[Illustration: Der Unglücksvogel Liquiqui. Nach der Zeichnung eines

Makuamannes (s. S. 452).]

Wir haben Luisenfelde nur zum Teil aus Pietät berührt: hauptsächlich

ist der Umstand, daß der Weg von der Bangalamündung nach Akundonde

gerade hier vorbeiführt, die Ursache unseres Besuchs gewesen. Akundonde

ist dann nicht mehr weit; ein anderthalb- bis zweistündiger Marsch

im tiefeingeschnittenen Bett des Namaputa aufwärts, ein kurzer,

steiler Aufstieg auf die Höhe der nächsten Hügelwelle, und wir

stehen vor der typischen Negeransiedelung dieser Länder: einem mäßig

großen, sorgfältig gesäuberten Platz mit dem Pfeilerbau der Barasa

in der Mitte; um ihn herum ein halbes Dutzend Hütten im Rund- oder

Viereckstil, alle mit schwerem, weitausladendem und bis fast zur

Erde reichendem Strohdach; auf dem Kamm des Hügels entlang in weiten

Abständen eine Reihe anderer Gehöfte. Akundonde behauptet, unseren

Besuch erwartet zu haben; trotzdem ist er nur wenig entgegenkommend

und zugänglich; ein Kater nach der Libation von neulich wird kaum die

Ursache sein, denn dazu ist die Kehle des alten Sünders zu ausgepicht;

näher liegt es schon, an sein wehes Bein zu denken. Ich habe gerade

eine Flasche echten „alten“ Jumbenkognaks zur Verfügung, jenes

berühmten Getränks, das wie Rosenöl duftet, dessen Geschmack ich aber

nicht zu schildern vermag; ich spendiere sie dem alten Häuptling, lasse

ihn aber sonst links liegen. Dies kann ich ohne Gefahr für das Gelingen

meiner Expedition wagen, denn der junge Jumbe des Dorfes, ein fixer,

nach landläufigen Begriffen stutzerhaft gekleideter Yao, an dessen

Weste sogar eine dicke Uhrkette baumelt und der den dazugehörigen

Zeitmesser alle zwei Minuten demonstrativ zückt, ist ein viel

brauchbarerer Führer durch das Volkstum dieses entlegenen Bezirks als

der griesgrämige alte Akundonde. Was hat uns der junge Mensch allein

an autochthonen Kunstwerken vorgeführt! Wir brauchten bloß von Haus zu

Haus zu wandern, um unter den verschwiegenen Dachtraufen alle Wände mit

den schönsten Fresken bedeckt zu finden. Auch einen kleinen Friedhof

konnte der Führer uns zeigen; ein paar Yaogräber, über denen ich nun

zum ersten Male das niedrige Hüttendach mit den darauf befestigten

Stoffen erschauen konnte. Fast stimmungsvoll nahmen sich in der kurzen

Abenddämmerung diese schon halb verfallenen Zeichen der Pietät auch im

barbarischen Afrika aus.

Bei Akundonde findet dieses Jahr Unyago statt. Dies wußten wir, und

daher setzten wir alles daran, möglichst alles zu erfahren und alles

zu sehen. Das Versprechen eines fürstlichen Honorars hat denn auch

alsbald seine Schuldigkeit getan; nur meine Träger und Soldaten

dürften nicht mit, meint der Jumbe, Moritz und Kibwana sei aber der

Zutritt gestattet. Meine beiden Mohrenknaben haben das Feldleben schon

herzlich satt, deswegen bedarf es erst einer kleinen Auffrischung ihres

Diensteifers; dann aber trotten sie, wenn auch widerwillig, mit der

Kamera hinter uns her.

Mit merkbarer Heimlichkeit hat der Jumbe uns zwei Weiße und die beiden

Diener aus dem Bereich des Dorfes hinausgeführt; immer tiefer geht

es in das schweigende Pori hinein, das hier mit seinen stattlichen

Bäumen fast an einen deutschen Hochwald gemahnt; selbst das Grün ist

hier frischer und allgemeiner, als es jenseits Chingulungulu zu finden

gewesen war. In der erklärlichen Spannung des Forschers, der vor etwas

Neuem, Ungeahntem steht, achte ich weder auf Ort noch Zeit; wir mögen

eine halbe, aber auch eine ganze Stunde fürbaß geschritten sein;

endlich brechen wir durch ein Gebüsch; wir stehen vor einer kleinen

Hütte; wir sind am Ziel.

