Nur einen einzigen Tag hat mir der nimmer rastende Akide Zeit gelassen,

die Eindrücke von Niuchi einigermaßen zu verarbeiten, da hatte er auch

schon wieder ein großes Unternehmen in Aussicht. Sefu wohnt nur 30

bis 40 Meter von uns entfernt in einem Gebäude im Küstenstil. Er ist

nicht wie Nakaam und Matola landeseingesessen, sondern ein, sagen wir,

hierher versetzter Beamter der deutschen Kolonialregierung, oder, um

einen Vergleich zu wählen, ein zünftiger studierter Landrat, während

die anderen beiden Großgrundbesitzern gleichen, die man wegen ihres

festen Fußens in Land und Volk mit diesem Amte betraut hat. Er hat

etwas mehr Sinn für Wohnlichkeit als sonst seinen Rassengenossen

eigen ist, denn er hat vor seiner Barasa, jenem in Ostafrika stets

vorhandenen offenen Raum vor dem Hause, wo er seine Schauri abhält

und wo er auch die Führer der durchziehenden Handelskarawanen mit

großer Würde zu empfangen pflegt, ganz hübsche Sitzbänke aus Bambus

herrichten lassen, sogar solche mit Rückenlehnen, beides hierzulande

ein unerhörter Luxus. Sefu ist in allen seinen freien Minuten bei uns;

schon am frühen Morgen tritt er an, und auch abends friert er mit uns

um die Wette in unserem Windfang von Rasthaus, das wir wohl oder übel

werden zubauen müssen, um den abendlichen Stürmen den Eingang etwas zu

erschweren.

[Illustration: Stelzentänzer bei den Makonde. Nach der Zeichnung des

Bondeimannes Omari (s. S. 451).]

Also Sefu hat etwas Großes vor. Diesmal könne er mir ein Fest der

Matambwe im Dorfe Mangupa zeigen; es sei zwar auch wieder ein Chiputu

der Mädchen, also das Schlußfest des ersten Unterrichts, den diese

8- bis 11jährigen Kinder vorher mehrere Monate hindurch in einer

besonderen Hütte genossen hätten; aber bei den Matambwe sei manches

anders als bei den Yao und Makua; auch sei der Weg nicht weit;

wenn wir 7½ Uhr am nächsten Morgen ausrückten, würden wir bei

anderthalbstündigem Marsche gerade recht zum Beginn kommen.

Von dem berühmten Makondebusch hatte ich schon bei der Expedition

nach Niuchi einen kleinen Begriff bekommen, aber doch noch nicht

den ganz richtigen. Über diese Vegetationsform ist schon viel

geschrieben worden, aber ich glaube, das Thema ist unerschöpflich.

Nicht, daß dieser Busch außergewöhnliche ästhetische Reize aufwiese

durch berückende Szenerien oder den lieblichen Wechsel zahlreicher

Pflanzenarten; nichts von alledem, er ist vielmehr eine ganz

gleichartige, kompakte Masse von dünnen Stämmen, Ranken, Zweigen und

Blättern. Aber gerade das ist das Unangenehme; dieses unbeschreiblich

dichte Gewirr läßt niemand hindurch, es sei denn, daß er sich erst

mit Axt und Beil in mühseliger, blutiger Arbeit einen Weg geschlagen

habe. Ach, wie oft haben unsere schwarzen Krieger dies allein im Laufe

des letzten Jahrzehntes, insbesondere dem bösen Machemba gegenüber,

durchzukosten Gelegenheit gehabt. Uns Epigonen ist es bequemer gemacht;

unsere siegreichen Kämpfe gegen die vordem so unzuverlässigen und so

oft unbotmäßigen Elemente des Südens haben zu der weisen Maßnahme

geführt, daß jeder einigermaßen wichtige Ort mit allen anderen durch

Wege verbunden ist, die ihren Namen Barrabarra, d. h. geschlagener

Weg, in des Wortes eigentlichstem Sinn verdienen; zur Not könnte eine

Sektion von vier Gliedern auf ihr marschieren, so breit ist diese

allerdings auch hier stellenweise stark verwachsene Straße.

