schon ein neuer Jäger auf der Bildfläche erschienen. Dieser benimmt
sich noch kurioser und befremdlicher. Zunächst sieht man weiter nichts
als eine wirre, grüne Blättermasse, die sich in konvulsivischen
Zuckungen auf der Erde wälzt und krümmt. Nach einiger Zeit entpuppt
sich die Masse als ein Mann von der Art des vorigen, nur daß sein
Tanzkostüm den Mittelkörper viel ausgiebiger umhüllt als bei jenem. Er
versteht zwar auch meisterhaft zu zittern und besorgt es mit derselben
Ausdauer wie sein Vorgänger, aber seine Hauptstärke liegt doch in
seinen Beinen. O, wie schön kann er die setzen! Wie wandelt er jetzt
so stakig dahin; wie schlängelt er jetzt das eine um das andere!
Schließlich aber ist doch auch sein Spielplan erschöpft, und er macht
einem Dritten Platz.
Mit diesem kommt endlich die erwartete Pantomime. Wie zum Sprunge
geduckt, schleicht der Jäger herbei, unhörbar, jedes Geräusch
vermeidend. Geschickt benutzt er jede Deckung, um an den Elefanten,
dessen Witterungsvermögen unendlich fein ist, immer näher
heranzukommen. Schließlich ist das Ziel erreicht; rasch, aber ebenso
unhörbar, ist das Jagdobjekt in Gestalt eines zweiten Mannes auf
den Tanzplatz geschlüpft und hat sich dort lautlos niedergekauert.
Ihn umkreist jetzt der Jäger in immer enger werdenden Spiralen. Man
erwartet den tödlichen Schuß; doch der erfolgt nicht, sondern ganz
unbekümmert um den „Elefanten“ fängt nun auch der dritte Tänzer an,
genau in derselben Weise zu triumphieren wie die beiden anderen: er
übt sich in kunstvollen kurzen Schritten, wackelt mit dem Becken und
schlägt mit den Armen. „~Bassi~, Schluß“, sage ich, da schnurrt
auch gerade das letzte Ende meines dritten Films ab.
Ganz entgegengesetzt ist das Auftreten der Wayao in ihren typischen
Unyagotänzen. Sie müssen von diesen Tänzen eine ganze Auswahl
besitzen; mir haben sie hier in Chingulungulu deren einstweilen nur
zwei vorgeführt, eine Masewe, so benannt nach dem früher bereits
geschilderten Rasselsystem an den unteren Extremitäten, und eine
Luwanja. Beide Tänze sind sich im Charakter übrigens ganz gleich; bei
ihnen reicht das Urxylophon der einfachen Holzstangen nicht mehr aus,
hier tritt vielmehr eine ganze Kapelle mit Trommeln der verschiedensten
Gestalt und Größe in Tätigkeit. Es spricht immerhin für eine gewisse
musikalische Rassenbegabung des Negers, daß die Musikanten ihre
Instrumente vor dem Beginn der Ngoma erst zueinander abstimmen. Jeder
klopft horchend auf das Schlagfell seiner Trommel; hört er, daß sie mit
den anderen nicht harmoniert, so geschieht für den Neuling etwas recht
Merkwürdiges: mit langen Sätzen ist der Musiker davongeeilt; schon im
nächsten Augenblick springt er mit noch längeren Sätzen wieder heran,
in der Linken jetzt ein derbes Bündel trocknen Strohes, in der Rechten
einen Feuerbrand aus der nächsten Hütte schwingend. Schon liegt das
Stroh zu einem Haufen getürmt auf dem Boden, flammt lichterloh auf,
und schon haben auch alle Kapellenmitglieder ihre Instrumente mit dem
unteren, offenen Ende in den Bannkreis der hoch auflodernden Flamme
gebracht. Dort verbleiben die Trommeln verschieden lang, die eine nur
Sekunden, die andere große Bruchteile von Minuten. Hin und wieder wird
mittels Anschlagens geprüft, ob durch das Austrocknen des Trommelfelles
die richtige Tonhöhe erreicht worden ist. Endlich ist die richtige
Stimmung da, das Trommeln beginnt.
[Illustration: Yao im Masewekostüm.]