[Illustration: Yaogräber in Akundonde.]

Das Ziel ist des Erstrebens wohl wert gewesen. Bevor ich noch Größe,

Bauart und Stil des länglichen Gebäudes habe mustern können, sind wir

bereits von einer Schar halbwüchsiger Knaben umringt. Mit lautem Zuruf

und energischer Handbewegung treibt der Jumbe sie zurück; ein älterer

Mann tritt jetzt heran; er muß aus der Hütte selbst gekommen sein, denn

er steht wie aus dem Boden gewachsen plötzlich da. Feierliche Begrüßung

seitens des Wamidjira, denn diesen Oberleiter des ganzen Knaben-Unyago

haben wir in der Person dieses würdigen Mannes vor uns: sodann ein

leiser Wink mit seinen Augen zu den Knaben hin. Die stehen bereits

in einer langen Reihe ausgerichtet, wundersam anzuschauen mit ihren

großen Grasschürzen, die die schmächtigen Körper gleichsam wie die von

Überballetteusen erscheinen lassen; am Munde jeder ein röhrenförmiges

Instrument, dem sie nunmehr ihre Begrüßungsmusik entlocken. Auch

jetzt wieder muß ich tief bedauern, so wenig musikalisch zu sein,

denn das Spiel ist etwas Einzigartiges. Ich lasse die nicht unschöne

Melodie zu Ende gehen; dann trete ich näher heran, um die Kapelle

genauer zu besichtigen. Jedes der Instrumente ist lediglich ein Stück

Bambusrohr, alle an Länge und Weite verschieden, alle aber unten mit

dem natürlichen Internodium verschlossen und oben glatt abgeschnitten.

Dergestalt verfügt jeder der kleinen Musikanten nur über einen Ton,

doch das ist +sein+ Ton, und den weiß ein jeder von ihnen so präzis

und fehlerlos in das „Lied ohne Worte“ einzufügen, daß ein vollkommen

harmonisches Ganzes entsteht. Moritz hat inzwischen seines Amtes als

Finanzminister gewaltet; einzelne der Knaben haben es sogar über

sich vermocht, mir hinter der Hütte die Wirkungen des chirurgischen

Eingriffs, der bereits um einen Monat zurückliegt, bei dem einen oder

anderen aber noch immer Eiterungen verursacht, zu zeigen. Doch jetzt

treibt es mich in die Hütte selbst.

Luxus ist ein Begriff, dessen sich der Europäer in Afrika sehr bald

auch für seine Person entwöhnt, den er bei den Eingeborenen aber gar

nicht erst suchen darf; wie primitiv und anspruchslos jedoch diese

für Monate berechnete Behausung der 15 Knaben ist, spottet jeder

Beschreibung. Die Daggara, wie die Beschneidungshütte offiziell genannt

wird, ist ein Bau von zirka 10 Meter Länge bei 4 Meter Breite, also ein

an sich ganz stattliches Bauwerk; doch Schutz gegen die Unbilden der

Nacht vermögen weder die aus krummen, ästigen Baumstämmen gebildeten

Seitenwände, durch deren Lücken der Wind ungehindert hindurchpfeift,

noch auch das ebenso luftige, schlecht gehaltene Strohdach zu gewähren.

Türöffnungen sind zwar da, in der Mitte jeder Längswand eine, doch

fehlt ihnen der Verschluß. Tritt man ins Innere selbst, so blickt das

Auge zunächst nur auf ein Meer von Hirsestroh; es liegt auf dem Boden,

mit Aschebergen durchmischt; es ragt an den Wänden empor; es breitet

sich schließlich in unordentlicher Lagerung über 16 ursprünglich

vielleicht ganz saubere Betten und Bettchen. Eins von diesen ist das

Ruhelager des Meisters, die 15 anderen sind die Schmerzenslager seiner

Jünger; auf ihnen haben die Ärmsten die schmerzhafte Operation ohne

Narkose, ohne lokale Anästhesie, ohne Antisepsis und ohne Asepsis über

sich ergehen lassen müssen, mit zusammengebissenen Zähnen und ohne

einen Schmerzenslaut von sich zu geben. Dieser ist bei den tapferen

Yao, diesen Spartanern des Ostens, verpönt. Übermannt den immer noch

kindlich empfindenden, kleinen Mann trotz allen Heldenmuts der Schmerz,

was ist die Folge? Er wird überbrüllt vom homerischen Gelächter der

Anamungwi, seines Mentors, und seiner Gefährten.

