etwas anders als bei Pater Adams, dessen kleinem, aber inhaltreichem
Büchlein: „Lindi und sein Hinterland“ ich diese Stammessage der Makonde
entnehme. Aber sonst stimmt mein Befund genau mit dem sachlichen Inhalt
dieser Stammessage überein. Waschen? ~Hapana~, gibt es nicht.
Wozu auch? Zudem ist das Wasser spärlich und reicht kaum zum Kochen
und Trinken; von den anderen tut es ja auch keiner; warum soll also
gerade ich so unangenehm auffallen? Scheren aber ist bei dem kurzen,
krauswolligen Haarwuchs kaum vonnöten; also auch dieser Vorschrift des
Urahnen ist leicht zu folgen. Damit aber hört das, was uns lächerlich
dünkt, auf. Von einer Reihe hiesiger Künstler habe ich eine ziemlich
große Anzahl stattlicher, 40 bis 60 Zentimeter hoher Holzskulpturen
erworben, die allesamt Frauen aus der großen Völkergruppe der Mavia,
Makonde und Wamatambwe darstellen; die Figuren sind merkwürdig gut
gearbeitet und geben den Frauentypus vortrefflich wieder, vor allem
auch die später noch zu schildernde Verschönerung des Körpers mit
Ziernarben. Über Zweck und Bedeutung ihrer Werke befragt, wußten die
Künstler nichts Plausibles anzugeben, oder aber, was ich heute für
wahrscheinlicher halte, sie wollten nicht. Also:
Was man sich nicht erklären kann,
Das sieht man als ’nen Fetisch an.
Ehrlich gestanden, ich habe diesen ins Ethnographische variierten
alten Vers beim Empfang jener Figuren laut in den sonnendurchglühten
Tropentag hinausgesprochen, aber ich habe wohlweislich nicht danach
gehandelt. Einstweilen mußte ich mich mit der kargen Angabe eines der
Künstler begnügen, die Figuren gäben lediglich das „~nembo~“
wieder, die Körperverunstaltung durch Lippen- und Ohrscheiben und
Ziernarben. Mit der Adamsschen Sage jedoch rücken diese Figuren ohne
weiteres in ein anderes Licht, sie sind doch mehr als zwecklose
Kostümpuppen, ja man darf dreist annehmen, daß sie, wenn auch der
Mehrzahl der heutigen Makonde unbewußt, Darstellungen jener Urmutter
sind. Diesmal wäre der alte Vers also doch angebracht gewesen, denn die
Urmutter gehört ebenso in den Kreis des hiesigen Eingeborenenkultus wie
die Ahnen überhaupt.
Auf die Vorgeschichte des Volkes bezieht sich in der Stammessage
unzweifelhaft zunächst der Hinweis auf den Abstieg von Mahuta hinunter
zu den Wassern des Rovuma, sodann der andere auf die Wanderung über
die Hochländer bis in das Tal des Mbemkuru; beide Wanderungen des
Urelternpaares bedeuten in Wirklichkeit wohl Wanderungen des Volkes
selbst. Der Abstieg in das nahe, an seinen Rändern außerordentlich
fruchtbare und wildreiche Rovumatal ist ohne weiteres verständlich;
doch auch das Überschreiten der Lukuledisenke, der Aufstieg zum
Rondoplateau und der erneute Abstieg zum Mbemkuru liegen durchaus
innerhalb des Bereichs der Wahrscheinlichkeit, denn alle diese Gebiete
weisen genau dieselben Naturbedingungen auf wie der äußerste Süden.
