Unermüdlich, ohne Rast und Ruh folgen die Männer der einmal gefundenen

Spur; sie erklettern die Termitenhaufen, steigen auf die Bäume

und halten von Hügeln Ausschau; schließlich haben sie sich auf 40

bis 30 Meter oder noch weniger an die Herde oder den Einzelgänger

herangepirscht, eine Salve von Schüssen schleudert ganze Eisenmengen

auf das Ziel zu, das entweder im Feuer stürzt oder aber erst nach

langwieriger Verfolgung der Schweißspur im Pori verendet gefunden

wird. Einhellig drängen sich jetzt alle Jäger heran; es gilt, die

Amulette mit dem Blute des erlegten Tieres zu tränken, um sie auch für

späterhin wirksam zu machen; der glückliche Schütze aber eignet sich

das abgeschnittene Schwanzende des Tieres als heißersehnten Schmuck an.

Er wie seine Gefährten nehmen sodann je ein Stückchen von der Nase des

Tieres als Medizin, um ihren Spürsinn zu stärken und zu verfeinern;

von der Herzspitze, um sich selbst Ausdauer in der Verfolgung zu

sichern; von den Augen, um ihr Gesicht zu schärfen, und vom Gehirn, um

ihre Intelligenz zu vergrößern. Die Teile von Herz, Augen und Gehirn

werden gegessen, desgleichen ein Stückchen Fleisch vom Kugeleinschlag,

dieses, um den gleichen Erfolg für später zu verbürgen; auch von der

Leber wird etwas genossen. Ich habe nicht erfahren können, aus welchen

Beweggründen gerade dies geschieht, doch gilt dieses Organ vielerorts

als Sitz des Lebens; vielleicht liegt diese Ideenassoziation auch

hier zugrunde. Alles aber, was nach diesem merkwürdigen Jagdfrühstück

von Fleisch und Hautteilen des Tieres an den Händen der Jäger kleben

geblieben ist, muß unweigerlich an das Gewehr geschmiert werden; so

will es die Regel. Dann eilt alles davon; das Tier ist zwar erlegt,

doch ist seine Seele nicht getötet worden; es wird sich rächen wollen,

und dem muß begegnet werden. Mit vielerlei Wurzelzeug kehren die Mannen

zurück; ohne viel Zeit zu verlieren, haben sie sich mit dem Saft jener

Kräuter und Wurzeln eingerieben, und damit sind sie gegen die Rache des

besiegten Gegners gefeit.

Doch was ist eine einfache Antilopenjagd gegen den Wust von Aberglauben

und Geisterfurcht, wie er vor, während und nach einer Elefantenjagd

zutage tritt! Ich muß es meiner Feder hier versagen, die Einzelheiten

der Bereitung dieser Medizinen und Amulette zu schildern und ihre

mehr als abenteuerlichen Bestandteile aufzuzählen. Eine Elefantenjagd

zwingt nicht nur den Herrn des Hauses selbst zu einer ganz bestimmten

Lebensweise bei Tag und bei Nacht, sondern zieht auch die der Frau

schon mindestens eine Woche vorher in ihren Bann. Für gewöhnlich haßt

der Neger nichts mehr als eine Unterbrechung seiner Nachtruhe; jetzt

stehen Mann und Frau halbe Nächte lang, um den Weidmann durch richtig

wirkende Amulette für seine schwere Aufgabe würdig vorzubereiten. Teile

der menschlichen Nachgeburt, von menschlichen Gehirnen und dergleichen

spielen auch jetzt wieder eine große Rolle, aber auch menschliches

Sperma tritt nunmehr hinzu, und vor allen Dingen Rindenstücke von den

verschiedensten Bäumen, mit deren Abkochung der Jäger sich und sein

Gewehr einreibt. Ich muß darüber auf die offizielle Bearbeitung meiner

Ergebnisse verweisen, wo der Leser diese und so manche andere der

tausend Einzelheiten meiner Forschungsergebnisse nachlesen mag.

