von der einen Seite; ehret die Frauen! von der anderen. Das gilt aber
nur von uns, die wir auf diesem Gebiet wirklich die Träger höchster
Vollkultur sind. Wie jammervoll und kläglich hat sich dagegen die
Urfrau und noch mehr die Urmutter durchhelfen müssen! Ewig nur den
Küchenzettel, den eine zwar gütige, aber doch auch nur einseitige Natur
darbietet, das hält nicht einmal ein Urmagen aus! Von irgendwo hat
Frau Urahne Kunde von den wohltätigen Wirkungen heißen Wassers auf die
Mehrzahl altbewährter, aber doch schwer verdaulicher Gerichte erhalten.
Die Nachbarin hat es auch versucht. Die sonst so harten Knollenfrüchte
hat sie in einer mit Wasser gefüllten Kalebasse -- oder war es ein
Straußenei, oder gar ein schnell improvisierter Rindenzylinder? --
über Feuer gehalten, da wurden sie viel weicher und schmeckten viel
besser als vorher; leider aber hat das Gefäß nicht ausgehalten, sondern
ist dabei elendiglich von außen verkohlt. Dem kann mit Leichtigkeit
abgeholfen werden, denkt sie, und schon hat sie eine Schicht bildsamer,
nasser Erde um ein ähnliches Gefäß herumgestrichen. Nunmehr geht es
besser, das Kochgefäß bleibt unversehrt, nur hat es sich in dem heißen
Feuer in seiner Umhüllung gelockert. Also herunter damit! Ein Griff,
ein Ruck, Kern und Hülle sind getrennt -- die Töpferei ist erfunden!
Doch zu einer verständnisvollen Benutzung der hartgebrannten Tonhülle
selbst hat vielleicht ein um ein weniges anderer Weg geführt.
Straußeneier und Kalebassen gibt es nicht überall auf der Erde, dagegen
hat der Mensch es überall verstanden, sich aus biegsamen Bestandteilen,
Rinde, Bast, Blattstreifen, Ruten und dergleichen, Behälter für seinen
Haushalt herzustellen. Auch unsere Erfinderin hat kein wasserdichtes
Naturgefäß. „Macht nichts; streichen wir den Korb von innen aus.“
Auch so geht es; aber o weh, das Korbgeflecht verbrennt über dem
hellodernden Feuer jämmerlich; immer ängstlicher schaut die Frau dem
Kochprozeß zu; sie befürchtet jeden Augenblick ein Leck, aber nichts
von alledem. Das Gericht ist geraten und mit besonderem Appetit
verzehrt; halb neugierig, halb befriedigt wird das Kochgefäß gemustert.
Der vordem so bildsame Ton ist jetzt steinhart geworden, zudem sieht er
gut aus, denn das nette, saubere Geflecht des so schmählich verbrannten
Korbes zeichnet sich in hübschen Mustern auf ihm ab. So ist mit der
Töpferei gleichzeitig auch ihre Ornamentik erfunden worden.
Wir sind heute galant; aber wären wir es auch nicht, eine tiefe
Verbeugung geziemte der Frau auch aus dem folgenden Grunde. Der
schweifende Mann ist der Entdecker der willkürlichen Feuererzeugung;
mit kraftvollem Arm zaubert er den göttlichen Funken aus jedem Astwerk
hervor. Das kann ihm die Frau nicht nachtun. Sie ist dafür Vestalin
von Urzeit herauf; nichts verursacht so viel Sorge wie die Erhaltung
des glimmenden Spans. Und nun gar im Lager erst. Die Männer sind
fern. Drohend ballen sich schwere Regenwolken zusammen; schon fallen
die ersten dicken Tropfen; wirbelnd rast der Sturm über die Ebene
daher. Unruhig zuckt das kleine Flämmchen des glimmenden Astes, das
der Frau seit jeher mehr Sorge bereitet als das eigene Kind. Was tun?
Ein blitzschneller Gedanke, rasch steht eine primitive Hütte, aus
Rindenstücken gefertigt, da; noch immer zuckt zwar die Flamme, doch die
Gefahr des Verlöschens in Regen und Wind ist glücklich abgewandt.
