ist ein auffallend groß angelegter

Weiler; der Platz, um den sich die Hütten scharen, könnte gut einer

deutschen Kompagnie als Exerzierplatz dienen; mein einsames Dutzend

tapferer Krieger nimmt sich auf ihm jedenfalls recht spärlich aus.

Die Boma von Mahuta kündigt sich schon von weitem durch ihren

Palisadenzaun und ein außergewöhnlich weites Schußfeld an. Wald

und Busch treten in der Tat nirgends näher als ein paar hundert

Meter an die Befestigung heran. Vor deren kaum mannsbreitem

Eingangspförtchen sehe ich schon von weitem die gesamte Heeresmacht

des Wali aufmarschiert: fünf Baharia, schwarze Kerle in khakigelben

Matrosenkostümen, die sich krampfhaft bemühen, unter der Leitung ihres

baumlangen Kommandeurs in leidliche Richtung zu kommen. Der Wali ist

nicht zu sehen; er ist an der Küste, heißt es. Der Kommandeur brüllt

gerade: „Das Gewehr über!“, da bin ich boshaft genug, von der Richtung

auf die Boma abzubiegen und rechts einzuschwenken; einige hundert

Meter seitlich hinter der Boma sehe ich nämlich das Haus, das längst

nach mir genannt worden ist und in dem ich doch nun pflichtschuldigst

Quartier nehmen muß. „Das Haus zum weggebliebenen Professor“ ist es,

ein Bau, den Herr Ewerbeck in Voraussicht unseres gemeinsamen Wirkens

in Mahuta dort bereits vor Monaten für uns beide hat ausführen lassen.

Der Erbauer ist damals zum festgesetzten Einweihungstermin pünktlich

zugegen gewesen, den Gast hatte jedoch die Völkerkunde Chingulungulus

wie mit eisernen Klammern festgehalten. Halb betrübt, halb ärgerlich

hat Freund Ewerbeck die Taufe des Hauses mit jenem Namen allein

vollzogen, und dann ist auch er abmarschiert. Kaum haben die fünf

Matrosen meine Absicht gemerkt, hei, wie fliegen die nackten Füße

auch schon davon! Ich bin in scharfem Trabe hinterhergeritten, aber

gleichwohl erfolgt das „Achtung, präsentiert das Gewehr! Augen links!“

doch noch vollkommen rechtzeitig. Ja, fix sind sie, die schwarzen

Jungens!

Das „Haus zum weggebliebenen Professor“ liegt wunderschön; steht

man auf seiner Barasa oder seiner Freitreppe, so öffnet sich eine

gähnende, tiefe Schlucht unmittelbar zu unseren Füßen. Ein stolzer,

grüner Hochwald zur Linken und zur Rechten -- an Steilabhänge wagen

sich die Makonde mit ihrem Raubbau nicht heran --, ganz hinten aber,

dort, wo die wohl 20 Kilometer lange Schlucht durch zwei in scharfer

Linie vorspringende Plateaunasen abgeschlossen wird, ein hellgrauer

Streif mit silbernem Bande darin. Das ist der Rovuma. Hinter ihm

ein großer glänzender Spiegel: der Lidedesee, und hinter diesem in

dunklen, mattgrünen Konturen die ebene Fläche des Maviaplateaus. Nach

so viel monotonem Makondehochland ist Mahuta landschaftlich eine wahre

Erquickung.