Nun kommt aber etwas gerade für unser „bakterielles“ Zeitalter höchst
Interessantes. Die Ur-Makonde sind in den sumpfigen Flußniederungen
ihres Lebens nicht froh geworden, Krankheiten waren bei ihnen an der
Tagesordnung, und viele starben; erst nachdem sie wieder nach Mahuta in
die Heimat zurückgekehrt waren, besserte sich der Gesundheitszustand
des Volkes. Wir sehen im Neger gern und mit Vorliebe den naturfremden
und naturfürchtigen Dümmling, dem alles Ungemach von bösen Geistern und
Naturgewalten herrührt. Viel richtiger wird es sein, hier anzunehmen,
daß die Leute malariadurchseuchte und malariafreie Gebiete sehr bald
haben unterscheiden lernen. Diese Erkenntnis schlägt sich dann nieder
in der Warnung des Urvaters, nicht wieder in die Täler und an die
großen Wässer zu ziehen, denn dort wohne die Krankheit und der Tod. Um
aber auch gleichzeitig vor den bösen Mavia auf der Südseite des Rovuma
gesichert zu sein, wird noch bestimmt, daß jede Siedelung um einen
Minimalabstand von jenem Steilrand abliegen solle. So wohnen sie heute
noch.
Sie wohnen so auch ganz gut, jedenfalls besser und geschützter als
die Makua, die modernen Eindringlinge des Südens, die hier auf dem
Westrande des Plateaus in ziemlich breiter Zone Fuß gefaßt haben.
Von der Stattlichkeit der Yaohäuser unten in der Ebene und besonders
in Massassi, Susa und Chingulungulu hat weder die Behausung der
Makua, noch die der Makonde etwas an sich. Jumbe Chauro, ein an der
Barrabarra nach Mahuta unweit Newala gelegener Makondeweiler, ist von
allen mir bisher bekannten Siedelungen des Stammes noch der bei weitem
stattlichste; seine Hütten sind auch recht geräumig. Doch wie ruppig
ist ihre bauliche Ausführung gegenüber den fast eleganten Palästen
der Elefantenjäger in der Ebene! Das Dach ist noch verwahrloster,
als es in der Trockenzeit hier überall Usus ist; an den Wänden nur
hie und da die kümmerlichen Anfänge oder die kläglichen Reste eines
Lehmbewurfs; das Innere aber eine wahre Hundehütte; Schmutz, Staub
und Unordnung überall; von Zimmereinteilung ist nur in wenigen Hütten
etwas zu merken, und dann ist sie auch nur durch ganz liederlich
zusammengeflickte Bambuswände hergestellt.
Nur in einem habe ich hier einen Fortschritt feststellen können, in
der Methode des Hausverschlusses. Diese ist im ganzen Süden bei aller
Einfachheit sinnreich; die Tür besteht stets aus derben Stangen von
Bambus oder Holz, die mit dem uns schon bekannten Bindemittel des
Baumbastes an zwei Querriegel gebunden werden; auch die Drehung um
den einen Türpfosten erfolgt in zwei Schleifen, und zwar nach innen.
Will der Bewohner sein Haus verlassen, so nimmt er zwei derbe Stangen
her, oberarmdick und etwa 1,5 Meter lang. Die eine lehnt er von innen
schräg gegen die Mitte der Tür, so daß sie einen Winkel von 60 bis
75 Grad mit dem Erdboden bildet; dann nimmt er die andere Stange,
dreht sie horizontal und drückt sie mit aller Kraft auf die erste
Stange hernieder. Dabei helfen ihm zwei andere kräftige Pfeiler, die
in einigem Abstand einwärts von den Türpfosten stehen; sie sind das
Widerlager für die Horizontalstange. Der Verschluß ist absolut sicher;
nur läßt er sich natürlich nicht bei beiden Haustüren, der Vorder-
und Hintertür, ausführen. Denn wie sollte der Besitzer sonst in das
Haus hineingelangen? Ich bin aber einstweilen noch nicht über den
Hintertürverschluß unterrichtet.
[Illustration: Der allgemein übliche Türverschluß.]
