O, wie habe ich mich geschämt, sooft das Gespräch sich mit diesem und

so manchem anderen Punkt des hiesigen Volkstums befaßte. Sind das nun

Wilde, oder sind wir es? Blitzschnell genieße ich rückschauend 20, 30

Jahrgänge der „Fliegenden“ und noch einiger anderer Witzblätter; unsere

Bilanz wird immer schlechter, immer passiver. Ich mit meinem flüchtigen

Durchstreifen des Landes kann es ja nicht wissen, aber Knudsen, dieser

vollkommen Eingelebte, mit der Denk- und Handlungsweise der Leute

vollkommen Vertraute, bestätigt mir, sooft ich will, daß nicht nur

das Verhältnis vom Schwiegersohn zur Schwiegermutter als geradezu

ideal zu bezeichnen ist, sondern daß auch sonst das Benehmen der

Jugend dem Alter gegenüber das Prädikat „musterhaft“ bekommen muß. Wir

Angehörigen der höchsten Kulturschicht, oder, nach bei uns allgemein

geteilter Ansicht, der Kulturschicht schlechthin, verbringen unser

halbes Leben in den Erziehungsanstalten der verschiedensten Arten und

Grade: das Endergebnis legt uns dann die Statistik dar: 0,~x~%

Analphabeten in diesem Staat, 0,~y~% in dem benachbarten Reich,

~z~% weiter im Osten, gegen Halbasien zu. Wir stehen natürlich

obenan, denn wir haben ja den geringsten Prozentsatz. Du lieber Gott,

wer Augen hat zu sehen und Ohren hat zu hören, der höre und schaue,

aus wie wenig ethischem Empfinden und wieviel Rüpelei sich die

Lebensbetätigung gerade unserer Kulturnationen zusammensetzt. Ich werde

mich hüten, gegen unseren Unterricht und gegen unsere Schule etwas zu

sagen, ich bin ja selber eine Art Schulmeister, aber bedenklich muß

es doch stimmen, sehen zu müssen, wie wurmstichig so viele unserer

Früchte trotz aller auf sie verwandten Sorgfalt sind, und wie ethisch

gesund dagegen das Volkstum dieser Barbaren uns entgegentritt. Und das

alles lediglich auf Grund eines Unterrichts von ganzen drei oder vier

Monaten, eines Unterrichts zudem durch Lehrer, die weder eine Schule

durchlaufen, noch sonst studiert haben!

Zwillingen gegenüber verhalten sich die hiesigen Völkerschaften

verschieden; bei den Yao werden sie mit ungeteilter Freude begrüßt, bei

den Makonde hingegen sieht man in ihrer Geburt etwas Schreckliches,

das man für die Zukunft mit Hilfe von allerlei Medizinen abzuwenden

sucht. Doch auch hier sind die Eltern nicht grausam genug, die einmal

Geborenen umzubringen; man läßt sie am Leben und behandelt sie genau

wie bei den Yao, d. h. man kleidet sie stets ganz gleich. Würde man von

diesem Grundsatz abweichen, so würde unfehlbar eins der beiden Kinder

sterben, so sagen die Leute.

[Illustration: Kindertragart bei den Negermüttern. Nach einer Zeichnung

des Pesa mbili (s. S. 450).]

