Im Gebiet des bärtigen Susa sitzen die Masimbo. Diese haben ihren Namen

von den Fallgruben (Kiyao: ~lisimbo~, Plural: ~masimbo~), in

denen ihre Vorfahren das Wild fingen. Bei Mwiti sitzen die Amiraji.

Ihren Namen führen die Angehörigen dieser Sippe auf die Art ihrer

ursprünglichen Wohnsitze zurück; diese hätten in bambusreichen Gebieten

gelegen (~mlasi~, der Bambus). Eine Yaosippe sind auch die

Achingalla; sie leiten ihren Namen von der Ngalla her, einer Muschel im

Rovuma und seinen Nebenflüssen, deren Schale noch heute als Eßlöffel

gebraucht wird; den Namen aber hat die Sippe deswegen, weil sich die

Urväter vorwiegend von dem Tier selbst genährt haben.

In die gleiche Kategorie wie die Achingalla gehört die Makuasippe der

Wamhōle; ihre Vorfahren haben sich vom ~mhole~, dem wilden

Maniok, einer auch noch heute in Zeiten der Not gegessenen Waldwurzel,

genährt. Die Makondesippe der Nambunga führt ihren Namen auf den Genuß

der Bambusfrüchte, ~nambunga~, seitens ihrer Vorfahren zurück; die

Wantanda hatten vordem die Gewohnheit, das Fleisch des erlegten Tieres

in lange Streifen (~nantanda~) zu schneiden. Die Wamunga sind

Reispflanzer; die Voreltern der Alamande haben sich von einer kleinen

Heuschrecke dieses Namens genährt; die Wutende schließlich sind Leute,

die im ganzen Lande berühmt sind wegen einer Eigenschaft, die wir

gerade beim Neger so wenig vermuten: weil sie immer und unausgesetzt

arbeiten (~kutenda~), heißen sie Wutende.

In das Eherecht dieser Sippen sich hineinzudenken, ist selbst im

kühlen Uleia nicht ganz leicht. Hier im tropischen Afrika mit seinem

ewigen Wechsel von heiß und kalt ist es eine für mich schier unlösbare

Aufgabe, den Ausführungen des alten Mponda, meines Hauptprofessors für

bürgerliches Recht, zu folgen. Es geht uns doch auch gar zu sehr gegen

den Strich, wenn man folgendes zu hören bekommt: Ist der Makondeknabe

beschnitten, so kehrt er nicht in das Elternhaus zurück, sondern

verbleibt bei seinem Oheim mütterlicherseits. Dort hat er weiter nichts

zu tun, als heranzuwachsen und gleichzeitig das Heranwachsen seiner

Basen zu erwarten. Ist aber der Onkel nicht im glücklichen Besitz von

Töchtern, so wartet der geduldige Neffe zunächst deren Geburt ab;

