wird sich an seinem Rand angesiedelt haben? Das ist der Gedankengang,
den wir siedelungstechnisch rationell denkenden Europäer entwickeln
werden. Tatsächlich wohnt nicht ein Mensch unten, oben aber wohnen mehr
als 80000 Makonde, fast 5000 Wangoni, Tausende von Wayao und Makua,
und eine mir nicht bekannte Anzahl von Matambwe. Neuerdings besteht
allerdings die Tendenz, mehr und mehr in die wasserreichere Niederung
hinunterzusteigen; das ist die Folge des Aufhörens der Mafiti-Einfälle
und der Ausfluß unserer deutschen Kolonialpolitik, deren feste Hand
auch die Neger längst fühlen. Diese Tendenz erstreckt sich indessen
nur auf die fortschrittlicheren Elemente, die Yao und Makua; die
Makonde bleiben davon unberührt; bei ihnen ist es noch heute wie seit
unvordenklicher Zeit: kaum ist in Haus und Feld die unumgänglich
notwendige Arbeit getan, dann nimmt auch schon Vater und Sohn, oder
auch Mutter und Tochter die 1½ bis 2 Meter lange Stange auf die
Schulter, an der vorn und hinten je ein oder wohl auch je zwei große
Flaschenkürbisse befestigt sind. Mit merkbarer Eile schreiten sie
dahin, dem Plateaurand zu, von dem ihr Weiler unangenehm weit abliegt;
ein steiler Abstieg auf schlechtem Pfad, ein kurzes Verweilen in
sumpfiger Niederung, ein mühseliger, beschwerlicher Aufstieg Hunderte
von Metern steil in die Höhe. Endlich haben sie es geschafft, hoch
aufatmend gehen, ja traben sie fast ihrem Dörfchen zu. Die Makonde
stehen im Ruf -- auch ich habe ihn, trotzdem ich noch nicht einmal im
Zentrum ihrer Verbreitung weile, bereits bestätigt gefunden --, daß
sie den größten Teil ihres Lebens dem Feldbau widmen; der zweitgrößte
Teil entfällt ganz ohne Frage auf die nach unseren Begriffen törichte
Zeitverschwendung des weiten Wasserweges. Wenn die Hälfte der
Familienmitglieder täglich je zweimal zwei Stunden oder noch mehr
vertrödelt, um gerade so viel Wasser herbeizuschleppen, in schwerster
Arbeit sogar, nur um sein bißchen Ugali herrichten und einen trüben
Trunk tun zu können, so ist das ökonomisch ein Widersinn.
[Illustration: Wasserschöpfende Makondefrauen.
Nach einer Zeichnung des Pesa mbili (s. S. 453).]
Auch Newala leidet unter dieser Wasserferne, wenigstens das heutige
Newala; ein früheres Newala hat unten am Fuße des Plateaus in einem
wunderschönen Tale gelegen. Ich habe es besucht; von Häusern kaum noch
eine Spur; nur ein christlicher Friedhof mit den Gräbern mehrerer
englischer Missionare und im christlichen Glauben gestorbener Neger
zeugen noch von der alten Herrlichkeit. Aber in welch wundervoller
Umrahmung! Ein dichtgeschlossener Hain prächtigster Mangobäume rings
um die verwaschenen Kreuze und Steine; hinter ihnen, das Nützliche
mit dem Angenehmen vereinigend, eine ganze Plantage in voller Reife
prangender Zitronenbäume. Es ist nicht die kleine afrikanische
Frucht, die dem Durchreisenden heute mühelos in den Schoß fällt,
sondern eine viel größere und auch viel saftreichere fremde Varietät.
Alt-Newala untersteht heute der Jurisdiktion des schwarzen Pastors
Daudi von Chingulungulu; mit ihm bin ich gut Freund, daher ist es
selbstverständlich, daß er mir für die Dauer meines Aufenthaltes in
Newala den Nießbrauch dieses Zitronenhains überläßt.
