mit allen seinen Leiden und Freuden, seinem Spiel und Tanz darstellt,
kann ganz naturgemäß nicht ohne Einwirkung auf die Gewohnheiten der
Jugend schon vor diesem Lebensabschnitt bleiben. So bin ich denn auch
in den Besitz von Ipiviflöten gekommen, die sich in den Händen noch
sehr kleiner Knirpse befanden. Aber was ein Häkchen werden will, krümmt
sich beizeiten, und wer nachher in der Daggara schöne Melodien flöten
will, der übt sich schon die Jahre vorher. Auch die Kakalle, jene
langen, in Ringeln schwarz und weiß gefärbten Stäbe mit ihrer kleinen
Trophäe von aufgesteckter Hohlfrucht und wallendem Federbusch an der
Spitze, sind mir mehr als einmal von Knaben überbracht worden, die
offenkundig noch nicht das Unyago passiert hatten; beide Attribute
der fast und der ganz vollendeten Mannbarkeit sind demnach also auch
Spielzeuge. Für die Knaben ist dies nicht weiter verwunderlich, denn
vor ihnen hat der Neger keine Geheimnisse; bei den Festen sowohl in
Akuchikomu wie in Niuchi und Mangupa trieb sich stets eine ganze
Schar kleiner, mit Schmutz und Asche überzogener Wichte herum.
Seltsamerweise jedoch befanden sich keine halbwüchsigen Mädchen dabei;
vor diesen scheint man alles, was auf die Mannbarkeitsfeste und ihre
Geheimnisse Bezug hat, ängstlich zu verbergen; erst hier in meinem
langen Newalaaufenthalt mit seinen offenen, freien Beziehungen zwischen
allen Stämmen und mir und allen Altersklassen untereinander ist es mir
möglich geworden, solche junge Dinger zu Gesicht und auf die Platte zu
bekommen. Die Erziehung scheint sich viel mehr innerhalb der Wände des
Hauses und des Gehöftraumes zu vollziehen, als wir anzunehmen geneigt
sind. Auch bei den Hunderten von Besuchen, die ich Eingeborenengehöften
gemacht habe, ist es mir nur selten vergönnt gewesen, die kleineren
Haustöchter von Angesicht zu Angesicht zu sehen; in der Regel konnte
ich gerade nur noch wahrnehmen, wie die schmale Figur sich mit großer
Behendigkeit durch die Hintertür entfernte.
Wie das kleine Negermädchen in Wirklichkeit aufwächst und ob es die
unsagbar glückliche Jugend unserer kleinen Lieblinge auch nur in
abgeschwächtem Maße zu kosten bekommt, kann ich unter diesen Umständen
nicht sagen; es spricht nicht viel dafür. Fraglos liebt der Neger
sein Kind aus jenem angeborenen Triebe heraus, der allen Eltern eigen
ist; er nährt es und schützt es, wo immer es schutzbedürftig ist; er
freut sich über sein Gedeihen und ist traurig über sein Siechtum und
seinen Tod. Noch immer sehe ich Matola, wie er, dem an sich schon ein
etwas melancholischer Gesichtsausdruck eigen ist, eines Tages mit
tieftrauriger und doch sichtbar ängstlicher Miene höchst eigenhändig
ein kleines Mädchen von 5 bis 6 Jahren herantrug. Es war nicht einmal
sein eigen Kind, sondern nur eine Verwandte, doch bat er mich so
eindringlich, wie es ihm nur möglich war, der Kleinen meine Hilfe
angedeihen zu lassen. Das konnte ich zu meinem aufrichtigen Bedauern
in diesem Falle nicht; der Unglücklichen hatte eine bösartige Gangräne
die ganze Vorderhälfte des einen Unterschenkels weggefressen, so daß
die Bänder bloßlagen und selbst die Knochen sich schon bogen. Ich habe
Matola damals eine sehr eindringliche Rede gehalten, ob er denn ein
ebensolcher Schensi sei wie seine Leute; diese gingen an ihrem eigenen
Stumpfsinn zugrunde, er aber sei doch der Akide und ein kluger Mann
dazu, und er wisse doch ganz genau, daß in Lindi deutsche Medizinmänner
nicht nur vorhanden seien, sondern daß sie auch selbst solche Wunden
heilten, wenn ihnen die Kranken gebracht würden; flugs solle er also
das kleine Fräulein hinunterschicken; täte er es nicht, so würde das
Kind unfehlbar sterben wie alle seine älteren Geschwister auch.