Wir können und wollen die kühnen Jäger auch nicht auf ihrem Zuge

begleiten; uns mag es genügen, zu betonen, daß, wenn alle anderen

Maßnahmen, den Elefanten zum Stehen zu bringen, versagen, ihnen ein

unfehlbares Mittel unter allen Umständen bleibt. Dieses ist zudem sehr

einfach: man nimmt Erde aus den vier Fußtapfen des verfolgten Tieres,

mischt sie mit einer bestimmten Wurzelmedizin und bindet diese Mischung

irgendwo fest, dann muß der Elefant dort stehenbleiben, mag er wollen

oder nicht.

Sie haben ihn denn auch glücklich zur Strecke gebracht, den edlen,

unter der Aasjägerei schwarzer und weißer Nimrode heute leider so

unglücklichen Dickhäuter. Wie eine Anklage gegen den gefühllosen,

profitgierigen Europäer, der es sich nicht hat versagen können, dem

ersten besten hergelaufenen schwarzen Halunken die totbringende

Erfindung des Freiburger Mönches zugängig zu machen, liegt der gefällte

Koloß da. Feig und vorsichtig, mit gezücktem Messer schleicht jetzt der

beherzteste der schwarzen Jäger heran; ein rascher, kräftiger Schnitt:

die Rüsselspitze liegt abgetrennt in den Händen des Negers; ebenso

rasch ist sie auch schon vergraben. Sie lebe noch lange, heißt es; sie

sei auch das Gefährlichste am Elefanten, und sie dürfe nicht länger

sehen, was nun geschehen wird. Was nun geschehen wird? Überflüssige

Frage. Der Neger ist ein Naturkind und ein Kind überhaupt, er springt

und tanzt also um den gefällten Riesen und verknallt unsinnige Mengen

seines teuren Pulvers in die Luft. Aber dann tritt doch gleich

wieder das ewige Furchtgefühl vor der allbelebten Natur ein, der

Reigen löst sich, die Jäger verschwinden; mit Wurzeln kehren sie aus

dem Pori zurück und reiben ihre schweißtriefenden Leiber ein. Jetzt

erst sind sie gefeit gegen die rachebrütende Seele des Elefanten, der

ja in Wirklichkeit ein mächtiger Häuptling ist, und können mit Muße

an das Herauslösen der Zähne, das Zerlegen des Tieres selbst, das

Vertilgen ungeheurer Massen frischen Fleisches und das Konservieren der

überflüssigen Fleischvorräte gehen. Das geschieht in derselben Weise,

wie man am Rovuma Fische trocknet, nämlich auf etwa einen halben Meter

hohen Rosten über dem Feuer; andere ziehen es vor, das in Streifen

geschnittene Fleisch an der Luft zu trocknen. Viel soll es nicht sein,

was in dieser Weise der Behandlung bedarf; der Neger gleicht dem

Aasgeier, er wittert sozusagen auf Meilen, wo ein Stück Fleisch die

Eintönigkeit seiner Ugalidiät einmal zu unterbrechen berufen ist, und

so sorgen schon nach unglaublich kurzer Zeit Hunderte von Kostgängern

für den raschen Abgang des schönen Bratens.

[Illustration: Fischtrocknen am Rovuma.]

[Illustration: Freske an einer Hauswand in Akundonde, zwei Europäer mit

ihrer Begleitung darstellend. Autor: ein Yaoknabe.]

Zwölftes Kapitel.

Rovuma-Idyll und Zug ins Pori.

+Newala+, Anfang September 1906.

