Das wichtigste Ereignis im Leben meiner Expedition ist die endgültige

Angliederung der Persönlichkeit Nils Knudsens an mein Unternehmen;

unter Vorbehalt der Zustimmung der Landeskundlichen Kommission habe ich

ihn am 25. August mit einem ziemlich hohen Gehalt als Reisebegleiter

in meine Dienste genommen. Ich habe dabei das Gefühl, daß damit beide

Parteien gut gefahren sind. Der Anlaß zu diesem Schritt ist einfach

genug. Wie ich bereits früher bemerkt habe, stand Knudsen als Leiter

der Handwerkerschule im Dienst der Kommune Lindi; diese hatte ihn auf

Ersuchen des kaiserlichen Bezirksamtes bis auf weiteres beurlaubt,

damit er in der Ebene westlich vom Makondeplateau eine Art Kontrolle

über die Akiden ausüben solle. Aus Gründen, die zu beurteilen ich

keine Veranlassung habe, ist der Plan, derartige weiße Kontrollbeamte

einzustellen, wieder aufgegeben worden; damit lag für die Kommune Lindi

natürlich auch keine Veranlassung mehr vor, ihren Handwerkslehrer

zu seinem Vergnügen im Lande spazieren gehen zu sehen; sie heischte

ihn also zurück. Ich muß ehrlich gestehen, daß Knudsen mir längst

unentbehrlich geworden war. Als daher vor einigen Tagen der kaiserliche

Bezirksamtmann uns auf einer seiner Rundreisen vorübergehend besuchte,

habe ich den oben vermeldeten Schritt getan und Knudsen bei mir

angestellt. Seitdem fühlt er sich anscheinend wichtiger als vorher; es

ist aber auch ein ganz ander Ding, einen deutschen Gelehrten in die

tiefsten Geheimnisse eines fremden Volkstums einzuweihen, als faule

Negerknaben in die Künste des Hobelns, Sägens, Schmiedens und Nietens.

Das zweite Hauptgeschehnis ist ein gräßliches Fieber gewesen, an

dem ich gerade in den letzten Tagen schwer darniedergelegen habe.

Auch dieser Anfall hat seine kleine Vorgeschichte. Ewerbeck reist

nie ohne einen alten Sudanesentschausch, einen Unteroffizier von

sehr schwindsüchtigem Äußern, der seine Begleitmannschaft von

Polizeisoldaten kommandiert. Dieser Tschausch figuriert in meiner

Nomenklatur der Eingeborenen längst als der „Oberhuster“. Der Name ist,

was nicht schwer zu erraten, der wundervollen Pfahldorfgeschichte in

Friedrich Theodor Vischers köstlichem Roman „Auch Einer“ entnommen, den

ich als eine Art Brevier aller Lebensweisheit verehre. Schon in allen

Lagern auf unserem gemeinsamen Marsch von Lindi bis Massassi hatte von

allen den zahlreichen Expeditionsaskari keiner so virtuos gehustet wie

dieser alte Tschausch: ganze Melodien, aber keine ansprechenden, hatte

er in seine furchtbaren Anfälle gelegt. Dieser Oberhuster erscheint

selbstverständlich auch diesmal mit seinem hohen Chef wieder auf der

Bildfläche; eine ganze Nacht lang hat er mir durch seine Künste wieder

den Schlaf geraubt; denn wenngleich er und seine Garde diesmal weiter

von unseren Zelten abliegen als sonst in der Wildnis, so überwinden

diese schrecklichen Töne doch jede Entfernung. Ich bin demgemäß denn

auch ganz Rachegefühl. Am halben Nachmittag sehe ich, wie der alte Herr

seine Leute zum Appell antreten läßt. +Die+ Pose von ihm kenne ich;

bei Tage hustet er nicht, dafür aber kratzt er sich unausgesetzt und

beharrlich an der untersten Partie seiner Rückseite. Mit einem Satz

bin ich an meinem 9 × 12-Apparat, der beschaulich an seinem Nagel an

einem der Barasapfeiler hängt. Ein Griff an den Riemen, „krach“ geht

es; ein rascher Blick nach unten, die Tasche ist leer, die Kamera liegt

im Staube. Macht nichts, denke ich, und will den Apparat montieren. Es

geht nicht; der Schlitten ist verbogen. Dem Schaden ist durch einen

energischen Druck abgeholfen. Doch nun der Momentverschluß, dieses

Schmerzenskind jedes Tropenapparates! Richtig hat auch er einen Knacks;

er schließt nicht.

