Vor ein paar Tagen habe ich das größte Wunder in diesem an

Seltsamkeiten reichen Lande erlebt. Seit Wochen schon hatte Herr Echo

von einer Sitte der Makuamädchen gesprochen, nach der diese unter der

Zunge wie in einem Nest einen ganzen Haufen Kieselsteine trügen. Ich

habe den Mann stets ausgelacht, mit bezeichnender Gebärde nach der

Stirn. Vorgestern nun sitzen wir fünf Sprachforscher wieder beisammen

und quälen uns in heißem Bemühen mit einigen besonders schwierigen

Formen des Kiyao ab; dabei ist der Makua überflüssig, er erbittet sich

Urlaub und verläßt die Barasa. Wir anderen denken kaum noch an ihn;

plötzlich ein Geräusch nahender Schritte, eine schlanke Mädchengestalt

wird zwischen Mattenwand und Lehmbrüstung sichtbar, unmittelbar

dahinter die des schwarzen Lehrers; scheu, aber doch mit verschämtem

Lächeln steht im gleichen Augenblick auch schon das junge, hübsche Ding

vor uns. „~Hapa namangāhlu, Bwana~, hier sind die Mundsteine,

Herr“, mit triumphierender Miene deutet Nawalowe auf den von einem erst

mäßig großen Oberlippenpflock „verschönten“ Mund des jungen Mädchens.

Wir sind alle erregt aufgesprungen. Sefu, Nawalowe und Akuchigombo

reden gleichzeitig auf sie ein; widerwillig führt sie schließlich die

Hand zum Munde, und siehe da, groß wie der Kern einer Haselnuß liegt

im nächsten Augenblick ein fast wasserklarer, glattgeschliffener,

eiförmiger Kiesel auf der flachen Hand. Ein zweiter folgt, ein dritter,

ein vierter, wie ein Triumphator schaut Nawalowe zu mir herüber; ich

aber stehe vor Staunen stumm. Ist es ein Trugbild, oder mogelt der

gute Schulmeister? Schon ist ein fünfter Stein aus seinem rosigen

Behälter herausgeholt, ein sechster folgt noch hinterdrein; endlich,

nach dem siebenten und achten, scheint das Nest leer zu sein. Ich

habe in jenem Augenblick tatsächlich einer gewissen Schonungspause

bedurft, um mich von meinem maßlosen Erstaunen zu erholen, dann erst

bin ich fähig gewesen, die Erklärungen meiner drei Gelehrten mit Ruhe

in Empfang zu nehmen. Danach sind diese ~namangahlu~ genannten

Steine Kiesel, wie man sie hier in den Ablagerungen wohl aller Flüsse

findet; besonders klar und schön sollen die aus dem Rovuma sein, und

sonach gilt es als eine Art Ehrensache für jeden verliebten Jüngling,

solche Quarze von dort mitzubringen und sie der Geliebten zu verehren.

Zu Perlenkolliers und ~à jour~-Fassungen ist man am Rovuma

und auf dem Makondeplateau noch nicht vorgeschritten, Taschen sind

ebenfalls ein unbekannter Luxus, bleibt also als Behälter lediglich

die untere Mundhöhle. So reime wenigstens ich mir die mehr als seltsame

Tragart dieser Steine zusammen. Der Sinn der Sitte ist nach jenen

Gewährsleuten der eines Treuegelübdes; die Steine sind also sozusagen

ein ins Afrikanische übersetzter Verlobungsring, nur daß im Gegensatz

zu so mancher jungen deutschen Braut, die ach! gar zu gern mit dem

neuen, funkelnden Reif am Goldfinger kokettiert, diese Steine von

niemand gesehen werden dürfen als vom Geliebten selbst. Mein erster,

instinktiver Mogelverdacht ist übrigens, wie ich wohl annehmen darf,

unbegründet; ich habe seither auf eigene Faust Studien in dieser

Richtung angestellt und bei mehreren jungen Makuaweibern die Steine

vorgefunden; die Sitte ist also bestätigt. Es gibt doch wirklich keine

Verrücktheit, deren unser menschliches Geschlecht nicht fähig wäre! --

Das Klima Newalas ist im Laufe der Wochen immer schlechter geworden;