ist diese erfolgt, so geht das Warten noch lustig weiter. Das heißt,

müßig darf der junge Mann in seiner „Pension“ nicht sein, sondern er

muß tüchtig arbeiten, einem Jakob gleich, der um Rahel sieben lange

Jahre diente. Endlich ist das Ziel erreicht, die Base ist groß und

heiratsfähig; dann geht der mittlerweile recht verständig gewordene

Heiratskandidat hin, erwirbt um eine Rupie Zeug, gibt dies dem Oheim

und führt die Braut heim. Wegziehen darf er auch jetzt noch nicht,

sondern er verbleibt in der Nähe des Oheims und dient ihm gleichsam

als Höriger weiter. Nun bekommt er selbst Familienzuwachs, sagen wir

einen Sohn. Nach Mponda muß dieser Sohn wiederum eine Base heiraten,

und zwar die Tochter der Schwester seines Vaters. In Mpondas lapidare

Worte gekleidet, lautet dieses Gesetz folgendermaßen: „Habe ich eine

Schwester, und die hat eine Tochter, ich aber habe einen Sohn, so kann

dieser Sohn jenes Mädchen heiraten; habe ich aber einen Bruder, und der

hat eine Tochter, ich aber habe einen Sohn, so kann dieser Junge seine

Base nicht heiraten, denn sie ist ~numbŭ́we~, seine Schwester.“

Wir haben das junge Mädchen verlassen in dem Augenblick, wo es, dem

Chiputu mit seinen monatelangen Formalitäten und Festen entronnen, in

die Zahl der Wissenden aufgenommen worden ist. Nach einigen meiner

Gewährsmänner soll die Verheiratung des Kindes sehr bald nach diesem

Zeitraum erfolgen, jedenfalls noch vor dem Zeitpunkt, mit dem wir in

Europa die Mannbarkeit beginnen lassen, vor der ersten Menstruation. Ob

dem so ist, kann ich nicht kontrollieren; uns interessiert an dieser

Stelle auch weit mehr die weitere Behandlung des jungen Weibes selbst,

um so mehr, als diese Behandlung wieder Parallelen in einer ganzen

Reihe von Gebieten der Erde besitzt. Genau wie an der ganzen Küste von

Unterguinea, in Loango, am Gabun und Ogowé, sodann in verschiedenen

Teilen Melanesiens, wird das Mädchen auch hier für einige Tage in

eine besondere Hütte gebracht, wo es vollkommen allein bleibt; die

Freundinnen kommen zwar an die Hütte heran, sie trillern und tanzen,

daß es eine Art hat, halten sich aber sonst fern. Dafür beginnen jetzt

die Mutter, die Lehrerin und die anderen weisen Frauen einen sehr

eindringlichen Kursus von Verhaltungsmaßregeln: fern müsse sie sich

von jedem halten, auch auf Reinlichkeit sehen, müsse baden und sich

waschen, aber vor allem mit niemandem zusammenkommen. Dies wird immer

und immer wiederholt; dabei wird ohne Unterlaß gegessen, gesungen und

getanzt.

Auch bei der ersten Schwangerschaft der jungen Frau werden verschiedene

Feste gefeiert. Im Grunde genommen sind diese jedoch nur der angenehme

Rahmen für einen Haufen von Verhaltungsmaßregeln und Verboten, die

wieder aus dem Munde der älteren Frauen auf das mehr oder minder

ahnungslose junge Wesen herniederregnen. Im fünften Monat rasiert man

ihr zunächst den Kopf; nach einem weiteren Monat rüsten die Frauen

für sich selbst ein Fest, für die Schwangere aber röstet man Mais und

zerstampft ihn, nachdem man die Körner im Wasser hat quellen lassen;

den entstandenen Brei schmiert man der jungen Frau auf den Kopf.

Jetzt geht der Ehemann in den Busch, mit ihm eine nahe Verwandte

seiner Frau. Der Mann schickt sich an, in der uns bekannten Weise

Rindenstoff herzustellen, die Verwandte aber entkleidet sich bis auf

einen ganz kleinen Schurz. Und sitzt dann der Mann über seinem Baum

und hämmert auf den werdenden Stoff, so singt das Mädchen im Takt

dazu: „~Nalishā́nira wozēwa neakutĕnde.~“ Den fertigen Stoff

bestickt man mit Perlen, dann hängt ihn die Lehrerin ihrem Schützling

als Amulett um den Hals; ~mare ndēmbo~ heißt dieser Talisman,

~mare ndembo~ heißt von jetzt ab auch die Schwangere.

[Illustration: Wiedergabe eines aufgenommenen Eingeborenenliedes durch

den Phonographen.]

Der nächste Morgen versammelt wieder alle Leute zu Tanz, Gesang und

Händeklatschen; darein mischt sich natürlich der unvermeidliche hohe

Frauentriller, ohne den keine frohe Stimmung, kein freudiges

Geschehnis denkbar ist. Doch nicht alle nehmen an dieser Freudigkeit

teil; von der Menge abgesondert, umstehen die weisen Frauen und die

Lehrerin das junge Weib.

„Du darfst nicht,“ so erschallt es aus dem zahnlosen Munde einer der

Alten, „auf den Matten anderer Leute sitzen, denn das würde dir und dem

Kinde, das du erwartest, schaden, du würdest eine Frühgeburt haben.“

[Illustration: Frau aus dem Makondestamm.]

„Du darfst nicht,“ tönt es hinter dem Holzblock hervor, der den Mund

der nächsten Sprecherin in riesiger Ausdehnung überdeckt, „du darfst

nicht mit Freunden und Freundinnen verkehren, auch das würde deinem

Kinde schaden.“

„Du darfst von jetzt ab nur noch wenig ausgehen,“ rät ihr die dritte,

„zeige dich möglichst nur deinem Mann allein, denn sonst möchte

dein Kind später einem anderen ähnlich sehen. Wenn du aber einmal

ausgehst,“ fährt dieselbe Beraterin fort, „dann mußt du allen Leuten

weit ausweichen, denn schon der Dunst dieser Leute möchte deinem Kinde

schaden.“

Es steckt ungemein viel in diesen Warnungen und Verhaltungsmaßregeln.