Das erste Lebensjahr verfließt dem kleinen Negerkind in innigster

Gemeinschaft mit der Mutter. Sie und ihr Neugeborenes zeigen sich

schon nach einem Wochenbett von nur wenigen Tagen auf einem ersten

Ausgang dem Volke, das, nicht anders als bei uns, den neuen kleinen

Weltbürger gebührend bewundert. Wie ein Klümpchen Unglück hockt es in

einem großen, bunten Tuch, das den Oberkörper der Mutter fast ganz

umschließt. Meist hängt der Sack für die Aufnahme des Kindes auf dem

Rücken, fast ebenso häufig aber schwenkt die Mutter Sack und Baby auf

eine der Hüften herüber. Naht sodann die Zeit der Nahrungsaufnahme für

das Kind, so werden beide nach vorn befördert. Nichts macht auf mich

so sehr den Eindruck des Armen und Primitiven als gerade diese Art der

Kinderwartung: kein Wechsel der Wäsche bei Mutter und Kind, denn es ist

kein Ersatz vorhanden; kein Trockenlegen, kein Einpudern, keine Windel,

kein regelmäßiges Baden von den Tagen des Wochenbettes ab, keine

Hygiene des Mundes. Dafür wundgefressene Körperstellen bei fast jedem

Kinde, besonders in den Gelenkbeugen und der Analfalte; verheilende

Schorfe, wo trotz der Vernachlässigung des Körpers die Natur den Sieg

davonträgt; ziemlich allgemein tränende, trübe Augen infolge der ewigen

Fliegenattacken; vereinzelt schließlich Schwämme und Pilze in so

furchtbarem Maße, daß sie den Unglückswürmern direkt aus Nase und Mund

herausquellen!

Ich bin vor einer halben Stunde ins Negerdorf gekommen; die Männer und

Knaben sind nach zwei Minuten bereits zur Stelle gewesen, die Frauen

kommen langsamer; die kleineren Mädchen bleiben merkwürdigerweise ganz

aus. Ganz wie bei uns hat sich die Frauenwelt schleunigst zu einem

dichten Klumpen zusammengeballt. Zunächst herrscht noch scheue Stille;

kaum aber hat man sich an den Anblick des Weißen gewöhnt, da plappert

es auch schon, selbst den riesigsten Lippenscheiben zum Trotz, in

allen Tonarten. Mindestens die Hälfte aller Weiber ist babybehaftet,

doch wie weit ist hier dieser Begriff zu dehnen! Wahre Riesen,

von zwei, ja von vielleicht drei Jahren gar, räkeln sich auf den

schmächtigen Hüften der immerhin zarten Mama herum, oder unternehmen

einen mit furchtbarem Ungestüm durchgeführten Angriff auf den

mütterlichen Born. Es scheint, als wenn gerade meine photographischen

Apparate zu diesen Angriffen reizten: wie auf Verabredung schnellt

die ganze kleine, schwarze Schar genau in dem Augenblick um die

mütterlichen Hüfte herum, wo ich auf den Ball drücke. So weit ist

dies alles ganz lustig und gibt zu vielen Heiterkeitsausbrüchen

Anlaß; zu unbändiger Heiterkeit jedoch steigert sich diese Lust

bei uns beiden schlechten Europäern, wenn bald hie, bald da die

Mütter ganz plötzlich mit der Hand energisch am Oberschenkel entlang

fahren und rasche Schleuderbewegungen vollführen. Das ist die Folge

der Windellosigkeit, die sich hier geltend macht; auch ein kleines

Negerkind ist von Hause aus nicht stubenrein! Wir Europäer haben gut

lachen; verständiger, menschenfreundlicher und edler würde es sein,

wenn Regierung und Mission sich verbünden würden, um, weniger durch

ärztliche Tätigkeit, die immer nur lokal beschränkt sein kann, als

durch eine im großen Maßstabe durchgeführte Erziehung der Mütter

zu den einfachsten Grundregeln der Hygiene und Reinlichkeit diesen

schauderhaften Zuständen ein Ende zu bereiten. Es gilt in erster Linie

jener schrecklichen Kindersterblichkeit vorzubeugen, die nach allem,

was ich sehe und höre, die Hauptursache für die geringe Volksvermehrung

ist.

Die weitere Negerkindheit verläuft nicht viel anders als unsere eigene

verlaufen ist; die kleinen Jungen rotten sich zu Trupps zusammen, die

in Dorf und Pori ihre Spiele treiben; das kleine Mädchen aber fängt

sehr bald an, die Mutter durch kleine Hilfeleistungen in Haus und Feld

zu unterstützen.