[Illustration: Daggara im Walde bei Akundonde.]

Heute sind die 15 Betten schon arg mitgenommen; ein Teil von ihnen

ist vollkommen niedergebrochen, auf anderen finden sich nur noch

kümmerliche Reste des alten, sauberen Strohbelags; wir durch die

Ordnungsliebe der deutschen Hausfrau verwöhnten Angehörigen einer

hohen Kultur sehen mit einem Blick, daß hier das ordnende Walten

der weiblichen Hand gänzlich fehlt. Dafür sprechen auch die großen

Aschehaufen zwischen je zwei Betten; sie sind der Beweis, daß jeder der

kleinen Patienten sich gegen die empfindliche Kühle der Tropennacht

durch ein sorgsam unterhaltenes Feuer zu schützen sucht; dafür spricht

auch vor allem die unmeßbar dicke Dreck-, Staub- und Aschenschicht, mit

denen jeder der kleinen Kerle vom Scheitel bis zur Sohle überzogen ist.

Das große gemeinsame Bad, das den Aufenthalt in der Daggara und damit

auch die Novizenzeit der angehenden Männer beendigt, ist denn auch ein

nicht nur langentbehrter Genuß, sondern direkt eine Notwendigkeit.

Doch was ziert die Mitte des Hauses? Ist es ein ins Afrikanische

übersetzter Weihnachtsbaum mit seiner buntgefärbten Epidermis und

seinem Behang von Fellstreifen, Tierschwänzen und Vogelbälgen, oder

was stellt dieses merkwürdige Phantom sonst dar? Die Lupanda ist

es, wie ich vom Meister vernehme, der Baumast, nach dem das ganze

Mannbarkeitsfest der Knaben seinen Namen führt; Unyago ist die

Bezeichnung für die Pubertätsfeste schlechthin, Lupanda der Name für

die Knabenbeschneidung. Näheres kann oder, wohl richtiger, will mir der

Alte nicht sagen; ich muß also sehen, einen anderen Gewährsmann für

diese und so viele andere Fragen zu bekommen, insbesondere auch für das

Mädchen-Unyago, das nach alledem, was ich raunen höre, zum mindesten

ebenso interessant sein muß wie die Lupanda.

[Illustration: Der Festhüttenring Lisakassa im Walde bei Akundonde.]

So habe ich an jenem Spätnachmittage im Pori westlich von Akundonde

gedacht, ohne zu ahnen, daß kaum einen Tag später bereits ein Teil

meines letztgeäußerten Wunsches in schönster Weise in Erfüllung gehen

sollte. Hastig kommt der durch sein Honorar begeisterte Jumbe kurz

nach dem Mittagessen zu Knudsen und mir in unser Lager. Dieses haben

wir, mehr idyllisch als vor dem Abendwinde geschützt, auf dem höchsten

Punkte des Hügels am Waldesrand aufgeschlagen; Knudsen hat wie immer

für das Beziehen der Barasa plädiert, aber unser alter Feind, die

Windhose, die uns selbstverständlich auch hier wieder gerade bei der

Erbsensuppe überraschte, hat ihn sehr bald eines Besseren belehrt.

