Das Unyago des jungen Mädchens ist eine wahre Stufenleiter von Kursen.

Ich betone absichtlich das Wort Kursus, denn tatsächlich besteht hier

nichts, was an einen chirurgischen Eingriff erinnert, mit nur einer

einzigen Ausnahme, bei den Makuamädchen nämlich. Eine allen Stämmen

gemeinsame Einrichtung ist es, daß auch jedes Mädchen beizeiten ihre

Führerin durch das Unyago bekommt, eine Freundin gleichzeitig für das

ganze Leben. Unter der Leitung dieser älteren Frauen und Mädchen macht

die Schar der Novizen zunächst einen Lehrgang durch, der inhaltlich

ganz dem der Knaben entspricht: die Kinder werden rückhaltlos über

alle Geschlechtsverhältnisse aufgeklärt und müssen alles lernen, was

sich auf das spätere Eheleben bezieht; dazu müssen sie auch lernen,

was die Sitte im Verkehr mit den Stammesgenossen und vor allem mit

den Familienmitgliedern vorschreibt. Das ist bei Yao, Makonde und

Matambwe einstweilen alles; für die Makua tritt noch ein anderes

hinzu: bei ihnen erfolgt wirklich eine Art körperlicher Eingriff.

Ich habe es zunächst nicht glauben wollen, bis ich mich schließlich

durch mehrfachen Augenschein habe überzeugen können: ganz systematisch

müssen die heranwachsenden Mädchen die ~labia minora~ verlängern

bis zur Größe von 7 bis 8 und mehr Zentimetern. Der Endzweck der

ganzen Maßnahme ist erotischer Natur. Auch bei den andern Stämmen ist

nach meinen Gewährsmännern diese merkwürdige Sitte im Schwange, doch

ist es mir bisher noch nicht gelungen, sie bei Anhörigen von ihnen

zu Gesicht zu bekommen. Schon bei den Makuafrauen war dies schwer

genug; erst durch die geschickte Ausnutzung der Lage habe ich Erfolg

gehabt. In Newala verbüßten ein paar Frauen eine Art Schuldhaft; ihre

Männer waren die Hüttensteuer schuldig geblieben, die nun von den

Frauen abgearbeitet wurde. Ich erbot mich, die wenigen Rupien in bar

zu erlegen gegen das Recht, die beiden Individuen „im Naturzustande“

photographieren zu dürfen. Zunächst gingen beide unter Lachen auf den

Handel ein, später aber wurden sie schamhaft; ich habe sie schließlich

noch im frühen Morgennebel in unserer dunkeln Barasa auf die Platte

bannen müssen.

Eröffnungs- und Schlußfest begleiten auch diesen ersten Unyagokursus

der Mädchen. Daß es dabei ebenfalls hoch hergeht, habe ich an allen

drei Orten, wo ich das Chiputu oder Echiputu durch meine Gegenwart zu

verherrlichen Gelegenheit gehabt habe, persönlich verfolgen können. Der

Durst ist bei dem vielen Tanzen erklärlich!

Knabe und Mädchen werden nun allmählich heiratsfähig; ich habe mich

immer wieder bemüht, das Heiratsalter für beide Geschlechter wenigstens

annähernd festzustellen, es ist mir jedoch nicht recht gelungen. Die

Individuen selbst sind, wenn man sie nach ihrem Alter fragt, stets

ungeheuer erstaunt über eine solche Frage -- wie soll ich wissen, wie

alt ich bin? will der Blick, mit dem sie den Frager messen, bedeuten

--, den Angehörigen aber ist das Alter der Familienglieder ganz

gleichgültig. Im allgemeinen wird sehr früh geheiratet; der beste Beleg

dafür sind die noch recht jungen Mütter, die sich in jeder größeren

Volksversammlung vorfinden, blutjunge Dinger, meist nicht viel weiter

entwickelt als unsere Konfirmandinnen. Nach Matola ist früher die

Massanjeheirat sehr häufig gewesen; bei ihr wurden schon ganz junge

Kinder von 5 bis 7 Jahren miteinander verbunden; man baute ihnen

Hütten, in denen sie wohnen mußten. Ab und zu soll diese Einrichtung

auch heute noch vorkommen. Nach demselben Gewährsmann herrscht sodann

allgemein der Brauch, daß, wenn eine Frau geboren hat, während ihre

Nachbarin dem freudigen Ereignis erst noch entgegensieht, jene erste

sagt: „Ich habe einen Sohn; bekommst du eine Tochter, so sollen die

beiden einander heiraten“, oder aber: „Ich habe eine Tochter, bekommst

du einen Sohn, so sollen die beiden einander heiraten.“ Dies geschieht

denn auch.