Einem solchen oder einem ähnlichen Vorgang ist zweifelsohne die
Erfindung des Hauses im Prinzip zu danken; sie der Frau abzusprechen,
hat selbst der hartgesottene Weiberfeind nicht das Recht. Der Schutz
des glimmenden Herdfeuers gegen das unfreundliche Walten der Natur
ist das Hauptmotiv zu Weiterentwicklung der menschlichen Behausung.
Der Mann ist an diesem Fortschritt kaum beteiligt, oder doch erst
sehr spät. Noch heute ist im ganzen Osten Afrikas das Bestreichen der
Hauswand mit Lehm ausschließlich Sache der Frau, wie die Herstellung
aller Tongefäße; zwei Überbleibsel, aber zwei sehr bezeichnende.
Auch unser europäischer Gemüsegarten ist ein solches gutes, altes
Reliquienstück aus den Anfängen höherer menschlicher Wirtschaft, die
ich mit dem Einsetzen der Kochkunst beginnen lasse; er interessiert
noch heute den deutschen Hausherrn wenig, er geht ihn genetisch ja auch
gar nichts an, denn auch er ist eine Erfindung der Frau. Mochten die
schweifenden Männer ihr rohgeröstetes Fleisch selbstsüchtig in rauher
Tafelrunde unter sich vertilgen, ihr blieb die nette, kleine Auswahl
grünender Kräuter und rauschender Ähren, die sie im Laufe der Jahre als
genießbar und schmackhaft herausgefunden hatte. Im Wesen ist es noch
heute so; selbst das Urgerät dieser alten Beetkultur, die Hacke, steht
bei diesem Zweig unseres Feldbaues noch in vollem Gebrauch.
Die edelste Errungenschaft aber, die wir dem anderen Geschlecht
verdanken, ist doch die Technik und die Kunst des Kochens selbst. Nur
das Rösten ist eine alte Kunst, eine von den Männern der Natur bequem
abgelauschte zudem; der vom vernichtenden Waldbrand angeschmorte
Kadaver des von der raschen Flamme überholten Tieres hat ihnen den
Hinweis gegeben. Das Kochen, d. h. der Veredelungsprozeß organischer
Stoffe unter Zuhilfenahme des zum Sieden gebrachten Wassers, ist eine
weit jüngere Errungenschaft. Sie ist so jung, daß sie selbst heute noch
nicht einmal überall hingedrungen ist; versteht doch der Polynesier
wohl zu dünsten, d. h. sein Gericht, sauber in Blätter gewickelt, im
Erdloch zwischen heißen Steinen unter Luftabschluß und hie und da unter
Besprengung der heißen Steine mit etlichen Tropfen Wassers garzumachen,
aber kochen kann er nicht. Ehre sei also der Frau und Dank für alle
diese Wohltaten, mit denen sie die werdende Menschheit überhäuft hat!
Jedoch nie hat die böse Männerwelt der Frau das alles gedankt. Noch
heute ist sie die Hüterin des Herdes, ganz gleich, ob dieser die Hütte
des Negers, den Wigwam des Indianers, den Pfahlbau des Malaien zum
behaglichen, von Mann und Kind erstrebten Mittelpunkt des täglichen
Lebens gestaltet. Im Dunkel Afrikas und in den Urwäldern Amerikas
hat sie freilich noch heute das zweifelhafte Vergnügen, Haus und
Küche nicht nur zu erhalten und zu besorgen, sondern auch beide im
wesentlichen selbst herzurichten; doch schnöde, undankbar und pietätlos
hat die moderne Kultur die Frau aus der keramischen Werkstätte
verbannt. Und wenn es die höchste Betätigung kulinarischer Kunst
gilt, so ist auch da nicht mehr die Frau die berufene Trägerin dieses
Könnens, sondern, uneingedenk ihrer alten Verdienste, stellen wir Köche
an und erniedrigen die Frau zur bloßen Hilfeleistung. Wir sind ein
undankbares Geschlecht.
Die schlanke Wanyassafrau hat nach einem letzten, prüfenden Blick den
fertiggeformten Topf zum weiteren Trocknen in den Schatten gestellt.
Als sie mir am nächsten Tage durch ihren stets gegenwärtigen Sohn Salim
Matola entbieten läßt, sie wolle das Gefäß jetzt brennen, da erblicke
ich sie beim Heraustreten aus meinem Hause schon eifrig beschäftigt.