Schon am nächsten Tage geht es weiter. Stunde um Stunde marschiert

die lang auseinandergezogene Karawane zwischen den grünen Wänden des

Busches dahin. Dieser ändert jetzt sein Aussehen beträchtlich: er wird

an Höhe geringer, an die Stelle der schrecklichen Dornen treten in

wucherndem Übermaß Pflanzenformen, die mich an unseren Teufelszwirn

erinnern. Die Sonne steigt immer höher, der Engpaß des Weges wird immer

glühender, der Sand des Bodens immer feiner und tiefer. Endlich ist

Nchichira erreicht; es ist eine Boma wie Massassi, Newala und Mahuta

auch: ein von arm- bis beinstarken Palisaden umzäunter, quadratischer

Raum von rund 100 Meter Seitenlänge, in dem das Haus des Akiden steht,

und wo auch die übrigen Elemente einer untergeordneten deutschen

Verwaltungsstelle wohnen. In den langen Monaten haben meine Leute

eine glänzende Übung im Auf- und Abbauen des Lagers bekommen. Eins,

zwei, drei steht mein Zelt; ebenso schnell sind wir auch schon unter

der niedrigen Barasa eingerichtet. Sie ist ebensowenig komfortabel

wie unsere früheren Wohnpaläste, aber so ein festes Strohdach ist mir

doch tausendmal lieber als die Notwendigkeit, im heißen Zelt wohnen zu

müssen, oder als der Aufenthalt unter einer frisch gebauten Banda mit

ihrer Unsumme gräßlichsten Ungeziefers. In solchen Neubauten regnet es

Insekten ohne Unterlaß aus dem frischen Stroh auf Kopf und Körper, in

Schüssel und Teller herunter.

Die zwölf Tage Nchichira sind mir wie im Traum vergangen. Nicht, daß

ich wirklich geträumt hätte, dazu hat mir das auch hier vorhandene

Übermaß von Arbeit keine Muße gelassen. Gerade weil ich unter der Wucht

der Eindrücke noch nicht recht zur Besinnung gekommen bin, das reiche

Mahl sozusagen noch nicht verdaut habe, erscheint mir die ganze Zeit

wie ein wirrer Traum. Seine Einzelheiten kann und will ich hier nicht

schildern; nur das Markanteste sei hervorgehoben.

Vom Heldentum der Wangoni keine Spur, die Kerle sind durchaus nicht

anders gestaltet und sicherlich nicht besser geartet als irgendeine

andere Gruppe im Reigen der hiesigen Völker; ja, wenn ich’s ehrlich

gestehen soll, so fallen sie physisch sogar noch ab. Und krank sind

auch viele. Welch schreckliches Bild bot sich mir eines Tages dar,

als ich der Fährte einer Riesenschlange folgte, wie ich vermeinte. So

etwa mag die von einem Python in den Sand gezogene Spur aussehen. Ich

trete um ein Haus herum: ein Skelett hockt vor mir; keine Spur Fleisch,

kein Muskel am ganzen Körper des kranken Mannes, dem ein kleiner Junge

mitleidig forthilft. Ububa heißt die Krankheit; die Fährte aber rührt

von der Fortbewegungsart des Unglücklichen her; er ist auf dem Gesäß

hierhergezogen worden.

[Illustration: Ububa-Kranker.]

Von wirklich stattlicher Größe ist nur der alte Makachu, der Jumbe des

gleichnamigen benachbarten Dorfes und gleichzeitig der Chef der einen

der beiden Sippen, in welche diese Wangoni zerfallen. Ich habe Makachu

gemessen, er ist 181 Zentimeter hoch; wenn er bei diesem Höhenmaß

einherschreitet wie Saul, so zeigt das, wie kläglich die ganze übrige

Gesellschaft bezüglich ihrer Körperhöhe ausgestattet sein muß. In der

Tat, ganz ausgemergelt infolge ständiger Unterernährung schleppen sich

die alten Männer des Stammes zum Schauri herbei, und auch der Nachwuchs

verspricht wenig. Nein, das sind keine Kaffern, habe ich mir schon beim

Einzuge gesagt, und seitdem habe ich es auf die mannigfaltigste Weise

bestätigt gefunden.

Zunächst Siedelungs- und Bauart; nicht ein Zug Südafrikanisches in ihr.

Die weitgedehnten Dörfer, durch die man die letzten Stunden des Weges

von Mahuta her marschiert, sie gleichen aufs genaueste den Dörfern

im Tiefland westlich des Plateaus, höchstens, daß die Felder hier

besser gepflegt erscheinen und auch von Hause aus besser urbar gemacht

worden sind. Es ist aber auch ein ander Ding, einen derben Waldbestand

niederzulegen als hier oben das bißchen Busch zu verbrennen.