Wir sind von der nach Ostsüdost auf Nkunya zu führenden Barrabarra

sehr bald nach rechts abgeschwenkt und geraten immer tiefer in den

Busch hinein. Reiten ist längst nicht mehr möglich, jeder einzelne

kämpft vielmehr einen sehr vorsichtigen Kampf gegen die Upupu. Mir

hat Nils Knudsen schon gleich nach unserer Ankunft in Newala ein sehr

eindringliches Kolleg über dieses nette Pflänzlein gehalten, deshalb

bin ich gewarnt; wehe aber dem Unglücklichen, der sich eines solch

fürsorglichen Mentors nicht erfreut. Arg- und harmlos schreitet der

Pionier europäischer Kultur durch den grünen Busch dahin; „eine neue

Art von Bohnen“, denkt er und greift in hehrem Wissensdrang nach einer

Handvoll dunkelgrüner Schoten, die von schlanker Ranke freundlich zu

ihm herunternicken. Doch sein Wissensdrang wird dem Unglücklichen für

lange Zeit vergällt sein, denn die Folgen dieses Griffs sind furchtbar;

Knudsen behauptet, daß Juckpulver eine Annehmlichkeit dem Upupu

gegenüber bedeute; daß der von ihm Betroffene fähig sei, für den guten

Rat, wie er sich von dieser Höllenpein befreien könne, selbst einen

Mord zu begehen; jedes Reiben, jedes Kratzen bringe ihn dem Wahnsinn

näher, auch Baden und Waschen sei ganz zwecklos; lediglich Asche,

feuchte Asche als Brei aufgetragen, nehme die feinen Giftkristalle nach

kurzer Zeit hinweg. Wie sooft, liegt also auch hier das Gute so nah,

nur muß man das Rezept kennen.

Punkt 9 Uhr stehen wir einer ähnlichen Festhütte gegenüber, wie wir sie

seinerzeit in Akuchikomu gesehen haben, nur daß die hiesige Likuku,

wie sie heißt, ein Zwilling ist; die Baumeister haben gleich zwei

dieser runden, niedrigen Salons aneinandergebaut. Das Fest soll gerade

beginnen, wie mir Sefu sagt. Ich bin hart und barbarisch genug, den

Jumben dieses weltverlorenen Örtchens, dessen einer Fuß schon gänzlich

in Fäulnis übergegangen ist, der infolgedessen die Gegend im weitesten

Umkreis in entsetzlichster Weise verpestet, aber trotzdem das Gefühl

hat, die Honneurs machen zu müssen, einen Kilometer weit unter den Wind

transportieren zu lassen; dann baue ich mich mit meiner Kamera zur

Seite eines Busches auf und harre der Dinge, die nun kommen sollen.

Eine Zeitlang hören wir nichts als den berühmten Frauentriller in

vielfacher Variante, in Sopran und Alt, ~piano~ und ~fortissimo~,

gleichsam als ob die Weibergesellschaft, die in dichtem Klumpen hinter

dem Doppelhaus steht, sich erst ein bißchen üben wolle. Inzwischen

erglänzen die Weiber immer mehr; sie salben sich mit Rizinusöl ein, daß

sie triefen. Und dabei haben sie Lippenscheiben von einem Ausmaß, wie

ich es noch nimmer geschaut. Mit einem Male ändert sich das Bild: „die

sieben Schwaben“, bemerke ich halblaut zu Nils Knudsen hinüber, ohne zu

bedenken, daß dieser brave Norweger unmöglich mit unserem Märchenschatz

vertraut sein kann. Doch das Bild stimmt: sieben Weiber an einer Stange

von bedeutenden Abmessungen sind es, die sich aus dem Knäuel loslösen,

um mit raschem Schritt den links von der Likuku liegenden Festplatz zu

erreichen. Jetzt erst sehe ich, daß die Stange eigentlich eine Fahne

ist, und zwar eine riesige: eine ganze Zeugbahn funkelnagelneuen,

buntfarbigen Kattuns hängt von ihr in ihrer ganzen Länge herab. „~Nini

hii~, was ist das?“ frage ich Sefu. Es sei das Unterrichtshonorar für

die Lehrerinnen, an die es sehr bald verteilt werde, aber vorher wolle

man das große Stück dem Volk erst in seiner ganzen Schönheit zeigen.