[Illustration: Dorf des Wangoni-Häuptlings Makachu.]

Es gibt im Menschenleben Augenblicke, über deren Tun und Lassen man

sich später vergebens Rechenschaft abzulegen versucht. So begreife

ich auch heute noch nicht, wie mich der Verlust dieses Apparates so

fürchterlich hat aufregen können, wie es tatsächlich der Fall gewesen

ist; an den Besitz meines geradezu ideal guten 13 × 18-Apparates

muß ich in jenen Stunden gar nicht gedacht haben. Daß dies später

nicht mehr geschehen ist, kann man eher verstehen, denn noch ehe die

Sonne versank, erfreute ich mich schon einer schnell steigenden

Fieberkurve. Nach meinem bereits früher bewährten Verfahren habe

ich das Fieber durch gewaltige Mengen mit Zitronensäure versetzten

Tees zu bändigen versucht, aber vergebens. Nach einer schrecklichen

Nacht mit durchschnittlich mehr als 40° Temperatur war das Fieber am

nächsten Morgen zwar so weit herunter, daß ich mich ermannen konnte,

für den indischen Fundi in Lindi die Zeichnungen zu Einsatzrahmen in

meinen 13 × 18-Apparat anzufertigen. Bis zu diesem Augenblick hatte

ich meine photographische Ausrüstung für mustergültig gehalten, doch

an die Möglichkeit eines solchen Unglücks, wie er meinem kleinen

Apparat zugestoßen ist, und an seinen Ersatz durch einfache Holzrahmen

haben weder ich noch meine Lieferanten gedacht. Mit eiserner Energie

habe ich noch gerade jene Zeichnungen fertigstellen und durch einen

Eilboten nach Lindi absenden können, da war mein Fieber schon wieder

auf weit über 38°, und ich mußte wohl oder übel von neuem ins Bett.

Dort ist der Anfall schließlich zu Ende gegangen, wie jedes Fieber zu

Ende geht; fast möchte ich heute schon wieder rauchen, wenn wir beiden

Europäer auch nur noch das Geringste zu rauchen hätten. Doch die Lust

am Aufenthalt in Chingulungulu ist mir seitdem gründlich vergangen; nur

eine Tagereise weit von uns winkt der Rovuma mit seinen grünen Ufern,

seinem klaren, kühlen Wasser, seinen Sandbänken und Inseln. Dorthin

wollen wir in den nächsten Tagen, um für kurze Zeit Erholung zu suchen

von all dem kleinen und großen Ungemach, das uns hier in Chingulungulu

betroffen hat.

Vorher halte ich es noch für meine Pflicht, wenigstens einiges aus

meinen Forschungen und Ergebnissen hier niederzulegen.

Außer den vielen anderen Krankheiten, wie Malaria, Schwarzwasserfieber,

Schlaf- und Wurmkrankheit, Rückfallfieber, Beriberi, und wie sie

alle heißen mögen, die kleinen und großen Leiden der Menschheit in

diesen klimatisch sonst außerordentlich begünstigten Gebieten, ist in

unserer Kolonie am Indischen Ozean leider auch der Aussatz endemisch.