Ich lebe seit ein paar Tagen in einer andern Welt; ich bin dem Himmel

nahe, denn ich sitze hier in einer Höhe von mehr als 700 Meter über

dem Spiegel des Indischen Ozeans und schaue aus mehr als 500 Meter

Höhe stolz auf das Graugrün der unendlichen Ebene im Westen hinab. Das

heißt, dieser wundersame Anblick über jene Ebene zu meinen Füßen, über

den Rovuma mit seinem breiten, gegenwärtig vom Wasser allerdings nur

spärlich gefüllten Bett im Südwesten, auf die Bergkette von Massassi

weit im Nordwesten, auf die zahllosen Inselberge in jeder Entfernung

im Süden, Westen und Nordwesten, dieser Blick wird mir erst, wenn ich

reuig wieder einen Kilometer westwärts von meinem jetzigen Ruhesitz

schreite, da Newala nicht am jähen Steilrande des Plateaus liegt,

sondern tausend Meter landeinwärts.

Und nun erst der klimatische Gegensatz, wenigstens gegen die Hölle

Chingulungulu und das Fegefeuer Akundonde! Frisch ist’s hier wie auf

dem Kamm des Thüringer Waldes, und eiligst haben wir Europäer nach

unseren „Wintersachen“ gegriffen. Doppelte Decken des Nachts und eine

warme Weste am Morgen und Abend genügen allein nicht; ich habe außerdem

einen würdigen Überzieher aus vergangenen Semestern aus der Lade

genommen, Nils, der Wikinger, aber wandelt in einem Überrock einher,

von dem er behauptet, er sei erst vor reichlich einem Jahrzehnt von

seinem Leibschneider in Treungen im fernen Nordland gefertigt worden;

ich hingegen lebe der Überzeugung, daß diesmal zwar der edle Vasco da

Gama unschuldig ist, daß aber einer von Nils’ wikingischen Ahnen vor

tausend Jahren schon in diesem Gewande die nordischen Meere durchfurcht

haben muß.

[Illustration: Mein Begleiter Nils Knudsen.]

Doch bitte Schritt für Schritt! Zwischen unserem Abschied von

Chingulungulu und unserem Einzug in die Boma von Newala liegen nur

elf Tage, aber wieviel, oder richtiger wievielerlei haben mir diese

anderthalb Wochen gebracht! Nie haben meine Träger vor lauter Lust und

Ausgelassenheit so getobt und gelärmt, als zu jener Frühmorgenstunde,

in der sie von der Untätigkeit bei Matola entbunden wurden. Stillsitzen

ist nichts für Wanyamwesiträger; sie wollen laufen, wollen etwas

Neues sehen; zu guter Letzt huldigen auch sie dem Grundsatz: „Andere

Städtchen andere Mädchen“. Ich habe schließlich schwere Mühe gehabt,

meine 24 rüstigen Kerle -- die Rugaruga von Lindi habe ich schon in

Massassi leichten Herzens entlassen -- über die Gefahren dieses Kapua

hinwegzubringen; sie wurden gewalttätig, vergriffen sich an Frauen und

Mädchen und gaben auch zu sonstigen Klagen Veranlassung. Zur Ablenkung

haben sie unsere Barasa mit den schönsten und längsten Tischen aus

halbierten Bambusknüppeln ausstaffieren müssen; sie haben alle paar

Tage uns beiden Weißen einen neuen Choo zu bauen gehabt, einen immer

schöner und luxuriöser als den andern -- nichts hat gefruchtet. Trotz

ihrer Last von 60, 70 Pfund sind sie wie die jungen Kälber an jenem

Morgen einhergesprungen, als wir dem Rovuma zuschritten.