nach einer kurzen Zeit wunderschönen mitteldeutschen Herbstwetters

wälzt sich jetzt allmorgendlich der Nebel bis gegen 8½ Uhr über

die Boma hin, am Abend aber braust der Ost eisiger denn sonst. Wir

beiden Weißen kommen dabei nicht aus einem leichten Katarrh heraus,

und schlecht geht es unseren Leuten. Anzuziehen haben sie nicht

viel, die Träger haben nicht einmal Stoffe zum Wechseln; auch der

Speisezettel der Ärmsten läßt immer mehr zu wünschen übrig. Zu

alledem das nichts weniger als einwandfreie Wasser, kurz, es nimmt

mich nicht wunder, wenn die Krankenliste von Woche zu Woche gewachsen

ist. Von überall her ertönen die Beweise schwerer Bronchialkatarrhe;

fast vermeine ich mich in die Zeiten von Ewerbecks Husterkompagnie

zurückversetzt; doch auch Dysenteriefälle sind nicht selten, und

ebensowenig Geschlechtskrankheiten. Die meisten der Patienten haben

Vertrauen zu ihrem weißen Herrn, sie kommen freiwillig und nehmen mit

Todesverachtung jede Art von Daua, die ihnen in den Mund gestopft wird.

Meine Krieger muß ich militärärztlich behandeln, indem ich sie von Zeit

zu Zeit behufs körperlicher Revision antreten lasse. Nebenher geht,

wie das bei dem Charakter des Negers nicht anders zu erwarten ist,

ganz allgemein die Behandlung ~à la~ Schensi. Mein Liebling Mambo

sasa erfreut sich einer doppelseitigen Epididymitis; eine Hochlagerung

der betreffenden Körperteile allein imponiert weder ihm noch seinen

vielen Freunden. Diese schweifen vielmehr durch Wald und Busch, um

für den Kranken eine spinatartige Medizin zusammenzusuchen, die sie

ihm unermüdlich in dicker Schicht auflegen. Machen nun Knudsen und

ich unsere kleinen Bummel auf irgendeine der von Newala auslaufenden

Barrabarra hinaus, so stoßen wir sicherlich von Zeit zu Zeit dort, wo

zwei Wege sich gabeln oder sich kreuzen, auf seltsame Gebilde. Mit

merklicher Sorgfalt ist der Boden von Laub, Ästen und ähnlichen Dingen

gesäubert; inmitten der reinen Fläche aber hat eine unbekannte Hand

mit schneeig weißem Mehl einen Zauberkreis gezogen, etwa einen Fuß im

Durchmesser und nie ganz regelmäßig; im Kreise selbst sind Mehltupfen

in besonderem System angebracht, in Dreier- oder Viererreihen, mehr

oder minder regelmäßig.

Über Zweck und Bedeutung dieser Figuren, die mir schon an meinen

früheren Aufenthaltsorten mehr als einmal aufgestoßen waren, habe

ich erst im Laufe der Zeit Aufklärung erhalten. Man versteht diese

Art der Therapie nur, wenn man die gesamten Anschauungen des Negers

über das Leben nach dem Tode und das Walten überirdischer Mächte in

Betracht zieht. Mit dem leiblichen Tod hört nach dem Negerglauben das

menschliche Leben keineswegs auf; zwar der Körper wird verscharrt und

verwest, die Seele aber lebt weiter, und zwar an derselben Örtlichkeit,

wo sie sich früher betätigt hat. Ihr bevorzugter Wohnsitz sind markante

Bäume. Die Religion der Völker dieses Südens ist denn auch ein

ausgeprägter Baumkultus insofern, als die Neger zu den verstorbenen

Ahnen opfern und beten, indem sie Speise und Trank am Fuße solcher

Bäume niederlegen und ihre Worte inbrünstig an die Krone des Baumes

selbst richten.