Zwischen Zweifel und Hoffnung schwankend, hat Matola mich an jenem
Nachmittag erst lange angeschaut; dann hat er nach meinen Worten
gehandelt. Und er hat recht daran getan, denn wie ich höre, ist
die Kleine auf dem besten Wege zur Besserung. Aber erstaunlich und
befremdlich ist und bleibt es, wie weit selbst ein so einsichtiger
Mann wie der Herrscher von Chingulungulu den Krankheitsprozeß erst hat
fortschreiten lassen, bevor er sich ernsthaft nach Hilfe umsah. Und nun
gar erst ein Hinterwäldler, der mich hier oben jüngst konsultiert hat.
Der Bursche erschien unmittelbar nach meinem Einzuge; sein Kind sei
krank, er wolle Daua haben.
„Was hat dein Kind?“
„Eine Wunde am Fuß.“
„Aber Mensch,“ sage ich darauf, „ich kann dir doch keine Daua mitgeben,
die verstehst du doch gar nicht aufzulegen, bring dein Kind her; wo
wohnst du?“
„~Mbali~, weit, Herr“, tönt es mit merklicher Dehnung zurück.
„Wie weit?“
„Nun, zwei Stunden etwa.“
„So, du Schensi, das nennst du weit; wenn es zum Pombetrinken ginge,
dann würden dir selbst 20 Stunden noch ~karibu sana~ sein. Marsch,
scher dich weg, und morgen früh um 8 Uhr bist du hier!“ Wer nicht
gekommen ist, weder um 8 Uhr noch auch später, das ist dieser edle
Kindervater aus dem Makondebusch gewesen. Erst am fünfzehnten Tage nach
jener Vorkonsultation erscheint ganz unvermutet eine von einem 5- bis
6jährigen Mädchen begleitete Männergestalt; ich denke gar nicht mehr
an den kecken Burschen von dazumal, erinnere mich jedoch sofort der
Begegnung, als das Kind, aller angeborenen Scheu zum Trotz, mir seinen
Fuß entgegenhält.
[Illustration: Makondekinder.]
Himmel, was muß ich sehen! Der ganze Fuß eine einzige, von Makondedreck
und -sand blutig verklebte Masse. Ohne Verzug gehen Stamburi, mein
bewährter Lazarettgehilfe, und ich an die Reinigung des Gliedes; als es
endlich bloßliegt, zeigt sich, daß der ganze Ballen bis auf die Knochen
weggefressen ist; ob durch Sandflohwirkungen allein oder durch eine
Summe anderer Umstände, kann ich als Laie nicht entscheiden. Endlich
werfe ich einen Blick auf den Papa; wie hypnotisiert starrt der auf
eine Antilopenkeule, die Nils Knudsen für die morgige Hauptmahlzeit
gerade über meinen Arbeitstisch gehängt hat. Ich rufe den Edlen in die
Wirklichkeit zurück, lasse ihm durch Moritz den weichsten Teil einer
Wildschweinshaut überreichen und befehle ihm, einen Schuh oder doch
eine Sandale, wie sie im Lande durchaus nicht unbekannt sind, daraus
zu machen; denn das müsse er doch wohl selber sehen, daß das Kind mit
dem neuen Verbande nicht in den schmutzigen Sand patschen könne; sein
Messer habe er bei sich, er solle gleich an die Arbeit gehen! Wir
beiden Medizinmänner versenken uns von neuem in die Behandlung der
wirklich furchtbaren Verletzung; nach einiger Zeit ist der Verband
so kunstgerecht, wie es uns möglich ist, angelegt; ein suchender
Blick nach dem Vater: dieser hat sich jetzt förmlich in die Keule
hineingefressen, so stier glotzt er auf das blutige Stück Fleisch. Es
ist doch wirklich gut, wenn die Nilpferdpeitsche in solchen Fällen
nicht allzuweit entfernt ist. Noch eine Viertelstunde später, und der
dicht umwickelte Fuß des Kindes steckte wohlgeborgen in einem ganz
zweckentsprechenden Schweinslederpantoffel. Aber gehört und gesehen
habe ich von dem Gentleman niemals wieder etwas; auch gedankt hat er
mir nicht, weder für die Behandlung -- noch für die Prügel.
[Illustration: Negertelephon (s. S. 356). ~Unasikia?~ Hörst du
auch?]