[Illustration: Anwendung des Wurfstocks.]

Mit außerordentlicher Beharrlichkeit bin ich, wo immer ich hier meine

Sammeltätigkeit betrieben habe, auf die Zusammentragung aller im

Lande vorkommenden Spiele und Spielsachen versessen gewesen. Mit dem

Kinderspiel hat es eine eigene Bewandtnis; das Kind ist vom ersten

Tage seines Daseins an überall dabei, wo etwas los ist; wiegt sich die

Mutter im Reigentanz, das Baby im Tragsack macht jede Bewegung mit;

sozusagen instinktiv lernt es auf diese Weise tanzen. Denn wenn es sich

später auf die eigenen kleinen Füße stellt, macht es mit derselben

Sicherheit mit, wie ein eben aus dem Ei geschlüpftes Rebhuhn seiner

Nahrung nachgeht. Ob das Negerkind über diese Tanzvergnügungen hinaus

eigentliche Gesellschaftsspiele besitzt, kann ich nicht sagen; gesehen

habe ich bis jetzt nichts davon, man müßte sonst die Virtuosität im

Händeklatschen dazu rechnen, das mit seinem ansprechenden Rhythmus

und, fast möchte man sagen, seinem Melodienreichtum auch hier zu Hause

ist. Sonst scheint jedes Kind auf sich selbst angewiesen zu sein,

wenigstens was sein Spielzeug anbelangt. Für den Knaben ist zunächst

Bogen und Pfeil unerläßlich; hätte ich alle diejenigen Kinderbogen

aufkaufen wollen, die mir angeboten worden sind, es wäre eine kleine

Schiffslast geworden. Den Charakter des Überbleibsels verleugnet die

Waffe gleichwohl auch hier in Afrika nicht, ihre Beschränkung auf das

Kind läßt sich vielmehr vollkommen in Parallele mit unserem Flitzbogen

bringen; auch sie ist heute kein ernsthaftes Kriegsgerät mehr, sondern

vorwaltend Spielzeug und höchstens Jagdgerät. Dem entspricht es

vollständig, wenn die Kunst des Bogenschießens bei den Erwachsenen

ebenso schlecht ist wie bei den Kleinen, und umgekehrt. Wo das Gewehr

einmal seinen Einzug gehalten hat, erfreuen sich primitivere Waffen

keiner Wertschätzung mehr.

[Illustration: Anwendung der Wurfschlinge.]

Das Zusammenbringen einer ethnographischen Sammlung ist hierzulande

nicht leicht; die Leute bequemen sich erst mehr infolge meiner sehr

entschiedenen Haltung als im Hinblick auf meine Hellersäcke zur

Einlieferung von allerlei Krimskrams; um wertvollere Besitzkategorien

zu erhalten, wie die größeren Stücke des Hausrats, Masken und

andere Kunstwerke, muß ich sogar häufig zu dem kleinen Gewaltmittel

greifen, den betreffenden Dorf-Jumben für die Ablieferung der Stücke

moralisch verantwortlich zu machen. Und dabei bekommen die Leute

jedes Stück gut bezahlt. Wie außerordentlich schwierig aber erst das

Zusammentragen gerade der Spielsachen ist, davon macht man sich zu

Hause gar keinen Begriff. Ich habe folgende Erklärung dafür. Käme

z. B. ein japanischer Ethnograph im Herbst nach Deutschland, so würde

es ihm ein Leichtes sein, eine ungeheuere Sammlung von Kinderdrachen

anzulegen; den Kreisel aber, um irgendein anderes unserer typischen

Kinderspielzeuge herauszugreifen, würde er zweifellos erst auf seine

bestimmte Nachfrage hin bekommen und registrieren können. Ganz so ist

es auch hier; jedes Ding hat seine Zeit, und vor allem jedes Spielding.