[Illustration: Mehlopfer.]

Der Msollobaum (Kimakonde: Mhollo) ist es, dem hier die Rolle des

Göttersitzes zuteil wird. Zu ihm geht der ~pater familias~, wenn

in seiner Familie Krankheit wütet; dorthin lenkt er seine Schritte,

wenn er vor einer großen Reise steht; dort kann man ihn finden am

Vorabend vor dem Abmarsch in den Krieg. Er ist nicht mit leeren Händen

gekommen: mit bunten Stoffen ziert er den Stamm des Baumes, so daß

dieser mit all dem Flitterkram, den andere Hilfesuchende bereits an ihm

befestigt haben, mehr originell als schön aussieht. Mit Baumblättern

säubert er den Boden um den Stamm des Baumes herum und streut Mehl auf

ihn; in einen Krug gießt er stärkende Pombe. Das sind die freiwillig

gespendeten Gaben des Lebenden. Nun aber ist dieser ein Mensch und ein

Neger noch dazu; ohne Gegenleistung des Toten geht es also nicht ab:

„Ich habe dir Zeug geopfert und Mehl und Pombe gebracht; du, Ahne,

weißt, wir wollen jetzt Krieg machen gegen die bösen Mavia; morgen

marschieren wir ab; sorge du dafür, daß mich keine Kugel trifft, kein

Pfeilschuß und kein Speerwurf.“ Im Abendwinde rauscht der Baum,

beruhigt zieht der Gläubige von dannen.

Doch die Seelen wohnen nicht immer im Msollobaum. Ruhelos schweifen sie

meist durch Feld und Wald; genau wie vordem, als sie noch in Fleisch

und Blut einherwandelten, bevorzugen sie natürlich die Hauptwege.

Dort und besonders da, wo mehrere Straßen zusammenstoßen, sind sie am

leichtesten zu treffen, dort ist ihr Schutz am sichersten zu erlangen.

Aus dieser Gedankenfolge heraus erkläre wenigstens ich es mir, daß das

Mehlopfer an den obenbezeichneten Punkten stattfindet. Die Kranken

sehen die Möglichkeit einer Besserung lediglich oder doch vorwaltend

in der Hilfe, die ihnen von den mit höheren Kräften ausgestatteten

Seelen der Ahnen zuteil werden kann. Was liegt also näher, als diesen

Seelen dort zu opfern, wo sie vermutlich am häufigsten vorbeischweben,

an den Kreuzwegen und an den Weggabelungen. Das ist die Auffassung

meiner Gewährsleute, der auch ich mich anschließen möchte; sie hat viel

Wahrscheinliches für sich, wenngleich auch zuzugeben ist, daß jenen

Mehlfiguren ein anderes Motiv zugrunde liegen kann.

Im innigen Zusammenhang mit dem Baumkultus scheint mir das Anpflanzen

besonderer Bäume an den Gräbern zu stehen. Im Tieflande, besonders

bei den Yao, sind mir solche Bäume nicht aufgefallen, hier oben auf

dem Plateau finde ich sie ganz allgemein. An frischen Gräbern sind es

junge, schlanke Stämme; an anderen Stellen, die nur noch im Gedächtnis

der Alten als Ruheplatz eines Toten weiterleben, ragen ganz ungeheuere

Bäume, mächtige Stämme mit gewaltigen Kronen, 20 Meter und noch weit

mehr in die blaue Luft empor. Gerade die nächste Umgebung der Boma von

Newala erhält durch eine ganze Anzahl solcher alten Grabbäume an mehr

als einer Stelle ein ganz stimmungsvolles Aussehen. Der Baum ist der

Kamumabaum; er wird stets zu Häupten des Toten eingepflanzt.