An der Küste des Südbezirks sucht die Kolonialregierung der weiteren

Ausdehnung des schrecklichen Leidens dadurch Herr zu werden, daß sie

die Unglücklichen, zurzeit gegen 40 an der Zahl, auf einer Insel im

Ästuar des Lukuledi unterbringt, verpflegt und durch das medizinische

Personal von Lindi behandeln läßt. Hier im Innern müssen sich die

Leprakranken einstweilen noch auf die Fürsorge ihrer Stammesgenossen

verlassen. Bei den Yao ist diese Fürsorge ein Gemisch echt menschlichen

Mitgefühls und roher Barbarei; der Kranke wird im tiefen Pori in einer

eigens für ihn erbauten Hütte untergebracht. Dorthin oder in deren

Nähe bringen ihm dann die Verwandten, Freunde und Stammesgenossen die

Nahrung, bis es zu Ende zu gehen scheint. Haben die Stammesweisen diese

Prognose gestellt, dann bringt man dem Todeskandidaten die letzte

Mahlzeit; sie ist reichlich, überreichlich, aber ihre Darreichung geht

Hand in Hand mit einer festen Verbarrikadierung der Hütte von außen;

selbst wenn der Kranke noch die Kräfte und den Willen hätte, sich

befreien zu wollen, es würde nicht gehen; rettungslos ist er nach dem

letzten Bissen und nach dem letzten Trunk dem Verhungern preisgegeben.

[Illustration: Grab des Yaohäuptlings Maluchiro in Mwiti.]

Ein ander Bild; auch das handelt von Tod und Scheiden. Wie ein

Wahrzeichen alter Negerherrlichkeit ragt der Hungurueberg mit Hatias

baum- und sagenumrauschtem Grab in die weite Ebene hinaus. Bei anderen

Sterblichen ist die Sprache ihrer Gräber nüchtern, sie selbst sind

anspruchslos. Hier im weitgedehnten Chingulungulu habe ich Gräber an

den verschiedensten Stellen des Pori gefunden, frische und alte; keines

von ihnen unterscheidet sich äußerlich von den unseren; ein runder oder

ovaler Hügel über dem Leichnam des Kindes, ein länglicher über dem des

Erwachsenen, das ist alles; von der mir mehrfach berichteten Sitte,

daß über dem Hügel eine leichte Hütte gebaut und diese mit Stoffen

verziert werde, habe ich bis jetzt nichts gesehen. Nur ein Grab in

Massassi zeigte eine solche Hütte, doch es hieß, es sei ein Arabergrab,

und die Stoffe fehlten. In Mwiti aber, wo Nakaams Vorgänger Maluchiro

begraben liegt, hat dieses Fürstengrab leider ganz den Charakter des

Altüberkommenen verloren; dort stößt der Reisende auf eine gewaltige

Hütte von ovalem Grundriß und wuchtigem, weit herniederhängendem Dach;

tritt er aber näher, neigt Haupt und Körper und betritt den in seinem

Halbdunkel unleugbar stimmungsvollen Raum unter diesem Dach, dann steht

ein barbarisch prunkvoller Kunstbau vor ihm: starke, massive, aus

Lehm gebaute Pfeiler zu Häupten und zu Füßen des Verstorbenen, etwas

niedrigere Mauern zu beiden Seiten. Solche Monumente sind der Stolz

des Eingeborenen dem durchreisenden Weißen gegenüber, doch sind sie

leider auch der Beweis, wie weit schon islamisches Wesen in die alte

Negerkultur eingedrungen ist.

Auch wir Europäer mit unserem übermächtigen Einfluß sind nicht weniger

schuld an dem Verwischen des alten Kulturbildes. Zwar so schlimm, wie

ich es bisher immer geglaubt hatte, ist es z. B. auf dem Gebiet der

Technik des Feuermachens noch nicht; ich hatte mir daheim eingebildet,

jeder schwarze Hausvater trüge seine Schachtel „Schweden“ ständig mit

sich herum, und bei jeder Hausfrau lägen die Jönköpings wie bei uns

an einer bestimmten Stelle des Herdes. Weit gefehlt, nichts davon ist

zu finden. Aber auch kein anderes Feuerzeug ist zu sehen. Also sind

die Leute feuerlos? Auch nicht; im Gegenteil, sie haben ewiges Feuer.