[Illustration: ~Ndio.~ Jawohl!]
[Illustration: Negertelephon (s. S. 356).]
Knabe und Mädchen sind 8 oder 9, oder auch 10 Jahre alt geworden, ohne
daß etwas Bemerkenswertes von außen in ihr Leben eingegriffen hätte. Da
beschließt der Konvent der Männer, der nach der Beendigung der Ernte
die große Pfeilerhalle der Barasa tagtäglich füllt, daß das Unyago in
diesem Jahre hier im Dorfe gefeiert werden soll. Nachdem alle anderen
Distrikte in den letzten Jahren die Lasten des Festes auf sich genommen
haben, ist es Ehrenpflicht, jetzt hierher einzuladen. Dem Beschluß
folgt sehr bald die Ausführung; der Mond ist stark im Abnehmen, und vor
dem Neumond noch muß das Fest im Gange sein. Dieses Unyago besitzt in
seinem ersten Teil bei allen Völkern des Gebietes ganz gleiche Züge:
die Männer errichten auf einem in der Nähe des Festdorfes gelegenen,
möglichst freien Platz einen mehr oder minder ausgedehnten Ring von
einfachen Strohhütten. Auf diesem Platze spielt sich das Eingangs-
wie auch das Schlußfest ab; die Hütten sind die gegebenen Wohn- und
Schlafräume für die Mannbarkeitskandidaten. Ein ganz ausgezeichnet
erhaltener Festplatz mit allem Zubehör war jener Kreis von 50 Meter
Durchmesser, den ich bei meinem Besuch des Echiputu von Akuchikomu
aufnehmen konnte; die halbverkohlten Reste einer ebensolchen Lisakassa,
wie das Hüttensystem im Kiyao heißt, waren als Erinnerung an ein
früheres, frohes Fest diesseits Akundonde am Wege zu sehen.
[Illustration: Drei Vegetarier vom Makuastamm (s. S. 187).]
Es liegt in der Natur der ganzen Veranstaltung, daß beim Unyago Knabe
wie Mädchen sich vorwiegend passiv verhalten. Sie sitzen tatenlos,
stumm und ohne sich zu rühren jedes in seiner Hütte, während sich in
der ersten Nacht des Festes die Erwachsenen zu Schmaus und Trunk in
wildem Masewetanz bewegen. Die Knaben werden am nächsten Tage, jeder
von seinem Mentor geleitet, unter der Aufsicht eines Oberleiters in
den Wald geführt. Dort schlafen sie eine Nacht ohne jeden Schutz;
nur am nächsten Tage dürfen sie sich eine kurze Spanne Zeit einmal
selbst betätigen; dann gilt es nämlich, im Verein mit ihren Anamungwi,
den Lehrern, die Daggara zu bauen. Aber kaum ist die luftige Hütte im
tiefsten Pori vollendet, so ist auch schon die alte Sachlage wieder
hergestellt; einer nach dem anderen wird in jenem Häuschen auf ein
sehr primitives Ruhebett von Hirsehalmen gelegt; mit scharfem Schnitt
vollführt der Wamidjira die Operation; wochenlang liegen darauf
die kleinen Patienten in langer Reihe da, ohne in den langwierigen
Heilungsprozeß irgendwie eingreifen zu können. Erst wenn die Wunde
verheilt ist und der Unterricht in den Sexualien und der Moral
mit allen Kräften eingesetzt hat, gewinnen auch die Wari, wie die
Knaben jetzt heißen, mehr und mehr das Recht, am öffentlichen Leben
teilzunehmen; die kleinen Kerle werden übermütig und vollführen
manchen tollen Streich. Wehe der Frau oder dem Mädchen, das sich,
der Lage der Daggara unbewußt, in diese Waldregion verirrt: wie eine
Schar übermütiger Kobolde stürzt sich die Schar der Knaben auf die
Unglückliche, neckt sie, fesselt sie und mißhandelt sie wohl gar. Nach
Volksgesetz haben die Wari das Recht dazu, denn ihr Aufenthaltsort im
Walde soll jeder weiblichen Person gänzlich unbekannt bleiben. Mit dem
Hinausziehen in das Pori ist der junge Sohn für die Mutter gestorben;
wenn er wiederkehrt, wird er ein neuer Mensch sein mit neuem Namen: an
das ehemalige Verwandtschaftsverhältnis erinnert nichts mehr.