Ob die Seele nach dem Glauben der Eingeborenen zeitweilig auch in

diesen Grabbäumen ihren Sitz hat, habe ich bisher nicht zu ergründen

vermocht; außerordentlich schwer ist es, über den Verbleib der Seele

überhaupt etwas Bestimmteres zu erfahren. Die Yao haben in dieser

Richtung ganz versagt, die Makua aber sagen: „Der Schatten des Menschen

geht zu Gott, Gott aber wohnt da oben.“ Was der Schatten aber da oben

macht und wie es ihm ergeht, das wissen auch sie nicht.

Gruselig und schreckhaft sind nach alledem, was mir zu Ohren gekommen

ist, die Gespenstergeschichten der hiesigen Neger; ich will eine von

ihnen erzählen.

Yao und Makua haben ein Gespenst mit Namen Itondōsha oder Ndondosha,

wie es im Kiyao heißt. Hat der Zauberer ein Kind getötet -- wie

bei allen Naturvölkern, so ist auch beim Neger der Tod nie etwas

Natürliches, sondern stets die Folge des zauberischen Eingriffs eines

andern --, so holt dieser Zauberer das Kind aus dem Grabe heraus, macht

es wieder lebendig und schneidet ihm die Beine in den Kniegelenken ab.

Die abgeschnittenen Gliedmaßen wirft der Zauberer weg, das so verkürzte

und verstümmelte Kind aber stellt er heimlich irgendwo hin. Nun kommen

die Menschen von allen Seiten und bringen dem Itondosha Ugali, Pombe,

Früchte und Zeug. Geschieht dies regelmäßig und in ausreichendem Maße,

so hört man nichts weiter von dem Gespenst; vergessen jedoch die Leute

seiner im Laufe der Zeit, so beginnt es plötzlich laut und unheimlich

zu schreien. Dann erschrecken die Leute und bringen dem Itondosha von

neuem ihre Gaben dar.

Mein Forscherglück will es, daß ich ganz zufällig auch in den Besitz

eines Liedes gekommen bin, dessen Inhalt sich um dieses Itondosha

rankt. Von den wenigen Individuen, die ich hier in Newala vor meinen

Trichter habe bannen können, zeichnete sich lediglich ein Makuajüngling

durch seine große Bereitwilligkeit aus, das Wagestück zu unternehmen

und vor die unheimliche Maschine zu treten. Dieses Entgegenkommen

war, wie sich sehr bald herausstellte, sogar weit größer als seine

Sangeskunst; doch das hat nichts verschlagen, sein wissenschaftliches

Verdienst bleibt dem Braven doch.

Der junge Mann hat soeben, nach den üblichen Vorproben, mit bedeutendem

Stimmaufwand sein erstes Lied in meinen Trichter hineingebrüllt. Jetzt

gilt es, den Text des Liedes festzulegen; mit gespitztem Bleistift

sitze ich auf meiner bewährten großen Kiste und beginne das Verhör.

„Dein Name?“

„Änestehīu“, erschallt es prompt und mit sichtbarem Stolz zurück.

„Änestehiu?“ lautet meine erstaunte Gegenfrage.

„Jawohl, Änestehiu.“

„Aber Rafiki, mein Freund, Änestehiu, das klingt doch gar nicht wie ein

Makuaname.“

„~Mimi Christ~, ich bin ein Christ“, fast beleidigt, daß ich

das nicht gleich gemerkt habe, hat mir der Junge das stolze Wort

entgegengeworfen. Das ändert die Sachlage allerdings; ich denke einige

Zeit nach, endlich habe ich es: Anastasio heißt er, das ist sein

Taufname; der würdige englische Reverend hat das Wort nicht deutsch

oder italienisch ausgesprochen, sondern, wie es ~Old England~

liebt, rein englisch, also ~Änästäsio~. Nun fällt das „~s~“

im Kimakonde ganz aus und auch im Kimakua wird es, soweit ich bis

heute ersehen kann, häufig durch ein „~h~“ vertreten, kurz aus

Anastasio ist auf gut Kimakua Änestehiu geworden. Das Lied aber heißt

folgendermaßen:

„Nach Massassi bin ich gegangen, bin noch einmal nach Massassi

gegangen. Abends hörte ich Geschrei; ich drehte mich um und ich sah

das Itondosha. ‚Mein Vetter Cheluka (rief ich), gib mir Gewehr und

Zündhütchen und eine Kugel.‘ ‚Lade du selbst‘ (flüstert der Vetter).

‚Komm mit und laß uns verfolgen das Itondosha, es ist durch ein Loch

in der Seitenwand hinters Haus gegangen.‘ Mein Bruder (Vetter) dreht

sich um und sagt: ‚Es hat die Beine steif geradeaus gestreckt wie ein

Kinnbart.‘ Es saß (setzte sich), wir aber bemühten uns zu zähmen das

Itondosha, das Mädchen von Ilulu. ~Älo~, ja, so ist es.“

[Illustration: Rovuma-Landschaft. Blick von meinem Lagerplatz unter 39°

6′ östl. Länge stromaufwärts.]

Auf harmlosere Bahnen hat mich heute ein Makondealter mit einer

kleinen Gabe zurückgeführt. Wir hatten uns über die Zeitrechnung der

hiesigen Völker unterhalten, und dabei war herausgekommen, daß sie in

dieser Beziehung noch ebenso rückständig sind wie in der Bezeichnung

der Tageszeit selbst, jedoch auch ebenso praktisch. Die Knotenschrift

ist eine geistige Errungenschaft, die von der Menschheit zu den

verschiedensten Zeiten und an den verschiedensten Orten gemacht worden

ist; sie ist nicht nur in dem berühmten Quippu der Peruaner verkörpert,

sondern ist in der Südsee nachgewiesen worden und auch in Westafrika.

Hier auf dem Makondeplateau wird sie noch heutigestags frisch und

fröhlich geübt; denn die Zahl der Kinder, die in den deutschen

Regierungsschulen von Lindi und Mikindani das Schreiben mit der Feder

erlernen, ist noch sehr gering. Mit artiger Gebärde überreicht mir der

Makondemann eine etwa fußlange Bastschnur; 11 Knoten sind darin, in

genau gleichen Abständen geschürzt.

[Illustration: Knotenschnur.]

„Das ist ein Reisekalender“, setzt mir der bisherige Besitzer durch

Sefus Vermittelung auseinander; „will ich meine Reise antreten, so

sage ich zu meiner Frau: Dieser Knoten (dabei tupft er auf den ersten)

ist heute, da breche ich auf; morgen (ein Tupf auf den zweiten Knoten)

bin ich unterwegs; auch den dritten und vierten marschiere ich noch;

hier aber (ein energischer Griff an Knoten Nr. 5), da komme ich ans

Ziel. Dort bleibe ich den sechsten Tag, am siebenten aber trete ich

den Rückmarsch an. Der dauert diesen siebenten Tag und den achten und

den neunten; am zehnten aber, da mußt du aufpassen, Frau, vergiß ja

nicht, an jedem Tage einen Knoten zu lösen; an diesem zehnten Tage, da

mußt du Essen für mich machen, denn siehe, hier am elften, da werde ich

zurückkommen.“

Also hier ebenfalls wieder ein Überlebsel, eine Erinnerung an eine

Kulturstufe, die auch unsere Vorfahren vor langer Zeit einmal durchlebt

haben werden. Vor langer Zeit? Ist denn unser Knoten im Taschentuch

etwas wesentlich anderes als jene 11 Knoten in der afrikanischen

Bastschnur? Die Menschheit ist nicht nur ideenarm in dem Sinn, daß ihre

Erfindungen über die ganze Erde hin sich stets auf dieselben einfachen

Grundgedanken zurückführen lassen, sie ist bei allem technischen und

geistigen Fortschritt doch auch selbst in ihren höchsten Gliedern recht

konservativ. Der Knoten im Schnupftuch ist nur einer unter vielen

Belegen dafür.