Der Wasserweg von Neu-Newala bis in die 500 Meter tiefer gelegene
Talsohle hinunter ist nicht nur weit und beschwerlich, sondern das
Wasser, welches Knudsen und ich geliefert bekommen, ist auch schlecht,
grundschlecht. Dazu kommt, daß Newala zu vornehm und üppig eingerichtet
ist; es hat nicht nur ein Klosett ganz im Küstenstil, sondern auch
eine besondere Kochhütte. Sie liegt rechtsab von unserer Barasa an der
Bomawand; ihr Inneres ist von uns aus nicht zu übersehen. Das haben die
Köche natürlich sofort herausgefunden und tun, oder vielmehr lassen,
was sie wollen. In jedem Fall scheinen sie es mit dem Abkochen unseres
Trinkwassers recht wenig genau zu nehmen; ich wenigstens kann die
dysenterieartigen Anfälle, an denen Knudsen und ich schon seit längerer
Zeit leiden, lediglich auf die Pflichtvergessenheit unserer beiden
Küchenchefs zurückführen. Kann man so einen Menschen nicht dauernd
kontrollieren, so ist er zu allem fähig. Zu dieser Darmstörung kommen
noch die Unannehmlichkeiten glasharter Nägel an Fingern und Zehen, die
bei jeder derben Berührung Sprünge bekommen; bei mir auch noch Pickeln
überall.
[Illustration: Sandflohverheerungen am menschlichen Fuß.]
Seit einer Woche führen wir obendrein den Kampf gegen den Sandfloh,
der in dem warmen Sande des Makondeplateaus sein Dorado gefunden hat.
Unsere Leute sieht man den ganzen Tag, soweit ihnen ihre Dauerkatarrhe
und die auch bei ihnen stark grassierende Dysenterie dazu Zeit lassen,
mit ihren unteren Extremitäten beschäftigt, um diese Geißel Afrikas
abzuwehren und ihren verheerenden Wirkungen vorzubeugen. Daß den
hiesigen Eingeborenen als Folge dieser Sandflohplage eine oder ein
paar Zehen fehlen, ist etwas Häufiges; vielen fehlen alle Zehen, ja
selbst der ganze Vorderfuß, so daß das Bein in einen unförmigen Stumpf
als den letzten Rest des ehemals so wohlgeformten Beines endigt. Diese
Zerstörungen werden bekanntlich durch das Weibchen des Sandflohes
hervorgebracht, das sich unter die Haut einbohrt und dort einen bis
erbsengroßen Eiersack entwickelt. In allen Büchern steht zu lesen,
daß man auf das Vorhandensein eines solchen Schmarotzers durch ein
unerträgliches Jucken aufmerksam gemacht werde; nach meinen Erfahrungen
stimmt das sehr wohl, soweit die zarteren Teile der Fußsohle, die
Partien zwischen und unter den Zehen und die innere Fußseite in Frage
kommen; bohrt sich das Tier indessen durch die härteren Teile des
Ballens oder der Ferse hindurch, so kann es selbst dem aufmerksamsten
Beobachter passieren, daß er das Tier erst im höchsten Reifestadium
entdeckt. Dann ist es aber allerhöchste Zeit, es vorsichtig
herauszuheben, um ähnlichen Verwüstungen, wie man sie hier täglich zu
Dutzenden sieht, vorzubeugen. Beim Europäer mit seiner weißen Haut
ist das Auffinden des Sandflohes übrigens weit leichter, als es den
Schwarzen gemacht wird, von deren Haut sich der dunkle Punkt kaum
abhebt. Die vier oder fünf Sandflöhe, die mich trotz steten Tragens
hoher, geschlossener Schnürschuhe bisher zu ihrem Sitz auserkoren
haben, hat mir der vielgewandte Knudsen herausgehoben; ein Auswaschen
der Höhlung mit Sublimat erscheint mir dabei immer ganz angebracht.
Die Neger haben ein anderes Desinficiens, sie füllen die Öffnungen
mit Wurzelgeschabsel; in einem winzigen Makuadorf am Steilabhang des
Plateaus südlich von Newala sah ich eine Frau, die den Raum unter den
Nägeln prophylaktisch mit Wurzelpulver ausstopfte. Ob es der Alten
etwas nützen wird, wer weiß es.