Dies geschieht denn auch, immer unter dem Fortsingen jenes Liedes,

das die sieben Schwäbinnen schon seit ihrem Hervorkommen aus dem

Hintergrund gesungen haben:

„~Watata wadihauye kuninga akalumbane kundeka unguwánguwe.~“

Nach Sefu soll das heißen:

„Mein Vater hat mich schlecht behandelt, er hat mir einen schlechten

Mann gegeben; der ist von mir gegangen, und ich sitze nun da.“

„Verlassen, verlassen, verlassen bin i“, singe ich in meiner

übermütigen Laune mitten in den schon recht heißen afrikanischen Morgen

hinein; doch wie sich Lied und Chiputu zusammenreimen, das bringe ich

selbst mit Hilfe von Freund Koschat nicht heraus. Ich habe auch gar

keine Zeit dazu, denn schon führt die ganze Gesellschaft eine Art

Walpurgisnacht auf; so ähnlich würde wenigstens ein afrikanischer

Goethe eine der Faustszene analoge Festlichkeit auf den Höhen des

Kilimandscharo vermutlich darstellen! Besen, Mutterschweine und

andere nette Attribute der ehrsamen Zunft fehlen zwar hier gänzlich,

aber die schlohweiße Holzscheibe in der Oberlippe, die Riesenpflöcke

in den Ohren, die Kämme im Kraushaar, die schweren Ringe an Arm und

Fuß, schließlich das unglückliche Baby bei jeder jungen Hexe und

merkwürdigerweise auch bei so mancher älteren, dies unterstützt die

Illusion mehr als genug; trillernd und händeklatschend läuft, springt

und tanzt der wüste Haufen wild durcheinander, daß mir Hören und Sehen

vergeht.

Plötzlich tiefe Stille. Eng hintereinander geschmiegt, tief gebückt,

den ganzen Körper in grellbunte, neue Tücher gehüllt, kommen aus

derselben „Kulisse“ die Gestalten der fünf Novizen hervor. Man läßt

sie bis an den Festplatz herantrippeln, dann aber bricht ein Lärm

los, gegen den die Walpurgisnacht noch ein lindes Gesäusel war; jetzt

wirbelt und donnert zu allem nämlich auch noch das halbe Dutzend

Trommeln der unvermeidlichen Kapelle. Rasch hat sich das Chaos

indessen zu einem großen Kreise geordnet; in der Mitte stehen die fünf

mir nunmehr schon vertrauten Kleiderbündel wie in Niuchi so auch hier

in tiefgebeugter Haltung da. Die Trommeln haben Ton und Tempo gemäßigt;

im sattsam bekannten Takt gleiten und schieben die Frauen sich im

Kreise herum. Schließlich wechseln die Rollen; auch hier tritt die

Meisterin vor die Front, alles andere bildet Staffage, die Novizen aber

zeigen auch hier jetzt ihre Kunst im Zittern der Gesäßpartie. Nun ist

auch diese Prüfung beendet; fast scheint es, als gratuliere man ihnen,

dann wälzt sich die ganze Masse der Zwillingshütte zu. Seltsamerweise

schreiten dabei die fünf Novizen rückwärts; in dieser Richtung

verschwinden sie mit den anderen im Dunkel jenes Doppelbaues. Doch

während die erwachsenen Frauen in dessen Innern bleiben, erscheinen

die fünf Mädchen schon nach wenigen Minuten wieder; eine im mäßigen

Abstand hinter der andern, überschreiten sie den Festplatz, diesmal in

normaler Gehweise. Husch, husch, sind sie auch schon im dichten Busch

verschwunden.