Und wie freudig sind wir alle ausgeschritten! Im Handumdrehen liegt

das schattenlose Pori von Chingulungulu hinter uns; eine scharfe

Wendung des Weges aus seiner Westrichtung nach Süden, ein kurzer

steiler Abstieg; wir stehen an den Fluten des Nasomba. Fluten ist

etwas euphemistisch ausgedrückt, doch nach der wasserlosen, der

schrecklichen Zeit kommt uns auch der dünne Wasserfaden, der dieses

tiefe Tal durchzieht, wie ein schiffbarer Strom vor. Über abgeerntete,

ausgedehnte Mais- und Hirsefelder, zwischen grünenden Bohnenbeeten und

prachtvollen Tabakpflanzungen geht es vorwärts; hohe Termitenhügel

künden alle Augenblicke, wie fruchtbar hier die Erde ist; auf hohen

Pfählen angebrachte Wachthäuschen zeigen andererseits, daß Wildschwein

und Affe, von hundert anderen Schädlingen zu schweigen, auch hier

lüstern sind, der Segnungen menschlichen Fleißes teilhaftig zu werden.

Längst ist Knudsen seiner Jagdleidenschaft gefolgt; von Zeit zu Zeit

donnert eins seiner mehr oder minder ehrwürdigen Schießeisen über Hügel

und Tal dahin. Ich habe inzwischen den fast gänzlich schilfverwachsenen

Lichehesee passiert; nach der Karte muß ich demnach dicht am Rovuma

sein. Auch die Vegetation kündet größeren Wasserreichtum an; wir kommen

an Baobabs von gewaltigen Abmessungen vorüber; wir zwängen uns durch

niedere Palmendickichte, und die Kronen stolzer Fächerpalmen rauschen

zu unseren Häupten. Ich will gerade in ein neues Gebüsch eindringen, da

reißt mich die nervige Faust Hemedi Marangas, meines neuen Gefreiten,

zurück. „~Mto hapa, Bwana~,“ sagt er dabei, „hier ist der Fluß,

Herr.“ Ein Schritt noch, und ich wäre die wohl 5 bis 6 Meter hohe,

steile Uferwand hinuntergestürzt, an deren Fuß ich erst jetzt jene

breite Wasserfläche erglänzen sehe, von deren Reizen mir Nils Knudsen

hundertmal erzählt hat, ja, die selbst auf nüchternere Gemüter, wie das

Ewerbecks, ihren Eindruck nicht verfehlt haben. „Hapana“ ist in meinen

Ohren das schrecklichste Wort, ein Ausdruck, der mich allmählich nervös

macht; das sonore „Hapa“ des Gefreiten habe ich damals gesegnet.

[Illustration: Zwei Matambwemütter vom Rovuma.]

Was soll ich singen und sagen von jenen fünf oder sechs glücklichen

Tagen an den Ufern und auf den Inseln dieses durch Livingstone

geheiligten Stromes. Für den Ethnographen ist dort zurzeit wenig zu

holen. Vor 40 Jahren noch, als Livingstone stromaufwärts zog, war es

anders, da waren die Ufer des Rovuma dicht besetzt mit Ansiedelungen

der Wamatambwe; die Fluten des Stromes trugen tausend Einbäume jenes

rührigen Fischervolkes, und ein reges, fröhliches Leben herrschte

überall. Doch wie ein Reif in der Frühlingsnacht sind auch hierher

die Wangoni gekommen; von dem einst so stolzen, zahlreichen Stamm der

Wamatambwe sind heute nur noch ganz spärliche Reste übrig geblieben,

die sich regellos über die ungeheure Länge des Rovuma verteilen

oder aber in den anderen Völkerschaften der Makua, Yao und Makonde

aufgegangen sind. Der Reisende muß schon, wie ich das so gewohnt bin,

Glück haben, um ein paar Angehörige dieses verlorenen Volkes zu Gesicht

zu bekommen.