Auch in Einzelheiten des Baues kein Unterschied; das Hütteninnere genau

so unordentlich wild mit Vorratsbehältern, Töpfen und Rindengefäßen,

mit schwelendem Herdklotz und mit Bettstellen ausgestattet wie in

Mchauru oder Akundonde; die Außenwände aber genau so mit kindlichen

Malereien überklext wie auch sonst überall im Lande.

Und dann erst die Sprache und die Geschichte dieser Volksgruppe. Unter

meiner Mustertruppe von Trägern befindet sich in Gestalt des edlen

Mambo sasa auch ein echter Kaffer, ein Mgoni von Runsewe. Diese Wangoni

sind die Nachkommen jener Kaffernwelle, die von allen am weitesten nach

Norden gedrungen ist. Während das Gros der reisigen Scharen, die vor

einem halben Jahrhundert oder etwas mehr über den Sambesi heraufkamen,

sich an beiden Ufern des Nyassa niederließ und unter blutigen Kämpfen

Reiche begründete, zogen diese Wangoni am Ostufer des Tanganyika

entlang immer weiter nach Norden. Im nordwestlichen Unyamwesi endlich

kam auch diese Welle zum Stehen. Unter dem Namen Watuta haben die

Nachkommen jener ersten Eroberer jahrzehntelang ein wildes Räuberleben

geführt; in den 1890er Jahren hat sie der Hauptmann Langheld endlich

in dem genannten Busch von Runsewe seßhaft gemacht.

„Na, Mambo sasa, was wirst du mir schön dolmetschen können“, sage ich

zu meinem ewig lustigen Freunde. Mambo ist in der Tat der Spaßmacher

der ganzen Kompagnie; seine Stimme ist nicht melodisch, dafür aber laut

und ausdauernd; seine Improvisationen verstummen denn auch niemals

am Tage, weder auf dem Marsch noch im Lager. Schon stehen sich die

Wangoni von Nchichira und der Mgoni von Runsewe einander gegenüber;

nach meinem bewährten Verfahren beginne ich meine ethnologische

Aufnahme. Mambo hat die Frage verstanden, er gibt sie in der Sprache

seiner Jugend weiter. Es erfolgt keine Antwort; verständnislose Mienen

ringsum. Das wiederholt sich noch mehrere Male, stets mit demselben

negativen Erfolg; die Namensgenossen verstanden einander einfach nicht.

In der Folge habe ich die beiden Elemente getrennt vorgenommen und

von beiden Sprachen soviel aufgezeichnet, wie es mir angesichts des

geradezu fabelhaften Unverstandes sowohl des guten Mambo sasa, wie auch

der Stammesgelehrten von Nchichira möglich war. Das Ergebnis lautet,

soweit mir eine Übersicht schon jetzt möglich ist, wirklich so, wie

ich vermutet hatte: die Wangoni von hier haben mit den gleichnamigen

Leuten oben bei Ssongea in Wirklichkeit nur den Namen gemein, nichts

weiter; sie sind eine genau so durcheinandergewürfelte Horde von allen

möglichen Stammesresten, wie sie in andern Teilen des Südens auch noch

existieren.

Einen klipp und klaren Beweis für die letztausgesprochene Vermutung

hat mir schließlich das Durchsprechen der Stammesgeschichte selbst

gebracht. Neben dem Riesen Makachu ist mein Hauptgewährsmann der alte

Madyaliwa, in dessen Dorfbereich die Boma erbaut worden ist, bei dem

wir also sozusagen zu Gaste sind, und der der Chef der andern der

beiden Sippen zu sein die hohe Ehre hat. Das jüngere und gleichzeitig

„gebildete“ Element wird durch Herrn Saidi, den Lehrer von Nkundi,

repräsentiert, der auf meinen Hilfeschrei endlich auch herbeikam,

um mich aus allen Aufnahmenöten zu retten. Die Leute hier sind aber

auch zu hinterwäldlerisch! Mehr als Staffage neben jenen drei Säulen

dient ein halbes Dutzend anderer, meist älterer Männer, denen es

anscheinend mehr darauf ankommt, meine Barasa vollzuspucken, als meine

geschichtlichen Kenntnisse ihres Stammes zu bereichern.