Das Abtreten der fünf Mädchen muß wohl das offizielle Ende des Festes

bedeuten, denn seitens der Frauen erfolgt nichts mehr; dafür treten

jetzt die Herren der Schöpfung in Aktion. Für sie scheint nunmehr die

Fidelitas zu beginnen; wie von einem Magnet angezogen, haben sie sich

Mann für Mann auf die beiden Hütteneingänge zu bewegt, Mann für Mann

verschwindet in ihnen, doch niemand kehrt wieder. Das interessiert mich

sehr, und neugierig trete auch ich an den einen Hütteneingang heran.

Ei, was muß ich sehen! Es fehlt nur noch, daß einer mit des Basses

Grundgewalt das hehre Lied anstimme: „Im tiefen Keller sitz’ ich hier“;

in langen Reihen steht Topf an Topf! Gewaltige Gefäße würziger Pombe

sind es in erklecklicher Anzahl, die hier ihres Endzwecks harren.

Man hat uns leider nicht eingeladen, sicherlich nicht aus Mangel an

Gastfreundlichkeit, sondern wohl mehr aus Scheu; daher sind wir rasch

von dannen gezogen. Aber neidisch waren wir doch.

[Illustration: Unser Lager in Newala.]

Vierzehntes Kapitel.

In voller Ernte.

+Newala+, gegen Ende September 1906.

Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, und grün des Lebens goldner

Baum. Dank dem braven Sefu, oder richtiger wohl, weil es die

Zeitumstände so mit sich gebracht, habe ich zunächst den goldenen Baum

der frohen Feste genossen und gerate seitdem immer rettungsloser in

den Bann der grauen Theorie hinein, das Studium des Unyagoverlaufs für

beide Geschlechter in seinem ganzen Umfange. Wie schwer wird mir gerade

diese Arbeit gemacht! Mit dem Knaben-Unyago bin ich allmählich ins

reine gekommen, wenngleich auch die Festlegung seiner Regeln unendliche

Mühe verursacht hat; aber die andere Seite des Problems erscheint mir

geradezu als verhext, so viel Schwierigkeiten und Widerstände türmen

sich seiner Lösung entgegen. So etwas könnte unter andern Umständen

schließlich auch den geduldigsten Forscher zur Verzweiflung bringen,

doch dazu ist hier auf dem Makondeplateau erfreulicherweise gar keine

Zeit, denn zu jener Frage gesellen sich hundert andere, die nicht

minder interessant und wichtig sind und demgemäß mit ebenderselben

Dringlichkeit der Beantwortung harren.

[Illustration: Der Verfasser im newalenier Winterkostüm.]

Doch ich sehe ein, ich muß die Darstellung meiner Forschungsarbeit und

ihrer hauptsächlichsten Ergebnisse höflicherweise hübsch systematisch

aufbauen, damit sie genießbar werde.

Im Grunde genommen stellt schon das ganze Milieu von Newala eine Art

Widerstand gegen jede intensive Forschungsarbeit dar. Nicht daß wir

hier oben, zirka 750 Meter über dem Meer, so von der Hitze litten

wie in dem allmählich zu einem Backofen gewordenen Tieflande; die

26½ bis 27 Grad ~C~, die das Schleuderthermometer in den ersten

Nachmittagsstunden in unserer Barasa zeigt, verursachen uns zwar

genau dieselben schrecklichen Kopfschmerzen wie die 30 und mehr

Grad in der Ebene, aber einmal gewöhnt man sich doch auch an diese

Hitzeserien-Temperatur, andererseits werden die heißen Stunden des

Tages von den Negern ganz allgemein verschlafen und sind also auch

für mich nicht übermäßig kostbar. Viel schmerzlicher dagegen ist der

Zeitverlust, den ich durch die Häufung einer ganzen langen Reihe von

anderen Umständen erleide; dem Fernstehenden mögen sie zum Teil fast

drollig erscheinen; auch uns beiden Europäern geben sie hin und wieder

Anlaß zur Fröhlichkeit, doch ein Hindernis bilden sie gleichwohl.