Das ist in der Tat die verblüffende Lösung einer Frage, die in der

Völkerkunde schon so viele Geister seit langer Zeit beschäftigt hat.

Noch vor wenigen Jahrzehnten glaubten so ernsthafte Forscher wie die

Engländer Tylor und Lubbock allen Ernstes an feuerlose Völker; selbst

unsere braunen Brüder auf den Marianen sollten zu diesen Ärmsten

gehören. Heute ist das Gegenteil einwandfrei nachgewiesen worden; man

weiß, daß alle Teile der Menschheit nicht nur Feuer zu ihrem Nutzen zu

verwerten, sondern auch auf künstlichem Wege hervorzubringen verstehen.

Das Problem hat sich daraufhin zu der anderen Fragestellung zugespitzt:

hat die Menschheit das Feuer erst benutzt und dann erst hervorzubringen

gelernt, d. h. hat sie die natürlichen Feuerquellen der Vulkane und

Laven, brennender Naphthalager, vom Blitz getroffener, trockner

Bäume, durch Eigenwärme in Brand geratener, dicht aufgeschütteter

Pflanzenmassen zum Ausgangspunkt ihrer Feuerbenutzung genommen und ist

später erst zu dessen künstlicher Herstellung fortgeschritten, oder

hat sie zuerst den göttlichen Funken durch Bohren, Reiben und Schlagen

hervorzubringen gelernt und ist sie erst daraufhin dazu übergegangen,

das freundliche Element in seinen Haushalt einzuspannen? Möglich wäre

~a priori~ beides, wenngleich natürlich der erste Entwicklungsweg

viel wahrscheinlicher ist als der andere. Heute muß man sagen, daß

er allein in Frage kommt. Diese Erkenntnis haben wir lediglich der

Völkerkunde zu verdanken.

In einer Zeit, wo jahrein jahraus Hunderte und Aberhunderte von

Forschern sich abmühen, die letzten und verlorensten der Naturvölker

der Gegenwart systematisch zu beobachten und zu studieren, wo die

bestehenden ethnographischen Museen sich unter dem Andrang neuer

Sammlungen bis zum Übermaß füllen, und wo fast alljährlich neue

derartige Museen entstehen, will es uns seltsam anmuten, zu sehen,

wie die ältere, weniger glücklich gestellte Zeit sich mit bloßen

Schreibtischtheorien begnügen mußte. Im Sturm reiben sich zwei Äste

eines Baumes aneinander; immer heftiger und immer stärker wird der

Wind, immer rascher die Gleitbewegungen beider Astflächen. Da, ein

leises Glühen; ein Fünkchen zeigt sich; rasch wird es zum Funken

und zur lodernden Flamme, die mit verzehrender Glut den ganzen Baum

ergreift. Unten am Baum hat das primitive Menschenkind gestanden und

mit erstaunter Verwunderung dem seltsamen Vorgang zugeschaut. „Ei,“

denkt es, „so also wird das gemacht!“ Und schon nimmt es ein paar

Holzscheite und macht es ebenso.

[Illustration: Feuererzeugung.]

In dieser Schilderung haben wir das Prototyp dieser alten, grauen

Theorien ohne konkrete Unterlage; es ist die des alten Sprachforschers

Kuhn, den vor einem halben Jahrhundert seine „Herabkunft des Feuers“

zum mindesten ebenso berühmt gemacht hat wie seine sprachvergleichenden

Schriften. Uns schlechten Kerlen einer pietätlosen Gegenwart dient der

alte Herr jetzt zum Gespött; aber das ist so der Welten Lauf.