Zunächst stellen Madyaliwa und Makachu ihre beiderseitige

Sippenzugehörigkeit fest; jener gehört zur Lukohu der Makāle,

Makachu zur Lukohu der Wakwāma. Unaufgefordert beginnt der Recke

Makachu, dessen Stattlichkeit leider durch einen sehr tief zwischen

den Schultern sitzenden Kopf beeinträchtigt wird, zu erzählen, er sei

am Lukimuafluß geboren, aber sein Volk sei an den Mluhesi vertrieben

worden, als er ein Junge gewesen sei. Ganz mechanisch ist bei dem Worte

Junge der Arm des Sitzenden bis zur Wagerechten in die Höhe gegangen,

ebenso mechanisch hat sich die Hand senkrecht zum Arm emporgerichtet.

Es seien die bösen Wangoni gewesen, vor denen sie hätten davonlaufen

müssen.

„Die Wangoni?“ frage ich daraufhin ganz erstaunt, „du bist doch selbst

Mgoni.“

„Allerdings, aber es waren doch die Wangoni.“

Ich habe es für das Klügste gehalten, den Alten einstweilen nicht aus

dem Konzept zu bringen, und so erzählte er weiter: „Als ich anfing

einen Bart zu bekommen -- heute ist Makachus kurzer Kinnbart fast

weiß --, da kamen die Wangoni wieder; diesmal aber wurden wir bis zum

Häuptling Namagone vertrieben, und die Wangoni waren zahlreich wie die

Heuschrecken.“

Ich habe meine kostbare einzige Karte selbstverständlich stets zur

Hand. Ein Blick auf sie belehrt mich, daß Namagone wirklich existiert,

unter 38° 26′ östlicher Länge auf dem rechten Rovuma-Ufer; so weit

nach Osten ist also schon der damalige Rückzug des einen Trupps dieser

Wangoni erfolgt. Im gleichen Augenblick wird mir dieses auch schon von

einigen der Beisitzer bestätigt; Kambale erzählt, daß er als Knabe

bei Namagone gewesen sei, Liambaku aber, der etwas jüngere Bruder

Madyaliwas, berichtet, auch er sei am Lukimua geboren.

[Illustration: Madyaliwa, Saidi und Makachu.]

Makachu will gerade in seiner Erzählung fortfahren, da öffnet

Madyaliwa, der Senior, seinen nur noch von Zahnruinen besetzten, welken

Mund: „Vom Lukimua sind wir zu Kandūlu gegangen, dem Yaohäuptling.

Von da haben uns die Wangoni vertrieben; erst sind wir zu Namagone

gegangen und dann zu Makachu. Hier haben wir ein Jahr gesessen, dann

aber sind die Wangoni auch hierher gekommen und haben uns von neuem

verjagt; da sind wir bis Nchichira gegangen. Doch auch hier sind wir

noch einmal von den Wangoni überfallen worden, und das ist zu der Zeit

gewesen, wo schon ihr Wadachi, ihr Deutschen, eure Boma in Lindi

gebaut hattet.“

Es meldet sich kein Redner weiter, also kann jetzt ich einsetzen:

„Ihr erzählt immer so viel von den bösen Wangoni, sind denn das nicht

eure Brüder?“

Lebhaftes Gestikulieren ringsum: „Aber nein,“ erschallt es im gleichen

Augenblick, „sie sind unsere schlimmsten Feinde.“

„Doch unterhalten könnt ihr euch miteinander?“

Auch hier ein einhelliges, glatt ablehnendes Nein. Aus dem weiteren

Verhör geht dann folgendes hervor:

„Wir Leute von Nchichira nennen uns selbst Wangoni, die Leute aber

von Ssongea nennen wir Mafiti. Die sind vor langer Zeit von weither

gekommen; woher sie aber gekommen sind, das wissen wir nicht. Unsere

Väter haben stets am Lukimua gesessen, und wären nicht die bösen Mafiti

so oft gekommen und hätten Krieg mit uns gemacht, so säßen auch wir,

ihre Söhne, noch immer am Lukimua. Mit den Wamatambwe sind wir nicht

verwandt, doch mit den Yao sind wir gute Freunde; unsere Väter sind

stets zu ihnen geflüchtet.“

Das ist also das Bild, welches ich auf Grund eines eingehenden Studiums

von den Wangoni von Nchichira gewonnen habe. Sie sind in Wirklichkeit,

wie ich oben schon sagte, ein Konglomerat aller möglichen Elemente,

die sich in den langen Mafitiwirren hier in diesen entlegenen Winkel

geflüchtet und zu einer Art Volkstum verdichtet haben. Wie sehr sie den

Yao gleichen oder doch zu gleichen streben, zeigt nichts besser als das

fast ausschließliche Vorkommen des Kipini, des Nasenpflocks, bei ihren

Frauen; die Lippenscheibe ist bei diesen eine Seltenheit. Den Reiz des

Neuen und Fremden, den diese Wangoni als wirkliche Kaffern auf mich

ausgeübt haben würden, wenn sie sich tatsächlich als Südostafrikaner

herausgestellt hätten, haben sie unter diesen Umständen natürlich für

mich verloren. Immerhin bin ich sehr stolz darauf, die alte, falsche

Ansicht, die man an der Küste von diesen Leuten bis heute hegt, endlich

einmal berichtigt zu haben. Indes vermag ich nicht zu leugnen, daß

das Ergebnis meiner Untersuchung stark mit dazu beigetragen hat, mir

den Abschied von Nchichira leichter zu machen, als er mir sonst wohl

geworden wäre.

[Illustration: Blick von Nchichira bei Sonnenuntergang auf den Rovuma,

den Rangadi-See und das Mavia-Plateau.]

Mein Abmarsch ist nicht direkt nach Mahuta zurück erfolgt. Nils

Knudsen hatte die ganze Zeit über, wo ich mit den Wangonigelehrten

volkskundliche Studien trieb, seinen Jagdfreuden gehuldigt. Immer

wieder war er den auch hier außerordentlich steilen Plateaurand

hinuntergestiegen, um unten in der alluvialen Rovumaebene mit ihrem

reichen Wechsel von dichtem, hohem Wald, struppigem Gebüsch und

wiesenartigen Flächen dem hier häufigen Dickhäuter aufzulauern und auch

andere, kleinere Tiere zur Strecke zu bringen. Oft glaubte ich seine

Büchse knallen zu hören, so nahe liegen die Jagdgründe unter der Boma

von Nchichira, und mehr als einmal habe ich mir an meinem Standort auf

dem Plateaurande eingebildet, die gebückte Gestalt des rasch und doch

vorsichtig Vorwärtseilenden da unten auf dem Talgrunde verfolgen zu

können.