In welchen Bahnen sich der Unterricht hier in der Daggara bewegt, habe
ich bereits früher zu schildern versucht; der bierehrliche Akundonde
und sein trinkfester Minister sind unstreitig die zuverlässigsten
Gewährsmänner in bezug auf alle diese Weistümer. Es bleibt ewig schade,
daß der überraschend schnell erzielte „Anschluß“ der beiden mich um
den Schluß der Rede an die Wari gebracht hat; doch zur Kennzeichnung
der hier herrschenden Unterrichtsprinzipien genügt ja auch jenes
mitgeteilte Bruchstück.
[Illustration: Kakallefestzug beim Unyagoschlußtag.]
Für die Knaben erreicht das Lupanda seinen Höhepunkt erst mit dem
Schlußfest. Die Vorbereitungen dazu sind auf beiden Seiten groß:
im Walde werden die Wari von ihren Mentoren durch Rasieren des
Kopfes, Bad, Neueinkleidung und Salben mit Öl erst wieder in einen
menschenwürdigen Zustand versetzt, im Festdorf aber beginnen die Mütter
bereits lange vor dem festgesetzten Termin, große Mengen Bier zu brauen
und noch größere Haufen von Festgerichten vorzubereiten. Und ist der
große Tag endlich gekommen, dann zieht es heran; hei, wie glänzen der
glattrasierte Kopf, das Gesicht und der Nacken in der strahlenden
Tropensonne vom triefenden Öl, wie stolz schreiten die kleinen
Männer in ihren neuen Prunkgewändern einher, und mit welch sicherem
Takt schwingen sie in der Rechten die Kakalle, jene uns bekannten
Rasselstäbe! Rechts und links hat sich die Mauer der erwartungsfrohen
Erwachsenen aufgebaut. Immer lauter, immer gellender durchzittert
der schwirrende Frauentriller den weiten Festplatz; dort setzt auch
schon die Trommelkapelle mit ihren aufregenden Takten ein; aus rauhen
Männerkehlen erschallen die ersten Takte eines Ngomenliedes, kurz alles
entwickelt sich herrlich, urecht afrikanisch.
Die Neger sind Menschen wie wir anderen auch, ihr Tun und Trachten ist
demnach auch ebenso vielfachen Veränderungen unterworfen wie anderswo.
Von meinem mehr als einmonatigen Newalaaufenthalt habe ich einen
unverhältnismäßig großen Teil auf die Festlegung des typischen Verlaufs
aller dieser Feste verwandt. Das ist eine Heidenarbeit gewesen; wollte
ich ganz klug sein und bestellte mir meine Gelehrten nach Stämmen
geordnet, so durfte ich sicher sein, daß die paar alten Herren wenig
oder gar nichts sagten; des Negers Intellekt scheint sich nur dann
betätigen zu können, wenn er im Kreise vieler Männer durch scharfe
Rede und Gegenrede gereizt und geweckt wird. So habe ich denn stets
von neuem auf mein ursprüngliches Verfahren zurückgreifen müssen, den
gesamten Senat der Wissenden, rund 15 alte Herren, Yao, Makua, Makonde
bunt durcheinander, zu meinen Füßen zu versammeln. Dies hat mir zwar
insofern geholfen, als nunmehr stets eine rege Diskussion entstand,
doch wie schwer ist es mir geworden, nun das eine Volkstum vom anderen
scharf zu trennen! Dennoch ist mir die Aufgabe, wie ich sagen zu dürfen
glaube, mit viel Glück und einigem Geschick soweit gelungen, daß
nunmehr wenigstens eine Art Leitfaden über diese Dinge gegeben ist.
Die sicher bestehenden kleinen Lücken auszufüllen und die zweifellos
vorhandenen Ungenauigkeiten zu berichtigen, überlasse ich getrost
meinen Nachfolgern.