Uns Europäern ganz geläufig ist die Furcht vor dem Versehen; die

Schwangere darf nichts Schreckhaftes sehen und soll auch sonst

möglichst keine andere Physiognomie als die des eigenen Mannes auf sich

wirken lassen. In allen übrigen Vorschriften kehrt das wieder, was man

vielleicht Analogiezauber nennen könnte: schon die Möglichkeit, in den

Dunstkreis von Leuten zu geraten, die vorher geschlechtlich miteinander

verkehrt haben, bringt das werdende Menschenkind in Gefahr.

Aber damit noch nicht genug; jetzt folgt erst die Hauptsache.

„Du darfst fortan keine Eier mehr essen,“ beginnt eine babybehaftete

jüngere Frau mit glattrasiertem Langschädel, „denn sonst wird dein Kind

keine Haare bekommen.“

„Iß auch kein Affenfleisch,“ pappelt auch schon eine andere mit

zitterndem Pelele dazwischen, „denn sonst wird dein Kind auch so albern

wie ein Affe.“

„Iß auch nicht, was vom Vortage in deinem Kochtopf übrig geblieben ist,

denn sonst wird dein Kind krank“, fällt die dritte ein.

Jetzt wendet sich die Belehrung wieder einer anderen Richtung zu:

„Gehst du in die Schambe oder zum Brunnen, und es grüßt dich jemand,

so danke ihm nicht, und sage ihm auch nicht Lebewohl, denn sonst

würdest du lange auf die Geburt deines Kindes warten müssen“, rät

ihr eine ganz Alte mit sicher sehr viel Erfahrung; eine Jüngere aber

fällt wiederum ein: „Wenn dir etwas daran liegt, daß dein Kind ein

ordentliches, dichtes Kraushaar bekommt, so höre fortan auf, deine

Schamhaare zu rasieren.“ Das ist nämlich sonst allgemeine Sitte im

Lande, ebenso wie ja auch der Kopf gern völlig glatt getragen wird. Den

Schluß des ganzen inhaltreichen Kollegs, das im Gegensatz zu unserem

Hochschulbetrieb von vielen Dozenten, oder, der beim Neger bereits

gelösten Frauenfrage entsprechend, von vielen Dozentinnen auf nur

eine einzige unglückselige Hörerin herniedergeplappert worden ist,

macht die sehr ernsthaft ausgesprochene Warnung, einstweilen unter

keinen Umständen mit anderen Männern zu verkehren, denn dann würde sie

unfehlbar sterben; wenn aber ihr Mann sich etwa vergäße und ein anderes

Mädchen berühre, dann würde sie abortieren und hinterher sterben; sie

solle also gut zu ihrem Manne sein und ihm schönen Ugali kochen.

Damit ist endlich das letzte Wort gesprochen. In dem unnachahmlichen,

eigentümlich drehenden Gang der Negerin, der sich nicht mit Worten

beschreiben läßt, eilen die Beraterinnen, so schnell es ihre Würde

zuläßt, auf den Festplatz zu den übrigen. L-l-l-l-l-l-l-l-l schwirrt

im gleichen Augenblick auch schon der bekannte hohe Trillerton durch

die Luft; die Trommeln, von nerviger Männerfaust geschlagen, setzen

von neuem ein; eine gewaltige Staubwolke erhebt sich über dem Ganzen,

alles ist in Bewegung und voll echter, des sonstigen Elends gänzlich

unbewußter Negerlust. Nur eine sitzt stumm und still dabei, die

junge Frau; ihr ist die Teilnahme an diesem Fest gänzlich untersagt,

dem soeben empfangenen Lehrkanon zufolge. Ihre braunen Augen, die

verdienten, schön genannt zu werden, störte nicht das unreine, von

gelblichbraunen Flecken durchsetzte Weiß den Eindruck, schauen sinnend

auf ein und denselben Punkt; ob sie wohl der schweren Stunde gedenkt,

der sie in wenigen Monaten entgegensieht? Das alte Bibelwort: „Mit

Schmerzen sollst du Kinder gebären“ gilt ja auch für die schwarze

Rasse. Aber gleichwohl, ich für meine Person glaube nicht, daß das

junge Ding in solche Fernen vorausschaut; dies liegt an sich schon

nicht im Wesen der Jugend, die Zukunft Afrikas aber hat erst recht

keine Veranlassung, mit Sorgen in die Zukunft zu schauen. O du

glückliche Negerrasse, wie beneidenswert bist du in deiner Fähigkeit,

nur dem Heute zu leben und dem Morgen seine Sorgen ganz und ungeteilt

allein zu überlassen! Heute ist heut, das ist deine Devise.