Der gegebene Abendspaziergang für Nchichira ist nur sehr kurz, doch

bietet er eine Überfülle des Schönen. Soeben ist der Sonnenball dort

im Westen hinter dem fernen Nyassa zur Rüste gegangen. Aufs äußerste

erschöpft, lege ich Notizbuch und Bleistift zur Seite, stecke mir

eine frische Zigarre ins Gesicht -- wir haben wieder welche, doch

keine vom Inder, sondern echte Leipziger; hei, ist das ein Genuß nach

jenem Rattengift von Lindi! --, winke meiner Apparatgarde und verlasse

mit raschen Schritten die Boma. An ihrem Palisadenzaun schreiten wir

entlang, bis er zu Ende ist; damit sind wir auch schon am Ziel: das

Rovumatal mit seiner ganzen Herrlichkeit liegt unmittelbar zu meinen

Füßen. Das Phänomen eines Sonnenunterganges zu schildern, ist schon

an und für sich keine leichte Aufgabe; hier, wo zu der eigenartigen

Oberflächengliederung des Landes, seinem merkwürdigen Gegensatz

zwischen stärkster Erosion und machtvollster Auflagerung, ein geradezu

unerhörter Farbenreichtum des Abendhimmels tritt, versagt die Feder

einfach schon aus dem Grunde, weil es angesichts dieser Herrlichkeit

für einen fühlenden Menschen überhaupt nicht möglich ist, seine

Eindrücke zu Papier zu bringen. Hätte ich Farbenphotographie, das wäre

ein Objekt! So muß ich mein Heil mit ganz gewöhnlichen oder höchstens

orthochromatischen Platten versuchen; von der wirklichen Farbenpracht

bringen diese natürlich nichts, da wird später daheim das Notizbuch

aushelfen müssen.

Das Plateau ist hier, an seinem mittleren Südrande, bei weitem

niedriger als bei Newala; man kann es auf 400 bis 450 Meter schätzen.

Immerhin ruft das 10 bis 15 Kilometer breite, an seiner Sohle kaum 60

Meter über dem Meer gelegene Rovumatal den Eindruck einer gewaltigen,

tiefeingeschnittenen Schlucht hervor. Seine beiden Ränder sind absolut

gleich; einem Kinde muß es klar werden, daß drüben das Maviaplateau

und hier das Makondehochland desselben Alters und eines Ursprungs

sind. Es ist der Rovuma mit seiner Sägekraft gewesen, der dies alte

Tafelland cañonartig auseinandergeschnitten hat. Jetzt, am Ende der

Trockenzeit, sieht der Fluß kläglicher aus denn je: ganz dünn rieselt

seine kümmerliche Wasserader in dem kilometerbreiten, von ungeheuren

Kies- und Sandbänken erfüllten Flußbett. Um so gewaltiger wird er

in der andern Jahreszeit einherfluten; zu meinen Füßen verfolgt das

bloße Auge ein ganzes System von Hochflutbetten; auch drüben auf

der portugiesischen Seite läßt das Fernglas ähnliches erkennen. Bei

Hochwasser muß die Niederung einen großartigen Anblick gewähren;

heute waltet mehr der Grundzug des Lieblichen, Heiteren vor. Der

graue Streifen mit dem blinkenden Silberfaden darin liegt vor mir,

als wenn ich ihn greifen könnte, und dabei sagt Knudsen, man müsse

zwei starke Stunden wandern, bevor man am Ufer des Stromes stände.