Das ist also der Universalverschluß. Derjenige der Makonde von Jumbe
Chauro ist viel feiner, gediegener und origineller. Auch hier ist
in bezug auf die Tür alles wie sonst, nur steht an ihrer Innenseite
ein einzelner Pfahl etwa 15 Zentimeter von der Türkante ab frei im
Hüttenraum; in der Hüttenwand aber befindet sich an dieser Stelle
ein Loch, gerade groß genug, um den Arm hindurch zu stecken. Der Tag
ist heiß gewesen, nun aber will es Abend werden; still und verlassen
liegt das Makondedörfchen im dichten Busch verborgen da. Es ist
vollständig menschenleer, denn die ganze Einwohnerschaft ist zu
Schmaus und scharfem Umtrunk ins Nachbardorf geladen. Jetzt nahen sich
schlürfende Schritte, der Hausvater und die Seinen kehren zurück; sie
sind zum nicht geringen Trost für alle diejenigen Blaßgesichter, die
aller Abstinenzbewegung zum Trotz noch immer gern ihr Gläschen Bier
genehmigen, in keiner anderen Verfassung, als man sich nach einer
schweren Sitzung auch bei uns befindet. Nur singt der Makonde nicht;
~Africa non cantat~; in dieser Beziehung wird er also nie ein
guter Deutscher werden! Jetzt kommt das Knifflige. Der Negerpapa hat
natürlich die Pflicht, das Haus zu öffnen. O ihr Göttinger Semester,
wie klar steht ihr wieder vor meiner Seele mit eurem unermeßlichen
Hausschlüssel, für den kein Schneider die Taschen groß genug machen
konnte, für dessen Last selbst die hintere Hosenschnalle eigens
verstärkt werden mußte! Größer als du, unerläßliches Requisit froher
Scholarenzeit, ist das Format auch kaum, das der alte Neger aus
irgendeinem Versteck zum Vorschein bringt, nur Gestalt und Material
sind anders als am Leinestrand. Eisen ist eine plebejische Erfindung
fremder, hergelaufener Völker, der Makonde bleibt nach wie vor beim
Holz; und wirklich geschickt findet er sich damit ab: der Schlüssel
ist ein etwa 30 Zentimeter langer, etwas geschweift gearbeiteter Stab
mit abgesetztem Griff; der Bart hat drei derbe Zapfen, die gleich lang
sind und in ein und derselben Ebene liegen. Etwas unsicher -- auch
wieder ~à la~ Göttingen -- sucht Papa das Schlüsselloch, pardon,
das Loch in der Wand. Das hat er vermöge seiner Größe bald entdeckt.
Mit nicht unberechtigtem Stolz wagt er einen schüchternen Blick nach
hinten, wo Mama, den unvermeidlichen Sprößling im Rückentuch, geduldig
-- sie ist ja heute mitschuldig -- der Lösung des Problems harrt.
Diese ist wirklich nicht ganz leicht, die Pombe war gut und der Tag
war heiß; merkbar zittert die sonst so ruhige schwarze Hand, als der
alte Herr beginnt, die Öffnung für den Schlüssel zu suchen. Schon hebt
sich, einem Entenschnabel gleich, die siebenzentimetrige Lippenscheibe
der holden Gattin zu scharfer Aufmunterung, da ist das große Werk
endlich gelungen, das feine, rechteckige Loch in dem freistehenden
Pfeiler ist gefunden; rack, rack, rack, ein dreimaliges rasches Heben
und Senken des Schlüssels, schon zieht er einen langen Riegel hinter
sich her und quer durch den Pfeiler hindurch. Dieser Riegel hatte mit
seinem kolbenförmigen freien Ende sich fest gegen die Innenseite der
Tür gestemmt, sie dadurch hermetisch verschließend; jetzt ist der
kluge Neger gekommen, hat mit seinem Schlüssel im Innern jenes Pfeilers
in senkrechten Nuten laufende Klötzchen gehoben und hat damit den
Verschluß gelöst; leicht und frei gleitet der Riegel zurück.
[Illustration: Türverschluß bei den Makonde von Jumbe Chauro.]