Jetzt dämmern wir im Halbschlaf unter der Banda, jener Laube aus

Zweigen und Gras, die jeder Trägerführer mit seinen Leuten im Nu zu

errichten versteht, pressen uns aus Gewohnheit wegen der glühenden

Hitze den schmerzenden Kopf und denken an nichts, die unfraglich

beste Beschäftigung in diesen Breiten. Da trabt der Jumbe heran; in

Akuchikomu sei Echiputu, ruft er schon von ferne, der Bwana kubwa

und der Bwana mdogo könnten viel sehen, wenn sie hingingen; aber die

Weiber seien scheu und furchtsam, und die Träger und Soldaten dürften

deswegen auch jetzt nicht mit. Wenige Minuten später sind wir bereits

auf dem Marsch; Moritz und Kibwana haben diesmal arg zu schleppen,

denn zur großen Kamera habe ich auch noch den Kinematographen gesellt,

der ach so lange schon zur Untätigkeit verdammt gewesen ist und von

dem ich mir manches verspreche. Zudem ist der Weg noch länger als

gestern; er führt erst nach Nordosten, immer den Hügelkamm entlang,

biegt dann nach Westen ab und steigt in das grüne Tal eines munteren

Baches nieder. Schon ehe wir dieses erreichen, gibt es Aufenthalt: ein

ungeheurer Hüttenring sperrt uns den Pfad; Bauten allerprimitivster Art

sind es; ein paar Stangen senkrecht und schräg in die Erde gerammt,

darüber eine Querstange, das Ganze bedeckt mit dem 2 bis 3 Meter langen

afrikanischen Stroh; das ist alles. Aber Hütte reiht sich an Hütte,

in fast mathematisch genauer Kreislinie umzirken sie eine Fläche von

wohl über 50 Meter Durchmesser. Dies ist der eigentliche Festplatz,

doch nicht für die Mädchen, sondern für das Lupanda; hier beginnt der

lange Festturnus der Knabenbeschneidung mit Tanz, Schmaus und Gelage,

und hier findet auch, wenn die Knaben nach 3 oder 4 Monaten geheilt und

in die Mysterien des Geschlechtslebens und den Sittenkodex des Stammes

eingeweiht zurückkehren, das Schlußfest statt. Also schnell heraus mit

Stativ, Kamera und Platte; vom Anfänger in der Lichtbildkunst bin ich

längst ein Fundi, ein Meister, geworden, der im Handumdrehen seine 20,

30 Aufnahmen bewältigt; ein Blick noch auf die zwei kleinen Aschenhügel

an bestimmten Stellen des Platzes, dann geht es auch schon weiter.

Es ist 2 Uhr mittags; die noch immer unangenehm hochstehende Sonne

sendet ihre glühendsten Strahlen auf den freien Platz des elenden

kleinen Makuadorfes hernieder, in das wir soeben eingetreten sind. Dorf

ist schon viel zu viel gesagt, kaum den Namen Weiler verdienen die paar

kläglichen Strohhütten, deren wenige Bewohner sich erkühnt haben, die

ganze Umgegend zu Gaste zu laden. In der Tat ist viel Volks versammelt,

vor allem Frauen und Mädchen; die Männer treten an Zahl sichtlich

zurück. Schon daraus würde man entnehmen können, daß es sich um die

Feier eines ausgesprochenen Frauenfestes handelt.

Kein Fest ohne den schmückenden Rahmen. Und was für einer ist es,

der sich unserem erstaunten Auge darbietet! Ganz afrikanisch, nicht

übergroß, aber vollkommen ausreichend ist der Festsaal, den die

Gastgeber hier errichtet haben. Die Neger verstehen es meisterhaft,

aus den billigsten Materialien, mit den einfachsten Hilfsmitteln in

der größten Schnelligkeit zweckentsprechende und auch in Stil und Form

ganz ansprechende Bauten herzustellen. Dieser hier ist kreisrund; die

peripherische, aus Holzstangen und Hirsestroh gefertigte Wand ist

etwa 2 Meter hoch, mit zwei einander gegenüberliegenden Türöffnungen;

der Durchmesser beträgt etwa 10 Meter, das Dach wird von einem

Mittelpfeiler getragen. Gerade jetzt ziehen die Weiber feierlich

in den Festraum ein, aus dem bereits das bekannte Stimmen mehrerer

Trommeln dröhnend und polternd ertönt. Der Hinweis des Jumben auf

die Scheu der hiesigen Frauen ist sichtlich gerechtfertigt; wer von

den Weibern uns sieht, nimmt schnell Reißaus. Erst nachdem es uns

Fremden gelungen ist, uns ungesehen an die Außenwand des Festsaals

heranzuschlängeln und dort inmitten eines dichten Haufens verständiger

Männer einen sehr erwünschten Unterschlupf zu finden, beruhigen sich

die Festteilnehmerinnen. Aber zeichnen läßt sich gleichwohl auch jetzt

noch keine von ihnen. Ich habe die Gewohnheit, wo immer es geht, mit

einigen wenigen raschen Strichen jedes malerische Motiv zu skizzieren;