[Illustration: Grabbäume an der Boma von Newala (s. S. 398).]

Sechzehntes Kapitel.

Schlußzeit in Newala.

+Newala+, 10. Oktober 1906.

„Morgen muß ich fort von hier und muß Abschied nehmen.“ ~Africa

non cantat~, habe ich immer geglaubt. Der unmusikalische Nils

ist niemals über die Anfangsworte seiner nordischen Nationalhymne

hinausgekommen, während ich, und zwar stets nur beim Anblick von

Mambo sasa, lediglich das Thema: „Das ist nun mal so Sitte“ aus der

„Fledermaus“ flötend habe variieren können. Doch heute, nach so vielen

Wochen Newala, da habe auch ich mich endlich zu einem wirklichen

deutschen Kantus emporzuschwingen vermocht. Die Stimme war von dem

langen Schweigen doch etwas eingerostet.

~A propos~ Fledermaus. Ich muß auch in bezug auf sie einer

Art Ahnung gefolgt sein, indem ich in Berlin meinen fünf Dutzend

unbespielten phonographischen Aufnahmewalzen ein ferneres halbes

Dutzend bespielte beifügte, mit denen ich den grimmen Sinn der

afrikanischen Wilden zu besänftigen gedachte. An der Auswahl dieser

sechs Musikstücke bin ich gänzlich unschuldig, ich habe sie derselben

Verkäuferin überlassen, die mir die Zusammenstellung des übrigen

phonographischen Instrumentariums besorgt hat. Ob die betreffende junge

Dame eine genaue Kennerin der Negerpsyche gewesen ist, oder worauf

sie sonst ihre Auswahl gegründet hat, ich weiß es nicht, Tatsache

aber ist es, daß zwar nicht alle sechs, wohl aber die größere Hälfte

dieser Walzen ungeheuer gefällt. Ein amerikanischer Marsch macht

mit Recht keinerlei Eindruck; auch ein Liederpotpourri fesselt mein

schwarzes Publikum nur wenig; es scheint sich nichts dabei denken zu

können. Dann folgen in dem Programm, dessen Aufstellung ich stets Nils

Knudsen überlasse, schon damit er endlich einmal mit dem Phonographen

umzugehen lernt, „Die beiden kleinen Finken“. Verständnisvoll leuchtet

da und dort ein Augenpaar auf, wenn das Vogelgezwitscher anhebt, und

blitzende Gebisse zeigen sich hinter der brusthohen Lehmwand, die den

Innenraum unserer Barasa von dem Außengang abschließt. Und dann kommt

„Der Specht“. Mit tiefem Bierbaß hallt es aus dem Trichter heraus: „Der

Spächt, Xylophonsolo des Herrn Müller, Original-Columbiawalze.“ Mit

förmlich aufgerichteten Ohren, fast fieberhaft erregt, beugt sich die

ganze schwarze Gesellschaft über den Rand; nur die Alten, Erfahrenen,

die schon an der Küste gewesen sind und daher das Recht haben, blasiert

zu erscheinen, markieren ein verständnisvolles Lachen. Doch dieses

Lachen verstummt, sobald die wirklich reinen, von keinem Nebengeräusch

entstellten Töne meines Apparates die unverkennbaren Laute gerade des

Xylophons aufs treffendste vortäuschen. Man merkt, die Leute haben

doch etwas Gehör und empfinden die Harmonie der Töne vielleicht so

wohltuend wie wir. Und zudem: diese Töne sind ihnen ja durchaus nichts

Fremdes, denn das Mgoromondo, das uns bereits bekannte Strohxylophon,

hat genau die gleiche Klangfarbe. So strahlt denn auch, wenn zum Schluß

das Klopfduett einsetzt, alles an den Leuten: die Augen, die Zähne,

das ganze Gesicht, ja der ganze Kerl, denn immer enger haben sie sich

aufeinandergepreßt, und kühl ist es zur Stunde gerade auch nicht.

„Die Schmiede im Walde“ bringt kaum eine Steigerung des negroiden

Lustgefühls; sichtlich ist dieses Gefühl außerordentlich groß und

ganz allgemein, aber der Schmied ist ihnen ja etwas Alltägliches, und

den Hammertakt mit seinem Rhythmus kennen sie so gut wie wir. Doch

nun das Bravourstück. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß, wenn ein

Weißer in langer Abgeschlossenheit und unter Wilden von der Höhe des

Kulturmenschen mehr oder minder herabsinkt, das Bestreben, wieder

emporzuklimmen, sich zuerst auf musikalischem Gebiet geltend macht.