Der Rest der vielen kleinen Hindernisse, die uns hier das Dasein
erschweren, wirkt mehr komisch als ernsthaft. In Ermangelung von etwas
anderem Rauchbaren greifen Knudsen und ich jetzt zu dem Inhalt einer
vom Inder in Lindi bezogenen Zigarrenkiste. Diese ist sehr schön
beklebt und aufgemacht, aber wehe dem Unglücklichen, der sich, wie wir,
mit ihrem Inhalt befaßt! Ob diese schwelenden Giftnudeln Opium oder
ein anderes Narkotikum enthalten, von uns beiden weiß es niemand zu
sagen, denn nach dem zehnten Zuge sind wir beide „matt“; dreiviertel
betäubt und hundeelend liegen dann Wiking und Deutscher in sich
zusammengesunken da. Langsam erholt man sich -- was geschieht? Nach
einer halben Stunde greift man doch wieder zu dem scheußlichen Kraut;
so unstillbar ist hier in den Tropen der Drang zum Rauchen!
Auch meine jetzigen Fieberanfälle sind kaum geeignet, noch ernst
genommen zu werden. Ich habe ihrer hier in Newala nicht weniger als
drei gehabt, aber alle mit unglaublich kurzem Verlauf. Emsig fragend,
schreibend und notierend quäle ich mich mit meinen „Gelehrten“ herum,
der starke Mittagskaffee hat die Lebensgeister mächtig angeregt; das
Gehirn arbeitet außerordentlich intensiv, so daß die Arbeit rasch
vorwärtsschreitet. Eine wohltuende Wärme durchrieselt den ganzen
Körper, macht jedoch mit einem Male einem heftigen Kältegefühl Platz,
das mich jetzt, beim wärmsten Sonnenschein, nachmittags 3½ Uhr,
bereits zwingt, den Überzieher anzulegen. Jetzt arbeitet auch das
Gehirn nicht mehr so scharf und logisch, besonders bei syntaktischen
Feststellungen des schwierigen Imakuāni, der Sprache der Makua, an
die ich mich zum Überfluß auch noch herangewagt habe. Da halte ich es
denn doch allmählich für angezeigt, meine Temperatur zu messen, der
Einfachheit halber gleich im Sitzen und ruhig weiterarbeitend; 38,6°
ist das Ergebnis! Nun aber hinaus, meine Herren, heißt es im gleichen
Augenblick! Wenige Minuten später steht mein Bett in der Barasa;
unmittelbar darauf liege ich auch schon darin und beginne mich mit
heißem Zitronenwasser innerlich zu behandeln. Drei Stunden später
zeigt das Thermometer gegen 40°; ich lasse mich jetzt, beim Einsetzen
des Abendwindes, mitsamt meinem Bett ins Zelt zurücktragen -- würde
ich meinen furchtbar schwitzenden Körper der eisigen Abendtemperatur
aussetzen, so könnte das meinen Tod bedeuten --, liege dort noch eine
kleine Weile und finde dann zu meiner Beruhigung, daß das Fieber nicht
mehr steigt, sondern anfängt zurückzugehen. Das ist ungefähr 7½ Uhr;
als ich kurz nach 8 Uhr noch einmal messe, ist die Kurve zu meinem
maßlosen Erstaunen auf unter 37° heruntergegangen; mir ist absolut
wohl; ich lese noch ein paar Stunden und könnte sehr wohl rauchen, wenn
ich etwas Ordentliches hätte. Aber Inderzigarren? Pfui Teufel!
Wie ist so etwas denkbar? muß ich mich selbst als Laie fragen. Das
kann doch unmöglich Malaria sein; näher liegt die Vermutung, daß diese
rasch verlaufenden, hohen Fieberanfälle die Folge einer zu intensiven
Sonnenbestrahlung sind, eine Art Insolationsfieber oder Sonnenstich.
Wenn ich mein Fiebernotizbuch nachsehe, wird mir dies immer
wahrscheinlicher, denn regelmäßig treten diese Anfälle im Anschluß an
größere Strapazen und langen Aufenthalt in praller Sonne ein. Für mich
haben diese kurzen Unpäßlichkeiten wenigstens das Gute, daß sie mich
nur stundenweise von der Arbeit abhalten, denn am nächsten Morgen bin
ich regelmäßig wieder vollkommen frisch und gesund.
