Führung, aber er ist kein Theoretiker; um von den Weistümern seines
Volkes und der Makua viel zu wissen, ist er wohl noch zu jung.
Auch Akundonde selbst schweigt sich aus, vielleicht bedarf es bei
ihm immer erst eines stärkeren Reizmittels, wozu ich aber nicht in
der Lage bin, zumal wir selbst hier gänzlich auf unsere Konserven,
die üblichen mageren Hühner und ein paar von Knudsen erlegte alte
Perlhühner angewiesen sind; von der reichlichen Pombezufuhr, wie sie
in Massassi und Chingulungulu unser bierfreundliches Herz entzückt
hatte, keine Spur. Leichten Herzens sind wir denn auch schon am
vierten Tage von Akundonde aufgebrochen, um in dreitägigem Marsch das
langersehnte Newala zu erreichen. Stationen: Chingulungulu, wo ein
großer Teil unseres Gepäcks liegengeblieben war, sodann Mchauru, ein
außerordentlich weitläufig gebauter Ort in der gleichnamigen Landschaft
und am gleichnamigen Fluß in den Vorbergen des Makondeplateaus.
Mchauru ist in mehrfacher Beziehung interessant genug; zunächst
in topographischer: wohl 20, ja 30 Meter tief in den lockeren
Aufschüttungsboden eingeschnitten, zieht sich das Flußbett dahin, in
südwestlicher Richtung, dem Rovuma zu; es ist eine wahre Kletterpartie,
in diese Klamm hinunterzugelangen. Unten stößt man keineswegs direkt
auf fließendes Wasser, sondern man muß auch hier erst noch mindestens 2
Meter tief in den reinen Sand hineingraben, bevor man das unterirdisch
abströmende Naß erreicht. Damit rechnen auch die Eingeborenen, auf
deren enge, tiefe Wasserlöcher der Wanderer alle Augenblicke stößt.
Um so üppiger ist dafür die Vegetation im ganzen Gebiet; woher sie in
diesem Gebiet des Regenschattens kommt, ist mir noch nicht ganz klar;
möglich, daß der Humusgehalt hier größer ist als an den meisten Stellen
der weiten Ebene.
Mchauru ist nicht nur landschaftlich schön, sondern auch ethnographisch
berühmt im ganzen Lande; einmal durch einen Fundi, der die schönsten
Ebenholznasenpflöcke fertigt und sie am geschmackvollsten mit
Zinnstiftchen auslegt, sodann durch den Zauberer Medulla; dieser beiden
Personen wegen habe ich überhaupt hier haltgemacht. Der Kipini-Fundi
war nicht zu finden; er sei verreist, hieß es; aber Medulla war daheim.
Durch wahre Bananenhaine -- für mich ein ganz neuer und ungewohnter
Anblick -- und ausgedehnte Fruchtfelder von Mais, Bohnen und Erbsen
sind wir, d. h. wir beiden Europäer und die engere Garde mit den
Apparaten, von unserm an der Barrabarra unter einem riesengroßen Baum
aufgeschlagenen Lagerplatz eine kleine Stunde südwestwärts gezogen. Ab
und zu führt der Weg im Flußbett entlang; dann ist es ein mühseliges
Waten im unergründlichen Sande. Endlich heißt es: wir sind da. Wir
klettern einen kleinen Hügel empor und stehen vor einer offenen,
schuppenähnlichen Hütte. Ein Negergreis sitzt darin, nicht kauernd
nach der Weise der Eingeborenen, sondern wie wir mit ausgestreckten
Beinen auf einer Matte. Begrüßung; mein Anliegen: seine Zaubermittel
soll er mir erklären und käuflich ablassen, fernerhin aber soll er uns
etwas weben. Nur zwei Männer sind nach den Erzählungen der Eingeborenen
im ganzen weiten Lande noch in der Lage, dem Fremdling und auch den
eigenen Stammesgenossen diese unter der Wucht des eingeführten Kattuns
bereits ausgestorbene Kunst vorzuführen. Den einen, einen zittrigen
Greis, habe ich vor vielen Wochen in Mkululu kennen gelernt; der andere
sitzt jetzt vor mir. Der Mkululumann hat mich arg enttäuscht; von Weben
keine Ahnung, auch nichts vom Vorhandensein eines Webstuhls selbst; nur
einen mäßig guten Baumwollfaden hat uns der Alte mit seiner Spindel zu
bereiten gewußt. Das war alles gewesen.