und wie malerisch sind gerade diese Motive! Lippenscheiben, Nasen-

und Ohrpflöcke sind mir seit meinem Einmarsch über die Küstenzone

hinaus ins Innere etwas Altes und Vertrautes geworden, doch Exemplare

von solcher Größe und Rassentypen von so ausgesprochener Wildheit

und Unberührtheit zu bewundern, habe ich bislang doch noch keine

Gelegenheit gehabt. Und wenn so ein Frauenzimmerchen gar erst lacht!

Das ist einfach unbeschreiblich; solange das Gesicht den normalen,

ernsten Ausdruck bewahrt, steht die schneeweiß gefärbte Lippenscheibe

ebenso ernsthaft horizontal in die Weite, notabene wenn ihre Trägerin

noch jung und schön ist; verzieht sich aber dieses selbe Gesicht zu dem

kurzen kichernden Auflachen, wie es nur der jungen Negerin eigen ist,

wupp! mit einem kurzen, schnellen Ruck fliegt das Pelele nach oben, es

richtet sich steil auf über dem elfenbeinweißen, noch völlig intakten

Gebiß; strahlend schauen auch die hübschen braunen Augen des jungen

Weibes in die Weite; unter dem Gewicht des schweren Holzpflocks gerät

die um fast Handbreite vorgezerrte Oberlippe in ein rasches Zittern;

das Baby auf dem Rücken des Weibes -- sie haben fast alle ein Baby auf

dem Rücken -- fängt unter dem forschenden Blick des fremden Mannes

jämmerlich zu weinen an -- kurz, es ist ein Anblick, den man erlebt

haben muß; zu schildern vermag ihn keine Feder.

Unser Platz ist gut gewählt, ungehindert können wir das ganze

Hütteninnere überschauen. Die menschliche Psyche ähnelt sich überall,

ob unter dem 10. oder 11. Grade südlicher Breite, oder aber in den

Schneewüsten Sibiriens oder den Bankettsälen europäischer Festhallen:

überall huldigt sie dem Grundsatz: Ehre, wem Ehre gebührt.

„Was sind das dort für drei Knirpse?“ frage ich den Jumben, der

dienstbeflissen neben mir steht und mit zufriedenem Verständnis den

Vorgängen im Innern folgt. Drei angehende Jünglinge sind es, die an

einer reservierten Stelle des Saales auf Ehrenschemeln sitzen. Das sind

die Ehemänner der Frauen, deren Echiputu heute gefeiert wird.

„Und Echiputu, was ist das?“ Das ist das Fest der ersten Menses; doch

es ist eine lange Geschichte. Diese lange Geschichte jetzt zu verfolgen

ist indessen keine Zeit; in dem bewußten, jedem Besucher Ostafrikas

unvergeßlichen Takt, der bei allen Ngomen wiederkehrt, haben die

Trommeln eingesetzt; im gleichen Augenblick hat sich der dichtgeballte

Knäuel der schwarzen Leiber auch schon zu einem Reigen geordnet. In

einer Art Bachstelzenschritt bewegt er sich rhythmisch wiegend und

gleitend um den Mittelpfahl. Doch dieser ist nicht frei, sondern

lieblich grinsend umstehen ihn drei alte Hexen.

„Wer ist das?“ frage ich.