Der Neger ist ein Bauer, nicht nur seinem Berufe nach, sondern

auch, wenn er auf die Freite zu gehen sich anschickt; auf keinem

anderen Gebiet ist die Gesinnungsverwandtschaft mit unserem Landvolk

tatsächlich so verblüffend wie gerade bei dem wichtigen Geschäfte der

Werbung. Um es kurz auszudrücken: der verliebte Negerjüngling ist zu

schüchtern, um durch eine kühne Tat sein Glück selbst zu schmieden,

er benötigt dazu eines Freiwerbers; ganz wie unsere ländlichen

Heiratskandidaten auch. Die gegebene Persönlichkeit für dieses Amt

ist der eigene Vater; dieser macht unter irgendeinem Vorwand bei den

Eltern der präsumtiven Braut seinen Besuch und bringt im Laufe der

Unterhaltung das Gespräch auf die Heiratspläne seines Sprößlings. Geht

die Gegenpartei auf die Angelegenheit ein, so ist sie auch bald zu

einem befriedigenden Abschluß geführt, sofern nämlich auch die Maid

einverstanden ist. Die jungen Mädchen sind in Wirklichkeit durchaus

nicht in dem Maße bloß Sache, wie wir anzunehmen geneigt sein möchten,

sondern sie wollen sehr wohl um ihre Zustimmung angegangen sein, und

mancher schöne Heiratsplan zerschlägt sich lediglich aus dem Grunde,

weil die junge Dame einen andern liebt. Auch in dieser Beziehung

besteht also nicht der mindeste Unterschied zwischen Weiß und Schwarz.

Selbstverständlich sind nicht alle Negermädchen Heldinnen des Willlens

und der Standhaftigkeit; so manche läßt sich überreden, statt des

heimlich geliebten jungen Stammesgenossen einen ihr gleichgültigen

alten Herrn zu nehmen; dann läuft sie jedoch, wie das auch anderswo

vorkommen soll, Gefahr, von den Gespielen aufgezogen zu werden. Der

„junge“ alte Ehemann aber darf ziemlich sicher sein, daß nicht er es

allein ist, der die Gunst seiner jungen Frau genießt.

Die Heirat ist ein Geschäft, so denkt der Neger, ganz im Sinne seiner

sonstigen Psyche; der Kontrakt gilt denn auch erst in dem Moment als

abgeschlossen, wo die beiderseitigen Väter sich über die Höhe des vom

Bräutigam zu zahlenden Brautgeschenkes geeinigt haben. Die Leute hier

im Süden sind arm, sie haben weder große Herden breitstirniger Rinder,

noch auch blökendes Kleinvieh, der ganze Brautkauf, wenn das Wort

überhaupt eine Berechtigung hätte, besteht demnach lediglich in der

Überreichung einer nicht einmal großen Menge Zeugstoffes.

Ethnographisch viel anmutender als die soeben skizzierte Yaowerbung ist

das Verfahren bei Makonde und Makua. Bei diesen treten zwar zunächst

auch erst die beiden Väter einander näher, doch sind sie im Grunde

genommen nur Vorpostenlinie; die eigentliche Hauptschlacht wird nachher

von den Müttern geschlagen, denen entweder ihr ältester Bruder oder

aber alle Brüder kräftig Sekundantendienste leisten. Aus dem hier noch

in voller Blüte stehenden Mutter- oder Neffenrecht heraus ist die

Zuziehung gerade dieser Elemente auch ganz erklärlich.