Sie hat eine Schicht daumenstarker, sehr trockner Knüppel auf die
Erde gebreitet, den matt gelbgrauglänzenden Topf daraufgesetzt und
umtürmt ihn nunmehr mit weiterem Geäst. Hilfreich und entgegenkommend
überreicht ihr mein treuer Pesa mbili, der Trägerführer, den schon
bereitgehaltenen Feuerbrand; unter beiderseitigem Blasen fachen sie den
Stoß unter dem Winde an; schon zuckt die Flamme empor, da übertragen
sie den Brand auch auf die Luvseite. Bald ist das Ganze ein einziges
Feuermeer. Doch rasch verzehrt sich der trockne Stoff, der Stoß sinkt
in sich zusammen, glühend ragt aus ihm das Gefäß hervor; mit langem
Scheit wird es von der Frau gewendet, bald so, bald so, damit es
gleichmäßig erglühe. Bereits nach 20 Minuten rollt sie das Kunstprodukt
aus dem Aschenhaufen heraus, ein Griff nach dem Spinatbündel, das zwei
Tage lang in einem Wassertopf gelegen hat; ein Schwung wie mit einem
Weihwedel; laut zischen die Tropfen auf dem glühenden Ton auf. An
die Stelle des gleichmäßigen Braunrots sind jetzt regellos verteilte
schwarze Flecke getreten.
Mit einem Seufzer der Erleichterung und mit sichtlicher Befriedigung
hat die Frau sich emporgereckt; sie steht genau in einer Linie mit
mir und der Flamme. Eine Rauchwolke steigt empor; ein Druck auf den
Gummiball der Kamera, es knipst, die Apotheose ist gelungen -- eine
Priesterin ihres erfinderischen Geschlechts, so steht die schlanke Frau
da, zu Füßen das Feuer des Herdes, den sie uns geschenkt; zur Seite die
Erfindung, die sie für uns gemacht; im Hintergrunde das Heim, das sie
uns errichtet!
[Illustration: Makuatöpferei in Newala mit den Anfängen der
Töpferscheibe.]
Auch in Newala habe ich mir die Herstellung keramischer Erzeugnisse
vorführen lassen. Technisch war das Verfahren besser, denn hier kennt
man bereits die ersten Anfänge der Drehscheibe, die es im Tiefland
anscheinend nicht gibt; wenigstens habe ich keine gesehen. Von der
Herstellung einer Vertiefung zur Aufnahme des zu bildenden Gefäßes
sieht die Künstlerin, eine furchtbar stumpfsinnige Makuafrau, ab; dafür
rückt sie mit einer großen Topfscherbe an, die sie mit einer gewissen
Wichtigkeit an der improvisierten Arbeitsstelle niedersetzt. Auf
dieser Scherbe entwickelt sich alles weitere in ziemlich den gleichen
Bahnen wie bei Salims Mutter, nur daß die Töpferin hier des mühseligen
Herumlaufens um das Gefäß enthoben ist; in aller Bequemlichkeit kauert
sie dabei und läßt Topf und Scherbe um sich selbst rotieren; es ist
also der Anfang einer Maschine. Aber wollt ihr glauben, daß der Topf
etwa dadurch regelmäßiger und schöner geworden sei? Freilich ist er
schön rund und ganz ansehnlich geworden, aber alle die zahlreichen
großen und kleinen Gefäße, die ich in den „rückständigen“ Gebieten
gesehen und zum Teil auch gesammelt habe, sind es nicht minder. Wir
modernen Menschen bilden uns immer ein, um Hervorragendes schaffen
zu können, seien Präzisionsinstrumente nötig. Geht hin in die
prähistorischen Museen und Sammlungen und seht euch die Töpfe, Urnen
und Schalen unserer Vorfahren aus grauer Vorzeit an, dann werdet ihr
sofort eines Besseren belehrt sein!