Im selben Augenblick rast es auch schon heran; in eine dichte
Staubwolke gehüllt, nahen sie, Männer, Jünglinge, Knaben in nicht
endenwollender Schar. Sie sind alle in derselben Weise aufgeputzt: an
Fußknöcheln und Unterschenkeln dichte Bündel von Masewerasseln, um die
Hüfte einen dichten Schurz von Fellstreifen und Baumblättern. Vor der
Musikkapelle auf dem Festplatz angelangt, ordnet sich der Haufen ganz
von selbst; im Gänsemarsch trotten sie einher, einer hinter dem andern;
die Reihe schließt sich zum Kreis. Dieser wogt hin und her, links
herum, rechts herum; es ist erstaunlich, wie gleichmäßig und exakt
die Bewegungen von jedem einzelnen, selbst von dem jüngsten Knaben
ausgeführt werden.
Negertänze scheinen nirgends am Überfluß großer Überraschungen zu
leiden; dies muß am Erdteil liegen. Dieser ist, wenige begnadete
Stellen ausgenommen, langweilig, und auch die Tänze seiner Bewohner
sind monoton. „Ganz recht,“ könnte einer dieser Neger einwenden,
„aber ist denn euere Polka und euer Walzer, ihr Weißen, vielleicht
abwechselungsreicher als unsere Ngoma? Drehen sich eure Paare nicht
etwa auch ganz gleichmäßig dahin?“ So ganz unrecht dürfte unser
schwarzer Kritiker wohl nicht haben. Während mir derartige ketzerhafte
Gedanken durch den Sinn fahren, hat sich das Bild wenigstens etwas zu
seinem Vorteil verändert: der Kreis hat sich in Gruppen aufgelöst, die
sich durch die merkwürdigsten Beinbewegungen zu übertreffen suchen;
hier sind ja alle Tänzer überhaupt Beinvirtuosen. Die eine Gruppe
schwebt auf den Zehen dahin, die andere ahmt den würdevollen Gang
irgendeines Watvogels nach; wieder eine andere wippt fröhlich zwischen
den übrigen Gruppen hindurch; eine vierte marschiert mit vollkommen
steifen Beinen dahin. Längst ist mein letzter Film zu Ende gegangen,
aber noch immer tummelt sich der Haufen in der einmal angebrochenen
Lust weiter. Schließlich geht auch diese „Nummer“ zu Ende; die Kapelle
liefert nur noch scheußliche Mißtöne; ich selbst bin vom langen Stehen
ermüdet, Knudsen klagt über die ersten Fiebersymptome; das Fest ist zu
Ende.
Die Vorführung solcher Beschneidungstänze bringt es naturgemäß mit
sich, daß mein Interesse für diese Stammesfeste immer größer und meine
Sehnsucht, sie möglichst genau sehen und studieren zu können, immer
stärker wird. Wie sollte es auch anders sein, wenn zu allen diesen
fremdartigen Vorführungen der Männer und Knaben selbst noch Faktoren
hinzutreten wie die beiden folgenden.
Wie üblich unternehme ich eines Nachmittags meinen Studienbummel
durch die nähere und weitere Umgebung von Chingulungulu. Wir haben
bereits einige ganz interessante Grabaufnahmen gemacht, das Äußere
und Innere einiger entlegener Gehöfte studiert und wollen uns nun
damit vergnügen, den Vegetationscharakter des Pori auf die Platte zu
bannen. Einer hinter dem andern kämpfen wir uns durch das hohe Gras
und das hier ausnahmsweise dichte Unterholz. Da stehe ich plötzlich
vor einer kleinen Lichtung; sie mißt vielleicht nur 15 bis 20 Meter im
Durchmesser, ist kreisrund und nur von vereinzelten Sträuchern besetzt.