Nils Knudsen kann die „Fledermaus“ siebzehnmal hintereinander hören

und hat immer noch nicht genug; das sei wahre, echte Musik, meint

er, und zieht den Apparat von neuem auf. Auch den Schwarzen gefallen

die kecken, frischen Weisen außerordentlich, und wenn es nun gar die

Stimmung des Augenblicks will, daß ich mich zu ein paar Polka- oder

Walzertakten hinreißen lasse und mit meinen 180 Pfund, einer Elfe

gleich, um den Phonographentisch schwebe, dann ist das Entzücken der

Hörer unbeschreiblich. Das ist dann aber auch der richtige Augenblick,

wo ich in den Stand gesetzt werde, den Spieß umzudrehen und nunmehr

die Herren Schwarzen als Akteure auftreten zu lassen. Die hiesigen

Eingeborenen sind in dieser Richtung verwünscht unzugänglich; schon die

Männer sind nur in der auf solche Weise herbeigeführten Ekstase vor den

Trichter zu bringen, von den Frauen ganz zu schweigen; diese sind wie

der Wind davon, wenn man sie einmal haben will.

Auch die Männer sind mir hier oben in Newala einmal eine Zeitlang

weggeblieben. Ich saß schon ziemlich tief in meinen Sprachaufnahmen,

in die ich mich in den letzten Wochen immer mehr verrannt habe, so

daß mir meine wachsende Vereinsamung zunächst nicht auffiel. Erst als

Knudsen und ich kaum noch etwas anderes zu Gesicht bekamen als die

Gestalten meiner drei Sprachmenschen, des Akiden Sefu, des Yaolehrers

Akuchigombo, zu deutsch: Herr Zahnbürste, und seines Adjunkten, des

Makualehrers Namalowe, zu deutsch: Herr Echo, da wurde es mir immer

klarer, daß ein mir einstweilen noch verborgener Umstand die Ursache

für dieses „Geschnittenwerden“ seitens der Eingeborenen sein müsse.

Weder Sefu noch die beiden Lehrer konnten oder wollten uns aufklären.

Herr Echo war erst seit kurzer Zeit am Ort, um unter der Leitung seines

älteren Kollegen in die Geheimnisse der englischen Missionspädagogik

eingeführt zu werden; er war somit entschuldigt. Aber daß auch die

beiden anderen auf meine Anfragen ewig nur die gleiche Antwort „~si

jui~, ich weiß nicht“ hatten, erboste mich doch sehr. Indessen

auch ihnen gegenüber mußte ich mir sagen: sie sind landfremd, Sefu

ist Küstenmann und ist als Akide ganz wie bei uns wahrscheinlich mehr

gefürchtet als beliebt, Herr Zahnbürste aber gilt schon auf Grund

seines hohen Bildungsgrades als außerhalb der Menge stehend; er hat

Sansibar gesehen, hat also sozusagen studiert und schwebt als Lehrer

der Missionsjugend hoch über dem gemeinen Volk der Analphabeten. Diese

Missionsschule bildet nebst einer verrosteten Brunnenröhre und einer

kleinen Kirchenglocke, die nach Landessitte hoch oben aus dem ersten

besten Baum ihren hellen Ton über das afrikanische Pori erschallen

läßt, die letzte Erinnerung an die alte, blühende Missionsstation

Neu-Newala.

Erst vor wenigen Tagen ist uns die Aufklärung über unsere Vereinsamung

geworden; Knudsen hat das Nähere aus dem Munde eines alten Freundes

aus dem Tieflande erfahren. Die Aufklärung lautet für uns Europäer

wundersam genug, ist aber echt afrikanisch. Danach gelte ich

gegenwärtig in den Augen der Eingeborenen weit und breit als großer

Zauberer.