Von der Standhaftigkeit junger Negermädchen weiß übrigens Nils Knudsen

eine nette, kleine Geschichte zu erzählen, in deren Mittelpunkt er

sogar selbst als Held steht. In seiner langjährigen Vereinsamung auf

Luisenfelde und im Verfolg seines vollkommenen Aufgehens im Volkstum

der Wayao hatte sich der blonde Nils einstens auch ein schwarzes Weib

genommen. Noch jetzt, nach Jahren, rühmte Knudsen die Tugenden dieser

Chipiniträgerin; hübsch sei sie gewesen und häuslich und wirtschaftlich

auch, einen ganz ausgezeichneten Ugali habe sie gemacht, und was es an

Hausfrauentugenden im Busch noch mehr gibt. Da habe es das Schicksal

einstmals gewollt, daß er, seiner Jagdleidenschaft frönend, an den

Rovuma gezogen sei; schon nach wenigen Tagen sei er aber heimgekehrt.

Müde und abgespannt, mit dem breiten, pendelnden Seemannsschritt,

den Nils sich noch aus seiner jäh abgebrochenen Schiffsjungenzeit

bewahrt hat, schreitet er seiner primitiven Behausung im Angesicht des

stolzen Herrenhauses zu; alles ist still, nichts rührt sich diesmal,

im Gegensatz zu sonst, wo das schwarze Weibchen mit dem verschämten

Lächeln, wie es eben nur der jungen Negermaid eigen ist, dem blonden

Herrn und Gebieter freudig entgegenschritt. Immer noch ahnungslos

betritt der Jäger die Küche, den gewohnten Aufenthaltsort der stets

Fleißigen; sie ist leer; ebenso das Schlafgemach; desgleichen der

Wohnraum mit seiner mehr als dürftigen Ausstattung. Deren Hauptstück

ist, wie in jedem afrikanischen Haushalt, der Tisch; auf ihn fallen

unwillkürlich die Blicke des Suchenden, und hier findet er endlich auch

ein Lebenszeichen und zugleich die Aufklärung über das Vorgefallene.

Ein wirres Knäuel ist es, von derber Bastschnur, aber sie ist bis

zum Übermaß verknotet. Nils Knudsen hat später die Knoten gezählt;

ihrer siebzig sind es gewesen; die Bedeutung des Ganzen war nach den

Erklärungen der Stammesweisen: „Siehe, mich haben meine Verwandten von

dannen geführt; sie sehen es nicht gern, daß ich mit dem weißen Mann

zusammenlebe; ich soll einen schwarzen Mann heiraten, der weit drüben

jenseits des Rovuma wohnt. Aber selbst wenn ich so viele Jahre alt

werden sollte, wie der Faden Knoten zeigt, ich nehme den schwarzen Mann

nicht, sondern bleibe dir, dem Weißen, treu.“ So lautete Nils Knudsens

Erzählung; teils mit Rührung, teils mit dem Stolz umworbener Männer

schloß er daran die fernere Mitteilung, daß das Mädchen seinen Schwur

tatsächlich halte; es säße weit im Innern von Portugiesisch-Ostafrika,

ganz in der Nähe des ihm bestimmten Mannes, doch selbst der härteste

Druck seiner Verwandten sei nicht imstande, seinen starken Sinn zu

beugen. -- „Die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn!“

Sehr nüchtern ist die Negerhochzeit; fast könnte man sagen, sie

existiert gar nicht. Verlobung und Hochzeit, wenn man so sagen

darf, fallen zeitlich zusammen, denn sobald der Heiratskandidat die

Zustimmung der maßgebenden Faktoren erlangt hat, besteht keinerlei

Hindernis mehr für das Zusammenziehen des Pärchens; höchstens, daß erst

eine neue Wohnhütte für die jungen Leute errichtet werden muß. Und

wenn diese bezogen ist, dann beginnt jener für das Empfinden von uns

schlechten Europäern so seltsame Schwiegermutterdienst, von dem ich

früher bereits gesprochen und geschwärmt habe. Kommt, laßt uns in uns

gehen, auf daß wir uns bessern! Dann würden wir doch in einer Beziehung

die Kulturhöhe des Negers erklimmen!