Mit nicht geringem Selbstbewußtsein hat mir erst ein Hausvater diese
größte Erfindung des Hochlandes an Ort und Stelle vordemonstriert,
und dann ein anderer; beide Male habe ich ein bewunderndes „~Msuri
sana~, sehr schön!“ ausgerufen und den Wunsch geäußert, diese
Wunderdinge mit nach dem fernen Uleia zu nehmen, um dort den Wasungu zu
zeigen, was für tüchtige Kerle die Makonde seien. Noch bin ich keine
fünf Minuten in meinen Windfang von Newala zurückgekehrt, da keucht
es auch schon heran; im selben Augenblick senken sich zwei stattliche
Bäume vor meinen Augen nieder, und feierlich, wie nach siegreicher
Belagerung, überreichen mir zwei stark schwitzende Gestalten die
Schlüssel zum Tor der gefallenen Feste. Zum Schlüssel gehört auch
das Schloß, hatten die beiden Kommandanten ganz logisch gedacht;
ein Griff nach der Axt, krachend fliegt das scharfe, dem trocknen,
zähen Tropenholz gegenüber jedoch zu weiche Eisen in die Basis des
schloßtragenden Pfeilers hinein. Den Pfahl aus dem Boden auszugraben
und ihn dergestalt intakt herbeizuschaffen, das war den beiden
Intelligenzen nicht eingefallen. So liegen die Stücke halb zertrümmert
vor mir, und statt einer Belobigung bekommen die beiden Besitzer noch
Schelte.
[Illustration: Auf der Suche nach dem Schlüsselloch.]
Die Makuahütten sind in der Umgebung von Newala besonders kümmerlich;
in ihrer mehr als liederlichen Bauart erinnern sie mich lebhaft an
die Interimsbauten der Makua von Hatia; und dabei haben die hiesigen
Vertreter des Stammes durchaus keinen Krieg mitgemacht. Es muß also
wohl angeborene Faulheit sein, oder aber das Fehlen einer straffen
Häuptlingshand. Selbst die Barasa von Mlipa, eine kleine Stunde
südöstlich von Newala, nimmt an dieser allgemeinen Verwahrlosung
teil; während sonst die öffentlichen Bauten hierzulande stets der
Gegenstand einiger Sorgfalt sind, läuft sie sichtlich Gefahr, vom
ersten besten kräftigen Oststurm umgewirbelt zu werden. Von einigem
Reiz in dem ganzen weiten Siedelungsdistrikt ist lediglich das Grab
des verstorbenen Häuptlings Mlipa selbst. Ich habe es in den ersten
Vormittagsstunden einmal besucht, wo noch brauende Nebel mit der
durchbrechenden Sonne kämpften; da sah der kreisrund angelegte Hain
haushoher Euphorbien, die nebst einem zerbrochenen Tongefäß allein
noch von der Ruhestätte des alten Negerkönigs zeugen, fast weihevoll
aus. Auch meine sonst so materiell und realistisch veranlagten Träger
mochten so etwas fühlen, denn sie sangen heute nicht ihre gewohnten
Schelmenlieder, sondern feierlich klang es, als wir von dannen zogen,
in den dichten, grünen Makondebusch hinein und über ihn hinaus weithin
den Steilabhang hinunter:
[Music:
(_Auf dem Klavier eine Oktave tiefer._)
~Weise A.~
~Da_si_ge mu_rum_ba ba_na_m_ku_wa u_si_ga_we nam_ba cha_ku_la ni
ma_li si_ri_ka_li nam_ba wa_ku_ho_fu ni na_~
1. _Vorsänger_:
~ni da_si_ge~
2.