[Illustration: Versammlung der Teilnehmer an der Festhütte.]
[Illustration: Präsentation des Feststoffes durch die Mutter.]
[Illustration: Tanz der Alten.]
[Illustration: Erscheinen der Novizen auf dem Festplatz.
Mädchen-Unyago im Wamatambwe-Dorf Mangupa. I.]
[Illustration: Gruppierung der Alten um die Festjungfrauen.]
[Illustration: Tanz der Alten um die Festjungfrauen.]
[Illustration: Prüfungstanz der Festjungfrauen vor den Alten.]
[Illustration: Abzug der Festjungfrauen.
Mädchen-Unyago im Wamatambwe-Dorf Mangupa. II.]
Um so größer sind meine Erwartungen bezüglich Medullas. Doch die
Medizinen gehen vor; wir feilschen mit ihm wie die Armenier, der
Mann läßt sich auf nichts ein; schließlich zeigt er uns ein paar der
üblichen Kalebassen mit ihren fragwürdigen Mixturen, fordert aber
dafür so unverschämte Preise, daß nun auch ich einmal, und zwar mit
großer Genugtuung, sagen kann: „~Hapana rafiki~, gibt’s nicht,
Freundchen.“ Auch Medulla ist Philosoph; „na, denn nicht“, denkt er
allem Anschein nach, beginnt ein großes Gespräch über seinen Namen,
versucht sich dann mit der Aussprache des meinigen und geht erst
allmählich zu dem zweiten Teil des Programms über. Wie ein Reporter
unserer gräßlichen modernen Wochenblätter stehe ich mit meinem Apparat
auf der Lauer; Medulla sitzt ungünstig, draußen schreiendes Licht, in
seiner kühlen Hütte tiefes Dunkel; ich nötige ihn sich umzusetzen, er
tut’s nicht; ich bitte, ich schmeichle ihm, er grinst, holt umständlich
seine Pfeife hervor, zündet sie mit glühender Kohle an, pafft und rührt
sich nicht. Im Vertrauen auf mein Voigtländersches Kollinear lasse
ich ihn schließlich sitzen, um überhaupt nur weiter zu kommen.
Ich will den Webstuhl sehen und wie er gebraucht wird. Erst müsse er,
Medulla, den Faden machen, heißt es. Ich füge mich. Langsam greift
der Alte in einen Korb, holt ebenso bedächtig eine Handvoll Kapseln
hervor, entkernt sie kunstgerecht und beginnt nun, die flockige weiße
Masse mit einem Stäbchen zu schlagen. Überraschend schnell ist das
ziemlich große Quantum Baumwolle gleichmäßig locker. Medulla nimmt
sie in die Linke und beginnt mit der Rechten den Rohfaden zu zupfen.
„Aha,“ denke ich, „die Sache kommt dir bekannt vor; das haben vor mehr
als 30 Jahren die Eichsfelder ebenso gemacht, wenn sie allwinterlich
in unser hannöversches Dörfchen kamen, um dort den Bauern die Wolle zu
verspinnen.“ Doch damit hört auch schon die Parallele auf, der weitere
Gang ist wieder ganz urmenschlich: Anknüpfen des Rohfadens an das
Fadenende auf der Spindel, Durchziehen dieses Fadens durch den unsere
Öse ersetzenden Spalt, Wirbeln der Spindel in der Rechten unter weit
abgespreizter Linker; sodann ein Herniedergehen mit beiden Armen, ein
rasches Rollen der Spindel auf dem rechten Oberschenkel -- der Faden
ist zum Aufwickeln fertig.