Nun aber setzt das Kapitel der gegenseitigen Heiratsmöglichkeit ein.

Wer darf einander ehelichen, und wem ist es durch altgeheiligten Brauch

verboten? Nicht einmal bei uns Weißen ist diese Frage belanglos, um

wieviel weniger aber bei Leuten, die sich in sozialer Hinsicht den

Urzuständen der Gesellschaft noch ein gut Teil näher befinden als wir

demokratisierten Vertreter der sogenannten Vollkultur. Gehört es für

die Weisen eines australischen Stammes zu den höchsten Problemen der

Sozialwissenschaft, einwandfrei und fehlerlos auszurechnen, welche Maid

aus der näheren oder weiteren Umgebung gerade der Jüngling ~A~ des

Stammes heiraten darf, und welche für den Jüngling ~B~ in Frage

kommen kann, so ist es auch für die Heiratslustigen am mittleren Rovuma

nicht belanglos, wohin ihre Neigung fällt.

Es ist am Spätnachmittag; in der Barasa von Newala kauern 15 schwarze

Männer würdigen Alters, wie schon Wochen hindurch, auf der großen

Matte; von Zeit zu Zeit erhebt sich einer der Alten mühselig,

verläßt mit steifgewordenen Beinen den Raum, kommt aber stets nach

kurzer Zeit wieder. Die Halle ist heiß, ein übler Dunst liegt über

der Versammlung, so daß der Europäer im gelben Khakianzug, der so

eifrig an seinem Klapptisch schreibt, sich wieder und wieder an die

schmerzende Stirn greift. Die Versammlung ist sichtlich müde, sie hat

aber heute auch ein gar zu schwieriges Arbeitsfeld betreten. Stunde

um Stunde habe ich, denn ich bin der Mann mit den Kopfschmerzen,

erst Nils Knudsen die Grundzüge der menschlichen Ehegebräuche, der

verschiedenen Stammesaufteilungen, des Totemismus, des Vater- und des

Mutterrechts, kurz einer ganzen Reihe von Punkten aus der Soziologie

klarzumachen versucht, mit nur sehr mäßigem Erfolg, wie ich mich bei

jeder meiner Fragen überzeugen muß. Jetzt gilt es, im Bunde mit Sefu,

dem sonst so Gewandten, und dem blonden Norweger, der sich noch immer

nicht von seinen Darmstörungen erholen kann, aus den 15 Stammesweisen

über alle diese Sachen herauszuholen, was zu holen ist. Von allen den

kleinen Mißerfolgen bin ich schon ganz wild geworden, wild und müde

zugleich, so daß ich nur eben noch mit einiger Mühe eine Frage in die

Gelehrtenrepublik zu schleudern vermag.

„Nun, alter Dambwala, du bequemer Mann, du hast einen Sohn, nicht wahr?“

„Jawohl, Herr.“

„Und du Nantiāka, alter Don Juan, du hast eine Tochter, nicht wahr?“

„Jawohl, Herr.“

„Schön, kann denn nun dein Sohn, Dambwala, hier die Tochter von

Nantiāka heiraten?“

„Nein.“

„Und warum nicht?“ Ich muß wirklich sehr müde und abgespannt sein, denn

selbst die verwunderte Bestimmtheit, mit der das „nein“ herauskommt,

erweckt in mir keine sonderlich erwartungsvollen Gefühle. Ich horche

erst auf, als in der nun erfolgenden Begründung jenes „nein“ das Wort

Litaua an mein Ohr schlägt. „~Nini litaua?~ Was ist Litaua?“

frage ich jetzt, schon völlig ermuntert und aufgefrischt. „Nun, Litaua

ist Litaua.“ Langes Schauri; auch die schwarzen Intelligenzen, die

gleich uns Weißen schon halb eingedöst waren, sind wieder zu geistiger

Rührigkeit erwacht; Kimakonde, Kiyao und Imakuani, alle drei Sprachen

tönen wie im Kaffeekränzchen durcheinander. Endlich ist die Definition

gefunden; in die Fachsprache übersetzt, lautet sie: die Litaua ist der

mutterrechtliche, exogamische Geschlechtsverband, der alle diejenigen

umfaßt, die von einer Urmutter abstammen; es erbt nicht der Sohn des

Vaters, sondern einer der Söhne der Schwestern, und der junge Makonde

nimmt sein Weib nicht aus der eigenen Litaua, sondern er sucht sie sich

in einer der vielen andern Mataua. Bei den Makua sei das gerade so,

dort aber hieße die Litaua Nihimmu.