Noch eins: in seinem Gesamtumfang und für alle drei genannten
Völkerschaften durchgeführt, nimmt das Studium der Mannbarkeitsfeste
in meinen Aufzeichnungen einen solchen Raum ein, daß ich mir ihre
Wiedergabe hier versagen muß; sie würde ganze Druckbogen für sich
allein beanspruchen. Auch noch zwei andere Momente treten herzu. Was
ich von dem Unyago mit eigenen Augen gesehen, habe ich unverkürzt
wiedererzählt, mit jener Milieustimmung gleichzeitig, die nur das
eigene Erleben hervorzuzaubern vermag. Aber jene Szenen in Akuchikomu,
Niuchi und Mangupa sind nur winzige Teile aus dem ungeheuer
umfangreichen Festkalender, wie ihn das Mädchen-Unyago in Wirklichkeit
darstellt; über den ganzen übrigen großen Rest vermag ich nur das zu
berichten, was ich meinen Gewährsleuten verdanke. Nun aber bringt
jedes Referat leicht das Odium des Trocknen und Langweiligen mit sich,
und langweilig möchte ich um keinen Preis werden; lieber verweise ich
jeden, den solche Sachen im einzelnen interessieren, auf das Werk, das
ich vertrags- und pflichtgemäß über alle meine Taten hier im schwarzen
Erdteil und ihre wissenschaftlichen Ergebnisse für das Kolonialamt zu
schreiben habe.
Das letzte Moment liegt auf einem andern Gebiet. Der Neger ist in bezug
auf sein Geschlechtsleben noch nicht im mindesten angekränkelt; alles
was sich auf das Verhältnis zwischen den beiden Geschlechtern bezieht,
ist ihm etwas ganz Natürliches, über das die Leute unter sich eine
völlig freie Unterhaltung führen; höchstens daß man dem rassefremden
Weißen gegenüber einige Zurückhaltung zeigt. Nun ist der sexuelle
Einschlag beim Neger unstreitig sehr groß, ungleich größer als bei uns;
es hieße zuviel gesagt, sein ganzes Dichten und Trachten drehe sich
um diesen Punkt, aber ein sehr großer Teil entfällt ganz ohne Zweifel
auf ihn. Dies tritt in offenkundigster Weise nicht nur im Unyago
selbst, sondern auch in der mir gewordenen Darstellung zutage; es geht
dort sehr natürlich zu. Wie die Dinge bei uns als Folge der bei uns
beliebten Erziehung nun einmal liegen, ist für solch „heikle“ Sachen
gerade noch in der allerstrengsten wissenschaftlichen Darstellung
Platz; für jeden andern Zweck muß man sich ihre Wiedergabe versagen. Um
es nochmals zu betonen, nicht aus Rücksicht auf den Gegenstand selbst,
sondern lediglich auf das irregeleitete Gefühl des Publikums. Traurig,
aber wahr!
Von allen Völkerschaften des Südens von Deutsch-Ostafrika scheinen
die Yao nicht nur die fortschrittlichsten, sondern auch die
phantasielosesten, nüchternsten zu sein; ihre Mannbarkeitsfeste sind
tatsächlich sehr einfache Formalitäten gegenüber denen der Makua und
Makonde. Bei diesen geht es nicht ohne eine gewisse Theatralik ab; die
Makua pflanzen mitten auf den Festplatz einen vielgegabelten Baumast
von ganz bestimmten Eigenschaften. Er ist von den Männern unter
Absingung eines Liedes aus dem Pori geholt worden; in langem Zuge wird
er in den Festhüttenring getragen. Dort steht schon der Leiter des
Festes in der Pose eines Oberpriesters. Unter seinen Händen muß ein
Huhn sein Leben lassen; in eine bereitgehaltene Schale fließt dessen
Blut. In einer andern Schale wird Holzkohle zu Pulver gerieben, in
einer dritten Schale roter Ton gleichfalls zerstoßen; rot-schwarz-rot
wird mit allen drei Ingredienzien sodann jener vielgegabelte
Baumast geringelt. An einer Stelle haben inzwischen Männer ein Loch
gegraben; in dieses legt man ein Amulett aus zusammengebundenen
Baumrindenstücken, füllt das Loch wieder zu und wirft über ihm einen
kleinen Hügel auf. Auf diesen pflanzt man jenen Lupanda genannten
Baumast. Und noch ein anderer Hügel wird aufgeworfen; er wie auch
jener erste waren in dem Hüttenring von Akundonde noch sehr wohl zu
erkennen. Dieser andere Hügel ist der Platz für den vornehmsten der
Unyagoknaben. Um diesen herum gruppieren sich die anderen, minder
vornehmen; alle aber sitzen dabei auf Baumstümpfen, die, wenn auch
nur einiger Schönheitssinn bei dem Festleiter vorwaltet, genau in der
Form jener beiden konzentrischen Kreise angeordnet werden, wie ich
sie bei Chingulungulu im Pori sah. „Der Cromlech der Tropen!“ ist
es mir damals durch den Sinn gefahren, als ich vor dieser typischen
„Steinsetzung“ stand, und auch heute noch kann ich mich des Eindrucks
nicht erwehren, daß zwischen unseren vorgeschichtlichen Steinsetzungen
und diesem System von Baumstümpfen eine Ähnlichkeit nicht bloß der
Form nach besteht, sondern daß die Verwandtschaft sich vielleicht sogar
auf die Zwecke erstreckt. Wenn ein großer Teil unserer neolithischen
Megalithen wirklich Kult- und Versammlungszwecken gedient hat, so
ist nicht einzusehen, warum nicht auch unsere Altvordern auf diesen
ehrwürdigen Steinen Platz genommen haben sollten; auch der Neger würde
auf Holzsitze verzichten, wenn ihm hierzulande Stein zur Verfügung
stände.