Aber was ihr den Stempel des vollkommen Einzigartigen aufdrückt, das
sind zwei Kreise von Baumstümpfen, die sich konzentrisch um einen
weiteren Baumstumpf als Mittelpunkt gruppieren. Die Dinger sind nur 25
bis 30 Zentimeter hoch, oben ganz glatt horizontal abgeschnitten und
laden damit förmlich zum Sitzen ein. Einstweilen habe ich natürlich
nichts Eiligeres zu tun, als dieses seltene Objekt auf meine Platte
zu bringen, zu Hause aber müssen Matola und die übrigen „Gelehrten“
Auskunft erteilen. Diese ist kurz; die Baumstümpfe seien Stühle für die
Wari, die Knaben während der Beschneidungsperiode von einem bestimmten
Momente ab; der Mittelschemel aber sei der Sitz für den Lehrer, dem
der Unterricht der Knaben während ihres mehrmonatigen Aufenthaltes in
einer besonderen Waldhütte nach der Beschneidung übertragen ist. „Also
eine Waldschule im besten Sinne des Wortes“, denke ich; die anderen
aber setzen hinzu, die Hütte habe dicht dabei gelegen; sie bestehe
aber nicht mehr, denn das Unyago, bei dem sie den Knaben als Wohnhaus
gedient habe, habe schon vor einiger Zeit stattgefunden.
Es ist ein anderer Frühnachmittag; Knudsen und ich sitzen unter unserer
Barasa und pressen uns mit beiden Händen die Schläfen; der Kopf will
uns auseinanderplatzen. Das ist jeden Mittag so, so daß wir uns im
Grunde genommen weiter gar nichts mehr dabei denken. Es ist aber
auch in den letzten Wochen mit jedem Tage heißer geworden; unter 31°
~C~ zeigt das Thermometer an keinem Mittag; heute aber sind es
schier 34°. Da ist der fürchterliche Kopfschmerz kein Wunder. Fluchend
haben wir beide unserem gerechten Zorn auf den schwarzen Erdteil Luft
gemacht; gerade bin ich dabei, uns beiden die Beruhigungszigarre in
den Mund zu stecken, da nahen zwei schwarze Gestalten. Akundonde
ist es, der Weise unter den Yao, und sein Minister Akumapanje. An
Akundonde haben wir in unserer Not um Gewährsleute geschickt; jetzt
ist er gekommen, trotzdem es ihm schlecht geht; er hat die übliche
vernachlässigte Wunde am Bein und kann nur mühselig am Stabe humpeln.
Um so anerkennenswerter ist seine Marschleistung von über vier Stunden
und sein so opferfreudig betätigter guter Wille.
Akundonde bekommt Knudsens Liegestuhl; der andere setzt sich auf
eine Reisekiste. Viel zu lang für mich ungeduldigen Neuling ist das
Hin und Her über belanglose Nichtigkeiten; ich bringe denn auch
mit einigem Geschick und vielem Glück bald die Unterhaltung auf
volkskundliche Fragen. Wie es so geht, sind wir dabei sehr bald bei
den allerentlegensten Dingen, bei dem Verhalten der Eingeborenen bei
Mondfinsternissen, dem Niederfallen von Meteoren, auch beim Monde.
Meteore gelten den Yao als eine böse Vorbedeutung; wenn man sie
platzen hört, dann sagen die Leute: „In diesem Jahre wird entweder
ein großer Häuptling sterben, oder aber es werden sonst viele Leute
zugrunde gehen.“ Verfinstert sich aber der Mond, dann gilt ein solches
Phänomen hier, ganz in der Denkweise aller einfachen Völker, als
eine persönliche Begegnung zwischen ein paar Feinden. Des Mondes
Feind ist natürlich die Sonne; beide fassen einander grimmig an und
ringen miteinander. Da beide gleich stark sind, bleibt der Kampf
unentschieden. Dies zwingt den Menschen zum Eingreifen; eilends laufen
die Yao davon, holen Hacken und Beile herbei und schlagen damit
gegeneinander. Dabei rufen sie, zu dem Kampfplatz aufschauend:
„~Mlekắngăne, mlekắngăne, mwēsi na lyūwa, mkamulene. Mlekangane,
mlekangane sambáno.~“
Das heißt zu deutsch:
„Geht auseinander, geht auseinander, Mond und Sonne. Ihr habt einander
gefaßt. Geht auseinander, geht auseinander, jetzt gleich.“
Es ist nur logisch gedacht, wenn auch Sonnenfinsternisse als eine
derartig persönliche Begegnung zwischen Tages- und Nachtgestirn
aufgefaßt werden. Sie werden in derselben Weise behandelt.