[Illustration: Der alte Medulla, sein Pfeifchen anbrennend.]
Medulla hat es fertiggebracht, uns eine ewige Zeit in derselben
Weise zu langweilen; den berühmten Webstuhl hat auch er schließlich
nicht hervorgeholt, sicher aus dem einfachen Grunde, weil dieses
Rudiment eines alten Kulturzustandes wohl nur noch im Munde seiner
leichtgläubigen Landsleute existiert. Der gerissene Allerweltskünstler
versprach bei unserem mehr als kühlen Abschied zwar hoch und heilig, er
werde mit seiner Maschine nach Newala kommen, doch dies hat ihm nicht
einmal der dümmste meiner Leute geglaubt.
[Illustration: Mädchen-Unyago im Makondeweiler Niuchi.]
Dreizehntes Kapitel.
Unyago überall.
+Newala+, Mitte September 1906.
Hurra, Unyago überall, an allen Ecken und Enden; es ist eine Lust zu
leben! Mit dem reizvollen Fest von Akuchikomu scheint der Zauberbann
gebrochen, der mir gerade die besten Wochen hindurch die Einsicht in
diesen völkerkundlich so wichtigen und hochinteressanten Gegenstand
verwehrt hat; an nicht weniger als zwei typischen Festfeiern habe ich
in der kurzen Zeit meines Newala-Aufenthaltes bereits teilgenommen, und
beide waren noch dazu Mädchen-Unyago. Und das hat mit seiner Güte Akide
Sefu getan.
O du braver Sefu bin Mwanyi, du Zierde deiner Vaterstadt Ssudi, du
Stolz und Perle deines Standes, wie soll ich dir danken, was du bereits
an mir getan hast, täglich tust und fernerhin noch tun wirst! Du bist
ein Mann von edlem Schnitt des Antlitzes, von hohem Wuchs und der
Farbe der Nachkommen des Propheten; Negerblut hast du wohl kaum ein
Tröpfchen in deinen Adern, sondern rein und unvermischt hat sich die
Reihe deiner arabischen Ahnen durch die Jahrhunderte hindurch bis auf
dich herab fortgeführt. Und sprachgewandt bist du, daß Nils Knudsens
Ruhm schnell vor dir verblaßt! Bewahre dir dein Verständnis auch für
die Ziele späterer Reisender, dann kann es an Früchten deutscher
wissenschaftlicher Forschungsarbeiten nicht fehlen!
Wir hatten uns von dem schrecklich mühsamen Aufstieg, den die Steilheit
des Plateauabsturzes gerade hier bei Newala bedingt, ein klein wenig
erholt, hatten uns notdürftig in der gegen den gefürchteten Abendwind
von Newala weit offenen Barasa in der Boma, der Palisadenumzäunung,
dieses Ortes eingerichtet und uns gegen die geradezu arktische Kälte
der ersten Newala-Nacht durch alle verfügbaren Decken zu schützen
gesucht, da kam auch schon im frühen Morgengrauen der diensteifrige
Akide herbeigeeilt, um uns nach dem Makondedorf Niuchi zu führen;
dort sei heute das Schlußfest des ersten Mädchen-Unyago, da würde
ich viel Neues sehen und hören. Eine Stunde später hatten meine
Auserwählten, wozu in diesem Falle auch mein gutes, altes Maultier
gehörte, und wir uns bereits durch eine tüchtige Portion urechten
Makondebusches hindurchgewunden; mein Reittier hätte, selbst wenn
es in seinem angeborenen Stumpfsinn dazu fähig gewesen wäre, sich
durchaus nicht zu wundern brauchen, warum es denn heute die gewohnten
180 Pfund nicht zu tragen hatte, denn an Reiten war bei diesem Kampf
mit Dorn und Busch, die selbst auf dem begangensten Makondepfade kaum
30, 40 Zentimeter eines halbwegs freien Raumes offen ließen, nicht zu
denken. Gänzlich unvermittelt standen wir auf einem kleinen, freien
Platz inmitten einiger Häuser und sahen mit ebenso großer Verwunderung
auf einen stattlichen Haufen seltsam ausschauender Frauengestalten,
die erschreckt zu uns herüberstarrten. Ich sah sofort, daß auch hier
möglichste Zurückhaltung nur von Nutzen sein könne und verschwand mit
all meinen Apparaten und Leuten hinter der Ecke der nächsten Hütte.