„Das sind die Anamungwi, die Lehrerinnen der drei Mädchen, die

heute den Lohn ihrer Arbeit ernten; sieh Herr, was jetzt passiert.“

Einstweilen passiert noch nichts; der Tanz geht weiter und weiter,

zunächst noch in der alten Art, dann in einer neuen. Diese ist weniger

afrikanisch als allgemein orientalisch, es ist der gewöhnliche

sogenannte Bauchtanz. Endlich geht auch er zu Ende; der Reigen löst

sich wieder zu einem wilden Durcheinander auf; die eine greift

hierhin, die andere dorthin, dann sammelt sich alles wieder um die

Anamungwi. Diese lächeln jetzt nicht mehr, sondern sehen recht

hoheitsvoll drein; und sie haben ein Recht dazu. Eine nach der

anderen überreichen ihnen die Frauen ihre Gaben: Stücke neuen Zeuges,

Perlenschnüre, fertige Hals- und Armbänder aus Perlen und dergleichen.

„Das ist alles recht gut und schön,“ scheint der Blick der Beschenkten

zu sagen, „doch ist das etwa ein Äquivalent für die unsägliche Mühe,

die uns die Heranbildung unserer Amāli, unseres Zöglings, seit

Jahren gemacht hat? Da müßtet ihr uns schon ganz anders kommen.“

Doch die Festgesellschaft läßt sich durch diese stumme Kritik nicht

im mindesten beirren, ganz wie anderswo in der Welt plappert alles

durcheinander, und alles ist eitel Lust und Freude.

[Illustration: Lachende Schönheiten.]

Eine neue Phase. „~Hawara marre~“, knurrt der Jumbe. Dies

kann auch Nils Knudsen nicht übersetzen, denn es ist Kimakua,

das er nicht versteht; aber der Jumbe ist vielsprachig wie alle

Intelligenzen hierzulande; „~Kisūwi mkắmŭle~“ heiße es im Kiyao,

„der Leopard bricht aus“. In diesem Augenblick geschieht auch schon

etwas Unerwartetes: die drei jungen Kerle haben sich blitzschnell

erhoben; ein lautes Gekrache und Geraschel -- durch die leichte

Strohwand sind sie nach außen gebrochen und entweichen in der Richtung

auf die entfernteren Dorfhütten zu. Ich habe bis jetzt nicht klar

ersehen können, ob diese jugendlichen Ehemänner selbst den Leoparden

repräsentieren sollen oder ob sie als durch den imaginären Leoparden

verfolgte Größen zu betrachten sind; in beiden Fällen jedoch kann

unsereinem das behagliche Schlendertempo, in dem sie davonpilgern,

wenig einleuchten und noch weniger imponieren, viel weniger jedenfalls

als das mit ebensoviel Verve wie Ausdauer gesungene Lied „~Hawara

marre~“ der Frauen, das in das sonnendurchglühte Pori noch

hinausschallt, längst nachdem die drei Leoparden verschwunden sind.

Ein anderes Bild. Die Festhalle ist leer; dafür wimmelt es jetzt von

buntfarbigen, abenteuerlichen Gestalten auf dem danebenliegenden,

sauber gekehrten Platz. Jetzt erst sieht man, wie schön sich alles

gemacht hat. Wie gleißend Gold erstrahlen die schweren, massiven

Messingringe von mehr als Daumenstärke an Fuß- und Handknöcheln; in

den leuchtendsten, reinen Farben erglänzen auch Schurz und Obergewand,

beide soeben erst von dem galanten Ehemann auf eigens zu diesem Zweck

ausgeführter Expedition vom Inder in Lindi oder Mrweka für teures Geld

erstanden; weißer noch womöglich als sonst leuchtet schließlich der

Lippenklotz in seinen wuchtigen Abmessungen zu dem staunenden Fremden

herüber. Und wie glänzen die wolligen Krausköpfe und die braunen

Gesichter unter der dicken Schicht frisch aufgetragenen Rizinusöls, dem

Universalkosmetikum des ganzen Ostens! Wieder stehen die Anamungwi in

hoheitsvoller Pose da; wieder drängt sich alles um sie. Diesmal kommt

der materiellere Teil: Maiskolben sind es, Hirserispen und ähnliche,

ebenso nützliche wie angenehme Dinge. Sie regnen in Massen in ihre

Hände.

Und wiederum ein neues Bild. Die Kapelle hat noch sorgfältiger als

gewöhnlich ihre Instrumente gestimmt; mit einem letzten Aufzucken

sinkt das hellodernde Strohfeuer gerade in diesem Augenblick in sich

zusammen. ~Bŭm, bŭm búm, bŭm bŭm búm, bŭm bŭm búm~, setzt auch

schon die erste von ihnen ein. Hei, wie fliegen dem Manne die Hände!