Den Abend dieses Tages -- es ist der 21. September gewesen -- habe ich

mit dem Gefühl durchlebt, auf einen der erfolgreichsten Abschnitte

meiner ganzen Afrikareise herabblicken zu können; um ihn zu feiern,

haben Knudsen und ich statt der einen Flasche Bier, die wir uns sonst

ehrlich teilten, uns diesmal deren zwei geleistet.

„Bier? Ja, woher habt ihr denn auf einmal Bier?“ Jedes Volk hat

seine Sitten, jedes Volk hat seinen Trank, so möchte ich dichten,

gleichzeitig indes hinzufügen, auch jeder Örtlichkeit ist ihr

besonderes Getränk angepaßt. Im heißen Tiefland Bier? Brrr! Aber hier

oben, den Wolken nahe und im kühlen Novemberost der Abende, hei, da

wäre ein Becher deutschen Bieres wohl angebracht. Wie eine Eingebung

ist mir vor Wochen der Gedanke durch den Kopf gefahren; gerade trifft

es sich, daß ein Dutzend Lasten ethnographischer Sammelstücke nach

Lindi hinunter müssen. Schon am nächsten Morgen schreiten zwölf starke

Männer eiligen Schrittes gegen Nordosten der fernen Küste zu; wenn sie

sich nicht aufhalten, werden sie in zwei Wochen wieder zurück sein. In

allen früheren Fällen ist mir der voraussichtliche Termin der Rückkehr

meiner Boten ziemlich gleichgültig gewesen; diesmal haben wir beiden

Weißen, ehrlich gestanden, die Tage gezählt, und als sich an einem

Sonntagvormittag weit draußen im Busch das unverkennbare Getöse von

Wanyamwesiträgern, die dem Endpunkt ihrer Reise zueilen, vernehmen

ließ, da sind wir der großen Kiste entgegengeeilt, die für uns so viel

Schönes und Langentbehrtes barg, nicht bloß schweren, deutschen Porter

von Daressalam, sondern vor allem die so lang vermißte Milch, die uns

beiden gegenwärtig stark abgemagerten Einsiedlern mehr als alles

andere nottut.

An jenem für mich denkwürdigen Nachmittage indessen hatte ich durchaus

keine Muße, an die materiellen Genüsse zu denken.

„Also dein Sohn, Freund Dambwala, kann Nantiakas Tochter nicht

heiraten, weil ihr derselben Litaua angehört; wie heißt denn deine

Litaua?“

„Waniuchi.“

„Und wo wohnt ihr?“

„In und um Niuchi.“

„Und du, Kumidachi,“ wende ich mich an einen andern, mit einer

funkelnagelneuen, buntbestickten Jumbenmütze bekleideten Alten,

„welcher Litaua gehörst du an?“

„Nanyanga“, tönt es prompt zurück. Blitzschnell ist der Name

niedergeschrieben; schon ruht mein Auge fragend auf dem nächsten der

Weisen. Der weiß jetzt schon, worum es sich handelt, denn er ist einer

von den klügsten. „Wamhuīdia“, kommt es von seinen Lippen.