Es ist immer gut, einer weitverbreiteten Kulturerrungenschaft

gegenüber, wie es die künstliche Hervorbringung des Feuers ist, an

einen mehrfachen Entwicklungsweg zu denken. Wenn wir heute sehen,

wie ein großer, ja der bei weitem größte Teil der Urmenschheit

sich des Bohrprinzips, ein kleinerer des Prinzips des Reibens,

ein dritter dessen der Säge bedient, während der Rest bereits zum

Schlagfeuerzeug, zum Hohlspiegel und zum Prinzip des pneumatischen

Feuerzeugs übergegangen ist, so ergibt sich jene Notwendigkeit von

selbst. Gleichzeitig zeigt uns diese Mannigfaltigkeit der Methoden,

daß die Feuererzeugung durchweg erst etwas Sekundäres ist, auf das die

Menschheit zufällig und bei Verfolgung ganz anderer Ziele gestoßen

ist. Dies trifft sogar für die Feuerpumpe von Südostasien zu. Diese

Feuerpumpe ist eine unten geschlossene Röhre, in die der Malaie mit

Wucht einen gut schließenden Stöpsel treibt, der in seinem unteren,

hohlen Ende eine feine Zundermasse beherbergt. Die zusammengepreßte

Luft erhitzt sich und entzündet diesen Zunder. In dem Blasrohr, das

etwa in den gleichen Gegenden verbreitet ist, haben wir den zwanglosen

Hinweis auf die Erfindung dieses Feuerzeugs; bei der Herstellung

jener Schießwaffe, dem Treiben des Loches, liegt die Beobachtung der

Lufterhitzung ganz nahe; sie absichtlich zu wiederholen, ist dann nicht

mehr schwer. Für die sämtlichen übrigen Formen des Feuerzeugs gibt

schon der Kulturbesitz der allerältesten Menschheit Hinweise; bereits

der Ururmensch hat schaben, bohren, reiben, sägen müssen, um seine

primitiven Werkzeuge, Waffen und Geräte zweckentsprechend zu gestalten.

Dabei entstand Schab-, Bohr- und Reibpulver, es entstand zugleich bei

kräftiger Betätigung eine mehr oder minder große Hitze, die unter

besonders günstigen Umständen jenes Pulver zum Glimmen bringen konnte

oder mußte.

So und nicht anders sieht die heutige Völkerkunde die Erfindung der

Feuererzeugung an. Diese Erfindung ist sicherlich vielerorts und zu

den verschiedensten Zeiten gemacht worden, stets aber doch wohl erst,

nachdem das Feuer als Naturerscheinung schon etwas Vertrautes war. Zu

dieser Forderung zwingt uns die Beobachtung, die aufmerksame Reisende

bei allen Naturvölkern gemacht haben; das Feuer ist ein Haustier,

das man hegt und pflegt, das aller Wahrscheinlichkeit nach in seiner

Empfindlichkeit gegen jeden Niederschlag sogar eine Veranlassung zur

Erfindung des Hauses gewesen ist und das man vor dem Verlöschen zu

bewahren sucht, soweit es irgend möglich ist. Auch hier in meinem

Forschungsgebiet ist nichts so rührend wie gerade diese große Fürsorge

um das „ewige“ Feuer. Hätte ich nicht die Gewohnheit, überall, wohin

ich komme, mir von Jung und Alt die Technik des Feuerbohrens vorführen

zu lassen, ich glaube, ich könnte zehn Jahre im Lande sitzen, ohne

eine Ahnung von dem Vorgang selbst zu bekommen. Selbst über weite

Entfernungen hin schleppt man das glimmende Scheit, und erst wenn

alle Stricke gerissen sind, wie wir zu sagen pflegen, d. h. wenn auch

dieses Scheit erloschen und kein anderes Feuer zu entleihen ist, dann

greift der Mann zu ein paar Stäben, um durch eine kurze, aber intensive

Bohrarbeit ein neues Feuer erstehen zu lassen.