Der Vollmond mit seinem bleichen Licht übt auf die Negerseele denselben
magischen Einfluß aus wie auf das Gemüt eines jeden andern Sterblichen,
nur daß unser schwarzer Bruder nicht nach unserer Weise gefühlvoll
schwärmt, sondern ganz im Rahmen seiner sonstigen Denkweise die
günstige Gelegenheit benutzt, seinen Medizinen und Zaubermitteln eine
erhöhte Wirkungskraft zu verschaffen. Wenn die Scheibe des Mondes ihre
vollständige Kreisform erreicht hat, wandelt der Neger, mit einer
ausreichenden Menge eines bestimmten Harzes, Ubani genannt, versehen,
an den nächsten Kreuzweg oder an eine Weggabelung. Unter vollständigem
Schweigen macht er mit Hilfe des Urfeuerzeuges der Menschheit, dem
später noch zu schildernden Bohrstab und Bohrbrett, ein frisches Feuer
an. Erst glimmt das Bohrpulver nur schwach, selbst dem scharfen Auge
des Wilden kaum bemerkbar. Vorsichtig bläst er das feine Fünkchen
weiter und weiter an. Es wird zum Funken, greift auf das Strohbündel
über und ergreift auch die Handvoll trocknen Holzes; hellauf schlägt
die Flamme. Auf sie streut er jetzt sein Pulver; die reine Flamme des
Feuers trübt sich; dichter, schwelender Rauch steigt auf. Da greift
der Mann nach seinen Zaubermitteln, den Amuletten, die er an Hals,
Armen und Leib zu tragen pflegt; er hält sie in den dichten Rauch und
spricht: „Du Mond, vor kurzem warst du noch nicht da, da war der Himmel
dunkel; jetzt aber bist du da und scheinst voll hernieder. Alle Tiere
und Pflanzen freuen sich und haben durch dich neue Kraft; so möge auch
meine Daua neue Kraft bekommen.“ Und dann betet er: „Möge die Medizin
meinen Körper schützen vor Löwen und vor Schlangen, vor Zaubermitteln
und vor allem, was mir schaden könnte. Auch neue Kraft möge ich in
meinen Leib bekommen.“ Noch einmal schwingt der Mann seine Talismane
durch den Rauch; dieser wird jetzt dünner und durchsichtiger, auch das
Feuer sinkt in sich zusammen. Unhörbar wie er gekommen, schleicht der
Mann seiner Hütte zu.
Da wir einmal bei der Zauberei angelangt sind, bleiben die drei
Volkskundigen, Knudsen und die beiden Neger, auch gleich bei diesem
Kapitel; sie sprechen vom Knotenknüpfen, und Akundonde erzählt, wie ein
Mann hierzulande, wenn er Absichten auf ein bestimmtes Mädchen hat,
einen Rindenstreifen hernimmt, ihn zu einer Knotenschleife schürzt und
zu ihr folgendermaßen spricht: „Du Baum, du heißt Sangalasi (Freude),
du sollst mir jenes Mädchen holen; zum Zeichen aber, daß dem so sein
soll, schließe ich meine Worte in dich hinein.“ Damit nimmt er die
Öffnung der Knotenschleife vor den Mund, steckt die Zunge durch sie
hindurch und zieht die Schleife zu. Die Rinde mit dem Knoten trägt er
dann als Unterarmband.
Der von Akundonde geschilderte Vorgang ist an sich einfach und harmlos,
aber er eröffnet den Ausblick auf ein ganzes, großes Kapitel der
Völkerpsychologie. Die Knüpfung eines Knotens bedeutet in der Tat in
vielen Schichten der Menschheit etwas Magisches; die bindende Kraft
des Knotens wird leicht auf bestimmte Personen übertragen, und wie der
Knoten in sich unauflöslich ist, so ist auch jene andere Person, sofern
ich den Knoten nach bestimmten Regeln und unter Befolgung bestimmter
Zeremonien geknüpft habe, unauflöslich an mich gefesselt.