Heute ist fast die ganze Bevölkerung Deutsch-Ostafrikas in eingeführte
Kattune gekleidet. Dem war nicht immer so; noch heute gibt es im
Norden einige Gebiete, wo das gewalkte Tierfell als Bekleidungsstoff
vorherrscht, im Nordwesten aber, östlich und nördlich vom Tanganyika,
liegt eine Zone, wo Rindenstoffe auch heute noch nicht ganz verdrängt
sind. Nur wenige Generationen mag es her sein, daß solche Rindenstoffe
neben Fellschurzen auch im ganzen Süden das einzige Bekleidungsmaterial
gewesen sind. Auch heute ist dieses leuchtend rote oder fahlgelbe
Material noch massenhaft vorhanden; will man es aber sehen, so muß
man schon in die Vorratsbehälter, auf die Trockengerüste und in die
Hütten der Eingeborenen kriechen; dort führt es ein bescheideneres
Dasein, nämlich nur noch als Packmaterial für besonders sorgsam zu
behandelnde Sämereien und Früchte. Auch das Salz von Massassi wird in
große Rindenstoffstücke geschlagen und in ihnen kunstgerecht für den
Ferntransport verpackt.
[Illustration: Ritzen der Rinde am Baum.]
[Illustration: Abziehen der Rinde vom Baum.]
[Illustration: Putzen der abgehobenen Rinde.]
[Illustration: Klopfen der Rinde.]
[Illustration: Geschmeidigmachen des geklopften Stoffes.
Rindenstoffherstellung in Newala.]
Wo es irgend ging, habe ich auch die Technik der Herstellung dieses
Stoffes studiert. Mit einem zwei bis drei Meter langen, schenkeldicken
Knüppel kommt der bestellte schwarze Mann an; sonst trägt er weiter
nichts als einen merkwürdig gestalteten Hammer und das übliche lange,
scharfe und spitze Messer, das alle Männer und Knaben, ohne Scheide
~horribile dictu~! -- auf dem Kreuz im Gürtel tragen. Stumm läßt er
sich vor mir nieder; mit zwei raschen Skalpierschnitten hat er im
Abstand von zwei Meter den mitgebrachten Baum umzirkt, dann fährt er
mit der Spitze des Messers auf dem Baum lang dahin. Mit sichtlicher
Sorgfalt hebt er rings um den Stamm mit Hilfe des Messers die äußere
Borke ab, so daß nach Verlauf einer guten Viertelstunde die erstrebte
innere Schicht sich leuchtend zwischen den unberührt gebliebenen
Stammenden heraushebt. Mit einiger Mühe und vieler Vorsicht löst er
die Rinde an dem einen Ende ab, er öffnet den Zylinder; sodann steht
er auf, ergreift den freigewordenen Rindensaum mit beiden Händen und
zieht dem langen Knüppel langsam, aber mit Nachdruck das Fell über die
Ohren. Ich erwarte, der so grausam Geschundene möchte achtlos beiseite
geworfen werden; das geschieht aber nicht, sondern er wird belassen,
wo er liegt. Für den Künstler beginnt nun die mühsame Arbeit des
Säuberns; er schabt alle überflüssigen Borkenteile von der Außenseite
des langen, schmalen Rohstoffes ab und unterzieht ihn auch auf der
Innenseite einer sehr vorsichtigen Durchsicht nach Fehlstellen. Jetzt
endlich geht’s an das Klopfen; auf einen Wink hat ihm ein Freund eine
Schale mit Wasser zur Seite gestellt; mit diesem feuchtet der Künstler
das ganze Stück ein, greift darauf nach seinem Hammer, legt das eine
Ende des Stoffes auf die glatteste Stelle des entrindeten Baumes und
hämmert langsam, aber stetig darauflos. Höchst einfach, denke ich,
das würdest du sicher auch können; später aber werde ich anderer
Meinung: das Klopfen ist doch eine Kunst, falls es nicht zu einem
+Zer+klopfen werden soll. Um das zu verhüten, faltet der Künstler den
Rohstoff mehrfach der Quere nach und bildet dergestalt eine mehrfache
Lage, die dem Zerschlagen der Fasern entgegenwirken soll. Endlich
ist der gewünschte Endzustand erzielt; entweder ergreift der Fundi
allein den immer noch gefalteten Stoff an beiden Enden und ringt ihn
tüchtig durch, oder er ruft einen Gehilfen herbei, der ihn bei dieser
Schlußarbeit unterstützt. Das so entstandene Zeug ist lange nicht so
fein und regelmäßig wie der berühmte Rindenstoff von Uganda, aber es
ist immerhin schön weich und vor allen Dingen billig.