Nicht so gut geht es leider meiner Perle von Koch und dem Knaben
Moritz; jener leidet an einer ungeheuren Hydrozele, die ihm kaum
erlaubt aufzustehen, Moritz aber hat Dunkelarrest wegen seiner
entzündeten Augen. Leider versteht Knudsens Koch, ein bis vor wenig
Wochen gänzlich unbeleckter Wilder von irgendwo aus dem Busch, noch
weniger als mein Omari. Folge: Nils Knudsen ist selbst zum Koch
avanciert. Er hat diese seine neue Tätigkeit sogleich mit einer großen
Tat begonnen; da wir nichts Ordentliches mehr zu essen haben, hat er
die vier von Matola erstandenen Ferkel, hübsch säuberlich in einen
großen Tragkorb gepackt, von Chingulungulu heraufholen lassen und
kaltblütig das größte von ihnen gemordet. Den ersten Schweinebraten
haben wir leichtsinnigerweise doch Knudsens wildem Koch anvertraut;
er war infolgedessen ungenießbar; den Rest des Tieres haben dann
wir zu einem Gelee verarbeitet, das uns nach den langen Wochen der
Unterernährung herrlich mundet und von dem wir mittags und abends
geradezu fabelhafte Portionen vertilgen. Wenn nur nicht die ewigen
Teltower Rübchen dabei wären! O du gesegnete Stadt auf märkischem
Sande, wer hätte je geahnt, daß du so nachhaltig in die Ernährung
eines stillen, deutschen Gelehrten eingreifen würdest! Dieser boshafte
~Dr.~ Jaeger! Er war ein Mann von Zeit und Muße; ihm halste daher
die Landeskundliche Kommission die Besorgung aller Nahrungsmittel für
seine und meine Expedition auf. Feierlich überweist mir eines schönen
Tages in Daressalam der mit der Verpackung dieser Sachen betraute
Handlungsbeflissene meinen Anteil. Seitdem leide ich unter einer
ständigen Rübenfurcht; ich habe das Gericht an sich ganz gern, aber
nur einmal im Jahre, ungern häufiger. Doch wie ergeht es mir hier?
Ich trete an die Kiste heran, die gerade leergegessen werden muß; der
Deckel fliegt hoch; ein Griff hinein, eine Konservenbüchse kommt zum
Vorschein; ein Blick auf die Etikette: Teltower Rübchen. Puh! Die Dose
verschwindet; ein zweiter Griff; dasselbe Ergebnis; ein dritter, nichts
anderes. Nach langem Suchen erst kommt dann ein anderes Gemüse zutage;
oder auch nicht, denn diese anderen sind allmählich zu Ende gegangen,
nur die Teltower sind geblieben! „Denn helpt dat nich“, sage ich mit
Fritz Reuter; aber zehn Jahre lang esse ich zu Hause keine Teltower
mehr!
Bei all diesem kleinen Leid, das aber nun einmal dazu gehört, um Afrika
schmackhaft zu machen, gibt es wenigstens +ein+ erfreuliches Moment:
Nils Knudsen hat mit der Geschicklichkeit eines Feinmechanikers meinen
9 × 12-Apparat wieder in Ordnung gebracht oder ihn doch wenigstens so
weit wieder hergestellt, daß ich ihn mit einiger List gebrauchen kann.
Wie der Mann ohne Fingernägel mit dieser kniffligen Arbeit hat fertig
werden können, bei der er den ungemein komplizierten Momentverschluß
nur mit Hilfe eines plumpen Schraubenziehers auseinandernehmen und
wieder zusammensetzen mußte, ist mir noch heute schleierhaft, aber
er hat es geschafft. Der Mangel an Fingernägeln hingegen zeigt den
guten Nils von einer Seite, die mit seiner bei der Apparatreparatur
bewiesenen Intelligenz merkwürdig kontrastiert, die andererseits
allerdings auch aufs innigste mit seinem zehnjährigen Hinterwäldlertum
zusammenhängt. Wäscht er da eines Tages in Lindi irgendeinen Köter.
Dieser muß wohl eines schärferen Reinigungsmittels bedürftig gewesen
sein, denn Nils hat ein Gefäß mitbekommen, dessen Inhalt stark und
kräftig riecht. Gewissenhaft nimmt unser Freund die Reinigung vor,
wundert sich ein wenig, daß sie dem Hunde sehr schlecht bekommt, ist
dann aber sehr erstaunt darüber, daß ihm seine eigenen zehn Fingernägel
im Laufe weniger Tage wegeitern. „Wie kann ich aber auch wissen, daß
man Karbolineum verdünnen muß“, knurrt er oftmals noch jetzt entrüstet,
wenn er seine schrecklich zugerichteten Fingerenden sorgenvoll mustert!