Wäre ich ein Phantast, so könnte ich heute mit leichter Mühe den
Nachweis führen, daß die Makonde Feueranbeter seien! Kaum haben die
Männer ihr Likumbi gebaut, d. h. eine Hütte von der Art, wie wir sie in
Mangupa kennen gelernt haben, so zerstreuen sich allesamt im Busch, um
Medizin zu holen. Am Abend desselbigen Tages geben sie die gesammelten
Wurzeln einem alten Weibe zum Zerstampfen im Mörser. Den erhaltenen
Brei streicht der Mŭnchirắ, der Oberpriester, nunmehr fünf bis sechs
Männern tupfenweise auf den Arm; dann sitzt man tatenlos bis in die
Mitte der Nacht. Jetzt beginnt der Munchira zu trommeln, unheimlich
dröhnt der dumpfe Ton des Instruments durch die dunkle Tropennacht.
Alles strömt aus den Hütten zusammen, groß und klein; man schießt und
tanzt ohne Unterbrechung, bis zum nächsten Nachmittag; dann findet
die Verteilung der Geschenke untereinander und an die Mentoren der
Knaben statt. Darauf große Festrede des Munchira: die sechs Männer
seien geweiht; wenn sie es sich einfallen ließen, zu stehlen oder zu
rauben oder sich mit den Frauen der anderen einzulassen, so dürfe
ihnen niemand etwas tun, die Männer seien sakrosankt. Die sechs aber
verpflichtet er, von nun ab drei Monate lang alle Mitternacht die
Trommel zu schlagen.
Sind die drei Monate herum, so beginnt ein reges Leben im Dorf;
Männer gehen in das Pori, um trocknes Holz zu sammeln, abends tragen
sie es unter vollkommenem Stillschweigen auf den Festplatz nahe der
Likumbihütte; die Frauen aber haben während der Zeit ungeheure Mengen
von Pombe bereitet; auch diese findet ihren Weg zur Likumbi. In dieser
Hütte steht ein Deckelkorb, Chihēro mit Namen, klein und rund; in
ihm ist Medizin. In diesen Chihero und auf die Medizin spuckt jeder der
Brennholzsammler ein weniges von der Festpombe. Neben dem Chihero aber
steht die Alte, welche die Medizin im Mörser zerstampft hat; diese hebt
den Chihero nunmehr auf ihren Kopf, ergreift das Ende einer langen,
eigens für das Fest gekauften Zeugbahn mit den Händen und verläßt
feierlichen Schrittes die Hütte, das Zeug hinter sich schleifend.
Schnell ergreift es der erste der Brennholzsucher, damit es den Boden
nicht berühre; ein zweiter folgt seinem Tun, desgleichen ein dritter
und vierter. Schließlich schwebt das langgestreckte Stoffstück über der
Erde dahin wie von Pagen getragen. Vorne neben der Frau schreitet der
Munchira. Man umzieht die Festhütte. Ist der Umzug vollendet, so nimmt
der Munchira den Anfang der Zeugbahn und wickelt ihn um den Chihero.
Diesen hält er jetzt an das rechte Ohr; ein kurzes Verweilen; er setzt
ihn auf die Schulter, wiederum einen Augenblick lang; der Korb wandert
auf die Hüfte, aufs Knie, endlich auf die Außenseite des Fußknöchels.
Zum Schluß nimmt der Würdige Zeug samt Chihero als wohlverdientes
Honorar an sich.
[Illustration: Maskentanz beim Mädchen-Unyago in Niuchi.]