So sehr mich diese Sachen interessieren und so gern ich noch mehr von
ihnen gerade aus dem Munde des Dreigestirns: Knudsen, Akundonde und
Akumapanje gehört hätte, so sehr drängt es mich doch, einstweilen mehr
von dem vielbesprochenen Unyago zu vernehmen. Ich bringe die Rede
darauf, aber die beiden Neger weichen geschickt aus. Da fange ich
einen Blick des alten, kranken Häuptlings auf, wie er suchend unseren
Arbeitsraum durchmustert. Der Mann hat Durst, denke ich halblaut, und
schon fährt mir die Erinnerung an die letzte Dedikation des schwarzen
Pastors Daudi durch den Sinn. Dieser hat uns vor einigen Tagen einen
der üblichen riesigen Töpfe mit Pombe geschickt, aber diese Pombe
ist nichts für unsere verwöhnten Zungen; sie schmeckt gar zu muffig.
„Für die beiden alten Sünder wird sie wohl noch gut genug sein“, sage
ich zu Knudsen. Den Norweger müssen wohl ähnliche Gedanken bewegt
haben, denn er faßt meine Idee sofort auf, holt aus seinem Zelt ein
gewaltiges Blechgefäß, taucht es tief in die gelbe, gärende Flüssigkeit
und kredenzt es Akundonde. Dieser nimmt den Becher, trinkt aber nicht,
sondern reicht ihn seinem Begleiter. „Ist das ein höflicher König!“
denke ich bei diesem Anblick; als ich aber im gleichen Augenblick sehen
muß, wie vorsichtig Akumapanje seine Lippen in die Pombe taucht, da
wird mir’s klar: es ist eine altüberkommene Sitte, hervorgegangen aus
dem angeborenen Mißtrauen des Negers, der zwar nicht überall Gift,
wohl aber überall Zauberei wittert und fürchtet. Jetzt soll sich der
mögliche Zauber auf das Haupt des Dieners entladen.
Akumapanje hat, nachdem er ein weniges gekostet, den Becher an
Akundonde zurückgereicht; mit einem Zuge hat dieser das umfangreiche
Gefäß geleert. Wenige Sekunden später befindet es sich bereits
wieder am Munde des „Ministers“. Ein riesenlanger Zug; auch er hat
es seinem Meister nachgetan; das Gefäß ist leer. In diesem Tempo
gehen Trunk und Gegentrunk eine Weile weiter; mit einem aus Neid und
Bewunderung gemischten Gefühl verfolgen wir beiden Europäer diese
Leistungsfähigkeit. Doch mir fällt wieder unser ethnologisches Endziel
ein; und siehe da, was vorher unmöglich schien, jetzt geht es spielend.
Mit geläufiger Zunge berichten die beiden, einander gegenseitig
ergänzend, über die allgemeinen Züge des Knaben-Unyago, über die
Einrichtung, daß das Fest wechsele, was mir durchaus nichts Neues mehr
ist; sodann über das Einleitungsfest, bei dem für die zu beschneidenden
Knaben eigens Hütten um den Festplatz herum errichtet werden, und wie
die Knaben nach diesen Vorbereitungen schließlich in eine im tiefen
Walde gelegene besondere Hütte geführt werden, um dort der Operation
unterzogen zu werden. Über dies alles bin ich schon durch Knudsen
einigermaßen unterrichtet, der sich im Laufe seines vieljährigen
Aufenthaltes unter den Wayao eine bewunderungswerte Kenntnis ihres
Volkstums angeeignet hat und den ich in jeder freien Minute mit
einer Beharrlichkeit auspresse, daß der gute Nils schon oftmals mich
oder sich ganz wo anders hingewünscht hat, als wo wir beide uns
augenblicklich befinden.
Jetzt endlich kommen die beiden immer redseliger gewordenen Männer,
die bei ihrem Eilzugtempo des Ganzentrinkens schon tief in das
Pombefaß hinuntertauchen müssen, auf ein Gebiet, über das Knudsen
sehr wenig unterrichtet ist, das aber mich am allermeisten fesselt.