An den krampfhaften, instinktiven Versuch, durch feines Bohrmehl das im

feuchten Urwald verlöschende Scheit zu neuem Glühen zu erwecken, knüpft

übrigens die hübsche Theorie Karl von den Steinens an. Zwei Indianer

ziehen durch den Wald; sie tragen das glimmende Scheit unter großer

Sorge mit sich, denn ein feiner Regen rieselt herab. Der Regen wird

stärker; „das Feuer geht aus!“ ruft der eine. Seines Tuns selbst kaum

bewußt, bricht der andere einen trocknen Holzstab entzwei, setzt das

Ende des einen Teils auf die Peripherie des anderen und quirlt wie toll

drauf los. Was er will, ist lediglich Pulver, feines trocknes Pulver,

von dem er weiß, wie gut es zum Wiederbeleben erlöschender Flammen ist.

Er bohrt und bohrt, immer wilder, immer schneller: schon liegt ein

ganzes Häufchen des gewünschten Materials neben der Unterlage. Doch

siehe da, ein feiner Rauchfaden steigt aus dem kleinen Kegel empor; er

wird stärker und stärker; ein helles Fünkchen blinkt aus der gelben

Masse heraus; instinktiv fängt der Wilde an, sanft zu blasen -- die

Feuererzeugung ist erfunden.

So kann und wird es wahrscheinlich im fernen Südamerika gewesen

sein, so könnte es auch alltäglich hier in Afrika vor meinen Augen

geschehen, wenn der Neger die gleiche Beobachtung nicht schon vor

Jahrzehntausenden gemacht hätte. Nicht jeder kann es; ich habe

Virtuosen vor mir gehabt, die vom Beginn des Quirlens bis zum

Emporzüngeln der hellen Flamme noch nicht einer halben Minute

benötigten; andere haben sich lange gequält und schafften es doch

nicht. Wesentlich für das Gelingen ist die Kerbe zur Seite des

Bohrloches, damit das allererste Fünkchen auf dem kürzesten Wege zum

herabrieselnden Pulverkegel gelangen kann; wesentlich ist ferner auch

ein ruhiges, gleichmäßiges Quirlen ohne Überhastung, und ein sanftes,

stetiges Blasen wie am Lötrohr. Wie oft habe ich mich in Leipzig mit

dem Feuermachen nach allen möglichen Bohrmethoden versucht, und wie

haben meine Studenten und ich uns gequält und abgerackert! Auf die drei

Punkte haben wir nicht achtgehabt, aus dem einfachen Grunde, weil wir

sie nicht kannten. Daher unsere bisherigen Mißerfolge. Aber von nun an

soll es anders werden!

Der Gegensatz zwischen Virtuosen- und Stümpertum waltet zu meinem

Erstaunen hier auch im Waffenhandwerk vor. Wie die Leute mit ihren

Vorderladern umzugehen verstehen, kann ich nicht beurteilen, da diese

Waffe jetzt brachliegt; aus Anlaß des Aufstandes ist die Pulvereinfuhr

gesperrt, der Einfachheit halber sogar auch für unsere Bundesgenossen

in jenem Kriege. Schon dieser Umstand bringt es mit sich, daß die

alten Waffen gegenwärtig mehr zum Vorschein kommen, als dies sonst

wohl der Fall sein mag; außerdem weiß alle Welt, daß der fremde Mann

aus Uleia sich für solche Dinge interessiert, was selbstverständlich

ebenfalls nicht wenig dazu beiträgt, meine nähere und weitere

Umgebung zeitweise etwas zu enteuropäisieren. Für den Hauptgebrauch

aller Waffen, für die Jagd auf Groß- und Kleinwild, hat übrigens der

Vorderlader nur geringe oder gar keine taktischen Änderungen mit sich

gebracht. Die Schwierigkeit bei der afrikanischen Jagd, an das Wild in

wirksame Schußnähe heranzukommen, besteht bei diesen vorsintflutlichen

Donnerbüchsen nach wie vor, und ihrer Überwindung gilt denn auch die

Unsumme von Vorbeugungsmaßregeln, deren sich die Jäger vor und während

der Jagd befleißigen.