Weit und breit haben wir die Umgegend durchschweift, seitdem wir in
Newala hausen; zunächst alter Gewohnheit gemäß, sodann aber, weil der
Akide Sefu mit der Zusammenstellung seines Gelehrtenkollegiums durchaus
nicht so rasch fertig geworden ist, wie er sich zuerst anheischig
gemacht hatte. Aber das schadet weiter nicht, denn auch bloß von außen
gesehen, sind Land und Leute interessant genug.
Das Makondeplateau gleicht einer großen, rechtwinkligen, an den Ecken
abgerundeten Tafel; es ist, vom Indischen Ozean bis Newala gemessen,
etwa 120 Kilometer lang und im Mittel zwischen dem Lukuledi und dem
Rovuma gegen 80 Kilometer breit; es umfaßt also gegen zwei Drittel der
Fläche des Königreichs Sachsen. Nun ist diese Fläche nicht horizontal,
sondern von ihrem Südwestrande flach, aber ganz gleichmäßig gegen den
Ozean hin geneigt. Von der Schwelle, auf der Newala liegt, kann man
viele Meilen über den Makondebusch nach Osten und Nordosten schauen,
ohne einem Hindernis zu begegnen; es ist ein grünes Meer, aus dem
nur hie und da dichte Rauchwolken in langer Erstreckung emporwirbeln
und -wallen, zum Zeichen dafür, daß auch hier Menschen wohnen und daß
sie ihre Feldkultur ganz nach der Weise so vieler anderer Naturvölker
vorwaltend auf die Verbrennung des niedergeschlagenen Holzbestandes
gründen. Dessen Asche ist zugleich die einzige Düngung. Selbst am
strahlend hellen Tropentag ist so ein Brand ein großartiges Schauspiel.
Ungleich weniger wirkungsvoll ist der Eindruck, den gegenwärtig die
große Ebene vom Plateaurand aus erweckt. Sooft es mir meine Zeit
gestattet, unternehme ich den kleinen Ausflug an diesen Rand, bald
hierhin, bald dahin, stets in der stillen Hoffnung, endlich einmal
eine klare Luft mit weiter Aussicht vorzufinden; immer aber vergebens:
wohin man dort unten schaut, allerorten steigen Rauchwolken hoch, der
lebhafteste Beweis für die unausgesetzte Tätigkeit des Waldbrennens;
rauchig und dunstig ist auch die ganze Luft. Schade drum, das Panorama
von hier bis weit hinten an die Madjedjeberge muß unter günstigeren
Umständen wirklich großartig sein. Jetzt haben photographische
Aufnahmen eigentlich kaum einen Zweck, die Profilzeichnung aber gibt
nur einen sehr schwachen Begriff der ganzen Szenerie.
Bei einem dieser Ausflüge habe ich mich absichtlich selbst einmal am
Makondebusch versucht. Der Plateaurand von heute ist das Ergebnis einer
ungeheuer tiefgreifenden Zerstörung durch Erosion und Abrutschung;
überall greifen kurze, aber Hunderte von Metern tiefe Täler in die
Makondeschichten ein. Eine Folge des lockeren Gefüges dieser Formation
ist es, daß nicht nur die Seitenwände dieser Täler fast senkrecht
abstürzen, sondern daß die Täler auch mit einer ebenso steilen Rückwand
enden; dergestalt ist der Westrand des Makondeplateaus von lauter
Talkesseln umsäumt. Um von einer Seite eines solchen Kessels auf die
andere zu gelangen, habe ich mich eines Tages mit einem Dutzend meiner
Leute durch den Busch geschlagen. Es war eine sehr lichte Stelle, mit
mehr Gras als Buschwuchs; aber welche Mühe hat dieser Weg von ein paar
hundert Metern gekostet, und wie sahen wir alle nachher aus! Die
dünnen Kattunstoffe meiner Leute in Fetzen, sie selbst aus hundert
kleinen Wunden blutend; sogar unsere derben Khakistoffe hatten den
Dornen dieser Vegetationsformation nicht standgehalten.
[Illustration: Negerpfad im Makondebusch. Gegend von Mahuta.]