Von dort aus habe ich ganz ungestört eine Summe von Vorgängen sich
abspielen sehen, wie sie in dieser Eigenart bisher wohl selten einem
Reisenden sichtbar geworden sind.
Es ist 8 Uhr morgens; im frischesten Grün schließt sich der
Makondebusch fast über unseren Häuptern zusammen; nur ein Baum mitten
auf dem Dorfplatz und einige wenige, ebenso stattliche Gefährten
ragen über das Buschwerk und die niedrigen Makondehütten hinaus in
die klare Morgenluft. Die wenigen Weiber, die bei unserer Ankunft
den Platz mit Büscheln grüner Zweige sauber gefegt hatten, sind
blitzschnell in den Schwarm der übrigen Frauen zurückgetaucht. Diese
stehen wie eine Mauer um fünf andere, in schreiendes Bunt gekleidete
Wesen, die in Hockstellung im Schatten eines Hauses kauern, sich
mit den Händen Augen und Schläfen überdecken und durch die Finger
unverwandt zu Boden starren. Da, ein schriller Ton; fünf oder sechs
der Frauen eilen mit grotesken Sprüngen über den Platz, keck steht
das Pelele, die Lippenscheibe von wahrhaft fabelhaften Dimensionen,
in die Luft, unter ihm aber fliegt die weit vorgestreckte Zunge in
raschen Horizontalschwingungen hin und her. Dies gehört nun einmal
zu dem berühmten Frauentriller Ostafrikas; ohne dies ist er nicht
kunstgerecht. Den ersten sechs folgen bald ein Dutzend andere Weiber.
„~Anamanduta, anamanduta, mwanangu mwanagwe~“,
„Es geht weg, es geht weg, mein liebes Kind“,
ertönt es aus ihrer Mitte, zunächst solo, dann im Chor; Händeklatschen
im strengen Takt, tänzelnde Schreitbewegungen über den Platz hin und
her begleiten das Lied. Trennungsschmerz im wilden Osten, denke ich,
als mir Sefu in rascher Gewandtheit den Text übersetzt hat. Da ertönt
auch schon ein neuer Sang:
„~Namahihío atjikuta kumawēru.~“
„Die Eule schreit in der Schamba.“
Auch der Vortrag dieses Sanges dauert eine geraume Zeit; dann steht
alles plötzlich wieder in dichter Scharung um jene fünf Kleiderbündel
herum. Aus dem Schwarm treten fünf ältere Gestalten hervor; mit Bündeln
von Hirserispen schmücken sie das Haupt ihrer Schülerinnen, denn
das sind jene buntfarbigen Wesen. Diese erheben sich jetzt, treten
eine hinter der andern an, legen beide Hände auf die Schultern des
„Vordermannes“, die Trommelkapelle setzt ein; alt und jung wiegt den
Mittelkörper rhythmisch und meisterhaft zugleich im Bauchtanz.
„~Chihakātu cha Rulī́wĭle nande kuhuma nchēre.~“
„Das Chihakatu (eine kleine Korbschale) des Liwile wird früh aus dem
Haus herausgetragen“, so erschallt es jetzt aus dem Chor heraus. Mit
dem Chihakatu ist anscheinend der Ährenschmuck gemeint; der Neger liebt
es, zu symbolisieren.