Da ist zunächst der tägliche Temperaturgang; in rascher Folge tropft

es schwer auf das Zeltdach hernieder, unter dem der Weiße, warm

und mollig in zwei vortreffliche Kamelhaardecken gehüllt, in den

grauenden Morgen hineinschlummert. Es regnet, denkt er im Halbschlaf

und dämmert weiter. Doch das Schicksal ist wider ihn: ein Ächzen und

Stöhnen erhebt sich, daß er alsbald verstört auffährt. Schon hat er

die Ursache erkannt: die Zeltstricke sind so straff angespannt, daß

die eschenen Tragstangen sich fast halbkreisförmig biegen. „O, der

verflixte Posten!“ Mit beiden Beinen fahre ich unter dem Moskitonetz

hindurch und rufe den pflichtvergessenen Krieger herbei, zur Strafe

auch die beiden andern Nummern. Nicht ohne Anstrengung gelingt das Werk

des Strickeverlängerns. Dabei ist es auch schon hell geworden, so daß

ein Weiterschlafen nicht mehr lohnt. Nun kommt der schönste Augenblick

des Tages: die Morgenwäsche; jetzt, 6 Uhr, sind es eben 14 bis 14½°;

das ist für Afrika eine arktische Temperatur; die lange Reihe der

alaunisierten Kalebassen enthält denn auch ein Wasser, das mir eiskalt

vorkommt. Wahrhaft köstlich ist in ihm das Bad oder die Abreibung,

zu der ich jetzt schreite. Kibwana ist Kammerdiener; er hat sich an

die weiße Farbe längst gewöhnt, aber die Glotzaugen der schwarzen

Männlein und Fräulein, die durch den Zaun des Akidengehöfts oder durch

die Lücken in der Palisadenwand der Boma auf dieses Morgenschauspiel

gucken, sind verwundert genug. Von Regen übrigens keine Spur; es ist

der Morgentau, der von den dichtbelaubten Mangobäumen, unter denen wir

unsere Zelte aufgebaut haben, überreichlich herabtropft. Auch von der

Sonne ist nichts zu sehen; ein schwerer Nebel wallt über Newala hin;

nicht einmal die hohen Grabbäume draußen am Tor sind in diesem weißen,

wogenden Meere zu erkennen. Instinktiv legen Knudsen und ich die

schon früher geschilderte Winterkleidung an; ich füge sogar noch ein

Halstuch in Gestalt eines zusammengefalteten Taschentuchs hinzu. Nils

Knudsen aber schließt seinen Wikingerrock sorgsam bis an das blonde

Kinn.

Dabei ist es gegen 6½ Uhr geworden; arbeitsfreudig verlasse ich das

Zelt genau in dem Augenblick, als meine Krieger zum täglichen Dienst

antreten. Diesen habe ich schon in Massassi eingeführt; um nicht

ganz zu verbummeln, müssen die Soldaten täglich zwei Stunden stramm

exerzieren. „Antreten! Stillgestanden, richt euch! Augen geradeaus!“

Meldend tritt Hemedi Maranga an mich heran. Der stramme Bursche hat

der Gesellschaft in kurzer Zeit einen ganz andern Zug beigebracht; er

ist ein geborener Krieger, während sein Vorgänger Saleh wohl mehr für

die Jagd geeignet erscheint. Ihn hat das Bezirksamt in das mittlere

Lukuledital beordert, damit er dessen unglückliche Bewohner endlich

von jener Löwenplage befreie, die nach unserm Durchmarsch im Juli

schon wieder zahlreiche Menschenleben gefordert hat. Möge ihm sein

gefährliches Werk vollauf gelingen!

Während ich mich mit meinem Frühstück vergnüge -- dick eingekochtem

Kakao, dazu den obligaten dicken Eierkuchen mit eingebackenen Bananen

--, ist der Gefreite mit seiner Truppe ins Gelände gezogen, um den

Buschkrieg zu üben oder die Kompagnieschule zu exerzieren. „Legt an!