Es ist der mehrmonatige Unterricht der Knaben in jener Waldhütte
durch ihre Anamungwi, die Mentoren, von denen jeder Knabe des Landes
von seiner Mannbarkeitsperiode an einen besitzt. Diese Mentoren
sind unstreitig eine der sympathischsten Einrichtungen des ganzen
hiesigen Volkstums; sie halten ihre Hand über ihren Schützling in
jeder Lebenslage, geleiten ihn durch die Schmerzenswochen des Unyago
hindurch, unterrichten ihn dort über Schickliches und Unschickliches,
und sie bleiben für das Wohlverhalten ihres jungen Freundes auch weit
über dessen Jugendstadium hinaus verantwortlich. Mir kam es an jenem
denkwürdigen Nachmittage vor allem darauf an, den wesentlichen Inhalt
des Moralunterrichts in jenem Waldhause zu erfahren. Ganz ist das große
Werk nicht gelungen; doch daß ich wenigstens das Fragment aus der Rede
eines solchen Mentors wortgetreu habe niederlegen können, erfüllt mich
schon mit großer Freude und Genugtuung.
Einige besonders wohlgefüllte Becher haben die letzten Bedenken der
beiden trinkfreudigen Gewährsmänner behoben; ein letztes Anspornen
durch Nils Knudsen, dann hebt Akundonde mit lehrhaftem Tone an:
„~Mwe mari, sambano mumbēle. Atati na achikuluwēno mnyōgopĕ. Nyumba
kasamyinyira tinyisimana chimtumbánăgá. Wakoongwe mkasa yogopa;
mkagononau, mesi akayasináu. Imālagắ akamtī́kĭté; imālagắ akamila
muchisiĕ́: masakam. Munyitikisie: marhaba. Mkuona mwesi sumyṓgopé,
ngakawa kuulala. Kusimana timchiŭá. Miasi jere kogoya. Jerueli
winyi.~“
In deutscher Übersetzung:
„Du, mein Lehrling (Schüler), jetzt bist du beschnitten. Deinen Vater
und deine Mutter, ehre sie. Ins Haus gehe nicht unangemeldet; du
möchtest sie sonst treffen in zärtlicher Umarmung. Vor Mädchen mußt du
keine Angst haben; schlaft zusammen; badet zusammen. Wenn du fertig
bist, soll sie dich kneten; wenn du fertig bist, soll sie dich grüßen:
~masakam~. Dann antwortest du: ~marhaba~. Bei Neumond nimm
dich in acht; dann würdest du leicht krank werden. Vor Kohabitation
während der Regel hüte dich (du würdest sonst sterben); die Regel ist
gefährlich; (sie bringt) Krankheiten viele.“
So schön und vollständig wie hier auf dem Papier sah nun meine
Niederschrift im ersten Augenblick keineswegs aus; dem Neger ist es
schon in nüchternem Zustande nicht gegeben, seine Sätze sozusagen
auseinander zu pflücken und stückweise zu diktieren, hier bei den
fidelen beiden alten Sündern aber war es ein Problem. Dennoch haben wir
es gelöst bis zur unabwendbaren Katastrophe.
Zwischen je zwei Sätzen haben die beiden sich unentwegt gestärkt; sie
sind dabei gerade bis zu den Wirkungen der weiblichen Menses auf das
andere Geschlecht gekommen. Etwas unsicher taucht Akumapanje den Becher
der Lust wieder tief in den Bauch des Riesentopfes hinunter. Was muß er
hören? Ein kratzendes Geräusch. Seine Hand fährt in anderer Richtung
durch den Raum des Fasses dahin; dieselbe Wirkung. Mit unsäglich dummem
Gesicht hebt Seine Exzellenz den Becher zum Licht; er ist fast leer; er
kann auch nicht mehr gefüllt sein, denn die beiden Jubelgreise haben in
ihrer Begeisterung das ganze riesige Quantum von wohl über 20 Liter auf
einen Sitz ausgetrunken. Mit der wunderbaren Logik des Bezechten halten
sie sich aber zu weiteren Ansprüchen berechtigt; sie sind daher über
den Mangel weiteren Stoffes sehr entrüstet. Unter keinen Umständen sind
sie zur Fortsetzung ihres Unyagokollegs zu bewegen, sondern ziehen
beleidigt ab. Das hat man also von seiner übergroßen Gastfreundschaft.