Jetzt sehe ich mir auch den Hammer an; mein Künstler verfügt über die
einfachere, aber bessere Form: auf dem Hammerstiel steckt als wirksame
Masse ein derber Holzkegel, dessen breite Basis, die Schlagfläche,
kreuz und quer mit mehr oder minder derben Riefen versehen ist. Bei der
ursprünglichen Form ist der Kegel ebenso gestaltet, aber er ruht in
einem kunstvoll verflochtenen System von Baststreifen, die ihn an einem
aufgespaltenen Bambusstab als Stiel befestigen. -- Die völkerkundliche
Erfahrung, daß alte Sitten und Gebräuche sich am längsten im Kult
und im Kinderleben erhalten, finden wir auch bei diesem Rindenstoffe
bestätigt; wie ich sehr bald erzählen werde, wird er noch während
des Unyago getragen, nachdem er unter bestimmten Zeremonien höchst
feierlich erzeugt worden ist; auch legt manche Mutter, wenn sie sonst
nichts hat, ihrem Sprößling noch hie und da ein Rindenschürzchen
an. Das sieht dann viel schöner und weit afrikanischer aus als der
lächerliche Lappen aus Uleia.
[Illustration: Makua-Masewe in der Boma von Newala.]
Fünfzehntes Kapitel.
„Und will sich nimmer erschöpfen und leeren.“
+Newala+, Anfang Oktober 1906.
Ein paar Tage lang hat es geschienen, als wolle unser deutscher
Altweibersommer vom fernen Uleia aus uns hier oben einen Besuch
abstatten, so frisch-kühl schien die Sonne auf Weiße und Schwarze
hernieder, und so windstill war es um unsere Barasa. Jetzt aber
umbraust wieder der altgewohnte eisige Novemberost die Boma von Newala,
und geregnet hat es gerade am Michaelistage auch schon. Das muß wohl
ein hierzulande allgemein verstandenes Signal für jung und alt gewesen
sein, denn weder die unvermeidlichen Knaben belagern mich, noch kehren
auch meine Gelehrten wieder. Erfreulicherweise habe ich die alten
Herren im Laufe der letzten Wochen so auspressen können, daß ich schon
jetzt, im unanfechtbaren Besitz einer Unsumme von Aufzeichnungen und
Notizen, vollauf befriedigt von dannen pilgern könnte, hielten mich
nicht die Sprachaufnahmen, in die ich mich nun einmal verbissen habe,
noch für eine kurze Spanne zurück. Ganz unmöglich ist es, an dieser
Stelle auch nur die knappste Skizze von dem zu geben, was ich, der
nunmehr wissend Gewordene, von allen diesen mehr oder minder seltsamen
Sitten und Gebräuchen in mein vor Glückseligkeit jauchzendes Gemüt
aufgenommen habe. In amtlichen und nichtamtlichen Schriften, zu denen
ich sicherlich die Muße manchen Semesters werde opfern müssen, ist
der Platz für alle Einzelheiten; was ich hier bringen kann, darf und
will, ist lediglich ein Hervorheben gerade dessen, was vermöge seiner
Eigenart jeden Kulturmenschen fesseln kann und wohl auch wird.
Ein unbegrenztes Forschungsfeld sind die hiesigen Personennamen.
Wo der Islam bereits Fuß gefaßt hat, herrscht auch die arabische
Benennungsweise; da marschiert neben dem Makonde-Askari Saidi bin
Mussa sein Kamerad vom Nyassasee Ali bin Pinga, und hinter dem
Yaoträger Hamisi zieht Hassani aus Mkhutu seines Weges fürbaß. Bei den
Binnenstämmen waltet als soziales Prinzip die Sippeneinteilung vor;
daher tritt selbst noch zu dem Vornamen der zum Christentum Bekehrten
der Name des Clans. Daudi (David) Machina nennt sich der schwarze
Pastor von Chingulungulu, und Claudio Matola heißt der präsumtive
Nachfolger Matolas I. und Matolas II. Über diese Namen des Innern
gleich mehr.
Ebenso fesselnd wie die Namen selbst ist oftmals ihre Bedeutung; schon
meine braven Träger haben mir in dieser Richtung manch fröhliche
Minute verursacht; sie führen zum großen Teil auch gar zu drollige
Bezeichnungen. Pesa mbili, Herr Zweipfennig in deutscher Währung, ist
uns ebensowenig ein Fremder mehr wie seine Freunde Kofia tule, der
lange Mann mit dem flachen Käppchen, Herr Kasi uleia, der Mann, der
beim Europäer Arbeit nimmt, und Herr Mambo sasa, die „Sitte von heute“.