Dermaßen täuscht die merkwürdig klare Luft. Freilich, Rauchwolken

steigen auch hier zum Himmel auf; besonders drüben auf der andern

Seite, zwischen dem Strom und dem Nangadisee, sind sie zuzeiten recht

dicht und häufig. Fast möchte ich meinen, die guten Mavia wollten den

unglücklichen Portugiesen, der dort in seiner, mit dem Glase ganz

deutlich wahrnehmbaren Boma wohl darüber nachdenken soll, wozu er

eigentlich hierher verdammt worden ist, ausräuchern, so konzentrisch

legen sich die Flammengürtel um das Haus des einsamen Europäers. Wendet

sich aber das Auge mehr nach rechts: fast unabsehbar dehnt sich das

graue Rovumabett mit seinen grünen Rändern gen Westen. Der Lidedesee

ist nicht gar nahe, aber auch er liegt in dieser Perspektive noch fast

zu unsern Füßen, so weit vermag mein scharfes Auge noch über ihn hinaus

in das Innere des Erdteils zu schauen. Über dem allen das Erglühen

des ganzen westlichen und südlichen Horizonts in tausend leuchtenden

Tinten. Fast scheint es, als wolle auch die Sonne dieser Schönheit

zuliebe nicht so rasch scheiden, wie sie das sonst zwischen den

Wendekreisen zu tun beliebt; nur ganz langsam und allmählich werden der

Farben weniger, wird ihre Leuchtkraft geringer. Nur mit Mühe habe ich

mich von dem Bilde losreißen können, um mit kleinster Blende ein paar

Aufnahmen dieser wunderbaren Szenerie auf die Platte zu bannen; stumm

und sichtlich ebenso ergriffen wie ihr weißer Herr stehen auch meine

schwarzen Freunde hinter mir. Erst dunkelt es langsam, dann senken

sich rascher immer schwerere Schatten auf den Lidede und den Nangadi

hernieder; auch über die Matten und den grünen Wald streichen jetzt die

ersten dunkeln Töne dahin, nur das helle Grau des Strombettes hebt sich

noch eine Weile aus der sinkenden Nacht hervor. Ich bin ein durchaus

nüchtern veranlagter Mensch, aber ich gebe gern zu: ich hätte die Ziele

eines Marsches bis zum entlegenen Nchichira als erreicht angesehen,

selbst wenn dort keine Wangoni wohnten; ein einziger Sonnenuntergang

hätte mich für alle Mühsal entschädigt.

In diesem Stromtal hatte also Nils Knudsen als ein gewaltiger Nimrod

gewaltet. Es brauchte nur der erste beste Neger zu kommen und ihm

zu sagen: „Herr, viele Elefanten stehen da unten“, so war er zehn

Minuten später schon, so schnell es sein Seemannsgang erlaubt, auf dem

Marsch. Verständigerweise vertraut er aber seinen eigenen Donnerbüchsen

nicht mehr, sondern hat mich um eins meiner trefflichen Gewehre

gebeten. Wie immer, sitze ich an einem Nachmittag mit meinen Gelehrten

zusammen. Mit dem Kingoni will es gar nicht vorwärtsgehen; heiße ich

die „Intelligenz“ Saidi übersetzen: Dein Vater ist gestorben, so

kommt unweigerlich ein Satz zutage, der sich bei der Nachkontrolle

herausstellt als: Mein Vater ist gestorben, und lasse ich ihn sagen:

Mein Vater ist gestorben, so übersetzt er von seinem Standpunkt aus

ganz richtig: Dein Vater ist gestorben. Solche Scherze sind mir seit

langem geläufig, sie regen mich nicht mehr auf; schlimmer wird es

schon, wenn man die persönlichen Fürwörter: ich, du, er, wir, ihr,

sie festlegen will; Herrgott, welche Mühe haben mir diese schon bei

den doch wahrlich nicht dummen Lehrern von Newala verursacht! Hier

geht’s überhaupt nicht; ich mag anstellen, was ich will, die dritte

Person Singularis und Pluralis sind nicht zu erzielen. Die erste und

zweite habe ich glücklich noch herausgebracht, selbstverständlich auch

wieder in der bekannten Umkehrung; will ich haben: „Ich“ und deute

unwillkürlich dabei auf mich, so bekomme ich unfehlbar „du“ heraus,

und umgekehrt. Resigniert will ich mir gerade eine Beruhigungszigarre

anbrennen, da entsteht ringsum eine merkliche allgemeine Aufregung. In

einem Tempo, gegen welches die Geschwindigkeit des Läufers von Marathon

ein Schneckengang gewesen sein muß, rast einer der Diener Knudsens

heran; sein Mund sprudelt irgend etwas hervor, von dem ich nichts

verstehe; erst aus dem Munde meiner rasch zusammengelaufenen Leute und

der Bomaeinwohner erfasse ich, daß Knudsen erfolgreich gewesen ist und

einen stattlichen Elefanten zur Strecke gebracht hat. So groß, und

dabei spreizen die Kerle ihre Gibbonarme auseinander, soweit es nur

irgend geht, seien die Stoßzähne, und Fleisch gäbe es jetzt! Ich sah

förmlich, wie den Burschen das Wasser im Munde zusammenlief.

Negerleben in Ostafrika · 第 32 / 40 段