Aber so darf ich nicht weiter arbeiten; was ist ein Name? Schall und

Rauch; auch die Bedeutung muß ich kennen. Schon von meinen Namenstudien

her weiß ich, wie gern die Neger sich mit etymologischen Erklärungen

befassen; es bedarf auch hier nur eines kleinen Anstoßes, um der

Nennung des Litauanamens sofort die Bedeutung des Wortes folgen zu

lassen. Das Wort „Waniuchi“ habe ich mir selbst als „die Leute von

Niuchi“ übersetzt; in den hiesigen Bantusprachen bedeutet ja das Präfix

~wa~ nichts anderes; doch die Übersetzung genügt den schwarzen

Philologen nicht, ~niuchi~ heiße die Biene, und die Waniuchi

seien Leute, die den Honig dieser Bienen in den Bäumen suchten; die

Nanyanga aber, das seien die Flötenbläser im Kriege, ~nanyanga~

sei die Makondeflöte. Die Wamhuidia endlich hätten ihren Namen von

ihren kriegerischen Vorfahren; diese hätten fortwährend Krieg geführt

und alles niedergeschlagen; der Sippenname käme her vom Verbum

~muhidia~, niederschlagen.

Die alten Herren haben an jenem Nachmittag trotz ihrer starken

Müdigkeit viel länger ausharren müssen als sonst; ich hatte Blut

geleckt und habe sie ausgesogen, bis ihr armes, des angestrengten

Denkens so ungewohntes Gehirn um Sonnenuntergang schließlich völlig

versagte. Doch einen Extra-Bakschisch hat es gegeben als Lohn für

die aufopferungsvolle Hilfe bei dem schwierigen Kapitel. Selbst

Moritz, der Finanzminister, hatte heute nicht seinen gewöhnlichen

melancholischen Hängemund, sondern verzog sein braunes Negergesicht

zu einem freundlichen Grinsen, als er nach Feierabend hinging, um den

Gelehrten das funkelnagelneue Silberstück in die Hand zu drücken.

Seitdem habe ich das Sippenwesen mit aller Ausdauer zu ergründen

versucht, und ich muß gestehen, ich weiß nicht, worüber ich mehr

staunen soll: über die soziale Differenzierung der Stämme unter sich,

ihren Zerfall in ungezählte Mataua und Dihimmu (Plural von Nihimmu),

oder über die Tatsache, daß, wie ich annehmen muß, keiner meiner

Vorgänger auf dem hiesigen Beobachtungsfelde auf diese Einrichtung

aufmerksam geworden ist. Ich wundere mich in der Tat über diesen

Punkt, aber wenn ich es mir überlege, habe ich doch kaum Anlaß dazu;

zunächst bin doch auch ich monatelang im Lande umhergezogen, ohne von

jenem Sippenwesen das Geringste zu ahnen; sodann aber ist es lediglich

Zufall, daß in jenem denkwürdigen Schauri vom 21. September die Antwort

gerade in der geschilderten Form fiel. Glück muß der Mensch haben, der

Forschungsreisende aber viel Glück!

Es bedarf keines Hinweises, daß ich nach jener folgenschweren

Entdeckung auch sofort wieder auf das Yaoproblem zurückgekommen bin.

Als von meinen Makua- und Makondemännern ein Sippenname nach dem andern

mitsamt den schönsten Erläuterungen mir ins Notizbuch diktiert wurde,

sprach Nils Knudsen das große Wort: „Ja, so was haben die Yao auch.“

Zehn Minuten später waren bereits schnellfüßige Boten unterwegs, um

unten aus der Ebene von Wayaomännern heraufzuholen, was irgendwie

auf einige Intelligenz Anspruch machen durfte. Sie sind auch alle

gekommen, die Entbotenen: Susa und Daudi und Massanjara und wie

sie heißen. Leicht war das Examen auch jetzt noch nicht, weder für

mich, noch für die Auspressungsobjekte, aber ich habe nach redlichem

Mühen doch noch so viel herausbekommen, um sagen zu können: „Nils hat

wirklich recht, auch die Yao haben so etwas“, ja bei ihnen ließ sich

sogar unschwer eine Doppeleinteilung in der Art feststellen, daß über

den exogamischen mutterrechtlichen Sippen noch eine Einteilung in große

Gruppen besteht, die von jener feineren Einteilung ganz unabhängig sind.