Endlich geht auch dieses Lied zu Ende, der Reigen löst sich auf; nach
allen Seiten eilen die Frauen auseinander, kehren aber sofort zurück,
um Hirse, Maniok, Kleidungsstücke u. dergl. vor den fünf Lehrerinnen
niederzulegen. Diese haben sich inzwischen zu neuem Tun gerüstet;
das erstaunte Auge des Weißen sieht, wie ein Ei zerschlagen und von
dem Gelben den fünf Novizen etwas auf die Stirn gestrichen wird; ein
anderer Teil dieser Masse wird mit Rizinusöl vermischt und den Mädchen
auf Brust und Rücken gesalbt. Das ist das Zeichen der Reife und des
beendeten Unyago. Überreichung von noch mehr neuen Stoffes an die
Mädchen bildet den Schluß.
Damit scheint der erste Teil des Festes zu Ende zu sein. Sefu macht
mich aufmerksam auf eine bestimmte Stelle des Festplatzes, an der ein
einfacher Stock dem Boden entragt; unter diesem Stock seien Medizinen
vergraben, die zum Unyago gehören; an einer anderen Stelle aber sei
schon vor Monaten ein großer Topf mit Wasser in die Erde versenkt;
dieser sei auch Medizin.
Noch während dieses Privatkollegs hat sich der Schwarm der Weiber von
neuem geordnet. Nach einem Triller, der selbst uns Fernstehenden die
Trommelfelle fast platzen macht, ein Emporfliegen aller Arme mit einem
Ruck; im nächsten Augenblick sausen sie auch schon wieder hernieder, um
von nun an mit jenem Händeklatschen, das in dieser Virtuosität nur den
Anwohnern des Indischen Ozeans eigen zu sein scheint, folgendes Lied zu
begleiten:
„~Kanole wahuma kwetu likundasi kuyadika kuyedya ingombe.~“
Zu deutsch heißt dies etwa: „Seht euch einmal das Mädchen an, sie hat
einen Perlenschurz geliehen und versucht nun, ihn kokett und elegant zu
tragen.“
O, ihr Weiber, knurre ich bei Sefus Übersetzung; ihr gleicht euch
überall, eitel auf der einen, boshaft auf der andern Seite. Das Lied
ist ein Spottgesang; es bezieht sich auf ein Fräulein Habenichts, die
in geborgtem Putz erscheint. „Der wollen wir es anstreichen“, sagen,
nein singen die anderen.
Und jetzt nehmen sie sogar mich vor:
„~Ignole yangala yangala meme mtuleke weletu tuwakuhiyoloka~“,
singen sie. Dem Sinne nach heißt das etwa:
„Ihr, die ihr hier (bei der Unyago) zusammen seid, freut euch,
belustigt euch. Wir, die wir hierher gekommen sind, wir wollen nicht
mitspielen, wir wollen bloß zuschauen.“
Wenn Sefu recht hat, und dem scheint doch wohl so, so sind diese Worte
als mir in den Mund gelegt aufzufassen; entweder sind sie dann ein
Ausfluß meines Edelmutes: ich will durchaus nicht stören; oder aber sie
sind eine ~captatio benevolentiae~: bleib ja ferne, Weißer, wir
fürchten uns sonst.
Ganz geheuer scheint den Teilnehmerinnen trotz meiner diskreten
Zurückhaltung überhaupt nicht zu sein, denn sie singen nunmehr bis zur
Erschlaffung:
„~Nidoba ho, nidoba ho.~“
„Es ist schwer fürwahr, es ist schwer fürwahr.“ --
Große Pause.
Der zweite Hauptteil des Programms bringt zunächst die Wiederholung
einer Partie von Teil I: noch tiefer in ihre grellbunten Tücher
vermummt, so daß von Gesicht und Armen nichts zu sehen ist, treten
zuvörderst die Festjungfrauen an, wie vorhin in Reihen rechtsum; an sie
gliedert sich in derselben Anordnung die ganze andere Gesellschaft an.