Feuer! Geladen!“ Klar und schneidig wie die Kehle des besten deutschen

Unteroffiziers tönt das aus Negermund immerhin befremdliche Kommando

von weither zu mir herüber. Doch ich habe nicht Muße, auf diesen

Heimatgruß zu achten, denn schon sind meine Gelehrten langsam und mit

der Würde des alten Negers herangetreten. Wir haben gestern verabredet,

daß sie um 7 Uhr hier sein sollen.

„Ja, aber haben denn die alten Herren eine richtig gehende Uhr, Herr

Professor, oder wie bringen Sie ihnen den Termin sonst bei?“

Freilich haben die Männer eine Uhr, eine für afrikanische

Verhältnisse sehr genaue sogar; nach ihr richten wir uns hier alle.

Bis zum Umfallen ermüdet, haben Weiße und Schwarze gestern gegen

Sonnenuntergang ihre Arbeiten unterbrochen.

[Illustration: Zwei Gelehrte von Newala.]

„Ihr kommt morgen früh wieder“, lasse ich durch Sefu den fünfzehn

Greisen in Kimakua und Kimakonde verdolmetschen, „~saa~“, und

dabei strecke ich meinen Arm nach Osten und im Winkel von 15 Grad

über den Horizont. Aufmerksam schauen die Männer her. „Habt ihr es

verstanden?“ lasse ich zur Vorsicht fragen; einheitlich heben sie

alle den Arm und halten ihn ebenfalls einen Augenblick in jenem

Winkel über die Horizontale erhoben. 15 Grad, das ist eine Stunde

nach Sonnenaufgang, also 7 Uhr; will ich die Männer später haben, so

vergrößere ich den Winkel entsprechend. Das ist Landesbrauch hier,

keine Erfindung von mir; die Leute verstehen es, den Sonnenort bis auf

minimale Zeitdifferenzen genau anzugeben.

Ein paar Stunden sind bei Frage- und Antwortspiel über dies oder

jenes Gebiet der heimischen Volkskunde rasch dahingeflogen; noch

immer kauern die alten Herren im Halbkreis um mich herum auf einer

riesenhaften Matte. Am ersten Tage unserer gemeinsamen Arbeit hat

einer von ihnen seinen natürlichen Gefühlen freien Lauf gelassen und

mit großer Virtuosität einen langen Strahl braunen Tabaksaftes nach

Seemannsart durch die Zähne gerade vor meine Füße lanciert. „Schensi,

du Bauer!“ habe ich daraufhin halb unwillkürlich den Unbeleckten

angeknurrt. Seitdem habe ich keine Veranlassung wieder gehabt, auch

nur den geringsten Verstoß gegen die guten Sitten rügen zu müssen.

Zwar die Leute riechen; sie duften nach Schweiß, ranzigem Öl und wer

weiß wonach sonst noch, so daß mir im Laufe der Stunden immer übler

wird; sie haben immer eine ganze Wolke von Fliegen mitgebracht, die

sich aufs eifrigste bemühen, die Augenleiden ihrer schwarzen Herren

auf den weißen Fremdling zu übertragen; aber sonst: alle Achtung! Die

Beobachtung, die ich bisher überall gemacht habe, daß diesen Wilden

ein starkes natürliches Taktgefühl eigen ist, bestätigt sich auch hier

wieder. Damit vergleiche man einmal das Benehmen gewisser Volkskreise

und Volksschichten bei uns daheim, die wir doch alle Kultur, alle

Zivilisation und allen Takt gepachtet haben wollen. Nein, wir Weißen

sind doch keine besseren Menschen!