Ich habe nach dieser Erkenntnis überall kurzen Prozeß gemacht und

einfach vor versammeltem Volk ein ganzes Kolleg über alle Spielsachen

der Menschheit gehalten: „Habt ihr dies und habt ihr das, so bringt’s

mal schleunigst her.“ In vielen Fällen reicht weder die Sprache noch

der Dolmetscher aus, dann muß die Geste das fehlende Wort ersetzen.

Mit welch verblüffendem Erfolg habe ich eines Tags in Chingulungulu

erlebt, wo auf meine kühne Schleuderbewegung hin Salim Matola, der

Vielgewandte, nach kurzer Zeit mit zwei merkwürdigen Dingen erschien,

die sich auf Grund des von ihm sofort vorgeführten Gebrauchs als ein

veritabler Wurfstock und als eine Wurfschlinge, als ein Amentum,

herausstellten. Ich habe nur selten so das Gefühl eines vollen Erfolges

gehabt, wie in diesem Augenblick; Wurfstock und Wurfschlinge im

ethnographisch so öden Osten von Ostafrika, wer hätte das je ahnen

können! Jener ist ein Gerät, das keinen anderen Zweck verfolgt, als

den Unterarm beim Speer- oder Steinwurf zu verlängern, er stellt sich

also, physikalisch gesprochen, als die Verlängerung eines Hebelarms

dar. Seinen Hauptverbreitungsbezirk hat der Wurfstock in Australien, in

einigen Teilen der westlichen Südsee, bei den Hyperboräern und hie und

da in Amerika; der Neger hatte nach unserer bisherigen Kenntnis diese

Erfindung nicht gemacht. Die Wurfschlinge verfolgt genau denselben

Zweck der Verlängerung des Hebels, nur daß Speer oder Stein bei ihr

nicht mit dem Einsatzhaken des Stockes oder Brettes fortgeschleudert

werden, sondern mittels einer Schnur, die auf der Zeigefingerwurzel

befestigt wird, während sich das freie Ende um das Wurfobjekt schlingt.

Wirft der Krieger den Arm nach vorn, so entfernt sich die Waffe vermöge

der Fliehkraft von der Hand, rollt dabei aus der Schnurumwicklung

heraus und saust mit großer Anfangsgeschwindigkeit davon.

[Illustration: Beim Naturaspiel.]

[Illustration: Natura.]

Wo solche Altertümer vorkommen, so habe ich damals gedacht, da wird

auch manches andere noch zu finden sein. Diese Erwartung hat sich

tatsächlich auch erfüllt, indessen habe ich doch vorher noch einen

wahren Kampf mit dem Überfluß an einem anderen Spielzeug durchfechten

müssen. Eines Tages fiel in dem erwähnten Kolleg die Geste des

Peitschens über die Erde hin; diesmal war sie richtig verstanden

worden, denn von da an hat mich die Negerjugend mit Kreiseln förmlich

überschüttet. Nicht weniger als vier Arten sind hier im Gange: eine

genau unserem europäischen Kegelkreisel entsprechende, die auch, wie

unser Kreisel, mit der Peitsche angetrieben wird; eine andere, wo auf

einen kurzen, derben Holzstift als Rotationsachse ein rundes oder

quadratisches Stück Flaschenkürbis geschoben ist; eine dritte, wo

unter diese fünfmarkstückgroße Scheibe noch eine kleinere geschoben

ist, um den Schwerpunkt zu erhöhen; schließlich eine sehr komplizierte

Maschine, die in der Wirkung vollständig unserem Singkreisel

entspricht. Nr. 2 und 3 bedürfen keiner Peitsche, werden vielmehr mit

Daumen und Mittelfinger angetrieben, Nr. 4 hingegen benötigt eines

Abzugsrahmens in Gestalt eines der Länge nach durchbohrten Stückes von

einem ausgesogenen Maiskolben, durch den die Abzugsschnur schnell

zurückgezogen wird. Wie so vieles andere, wird dem jungen Neger im

übrigen auch dieses Kreiseln nicht ganz leicht gemacht, da der weiche,

sandige Boden das Spiel in hohem Maße erschwert; gleichwohl sind die

kleinen Kerle wahre Künstler auf dem Gebiet.