Das Knotensystem scheint im übrigen auch hier durchaus nicht so

simpel zu sein, wie man nach dem Kalenderbeispiel vielleicht glauben

möchte. Soeben legt mir ein anderer Makondemann ein ganzes Bündel von

Knotenschnüren auf den Tisch; das rühre vom Jumben Soundso her, der

könne nicht behalten, wer von seinen Dorfleuten schon die Hüttensteuer

bezahlt habe und wer nicht, da helfe er sich in dieser Weise, und es

gehe mit dem Verfahren ganz gut.

Doch damit sei es genug der Einzelheiten aus dem unerschöpflichen

Schatz des höheren und niederen Volkstums. Angesichts dieser schier

unübersehbaren Fülle von Erscheinungen, wie sie sich mir drunten

im Tiefland und nun seit fünf Wochen hier oben auf der Kante des

Makondehochlandes Tag für Tag aufgedrängt haben, komme ich mehr und

mehr, auch auf Grund meiner eigenen Forscherpraxis -- aus den Schätzen

unserer ethnographischen Museen und der völkerkundlichen Literatur weiß

ich dies schon lange --, zu der Überzeugung, daß kaum ein Ausdruck

so verfehlt und falsch ist wie der Ausdruck Naturvölker. Freilich

sie alle, die Indianer und die Eskimo und die Hyperboräer und die

Neger und viele Süd- und Südostasiaten, die Mehrzahl der Malaien,

die Ozeanier und die Australier, sie alle leben zweifellos inniger in

und mit der sie umgebenden Natur als wir, die wir uns lediglich von

Kultur umgeben wähnen. Aber hat in Wirklichkeit jede einzelne dieser

von uns so hochmütig über die Achsel angesehenen Menschheitsgruppen

nicht auch Kultur, und zwar genau so ihre eigene Kultur wie wir die

unsere? Setzt sich, um gleich beim Nächstliegenden zu bleiben, das

materielle und das geistige Leben meiner Neger hier im Stromgebiet des

Rovuma nicht auch aus tausend und tausend Einzelzügen zusammen, die

untereinander nicht viel weniger differenziert sind als unsere eigenen

Lebensbetätigungen? Allerdings, dem Neger bringt sein Hackbau, bringt

seine Technik nicht jene Summe von Lebensannehmlichkeiten, wie sie

der wohlsituierte Weiße von heute für sich in Anspruch nimmt; aber

leben manche Teile der Landbevölkerung selbst im deutschen Vaterlande

denn nicht ebenso schlecht und vielleicht noch schlechter als diese

Barbaren, denen freilich das schreckliche Odium anhaftet, nicht einmal

ihren Namen schreiben zu können! Ich bin wahrlich sehr weit davon

entfernt, diese sogenannten Naturvölker mit allem ihrem Tun und Lassen

durch eine rosige Brille zu betrachten; aber wenn ich in Betracht

ziehe, daß die ungeheuren Errungenschaften, wie sie die Erfindung

der Buchdruckerkunst, das Zeitalter der großen Entdeckungen und die

Reformation im Gefolge gehabt haben, doch allem unserm Hochmut zum

Trotz in Wirklichkeit nur einem geringen Bruchteil der weißen Rasse,

gleichsam einer nicht einmal lückenlosen Schicht, veredelnd in Fleisch

und Blut übergegangen sind, dann komme ich immer wieder auf meine

Ansicht zurück: nein, wir sind durchaus nicht die alleinigen Pächter

der Kultur. --

Du aber, Newala, mit deinem brausenden Abendsturm, deinen kühlen

Morgenstunden, deinen Sandflöhen und deinem so lehrreichen

Völkergemisch, lebe wohl! Die langen Wochen meines Verweilens in