Meine seit langem gehegte Ansicht über die Entstehung dieses
Makondebusches hat sich immer mehr befestigt: er ist ohne Zweifel kein
Naturprodukt, sondern erst die Folge der menschlichen Kultur. Wohin
der Mensch hier oben auf dem Hochland noch nicht mit Hacke und Axt
gedrungen ist -- ein halbwegs geübtes Auge sieht dies ohne weiteres --,
da steht auch heute noch ein wirklicher, wunderschöner Hochwald, der
den Vergleich mit unserem deutschen Mischwald sehr wohl aufzunehmen
vermag. Wo der Mensch aber jemals seine Hütte gebaut und sein Feld
beackert hat, da entsteht hinterher dieser gräßliche Busch. Geht man
auch nur ein paar Stunden irgendwo auf dem Hochland die Barrabarra
entlang, so hat man vollauf Gelegenheit, diese Metamorphose in jeder
Phase ihrer Entwicklung zu verfolgen. Seitwärts tönt hallender Axthieb
herüber, nicht bloß von einer Stelle, sondern über einen ganzen
Komplex verteilt. Wenige Schritte weiter sieht der Wanderer, was
vorgeht; wohl meterhoch und höher liegt das niedergeschlagene Unterholz
geschichtet; zwischen ihm aber ragen als letzte Säulen alter Pracht die
Stämme des Hochwaldes. Doch auch sie gewähren ein Bild des Jammers; der
böse Makonde hat sie geringelt, d. h. er hat sie ringsherum in breitem
Bande der Rinde beraubt, so daß sie dem Absterben verfallen sind; zudem
hat er noch eine Reisigpyramide um sie aufgebaut. Unverdrossen hacken
Vater und Sohn, Mutter und Schwiegersohn im Hintergrunde weiter; kaum
daß das sonst so neugierige Volk nach dem weißen Fremdling aufschaut.
Und kommt dieser Fremdling eine Woche später desselben Weges gezogen,
verschwunden ist das Reisig, verschwunden sind die Pyramiden; eine
dicke Aschenschicht lagert, wo vor kurzem noch grünender Wald sich
breitete. Die starken Bäume aber recken ihre noch immer glimmenden,
schwelenden Stämme und Äste in stummer Anklage zum Himmel, oder aber
sie sind bereits niedergebrochen, mehr oder minder zu Asche verglüht
und zeichnen sich dann als weißer Streifen auf dunklem Grunde ab.
Das ist der Zerstörungsprozeß, den der Makonde in gleicher Weise am
jungfräulichen Urwalde wie auch an den Stellen seines Heimatlandes
vornimmt, wo er vor Jahren schon einmal geackert hat, nur daß er im
letztern Fall des Verbrennens der großen Bäume überhoben ist. Diese
gibt es in der sekundären Buschformation nicht mehr.
In das gebrannte und mit der Hacke gelockerte Stück Waldland sät der
Eingeborene sein Getreide, pflanzt er sein Gemüse. Im ganzen Lande hat
er Beetkultur. Diese erfordert eine sorgsame Pflege, die ihr der Neger
auch zuteil werden läßt; Unkraut wird im Süden Deutsch-Ostafrikas nicht
geduldet. Mißernten kommen wohl im trockneren Tiefland vor, auf dem
niederschlagreicheren, allmorgendlich taufeuchten Hochland sind sie
ganz unbekannt. Dessen glückliche Bewohner sind sogar in der angenehmen
Lage, die sonst so stolzen Yao und Makua von unten bei sich als Diener
und Knechte zu sehen. Hunger tut weh, und so ziehen es die Angehörigen
jener beiden Völkerschaften vor, einmal eine Zeitlang da den Diener zu
spielen, wo sie sonst zu herrschen gewohnt sind.
Jedoch der leichte sandige Boden ist bald erschöpft, er würde bei
einer nochmaligen Bestellung keine Ernte mehr ergeben. Dies weiß der
Eingeborene seit Jahrtausenden; längst hat er vorgearbeitet und den
Komplex nebenan mit Axt und Feuerbrand urbar gemacht. Auf ihn siedelt
er nunmehr mit seinen mannigfachen Kulturen über; das alte Feld wird
zur Brache. Doch nur ganz kurze Zeit liegt es wüst und greulich
anzusehen da, dann kommt Allmutter Natur und nimmt ihr mißhandeltes
Kind liebevoll in ihre Obhut; tausendfältig sprießt es allerorten aus
dem ausgesogenen Boden hervor, selbst die alten Baumstrünke schlagen
von neuem aus. Im nächsten Jahr ist der Neuwuchs bereits mehr als
kniehoch; rasch wuchert er in die Höhe; nach wenigen Jahren schon ist
er jener undurchdringliche, schreckliche Busch, der erst wieder fällt,
wenn der schwarze Herr des Landes seinen Turnus beendigt hat und an die
alte Stelle zurückkehrt.