Wir haben unser erstes Lager hart am Strombett aufgeschlagen, ich,

wie immer, am weitesten gegen den Wind unmittelbar am Wasser, daneben

Knudsens Zelt; die Träger müssen weiter leewärts im Schutz einer

überhängenden Uferwand unterkriechen. Derartige Wände sind hier

allgemein; während und nach der Regenzeit schüttet der Strom, der dann

in majestätischer Breite ungeheure Wassermassen dem Ozean zuwälzt,

seine Alluvialebene immer höher auf; in der späteren Trockenzeit, wie

gerade jetzt, liegt dagegen das 1 bis 1½ Kilometer breite Bett fast

ganz trocken; wo sonst die gelben Fluten rauschen, dehnen sich jetzt

unabsehbare Sand- und Kiesbänke. Zwischen ihnen irrt der Rovuma in der

Trockenzeit unsicher hin und her, hier und da in einem geschlossenen

Bett, das etwa so breit ist wie das der Elbe bei Dresden, meist aber in

zwei, drei Arme aufgeteilt, die man bequem durchwaten kann. Doch trotz

seiner Ohnmacht hegt der Fluß Angriffsgelüste; in starker Kurve schießt

er auf die nächste Uferstelle zu; unheimlich brodeln und quirlen seine

sonst so klaren Gewässer; stolze Bäume spiegeln ihre Wipfel am stillen

Uferrand in diesem Wasser; doch wie lange noch? Dann kommt ein Tag,

wo das Fleckchen Erde, das sie so lange verziert und verschönt haben,

einem Bild der Verwüstung Platz gemacht hat: die stolzen Bäume sind

gestürzt; die Wurzelenden hoch in der Luft, tauchen sie mit ihren

Kronen tief in den Strom hinein. Der aber, ein gefräßiger Nimmersatt,

gräbt weiter und weiter.

Es ist am späten Nachmittag; in einem ziemlich großen, enggeschlossenen

Kreise stehen ein Dutzend Neger an einer flachen Stelle mitten im Bett

des Rovuma; aufmerksam, fast ängstlich spähen sie umher, den Blick

starr aufs Wasser gerichtet, als wollten sie es bis zum Boden des

Stromes durchdringen. Was ist der Männer Beginnen? Hat etwa der weiße

Herr kostbare Schätze verloren, die er durch seine Mannen suchen läßt?

Des Rätsels Lösung ist weit einfacher. Schaut in den Kreis hinein:

zwei Tropenhüte schwimmen auf dem Wasser; wenn sie sich über dessen

glänzende Fläche einmal emporheben, seht ihr zwei Blaßgesichter, den

beiden Wasungu Knudsen und Weule zugehörig, die voll Entzücken, dem

ewigen Bad in der engen Gummiwanne mit ihrem halben Eimer Wasser

enthoben zu sein, ihre schlanken Glieder in den belebenden Fluten

des Stromes kühlen. Und die schwarzen Männer? Der Rovuma steht nicht

umsonst in dem Rufe, einer der krokodilreichsten Ströme Ostafrikas zu

sein; da ist es immer gut, eine kleine Postenkette aufzustellen; zudem

ist es recht drollig, die ängstlichen Gesichter der schwarzen Helden zu

bewundern, trotzdem das Wasser auf weite Entfernung hin kaum knietief

ist.

Und es will Abend werden; ein steifer Westwind hat eingesetzt, der

das breite Bett des Stromes mit ungehinderter Heftigkeit hinauffegt;

selbst die magere Wasserader des Rovuma versucht einige kümmerliche

Wellen zu werfen. Froh des ungewohnten Anblicks schweift das Auge

flußabwärts; Totenstille ringsum, nichts von dem alten, frohen

Wamatambwe-Leben der 1860er Jahre. Doch, was ist das? Fern in der

letzten Strombiegung ein schwarzer Punkt, der rasch größer wird; unsere

Schwarzen mit ihren Luchsaugen haben das Phänomen längst erspäht und

starren wie wir beiden Europäer in gleicher Richtung. „~Mtumbwi~,

ein Einbaum“, ertönt es wie aus einem Munde, als der Punkt sich bei

einer Biegung des Fahrwassers zu einer schwarzen Linie entwickelt.