Jetzt setzt auch schon die über gewaltigem Feuer neugestimmte Kapelle
von frischem ein, und wieder beginnt das Dauerlied: „~Chihakatu cha
Ruliwile~“ usw.; wieder fliegen die Mittelpartien der Körper im
Bauchtanz. Das dauert eine geschlagene halbe Stunde lang; dann löst
sich die lange Reihe auf, die älteste der Lehrerinnen tritt frei vor
die übrigen hin, setzt eine kritische Miene auf und harrt der Dinge,
die da kommen sollen. Und es kommt. Wie ein schillernder Falter löst
sich eins der bunten Zeugbündel aus der Masse heraus, tänzelt zierlich
vor die Alte hin,
„~nande äh äh, nande äh äh~“,
setzt der Chorus ein, von dem Kleiderbündel aber sieht der höchst
erstaunte Weiße nur noch Kopf- und Fußpartie in einiger Ruhe, alles,
was dazwischenliegt, verschwimmt zu einem unerkennbaren Etwas. Erst ein
keckes Nähertreten erläutert mir das: die Kleine „zittert“ mit ihrer
Beckenpartie, sie wirft sie so schnell hin und her, daß tatsächlich
keine Körperlinie zu verfolgen ist. Die eine tritt ab, die anderen
folgen der Reihe nach; Lob und Tadel werden aus hohem Munde auf sie
herabgesprochen. Was der Liedertext aber bedeutet, kann mir auch Sefu
nicht sagen.
[Illustration: Tanz der Frauenmaske Njorowe in Newala.]
Der dritte Teil folgt. Ebenso neugierig und erwartungsvoll wie ich
selbst, blicken jetzt auch die fünf jungen, nunmehr mannbar gewordenen
Mädchen auf den Festplatz; sie haben sich von ihrer Umhüllung befreit
und fühlen sich inmitten der rechts und links von ihnen aufgestellten
Mütter und Tanten anscheinend recht wohl. Da huscht in schnellem
Trippelschritt ein neues Kleiderbündel aus dem Busch heraus; ihm
folgt alsbald ein zweites, nach wenigen Augenblicken ein drittes
und ein viertes. Aha, eine Quadrille, denke ich, aber diesmal habe
ich mich getäuscht; richtiger wäre es schon zu sagen ein ~Pas
de deux~, denn die vier Masken -- als solche stellen sich die
Figuren bei einer Wendung heraus -- haben sich sofort paarweise
gegeneinander geordnet, um sich nunmehr in ganz ähnlicher Weise, wie
ich es früher schon in Chingulungulu gesehen habe, zu bewegen; die
mannigfaltigsten Evolutionen mit Armen und Beinen, Verdrehungen und
Verbeugungen des Oberkörpers, Zitterbewegungen der Mittelpartie, kurz
alles afrikanisch, ganz echt und ursprünglich. Insoweit bringen die
Masken also nichts Neues; doch um so überraschender ist der An- und
Aufzug selbst. Makondemasken sind heute in den größten ethnographischen
Museen bekannt, in Gebrauch gesehen hat sie indes, wie es scheint,
noch niemand, wenigstens ist das nirgends geschildert worden. Also
mir Verwöhntem blüht nun auch dieses Glück. Die Masken sind aus Holz,
zwei von ihnen stellen Männer dar, die anderen Frauen. Dies sieht man
auf hundert Schritt an den prachtvoll herausgearbeiteten Pelele, deren
Weiß sich aus der schwarzen, starren Fläche effektvoll heraushebt.
Im übrigen ist der Anzug bei Männlein und Fräulein gleichartig;
er verfolgt den Grundsatz, nichts Menschliches sehen zu lassen:
Kattun überall, vom engumhüllten Nacken bis über die Finger und die
Zehenspitzen hinunter.
Dieses Übermaß der Umhüllung gibt auch den Schlüssel zum beabsichtigten
Zweck des Ganzen: die Masken sollen schrecken. Junge Männer sind es,
die sich solchermaßen verkleidet haben; sie wollen unerkannt sein und
bleiben; sie sollen die Mädchen vor dem endgültigen Eintritt ins
mannbare Alter noch einmal tüchtig ängstigen und einschüchtern. Dazu
wählen sie ganz allgemein zunächst die Maske, im besonderen aber mit
Vorliebe bekannte schreckhafte Gestalten: Porträts gefürchteter Männer,
berühmter Krieger und Räuber, Darstellungen großer Tiere; zuletzt aber
den Scheitani, den Satanas. Dieser tritt mit langen Hörnern auf und
großem Barte und ist wirklich erschrecklich anzusehen.