[Illustration: Kreiselspiel.]

Ganz unselbständig ist die Jugend auf dem Gebiete der Musik; ob sie auf

der „Sese“, dem geigenartigen Monochord, fiedelt, oder die „Ulimba“,

die afrikanische Universalklimper, mißhandelt, jenes kastenartige

Gerät, auf dessen Oberfläche sieben hölzerne oder eiserne Tasten

angebracht sind, die mit den Fingerspitzen geschlagen werden; ob

sie das Mgoromondo, jenes vorsintflutliche Xylophon, bei dem die

Tasten auf einem Strohlager ruhen, mit flinken Stäbchen hämmert,

oder das „Lugombo“, jenes weit über Ost- und Südafrika verbreitete

Bogeninstrument, bei dem die Sehne den durch einen Flaschenkürbis als

Resonanz verstärkten Ton gibt, stets sind diese Instrumente mehr oder

minder plumpe Nachahmungen des Instrumentariums der Großen. Selbständig

ist nur die „Natura“, ein Waldteufel. Dieser besteht aus einem der

Quere nach halbierten Flaschenkürbis oder einer halben Baobabfrucht,

die mit feiner Tierhaut trommelartig überspannt ist. Von der Mitte der

Membran geht ein Grashalm durch das Gefäß, aus dem er weiterhin noch

weit nach unten hängt. Ohne Unterlaß fahren die kleinen Schlingel mit

angefeuchtetem Daumen und Zeigefinger an dem Halm hernieder; vor den

furchtbaren Tönen aber ergreifen selbst meine sonst nicht nervösen

Träger die Flucht!

Die Jugend hat nicht nur die Fähigkeit, alte Kulturreste Jahrtausende

hindurch zu bewahren, sondern auch den Vorzug, für Fremdes, Neues

empfänglicher zu sein als das Alter.

In ihrer Hütte sitzt Akalingēne, die Makuafrau. Ihr Name besagt, daß

sie den anderen Frauen des Stammes nicht gleich ist; sie ist viel

kräftiger und runder, mit einem Wort viel schöner als die anderen.

Das heißt, so war es einmal, damals, als sie noch die runden, braunen

Glieder in jugendlicher Lust zur Ngoma wiegte und als sich die Blicke

ihrer hübschen, braunen Augen über dem von Monat zu Monat wachsenden

Pelele hinweg immer häufiger mit denen des jungen Mitaba trafen. Das

ist nun lange her; ihre Formen sind nicht mehr rund und schwellend,

die Brust hängt welk herab, eine Folge der vielen Sprößlinge und

unausgesetzter Arbeit; auch das Pelele steht nicht mehr keck und stolz

in die Weite, sondern legt sich über den Mund wie ein Vorhängeschloß.

Akalingēne ist nicht allein; ihr gegenüber am lustig flackernden

Herdfeuer kauert ein junges Ding, ihre Tochter; von allen den vielen

Mädchen, die sie Mitaba geboren, ist es die einzig Überlebende; die

anderen sind schon in früher Jugend dahingerafft worden; die Söhne

aber haben längst die mütterliche Hütte verlassen, haben sich ein Weib

genommen und sind zu diesem in ferne Gegenden gezogen. Auch Mitaba

weilt nicht mehr unter den Lebenden. Sein Name bedeutete nicht umsonst

„der Seßhafte“; er war gesetzt und ruhig und baute seinen Mais und

seine Hirse an. Nur einmal hat ihn das den Makua eigene Jagdfieber

gepackt; da ist er mitgezogen mit den anderen und nicht wieder

gekommen; das angeschossene, wütend gewordene Rüsseltier, der Elefant,

hat ihn, den Ungeschickten, Ungelenken, angenommen, den vor Schreck

Erstarrten in die Höhe geworfen und dann zertrampelt. Nun ist

Chimlipa die Freude ihrer Augen und der Trost ihres Alters, ihr junger

Schwiegersohn nämlich, der die Tochter erst vor kurzem gefreit. Beide

Eheleute zählen noch nicht viele Lenze, und beide sind erst vor wenig

Jahren in die Zahl der Erwachsenen aufgenommen worden.