~ni~
~Weise B.~
~mu_pe_le ka_ge mu_pe_le ka_ju_va na ba_na m_ku_wa~
_Vorsänger_:
~sim_ba mli_ma go_do_ka ma_na_ku_ba~
~Weise A.~
~Da_si_ge mu_rum_ba ba_na_
m_ku_wa u_si_ga_we nam_ba cha_ku_la ni ma_li si_
ri_ka_li nam_ba wa_ku_ho_fu ni na_ni~
~Weise B.~
~mu_pe_le ka_ge
mu_pe_le ka_ju_va na ba na_m_ku_wa sim_ba mli_ma go_do_ka~
~Weise A.~
~da_si_ge mu_rum_ba ba_na_m_ku_wa u_si_ga_we nam_ba cha_
ku_la ni ma_li si_ri_ka_li nam_ba wa_ku_ho_fu ni na_ni~
~Weise B.~
~mu_pe_le ka_ge
mu_pe_le ka_ju_va na ba_na m_ku_wa sim_ba mli_ma go_do_ka~
~Weise A.~
~da_si_ge mu_rum_ba ba_na m_ku_wa u_si_ga_we nam_ba cha_
ku_la ni ma_li si_ri_ka_li nam_ba wa_ku_ho_fu ni na_ni.~
]
„Wir werden schon ankommen mit dem großen Herrn; wir stehen in der
Reihe und haben keine Angst, unser Essen und unser Geld vom Serkal, der
Regierung, zu bekommen. Wir sind nicht ängstlich; wir gehen zusammen
mit dem großen Herrn, dem Löwen, zur Küste und kehren zurück.“
In bezug auf den Habitus der verschiedenen Stämme hier auf dem
Westrande des Plateaus komme ich zu keinem anderen Ergebnis als dem
bereits in der Ebene gewonnenen: es ist für einen Nichtanthropologen
unmöglich, es dem einzelnen direkt anzusehen, welches Stammes er
sei. Ich glaube aber, auch für den Anthropologen von Fach möchte
diese Unterscheidung schwer sein, selbst auf Grund der peinlichsten
Untersuchung; die ganze große Völkergesellschaft hier im Osten des
Erdteils, zwischen dem großen zentralafrikanischen Graben, dem
Tanganyika und dem Nyassa im Westen und dem Indischen Ozean im Osten,
ist nun einmal eng miteinander verwandt; manche ihrer Sprachen
unterscheiden sich nur dialektisch; die Stämme werden zweifellos
dieselbe Schädelbildung und denselben Knochenbau besitzen; von
auffallenden äußeren Stammesunterschieden kann da unmöglich die Rede
sein.
Und selbst wenn sie beständen, hätte ich keine Zeit und Muße, mich mit
ihnen zu befassen, denn welch ungeheure Fülle von ethnographischen
Erscheinungen allein ist es, die Tag für Tag auf mich einstürmt, die
gesehen oder gehört, in beiden Fällen aber begriffen, aufgezeichnet
und niedergeschrieben sein will. Fast könnte ich es als ein Glück
bezeichnen, daß wenigstens einzelne Forschungsgebiete durch äußere
Umstände brachgelegt worden sind. Da ist vor allem das Gebiet der
Eisentechnik. Afrika gilt sonst als ein Erdteil, wo der Eisenstein
sozusagen auf der Straße liegt und wo es verwunderlich erscheinen
möchte, wenn seine Bewohner nicht zur Verhüttung des überall
anstehenden Materials gelangt wären; tatsächlich reicht ja auch die
Kenntnis des Eisenschmelzens vom Nordrand bis zu den Kaffern.
Hier zwischen Rovuma und Lukuledi liegen die Verhältnisse nicht so
günstig. Raseneisenstein oder eine andere Eisenverbindung ist, wie
die Makonde erzählen, ihnen nicht bekannt; sie und ihre Vettern, die
Wamatambwe, sind demgemäß nicht bis zur Technik des Eisenschmelzens
fortgeschritten, sondern haben seit jeher ihre Eisengeräte von den
Nachbarstämmen kaufen müssen. Aber auch den Bewohnern des Tieflandes
ist es nicht leicht gemacht worden. Nur ein einziger Fundi, ein alter
Mann am Huwe, jenem steilwandigen Granitklotz, der sich einsam mitten
aus der weiten, grünen Einöde zwischen Massassi und Chingulungulu
erhebt und dessen zackiges, wild zerklüftetes Haupt den Wanderer
überall grüßt, steht im Ruf, als letzter der Lebenden noch die Kunst
des Eisenschmelzens zu bewahren. Schon von Massassi aus wollte ich den
Mann in seiner Tätigkeit studieren; doch da hieß es: er ist aus Angst
vor dem Aufstand über den Rovuma gegangen; er kommt indes bald wieder.
Seitdem habe ich immer wieder gefragt: Ist er denn nun endlich da, der
Fundi? „Bado“, hieß es dann urecht afrikanisch.
[Illustration: Gelbgießer beim Schmelzen des Messings.]