Und wieder ist es Nacht; im schwachen Licht der letzten Mondsichel ist
der Umriß des großen Holzstoßes noch eben zu erkennen. Mitternacht
ist um etwa eine Stunde vorbei, da erhebt sich aus dem Kreise der
in Schlafmatten gewickelten Gestalten eine lange, hagere Figur.
Unhörbar schleicht sie auf den Holzstoß zu, ein Feuerchen blitzt auf,
um alsbald auch schon wieder zu verschwinden. Doch bald knistert es
von neuem; größer und größer wird die Flamme, von ihrem Erzeuger mit
rhythmischem Fächerschwung angefacht. Jetzt erkennen wir die Gestalt,
es ist der Munchira. Schon nach wenigen Minuten ist der ganze, große
Stoß ein einziges Flammenmeer; zitternd huschen seine Reflexe über die
glänzenden Gesichter der das Feuer im Kreis umstehenden Männer. Nun hat
das Feuer seinen Höhepunkt erreicht. Eilenden Schrittes umkreist
es der Munchira; das Gesicht zum Feuer gewandt, läßt er die folgenden
Worte dem Munde entströmen: „Laß die Wunden der Knaben schnell und
schmerzlos heilen, den Häuptling aber, der diesmal das Likumbi feiert,
laß recht viel Freude an den Knaben erleben.“ Dabei bindet er einen
weißen Lappen an eine Stange und fächelt das Feuer mit großen Schlägen;
die Männer aber umstehen das verglimmende Feuer bis zum hellen Morgen.
Das Feuer als Mittelpunkt einer für das gesamte soziale Leben so
einschneidenden Veranstaltung, wie sie die Feier der Pubertät bei
diesen Völkern des Südens darstellt, ist meines Wissens etwas im
Völkerleben Afrikas ganz Alleinstehendes und Vereinzeltes. Liegt hier
ein wirklicher Feuerkult vor, oder ist Rundgang und Ansprache auch
nur noch ein letztes, unbewußtes Überlebsel einer solchen uralten
Verehrung des lohenden Elementes? Ich weiß es nicht und bin, offen
gestanden, auch ganz außerstande, diese Frage ihrer Beantwortung
näher zu bringen; von der Hand weisen darf man die Möglichkeit einer
ehemaligen Feueranbetung beim Neger ~a priori~ nicht, dazu wissen
wir noch viel zu wenig von seiner Kulturentwicklung. Daß noch manche
ethnologische Überraschung zu erwarten ist, dafür sind ja meine eigenen
reichen Ergebnisse der beste Beleg.
Beim männlichen Geschlecht ist die Hinübernahme aus dem Kindesalter
in die Klasse der vollberechtigten Männer eine zwar langdauernde
Periode, dabei jedoch ein einziger, in sich geschlossener Übergang;
eine Erinnerung an die gemeinsam verlebte Fest- und Leidenszeit bleibt
den Männern fernerhin lediglich in einer selbstgewählten, freien
Organisation, die man passend mit dem Namen Altersklassen bezeichnet:
die einzelnen Unyagojahrgänge halten unter sich zusammen, bis der Tod
die einzelnen scheidet. Doch dieses Zusammenhalten muß man sich ins
Afrikanische übersetzt denken; es ist kein Verein und kein Klub und
keine Verbindung; die alten Freunde wohnen lediglich beieinander,
wenn auf der Reise einer in des andern Dorf kommt; sonst nichts.
Geheimbünde spielen hier im Osten bewußt nicht mehr in das Wesen der
Altersklassen hinein, ganz im Gegensatz zu Westafrika, wo beides
Hand in Hand geht, sich gegenseitig genetisch bedingt und wo beides
dann seinen äußeren Ausdruck findet in großen Geheimbundsfesten mit
Maskentänzen und andern geheimnisvollen, auf das Erschrecken der
männlichen Nichtmitglieder des Bundes und der Frauen gerichteten
Zutaten. Hier auf dem Makondeplateau treten gegenwärtig alle drei
Erscheinungen: die Altersklassen, die Feste und die Maskentänze nur in
sehr lockerem Zusammenhang miteinander auf; gleichwohl spricht alles
dafür, daß der Maskentanz der Makonde von heute ursprünglich ebenso
der Ausfluß eines längst vergessenen Geheimbundwesens gewesen ist wie
die ganz analogen Erscheinungen der Neger von Kamerun, Oberguinea und
Loango. Auf diesem Gebiete der afrikanischen Völkerkunde wird noch
manche harte Nuß zu knacken sein.