deinem Palisadenzaun haben mir Arbeit über Arbeit gebracht, Tag für

Tag rund das Doppelte an Zeit von dem, was unsere demokratischen

Apostel im hetzenden und gehetzten fernen Uleia für den vierten Stand

erträumen, erhoffen und fordern; und gerade darum bist du mir lieb

und wert geworden. Ohne Fleiß kein Preis! Morgen beim grauenden Tag

heißt es dich verlassen. Ob mir hier auf den Höhen dieses merkwürdigen

geologischen Gebildes, Makondeplateau genannt, noch viel zu tun bleiben

wird, ich weiß es nicht und ich ahne es nicht, doch auch die Zukunft

soll mich zu jeder Forscherarbeit gerüstet finden.

[Illustration: Rast meiner Soldaten in Hendereras Dorf auf dem

Makondehochland (s. S. 408).]

Siebzehntes Kapitel.

Wiederum zum Rovuma.

Am +Rovuma+, 23. Oktober 1906

etwa 39° 40′ östl. Länge.

Von den mehr als 700 Meter Seehöhe Newalas habe ich mich auf höchstens

60 Meter erniedrigt, dafür aber lasse ich statt der 24 bis 25 Grad

Mittagstemperatur dort auf dem hohen Westrande des Makondeplateaus

deren augenblicklich 36 über mich ergehen. Es ist schrecklich heiß hier

in dem baumartigen Gestrüpp, in dem wir notgedrungen unser Lager haben

aufschlagen müssen; und das trotz der unmittelbaren Nähe der Fluten

meines alten Freundes, des großen Rovuma. Wie hatte mir sein breites

Bett so oft zu dem Plateaurande von Nchichira heraufgewinkt, nach

Süden in gerader Linie abgeschlossen durch die gewaltige, keilförmige,

glitzernde Fläche des großen Nangadisees, rechts, mehr nach Südwesten

zu, flankiert von dem kleineren Lidedesee. Doch ich muß wohl auch hier

chronologisch verfahren, um verstanden zu werden.

Der frühe Morgen des 11. Oktober war ebenso neblig, rauh und kalt wie

alle seine Vorgänger, doch in unseren Augen glich er ihnen nicht im

mindesten. Das Schauspiel der ausgelassensten Freude, wie es mir meine

Leute beim Aufbruch von Chingulungulu geboten hatten, wiederholte sich

hier in womöglich noch gesteigertem Grade; Newala war für die armen

Kerle ja in der Tat alles andere als ein Kapua gewesen. Selbst Pesa

mbili II., ein sonst sehr behäbiger, wohlbeleibter Manyema, ist ganz

schlank geworden. Als ich ihn gestern fragte: „~Tumbo lako wapi?~

Wo ist dein Bauch?“, da antwortete er mit traurigem Blick auf die

Stelle verflossener Herrlichkeit: „~Tumbo limekwenda, bwana~,

fort ist er gegangen, der Bauch, Herr.“ ~Tumbo limekwenda~

kann übrigens auch ich sagen, desgleichen Freund Knudsen; unsere

Khakigewänder schlottern nur so um unser kärgliches Gebein.

Für meine weiteren Makondestudien konnte lediglich Mahuta in Frage

kommen. Mahuta ist nicht nur der politische Mittelpunkt des ganzen

Hochlandes, in dem hier als oberster Verwaltungsbeamter der Wali

residiert, sondern auch geographisch ist es für meine Zwecke äußerst

dienlich gelegen. Straßen führen von hier nach allen Richtungen, ich

kann also leicht zu allen Eingeborenen gelangen, oder, was bequemer

und besser sein wird, die Schwarzen werden zu mir kommen können. Doch

einstweilen winkte mir ein anderes Ziel: der Südrand des Plateaus mit

einer Enklave von Wangoni.