Noch schwingen die vier Masken ihre Gliedmaßen und Körper auf dem
Festplatz herum, bald vereint gegeneinander, bald sich trennend und
mit allerhand Kapriolen den Kreis umtanzend, da gibt es schon wieder
etwas Neues. Tap -- tap -- tap -- tap steigt es heran, unheimlich,
riesengroß; wild flattert ein ungeheurer Stoff im wehenden Morgenwind;
gespenstisch lange Arme, ebenfalls flügelgleich mit Stoff besetzt,
schlagen wie Windmühlenflügel in die Luft; ein totenstarres Antlitz
grinst uns entgegen; fleischlos wachsen stangengleiche Beine meterlang
nach unten. Den kleinen Mädchen wird jetzt wirklich angst, auch meiner
Leibgarde scheint etwas „schwummrig“ zumute zu sein; den weißen
Forscher aber darf so etwas nicht anfechten, er hat zu schauen, zu
beobachten und zu knipsen.
Der Gebrauch von Stelzen ist innerhalb der gesamten Menschheit nicht
übermäßig häufig; außer bei uns sind sie meines Wissens nur noch
gebräuchlich im ostasiatischen Kulturkreis, dann merkwürdigerweise
auf den Markesasinseln im östlichen Stillen Ozean und an einzelnen
Teilen der westafrikanischen Küste. Wie unter diesen Umständen diese
Schreitgeräte gerade hier auf die Berginsel des Makondeplateaus
geraten, ist mir vorläufig ganz unerklärlich. Sind sie eingeführt? Und
woher? Oder sind sie der Rest einer uralten Sitte, die einstmals vom
Kap Lopez bis zu dieser gerade entgegengesetzten Stelle des dunkeln
Erdteils gereicht hat, bei der aber die ganzen Zwischenglieder über
das alte Tanzgerät hinaus fortgeschritten sind, während es sich im
äußersten Westen und im äußersten Osten erhalten hat? Unwillkürlich
bewegen mich solche Fragen, trotzdem es dazu eigentlich nicht Zeit ist,
denn es gibt allerlei zu sehen.
Die Idee des Schreckenwollens tritt auch bei dem Stelzentänzer ganz
offenkundig zutage; schon in der Art seiner Bewegung; mit wenigen
Riesenschritten rast er über den ziemlich geräumigen Platz, entsetzt
weichen die dort kauernden Schwarzen zurück, denn es sieht aus, als
wolle das Ungetüm sie haschen oder zertreten. Doch schon hat es sich
abgewandt und storcht weit am anderen Ende auf die fünf Festjungfrauen
zu; kreischend sind diese und manches andere Wesen zurückgetaumelt. Und
schon steht der Gewaltige vor meiner Kamera; „knips“, ich habe ihn.
Fast möchte man das verblüffte Gesicht des Trägers durch die Maske zu
sehen vermeinen, so überrascht zaudert sie einen Augenblick, um dann
mit schnellen Schritten davonzueilen.
Ein Vergnügen kann dies Stelzenlaufen im übrigen nicht sein; ermüdet
hat sich der Mann an das Dach eines der Häuser gelehnt; er schaut
nunmehr zu, wie wiederum die vier Parterremasken ihre Zeit für gekommen
erachten und von neuem zum Tanz antreten. Doch auch das will nicht
mehr so recht; eine bleierne Hitze lagert über uns allen, die Sonne
ist inzwischen bis zum Zenit emporgestiegen; ein großer Teil der
Festteilnehmer hat sich bereits verlaufen, auch die anderen sehnen sich
sichtlich nach ihrem Ugaliberge. Rasch baue ich ab; ein kurzes „los“;
von neuem zwängen wir uns durch Dickicht und Dorn des Makondebusches
Newala zu.