Einen gelinden Trost hat mir dafür ein Gelbgießer gewährt, den ich im
Walde von Akundonde erwischte. Der Mann ist der Liebling der Frauen und
also wohl auch der Götter; er fabriziert aus goldgleißendem Messing,
das er um schnöden Mammon von der Küste erhandelt, jene massiven,
wuchtigen Fuß- und Handknöchelringe, die an den schlanken Gliedern
der Schönen meine staunende Bewunderung stets von neuem erregen. Wie
jeder ordentliche Meister trug der Mann sein gesamtes Handwerkszeug bei
sich: 2 Blasebälge, 3 Schmelztiegel, 1 Hammer, das war alles. Bitten
ließ er sich nicht lange; eins, zwei, drei waren die beiden Blasebälge
am Boden befestigt. Es sind einfache Ziegenbälge, deren Extremitäten
durch einen Knoten in sich verschlossen sind, während die obere, für
die Luftzufuhr bestimmte, weite Öffnung von zwei Holzleisten eingefaßt
wird. Am anderen Ende des Balges ist eine schmale Öffnung gelassen;
in dieser steckt eine Holzröhre. Rasch hat der Fundi aus der nächsten
Hütte einen Haufen Holzkohlen erborgt; schon hat er auf die Mündungen
der zwei Holzröhren -- es kommen stets zwei Blasebälge zur Anwendung,
um einen dauernden Luftstrom zu erzielen -- eine Tondüse gesetzt; mit
einem derben Schlag treibt er einen Holzhaken über den Holzröhren
in die Erde. Jetzt füllt er den einen seiner kleinen, bereits stark
verschlackten Tontiegel mit dem gelben Material, setzt ihn ins Zentrum
des Kohlenherdes, der einstweilen nur schwach glimmt, und dann beginnt
die Arbeit. In raschem Wechsel fahren die Hände des Fundi mit den
Schlitzen der Blasebälge auf und nieder; hebt er die Hand, so spreizt
er den Schlitz breit auseinander, so daß die Luft ungehindert in den
Fellsack hineintreten kann; drückt er die Hand nieder, so schließt er
den Sack, und fauchend bläst die Luft durch Bambusrohr und Düse in
das rasch erstarkende Kohlenfeuer. Doch der Mann bleibt nicht bei der
Arbeit; schon hat er einen andern herangewinkt, der ihn beim Blasen
ablöst. Im Gleichtakt sausen die Hände auf und nieder, der Fundi
aber hat aus seinem Rucksack, einer großen Felltasche, noch ein paar
Werkzeuge geholt; mit Verwunderung sehe ich, wie er zunächst mittels
eines glatten, fingerstarken Rundstabes ein paar Löcher senkrecht in
den reinen Sand des Waldbodens drückt. Dies mag nicht schwer sein,
gleichwohl entwickelt der Mann dabei bedeutende Sorgfalt. Darauf ein
rasches Niederknien, ein paar Schläge auf ein paar kleine Holzhaken;
an den Boden genagelt sehe ich eine kleine, niedliche Mulde. Ein Stück
Bambusrohr ist es, der Länge nach halbiert, so daß die beiden Endknoten
den Miniaturtrog abschließen. Endlich ist das gelbe Metall flüssig
genug; mit zwei langen, durch Aufsplittern zangenartig gegabelten
Stäben hebt der Fundi den Tiegel vom Feuer: eine kurze, rasche
Wendung nach links, ein Neigen des Tiegels, unter Zischen und starker
Rauchentwicklung fließt das Metall zunächst in die Bambusform, sodann
in die Erdlöcher.
Das Verfahren dieses hinterwäldlerischen Meisters mag technisch nicht
auf der Höhe stehen; es läßt sich indes nicht leugnen, daß er mit den
geringsten und einfachsten Mitteln vollkommen Ausreichendes zu erzeugen
versteht. Die vornehmen Damen hierzulande, d. h. die, welche es sich
leisten können, tragen zweierlei Arten dieser schweren, massiven
Messingringe: eine im Querschnitt halbkreisförmige und eine kreisrunde.
Jene erzeugt der Fundi in genialster Weise in der Bambusform;
Peripherie: rund, Oberfläche: horizontal; die andere in seinem
kreisrunden Sandloch. Das Anlegen an die Gliedmaßen seiner Kundinnen
ist einfach; mit leichten Schlägen seines Hammers legt der Meister das
biegsame Metall ohne weitere Belästigung für die Trägerinnen um Arm und
Knöchel herum.