Chimlipa ist ein braver Bursche; noch zuvorkommender als die

Schwiegersöhne ihrer Freundinnen sieht er Akalingene alle Wünsche von

den Augen ab; nur etwas wild und unternehmungslustig ist er, und das

beunruhigt sie heute mehr als je; mit einem Dutzend gleichgesinnter

Altersgenossen -- wer miteinander das Unyago durchlaufen hat, bleibt

untereinander befreundet sein Leben lang -- ist er gestern früh noch

vor Tagesanbruch auf die Elefantenjagd gezogen, und noch ist keine

Kunde von dem Ausgang des gefährlichen Unternehmens eingegangen. Das

Abendgericht, ein heute besonders schmackhaft zubereiteter Ugali,

ist längst übergar und nur noch schwer zu halten. Immer unruhiger,

doch in beharrlichem Schweigen, schauen die beiden Frauen nach der

hermetisch verschlossenen Tür; gut verschlossen muß sie sein, so will

es der Brauch der Makua, sonst widerfährt dem Jäger ein Unglück,

auch sprechen dürfen die Frauen aus dem gleichen Grunde nur das

Allernotwendigste. Rrrrrrrrrr bum, ein kurzer, rascher Wirbel von der

Hüttenwand her, wo ein Gerät von merkwürdiger Form mit den üblichen

Bastschnüren an den rohen Pfählen befestigt ist. Wie elektrisiert sind

beide emporgesprungen, schon hat Akalingene ihr scheibenverziertes

Ohr in unmittelbare Nähe jenes rätselhaften Gegenstandes gebracht,

ein freudiges Grinsen verlängert ihren welken Mund bis fast an beide

Ohren, selbst das sonst so konsequent herniederhängende Pelele fällt

in seine Jugendgewohnheit zurück und richtet sich so freudig zitternd

nach oben, daß der verbogene Oberkiefer und der Zaun der einst so

schönen, weißen Zähne in seiner heutigen ganzen Ruinenhaftigkeit der

aufgeregt danebenstehenden Tochter im flackernden Dämmerlicht des

engen Hüttenraumes entgegenstarrt. Doch schon ändert sich die Szene;

Akalingene hat den glatt rasierten, langen, schmalen Kopf gedreht und

spricht mit einem Eifer und einer Zungenfertigkeit, die bei der Größe

ihres Oberlippeneinsatzes selbst die Tochter erstaunen macht, nun

ihrerseits in den Apparat hinein. Endlich aber versiegt auch dieser

Redestrom, ein kurzes „~bass~, Schluß“ -- hoch aufatmend wendet

sich die Mutter der Tochter zu.

[Illustration: Ikoma-Tanz beim Mädchen-Unyago in Akuchikomu.]

[Illustration: Am Xylophon Mgoromondo (s. S. 351).]