Aber heiß ist der Schuppen allmählich geworden; das nordische

Gewand ist nicht mehr am Platze. Also Metamorphose: die schweren

Tippelskirchstiefel herunter und auch die dicken, wollenen Strümpfe;

desgleichen das derbe Wollhemd, Weste und Halstuch; an ihre Stelle

treten jetzt durchweg durchlässige, dünne Tropensachen. Um Mittag

fliegt auch der Khakirock in die Ecke; ihn vertritt jetzt ein

dünnes Lüsterjäckchen. Damit ist der Negativprozeß vollendet; gegen

Abend fängt der andere wieder an. Mit einer scharfen, eisigen Bö

hat der gefürchtete Abendwind Newalas eingesetzt -- mit einem

kräftigen gleichzeitigen Nieser haben Knudsen und ich die fröhliche

Fortdauer unseres chronischen Katarrhs, der nur bei Tage latent

ist, festgestellt. Jetzt hilft es nichts, stückweise müssen wir

wieder den ganzen Winterkram an unsere jetzt ach so mageren Leiber

schmiegen. Instinktiv tun wir gleich noch ein übriges und legen auch

noch die berühmten Überzieher an, wenn der nunmehr mit voller Wucht

einsetzende Sturm wahre Wolken von Schmutz und Staub durch unseren

Wohnraum wirbelt. Diesen haben wir im Laufe der Wochen immer mehr

zubauen müssen; die ursprünglich an der offenen Seite aufgespannten

Matten sind längst durch eine solide Strohwand ersetzt worden; sie

hat ein Fach nach dem andern ergriffen, so daß jetzt, am Ende des

Monats, tatsächlich nur noch ein einziges großes „Fenster“ dem

Licht Eingang gewährt. Abends binden dann meine Träger mein großes

Segeltuch vor diese Öffnung, doch auch selbst die damit vollständig

gewordene Abdeckung der Windseite macht den Raum nicht wohnlich; wenn

ich um 10 oder 10½ Uhr abends vom Entwickeln und Umlegen meiner

photographischen Platten schweißgebadet aus dem als Dunkelkammer

dienenden Zelt in die Barasa komme, finde ich meinen nordischen Freund

als ein dickes, unförmiges Bündel vor; er hat sich in alle verfügbaren

Decken gewickelt, klappert aber trotzdem vor Frost. Schnell kriecht

dann jeder in sein warmes Zelt. Warm sind diese übrigens auch erst,

nachdem wir vor ihnen, quer gegen den Wind, eine mit dicken Balken

abgesteifte Hirsestrohwand aufgebaut haben; vorher drohte der Wind die

Zelte allnächtlich einfach niederzudrücken. Dies sind die täglichen

Sorgen um Kleidung und Unterkunft; sie sind nicht groß, nehmen aber

immerhin einen gewissen Bruchteil meiner kostbaren Zeit vorweg. Durch

die Sorge um unseres Leibes Nahrung und Notdurft wird dieser Bruchteil

leider noch wesentlich vergrößert.

Es ist nächst dem Busch die größte Eigentümlichkeit des

Makondeplateaus, daß es auf seiner Oberfläche quellen- und wasserlos

ist; sein Boden besteht bis tief hinein in den Schoß der Erde aus

lockerem Gefüge: sandigen Lehmen und lehmigen Sanden. Im Westen gehören

diese Schichten der oberen Kreide an; man nennt sie Makondeschichten;

im Osten sind sie tertiär, man nennt sie Mikindanischichten; beiden

gemeinsam aber ist die hervorragende Wasserdurchlässigkeit. Diese

bringt es mit sich, daß alle Niederschläge, sofern sie nicht von

dem reichlichen Pflanzenwuchs festgehalten werden oder verdunsten,

schnell in die Tiefe sinken, bis dahin, wo undurchlässige Schichten,

flachgeneigte Newalasandsteine oder uralte Granitkerne ganz von der

Art der Inselberge draußen in der Ebene, die wir auch im Schoß des

Makondeplateaus vermuten müssen, ihnen ein Halt gebieten. Auf diesen

Schichten sickern dann die Wässer abwärts, sie treten naturgemäß erst

am Rande des Plateaus zutage und machen diesen Rand im Gegensatz zu dem

quellenlosen Plateau selbst zu einem an Quellen und Bächen überreichen

Gelände.

[Illustration: Stelzentanz beim Mädchen-Unyago in Niuchi.]

Negerleben in Ostafrika · 第 23 / 40 段