Die hier wiedergegebene Ansprache, die ich unter Mithilfe von Knudsen,
Daudi, Matola und einigen anderen Intelligenzen ins Deutsche übertragen
habe, soll für alle Unyagofeierlichkeiten nach Inhalt und Form
feststehen. Dies wird schon richtig sein, denn ich wüßte nicht, was
mehr aus dem Herzen des Negers herausgesprochen sein könnte als gerade
diese Vorschriften. Sie sind eine seltsame Mischung von hygienischen
Regeln und moralischen Unterweisungen; zugleich steckt in ihnen ein
gut Stück uralten, aber noch immer geübten Volkstums. Damit meine
ich das Verbot für den Jüngling, nach der Aufnahme in die Schar der
Erwachsenen noch das mütterliche Haus unangemeldet zu betreten. Wir
leben hier in Ostafrika ganz im Gebiet des Mutterrechts; da gilt der
Vater nichts; er ist sozusagen nur angeheiratet. Er ist zwar der Vater
seiner Kinder, doch kaum ihr Verwandter; er gehört eben einer anderen
Sippe an. Diese Sippe ist, wie dies innerhalb der Welt der Naturvölker
so außerordentlich oft wiederkehrt, exogamisch, d. h. ein Jüngling
kann ohne weitere Schwierigkeiten ein Mädchen aus jeder andern Sippe
seines Stammes heiraten, nur nicht aus seiner eigenen. Dieses Eheverbot
geht sogar so weit, daß der junge Yao die Nähe seiner nächsten
Sippengenossinnen möglichst zu meiden hat; es sind dies eben seine
nächsten Verwandten in Gestalt seiner Mutter und seiner Schwestern.
Daher die Vorschrift, sich bei der Annäherung an das mütterliche Haus
zum mindesten erst zu melden.
Außerordentlich sympathisch muß uns wohlerzogene Europäer die auch hier
wiederkehrende Betonung des Respekts vor Vater und Mutter berühren.
Diese Achtung vor den Eltern und vor allen Erwachsenen überhaupt ist,
wie man mir immer wieder erzählt hat, der Haupt- und eigentliche
Grundzug der hiesigen Volkspädagogik; ihre allgemeine Durchführung
seitens der Jugend soll nach Knudsen auch der hervorstechendste Zug im
Verkehr der Jungen mit den Alten sein. Wir Europäer könnten in dieser
Beziehung sehr wohl von den Negern lernen, meint Nils, der zu einem
Urteil zweifellos berechtigt ist.
Aber um meine Unyagorede bin ich trotz aller guten Eindrücke von den
Erziehungsmaximen der Neger nun doch gekommen, und daran ist der allzu
große Pombetopf des guten Daudi schuld. Es wird schon nicht anders
gehen: wenn der Berg nicht zu Mohammed kommt, muß Mohammed zum Berge
gehen. Akundonde hat erklärt, er müsse heim, um neue Daua auf seinen
Fuß zu legen, er könne unmöglich wiederkommen; so werden wir wohl oder
übel den alten Herrn in seiner eigenen Residenz aufsuchen müssen.
[Illustration: Yao-Masewe in Mtua.]
[Illustration: Elefantenherde nach Zeichnung von Barnabas, einem
gebildeten Muera in Lindi (s. S. 448).]
Elftes Kapitel.
Weitere Ergebnisse.
+Chingulungulu+, Ende August 1906.
Noch immer sitze ich in Chingulungulu; ich fluche mehr denn je auf
diesen Sammelpunkt infernalischer Hitze, gräßlichen Staubes und
schmutziger Eingeborener, aber ich komme nicht weg! Ursache: die
anfängliche Unfruchtbarkeit meines Aufenthalts in wissenschaftlicher
Beziehung ist allmählich in das gerade Gegenteil umgeschlagen, so daß
ich Mühe habe, unter der Wucht der vielen neuen Eindrücke den Kopf oben
zu behalten. Ich kann unmöglich alle diese Beobachtungen und Studien
mit dem persönlichen Einschlag wiedergeben, den sie im Interesse der
Sache verdienten, d. h. ich kann nicht breit und ausführlich erzählen,
wie und in welcher Weise ich meine Einblicke in die Kultur und die
Denkweise der hiesigen Eingeborenen gewonnen habe; es würde dies
ganze Bände füllen, und zu solchen habe ich jetzt keine Zeit. Daher
nur einiges wenige Persönliche und eine kleine Blütenlese aus den
verschiedensten Gebieten der materiellen und der geistigen Kultur der
Völker dieser weiten Ebene.