~Mambo sasa~ ist und bleibt für mich die lebendige Illustration
zu meiner mitgenommenen Phonographenwalze aus der „Fledermaus“, die
ihr „Das ist nun mal so Sitte“ wohl aus dieser Ideenassoziation heraus
jetzt häufiger ertönen lassen muß als früher. Außer diesen Getreuen
laufen unter meinen zwei Dutzend schwarzen Kameraden noch folgende
Gentlemen herum: Herr Decke (Kinyamwesi: Bulingeti, verderbt aus dem
englischen ~blanket~); Herr Cigaretti (bedarf keines Kommentars);
Herr Kamba uleia (keck, aber sehr frei übersetzt: du deutscher Strick);
Herr Berg oder Hügel (Kilima), und die Herren Kompania und Kapella. Ins
Seemännische fallen die Namen Maschua (Boot) und Meli (vom englischen
~mail~, das Dampfboot); ins Arithmetische Herr Sechs (Sitta). Den
würdigen Beschluß macht Mpenda kula, Herr Freßsack.
Den Namen der Binnenstämme fehlt der merkbare europäische Einschlag
dieser Trägernamen, doch spaßig will uns auch hier mancher erscheinen.
Ich bemerke dabei, daß diese Namen durchweg nicht die ersten sind,
die ihren Träger zieren; wie sooft bei Naturvölkern, auch heute
noch bei den Japanern, haben wir auch hier die Erscheinung, daß
jeder einzelne im Anschluß an die erlangte und festlich begangene
Mannbarkeit einen neuen Namen bekommt. Den hiesigen Eingeborenen ist
die ursprüngliche Bedeutung dieses Wechsels nicht oder nicht mehr
bekannt, doch geht man wohl nicht fehl in der Annahme, daß die neue
Benennung auch einen neuen Menschen bedeutet; jede Erinnerung an den
alten Adam ist damit ausgelöscht, der neue Mensch aber steht in ganz
anderem verwandtschaftlichen Verhältnis zu seinen Angehörigen und
Stammesgenossen als der frühere. Offiziell ist jeder erwachsene Yao,
Makua, Makonde oder Matambwe berechtigt, sich als Pate anzubieten,
doch erweckt mir die Mehrzahl der Namen den Eindruck, als seien sie
in Wirklichkeit Spitznamen, die ihrem Träger gelegentlich aus dem
Bekanntenkreis anfliegen; der Neger hat bekanntlich ein sehr feines
Gefühl für die Schwächen und Blößen des anderen.
Chelikŏ́sue, Herr Ratte, ist uns von seinen Heldenliedern von
Chingulungnlu her schon bekannt; zu ihm gehört der Namenklasse nach
Chipembēre, Herr Nashorn. Dieser neigt zum Jähzorn wie jener
Dickhäuter, daher sein Name. An die ursprüngliche Stammeszugehörigkeit,
nämlich zu den Wandonde, erinnert der Name des alten Biervertilgers
Akundonde. Der Sieger im Gefecht ist Chekamĕ́nya; Freude herrschte
über die Geburt des Machīna; Makwenja rafft alles an sich; Chemduulăgá
macht hingegen wenig aus sich, er ist die verkörperte Bescheidenheit.
Ebenso ist Mkotima ein ruhiger Mann; Siliwindi ist nach dem
gleichnamigen guten Sänger unter den Vögeln des Landes genannt; Mkokora
endlich trägt den Schmutz mit den Händen weg.
Das sind Wayao-Männernamen. Von den Frauennamen dieses Stammes
will ich nur folgende hervorheben: Frau Chemā́laga; sie ist ganz
allein zurückgeblieben, alle ihre Angehörigen sind gestorben; Frau
Chechelajēro, die es immer schwer hat; Frau Chetulāye, die schlecht
lebt, und schließlich Chewaŏ́pe, sie ist dein.