Von den großen Gruppen des Yaovolkes, das heute über einen

außerordentlich großen Teil Ostafrikas verteilt ist, indem es vom

Schirwasee im Süden bis fast vor die Tore von Lindi im Norden

reicht, kennen wir die folgenden: die Amakāle in der Region der

Rovumaquellen; die Achinamatāka oder Wamwembe bei Mataka zwischen

dem Rovuma und dem Ludjende; die Amassaninga, ursprünglich am Südende

des Nyassasees; die Achinamakanjīra oder Amachinga am oberen

Ludjende; die Mangoche in der Nachbarschaft von Blantyre. Die Angabe

der Wohnsitze dieser großen Gruppen, wie sie hier erfolgt ist, hat

heute nur noch einen historischen Wert. Durch die von mir früher schon

geschilderte, ganz allmählich erfolgte Abwanderung großer Volksteile

sind die alten Gruppengrenzen längst verwischt und kartographisch heute

gar nicht mehr festlegbar. Auch die Makosyo (Plural von ~lukosyo~,

die Sippe) lassen sich kartographisch unmöglich festlegen, weder hier

noch bei den andern Völkern; einzelne dieser Geschlechtsverbände haben

wohl ein bestimmtes Verbreitungszentrum, im allgemeinen aber herrscht

im Kleinen dasselbe Durcheinander wie im Großen.

Ich habe nicht aus Neugier so zäh nach der Bedeutung der Sippennamen

geforscht, sondern hauptsächlich aus folgendem Grunde. In der

menschlichen Urgesellschaft ist kaum etwas so auffallend wie die

weitverbreitete Einrichtung des Totemismus. Das Wort Totem kommt

aus Nordamerika und bedeutet ursprünglich den Namenszug wackerer

Irokesenhäuptlinge, mit dem sie ihre Verträge mit dem Blaßgesicht

unterzeichneten. Dies geschah nicht in der Form schlanker Schriftzüge,

sondern in der einer ungefügen Zeichnung, die eben das Totem

darstellte, das Stammestier, von dem die Sippe des Unterzeichners

ihre Abstammung herleitete. Bei den amerikanischen Indianern hat man

diesen Totemismus, wie man die Erscheinung in der Völkerkunde nennt,

im weitesten Maße verbreitet vorgefunden und auch zuerst gründlich

studiert, später hat man indes festgestellt, daß der gleiche Totemismus

auch anderswo in trefflichster Ausbildung vorhanden ist; in Australien,

anscheinend auch in Melanesien, in ausgeprägtester Weise sodann bei

sämtlichen alten Völkerschichten in Vorderindien, und sonst noch hie

und da. In den meisten Fällen leiten die Sippen ihre Herkunft von

einem Tier ab. Dieses gilt dann als heilig und unverletzlich und darf

meist nicht gejagt und gegessen werden, ja in vereinzelten Fällen

gilt es sogar als die höchste Ehrung und das größte Glück für den

Menschen, von dem Totemtier seinerseits gefressen zu werden! Auch

kleine, ungefährliche Tiere, Insekten und dergleichen, werden als Totem

gewählt, desgleichen auch Pflanzen; wo sollten z. B. bei den unzähligen

Totems in Südindien die erforderlichen großen Tiere herkommen? Ich kann

hier nicht die ganze, lange Reihe der von mir gesammelten Sippennamen

für alle drei Völker aufzählen, sondern muß auch für diesen Teil meiner

Ergebnisse auf die amtliche Publikation hinweisen. Aber interessant ist

es mir doch gewesen, zu sehen, daß zwar kein den Eingeborenen bewußter

Totemismus mehr besteht, daß aber doch mancher kleine Zug an sein

früheres Vorhandensein erinnert. Diese Züge im einzelnen nachzuweisen,

wird eine hübsche Aufgabe späterer Untersuchungen sein.

Von der Art der Sippennamen hier nur einige Beispiele.

Matola wie auch sein Vetter, unser gemeinsamer Freund Pastor Daudi,

gehören der Lukosyo der Achemtinga an, gleichzeitig aber auch zu der

großen Gruppe der Amachinga. Das Präfix ~che-~ (auch ~ku-~)

hat die Bedeutung Herr oder Frau; Chemtinga aber ist nach Daudi ein

großer Yaohäuptling in der Region des oberen Ludjende gewesen.

Negerleben in Ostafrika · 第 29 / 40 段