Die hiesigen Jäger, unter denen in allererster Reihe Nils Knudsen

zu nennen ist, haben mir im Lauf meines einmonatigen Aufenthaltes

in Chingulungulu die längsten Geschichten über die einheimischen

Jagdmethoden mit all ihrem Drum und Dran erzählt. Wenn gar nichts

anderes mehr zog, wenn ich von der unausgesetzten Arbeit des

Photographierens, Phono- und Kinematographierens, des Zeichnens,

Ausfragens und Niederschreibens müde war, und wenn meine unglücklichen

Gewährsleute sich mit ihrem natürlichen Takt nur noch aus Rücksicht auf

ihren vornehmen weißen Gast aufrecht erhielten, dann brauchte ich nur

das Thema Jagd anzuschneiden, und sofort war alles wieder frisch; auch

ich, denn tatsächlich kann man sich kein interessanteres Bild aus der

Völkerkunde denken als gerade diese Verhältnisse.

In einer der täglichen Dauersitzungen, zu denen die Männer des Dorfes

während eines großen Teiles des Jahres eigentlich immer versammelt

sind, hat das „Plenum“ für die nächste Zeit einen großen Jagdzug

beschlossen; mit einem Eifer, der den sehnigen, aber sonst doch

ganz behäbigen Männern im allgemeinen fremd ist, eilt heute jeder

seiner Hütte zu. Aufmerksam prüft jeder Hausherr sein Gewaffen. Es

ist eine altbekannte Tatsache, daß der Neger sein Gewehr stets in

tadellosem Zustande erhält; darauf kommt es aber heute nicht an, heute

gilt es, die Beute selbst zu bannen und den Beistand der höheren

Mächte für das Unternehmen zu sichern. Dazu ist Medizin nötig, viele

und starke Medizin. Von allen irdischen Dingen die stärksten sind

Körperteile von totgeborenen Kindern: diese haben auf dieser Erde

nichts Übles tun können, ihr Schuldkonto ist demgemäß ganz unbelastet,

und jeder Teil von ihnen ist daher, nach der Denkweise des Negers,

mehr als alles andere geeignet, auf andere Geschöpfe einzuwirken.

Ähnliche Gedanken scheinen auch bei der um jeden Preis erstrebten

Benutzung des menschlichen Mutterkuchens vorzuwalten; Skeletteile von

längstgestorbenen Menschen, besonders von berühmten Jägern, hat unser

Weidmann hingegen deshalb zu erlangen versucht, weil diese Teile nach

seinem Glauben die Fähigkeiten des Verstorbenen ohne weiteres auf ihn

übertragen. Alle diese Dinge, außerdem auch Stücke von den Wurzeln ganz

bestimmter Pflanzen, werden zu Amuletten verarbeitet, mit denen der

Jäger teils sich selbst, teils sein Gewehr ziert. Erst wenn er sich für

alle Fährlichkeiten gewappnet erachtet, ist er beruhigt und kann nun

des Aufbruchs zur Jagd selbst harren.

Bei den zahlreichen Antilopenarten des Landes verläuft diese Jagd

natürlich stets harmlos und ungefährlich. Die Jagdteilnehmer haben sich

zur festgesetzten Frühstunde am bestimmten Ort versammelt; doch brechen

sie noch nicht auf, sondern zunächst erfolgt ein allgemeines Abreiben

mit Abkochungen gewisser Wurzeln. Das ist nötig, um die geschilderte,

fabelhaft starke Ausdünstung dieser Leute samt ihrem Hausgeruch durch

einen dem Wilde weniger auffälligen anderen Geruch zu übertäuben. Schon

die gewöhnlichen Antilopen wollen in dieser Hinsicht sehr vorsichtig

behandelt sein; ungleich mehr Vorsicht beansprucht die Elandantilope,

und am meisten selbstverständlich der Elefant. Erst dann beginnt die

Jagd.

Negerleben in Ostafrika · 第 19 / 40 段