Nach einer Viertelstunde ist das Boot heran, ein Einbaum einfachster

Form, mit traurigem Inhalt: mehr tot schon als lebendig kauert in

seinem Hintergrunde ein altes Weib. Mich dauert die Ärmste; ein Wink;

ein älterer und ein jüngerer Mann springen gewandt ans Ufer. Ein paar

Fragen. „Die ist sehr krank, die Bibi,“ heißt es, „sie wird wohl noch

heute sterben.“ Ich sehe selbst, hier ist menschliche Hilfe zwecklos.

Schon stehen die beiden Männer wieder an ihrem Paddelruder; nach

zehn Minuten sieht man sie schräg oben am anderen Ufer anlegen; sie

tragen ein unförmiges Bündel über die Sandbank weg in den Busch -- ein

Menschenschicksal hat sich erfüllt.

Nils Knudsen hatte mir in seiner gewohnten Weise wieder wahre

Wunderdinge von dem Lagerplatz Naunge weiter oberhalb am Rovuma

erzählt; „da müssen wir unbedingt hin, Herr Professor,“ hatte er

wieder und wieder gesagt; „dort ist es zu schön“. So ganz unrecht

hatte Nils diesmal nicht; der Platz mit seinem wilden Felsengewirr

am und im Strom, die kleinen Katarakte zwischen den moosbewachsenen

Steinen, das dunkle Grün der dichten Ufervegetation, alles das war in

der Tat verlockend genug. Doch wie sah es dafür am Boden selbst aus!

Zertreten die Grasnarbe, die Büsche zerzaust, dazu der unverkennbare

Duft negroider Fäkalien überall. Danke, sagte ich, als ich hier, genau

auf den Spuren des schottischen Missionars, stromaufwärts zog; Safari,

vorwärts! Schon hundert oder ein paar hundert Meter vom Stromufer ab

beginnt das lichte Pori. So bin ich mit einem viertel Dutzend meiner

Askari gleichsam als linke Seitendeckung durch die Ufervegetation

selbst stromaufwärts marschiert, unter unsäglichen Anstrengungen,

aber doch froh des frischen Naturbildes, des Stromes mit seiner

ewig wechselnden Szenerie. Endlich habe ich, was ich suche: mitten

im Strombett, wohl 600 bis 700 Meter von uns ab, erhebt sich, steil

und scharf wie der Bug eines Kriegsschiffes, eine Strominsel; mit

den roten Wänden leuchtet sie weit über das Silbergrau der Sandbänke

hinweg, oben aber ist sie von einer kompakten Masse saftigen Grüns

überwuchert. Ein gellender Pfiff durch das Pori zu meiner Karawane

hinüber, ein kecker Sprung in die Tiefe, und schon wate ich im tiefen

Sande direkt auf jenes Eiland zu.

Das Idyll, das ich für einige Tage als Einsiedler auf dieser wohl 8

Meter hoch senkrecht aufsteigenden Rovuma-Insel genossen habe, wird mir

zeitlebens unvergeßlich bleiben. Nils Knudsen ewig auf der Jagd, von

der er stets mit saftigem Braten heimkehrt; unsere Leute infolgedessen

in bester Stimmung, dabei weitab unter dem Winde; unsere Zelte tief

unten in einer schmalen Sandschlucht am Fuß der Insel: ich selbst

schließlich wie in einer grünen Laube einsam oben, erreichbar nur

nach dem streng vorgeschriebenen Anruf „~Hodi Bwana~“. Nur meine

Leibdienerschaft darf mir unangemeldet bringen, was Omari, der jetzt

einige Gerichte passabel zu kochen weiß, Schönes und Gutes für seinen

der Pflege bedürftigen Herrn hergerichtet hat. Es war herrlich!