Mit diesem Busch sind die Makonde mit Leib und Seele verwachsen, ja
nach meinen Yaogewährsleuten bedeutet sogar ihr Name nichts anderes
als Buschvolk. Nach ihrer eigenen Tradition sitzen die Makonde zwar
schon seit langen, langen Zeiten hier oben, aber zu meiner Überraschung
legten sie doch eine sehr starke Betonung auf eine ursprüngliche
Einwanderung. Diese sei von Südosten, von der Rovumamündung und von
Mikindani her erfolgt; der Anlaß dazu sei die ewige Beunruhigung ihrer
friedlichen Vorfahren durch die kriegerischen Schirasi der Küste
und die fortgesetzten Raubzüge der Sakalaven von Madagaskar herüber
gewesen; vor diesen hätten sich die Ur-Makonde auf das unzugängliche
Plateau zurückgezogen. Ich bin in der Völkerkunde Afrikas auf Grund
einer 20jährigen Beschäftigung mit ihr sehr wohl bewandert, aber daß
Bevölkerungsvorgänge in diesem so friedlich und ruhig erscheinenden
Erdteile sogar durch von außen kommende Hochsee-Unternehmungen bedingt
und veranlaßt worden seien, war mir doch im ersten Augenblick etwas
vollkommen Neues. Es wird indessen schon seine Richtigkeit haben. Warum
jedoch die Makonde gerade im dicksten Busch und weit vom Plateaurand
ab wohnen müssen, und warum sie nicht an die rieselnden Quellen der
Niederung selbst zu dauerndem Wohnsitz herniedersteigen dürfen, das
lehrt aufs klarste ihre wunderhübsche Stammessage. Auch noch manch
anderes Lehrreiche steht darin.
„Die Geburtslandschaft des Stammes, mit Namen Mahuta, ist auf der
Südseite des Plateaus zum Rovuma hin gelegen; dort aber stand nur
dichter Busch. Aus diesem Busch hervor ging ein Mensch, der sich
niemals wusch und schor, der nur wenig aß und trank. Der ging aus und
machte ein Menschenbildnis aus dem Holze eines Savannenbaumes, nahm
es mit sich in seine Buschwohnung und stellte es dort aufrecht hin.
Während der Nacht erwachte das Bildnis zum Leben, und es war ein Weib.
Daraufhin gingen sie zusammen hinunter zu den Wassern des Rovuma,
um sich zu waschen. Hier gebar das Weib ein Kind, welches jedoch
nicht lebend zur Welt kam. Sie verließen das Land und zogen über die
Hochländer bis in das Tal des Mbemkuru, wo sie sich niederließen.
Dort gebar das Weib abermals ein Kind, das wiederum tot zur Welt kam.
Daraufhin kehrten sie in die hochgelegene Buschlandschaft Mahuta
zurück, und dort wurde das dritte Kind geboren, welches nach der Geburt
am Leben und gesund blieb. Mit der Zeit zeugten sie noch viele, viele
Kinder und hießen sich Wamatanda. Diese bildeten die Stammfamilie der
Makonde, auch Wamakonde genannt, d. h. Urbewohner. Der Stammvater, der
Buschmensch, aber gab seinen Kindern das Gesetz, daß sie ihre Toten
aufrecht begraben sollen zum Andenken an die erste Mutter, die aus Holz
geschnitzt und aufrecht stehend zum Leben erwacht sei; ferner warnte
er seine Kinder, in die Täler und an die großen Wässer zu ziehen, denn
dort wohne die Krankheit und der Tod. Als Regel solle gelten, daß
mindestens eine Stunde Weges sei von der Hütte bis zum Wasserplatze;
dann würden ihre Kinder gedeihen und von Krankheiten verschont
bleiben.“
[Illustration: Die Urmutter.
Holzskulptur eines Makondekünstlers.]