Über diese Wangoni hatte ich bereits seit Lindi das Mannigfaltigste

zu hören bekommen; selbstverständlich sollten sie Brüder und

Stammesgenossen der gleichnamigen Kaffernvölker oben am Ostufer des

Nyassa sein. Sie seien bei einem der vielen Raubzüge, durch welche

diese Kaffernvölker, sei es unter dem Namen der Masitu oder Mafiti oder

Magwangwara oder Wamatschonde oder Wangoni, seit den 1860er Jahren

den ganzen Süden von Deutsch-Ostafrika zu einer mehr oder minder

menschenleeren Wüste umgestaltet haben, durch den tapfern Gegenangriff

der Yao unter Matola I. vom Haupttrupp abgesprengt und in den

Bezirk von Nchichira auf der Südkante des Makondeplateaus verschlagen

worden. Nils Knudsen wußte sogar noch viel mehr; prachtvolle große

Kriegergestalten seien es, die in jeder Beziehung himmelhoch über ihren

gegenwärtigen Nachbarn und selbst noch über seinen geliebten Wayao

ständen. Und wenn ich endlich einmal wirklich geschlossene Dörfer sehen

wolle, Haus an Haus, mit schönen Straßen dazwischen, dann müsse ich

nach Nchichira gehen. „Werde ich auch, aber Sie gehen natürlich mit.“

Das hat sich der brave Nils nicht zweimal sagen lassen; Rovuma und

Elefantenjagd sind für ihn zwei untrennbare Begriffe; ich glaube, er

würde stracks bis zum mittleren Kongo laufen, wenn ihm einer sagte,

dort stehe ein großzahniger Elefant. Aber er schießt auch gut, trotz

seiner recht klapprigen Donnerbüchsen.

Also erst Nchichira und die Wangoni, dann, als Nachtisch zum ganzen

Forschungsdiner, noch einige Wochen Mahuta. Damit, denke ich, wird es

genug sein des grausamen Spiels; schon jetzt bekomme ich ab und zu

gelinde Anwandlungen von wissenschaftlicher Übersättigung, und ich

fürchte, wenn es mit dem Zuströmen neuer Eindrücke so weiter geht, wird

meine Aufnahmefähigkeit eines schönen Tages doch einmal versagen.

Unser Weg von Newala bis Nchichira hat uns über Mahuta geführt. War

das ein bequemes Marschieren! Hätte ich nicht mein bewährtes altes

Maultier gehabt, ich hätte mir tatsächlich ein Fahrrad wünschen mögen;

selbst ein Auto hätte auf diesen Wegen ungehindert fahren können. Kein

steiler Berg und kein schroff eingerissenes Erosionstal; dafür eine

sanft und fast unmerklich nach Osten abfallende Ebene, in ihrer ganzen

Ausdehnung von dichtem Busch bestanden; aus diesem die ausgedehnten

Felder der fleißigen Makonde ausgespart; für den Wanderer endlich

aufs beste zugerichtet breite, manchmal kilometerlang schnurgerade

gehauene Straßen. Auch hier haben die Makonde diese breiten Barrabarra

keineswegs aus eigenem Interesse an einem verbesserten Verkehrswesen

hergerichtet, es hat vielmehr auch in diesem Teil des Landes eines

sehr starken Druckes von Lindi aus bedurft; aber dafür entsprechen

nun diese Wege bei einer Breite, die fast überall einer Sektion,

stellenweise sogar einem Halbzuge das Marschieren gestattet, jedem

strategischen Zwecke. Nur der lockere tiefe Sand ist geeignet, die

Freuden des Wanderns herabzumindern; er findet sich Gott sei Dank nicht

überall, sondern nur an den tiefergelegenen Stellen des Weges, wohin er

von der Höhe herabgeflossen ist; dort ist er schier unergründlich.

Negerleben in Ostafrika · 第 31 / 40 段