Erst jetzt, im Zwiegespräch der beiden, wird uns Lauschern an der

Wand des Rätsels Lösung: Chimlipa hat über Verlauf und glücklichen

Ausgang des beschwerlichen Jagdzuges auf dem neuesten Wege Bericht

erstattet; er hat dazu den „Sim“ benutzt, wie es die Küstenleute

nennen, eine feine Schnur, die in jener kleinen Trommel an der Wand

anfängt und weithin durch das schweigende Pori sein Haus mit vielen

Dörfern im ganzen weiten Rovumalande verbindet. Es ist aber auch zu

drollig: hält man, wenn jenes kurze Trommelzeichen ertönt ist, das Ohr

an die feine Haut, die Chimlipa einem Litotwe, jenem kaninchengroßen

Nagetier mit dem unglaublich langen Rüssel, entnommen und über die

kleine Trommel gespannt hat, dann kann man ganz klar und vernehmlich

die Stimme des braven Schwiegersohnes vernehmen und sogar seine Worte

verstehen! Diese waren heute so fröhlich und so stolz, hatte der junge

Jäger doch seinen ersten großen Elefanten mit mächtigen Stoßzähnen

erlegt, daß Akalingene nicht anders konnte: sie mußte ihm eine lange

Glückwunschrede halten. Auch er hat sie verstanden, wie seine letzten

Worte bezeugten. Die großen Zähne werden aber auch viel Geld einbringen

beim Bwana kubwa unten in Lindi, und dann wird Chimlipa ihnen beiden,

der Schwiegermutter und der jungen hübschen Frau, der das Pelele so

reizend steht, viel schönes, buntes Zeug mitbringen; und schöne,

schwere, dicke, massive Messingringe wird er beim Fundi kaufen, und

ihre Haare wird er mit schönen, bunten Strohkämmen schmücken. Wird das

ein Leben werden!

Hätte ich die Gestaltungsgabe eines Jules Verne und die Phantasie

eines Dichters, so möchte mich dieses kleine Stimmungsbild leicht zu

weiteren Ausblicken und Träumen verleiten können; so bin ich aber ein

nüchtern und real denkender Museumsmann und ein ernsthafter Professor

noch dazu, und dem wird die Rückkehr in die rauhe Wirklichkeit nicht

schwer. Die Telephonszene könnte sich, wie die Dinge liegen, sehr

wohl einmal auf Afrikas Boden abspielen, denn im wesentlichen, wenn

auch nur embryonenhaft, sind die Vorbedingungen erfüllt: die Neger

hier haben das Telephon, und ich besitze sogar zwei wundernette

Exemplare in meiner Sammlung. Der Kampf um eine der Grundfragen der

ganzen Völkerkunde überhaupt, ob die auffälligen Übereinstimmungen im

Kulturbesitz der Menschheit an räumlich ganz unabhängigen Erdstellen

auf einer gleichen psychischen und intellektuellen Veranlagung beruhen,

oder ob sie auf Entlehnung von einem Verbreitungsbezirk zum andern

zurückzuführen sind, ist bezüglich unseres technisch so hochstehenden

Fernsprechers wohl gegenstandslos; kein Mensch wird annehmen, daß der

Makua- oder Yaojunge die Sprechmaschine unabhängig von Philipp Reis und

Alexander Graham Bell, oder wohl gar noch vor ihnen beiden erfunden

hätte, hier liegt ganz unzweideutig Entlehnung vor. Doch auch wie die

Negerjugend sich mit dieser Entlehnung abgefunden hat, ist nicht ohne

kulturhistorisches Interesse.

Denken Sie sich zwei Miniaturtrommeln, wie ihre großen Vorbilder

natürlich schön geschnitzt; beide mit sehr seiner Tierhaut überspannt;

in deren Mitte ein feines Loch, in dem Loch eine ebenso feine Schnur,

durch einen Knoten auf der Innenseite am Durchgleiten durch die

Membran gehindert. Zweifelnd habe ich mir das Ding angeschaut; es

ernsthaft zu nehmen, ist mir zunächst gar nicht in den Sinn gekommen.

Da endlich einmal eine freie Viertelstunde; ich drücke Knudsen das

eine Trommelchen in die Hand und jage ihn davon, bis die wohl 100

Meter lange Schnur straff gespannt ist; ich halte die Membran ans Ohr:

„Guten Tag, Herr Professor, hören Sie was?“ höre ich es auch schon klar

und vernehmlich aus der kleinen Wundertrommel herausklingen. Also das

Ding geht wirklich, fehlt also nur, daß wir die Geschichte ausbauen

und uns keck und kühn mit der Küste und dem Kulturzentrum Lindi selbst

verbinden! --

Negerleben in Ostafrika · 第 27 / 40 段