[Illustration: Formen des Topfes.]
[Illustration: Glätten mit dem Maiskolben.]
[Illustration: Schneiden des Randes.]
[Illustration: Ausarbeiten des Bodens.]
[Illustration: Letztes Glätten vor dem Brande.]
[Illustration: Anzünden des Holzstoßes.]
[Illustration: Anbrennen auf der Gegenseite.]
[Illustration: Wenden des glühenden Gefäßes.
Wanyassa-Töpferei in Massassi.]
Eine Technik, die immer und überall das Interesse jedes
Kulturhistorikers erwecken muß, eben weil sie so eng einesteils mit der
Kulturentwicklung der Menschheit zusammenhängt, sodann weil gerade die
Rekonstruktion unseres eigenen vorgeschichtlichen Kulturbildes sich
in hohem Grad auf ihre Reste stützt, ist die Töpferei. Mit Vergnügen
denke ich an die zwei oder drei Nachmittage zurück, wo in Massassi
Salim Matolas schlanke, freundliche Mutter mir mit rührender Geduld
die keramischen Künste ihres Volkes in konkretem Beispiel erläutert
hat. Ist das ein urwüchsiges Verfahren! Einzige Hilfsmittel: in der
Linken ein Patzen Ton, in der Rechten eine Kürbisschale mit folgenden
Kostbarkeiten als Inhalt: dem Fragment eines ausgelutschten
Maiskolbens, einem taubeneigroßen, eiförmigen, glatten Kiesel, ein
paar Stückchen Flaschenkürbis, einem handlangen Bambussplitter, einer
kleinen Muschelschale und einem Päckchen eines spinatartigen Krautes.
Das ist alles. Mit der Muschel kratzt die Frau in den weichen,
feinen Sandboden ein kreisrundes, flaches Loch. Inzwischen hat eine
frische Negermaid das Kürbisgefäß mit Wasser gefüllt; die Frau fängt
nun an, den Klumpen zu kneten. Wie durch Zauberhand entwickelt sich
dieser zu einem zwar rohen, aber doch immerhin bereits formenreinen
Gefäß, das lediglich einer kleinen Nachhilfe mit jenen Instrumenten
bedarf. Gespannt habe ich nach irgendwelchen Anfängen der Drehscheibe
ausgeschaut; ~hapana~, gibt es nicht. Ruhig und fest steht
der Topfembryo in jener kleinen Vertiefung; tiefgebückt umwandelt
ihn die Frau, ganz gleich, ob sie mit dem Maiskolben die größeren
Unreinlichkeiten, kleine Steine und dergleichen entfernt oder Innen-
und Außenfläche mit dem Bambussplitter glättet, ob sie später, nach
eintägiger Trockenzeit des werdenden Gefäßes, mit zugeschliffenem
Kürbisstück die Ornamente einsticht oder den Boden ausarbeitet; ob sie
mit scharfem Bambusmesser den Rand schneidet, oder das nunmehr fertige
Gefäß noch einer letzten Revision unterzieht. Unendlich mühselig ist
dieses Frauengeschäft, aber es ist zweifellos ein getreues Spiegelbild
des Verfahrens, wie es auch unsere neolithischen und bronzezeitlichen
Vorfahren geübt haben.
Die Frau hat das unschätzbare Verdienst, die Erfinderin der Töpferei
zu sein. Rauh, roh und rücksichtslos schweift die Männerwelt des
Wildstammes durch das Gefilde; mit vereinter List haben die Jäger
soeben das Wild zur Strecke gebracht; keinem fällt es ein, die Beute
zum Wohnplatz zu schaffen. Schon prasselt, vom kraftvoll gequirlten
Bohrstab hervorgerufen, ein helles Feuer zu ihrer Seite; kunstgerecht
ist das Tier ausgeweidet und zerlegt; bald wird es als knapp
angerösteter Braten hinter den scharfen Zähnen der Männer verschwinden;
an Frau und Kind denkt niemand von der Schar.