„Habt ihr’s nicht gesehen,“ so spricht nach dem Bericht jenes schwarzen

Zwischenträgers ein mir dem Namen nach einstweilen noch unbekanntes

Individuum zu seinen Landsleuten, „habt ihr es nicht gesehen, wie der

weiße Mann euch eurer Kleider beraubt und wie er euch zu völlig nackten

Menschen macht? Ich weiß es ganz genau; wenn er unter sein großes

schwarzes Tuch kriecht, dann geschieht dieser Zauber. Ihr steht da,

mit euren Kleidern angetan, doch wenn der weiße Mann dann am nächsten

Tage, nachdem er am Abend stundenlang in seinem Zelt gestanden und mit

viel Daua hantiert hat, seine Bilauri, seine Gläser, ordnet, dann seid

ihr auf diesen Platten ganz nackend. Und wenn ihr unklug genug seid,

euch vor die andere Maschine zu stellen, dann nimmt der weiße Mann euch

sogar eure Stimme. Er ist ein großer Zauberer, und seine Medizinen

sind stärker als selbst unser Chissangu. Wir haben Krieg gemacht gegen

die Wadachi, gegen die Deutschen, aber was sind wir für Toren gewesen,

gegen dieses Volk zu fechten; denn dieser weiße Mann ist auch ein

Deutscher!“

So also spiegeln sich im Geist der unberührtern Buschbevölkerung

unsere doch wirklich recht harmlosen ethnographischen Arbeitsapparate

wider. Ich gestehe gern, daß die Komik meiner Situation und meiner

Rolle einstweilen weit das Ärgerliche meiner sonstigen Lage übertraf,

und herzlich haben wir beiden weißen Männer erst einmal über den

ganzen Fall gelacht. Daß der Phonograph den Leuten mehr oder weniger

unheimlich gewesen war, kam mir erst jetzt zum Bewußtsein; der Apparat

hatte stets so gestanden, daß die Zuschauer nur den Trichter und die

glatte Vorderseite sehen konnten; die rotierende Walze war ihnen stets

unsichtbar geblieben. Die Leute hatten wohl gesehen, daß Knudsen oder

ich irgendeine Manipulation vorgenommen hatten, aber welcher Art der

ganze Vorgang war, davon hatte sich keiner ein Bild machen können.

Daher denn wohl auch die Steigerung des Unerklärlichen zum Unheimlichen

und meine Beförderung zum stimmenraubenden Zauberer. Rühmend will ich

übrigens an dieser Stelle des edlen Susa erwähnen; er hat einmal, aber

doch auch erst, nachdem ich den Zauber auf andere Weise gebrochen

hatte, einen günstigen Augenblick benutzt, ist um den Apparat

herumgegangen und hat die rotierende Walze gesehen. Seitdem ist für

diesen intelligenten Mann und für den einsichtigern Teil seines Anhangs

der Phonograph eine ebenso harmlose Maschine wie alles andere auch, was

der weiße Mann aus dem fernen Uleia ins Land bringt.

In bezug auf meinen Entkleidungszauber habe ich selbst sehr energisch

eingegriffen. Durch sehr wirkungsvollen Zuspruch haben wir ein paar

schwarze Männer und Weiber vor die Kamera gestellt, haben sie getypt

und das Verfahren bis zur fertigen Ausichtspostkarte durchgeführt.

„Nun, seid ihr etwa nackt auf dem Bilde hier, oder habt ihr eure

Kleider an? Und sind das nicht dieselben Kleider wie ihr sie dort an

euren schwarzen Leibern tragt?“ Halb ängstlich, halb verblüfft ob

des nie Gesehenen haben Männlein und Fräulein das Wunder des Bildes

angestaunt; dann sind sie alle mit ihren Konterfeis davongezogen,

nachdem sie noch die ernsthafte Weisung mit auf den Weg bekommen

hatten, nun aber auch jedermann zu sagen, daß der weiße Mann durchaus

kein Zauberer sei und daß er keinen Schwarzen seiner Kleidung beraube,

sondern daß die Leute auf den Bildern genau so angezogen seien wie in

Wirklichkeit! Das hat denn auch geholfen, und heute strömt das Volk

genau so vertrauensvoll herzu wie in den ersten Wochen.

Im Grunde genommen könnten die Leute sich dieses Kommen ersparen, denn

ich brauche sie nicht mehr; was sie mir an ethnographischen Dingen

bringen, ist das gleiche wie das schon hundertmal in meinem Besitz

Befindliche; beim Photographieren aber springt auch nichts Besonderes

heraus, denn es ist immer derselbe Typ, dieselbe Narbenverzierung,

derselbe Lippenpflock. So paßt es ganz gut, daß ich den größten Teil

meiner Zeit den Sprachaufnahmen widmen kann, den kleineren Rest aber

der zwanglosen Beschäftigung mit volkskundlichen Dingen, wie sie sich

bei Ausflügen in die Umgebung in der Regel ganz von selbst ergeben.

Negerleben in Ostafrika · 第 30 / 40 段