Herrlich war auch unsere letzte Station am Rovuma. Es war die

Einmündungsstelle des Bangala, jenes größten linken Nebenflusses

unseres Grenzstromes, der sich auf der Karte so stattlich ausnimmt,

der aber jetzt zur Trockenzeit gleichwohl nur ein Wadi war; man hätte

mehrere Meter tief graben müssen, um zu seinem unterirdisch fließenden

Wasser zu gelangen. Wir haben es gar nicht nötig gehabt, wir lebten

und webten dort im klaren Wasser des Rovuma selbst, vor allem meine

Leute, die ein geradezu amphibisches Leben führten. Wie rein und sauber

schritten sie einher, seitdem sie wieder die tägliche Möglichkeit des

Waschens und Badens vor sich sahen. „~Msuri we!~ bist du schön!“

sage ich im Vorbeigehen anerkennend zu Chafu koga, dem Dreckschwein;

so etwa nämlich läßt sich sein Name übersetzen. Das selbstgefällige

Schmunzeln auf dem Bronzegesicht des Edlen war allein eine Reise nach

Afrika wert!

Nur eins kann den Aufenthalt am Rovuma etwas verleiden; es ist der

furchtbare Nachtwind, der gegen Sonnenuntergang anhebt, sich dann von

Stunde zu Stunde bis fast zur Stärke eines Orkans steigert, um gegen

Mitternacht abzuflauen. Gegen ihn hilft keine Schutzwand und kein

Verkriechen hinterm Zelt; kein Windschützer rettet die Lampe vor dem

Verlöschen; unweigerlich müssen Herr und Diener um acht Uhr ins Bett.

Und dann die kitzligen Nachtbesuche. Zwar die der Elefanten mögen noch

hingehen; die Tiere sind hier sehr zahlreich, aber doch auch sehr

scheu, sie umgehen das Lager in weitem Bogen. Nicht so der Löwe; er

scheint es zu lieben, beim bleichen Mondeslicht zwischen meinen Leuten

spazieren zu gehen. Am Bangala war er die Reihe meiner schnarchenden

Leute entlang gewandelt und war schließlich, wie der Posten, der

mit fertig gemachtem Gewehr in einiger Entfernung davon gestanden

hatte, mit boshaftem Grinsen erzählte, zu Häupten meines Kochs Omari

stehengeblieben. „Soll ich ihn fressen oder nicht?“ schien der König

der Tiere bei sich zu überlegen. Lange stand er so; dann ein tiefes,

verdrießliches Knurren, als wenn er sagen wollte: „Nee, du Kerl, du

bist zu unappetitlich“, und langsam war er in den Wald getrottet.

Luisenfelde -- ich weiß nicht, nach welcher Luise du genannt worden

bist, aber ich werde deiner lange gedenken als eines Kulturgrußes

inmitten des echtesten afrikanischen Pori. Schon der Name Bergbaufeld

klingt so unternehmend und dabei doch anheimelnd. Zwar warst du mit

deinen Granaten zu einem nur kurzen Dasein verurteilt, trotzdem der

glückhafte Herr Vohsen, dein vormaliger Besitzer, den leuchtend

roten Stein stolz Kaprubin benannte. Granaten sind zu billig, sie

wachsen auch zu vielerorts. So ist nach kurzer Frist der Bedarf

gedeckt gewesen, wie es der technische Ausdruck so schön besagt; Herr

Marquardt, der konquistadorenhafte Leiter des Bergbaufeldes, zog

heim, und Nils Knudsen, der Mann für alles, saß vergessen im Busch.

Tatsächlich im Busch, denn das stolze Haus mit seinem Doppeldach --

unter dem äußeren, schweren Strohdach liegt noch ein anderes aus

Wellblech -- blieb dem Norweger fortan verschlossen; er mochte in

einem der beiden Wirtschaftsgebäude sein Unterkommen finden. Jetzt

haben wir in Erinnerung geschwelgt; wir haben auf unserm Marsch vom

Rovuma nordwärts eigens einen viertel Tag haltgemacht, um unser

sonntägiges Mittagessen unter der Veranda des Herrenhauses einzunehmen.