Trommeln und Trommeln ist zweierlei, der Ngomenschlag indes ist eine

Kunst, die gewiß nicht jeder lernt; es ist nicht gleichgültig, ob die

Hand mit der ganzen Innenfläche oder den Fingerspitzen allein auf das

pralle Fell niedersaust, oder ob die untere oder obere Knöchelreihe der

geballten Faust den Ton hervorbringt; auch dazu gehört sicherlich eine

gewisse Begabung. Wir Europäer sind nach ziemlich allgemeiner Annahme

psychisch doch wesentlich anders organisiert und veranlagt als die

schwarze Rasse, doch auch unsereinen lassen Takt und Rhythmus gerade

dieses Ngomenschlags durchaus nicht kalt. Unwillkürlich fängt auch der

Europäer an, mit den Beinen zu wippen und zu knicken, und fast möchte

er in die Reihe der schwarzen Gestalten eilen, gälte es nicht das

Dekorum der Herrscherrasse zu wahren und Auge und Ohr anzuspannen für

alles, was da vorgeht.

Ikoma heißt der Tanz, in dem die Frauen sich jetzt wiegen. Unser Auge

ist zu wenig geschult für die feinen Unterschiede zwischen all diesen

einzelnen Reigentänzen; deswegen ermüden wir auch schon vom bloßen

Zusehen viel früher als der Neger im angestrengtesten Tanze. In diesem

Falle tut auch die Sonne ein übriges; dem Knaben Moritz ist bereits

schlecht geworden; wie er behauptet, von dem Dunst der Menschenmenge.

Als wenn der Bursche nicht selbst mit duftete! Zwar habe ich ihn

noch nicht wie seinen Kollegen Kibwana vorzeiten in Lindi unter

Androhung von Peitschenhieben und Ohrfeigen in den Indischen Ozean zu

jagen brauchen, weil dieser edle Vertreter des Wassegedjustammes so

fürchterlich nach faulem Haifischfleisch roch, als wenn er selber schon

monatelang im Grabe gelegen hätte; allzuviel Recht, sich über seine

Landsleute zu mokieren, hat das Bürschchen Moritz gleichwohl kaum. Ich

bin gerade im Begriff, meine Apparate abzubauen, da endlich ändert

sich das Bild der im ewigen Gleichmaß durcheinanderwogenden schwarzen

Leiber mit einemmal erheblich. Bis dahin ist alles, auch nach unseren

Begriffen, höchst dezent vor sich gegangen, jetzt aber, was muß ich

sehen! Mit rascher Gebärde fliegen die bunten Kattune hoch, Unter- und

Oberschenkel und die ganze Gesäßpartie liegen frei; rascher schreiten

die Füße, feuriger und lebhafter tänzeln die einzelnen Partnerinnen

im Kreise umeinander. Und mich bannt, wovon ich schon lange gehört,

was mein Auge aber vordem nie erschaute. Wuchtige Ziernarben sind

es, auf Oberschenkeln, Gesäß und Rücken in den mannigfachsten

Mustern eingeritzt und durch vielfaches Nachschneiden im Stadium der

Verschorfung zu diesen dicken Wulsten herangebildet. Auch das gehört

zum Schönheitsideal hierzulande.

Ich habe das Ende des Ikomatanzes zu meinem Leidwesen nicht abwarten

können; einmal fühlten sich die Teilnehmerinnen trotz des kleinen

Silberstücks, das ich freigebig an jede von ihnen austeilen ließ, durch

die Anwesenheit eines Vertreters der weißen Rasse, die den meisten von

ihnen bis dahin nur vom Hörensagen bekannt geworden war, sichtlich

bedrückt, so daß die ungezwungene Fröhlichkeit des geschlossenen

Festsaals hier draußen durchaus nicht aufkommen wollte, sodann gebot

die Rücksicht auf Moritz, der vor Übelkeit schon ganz grau war,

schleunigste Heimkehr.

Negerleben in Ostafrika · 第 21 / 40 段