Die Personennamen der übrigen Völker sind im großen ganzen desselben
Charakters: Kunanyupu, Herr Gnu, ist ein alter Makua, der nach seiner
eigenen Aussage in seiner Jugend viele Gnus erlegt hat; Nantiaka ist
der Don Juan, der von einer zur andern flattert. Geistesverwandt ist
Ntindinganya, der Spaßvogel, der anderen in die Schuhe schiebt, was
er selber ausgeführt hat; Linyongonyo ist der Schwächling ohne Kraft,
Nyopa aber der Ehrgeizige, der danach strebt, daß andere ihn fürchten;
Madriga ist der Betrübte, der Hypochonder; Dambuala der Faule.
Unter den Frauen ist Aluenenge die Selbstbewußte; ihr Herr und Gebieter
hat sich zwar noch ein zweites Weib genommen, aber bei der wird er,
das weiß Aluenenge ganz bestimmt, nicht bleiben, sondern reuevoll zu
ihr zurückkehren. Weit weniger glücklich ist Nantupuli dran; sie läuft
in der Welt herum, bekommt aber nichts, weder einen Mann, noch sonst
etwas. Wieder zur Kategorie der Unglücklichen gehören dann Atupimiri
und Achinaga; jene besitzt einen Mann, der wenig seßhaft ist; immer ist
er auswärts, nur von Zeit zu Zeit kommt er, um seine Frau zu „messen“,
d. h. zu sehen, ob sie sich gut oder schlecht beträgt. Achinagas Mann
aber ist stets krank und kann nicht arbeiten; so muß sie alles allein
machen. Eine Pesa mbili gibt es auch unter den Makondefrauen; „früher
stand ich hoch,“ so besagt der Name, „in der Wertschätzung der Männer,
jetzt aber bin ich nur noch zwei Pesa wert; ich bin alt geworden.“
Schönheit steht eben auch beim Neger im Preise.
Ein sehr dankbares, aber auch recht schwierig zu beackerndes
Forschungsfeld ist für mich allerorten die Feststellung der Gebräuche,
die den einzelnen in seinem Dasein von der Wiege bis zum Grabe
begleiten.
In der mütterlichen Hütte ist das kleine Negerkind, das noch gar nicht
schwarz, sondern ebenso rosig aussieht wie unsere Neugeborenen, zur
Welt gekommen; der Herr Vater ist weit vom Schuß; ihn haben die weisen
Frauen beizeiten gehen heißen. Säuberlich wird das Baby gewaschen und
in ein Stück neuen Rindenstoffes gewickelt. Dabei salbt man seine
Ohren mit Öl, damit es hören soll; das Bändchen unter der Zunge aber
löst man mit dem landesüblichen Rasiermesser, damit es sprechen lerne.
Knaben werden wie überall gern gesehen; in bezug auf Mädchen verhalten
sich die Stämme und, genau wie bei uns, auch die einzelnen Familien
verschieden. In der Völkerkunde ist oft zu lesen, daß die Naturvölker
die Geburt von Mädchen aus rein mammonistischen Gründen freudig
begrüßten, brächten doch die erwachsenen Mädchen dem Elternpaar bei der
Heirat den Kaufpreis ein. Bis zu einem gewissen Grade mögen derartige
Momente auch hierzulande mitspielen, im allgemeinen aber sind Mädchen
schon deswegen gern gesehen, weil sie der Mutter bei den mannigfachen
Arbeiten in Haus und Feld frühzeitig an die Hand gehen können. Nach
ihrer Verheiratung wird der Herr Schwiegersohn zudem zum treuesten,
unentgeltlichen Diener des mütterlichen Hauses. Hier, im Lande der
Exogamie, der Außenehe, siedelt nämlich die junge Frau nicht mit in das
Heim des Ehemannes über, sie tritt auch nicht in seine Verwandtschaft
hinein, sondern gerade umgekehrt: der Mann verläßt Vater und Mutter und
zieht entweder direkt ins schwiegermütterliche Haus oder baut sich doch
unmittelbar daneben an; in jedem Fall aber sorgt er, bis seine eigenen
Familienumstände es anders bedingen, mit voller Kraft jahrelang für
die Erhaltung des schwiegermütterlichen Anwesens; er besorgt die
Aussaat und die Ernte, macht neue Felder urbar, kurz, er sieht der
Schwiegermama jeden Wunsch an den Augen ab. Er trägt sie auf Händen.
[Illustration: Makuafrauen.]