Ein doppeltes Memento liegt dort vor uns: mitten in dem langen, weiten

Hofraum ein großer Haufen jener Kaprubine, für die der Markt nicht mehr

aufnahmefähig war, und mit denen jetzt die Hand des jungen Negerkindes

wie mit gewöhnlichen Murmeln spielt; im Vordergrunde aber das Grab von

Marquardts einzigem Töchterlein. Dreijährig, zu den besten Hoffnungen

berechtigend, ist es mit Vater und Mutter hier in die Einöde gekommen;

nach nur stundenlanger Krankheit hat es im Sande der Rovuma-Ebene sein

frühes Grab gefunden. Wir Europäer sind nüchtern und hart und glauben

nicht an Vorbedeutungen, dem Neger war der jähe Tod der Kleinen schon

längst vor seinem Eintritt kein Geheimnis mehr.

[Illustration: Bergbaufeld Luisenfelde.]

„‚Herr, hier wird einer sterben.‘ Mit diesen Worten,“ so erzählt

Knudsen, „tritt eines Tages einer der schwarzen Arbeiter aus den

Granatgruben an mich heran. ‚Dummes Zeug‘, sage ich und jage den

Burschen weg. Am nächsten Tage kommt er wieder: ‚Herr, hier wird einer

sterben.‘ Wieder jage ich den Mann weg, aber trotzdem kommt er wieder.

Nacht für Nacht sitzt eine Eule auf Marquardts Haus und schreit. Das

geht eine Woche so fort und auch noch eine zweite; dann erkrankt

plötzlich Marquardts Töchterchen, und wenige Stunden darauf ist es tot.

Da ist der Vogel nicht wiedergekommen; sein Name aber ist Liquiqui.“

Die eine Geschichte löst andere aus; Matola hat uns beim trauten Schein

der Abendlampe so manche erzählt. Hier ein paar von ihnen.

„Zwischen hier,“ so berichtete Matola in Chingulungulu, „und dem Nyassa

liegt ein hoher Berg, Mlila mit Namen; an dem führt der Weg vorbei.

Und am Wege stehen zwei Beile und eine Schaufel; und wer es versucht,

sie wegzutragen, der bringt es nicht fertig. Lädt er sie auf seine

Schulter, so erfaßt ihn alsbald das Gefühl, sie nicht mehr zu haben; er

dreht sich um und sieht, wie Beile und Schaufel wieder auf ihren Platz

gehen. Eigentümer der Beile und der Schaufel aber ist Nakale.“

Die andere Geschichte lautet folgendermaßen: „Beim alten Wayaohäuptling

Mtarika hat man ein großes Wunder gesehen: Usanyekörner, die roten

Früchte dieser Hirseart, weinten in dem Korbe, in dem sie standen. Und

das kam so. Sie (die Leute) hatten die Usanye in der Schambe abgehackt

und in den Korb gelegt. Und beim Zusammenpressen fingen die Körner an

zu schreien und zu weinen, und sie jammerten im Korbe. Aber die Leute

wußten nicht, woher das Geschrei kam, und warfen die Usanyekörner aus

dem Korbe heraus, um in und unter dem Korbe nachzusehen. Aber sie

fanden nichts; auch hörten sie jetzt nichts. Darauf taten sie die

Körner wieder in den Korb; da ertönte das Geschrei von neuem. Und alles

Volk lief erschreckt weg und holte Leute. Auch diese sahen nach, fanden

aber auch nichts. Und alle gingen höchst erstaunt von dannen. Als sie

aber heimkamen, siehe, da tanzte der Mörser; auch die großen Mbale,

die großen Tonschalen, tanzten; und Yongōlo, der Tausendfuß, baute

sich Häuser. Am nächsten Morgen liefen sie alle zusammen, um sich

zu befragen, was das alles bedeuten solle. Und drei Tage danach starb

Mtarika. Das war die Bedeutung.“

[Illustration: Flötenkonzert der Unyago-Knaben bei der Daggara von

Akundonde.]

Negerleben in Ostafrika · 第 20 / 40 段